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  • Politische Sommerpause? Die Herausforderungen bleiben

    Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd Liebe Leserin, lieber Leser! Der Bundeskanzler will sich zum Ende der Legislaturperiode am Ergebnis seiner Kanzlerschaft messen lassen. Dazu gehört, dass er sich in einen Widerspruch seiner Aussagen über die Schuldenbremse zwischen damals (Opposition) und heute begeben hat. Seine Bemerkung dazu, als er sich vor der Hauptstadtpresse in die parlamentarische Sommerpause verabschiedete: „Ich gebe zu, das ist eine erhebliche Belastung meiner persönlichen Glaubwürdigkeit.“ Und schlechte Umfrageergebnisse sehe er als Ansporn. Gleichwohl wächst nach dem Kabinettsbeschluss über den Bundeshaushalt 2027 in den Reihen der Union der Unmut über neue Schulden und die folgende Zinsbelastung. Finanzminister und Kanzler werden über die Sommerferien einiges aushalten müssen. Noch schwächere Umfrageergebnisse für die SPD nach dem jüngsten ZDF-Politbarometer und die neue Glaubwürdigkeitslücke, die der CDU/CSU-Fraktionschef Jens Spahn zum Thema Leihmutterschaft unerwartet aufgerissen hat, sorgen für wachsende Unruhe in den jeweils eigenen Reihen. Apropos Sommerpause: Wie auch andere Medienformate lassen wir es mit diesem wöchentlichen Newsletter bis Anfang September etwas langsamer angehen. Sie erhalten ihn vorübergehend jeden zweiten Samstag – also am 1., 15. und 29. August und ab September wieder wie gewohnt. In unserem Blog erscheinen unsere journalistischen Beiträge weiter wie gewohnt zu den ebenso gewohnten Themen unter www.blog-natur-und-mensch.de: in Bezug zum ländlichen Raum, zu Natur und Jagd, auch mit ihren politischen und gesellschaftlichen Aspekten. In die Meldungen und Berichte über die Finanz- und Wirtschaftspolitik mischen sich besorgte Stimmen aus dem Lande. Während Bundeskanzler Merz in seiner Sommerpressekonferenz das unveränderte Ziel der Rückkehr Deutschlands zu einer „wettbewerbsfähigen Wirtschaft“ betont, warnen andere. Aus dem Mittelstand kommt die Meldung, dass dort die Investitionsbereitschaft der Unternehmen auf den tiefsten Stand seit über 30 Jahren gesunken ist. Als Hauptgründe nennt der Genossenschaftsverbund der DZ und der Raiffeisenbanken unter anderem eine schwache Nachfrage und steigende Kosten. Und immer wieder ist zu hören, dass die Belastungen durch bürokratische Auflagen eine Wiederbelebung bremsen. Genau dieses Thema hat die Koalition ebenfalls in dieser Woche angefasst. So hat die „Anti-Bürokratie-Ministerrunde“ eine Streichliste vorgelegt, von der sich der Kanzler und sein Digitalminister viel versprechen. Sie enthält unter anderem weniger Melde- und Dokumentationspflichten – übrigens auch für Landwirte, Tierärzte und Tierhalter. Bei Infrastrukturprojekten soll es weniger Einzelprüfungen geben, auch wenn es um die Umweltverträglichkeit geht. Ein Reizwort der Woche bleibt das Thema Minijobs. Sie sind derzeit (noch) steuerlich und in der Sozialversicherungspflicht niedrig pauschaliert. Das betrifft fast acht Millionen gering Beschäftigte und deren Arbeitgeber. Und nicht nur den Dienstleistungsbereich mit Einzelhandel und Gastgewerbe, sondern auch überall diejenigen, wo es um Erntehilfe geht. Der Deutsche Bauernverband (DBV) wendet sich deshalb gegen die Abschaffung beitragsfreier Minijobs im Zuge einer Rentenreform. DBV-Präsident Rukwied warnt gegenüber der Rheinischen Post vor Einschränkungen bei geringfügiger Beschäftigung: „Das wäre ein harter Schlag und würde bei vielen Betrieben die Existenzkrise verschärfen.“ Schicksal des berühmten Buckelwals lässt uns nicht los Kommen wir noch einmal auf ein anderes Thema zurück. Viele von uns erinnern sich an das Aufsehen um den verendeten Buckelwal mit dem Kosenamen Timmy. Das Leiden dieses einzelnen Exemplars unter den geschätzt über 100.000 Artgenossen, die in den Weltmeeren leben, wurde zum Boulevardthema Nummer eins. Die Dänen sehen das etwas anders. Uns erreichten die Geschichten teilweise im Live-Stream über das schließlich vor der dänischen Insel Anholt verendete Tier in allen nur denkbaren Details. In einer von der Bild angetriebenen Medienlandschaft landete das Szenario bei uns nahezu allen. Und nun auch auf der Bühne. So inszeniert jetzt das Hamburger Ernst-Deutsch-Theater die Wal-Rettungsversuche als moderne Passionsgeschichte. „Das ist geschmacklos“, findet unser Autor Christian Urlage. In unserem Blog geht er in der nächsten Woche auf diese satirische Übertragung des Kreuzigungstodes in ein Theaterstück kritisch ein. Zum Spendenformular Hinter der ganzen Thematik über den Umgang mit diesem medienträchtigen Schicksal steht gerade in urban geprägten Gesellschaften die oft spaltend gestellte Frage: „Verletzte Wildtiere retten oder in Ruhe lassen“. Bemerkenswerte Antworten sind mir in einem Zeitungsinterview aufgefallen und kommen aus dem eher dörflichen Bereich und dem Ort Klein Offenseth – Sparringshoop. Dieser Ortsname ist mir in Schleswig-Holstein bisher noch nicht ins Bewusstsein gekommen, obwohl ich das Land zwischen den Meeren gut kenne. Ich habe dort lange gewohnt und journalistisch gearbeitet. Meine Ortskenntnis hat sich kürzlich durch einen bemerkenswerten Text erweitert, auf den ich beim Blättern in einer Zeitung der Verlagsgruppe SHZ gestoßen