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  • Wie Kameras für die Jagd mit KI denken lernen: „Rotwild-ID“

    Ein Projekt aus Schleswig-Holstein zeigt, wie Innovation aus dem ländlichen Raum kommen kann. Mit Gesichtserkennung für Rothirsche entsteht eine neue Form der Wildtierforschung, die ohne Markierungen und Besenderung auskommt Foto: Uwe Kunze / pixelio.de Markierungen am Ohr, Halsbänder mit GPS-Sendern, eingefangene Tiere für die Forschung: Das ist seit Jahrzehnten Standard in der Wildtierforschung. Doch diese Methoden haben einen Preis. Sie sind invasiv, stressig für die Tiere und teuer. Eine ganz andere Frage stellt sich nun: Was, wenn moderne Technik diesen Aufwand überflüssig macht? Der Landesjagdverband Schleswig-Holstein hat diese Frage für die Praxis in den Revieren aufgegriffen und ist damit in unbekanntes Terrain vorgestoßen. Das Projekt „Rotwild-ID“ kombiniert etwas, das lange Zeit getrennt schien: künstliche Intelligenz und klassische Jagdwirtschaft. Das Ergebnis ist bahnbrechend, aber auch symptomatisch für ein Problem, das bisher zu wenig Aufmerksamkeit bekommen hat: Wildtierforschung findet oft im Dunkeln statt. Nicht aus mangelndem Interesse, sondern aus Ressourcenmangel. Ein Problem, das größer ist als Rotwild Wer weiß, wie viele Rothirsche wirklich in Schleswig-Holstein unterwegs sind? Welche Wanderwege nehmen sie? Wie oft kehren einzelne Tiere an dieselben Orte zurück? Diese Fragen sind nicht akademisch. Sie sind praktisch relevant für Jagdmanagement, Waldschutz und Landwirtschaft. Aber die klassische Forschungsmethode ist aufwendig, teuer und mit ethischen Fragen belastet. Deshalb ist das Projekt bemerkenswert: Es löst nicht nur ein technisches Problem, sondern auch ein praktisches. Wenn einzelne Tiere sich ohne menschliche Eingriffe verlässlich erkennen lassen, verändern sich die Möglichkeiten für Forschung und Hege fundamental. Was die Zahlen über die Machbarkeit aussagen Das Projekt basierte auf einem gigantischen Datensammlungsaufwand: 12.700 Fotos von Wildkameras, von denen 1.000 für die KI-Analyse aufbereitet wurden. Die Quote von 77 Prozent Erkennungssicherheit bei bekannten Tieren mag auf den ersten Blick nicht überwältigend wirken. Aber der zweite Wert ist entscheidend: Bei Bildpaaren (zwei Fotos nebeneinander) erreicht die Software eine Genauigkeit von 98,4 Prozent. Das ist praktisch brauchbar. Die Technologie funktioniert. Sie ist nicht Zukunftsmusik, sondern Gegenwart. Der nächste Schritt ist logisch: Verbesserung durch Datenmengen. Je mehr qualitätsgesicherte Bilder die KI lernen kann, desto besser wird sie. Warum das für die Jagdwirtschaft wichtig ist Das Interessante ist die Rückwärtslogik: Während andere Umweltverbände häufig Technologie kritisieren, löst hier gerade digitale Innovation ein Problem, das klassische Naturschutzarbeit hätte lösen sollen. Die Jagdwirtschaft zeigt sich hier pragmatisch und progressiv zugleich. Sie nutzt das, was funktioniert. Das hat auch ökonomische Perspektiven. Wildtiermanagement kostet Geld. Wenn modernes Monitoring ohne Besenderung funktioniert, sinken die Kosten. Das ist für Behörden finanziell relevant, aber auch für Jagdverbände. Offene Fragen und nächste Schritte Offen bleibt, wie schnell die Technologie skalierbar ist. Derzeit funktioniert sie in geschlossenen Populationen gut (wie im Wildpark). Offene Populationen sind schwieriger, weil ständig unbekannte Individuen auftauchen. Mehrere Hochschulen arbeiten bereits daran, die Modelle weiterzuentwickeln. Auch die Open-Source-Veröffentlichung von Code und Daten ist bedeutsam. Das ist nicht Standard in der Forschung und zeigt, dass der LJV die Idee breiter verankern möchte und nicht nur selbst profitieren. Was bleibt, ist die grundsätzliche Frage: Kann die Jagdwirtschaft zum Vorreiter für innovative Wildtierforschung werden? Das Projekt deutet darauf hin, dass es möglich ist. Und dass Innovation nicht aus den Großstädten kommen muss, sondern aus der Jagdpraxis selbst entstehen kann.

  • Cottbus macht es vor

    Cottbus, Neumünster, Tirschenreuth – nicht die großen Player wie Köln, München oder Hamburg, sondern zwei kreisfreie Städte und ein Landkreis punkten in Deutschland bei Wirtschaftsstruktur, Arbeitsmarkt und Lebensqualität Luftaufnahme von Cottbus (Foto: A.Savin, Wikipedia) Das knapp 100.000 Einwohner große brandenburgische Oberzentrum Cottbus mausert sich immer mehr zu einem modern aufgestellten Dienstleistungs-, Wissenschafts- und Verwaltungszentrum. Die Stadt führt in puncto Dynamik das Regionalranking 2026 des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) an. Von Staat und Politik unterstützt, hat sich die frühere Braunkohlestadt laut IW-Auswertung in den vergangenen Jahren so stark wie keine andere deutsche Region entwickelt. Als Treiber des Aufschwungs nach einem tiefgreifenden Strukturwandel gelten unter anderem der Campus Cottbus der Brandenburgischen Technischen Universität und das ICE-Instandsetzungswerk der Deutschen Bahn. Letzteres ist ein Gigant: In die 450 Meter lange Werkshalle können die 374 Meter langen ICE der neuesten Generation komplett einfahren. Rund 1200 Arbeitsplätze entstehen dort. Der Slogan „Die Kohle geht – die Bahn kommt“ hat in Cottbus seine Berechtigung. Und dort, wo zuletzt der Tagebau stattfand, entsteht der 19 Quadratkilometer große Cottbuser Ostsee mit einer 26 Kilometer langen Uferlinie. Schon bald ein touristischer Anziehungspunkt. Regionen besinnen sich auf ihre vorhandenen Stärken Ein Patentrezept oder einen Masterplan für die Verbesserung der wirtschaftlichen Dynamik gibt es weiterhin nicht. Auch bei diesem neuesten Ranking zeigt sich, dass sich Regionen bei Veränderungen auf ihre vorhandenen Stärken besinnen sollten. „Keine erfolgreiche Region hat auf einen kompletten Strukturbruch gesetzt – sie alle knüpfen an vorhandene Stärken an und entwickeln sie gezielt weiter“, sagt IW-Regionalexperte Hannon Kempermann. Auf Rang zwei im Dynamikranking liegt Neumünster. Zwar zählt die Stadt in der Mitte Schleswig-Holsteins nicht zu den wirtschaftsstärksten Regionen Deutschlands und gilt wegen der schwierigen kommunalen Haushaltslage als „Sorgenkind“. Aber sie punktet mit Unternehmensgründungen, einem Bevölkerungszuwachs und einer gestiegenen Lebensqualität. Das beschert ihr einen Platz auf dem Podium. Klarer ist die Angelegenheit im Landkreis Tirschenreuth in der Oberpfalz. Dem Kreis an der bayerisch-tschechischen Grenze bescheinigen die Studienautoren die drittgrößte Dynamik in den vergangenen zehn Jahren. Der Kreis weist trotz günstiger Hebesätze bei der Gewerbesteuer das bundesweit höchste gemeindliche Steueraufkommen pro Kopf auf. Starke Einzelunternehmen wie das Medizintechnikunternehmen Siemens Healthineers und eine breite Branchenvielfalt begünstigen die Entwicklung. Schaut man im IW-Ranking auf die Liste der wirtschaftlich erfolgreichsten Regionen überhaupt, liegt Tirschenreuth hinter dem Landkreis München und der Stadt München bundesweit ebenfalls auf Platz 3. Schlusslichter: Suhl, Duisburg und Gelsenkirchen In ihrem Regionalranking 2026 analysieren die Forscher die wirtschaftliche Entwicklung der 400 Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland, berücksichtigen dabei aber auch zu einem gewissen Grad weiche Faktoren wie zum Beispiel Ärztedichte, Wanderungsbewegungen oder Straftaten. Insgesamt schneiden die bayerischen Regionen weiterhin am stärksten ab. Der Landkreis München verteidigt seit 2016 ununterbrochen Platz eins. Elf der 20 stärksten Regionen liegen laut IW in Bayern – „dank hoher Steuerkraft, niedriger Arbeitslosigkeit und vieler hochqualifizierter Fachkräfte“. Am unteren Ende der Rangliste finden sich vor allem kreisfreie Städte: Schlusslicht ist das thüringische Suhl, knapp davor liegen die Ruhrgebietsstädte Duisburg und Gelsenkirchen. Erstmals ist ein Zehnjahresvergleich möglich. Das Ergebnis hat auch die Forscher überrascht: Baden-Württemberg hat unter allen Bundesländern den höchsten Anteil an „Verlierer-Regionen“. Mehr als jeder zweite Kreis verlor seit 2016 mindestens 25 Ränge. „Das spiegelt den Transformationsdruck in der Industrie wider, die in Baden-Württemberg traditionell zu den zentralen Stärken zählte“, heißt es in der Bilanz. „Energiekrise, Stagnation und geopolitische Verwerfungen treffen den industriellen Kern Deutschlands besonders.“ Am besten hat sich Brandenburg entwickelt: 80 Prozent der Kreise zählen laut IW-Studie dort zu den Gewinnern. Insgesamt liegen 47 der 62 erfolgreichsten Regionen Deutschlands in Bayern oder Baden-Württemberg. Frankfurt am Main, der Main-Taunus-Kreis und der Hochtaunuskreis sind als südhessische Vertreter Teil der stärksten Regionen. Düsseldorf ist die stärkste Region aus NRW. Köln kann erstmals in die Top 60 vorstoßen. Besonders das südliche Umland Berlins etabliert sich im vorderen Umfeld. Aber auch die Bundeshauptstadt klettert langsam. In Sachsen-Anhalt und im Saarland schneiden viele Regionen erneut schwach ab. Fast die Hälfte der schwächsten Regionen liegt in Nordrhein-Westfalen oder Thüringen.