bin. Katharina Erdmann wird zitiert, die mit ihrem Mann dort bei Elmshorn ein Wildtier- und Artenschutzzentrum unterhält und sehr genau unterscheidet, wann man Wildtiere retten soll und wann nicht. Auf eine entsprechende Frage antwortete sie: „Wir hören immer mal wieder Skepsis heraus: Warum macht ihr das überhaupt? Das ist doch Natur. Das stimmt auch manchmal. Letztens rief ein Mann an, der uns einen kleinen Feldhasen bringen wollte, den er zuvor einem Bussard entrissen hatte. Da habe ich gesagt: Moment mal. Der Hase ist schwer verletzt und wird es wohl nicht schaffen. Und dem Bussard wurde das Butterbrot weggenommen, und er hat wahrscheinlich auch gerade Jungtiere. Es ist nun mal Natur, dass Tiere andere Tiere fressen. Was maßen wir uns an, einzugreifen, nur weil wir es nicht ertragen können.“ Sie unterscheidet offensichtlich bewusst, wann sie helfen sollte oder wann nicht. Ihre Bemerkung dazu: „Wenn Menschen selbst noch nie mit einem Wildtier in Not konfrontiert waren, fragen sie eher, warum man eine Wildtierstation überhaupt braucht. Aber wenn sie ein verletztes Tier erleben, wird großes Emotionspotenzial frei.“ Beim Lesen ihrer Motivation verstehe ich den geschilderten Unterschied zwischen natürlichen oder zivilisatorischen, also menschengemachten Gründen zur Aufnahme verletzter Wildtiere. So ordnet sie auch die Behandlung des vor Poel zunächst gestrandeten und dann verendeten Buckelwals anders ein als viele: „Und dann sollten wir Menschen schon in irgendeiner Form handeln. Im Zweifel kann das auch bedeuten, das Tier einzuschläfern. Man muss aber sagen, dass das bei so einem großen Tier alles andere als schön aussieht. Das macht auch was mit den Verantwortlichen, die sich davor scheuen, so eine harte Entscheidung zu fällen, weil es dann mit Sicherheit einen Shitstorm auf Social Media gäbe. Da muss man sich als Gesellschaft fragen: Warum sind wir nicht bereit, so unschöne Bilder auszuhalten? Oft wird hier mit zweierlei Maß gemessen.“ Dem ist kaum etwas hinzuzufügen. Das Thema Natur treibt viele Verbände, Vereine oder Stiftungen an Bleiben wir beim Umgang mit unserer Natur. Ihr widmen sich mit teilweise unterschiedlichen Sichtweisen Verbände, Vereine, Stiftungen mit ihren unterschiedlichen Strukturen – ehrenamtlich oder professionell. Die „Stiftung natur+mensch“ gehört dazu. Sie beteiligt sich neben ihrer ehrenamtlichen Organisation und naturpädagogischen Arbeit hinaus über den Blog und diesen Newsletter mit professionellen journalistischen Beiträgen an den Debatten über politische, gesellschaftliche und fachliche Themen. Sie liegen im Spannungsbogen zwischen ländlichen Strukturen mit der Naturentwicklung und -nutzung sowie Zusammenhängen von Jagd, Landwirtschaft und Forst, Wohnen und Wirtschaft im ländlichen Raum. Dort leben je nach verwendeter Definition 57 Prozent der Bevölkerung. Diese Gebiete umfassen etwa 91 Prozent der Gesamtfläche des Bundesgebietes. Wenn man ins politische Berlin schaut, kommen die entsprechenden Befindlichkeiten für mich dort irgendwie zu kurz. Nahezu alles, was Natur, die Umwelt und ihre Nutzung betrifft, wird gesetzlich und behördlich geregelt. Wenn es also darum geht, gehört Lobby-Arbeit wie in allen politischen Feldern überall dazu. Dazu passt ein Beitrag, den unser Autor Christoph Boll nächste Woche in unserem Blog in diese Zeit und Zusammenhänge setzt: Zur Jahresmitte sind die Landesjägertage und der Bundesjägertag gelaufen und soweit anstehend auch die nötigen Wahlen des jagdlichen Spitzenpersonals. Das ist ausnahmslos in ehrenamtlichen Präsidien tätig. Im Gegensatz dazu steht die Organisationsstruktur vieler anderer Umwelt- und Naturschutzverbände mit hauptamtlichen Präsidenten/Vorständen. Da stellt sich angesichts immer schärferer gesellschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen um das Waidwerk die Frage nach der zukunftsfähigen Struktur der jagdlichen Interessenvertretung. Dazu macht sich unser Autor Gedanken und zieht Vergleiche zu anderen anerkannten Naturschutzverbänden. Überall wird das Wasser knapp Trockenheit ist in diesen Tagen überall ein Thema. Trockene Forsten mit Waldbrandgefahr, wasserarme Flüsse und sinkende Grundwasserspiegel zeigen bereits Wirkung. Behörden verfügen Verbote von Wasserentnahmen aus Flüssen und Bächen. Das trifft Landwirtschaft und Gartenbau besonders. Wer mal auf das Rasensprengen verzichtet, kann sicher sein, dass die Fläche wieder grün wird, wenn Feuchtigkeit zurückkehrt. Fauna und Flora leiden. Anhaltende Trockenheit und Hitze setzen gerade auch heimische Wildtiere stark unter Stress. Besonders Vögel, Igel und Insekten leiden unter dem Mangel an natürlichen Wasserstellen. Während große Säugetiere wie Rehe oder Wildschweine weite Strecken zurücklegen können, sind Kleintiere dringend auf flache Wasserschalen im Garten angewiesen. Das alles gehört im weiteren Sinne zum „Lernort Natur“. So heißt die große Verbandsinitiative der Jäger. Zu deren 35-jährigem Jubiläum hat der Landesjagdverband NRW eine Projektwoche in allen Teilen des Landes mit Rollenden Waldschulen, Besuchen von Einrichtungen aller Art (vom Kindergarten bis zum Seniorenheim), Exkursionen, lokalen Projekttagen hinter sich. Dazu gratulieren wir herzlich als „Stiftung natur+mensch“ und als lokal sowie ergänzend wirkende Partner mit unserem naturpädagogischen Waldrucksack. Mit Förderern bieten wir ihn zusätzlich Grundschulen und Kindergärten an. So wurden jüngst mit dem Rotary Club in Hamm-Mark allein 17 Grundschulen in der Stadt damit ausgestattet. Es kann gar nicht genug Angebote geben, wenn es um die Vermittlung von Fakten und Zusammenhängen in der Natur geht. Hiermit verabschiede ich mich heute mit den besten Wünschen für erholsame Sommerferien (im Süden etwas später), in denen wohl viele unserer Leserinnen und Leser die Natur anderswo als gewohnt erleben. Ihr Jost Springensguth Redaktionsleitung / Koordination

  • Jagd ist wirtschaftlicher Faktor

    Jagd und Schießsport sind enorme wirtschaftliche Motoren in Europa. Der gesamte Bereich trägt jährlich rund 180 Milliarden Euro zur europäischen Wirtschaftskraft bei und sichert nach einer Studie europaweit mehr als 1,1 Millionen Arbeitsplätze Foto: wave111 Die sozioökonomische Analyse „The Firearms and Ammunition Sector for Sporting, Hunting, and Civilian Use in Europe“ (Der Feuerwaffen- und Munitionssektor für Sport, Jagd und zivile Nutzung in Europa) der italienischen Universität Urbino „Carlo Bo“ hat ermittelt, dass die Branche rund 0,99 Prozent zum gesamten europäischen Bruttoinlandsprodukt (BIP) beiträgt. Die Werte beziehen sich primär auf die Bereiche Waffen, Munition und direkt verwandte Sektoren in 30 Ländern, darunter alle EU-Staaten sowie Norwegen, die Schweiz und das Vereinigte Königreich. Die Ergebnisse erfassen den eigentlichen Produktionsbereich einschließlich der damit verbundenen Dienstleistungen, Lieferketten und induzierten Effekte. Der Kernbereich der europäischen Feuerwaffen- und Munitionsindustrie für zivile und sportliche Zwecke erwirtschaftet jährlich mit rund 80.000 Beschäftigten einen Jahresumsatz von etwa zwölf Milliarden Euro. Dabei sind auch die Komponentenindustrie und die mit Feuerwaffen zusammenhängenden Sektoren berücksichtigt. Gezeigt hat sich auch, dass die kleinen und mittelständischen Unternehmen nach wie vor eine treibende Kraft im Bereich der zivilen Feuerwaffen sind. Die Universität Urbino „Carlo Bo“ beschäftigt sich seit Jahren mit dem zivilen Schusswaffensektor. Dabei geht es darum, die Herstellung von Schusswaffen und Munition für den Sport-, Jagd- und persönlichen Verteidigungsgebrauch unter dem Gesichtspunkt des Produktions- und Vertriebssystems zu untersuchen. Auf diese Weise lassen sich sein wirtschaftlicher Wert in Form von Umsatz und Mehrwert messen und die positiven Auswirkungen auf das gesamte System abschätzen. Prof. Fabio Musso, Leiter der im vergangenen Herbst vorgestellten Studie und einer der fünf Autoren, erläuterte die Zielsetzung und kommentierte die Ergebnisse der aktuellen Analyse: „Aufbauend auf den positiven Erfahrungen mit einer ähnlichen Studie, die zuvor in Italien durchgeführt wurde, haben wir uns entschlossen, ein größeres Projekt durchzuführen, um die sozioökonomischen Auswirkungen der Sektoren Feuerwaffen, zivile Munition und verwandte Bereiche auf europäischer Ebene zu analysieren. Das Ergebnis ist eine einzigartige Studie, die eine eingehende Bewertung des gesamten Sektors und seines Wertes in Bezug auf Umsatz und Beschäftigung liefert.“ Bahnbrechende Forschungsergebnisse Die Arbeit zeigt, dass der Sektor nicht nur eine in Europa verwurzelte kulturelle und sportliche Tradition hat. Thierry Jacobs, Präsident des Verbandes der europäischen Hersteller von Sportmunition (Association des Fabricant Européen de Munitions de Sport / AFEMS), sprach von einer bahnbrechenden Forschung, deren Ergebnisse „die europäischen Institutionen anerkennen und berücksichtigen sollten“. Und Helmut Dammann-Tamke, Präsident des Deutschen Jagdverbandes (DJV) und Vizepräsident des europäischen Jagd-Dachverbandes FACE, betonte den Nachweis des hohen sozioökonomischen Beitrags, „den sieben Millionen Jägerinnen und Jäger in ganz Europa jährlich erbringen“. Klar ist: Die Jagd ist ein boomendes Geschäft und geht weit über die ermittelte Wirtschaftskraft von 180 Milliarden Euro hinaus, denn sie bezieht sich ausschließlich auf den Verkauf von Waffen und Munition. Darüber hinaus geben die Waidgenossen in Europa gemeinsam mit den Sportschützen 96,3 Milliarden Euro für ihre Leidenschaft aus. Das sichert weitere Arbeitsplätze, nämlich gut 85.000 in der Produktion und etwa 490.000 im Bereich der Dienstleistungen. Viele Leistungen nicht bezifferbar Die etwa sieben Millionen Jäger in Europa leisten also einen nennenswerten Beitrag zur Wirtschaftskraft und dies nicht nur im ländlichen Raum, wo das Waidwerk sich im engeren Sinne naturgemäß ereignet. Geld fließt für Ausrüstung von der Bekleidung bis zur Optik, Hundehaltung, Steuern, Pachten, Trophäenpräparation und Wildbret, Wildschadenersatz, jagdlich inspiriertes Kunstgewerbe und im Jagdtourismus bis hin zum Beherbergungsgewerbe. Hinzu kommen kaum bezifferbare Beträge und die fast immer unberücksichtigten monetären Aspekte, die etwa dadurch entstehen, dass die Jagd zum klimaresilienten Umbau der Wälder beiträgt, Jäger an der Erhaltung von Arten ebenso mitwirken wie an der Wiederherstellung von Lebensräumen und an der Biotopgestaltung. Zudem leistet die Jagd durch die Regulierung von Wildbeständen unverzichtbare volkswirtschaftliche Dienste, indem sie massive Schäden in der Forst- und Landwirtschaft verhindert.