  • Lange Zeit des Streites um die EU-Entwaldungsverordnung

    Die Umsetzung eines geplanten EU-Gesetzes für entwaldungsfreie Lieferketten wird zum zweiten Mal verschoben. Bedenken der Forstwirtschaft gegen die Verschärfung der Entwaldungsverordnung wurden dabei auch inhaltlich berücksichtigt Foto: Alan_Frijns Über die Entwaldungsverordnung hatte es seit Jahrzehnten Streit gegeben. Während Umweltschützer und grün-linke Politiker auf den Schutz der Wälder nach ihren Programmen pochten, wiesen die Branche und die EVP-Fraktion im EU-Parlament vor allem auf zusätzliche Bürokratie und neue Belastungen für die heimische Wirtschaft hin. Wie das Parlament in Straßburg mitteilte, stimmten bei der Abstimmung 402 Abgeordnete dafür, dass alle Unternehmen ein zusätzliches Jahr Zeit haben, um die neuen Vorschriften zu erfüllen. 250 waren dagegen. Über das Thema haben wir in unserem Blog schon mehrfach berichtet. Zum Hintergrund: Ursprünglich sollten die wichtigsten Bestimmungen aus der „EU Deforestation Regulation“ (EUDR) schon ab dem 30. Dezember 2024 gelten. Aufgrund massiver Bedenken seitens der Mitgliedstaaten, von Drittländern und Unternehmen wurde Ende 2024 eine erste einjährige Verschiebung beschlossen. Die Herausforderungen bei der Umsetzung – insbesondere mit Blick auf das erforderliche EU-Informationssystem, die Bereitstellung von Geodaten und die Pflichten in der nachgelagerten Lieferkette – blieben jedoch so groß, dass die EU-Kommission selbst bereits im Oktober 2025 eine weitere Verschiebung und Vereinfachungen vorschlug. Am 4. Dezember 2025 verständigten sich Europäische Kommission, der Rat und das Europäische Parlament endgültig auf eine Verschiebung und auf Anpassungen; am 16. Dezember wurde diese Trilogeinigung formal vom Plenum des Europaparlaments angenommen. Atempause für die Wirtschaft Nach dieser Verordnung soll die Anwendung der EUDR um weitere zwölf Monate verschoben werden – für große und mittlere Unternehmen damit auf den 30. Dezember 2026, für kleine und Kleinstunternehmen auf den 30. Juni 2027. Darüber hinaus wird ein Once-only-Ansatz in der Lieferkette gelten. Das bedeutet, dass ausschließlich der Erstinverkehrbringer eine Sorgfaltserklärung erstellen und nur der erste Marktakteur in der nachgelagerten Lieferkette die EUDR-Referenznummer speichern muss. Ursprünglich war vorgesehen, dass zumindest die größeren Akteure zwingend ein Sorgfaltspflichtensystem hätten etablieren – und damit stets erneut Informationen, Unterlagen und Daten über die Herkunft ihrer Produkte sammeln – müssen. Für kleinste und kleine Primärerzeuger aus Ländern mit niedrigem Risiko reicht eine einmalige Registrierung im EU-System und eine vereinfachte Sorgfaltserklärung. Viele Unternehmen werden von der Entwaldungsverordnung direkt betroffen sein, da sie als Marktteilnehmer oder Händler relevanter Rohstoffe oder Erzeugnisse Sorgfaltspflichten erfüllen müssen. Der Kreis der mittelbar betroffenen Unternehmen ist noch viel größer: Zum einen fallen darunter Zulieferer außerhalb der EU, die an der Aufklärung und Übermittlung relevanter Informationen und Daten sowie Nachweise mitwirken müssen, wenn sie ihre Ware weiterhin in die EU verkaufen möchten. Entwaldung trägt zur Klimakrise bei Die Verordnung soll verhindern, dass für Produkte wie Kaffee, Kakao und Soja ungebremst Wälder abgeholzt werden. Entwaldung trägt erheblich zur globalen Klimakrise, zum Verlust der biologischen Vielfalt und zu Gefährdungen der Lebensräume indigener Gemeinschaften bei. Die umfangreichsten Entwaldungsprozesse erfolgen in Südamerika, Zentralafrika und Südostasien, während die Waldflächen in der EU laut Eurostat zwischen 1990 und 2020 um zehn Prozent zugenommen haben. Nach Angaben der EU-Kommission sind EU-Rohstoffimporte für rund zehn Prozent der weltweiten Entwaldung verantwortlich. Vor Inkrafttreten der Verordnung am Jahresende müssen EU-Parlament, Mitgliedstaaten und Kommission eine endgültige Einigung erzielen.

  • Vom Reformstau zur Reaktivierung

    Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd Liebe Leserin, lieber Leser! Auch in dieser Woche war die Politik erst einmal international beschäftigt und dann mit sich selbst. Obwohl: Eigentlich will die Koalition weniger streiten und mehr machen. Die Wirkung von Dissonanzen im Kabinett hat erneut der ARD-Deutschland-Trend belegt. Danach verfestigt sich die Unzufriedenheit der Wähler. Der Kanzler bleibt dennoch zuversichtlich. So hat er es gerade beim Ostdeutschen Wirtschaftsforum bekräftigt, wo vor den nächsten Wahlen gezittert wird. Ob es dann im September in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern um die jeweils besten landespolitischen Konzepte oder Ideen geht, kann bezweifelt werden. Der Genosse Trend überlagert jedenfalls die regionalen Probleme – ob im Hinterland der Ostsee oder südöstlich des Harzes. Der regionale Strukturwandel hat für die Menschen dort einen ebenso hohen Stellenwert wie der Druck auf die Berliner Reformpolitik. So blicken wir in dieser Wochenkolumne darauf und auf Bemerkenswertes, was sich sonst noch im Lande im Kleinen tut. Da überrascht es, dass Flächenkreise strukturpolitisch und in ihrer wirtschaftlichen Dynamik Großstädte abhängen. Bahnstrecken werden nicht mehr stillgelegt, sondern in kleinen Schritten wieder reaktiviert. Und im Umgang mit der Natur tut sich mehr als das, was das größte Boulevardblatt weiter an Details über die Obduktion des elendig in der Ostsee verendeten Wals im Minuten-Takt zu melden hat. Aus Schleswig-Holstein hören wir vom Projekt „Rotwild ID“. Und NRW soll nach dem Harz ein weiteres Ansiedlungsprojekt für den Luchs starten. Nicht jeden freut das… Besonders geärgert hat sich bis Anfang der Woche der Bundeskanzler über etwas, an dem er nicht beteiligt war – allenfalls indirekt. Das war die Debatte über den NRW-Ministerpräsidenten als Tauschkanzler. Praktisch betrachtet kann das alles keinen Realitätsbezug gehabt haben. Die Probleme, die Friedrich Merz hat, könnten auch bei gleicher Koalition, also ohne Neuwahlen, von Hendrik Wüst wohl nicht gelöst werden. Das Problem des Reformstaus liegt im mangelnden Rückhalt innerhalb der Regierungsfraktionen. Das wird ständig genährt, wenn sich z. B. Wirtschafts- und Arbeitsministerinnen gegenseitig attackieren. Während die Union auf marktwirtschaftliche Anreize und Entlastungen setzt, fordert die SPD stärkere staatliche Eingriffe und steuerliche Abschöpfung von oben. Da zählen weniger Fakten oder Zahlen als stichhaltige mathematische Argumente. Friedrich Merz hat das bei seinem Auftritt vor dem DGB-Bundeskongress direkt erlebt. Signale des Kanzlers trotz aller Skepsis: „Wir kriegen das hin“ Auch aus der Wirtschaft kommen weiter kritische Reaktionen, wenn der Kanzler, wie etwa in dieser Woche auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum, dazu auffordert, bei den Reformvorhaben „konstruktiv mitzuarbeiten“. Das Echo: zurückhaltender Beifall, aber unverändert auch Kritik aus der Wirtschaft. Der Präsident des Handwerks, Dittrich, mahnt weiter ein schlüssiges Konzept an. Insgesamt aber hinkt Ostdeutschland wirtschaftlich hinterher, weil die Region historisch schon durch die DDR-Planwirtschaft und den Zusammenbruch der ostdeutschen Industrie nach der Wiedervereinigung strukturell benachteiligt wurde. Das wirkt auf die Stimmung. Dagegen betont Merz in diesem Kreis die Innovationskraft gerade junger ostdeutscher Unternehmen und der Universitäten. Seine Mission: Signale des Aufbruchs und „Wir kriegen das hin“. Für den CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann müsse die Bundesregierung nun zu Ergebnissen kommen und den Menschen klarmachen, dass sie handele. So einfach ist das aber nicht, wie Gesundheitsministerin Warken gerade am Donnerstag nach Vorlage ihres Entwurfs zur Pflegereform feststellen musste. Das harsche Echo kam postwendend nicht nur aus den Verbänden, sondern sofort auch aus den eigenen Reihen. SPD und CSU sehen erst einmal noch „erheblichen Beratungsbedarf“ in der Koalition. Es bleibt also schwer, das ersehnte große Reformpaket für Rente, Gesundheit, Pflege und Steuern zu schnüren, weil der Teufel überall im Detail liegt. Trendumkehr mit Reaktivierung statt Stilllegung entlegener Bahnstrecken Versäumnisse und Fehler in der Strukturpolitik sind oft Ausgangspunkt für Abwärtsspiralen der Wirtschaft, über die wir gerade reden. Die gelegentliche Fahrt durch ländliche Regionen offenbart da und dort sichtbare Zeugnisse vergangener politischer Sünden in der Verkehrsinfrastruktur. Selbst größere Straßen kreuzen überraschend mit einem immer noch ordentlich ausgeschilderten Übergang alte Bahnstrecken. Rostige Gleise sind dann das Zeugnis, dass hier nichts mehr rollt. Auch dort stehen noch zuweilen Andreaskreuze. Durch einen Radiobeitrag im Deutschlandfunk bin ich darauf aufmerksam geworden, dass die Zeit weiterer Streckenstilllegungen zu Ende sein soll. Immerhin wurde in den vergangenen Jahrzehnten jeder vierte Streckenkilometer in Deutschland in unterschiedlichen Schüben stillgelegt. Während dies im Westen vorrangig in den boomenden Wirtschaftswunderjahren geschah, traf es den Osten stark nach der Wiedervereinigung. Das hat sich offensichtlich gewendet. Bundesländer wie Hessen, Nordrhein-Westfalen und Initiativen des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) treiben die Streckenreaktivierung voran. In Baden-Württemberg laufen gerade für ein Drittel der 38 untersuchten stillgelegten Bahnverbindungen konkrete Planungen zur Reaktivierung. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen drängt die Bundesländer, sich mit dem Thema zu befassen. Inzwischen erleben viele stillgelegte Trassen also aktuell offenbar eine Renaissance. Letztlich geht es wieder stärker um die Mobilitätschancen der Menschen und Unternehmen auf dem Lande. Zum Spendenformular Dass es gerade in den Regionen trotz aller Versäumnisse der letzten Jahrzehnte in der Strukturpolitik auch in der politischen und wirtschaftlichen Dynamik vielfach aufwärts geht, schildert unser Autor Wolfgang Kleideiter. Für seinen Blogbeitrag in der nächsten Woche befasst er sich mit dem gerade veröffentlichten Regionalranking des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW). Darin wurden 400 Landkreise und kreisfreie Städte verglichen. Bei der Dynamik rangieren Flächenkreise wie Neumünster oder Tirschenreuth vor Köln, Kiel und Düsseldorf. Cottbus hat sich am besten erholt. NRW als weiterer Ansiedlungsraum für den Luchs Im Harz leben inzwischen schätzungsweise 55 bis 90 ausgewachsene Luchse. Rechnet man den jährlichen Nachwuchs sowie die Tiere hinzu, die sich in die angrenzenden Regionen ausgebreitet haben, gehen Experten von insgesamt rund 120 bis 150 Tieren aus. Das zeigt, wie sich die Population dieser Raubkatze bei strengen Schutzmaßnahmen entwickelt hat, wenn der Lebensraum passt. Ausgangspunkt waren zwischen 2000 und 2006 insgesamt 24 eurasische Luchse, die im Nationalpark Harz ausgewildert wurden, um die Art in Mitteldeutschland wieder heimisch zu machen. Der Luchs ist scheu, er wirkt hochbeinig wie ein Schäferhund. Auf seinem Speisezettel stehen vor allem Rehe, Hirschkälber und gelegentlich Schafe. Er frisst pro Tag über zwei Kilo Muskelfleisch. Ähnliche Planungen zur Ansiedlung des Luchses gibt es jetzt in NRW. Die Rheinische Post (RP) meldete diese Woche: „Nach dem Wolf soll das nächste große Raubtier in die Wälder Nordrhein-Westfalens zurückkehren: der Luchs.“ Zielräume sollen Eifel, Eggegebirge, Senne und Rothaargebirge sein. Danach übernimmt der BUND die Federführung und wird dabei unterstützt von der NRW-Stiftung. Das Landesumweltministerium stehe beratend zur Seite. Die Struktur dieses Bundeslandes ist mit einem Viertel Waldfläche sowie Agrar- und Weideflächen und industriellen Ballungszentren anders geprägt als die Harzregion. Angekündigt wird von den Initiatoren eine Info-Veranstaltung, bei der, so die Zeitung, „Vertreter der Weidetierhalter Fragen und Bedenken loswerden können“. Für die Betroffenen liest sich das etwas gönnerhaft. Ihr Einfluss wird für mich damit offensichtlich wie bei der Ausbreitung anderer Beutegreifer eingeschränkt bleiben. Der Landesjagdverband steht dem Projekt nach Darstellung der RP positiv gegenüber. Die Präsidentin Nicole Heitzig wird so zitiert: „Der Luchs geht nicht in eine Schafherde wie ein Wolf.“ Wenn überhaupt, schlügen die Katzen in der Regel wirklich nur ein einziges Beutetier. Die Opposition im Landtag fordert schon die Ausweitung der Förderprogramme für den Herdenschutz auf den Luchs. KI-Forschungsprojekt zum Verhalten des Rotwildes Ein anderes für mich außergewöhnliches Programm hat der Landesjagdverband Schleswig-Holstein als „einzigartiges bundesweites Forschungsvorhaben“ gemeldet. Damit zieht auch KI in die Reviere ein. Es geht um die Gesichtserkennung einzelner Kreaturen auf der Grundlage von Wildkamera-Aufnahmen und anschließende digitale Auswertung. „Wenn wir einzelne Tiere verlässlich erkennen können, eröffnet das der Wildtierforschung und der Hege neue Möglichkeiten, ohne zusätzlich in das Leben der Tiere einzugreifen“, sagt LJV-Präsident Hans Wörmcke. Ziel des Projektes war es, eine Software zu entwickeln, die Rotwild unabhängig von Alter, Geschlecht, Jahreszeit oder Geweihstatus eindeutig identifizieren kann. Dafür wurden über mehrere Jahre hinweg 12.700 Bilder gesammelt und gesichtet. Rund 1000 Bilder wurden für die weitere Auswertung aufbereitet und mit modernen KI-Modellen analysiert. In unserem Blog werden wir ausführlicher auf dieses Projekt in der nächsten Woche eingehen. Das mit dem Wal geht dann doch zu weit… Screenshot bild.de (04.06.2026/17:44) Zum Schluss müssen wir noch einmal auf den Umgang mit dem an der dänischen Insel Anholt verendeten Wal zurückkommen. Die schon einmal zitierte Präsidentin des Landesjagdverbandes NRW, Nicole Heitzig, beklagt in ihrem Editorial der Zeitschrift „Rheinisch-Westfälischer Jäger“ mit guten Gründen die ausgelöste Massenhysterie, die die Welle des Mitleids ausgelöst habe. Sie wurde jetzt über den Tod der Kreatur hinaus medial weit jenseits journalistischer Ethik bis zur Perversion aufgebläht. Vom Donnerstag zitiere ich deshalb hier fünf Passagen aus dem Liveticker der digitalen Bild unter der Überschrift „Experten nehmen toten Wal auseinander“. 17:19 Netz im Darm gefunden 17:21 Kein strenger Geruch 17.26 Die Messer werden geschärft 17:28 Noch keine weiteren Informationen zum Mageninhalt 17:33 Präzisions-Arbeit Ich habe das Zeitungmachen sowie den Umgang mit den journalistisch-ethischen Grundregeln des Pressekodex gemeinsam mit vielen Kollegen und Kolleginnen gelernt. Da steht nicht drin, dass es allein um Reichweiten und Klickzahlen gehen soll. Ziffer 1 verlangt die Achtung der Menschenwürde. Wenn ein Tier vermenschlicht wird, sollte man das vielleicht dann auch darauf übertragen… Mit dieser Kritik in meinen eigenen Berufsstand hinein verabschiede ich mich anders als sonst mit den besten Wünschen für ein erholsames oder auch erlebnisreiches Wochenende. Ihr Jost Springensguth Redaktionsleitung / Koordination