  • Zuckerindustrie erlebt saure Zeiten

    Der Finanzminister will Süßes und Alkohol höher besteuern. Hilft der Gesundheit – und vor allem seinem Etat Foto: Mondgesicht Die Steuerpläne der Bundesregierung und die im Vorfeld der Haushaltsberatungen geplanten Kürzungen treffen viele Branchen – auch natürlich den Etat des Landwirtschaftsministeriums. Besonders die Zuckerindustrie, die Lebensmittelwirtschaft und die Rübenbauern dürften Einbußen hinnehmen müssen. Auch die ohnehin arg gebeutelten Winzer erwarten neue Belastungen. Ein Überblick: Die Zuckersteuer: Die Koalition hat die Einführung einer Herstellerabgabe beschlossen. In der letzten Sitzung vor der Sommerpause stimmten die Regierungsfraktionen geschlossen für den von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken ausgearbeiteten Entwurf zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Die Mehreinnahmen durch die Abgabe auf zuckergesüßte Getränke (geschätzt 450 Millionen Euro jährlich) sollen einen finanziellen Beitrag zur Stabilisierung der gesetzlichen Krankenkassen leisten, heißt es in Berlin. Zudem sollen sie insbesondere die Prävention im Bereich der Diabetes-Erkrankungen und ihrer Folgen stärken. Eine Abgabe auf zuckergesüßte Getränke ist bereits in mehr als 100 Ländern weltweit etabliert. So weit, so gut. Die Zuckerindustrie: Gegen die Abgabe oder Steuer wandten sich zuletzt mehr als 300 Unternehmen der deutschen Getränkewirtschaft. In einem offenen Brief appellierten sie an die Politik, auf zusätzliche Belastungen für Unternehmen und Verbraucher zu verzichten. „Es ist von einem Verlust der Bruttowertschöpfung in der Größenordnung von rund 200 bis 250 Millionen Euro pro Jahr auszugehen. All dies, ohne die eigentlichen Ursachen von Übergewicht wirksam zu bekämpfen. Nachhaltiger wären Maßnahmen, die Ernährungskompetenz stärken und einen gesunden Lebensstil fördern, anstatt neue steuerliche Belastungen zu schaffen“, heißt es in dem Schreiben, welches unserer Redaktion vorliegt. Das vorgeschlagene Konzept koste Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft hier bei uns in ländlichen Regionen – in Zuckerfabriken, der Landwirtschaft und entlang der gesamten Wertschöpfungskette, wirft Günter Tissen, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker, der Koalition vor. Für die Zuckerwirtschaft sprechen seiner Meinung nach drei wichtige Argumente gegen die Zuckersteuer: „Sie vernichtet Arbeitsplätze. Die Steuer wird für uns wirtschaftliche Konsequenzen haben. Denn sie bewirkt, dass künstliche Süßstoffe unseren heimischen Rübenzucker ersetzen. Die Nachfrage geht zurück. In der schwersten Krise der Zuckerwirtschaft seit Jahrzehnten werden tarifgebundene Arbeitsplätze und durch harte Arbeit erzielte Wertschöpfung wegfallen.“ Besonders groß sind die Befürchtungen bei den Zuckerrübenbauern in Bayern und am Niederrhein. In diesen Regionen sind diese Landwirte und die weiterverarbeitende Zuckerindustrie traditionell am stärksten vertreten. Die Verbände: Für die Bürger würde die Steuer höhere Ausgaben bedeuten, insbesondere für Haushalte mit niedrigem Einkommen. „Der Anstieg im Preisniveau dürfte voraussichtlich zu weiteren staatlichen Interventionen führen, zum Beispiel bei der Berechnung zu erhöhender sozialer Transfergelder“, heißt es weiter in dem offenen Brief. Die Ökonomen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung sind laut tagesschau.de zudem der Meinung, dass eine Zuckersteuer das Problem der Fehlernährung und des Übergewichts nicht allein lösen könne. Befürworter argumentieren, mit einer Steuer Behandlungskosten im Gesundheitswesen für Diabetes oder Karies zu reduzieren. Schaumweinsteuer soll steigen Noch härtere Zeiten dürften auch auf die ohnehin geplagten Weinbauern und Winzer zukommen. Grund ist die geplante Erhöhung der Schaumweinsteuer um 20 Prozent. „Die deutsche Weinwirtschaft befindet sich in einer der schwersten wirtschaftlichen Krisen der vergangenen Jahrzehnte. Sinkende Absatzmengen, ein rückläufiger Weinkonsum, steigende Produktions-, Energie- und Lohnkosten sowie erhebliche Unsicherheiten auf den internationalen Märkten setzen Winzerbetriebe, Genossenschaften, Kellereien und den Weinfachhandel gleichermaßen unter Druck. Zahlreiche Betriebe kämpfen inzwischen um ihre wirtschaftliche Existenz. Vor diesem Hintergrund sendet die geplante Steuererhöhung das völlig falsche Signal“, schreibt der Deutsche Weinbauverband in einem Papier. Zusätzliche steuerliche Belastungen entzögen den Unternehmen genau jene finanziellen Spielräume, die sie für Innovationen, Investitionen und die Sicherung ihrer Wettbewerbsfähigkeit dringend benötigen. Die Weinwirtschaft ist Teil der Landwirtschaft und sichert Wertschöpfung und Beschäftigung weit über die eigentliche Weinproduktion hinaus. Von Rebschulen, Maschinenbau, Pflanzenschutz und Kellerwirtschaft über Verpackungsindustrie, Logistik, Gastronomie und Fachhandel bis hin zum Weintourismus profitieren zahlreiche Wirtschaftszweige von einer leistungsfähigen Weinwirtschaft. Die neuerliche steuerliche Belastung gefährde genau das – eine leistungsfähige Weinwirtschaft, die gerade vielen ländlichen Regionen in Deutschland ein ganz besonderes Erscheinungsbild gibt.

  • Zusammenhalt braucht Haltung – in Berlin, auf dem Land und im Revier

    Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd Liebe Leserin, lieber Leser! Hinter uns liegt eine Woche, in der die Suche nach mehr Gemeinsamkeiten und gesellschaftlichem Zusammenhalt im Mittelpunkt stand. Dies gilt für den Bundesjägertag am letzten Wochenende im thüringischen Suhl mit bemerkenswerten Positionen zum ethischen Verhalten unserer Jägerinnen und Jäger, wenn es in die Kommunikation mit Mitmenschen und in die Reviere geht. Ebenso gilt das mit Blick auf die Politik in Berlin, wo Merz und Klingbeil – mal flapsig gesagt – ihren Laden zusammenhalten müssen, um Deutschland politisch wie wirtschaftlich zu stabilisieren und nach vorn zu bringen. Der Finanzminister hat seinen Haushalt durchs Kabinett gebracht und muss sehen, dass in den Folgediskussionen aus den Finanzlücken nicht noch weitere Glaubwürdigkeitslücken wachsen. Außerdem haben wir diese Woche gelernt, dass sich die AfD in ihrer selbst zugeordneten Rolle als Volkspartei in der Wählerschaft immer selbstbewusster verfestigt, obwohl insbesondere die Vorsitzende trotz aller rhetorischen Verrenkungen eins nicht verbergen kann: Personen und Positionen in ihrem Umfeld sind nicht nur extrem, sondern extremistisch. Das lenkt automatisch wieder einmal den Blick auf Erwartungen oder auch Befürchtungen zu den bevorstehenden Landtagswahlen. 1.650 Seiten umfasst der Entwurf des Bundeshaushaltes 2027 – von mehr als 15 cm Höhe, wenn man die Seiten aufeinanderstapelt. Diesbezüglich und mit den Zahlen aus dem Inhalt hat der Bundesfinanzminister jedenfalls erst einmal damit für Wachstum gesorgt. Klingbeil plant für 2027 mit 555,4 Milliarden an Ausgaben. Immerhin sind das fast sechs Prozent mehr, als der Bund in diesem Jahr im sogenannten Kernhaushalt ausgeben will. Hinzu kommen noch die zwei „Schattenhaushalte“ mit den Etiketten „Sondervermögen“ für die Bundeswehr (rund 30 Milliarden) und „Infrastruktur und Klimaneutralität“ (fast 55 Milliarden Euro) für Investitionen in Straßen, Brücken, Schienen und Digitalisierung. Die Opposition hat sich aufgabengemäß sofort mit ihren gewohnt unterschiedlichen kritischen Ansätzen für die kommenden Haushaltsberatungen bereits wortgewaltig in Stellung gebracht. Aus der grünen Ecke heißt es, Klingbeil plündere für seinen Haushalt den Klimafonds. Die Linke beißt sich an den kreditfinanzierten Militärausgaben fest und die AfD will mit ihrer Einstellung zum Ukraine-Krieg dieses Zitat des Finanzministers überhaupt nicht verstehen: Man könne sich gegenüber Wladimir Putin nicht mit der schwarzen Null verteidigen. Die andere Seite der Haushaltspolitik wird innerhalb der Koalition bei der Union noch ein Thema bleiben. Das ist die Verschuldung. So musste der Bundeskanzler diesbezüglich Kröten schlucken, als er am Montag beim Haushaltsbeschluss auch für die geplante Nettokreditaufnahme von rund 119 Milliarden Euro die Hand gehoben hat. Zusammen mit den schuldenfinanzierten Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität sowie für die Bundeswehr summieren sich die neuen Schulden für das kommende Jahr auf 203,7 Milliarden Euro. Gleichwohl bleiben die Spitzen der Koalition in Berlin dabei, seit ihren Reformbeschlüssen das innere Versprechen zur Disziplin der Geschlossenheit einzulösen. Mit Blick auf die Diskussionsfreudigkeit in Parteien und Fraktionen während der Sommerpause und auf die anstehenden Landtagswahlen wird das wohl noch anstrengend werden. Einen Vorgeschmack lieferte bereits die Ministerpräsidentin und Wahlkämpferin zum 20. September in Mecklenburg-Vorpommern, als der Sturm um das Reizthema Krankschreibung losbrach. Innerhalb der SPD und in Gewerkschaftskreisen regen sich bereits weitere massive interne Widerstände gegen die jüngsten Reform- und Haushaltspläne. Hauptkritikpunkte sind die Kürzungen im sozialen Bereich, Verschärfungen bei den Krankschreibungen, das Aufweichen der Klimafinanzierung sowie die starke Anpassung an die Unionspolitik. Dasselbe ist umgekehrt zum Thema Verschuldung aus der Wirtschaft und mit entsprechenden Vernetzungen in die Reihen von CDU und CSU hinein zu erwarten. Ein ernstes Problem sind nun einmal die jährlichen Zinsausgaben. Sie steigen von 41,9 Milliarden auf fast 81 Milliarden Euro im Jahr 2030. Der Blick in Einzeletats löst auch Enttäuschungen aus Bei diesen großen Zahlen erscheint das, was der Bundesminister für Landwirtschaft und Ernährung planen kann, geradezu geringfügig. Der Agraretat 2027 beläuft sich laut Kabinettsbeschluss auf 6,973 Milliarden Euro. Das ist eine Kürzung um 0,3 Prozent. Bei der Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur (GAK) sowie in der Ökolandbau- und Waldförderung sind spürbare Einschnitte geplant. So erwartet der Deutsche Bauernverband vom Bundestag im Etatverfahren „deutliche Nachbesserungen“. Bauernpräsident Rukwied mahnt: „Wer die Zukunft der Landwirtschaft stärken, Innovationen fördern und die ländlichen Räume resilienter machen will, braucht verlässliche mehrjährige Finanzierungszusagen. Auf Grundlage dieses Haushaltsentwurfs ist das kaum möglich.