  • Wildkatzen: Wachstum auf leisen Pranken

    Hauskatzen kennt jeder. Ihre wilden Verwandten kaum jemand. Und noch weniger haben je eine Europäische Wildkatze gesehen. Die streng geschützte und zeitweise als ausgestorben geltende Art kommt zunehmend in unseren Revieren vor Foto:Lviatour, Felis silvestris silvestris Luc Viatour, CC BY-SA 3.0 Erst vor wenigen Tagen hat die Deutsche Wildtier Stiftung bestätigt, dass die Europäische Wildkatze nach rund 200 Jahren nach Mecklenburg-Vorpommern zurückgekehrt ist. Sie stützt ihre Aussage auf die Analyse von Haarproben, die in der Nähe des Stettiner Haffs gefunden wurden. Demnach handelt es sich um ein männliches Tier, das sich wahrscheinlich mehrere Wochen in der Gegend aufgehalten hat. „Aus meinem Büro drang ein Jubelschrei, weil das eben der erste Nachweis hier in Vorpommern ist", zitiert der NDR die Wildbiologin Kathrin Mayer. Für den genetischen Nachweis haben Forscher der Stiftung sogenannte Lockstöcke an 30 Orten platziert. Das sind Kanthölzer mit rauer Oberfläche, an denen die Haare der Tiere hängen bleiben. Damit sich die Wildkatzen an den Lockstäben reiben, werden die Hölzer mit Baldrian besprüht. Der Geruch ähnelt den Sexuallockstoffen von Wildkatzen. An sechs der 30 Lockstöcke wurden Haare entdeckt. Der Vorteil dieser Monitoring-Methode ist, dass die scheuen Wildkatzen nicht gestört werden. Nachweise bis nördlich der Elbe Ganz anders verlief Anfang des Jahres der erste gesicherte Wildkatzen-Nachweis in Schleswig-Holstein. Ein Jäger befreite eine Katze, die sich in einem Knotenzaun verfangen hatte. Er rettete dem Tier nicht nur das Leben, sondern die genommene Haarprobe lieferte Gewissheit, dass es sich um den ersten gesicherten Nachweis der Raubkatze nördlich der Elbe handelt. Zuvor hatte es lediglich einzelne Bildnachweise gegeben. Die gelten aber als nicht gesichert, weil es bei den Tieren auch um Mischlinge mit Hauskatzen oder sogar Fälschungen handeln kann. Die zufällige Entdeckung bezeichnete Martin Schmidt, Pressesprecher des Landesumweltministeriums, als Meilenstein und Erfolg für den Naturschutz. Noch skurriler ist die Nachweis-Geschichte aus dem oberfränkischen Neustadt bei Coburg. Dort wurde vor anderthalb Jahren eine Baby-Katze beim Tierschutzverein abgegeben. Nach einigen Wochen kam der Verdacht auf, dass das Fundtier keine Hauskatze ist, sondern deren wilder Verwandter. Ein Gentest bestätigte dies. Erfolge des Artenschutzes Auch im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe in Brandenburg bestätigte ein Beweis die Rückkehr der Wildkatze, die ebenso wie das Populationswachstum auf leisen Pranken erfolgt. In NRW ist ebenfalls von einem Erfolg für den Artenschutz die Rede. Dort soll sich die Zahl der Wildkatzen in 30 Jahren verfünffacht haben, von ehemals gut 200 auf inzwischen mehr als 1000 Exemplare. In Bayern wurden seit 1984 in vier Jahrzehnten rund 600 Tiere angesiedelt, die aus Nachzuchten in Zoos und Tierparks stammen. Das alles führt dazu, dass der Gesamtbestand in Deutschland gegenwärtig auf mehr als 5000 Tiere geschätzt wird. Damit ist die Wildkatze aber immer noch als gefährdete Art eingestuft. Die Schwerpunkte des Vorkommens reichen in der Mitte Deutschlands vom Harz bis zum Oden- und Pfälzerwald. Der Norden, Osten und Süden hingegen sind äußerst dünn besiedelt, wenn überhaupt. Wer jemals eine Wildkatze zu Gesicht bekommt, muss genau hinschauen, um sie als solche zu erkennen. Ihr deutlichstes Merkmal ist der buschige Schwanz. Er endet in einer breiten, stumpfen Rundung und weist oft drei schwarze Ringe auf. Das Streifenmuster im dichten Fell ist durchaus auffällig, aber auch oft verwaschen. Gefahr der Verwechslung Als Lebensraum bevorzugen Wildkatzen strukturreiche Laub- und Laubmischwälder mit Totholzanteilen. Knorrige Eichen mit Baumhöhlen dienen dem überwiegend dämmerungs- und nachtaktiven Räuber tagsüber als Ruheplatz. Umgefallene Bäume, Holzpolter und Reisighaufen bieten einen Lebensraum für Mäuse und einen Unterschlupf für den Nachwuchs der Wildkatzen, der nach zwei Monaten Tragezeit meist im April geboren wird. Ganz überwiegend ernährt sich die Wildkatze von Mäusen. Sie frisst aber auch andere Kleintiere bis zur Hasengröße, Insekten, Amphibien und Vögel. Feinde hat der Einzelgänger nur wenige. Jungkatzen werden unter anderem von Füchsen und Wildschweinen gefressen. Die größte Gefahr aber ist der Mensch. Häufig werden junge Wildkatzen auf der Suche nach eigenen Streifgebieten von Autos überfahren. Gelegentlich kommt es vor, dass Spaziergänger Jungtiere mit ausgesetzten Hauskatzen verwechseln und sie deshalb mitnehmen. Das Problem ist, dass diese Tiere nur schwer wieder ausgewildert werden können.