“ Das trifft natürlich auch die Entwicklungsfähigkeit der ländlichen Räume mit ihren ungleich verteilten Stärken und im Einzug von Wirtschaftsschwerpunkten und Rand-Regionen mit dünner Besiedlung und Abwanderung. Zum Spendenformular In der nächsten Woche kommen wir in einem Blog-Beitrag auf die indirekten Auswirkungen der Steuerbeschlüsse mit Blick auf die Gesundheit und den Haushalt zurück. Unser Autor Frank Polke beleuchtet dann auch diesen Aspekt: Harte Zeiten könnten auf die Zuckerrüben-Bauern zukommen. Der Bayerische Bauernverband hat sich bereits dazu warnend gemeldet. Die jetzt im Bundestag beschlossene Zuckersteuer dürfte zu einem Absatzeinbruch gerade bei der Herstellung von Limonaden und Süßigkeiten führen – und damit die Zuckerhersteller massiv treffen. Von denen sitzen viele in Bayern. Pikant: Der amtierende Landwirtschaftsminister heißt Alois Rainer – und stammt aus Bayern. Sichtbare Positionen bei ethischen Grundsätzen Unter die Überschrift „Ethik, Einheit und politische Rückendeckung“ haben wir Anfang der Woche eine nachrichtliche Zusammenfassung über den Bundesjägertag in unseren Blog gesetzt. Hier in meiner Wochenkolumne noch ein besonderer Hinweis auf das zentrale Anliegen, mit klar sichtbaren Positionen und ethischen Grundsätzen für noch mehr gesellschaftliche Akzeptanz unserer Jagd zu sorgen. Viele Jäger und Jägerinnen treibt es um, wenn sie etwa im privaten oder beruflichen Umfeld mitunter auf Verschlossenheit und Unverständnis treffen, wenn ihre Passion zur Sprache kommt. Und wenn es darum geht, den „vernünftigen Grund“ für das Töten innerhalb des Tierschutzrechts und damit auch die Tiernutzung zu erklären. Dr. Florian Asche (Vorsitzender des Landesjagdverbandes Mecklenburg-Vorpommern) hat sich innerhalb der organisierten Jägerschaft dieses Themas mit seiner ausgewiesenen Expertise als Rechtsanwalt und Publizist von Fachveröffentlichungen angenommen. Mit diesem Hintergrund hat er die intensive Diskussion zu diesem Themenkreis auf dem Bundesjägertag vorbereitet und geleitet. Im Vorfeld hat er das Spannungsfeld, wie Recht, Ethik und gesellschaftliche Erwartungen kollidieren, formuliert und die Frage angefügt, welche Herausforderungen für die Jägerschaft daraus folgen. Antworten müssten Aussagen zur Legitimität der Jagd, zur Leistungsfähigkeit, zur Aus- und Weiterbildung und zum Verhältnis zur Technik beinhalten. Nach diesem dazu entwickelten Grundsatzpapier ordnen sich die Jägerinnen und Jäger als Teil einer pluralistischen Gesellschaft ein. Sie müssen ihr Handeln nachvollziehbar begründen. Tiergerechte Jagd orientiere sich am Grundsatz, Wildtiere so wenig wie möglich zu beeinträchtigen und mit Respekt und Verantwortungsbewusstsein zu erlegen. Sie diene nicht zuletzt auch dem Wohl der Wildtiere, indem sie Bestände gesund hält, Krankheiten vorbeugt und Tierleid mindert. Sie ist damit gelebter Tierschutz im Rahmen verantwortungsvoller Nutzung natürlicher Ressourcen. Zum Thema Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit heißt es weiter in dem Grundsatzpapier: „Jede Form von Kommunikation – ob im persönlichen Gespräch, in sozialen Medien oder in der Öffentlichkeit – prägt die gesellschaftliche Wahrnehmung und Akzeptanz der Jagd. Jägerinnen und Jäger tragen daher Verantwortung für ihre Außenwirkung.“ Das gilt es noch mehr ins Land zu tragen. In unseren Publikumsmedien habe ich mal wieder viel zu wenig davon gelesen, gehört und gesehen. Einige Zeitungen haben das darauf reduziert, wie viel Nutria Jäger erlegt haben. Wir werden in unserem Blog natur+mensch weiter ausführlich auf diese Thematik eingehen. Jagd ist ein Milliardenmotor für Europas Wirtschaft Jagd und Schießsport sind enorme wirtschaftliche Motoren in Europa. Der gesamte Bereich trägt jährlich rund 180 Milliarden Euro zur europäischen Wirtschaftskraft bei und sichert europaweit mehr als 1,1 Millionen Arbeitsplätze. Zu diesem Ergebnis kommt eine wissenschaftliche Studie der Universität Urbino. Sie hat ermittelt, dass die Branche rund 0,99 Prozent zum gesamten europäischen Bruttoinlandsprodukt (BIP) beiträgt. Die Werte beziehen sich primär auf die Bereiche Waffen, Munition und direkt verwandte Sektoren in 30 Ländern, darunter alle EU-Staaten sowie Norwegen, die Schweiz und das Vereinigte Königreich. Nicht berücksichtigt sind in der Studie, die unser Autor Christoph Boll in der kommenden Woche in einem Blog-Beitrag vorstellen wird, viele angrenzende Bereiche, in denen die Waidgenossen in Europa gemeinsam mit den Sportschützen weitere 96,3 Milliarden Euro für ihre Leidenschaft ausgeben. Das sichert weitere Arbeitsplätze, nämlich gut 85.000 in der Produktion und etwa 490.000 im Bereich der Dienstleistungen. Überhaupt nicht beziffern lässt sich der monetäre Wert des jagdlichen Beitrags am klimaresilienten Umbau der Wälder, der Erhaltung von Arten und der Wiederherstellung von Lebensräumen. Immer mehr Digitales und KI in der Natur Vor einem Monat haben wir über ein Projekt berichtet, in dem es um eine neue Form der Wildtierforschung ging: „Wie Kameras für die Jagd mit KI denken lernen“. Es ging darum, wie die Jagd zum Vorreiter für innovative Wildtierforschung werden kann, und um das Projekt „Rotwild-ID“ in Schleswig-Holstein. Durch Auswertung tausender Wildkamera-Bilder werden mit einem System der Gesichtserkennung Wanderwege des Rotwildes ohne Markierung oder Besenderung dokumentiert und ausgewertet. So kann zum Beispiel erfasst werden, wie viele Rothirsche im Lande unterwegs sind, wohin sie wandern und wohin sie immer wieder zurückkehren. Vergleichbares kommt immer mehr auch in der Forstwirtschaft zum Einsatz. Ebenfalls in Schleswig-Holstein befasst sich das Landesamt für Vermessung und Geoinformation mit dem Einsatz digitaler Techniken, um eine „belastbare Vitalitätsanalyse des Waldes“ zu erstellen. Danach könne das System bei der Auswertung aus verschiedenen Datenquellen Zeitreihen erstellen, wie sich der Gesundheitszustand des Waldes verändert. Künstliche Intelligenz greift hier auf Millionen Bild- oder Messpunkte zu, die aus Satellitendaten, Drohnenaufnahmen, Sensordaten, Wettermodellen und digitalen Forstkarten stammen. Ähnliche Systeme kommen inzwischen auch zur Abschätzung von Waldbrandrisiken zum Einsatz. Übrigens ein gerade in dieser Woche akut gewordenes Thema. So verändert und erweitert sich ständig der Blick auf Natur und ökologische Zusammenhänge. Mit diesen Bemerkungen zur Woche verabschiede ich mich diesmal ins Wochenende mit besten Wünschen Ihr Jost Springensguth Redaktionsleitung / Koordination

  • Bei Zecken gilt Vorsicht und Vorsorge