  • Wer zahlt für die Renaturierung?

    Bis September muss die Bundesregierung der Kommission in Brüssel mitteilen, wie sie die mehr als ambitionierte EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur national umsetzen will. Unklarheit herrscht darüber, wie das finanziert werden soll Foto: AnnaAnouk Als am 18. August 2024 die EU-Wiederherstellungsverordnung in Kraft trat, befürchteten Kritiker vor allem Zweierlei: Das Gesetz schaffe ein bürokratisches Monster und setze zudem Zielmarken, die in Eigentumsverhältnisse eingreifen, unrealistisch und kaum finanzierbar sind. Sie haben Recht behalten. Der seit April im Netz abrufbare Vorentwurf des Nationalen Wiederherstellungsplans umfasst nicht weniger als 1.100 Seiten. Das Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) hat den Prozess zur Erstellung des Plans unter Zeitdruck koordiniert und weitere Ressorts sowie alle Bundesländer beteiligt. Fast 160 Organisationen und Verbände haben sich in der ersten Phase eingebracht. Damit nicht genug: Aktuell läuft bis Ende Juni die zweite formale Beteiligungsphase, die Öffentlichkeit und Stakeholdern erneut ermöglicht, konkret die Inhalte des Vorentwurfs zu kommentieren. Dann beginnt eine neue Phase der Überarbeitung und Abstimmung. Und bis September 2027 hat dann die EU wiederum Zeit, den nationalen Plan darauf abzuklopfen, ob er der Verordnung in allen Punkten entspricht. Die Frage: Reichen 1,7 Milliarden? Schon vor Monaten haben Experten mit Blick auf die Anforderungen allein für Deutschland einen jährlichen Finanzbedarf von mindestens 1,7 Milliarden Euro errechnet. Und es können gut und gerne mehr werden, denn so genau weiß noch niemand, wie die Umsetzung konkret aussehen wird. Renaturierungsprojekte sind nach allen Erfahrungen komplex und herausfordernd. Eigentlich sollte die Kommission im August 2025 die Finanzarchitektur der EU-weiten Mammutaufgabe vorlegen. Dieser Plan fehlt bis heute, aber stattdessen wurde ein internes Papier aus der Kommission bekannt, das vor allem Forst- und Agrarverbände aufschreckt. Danach kann die EU beim Finanzbedarf für die Verordnung eine Lücke von jährlich fast vier Milliarden Euro nicht schließen. Gretchenfrage: Wer zahlt dann für diese ehrgeizige Form der Renaturierung? Die Eigentümer von Flächen, die Familienbetriebe der Land- und Forstwirtschaft? Deutschland soll gemäß der Verordnung bis 2030 Wiederherstellungsmaßnahmen für Ökosysteme auf insgesamt 20 Prozent der Landfläche (etwa 72.000 Quadratkilometer) und auf 6.566 Quadratkilometern im Meer ergreifen. Auch die Wälder im Besitz von Kommunen, Ländern oder Privateigentümern sind von den Vorgaben betroffen. Verbände fordern grundsätzliche Überarbeitung der Entwürfe Während Naturschützer aufs Gaspedal drücken und den Entwurf nachschärfen wollen, fordern Bauernverbände und Waldbesitzer eine grundsätzliche Überarbeitung der Verordnung, die 2024 nach langer politischer Debatte durch einen Beschluss des Europarats in Kraft trat. In eine gleiche Richtung zielt die „Agenda für einen nachhaltigen Bürokratierückbau auf EU-Ebene“. In diesem Papier des Vorstands der CDU/CSU-Bundestagsfraktion wird die Bundesregierung aufgefordert, bei der EU darauf hinzuwirken, dass die „besonders Bürokratie verursachende und das Eigentumsgrundrecht belastende EU-Verordnung über die Wiederherstellung der Natur vollständig aufgehoben wird, um … ein neues, praxistaugliches und vor allem faires und finanziell unterlegtes Regelwerk zum Erhalt und der Anpassung unserer natürlichen Lebensgrundlagen an die Herausforderungen des Klimawandels zu entwickeln“. Peter Hauk, bis Mai 2026 Minister für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz in Baden-Württemberg, warnte im April vor „unrealistischen Vorgaben“ der EU-Verordnung. „Wenn das Bundesumweltministerium glaubt, die fehlende Finanzierung der EU auf dem Rücken der deutschen Bauern auszutragen, dann hat es die Rechnung ohne den Wirt gemacht“, schimpfte der CDU-Politiker.

  • Beschäftigte nicht stärker belasten

    Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und auf die Bundespolitik Liebe Leserinnen und Leser, in unserem Wochenkommentar befassen wir uns wie üblich zunächst mit der politischen Situation in Berlin und gehen dann speziell auf Herausforderungen im ländlichen Raum, insbesondere in Zusammenhang mit der Jagd, ein. So auch dieses Mal. Aktuell sorgt das Frühjahrsgutachten der Wirtschaftsweisen in der Politik für Wirbel und die daraus zu ziehenden Konsequenzen für die geplanten Reformen etwa im Pflegebereich. Neues gibt es zum Thema Jagd aus Niedersachsen. Dort haben Tierhalter und Jäger positiv auf Ergebnisse des „Dialogforums Wolf“ reagiert. Und der Landesjagdverband fordert eine deutlich intensivere Bejagung von Beutegreifern in der Lüneburger Heide, um dort die Zukunft des Birkwildes zu sichern. Und zum Schluss noch der Ausblick auf zwei Themen, die wir in der kommenden Woche in unserem Blog behandeln werden: die Wiederansiedlung von Wildkatzen in Deutschland sowie die Umsetzung der EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur. Bei sommerlichen Temperaturen herrscht im politischen Berlin die Ruhe vor dem Sturm. Wobei Sturm gleichbedeutend mit den geplanten Reformen in der Sozialversicherung ist. Denn diese werden tiefgreifend und sicherlich auch für viele schmerzhaft sein müssen. Gleichzeitig muss mehr getan werden, um die Wirtschaftskraft in Deutschland deutlich zu stärken. Wie eng beides miteinander zusammenhängt, bestätigt das Frühjahrsgutachten der sogenannten Wirtschaftsweisen, das die Wissenschaftler am Mittwoch vorgelegt haben. Die Wachstumsprognose für dieses Jahr wurde hier von bislang schwachen 0,9 Prozent auf noch schwächere 0,5 Prozent gesenkt. Kurz zuvor hatte die DIHK mitgeteilt, man gehe sogar nur noch von 0,3 Prozent Wachstum aus. Egal welcher Prognose man mehr vertrauen möchte, klar ist: Es könnte und muss in den meisten Betrieben wesentlich besser laufen. Nicht zuletzt, um den teuren Sozialstaat mitzufinanzieren. Vor diesem Hintergrund wirkt es nicht sonderlich überzeugend, dass Gesundheitsministerin Warken jetzt augenscheinlich eine Erhöhung der Pflegeversicherungsbeiträge für Kinderlose ins Auge gefasst hat. Denn eine solche Maßnahme läuft dem erklärten Ziel der Bundesregierung zuwider, Beschäftigte nicht stärker zu belasten. Ihnen bliebe dann weniger netto vom brutto – nicht gerade ein Anreiz zu mehr Leistung und Engagement im Betrieb. Pflegesystem braucht mehr Geld Keine Frage, das Pflegesystem ist derzeit hoffnungslos unterfinanziert. Viele alte Menschen können nach einem langen Berufsleben die Unterbringung in einem Heim nicht mehr aus eigenen finanziellen Kräften stemmen. Der Vorsitzende des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), der die Pflegekassen mit betreut, Oliver Blatt, sagte dem Spiegel: „Bei der Pflegeversicherung brennt die Hütte.“ Denn die Ausgaben stiegen stärker als die Einnahmen. Doch es wäre ein falsches Signal, das Problem allein auf die Beitragszahler abzuwälzen. Hier gibt es durchaus Alternativen. So fordert etwa GKV-Verbandschef Blatt, dass der Bund den Pflegekassen Corona-Kosten von über fünf Milliarden Euro zurückzahlen müsse. Auch solle Berlin die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige sowie die Investitionskosten der Pflegeheime übernehmen. Darüber sollte die Koalition mal nachdenken, bevor sie den Faktor Arbeit weiter verteuert. Die Themen Wirtschaftswachstum und Zukunft der Sozialsysteme beschäftigen die Bürger in Stadt und Land in gleichem Maße. Sie erwarten von der Politik Lösungen und kein jahrelanges Hinhalten. Gerade im ländlichen Raum hat man mit ideologiegetriebenem Durchwursteln unangenehme Erfahrungen gemacht. Man nehme hier nur den schier endlosen Streit um die Ausbreitung von Wölfen. Endlich wurde zwar kürzlich das Bundesjagdgesetz geändert, aber wie wird die künftige Praxis sein? Zum Spendenformular In Niedersachsen hat dazu am Dienstag das „Dialogforum Wolf“ Ergebnisse vorgestellt. Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Grüne) nannte zwei Säulen der Bejagung: Wo Herdentiere gerissen oder Zäune übersprungen werden, dürfen ab 1. Juli Jungwölfe, die Schaden anrichten, sowie ab 1. November auch erwachsene „Problemwölfe“ per Schnellabschuss getötet werden. Das Ganze laufe dann automatisch und unbürokratisch, so die Ministerin laut NDR: Drei Wochen lang dürfen Jäger in einem Radius von drei Kilometern auf das Tier schießen. Wenn es zu mindestens drei Wolfsangriffen kommt, wird die Gegend zu einem sogenannten Interventionsgebiet erklärt – das heißt, das ganze Rudel darf bejagt werden. In diesem Punkt geht Niedersachsen über das Bundesjagdgesetz hinaus. Quote zur Jungwolf-Tötung? Tierhalter und Jäger reagierten positiv, auch wenn man in Detailfragen noch uneins ist. So sagte der Sprecher des Aktionsbündnisses aktives Wolfsmanagement, Jörn Ehlers, Niedersachsen habe bundesweit die höchste Wolfsdichte und „Wolfsrisse ohne Ende“. Die Weidetierhalter würden den Radius für die Wolfstötung sowie den Zeitraum der Bejagung gern erweitern. Außerdem, so Ehlers, solle man ruhig über eine Quote zur Jungwolf-Tötung nachdenken. Die lehnt das Land bisher ab. Im niedersächsischen „Dialogforum Wolf“ sitzen alle beteiligten Parteien an einem Tisch: Naturschützer, Tierhalter und Jägerschaft sowie Umwelt- und Landwirtschaftsministerium. Apropos Niedersachsen. Dort fordert der Landesjagdverband (LJN) eine deutlich intensivere Bejagung von Beutegreifern, um in der Lüneburger Heide die Zukunft des Birkwilds zu sichern. LJN-Präsident Helmut Dammann-Tamke sagte, die Lüneburger Heide beherberge das letzte autochthone Vorkommen im mitteleuropäischen Tiefland. „Wollen wir das Birkwild hier erhalten, geht das nur über ein intensives und flächendeckendes Prädatorenmanagement“, betonte er. Lücken dürfe es weder in privaten Revieren noch in denen der öffentlichen Hand geben. Kommen wir zum Schluss noch auf eine andere bedrohte Wildtierart. Hauskatzen kennt jeder. Ihre wilden Verwandten kaum jemand. Und noch weniger haben jemals eine Europäische Wildkatze gesehen. Denn die nach Europarecht streng geschützte Art gilt in vielen Gebieten Deutschlands bereits seit dem Mittelalter als ausgestorben. Aber in jüngster Zeit mehren sich Nachweise, die das Vorkommen des Raubtiers belegen. Manche Nachweis-Geschichte ist durchaus skurril, wie unser Autor Christoph Boll in seinem Blog-Beitrag in der kommenden Woche zeigt. Gut 5000 Tiere soll der Gesamtbestand in Deutschland derzeit betragen. Das Populationswachstum vollzieht sich auf leisen Pranken. Die Schwerpunkte des Vorkommens reichen in der Mitte Deutschlands vom Harz bis zum Oden- und Pfälzerwald. Der Norden, Osten und Süden hingegen sind äußerst dünn besiedelt, wenn überhaupt. Und noch ein Ausblick auf unseren Blog in der kommenden Woche: Bis September muss die Bundesregierung der Kommission in Brüssel mitteilen, wie sie die mehr als ambitionierte EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur national umsetzen will. Damit wird sich unser Autor Wolfgang Kleideiter in seinem Artikel befassen. Die Arbeit für die vorgesehene EU-Regelung befindet sich auf der Zielgeraden, doch in einem zentralen Punkt herrscht völlige Unklarheit: Bis heute weiß niemand, wo die jährlich zig Milliarden Euro für verschiedenste Maßnahmen herkommen sollen. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und einen gelungenen Start in eine für Sie positive Woche. Mit besten Grüßen Ihr Jürgen Wermser Koordination/Redaktionsleitung

  • Krise auf dem Kartoffelmarkt: Warum Rekordernten Probleme bringen

    Deutsche Bauern haben im vergangenen Herbst so viel Kartoffeln geerntet wie seit 25 Jahren nicht. Doch die gute Ernte ist kein Grund zum Jubeln, im Gegenteil: Die Nachteile überwiegen Foto: Rainer Sturm / pixelio.de Rund 13,8 Millionen Tonnen Kartoffeln haben deutsche Landwirte im Herbst 2025 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes geerntet, eine ungewöhnlich große Menge. Eine gute Ernte klingt erfreulich, ist es aber leider nicht immer. Der Landwirt Hendrik Staacke aus dem Landkreis Lüneburg verschenkte sogar 700 Tonnen Kartoffeln, ein Drittel seiner Ernte. Er nannte dies „Schadensminimierung“. Sein Familienbetrieb machte mit der Aktion bundesweit Schlagzeilen. Hunderte folgten dem Aufruf und kamen mit Säcken, Kisten und sogar Anhängern, um die Kartoffeln abzuholen. Auch die Lüneburger Tafel und die Einrichtung RaphaelOase, die im Bremer Osten Lebensmittel an Bedürftige verteilt, profitierten davon. Die Rekordernte im Herbst 2025 war dank guter Wetterbedingungen die größte seit 25 Jahren und führte zu einem Überangebot. Verbraucherinnen und Verbraucher freuen sich über sinkende Preise, doch für die Bauern ist es ungünstig. Denn während ihre Läger noch voll sind, kommen schon Frühkartoffeln aus der neuen Ernte auf den Markt. Zwar lassen sich Kartoffeln lagern, doch die Qualität sinkt mit der Zeit. Viele Abnehmer akzeptieren nur Ware, die einwandfrei aussieht. „Leichte Qualitätsmängel haben meist schon dazu geführt, dass die Ware dann nicht abgenommen wird“, sagte Hendrik Staacke in der NDR-Sendung „Hallo Niedersachsen“. Niedersachsen steht beim Anbau an der Spitze vor NRW und Bayern Ein Grund für die Überproduktion ist neben dem Wetter die vergrößerte Anbaufläche. Sie wuchs 2025 laut Statistik des Bundesagrarministeriums im Vergleich zum Vorjahr um rund sieben Prozent und damit 19.600 Hektar und liegt bei mehr als 300.000 Hektar. Weil die Bauern jahrelang hohe Preise für die Kartoffeln erzielten, erweiterten viele Betriebe ihre Flächen. Nach jüngsten Angaben vom Frühjahr 2026 geht das Statistische Bundesamt jedoch wieder von einem Rückgang aus. In Deutschland bauten im vergangenen Jahr 25.370 Betriebe Kartoffeln an. Niedersachsen steht derzeit mit 139.900 Hektar und 6,6 Millionen Tonnen an der Spitze, gefolgt von der Anbauregion Nordrhein-Westfalen mit 2,5 Millionen Tonnen und Bayern mit 1,9 Millionen Tonnen. Diese drei Bundesländer umfassen ungefähr drei Viertel der deutschen Kartoffelanbauflächen. Insgesamt werden in Deutschland nach Angaben des Portals www.landwirtschaft.de auf weniger als drei Prozent der gesamten Ackerfläche Kartoffeln angebaut. Wer feste Abnehmer und Jahresverträge hat, ist gut dran Der Markt ist gesättigt, nicht allein in Deutschland, dem wichtigsten Kartoffelproduzenten der Europäischen Union. Auch in anderen Ländern und insbesondere in den Niederlanden, wo die Kartoffelproduktion stark industrialisiert ist, gab es gute Ernten. Das verschärft den Preisdruck zusätzlich. Die deutschen Erzeuger nutzen unterschiedliche Absatzwege und beliefern Supermärkte, die Produzenten von Speisestärke und die Hersteller von Pommes frites und Chips. Ein großer Teil der Ernte wird exportiert. Im Vorteil sind diejenigen Landwirte, die überwiegend Jahresverträge und feste Abnehmer wie die Hersteller von Pommes frites haben, denn das bietet ihnen Planungssicherheit. Wer allerdings vorwiegend auf dem freien Markt seine Kartoffeln verkaufen muss, trägt ein höheres Risiko, wenn der Preis in den Keller geht. Trotz der verschiedenen Absatzwege fehlten genügend Abnehmer. Daher wurden große Mengen Kartoffeln und damit Nahrungsmittel in Biogasanlagen in Energie umgewandelt. Die Landwirte erleiden dabei finanzielle Verluste. Denn auch die Betreiber von Biogasanlagen verlangen inzwischen Geld, wenn sie die Kartoffeln aufnehmen.