    Das extrem heiße Wetter der vergangenen Tage hat auch Vorteile. Einer ist, dass Zecken bei Hitze deutlich weniger aktiv sind. Grundsätzlich sind Vorsicht und Vorsorge im Umgang mit den Spinnentieren geboten. Sie übertragen etliche Krankheiten Vollgesogene Zecke im Hundefell (Foto: losch/Wikipedia) Angesichts der vielen von ihr übertragbaren Krankheiten kann man die Zecke als das gefährlichste Tier Deutschlands bezeichnen. Das zumindest legen die Beiträge beim süddeutschen Zeckenkongress 2026 nahe. Mehr als 60 Wissenschaftler kamen dazu an der Universität Hohenheim zusammen, um über neueste Forschungen über Zecken und die von ihnen übertragenen Krankheiten zu sprechen. Die bekanntesten sind sicher die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und die Borreliose. Dazu gehören aber auch Tularämie, die sogenannte Hasenpest, und Babesiose, oft Hundemalaria genannt, die für Hunde lebensgefährlich werden kann. An freilebenden Caniden (Hundeartigen) haben Wissenschaftler bis zu mehreren hundert Zecken gefunden. Seinen Vierbeiner schützen kann man mit chemischen Mitteln, die in Form von Spot-on-Tropfen, Injektionen oder Kautabletten verabreicht werden. Außerdem gibt es entsprechend präparierte Halsbänder. Wer nur auf „biologische“ Mittel wie Kokosöl oder Bierhefe setze, riskiere im schlimmsten Fall das Leben seines Vierbeiners, hieß es während des Kongresses. Außerdem gehört er vielleicht zu jenen, deren Hunde ohne wirksame Prophylaxe in den vergangenen Jahren vermehrt die Braune Hundezecke aus wärmeren Ländern nach Deutschland eingeschleppt haben. FSME-Infektionsrisiken sind drastisch gestiegen Für Menschen besonders gefährlich ist die Virusinfektion FSME. Sie wird oft innerhalb einer Stunde nach den Zeckenstich übertragen. Die Folge sind grippeähnliche Beschwerden und in schweren Fällen gefährliche Entzündungen von Gehirn, Hirnhäuten oder Rückenmark. Erkrankten ist nur mit einer lindernden Behandlung zu helfen, zum Beispiel mit fiebersenkenden Mitteln. Antibiotika helfen bei FSME nicht, da es sich um Viren und nicht um Bakterien handelt. Das Infektionsrisiko ist in den vergangenen Jahren drastisch angestiegen und inzwischen regional bis zum 15-fachen höher als vor 40 Jahren. Da es keine ursächliche Behandlung gegen das Virus gibt, ist der beste Schutz die Impfung, zu der auch die Experten in Hohenheim dringend rieten. Für einen Langzeitschutz sind drei Impfdosen notwendig. Mit einer Express-Impfung kann kurzfristig innerhalb weniger Wochen ein Basisschutz aufgebaut werden. In Deutschland zählen besonders Regionen in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Thüringen, Sachsen und Teilen von Rheinland-Pfalz und Brandenburg zu den 180 FSME-Risikogebieten. Das unabhängige, ehrenamtliche Expertengremium der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung allen Personen, die in Risikogebieten leben oder dorthin reisen und Kontakt zu Zecken haben könnten. Das Robert-Koch-Institut (RKI) informiert mit einer tagesaktuellen Karte über alle Risikogebiete in Deutschland und Europa. Borreliose gilt als gut behandelbar Häufig wird FSME mit der in den meisten Bundesländern meldepflichtigen Borreliose verwechselt. Dabei handelt es sich allerdings um eine bakterielle Infektion. Sie ist erkennbar an der sogenannten Wanderröte, einem roten Kreis um die Einstichstelle, und Gelenkschmerzen. Eine Impfung dagegen gibt es bislang nicht. Die Krankheit gilt jedoch als gut behandelbar, wenn sie früh erkannt wird. Die Anzahl der Zecken mit Borrelien ist standortabhängig. In einem Forschungsbericht in Hohenheim war von einer Bandbreite zwischen knapp 22 Prozent und fast 50 Prozent die Rede. Tendenziell ist der Wert in Mitteldeutschland am höchsten und im Norden am niedrigsten. Die Zahl der menschlichen Erkrankungen ist durchaus hoch. Vor Pfingsten meldete das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) für das laufende Jahr bereits 14 FSME-Fälle sowie 515 Borreliose-Erkrankungen. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres seien es bayernweit 570 Borreliose- bzw. 21 FSME-Fälle gewesen. Bundesweite Zahlen hat das RKI, das für 2025 insgesamt 693 bestätigte FSME-Fälle registrierte. Diese Zahl folgt auf das Jahr 2024, in dem mit 686 Fällen der zweithöchste Wert seit Beginn der Datenerfassung gemeldet wurde. Borreliose ist deutlich weiter verbreitet. Jährlich wird die Krankheit in Deutschland schätzungsweise rund 300.000 Mal diagnostiziert. Im Jahr 2024 erfolgten laut Statistischem Bundesamt rund 4.830 Krankenhausbehandlungen aufgrund einer Borreliose. Beide Erkrankungen können tödlich verlaufen. 2024 starben in Deutschland 24 Menschen an den Folgen eines Zeckenstiches, davon 15 an Borreliose und neun an FSME. Gleichwohl liegt etwa die Impfquote in Bayern bei lediglich rund 23 Prozent. Erkrankungen können tödlich enden Relevant ist dieses Thema besonders für alle aktiven Natur- und Waldbesucher. Denn wer viel in Wäldern, auf Wiesen oder im eigenen Garten unterwegs ist, sammelt schnell einige der Blutsauger ein, die im hohen Gras oder Unterholz lauern. Auch Hunde- und Katzenbesitzer sollten ein besonderes Augenmerk haben. Denn die Vierbeiner streifen durch das Gebüsch und dienen als Wirte. Sie bringen die Parasiten dann mit ins Haus, wo sie auf den Menschen übergehen können. Besonders gefährdet sind neben Jägern auch alle Berufsgruppen, die ihrer Arbeit im Freien nachgehen, also etwa Forstarbeiter, Landwirte und Gärtner. Für sie gilt unabhängig von einer Impfung, dass der eigene Körper vom zeitigen Frühjahr bis in den späten Herbst nach einem Aufenthalt in der Natur gründlich abgesucht werden sollte. Denn sobald das Thermometer auf über sieben Grad Celsius steigt, erwachen Zecken aus ihrer Winterstarre. Bei mehr als 25 Grad Celsius sinkt ihre Aktivität in der Regel wieder, sodass sie in den Morgen- und Abendstunden besonders aktiv sind. Um nicht auszutrocknen, benötigen Zecken eine hohe Umgebungsfeuchtigkeit. Zu optimalem Zeckenwetter gehört deshalb eine hohe Luftfeuchtigkeit von mehr als 80 Prozent, wie es sie beispielsweise nach Regenschauern gibt.