  • Diskussion um Prämien für Waschbär-Jagd

    Die Population von Waschbären nimmt in Deutschland rasant zu – damit auch die Schäden. Deshalb mehren sich die Stimmen, die Erlegungsprämien fordern. Wollen das die Jäger oder stellen sie auch die Frage nach ihrem Selbstverständnis? Foto: Alexas_Fotos Seriösen Berechnungen zufolge schöpfen die bisherigen Waschbär-Strecken den Zuwachs, der jährlich bei etwa 26 Prozent liegt, nicht ab. Und das trotz immer neuer Streckenrekorde. Im Jagdjahr 2024/2025 betrug die Strecke bereits 284.220 Bären. Zehn Jahre vorher waren es noch weniger als 120.000 und ein weiteres Jahrzehnt zuvor lag die Zahl bei gut über 21.000. Das belegt zwar, dass die Jäger dem Neubürger aus Nordamerika, der inzwischen in allen Bundesländern zu Hause ist, intensiv nachstellen. Es zeigt aber auch, dass das Wachstum der Population kaum zu bremsen ist und sie sich alle fünf bis sechs Jahre verdoppelt. 1958 lag der Besatz zwischen 500 und 1.000 Tieren. Heute sind es mehr als zwei Millionen. Wissenschaftliche Hochrechnungen gehen davon aus, dass es mehr als fünf Millionen werden können. Die Entwicklung widerlegt die irrige Behauptung, die Bejagung kurbele die Reproduktion an. Das Gegenteil ist der Fall. Beigetragen hat dazu auch, dass in manchen Privatrevieren, besonders aber in Bundes- und Landesforsten sowie in Schutzgebieten der Waschbär gar nicht oder zumindest wenig bejagt wird. Dadurch werden von dort gut bejagte Reviere kontinuierlich neu aufgefüllt. Sollte der weitere Anstieg der Vorkommen gestoppt werden, müsste jährlich mindestens ein knappes Drittel der Waschbären erlegt werden. Das hätte für 2012 bereits eine Strecke von gut 600.000 Tieren bedeutet. Tatsächlich waren es gut 71.000. Auswirkungen auf den urbanen Bereich Das hat seine Auswirkungen in urbanen Bereichen und besonders in der Natur, wo die possierlichen Räuber keine wirklichen Feinde haben. Die Waschbären erbeuten gerne Frösche, Kröten und Molche, Regenwürmer, Schnecken, Maden und Insekten. Am Wasser setzen sie Fischen, Krebsen und Muscheln zu. Und als klassische Nesträuber plündern sie Vogelgelege und fressen Kleinsäuger wie Igel und Junghasen. Marc Henrichmann, CDU-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Unions-Arbeitskreises Jagd, Fischerei, Natur, warnt daher: „Die Explosion bei den Bestandszahlen muss Jäger und andere Naturschützer alarmieren. Es geht um nichts weniger als das Überleben vieler sensibler Populationen.“ Das hat bereits 2013 in Brandenburg zu einer parlamentarischen Anfrage geführt, ob nicht die Einführung einer Abschussprämie sinnvoll sei. Die damalige Landesregierung lehnte diesen Weg jedoch ab. In Hessen endeten die Versuche, die Expansion der Tiere einzudämmen, im vergangenen Jahr mit einem Rechtsstreit zwischen Tierschützern, Jägern und Behörden. Politischer Druck steigt Inzwischen wird die Diskussion, wie die Misere gelöst werden kann, an gleich mehreren Stellen neu belebt. In einer entsprechenden Debatte im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern im April vergangenen Jahres lehnte Umweltminister Till Backhaus die vorgeschlagene Abschussprämie ab. Drei Monate später appellierte Wiebke Knell, Fraktionsvorsitzende und jagdpolitische Sprecherin der FDP im hessischen Landtag: „Hessen braucht eine Abschussprämie für Waschbären. Die Landesregierung muss alles unternehmen, um invasive Arten wie den Waschbären zu reduzieren.“ In diesem Jahr beantragten Ende Januar der Abgeordnete Ralf Niedmers und seine CDU-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft, der Senat solle die Bejagung von Waschbären intensivieren und Jäger mit Zuschüssen oder geeigneten Lebendfanggeräten und elektronischen Fangmeldern unterstützen. Darüber hinaus solle geprüft werden, inwieweit eine Aufwandsentschädigung in Form einer Prämie pro Waschbär umsetzbar sei. Als beispielhaftes Vorbild nannte die Hamburger CDU die brandenburgische Gemeinde Seddiner See. Dort würden pro Bär 25 Euro gezahlt. SPD, Grüne und Linke lehnten jedoch den Antrag mehrheitlich ab. Den nächsten Vorstoß gab es Mitte März in Baden-Württemberg, als die jagdpolitische CDU-Sprecherin Sarah Schweizer in der Bild-Zeitung verlautbarte: „Jetzt braucht es eine Taskforce mit effektiven Maßnahmen für die Bekämpfung invasiver Arten – eine ganzjährige Aufhebung der Schonzeit, wie bei uns in Baden-Württemberg, die bundesweite Zulassung von Nachtsichttechnik und die Einführung einer Artenschutzprämie für die Erlegung.“ Ebenfalls im März forderte die niedersächsische CDU-Landtagsfraktion eine Verschärfung der Bejagung. Für den Agrarpolitiker Dr. Marco Mohrmann ist dabei denkbar, „zeitlich und räumlich begrenzt finanzielle Anreize für die Jagd zu schaffen“. Einen Schritt weiter ist Schleswig-Holstein. Dort hat Anfang dieses Monats eine Landtags-Mehrheit aus CDU, Grünen, FDP und SSW gegen die SPD beschlossen, die Fallenjagd mit 50.000 Euro zu fördern. Damit sollen die invasiven Arten Nutria, Marderhund und Waschbär bekämpft werden. Denn die Debatte um eine Erlegungsprämie für Waschbären orientiert sich oft an Zahlungen, die es in verschiedenen Regionen Deutschlands für tote Nutria gibt, meistens von Kommunen oder Wasser- und Boden-Unterhaltungsverbänden. Auch für die Erlegung von Füchsen oder aktuell in Sachsen-Anhalt und NRW von Wildschweinen („Pürzelprämie“) wurde schon gezahlt, meistens im Rahmen der Seuchenbekämpfung. Dabei geht es darum, wirtschaftlichen Schaden vom Land abzuwenden, der um ein Vielfaches höher ausfallen würde als die Prämiengewährung. Jagd als Recht oder Dienstleistung Verstanden werden die Prämien immer als zusätzlicher Anreiz und Ansporn für eine schärfere Bejagung. Damit verbunden sind auf jeden Fall ein Bürokratie-Aufbau für die Beantragung, Gewährung und Auszahlung des Geldes sowie die Benennung und ggf. Finanzierung einer Institution, die die körperlichen Nachweise der Erlegungen (Lunten) entgegennimmt, zählt, bestätigt und vernichtet, um Missbrauch entgegenzuwirken. Fraglich ist auch, ob jeder tote Waschbär prämiert werden soll oder nur die Tiere, die die Zahl früherer Erlegungen übersteigen. Und letztlich wäre zu prüfen, ob durch Gratifikationen überhaupt Strecken dauerhaft steigern. Die entscheidende Frage aber ist, ob Jäger der finanziellen Motivationsförderung bedürfen und sich dies nachsagen lassen wollen. Jagd ist ein Freiheits- und Eigentumsrecht. Damit geht auch die Pflicht einher zu einem verantwortungsvollen Umgang, sprich das Recht gemeinförderlich einzusetzen. Wer sich dafür bezahlen lässt, läuft Gefahr, das Eigentumsrecht sukzessive aufzulösen. Am Ende ist dann das Recht verkauft und die Jagd allein zu einer gesellschaftsdienlichen Funktion degradiert. Es geht also bei der staatlichen Bezahlung für Erlegungen immer auch um die Frage nach dem Selbstverständnis von Jagd und Jägern.

  • Große Politik, kleine Fortschritte – und viele offene Baustellen

    Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd Liebe Leserin, lieber Leser! alles wartet auf die angekündigten Reformen, die der Bundeskanzler mit seinem Koalitionspartner auf den Weg bringen will. In dieser Woche ging es weniger um Eckpunkte und Inhalte, sondern mehr um den Umgang miteinander. Es wirkte wie der Versuch einer Charmeoffensive, als Friedrich Merz zum ersten Mal die Fraktion der SPD besuchte, um für Einigendes statt Trennendes zu werben. An die eigenen Reihen wie auch bei der SPD appellierte er, sich nicht gegenseitig öffentlich rote Linien aufzuzeigen. Dabei hoffte er auf mehr Zeichen der Gemeinsamkeiten aus den Reihen der Koalition. Dass das auch in der eigenen Fraktion schwierig bleibt, demonstrierte der Parlamentskreis Mittelstand in der Union, der unverändert vor zu großen Kompromissen warnt. Derweil geht das Alltagsgeschäft in den Ministerien weiter. Eine Führerscheinreform soll auf den Weg gebracht werden, der Innenminister will den Zivilschutz krisenfester machen und der Landwirtschaftsminister hat den jüngsten Waldzustandsbericht vorgelegt. Darauf gehen wir in diesem Newsletter näher ein und blicken dann auf das waldreiche Rheinland-Pfalz. Dort wurde der neue Ministerpräsident ins Amt gewählt. Allerdings – wie der Kollege in Stuttgart – nicht mit der vollen Stimmenzahl der schwarz-roten Koalition in Mainz. Und dann haben wir noch ein Thema, das viele belastet: Wie können jetzt noch sogenannte „Schadnager“ bekämpft werden? Mit der großen Politik können wir es diese Woche kurz machen. Das Kabinett hat kleinere Dinge auf dem Weg gebracht und ist gewillt, das gesetzte Programm weiter durchzuziehen. Auch in dieser Woche wurde der Finanzminister im Bundestag mit harten Fragen gelöchert. Alles wartet darauf, wie Klingbeil das Steuersystem weiter anfasst, sodass auch das noch finanziert werden kann, was da alles auf der Agenda steht. Bei Rente, Arbeit und Sozialem sollen bis zur parlamentarischen Sommerpause zentrale Reformpakete vorliegen. Sie beginnt im Juli. Zur Vorbereitung der weiteren Debatten hat sich der Bundeskanzler entschlossen, mehr Überzeugungsarbeit in den Fraktionen seiner Koalition zu leisten. Dem sollte unter anderem der Besuch der SPD-Fraktion dienen. Die Botschaft des Regierungschefs: Die Mitte muss zusammenstehen, um das Drohgespenst im Zaum zu halten. Das ist vor allem die AfD, die mit wachsender Zustimmung zunehmend für Druck sorgt. Die politische Rechte profitiert massiv von der großen Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Lage. Viele machen das an der Politik der Regierung fest, wie wöchentlich immer wieder neue Umfragen zeigen. So liegt die AfD bundesweit bei Rekordwerten um die 29 Prozent und damit deutlich vor der Union. Da scheinen Ungerechtigkeitsgefühle insbesondere im Osten und vor allem bei älteren Menschen eine ausschlaggebende Rolle zu spielen. Hier helfen auch die Unterschiede bei Erklärungsversuchen nicht weiter: Funktionäre und Abgeordnete ticken nun einmal anders als die Wählerinnen und Wähler. Das gilt insbesondere offensichtlich auch für die AfD. So ist es gerade auch in Sachsen-Anhalt zu beobachten, wo es anscheinend nur noch darum geht, ob die Partei bei der nächsten Wahl eine absolute Mehrheit erreichen könnte. Nur jeder fünfte Baum ist gesund Kommen wir jetzt darauf, wie es unseren Wäldern geht. Im Grundsatz hat sich nichts geändert. Die Schlagzeilen über den Waldzustandsbericht, den Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer jetzt für das Jahr 2025 veröffentlicht hat, lesen sich weiter besorgniserregend: „Zur Erholung der Bäume reicht der Regen nicht mehr aus“, „Von den Dürrejahren bis heute nicht erholt“. Allenfalls gibt es leichte Entwarnungszeichen, wonach es nicht mehr ganz so dramatisch ist. Für Buchen und Fichten gibt es danach wieder eine leichte Verbesserung. Den Kiefern dagegen geht es schlechter. Damit bleibt der Wald, der immerhin ein Drittel unserer Landesfläche in der Bundesrepublik ausmacht, ein deutsches Sorgenkind. Gleichwohl geben sich in privaten und staatlichen Forsten alle Akteure Mühe, dass sich das langfristig wieder bessert. Wie das eben so ist: Wald ist ein Generationenprojekt. Das, was heute gesetzt wird oder wo sich der Wald nach erprobten Methoden mit Sprösslingen verjüngt, kann – je nach Baumart – erst in Jahrzehnten oder in ein bis zwei Jahrhunderten geerntet werden. Neben der allgemein anerkannt wichtigen und entscheidenden Rolle unserer Wälder für die Natur, die Umwelt und das Klima insgesamt spricht der Minister auch einen anderen Aspekt an. Das ist die wirtschaftliche Bedeutung. „Wald steht für Arbeitsplätze, Handwerk, Wertschöpfung im ländlichen Raum.“ Dabei ist es (noch?) nur jeder fünfte Baum, der in Deutschland als gesund gilt. Da mag es trösten, dass Rainer feststellt, der Wald habe sich trotz ungünstiger Wetterbedingungen im vergangenen Jahr jedenfalls nicht verschlechtert. Die Lage zeige sich insgesamt stabilisiert. „Das ist ein Erfolg des langjährigen Umbaus zu produktiven und artenreichen Mischwäldern, die dem Klimawandel trotzen. Nachhaltige und aktive Waldwirtschaft sichert die Zukunft unserer Wälder.“ Übrigens: Wenn es um den Wald geht, könnte man auch mal auf die Idee kommen, festzustellen, dass von Anfang an dazu auch Wild und Jagd gehören. Davon ist im Zusammenhang des Berichtes wenig zu lesen oder zu hören. Man kann einen Forst auch so entwickeln, dass das zusammenpasst und sogar wirtschaftlich attraktiv sein kann. Darauf weist die Stiftung natur+mensch anhand von Praxisbeispielen in ihren Veröffentlichungen seit langem hin. Neue Landesregierung in Mainz mit neuen Erwartungen auf dem Lande Bleiben wir noch einmal kurz regional beim Thema. Der Anteil, der für die Bundesrepublik oben zitierten Forstfläche liegt in Rheinland-Pfalz noch höher. Hier bedecken große Wälder insgesamt 43 Prozent und damit knapp die Hälfte des Landes. Vor allem sind Westerwald, Hunsrück, Eifel sowie Teile des Taunus neben dem Pfälzerwald eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete in Mitteleuropa. Das sind also große, für das Land prägende Regionen. Neben dem Weinbau und der Landwirtschaft unterstreicht das die Bedeutung der Forstwirtschaft. Das aktuelle Jagdgesetz wird der Rolle privater Waldbesitzer und Revierinhaber nicht mehr gerecht. Die Novelle hatte die alte Landesregierung aus SPD, Grünen und FDP auch gegen berechtigte Interessen durchgeboxt. So hoffen Revierinhaber, Jägerinnen und Jäger, dass sich einiges wieder ändert. Auslöser ist der Regierungswechsel in Mainz, wo Gordon Schnieder (CDU) in dieser Woche zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. Er hat es weiter mit seinem Vorgänger Alexander Schweitzer als Fraktionsvorsitzenden des Koalitionspartners SPD zu tun. Das ist ungewöhnlich. Die CDU, die nach einer eigenen Pressemitteilung „neuen Schwung“ für das Land verspricht, nennt als Schwerpunktthemen Wirtschaft, Bildung und innere Sicherheit. Die neue Regierung kommuniziert dabei vielleicht etwas zu wenig, was sie zu den angesprochenen Themen im ländlichen Raum vorhat. Also: abwarten. Was Ratten und Mäuse anrichten und wie die Politik damit umgeht Der Sammelbegriff hört sich für manchen etwas befremdlich an. Es geht um „Schadnager“, auf die man im täglichen Leben in Stadt und Land immer wieder stößt. Wir reden von Ratten und Mäusen. Über das Problem lesen wir sogar unlängst in der Süddeutschen Zeitung. Sie griff das Thema auf einer ganzen Seite auf – der bei Lesern beliebten dritten Seite. „Für die Ratte haben die Deutschen nichts übrig, außer Gift. Droht jetzt, da der Verkauf von Ködern verboten ist, also eine Art Invasion?“ Warum ist das jetzt aktuell? Seit Ende April unterliegen bisher gängige Rattengifte einem öffentlichen Verkaufsverbot. Damit soll nicht jeder, der sich am Haus über eine Ratte erschreckt, übliche Köder und Bekämpfungsmittel ausbringen dürfen. Das wird ab jetzt nur noch ausgebildeten Schädlingsbekämpfern oder Kammerjägern überlassen. Hintergrund ist die EU-Biozidverordnung (Nr. 528/2012), die die Zulassung und Verwendung von Rodentiziden europaweit regelt. Die europäische Politik sieht demnach „unannehmbare Risiken“ bei der privaten Anwendung. Langfristig will sie mehr: Es wird weiter angestrebt, auch Schädlingsbekämpfer von solchen Giften abzuhalten. So dürfen auch Profis ab Juli keine Dauerköder mehr mit Gift ausbringen, sofern es „keinen akuten Ratten-Befall gibt“. Als Grund wird angeführt, dass auch für Haus- und Wildtiere hohe Vergiftungsrisiken beständen. Da mag was dran sein. Gleichwohl gilt auch das, was warnende Stimmen einwenden. Zum Spendenformular Schadnager wie Ratten und Mäuse verursachen in Privathaushalten und auf Bauernhöfen erhebliche Schäden, etwa an Vorräten, Gebäuden und technischen Anlagen. Darauf verweist aus Anlass der neuen Verordnung der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV). Schadnager stellten auch ein ernstzunehmendes hygienisches und gesundheitliches Risiko dar. Ratten könnten etwa 120 Infektionskrankheiten übertragen. Der jüngste Vorfall auf dem Kreuzfahrtschiff „Hondius“ verschärfte die Debatte zusätzlich, erklärt WLV-Vizepräsident Michael Uckelmann. Wenn das alles so ist, sollte auch hier und da die Kommunalpolitik ebenso konsequent sein wie die Brüsseler Verordner. In meiner Heimatstadt erlebe ich immer wieder in den Grünanlagen und auch am Bahnhof illegale Taubenfütterungen und ich sehe weggeworfene Speisereste, die nicht nur zur einer Überpopulation von Stadttauben führen, sondern auch zum zitierten „akuten Rattenbefall“. Zunehmende Herausforderungen durch die Population der Waschbären Wie auch andere Wildtiere in Siedlungsgebieten erhebliche Probleme verursachen, hat jüngst der Deutsche Jagdverband noch einmal thematisiert. Vor allem in größeren Städten wie Berlin oder Kassel kommt es immer wieder zu Konflikten. Dort sind Stadtjäger mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit zum Wildtiermanagement in Wohn- und Gewerbegebieten unverzichtbar. Unser Autor Christoph Boll befasst sich in unserem Blog in der nächsten Woche mit der explodierenden Population von Waschbären und unterschiedlichen Ansätzen in den Bundesländern zur Bewältigung des Problems. Dabei beginnt eine Debatte, ob dazu Abschussprämien für Jägerinnen und Jäger infrage kommen. Es gibt „Pürzelprämien“ zur Seuchenbekämpfung bei Wildschweinen, Zahlungen von Kommunen und Wasserverbänden für Nutria oder in Sachsen-Anhalt für den Abschuss von Füchsen. Damit geht es bei staatlicher Bezahlung für Erlegungen immer auch um die Frage nach dem Selbstverständnis von Jagd und Jägern. In einem weiteren Beitrag geht unser Autor Christian Urlage aus Niedersachsen auf ein Problem ein, das insbesondere dort gerade die Landwirte haben. Das ist eine Krise auf dem Kartoffelmarkt. Eine gute Ernte klingt zunächst erfreulich, ist wirtschaftlich aber nicht immer ein Vorteil. Sie hat zu einem Überangebot geführt. Verbraucherinnen und Verbraucher freuen sich zwar über sinkende Preise, doch für die Bauern wird es schwierig. Während ihre Lager noch voll sind, kommen schon bald Frühkartoffeln aus der neuen Ernte auf den Markt. Ein Landwirt hat dort sogar 700 Tonnen verschenkt, um seine Lagerbestände zu reduzieren. Für ihn ist das eine „Schadensminimierung“. Ob diese Maßnahme wirklich hilft, bleibt fraglich. Mit dieser Frage verbinde ich die besten Wünsche für ein sonniges Pfingstwochenende. Mit den besten Grüßen Ihr Jost Springensguth Redaktionsleitung / Koordination

  • Naturprojekt mit Jägern und Landwirten übertrifft alle Erwartungen

    Kreisjägerschaft, Landwirtschaft und Naturschutz schaffen gemeinsam strukturreiche Lebensräume. Das Erfolgsrezept: praxisnahe Beratung, Strukturbrücken und wirtschaftlicher Mehrwert für Landwirte Foto: KJS Unna Als Johannes Laurenz, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Unna, im Mai 2025 das Projekt „UNsere NAtur im Kreis Unna" initiierte, plante er bescheiden: 10 Hektar Maßnahmenflächen sollten im ersten Jahr entstehen. Doch die Resonanz übertraf alle Erwartungen. „Der Run war von Anfang an schon so groß, dass wir jetzt 42 Hektar insgesamt projektiert oder zumindest in Planung gebracht haben“, berichtet Laurenz jetzt. Ein Erfolg, der zeigt: Wenn Jägerschaft, Landwirtschaft und Naturschutz an einem Strang ziehen, entsteht wirksamer Artenschutz in der Kulturlandschaft. Das Ganze wäre nicht so gelungen, wenn Laurenz nicht die Unterstützung engagierter Mitstreiter aus dem Vorstand und der Hegeringe gehabt hätte. Von der Idee bis zur Durchführung jeder einzelnen Maßnahme haben viele mit angepackt. „Ohne Teamarbeit geht so etwas nicht.“ Die Ausgangslage ist ernüchternd. Durch die intensive Nutzung der Kulturlandschaft gehen vielfältige und kleinteilige Strukturen zunehmend verloren. Rebhuhn, Fasan, Kiebitz und Feldhase finden immer weniger geeignete Lebensräume. Besonders dramatisch zeigt sich dies bei der Kükenaufzucht: Rebhuhn und Fasan führen ihren Nachwuchs instinktiv mittig in die Getreidebestände. Doch dort fehlt es an Insekten als Nahrungsgrundlage. Die Folge sind große Kükenverluste und kleine Gesperre oder Ketten. So werden die Fasanen- oder Rebhuhn-Jungvögel in den Revieren genannt. Hinzu kommt der wachsende Druck durch Beutegreifer. Neben heimischen Arten gefährden zunehmend auch eingewanderte Spezies wie Waschbär oder Marderhund die am Boden brütenden Feldvögel und Junghasen. Ohne ausreichende Deckung haben die Tiere kaum eine Chance. Strukturbrücken bringen die Maßnahmen zu den Wildarten Hier setzt das Projekt der Kreisjägerschaft Unna in Zusammenarbeit mit der Stiftung Westfälische Kulturlandschaft an. Sie führt Naturschutz und Landwirtschaft zusammen. Das Konzept ist so einfach wie wirkungsvoll: Mit sogenannten Strukturbrücken werden große Ackerschläge durch Blühstreifen und Blühflächen aufgelockert und strukturiert. Die Streifen werden bereits im Spätsommer mit dem Getreide gesät, verbleiben jedoch nach der Ernte des umgebenden Getreides auf der Fläche und überwintern mit einer Zwischenfrucht bis zum übernächsten Jahr. Für die Ansaat wird spezielles Saatgut aus heimischen Wildkräutern verwendet, das eine breite Standortanpassung aufweist und somit für die im Kreisgebiet vorkommenden Ackerstandorte geeignet ist. Wenn die Blühstreifen und Blühflächen sich gut etabliert haben, können diese auf mehrere Jahre – aktuell bis zu vier Jahre – bestehen bleiben. Die Folgepflege orientiert sich an der Lage und Funktion im landschaftsökologischen Kontext. Übergreifendes Ziel ist bei jeder Flächenausprägung, stets einen unberührten Altkrautbestand in einer Breite von etwa 20 Metern über den Winter zu erhalten. Dieser bietet ausreichend Schutz für Insekten und senkt auch das Risiko, dass brütende Vögel durch Fressfeinde im nächsten Frühjahr gefressen werden. Zahlreiche heimische Insektenarten sowie Fasan, Rebhuhn, Kiebitz, Wachtel, Feldhase oder Rotmilan finden in diesen Flächen ganzjährig Nahrung, Deckung und Schutz. Das Konzept geht buchstäblich zu den Wildarten hin, statt zu erwarten, dass diese sich anpassen. Landwirte als Partner, nicht als Gegner Eine Besonderheit des Projekts liegt in der engen Einbindung der Landwirte. „Die Interessen des landwirtschaftlichen Betriebs werden mitgedacht und eine aktive Mitsprache von den Landwirten eingefordert", betont die Projektbeschreibung. Nach der ersten Projektphase wird gemeinsam entschieden, wie es mit der Maßnahme weitergeht. Die Erfahrung zeigt: Über 90 Prozent der Betriebe sind bereit, die Maßnahmen weiterzuführen. Der Grund für diese hohe Akzeptanz liegt auch im wirtschaftlichen Aspekt. Johannes Laurenz erklärt: „Kern der ganzen Geschichte ist ja, dass wir irgendwann mal dann dieses Projekt als solches auslaufen lassen wollen. Aber dann haben wir einfach die Landwirte so sensibilisiert, dass man mit Agrarumweltmaßnahmen viel für die Biodiversität tun, aber auch Geld verdienen kann.“ Gerade in Zeiten, in denen die Landwirtschaft wirtschaftlich unter Druck gerät, sind viele der Agrarumweltmaßnahmen lukrativ und zu empfehlen. Das Ziel ist es, die projekteigenen Flächen nach erfolgreicher Etablierung in eine Förderung des Vertragsnaturschutzes oder anderer Agrarumweltprogramme zu überführen, da seitens des Projektes keine Dauerfinanzierung geleistet werden kann. Die Umsetzung wird dank der Betreuung durch die Stiftung Westfälische Kulturlandschaft bürokratisch niederschwellig gehalten. Das steigert die Akzeptanz innerhalb der Landwirtschaft und baut Hemmnisse ab. Breite Beteiligung zeigt Bedarf Die Zahlen sprechen für sich: Rund 30 landwirtschaftliche Betriebe und etwa 40 Revierpächter beteiligen sich im Kreis aktiv am Projekt. Bereits im ersten Projektjahr konnten 45 Hektar Maßnahmenflächen umgesetzt werden, weitere befinden sich aktuell in Planung. Von den 42 Hektar entfallen 80 Prozent auf projekteigene Strukturbrücken mit Wildblumen und Kräutern, der Rest auf Beratung bei Agrarumweltmaßnahmen. Multiplikatoren durch Seminare geschult Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Schulung von Multiplikatoren. Viele Ansätze lassen sich leicht in die Breite tragen, wenn das notwendige Wissen vorhanden ist. Ein Baustein hierbei ist die ökologische Hecken- oder Waldrandpflege. In Seminaren wird insbesondere auf die Auswirkungen einer veränderten Landschaftspflege durch Technisierung eingegangen, welche Auswirkungen diese auf die Artenvielfalt hat und was man dagegen tun kann. Feldbegehungen und praktische Anwendungen in Form von Heckenseminaren vermitteln theoretische Grundlagen und Praxistipps. Die Teilnahme ist grundsätzlich für jeden Naturschutzinteressierten möglich. Auf eine schonende und in jedem Fall abschnittsweise Pflege wird erhöhter Wert gelegt. Die Seminare erreichten bislang rund 150 Teilnehmer, ein beachtlicher Erfolg für das erste Projektjahr. Da der Fokus auf Pflegeoptimierungen liegt, werden Neuanlagen gerne mitbegleitet, jedoch nicht finanziell gefördert. Suche nach Sponsoren für Verstetigung Johannes Laurenz ist mit dem bisherigen Verlauf mehr als zufrieden: „Wir sind total überrascht, dass das so erfolgreich ist, und damit sehr zufrieden. Wir wollen natürlich jetzt weitermachen.“ Mit der nun entstehenden Öffentlichkeitsarbeit und dem breiteren Bekanntwerden des Projektes außerhalb von Jägerschaft und Landwirtschaft hofft die Kreisjägerschaft auf weitere Unterstützung. Besonders interessant wären Unternehmen, die eine Neigung haben, das Projekt zu unterstützen und damit auch öffentlichkeitswirksam Werbung zu treiben. Der Hintergrund ist für Laurenz pragmatisch: Um den administrativen Aufwand bei der Sponsorengewinnung gering zu halten, wären größere Einzelspenden effizienter als viele kleine Beiträge. Wobei er betont: „Wir sind auch für kleine Spenden natürlich empfänglich und freuen uns darüber.“ Modell mit Zukunft Das Projekt „UNsere NAtur im Kreis Unna“ zeigt eindrucksvoll, dass erfolgreicher Artenschutz dort entsteht, wo Landwirtschaft, Jägerschaft und Naturschutz gemeinsam handeln. Die Verbindung von ökologischem Nutzen und wirtschaftlicher Perspektive für Landwirte schafft eine Win-Win-Situation, die Akzeptanz und Engagement fördert. In den kommenden Projektjahren sollen weitere landwirtschaftliche Betriebe für das Projekt gewonnen werden. Gleichzeitig wird das Netzwerk ehrenamtlicher Multiplikatoren weiter ausgebaut. Langfristiges Ziel ist es, eine dauerhafte Struktur für Biodiversitätsmaßnahmen in der Kulturlandschaft des Kreises Unna zu etablieren. Das Erfolgsmodell aus dem Kreis Unna könnte Vorbild für andere Regionen sein. Wo Pragmatismus auf Naturschutz trifft und wirtschaftliche Realitäten von Landwirten ernst genommen werden, entstehen Projekte, die tatsächlich etwas bewegen, statt nur gut gemeint zu sein. Mehr zum Thema gibt es hier.

  • Ein schwerer politischer Herbst steht bevor

    Nach 36 Jahren steckt die Demokratie in den neuen Ländern in der bisher schwersten Krise. Doch auch für die AfD könnte der Herbst schwer werden. Hier ein politischer Blick auf Sachsen-Anhalt Foto: ChristianMD / pixelio.de Jetzt könnte es wirklich politisch ernst werden. Könnte, muss nicht. Umfragen sehen die rechtspopulistische (und in Teilen rechtsextreme) AfD in Sachsen-Anhalt bei 41 Prozent, mit 15 Prozentpunkten Umfrage-Vorsprung vor der regierenden CDU. Danach kommt die Linkspartei mit 13 Prozent, die SPD nähert sich in dem Bundesland (eigener Wahlwerbespruch: das Land der „Frühaufsteher“) der Fünf-Prozent-Hürde. Im Herbst wird in Magdeburg ein neuer Landtag gewählt – und es ist durchaus möglich, dass die AfD dort die absolute Mehrheit erhält. Eine Regierung mit einem rechtspopulistischen Ministerpräsidenten, das wäre ein Novum in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die AfD unter ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund erhielte damit Zugriff auf das Innen- und das Bildungsressort. Das sind Ministerien, die in den Ländern als Schlüsselressorts von hoher Bedeutung gelten. Siegmund, der selbst für AfD-Verhältnisse trotz seines bürgerlichen Auftretens und seiner gemäßigten Wortwahl eher als rechts gilt, wäre dann Mitglied der Ministerpräsidentenrunde, die sich zwei Mal im Jahr trifft. Die Situation in Sachsen-Anhalt kommt aber wenig bis gar nicht überraschend. Zum einen leidet das Land unter dem wohl größten Bevölkerungsverlust. Schon nach der Wende verließen Hunderttausende junge Menschen (vor allem Frauen) das Bundesland, gingen nach Berlin oder in den Westen. Um die 2000er Jahre schwächte sich dieser Trend leicht ab – doch seit zwei Jahren verstärkt er sich wieder mit dem Wegzug gerade der mobilen und gut ausgebildeten jungen Menschen aus Sachsen-Anhalt. Was den radikalen Kräften in die Karten spielt Parallel erlebt das Land – ähnlich wie Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern – eine im Vergleich zu anderen Bundesländern schwere Wirtschaftskrise. Coronapandemie, der Ukraine-Krieg, sinkende Bevölkerungszahlen (und damit weniger für Industrie und Dienstleistung zur Verfügung stehende Mitarbeiter und Verbraucher) – die Abwärtsspirale spielt den radikalen Kräften in die Karten. Die Landstriche außerhalb der Oberzentren Magdeburg und Halle veröden. Überall verschwinden die letzten Geschäfte, drehen die letzten Hausärzte und Schulen den Schlüssel um, schließen Schwimmbäder oder kulturelle Einrichtungen. Die Kommunen verzeichnen kaum noch Steuereinnahmen. Dazu trat vor einigen Monaten der populäre Ministerpräsident Rainer Haseloff ab, seinem Nachfolger Sven Schulze ist es bisher kaum gelungen, im Ansehen der Bevölkerung Bekanntheit und Profil zu gewinnen. Gegenwind aus Berlin Auch die Bundespolitik hilft den Parteien der Mitte in den Ländern aktuell gerade nicht – ganz im Gegenteil: Viele Menschen in Ostdeutschland tun sich auch im Jahr 36 der Einheit schwer damit, wenn Parteien in der Regierung ihre naturgemäß vorhandenen politischen Differenzen in aller Öffentlichkeit im Streitmodus austragen. Ein Erbe des SED-Kommunismus, der Konsens vorgab, wo Ideologie alles auf Linie trimmte. Das aktuelle Erscheinungsbild der großen Koalition in Berlin (die in Ostdeutschland ja längst keine mehr ist) führt zu der falschen Erwartungshaltung, es müsse jetzt mal „so richtig durchregiert“ werden. Die Sehnsucht nach dem starken Mann, sie ist zwischen Magdeburg und Halle, zwischen Quedlinburg und Wittenberg immer noch ein Stück stärker ausgeprägt als im Rest der Republik. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Themen der AfD wie Migration oder Kriminalität im Osten eher eine untergeordnete Rolle spielen. AfD gerät von rechts unter Druck Hoffnung, dass es gar so schlimm nicht kommen wird, bieten zwei Beobachtungen: zum einen verlieren Kandidaten der AfD regelmäßig bei Kommunalwahlen. Selbst in Bautzen, Pirna und anderen Städten setzten sich im zweiten Wahlgang andere Kandidaten als die AfD-Vertreter durch. Das gleiche Bild auch bei lokalen Abstimmungen in Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. „Gerade bei der Stichwahl halten sich die Menschen doch an die demokratisch orientierten Kandidaten, auch wenn sie im ersten Wahlgang anders abgestimmt haben“, sagt ein Parteiinsider. Und Punkt zwei, der das Bild von der geschlossenen AfD zerbröseln könnte: In Sachsen entstehen nicht nur auf lokaler Ebene neue Parteien und Bündnisse wie die „Freien Sachsen“. Deren Programm und Personal ist noch weiter rechts zu verorten als selbst radikale Kräfte innerhalb der AfD. Und es gibt oft direkte Überschneidungen zum NPD-Jargon und -Personal der 2010er Jahre. Sollte sich diese Strömung verstärken, könnte die Partei auch in den anderen Ländern und in Berlin schnell zerrissen werden. Im Moment reicht Weidel und Chrupalla ein einfaches Rezept: Schweigen und Nichts-Tun.

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