  • Ethik, Einheit und politische Rückendeckung

    Rund 400 Delegierte diskutierten beim Bundesjägertag in Thüringen zwei Tage lang Themen der Jagd. Sie positionierten sich damit gegenüber Gesellschaft und Politik für ihre weitere Zukunft im Rahmen des Deutschen Jagdverbandes Foto: Karl-Heinz Liebisch / pixelio.de Dort, wo sich Dynastien von Büchsenmachern, Schäftern und Graveuren mit ihren Fertigkeiten in der Kunst der handwerklichen Waffenherstellung einen fast legendären Platz in der Geschichte einer Stadt erarbeitet haben, richtete die Jägerschaft jetzt ihren Blick demonstrativ nach vorn. So war am Wochenende Suhl Mittelpunkt der deutschen Jagdwelt – gleichsam geschichts- und zukunftsträchtig. Auf Einladung des Deutschen Jagdverbandes (DJV) und des Landesjagdverbandes Thüringen kamen rund 400 Delegierte und Gäste zusammen, um unter dem Motto „Kompetenz im Revier – Ethik im Handeln“ über jagdpolitische und ethische Fragen zu diskutieren. Und über Handlungsmuster zu entscheiden. So waren das zwei intensive Tage mit einem breiten Programm. Schwerpunkte bildeten eine zukunftsfähige Formulierung jagdethischer Standards, der weitere Umgang mit dem Wolf unter neuen politischen und rechtlich immer wieder angegriffenen Rahmenbedingungen sowie die angestrebte Überarbeitung des Waffenrechts mit klaren Unterscheidungszielen zwischen Legalität und wachsender Illegalität. Ethik als Fundament Zentrales Thema des ersten Tages war der Workshop „Zukunft der Jagd: Ethik als Fundament gesellschaftlicher Akzeptanz“. DJV-Präsidiumsmitglied Dr. Florian Asche stimmte die über 200 Teilnehmer per Impulsvortrag auf das Thema ein. In der anschließenden Paneldiskussion erörterte er mit Medien- und Medienrechtsexperten Fragen zur gesellschaftlichen Akzeptanz von Tiernutzung, zum Einsatz künstlicher Intelligenz in der Jagdpraxis und zur Jungjägerausbildung. Am zweiten Tag verabschiedeten die Delegierten ein Positionspapier zur Jagdethik. Dessen Kernaussage ist klar: Jagd ist untrennbar mit Verantwortung, Waidgerechtigkeit und Selbstbeschränkung verbunden. Moderne Technik könne die Jagd unterstützen, dürfe aber niemals die ethischen Grundsätze verletzen sowie das eigene Urteilsvermögen und die jagdliche Erfahrung ersetzen. DJV-Präsident Helmut Dammann-Tamke fasste das mit Blick auf die Praxis so zusammen: Haltung beim Erlegen und die Achtung vor dem Tier sollten von Generation zu Generation weitergetragen werden. Jagen sei kein Gefühl von Macht oder ein bloßes Vergnügen. Und das müsse in der Gesellschaft verstanden werden. Starke politische Rückendeckung Die öffentliche Kundgebung am ersten Tag zog hochrangige Gäste an. Bundeskanzler Friedrich Merz wandte sich per Videobotschaft an die Teilnehmer und betonte, dass die Bundesregierung ihr Wort gehalten habe, insbesondere mit der Regulierung und Aufnahme des Wolfes ins Jagdrecht. Sein auch für die Jagd zuständiger Minister für Landwirtschaft und Ernährung, Alois Rainer, Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt und der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Christoph de Vries, würdigten in ihren Reden das Engagement der Jägerinnen und Jäger für Natur- und Artenschutz, Tierseuchenbekämpfung und die Eindämmung invasiver Arten. Ministerpräsident Voigt sprach sich klar für ein kluges Wolfsmanagement aus, das auch die Interessen der Weidetierhalter schützt, und betonte: Ohne verantwortungsvolle Jagd würde auch der dringend nötige Waldumbau nicht funktionieren. Beim Thema Waffenrecht machte er deutlich, dass der legale Waffenbesitz in Deutschland Tradition sei und Waffenbesitzer um ihre Verantwortung wüssten. Das größere Problem seien illegale Waffen. Rekorde bei Nachwuchs und Strecke Zum Bundesjägertag veröffentlichte der DJV aktuelle Zahlen, die bemerkenswert sind: 18.423 Menschen bestanden im Jahr 2025 die staatliche Jägerprüfung, mehr als doppelt so viele wie vor 20 Jahren. Der Frauenanteil liegt mittlerweile bei 29 Prozent. Auch bei der Bejagung invasiver Arten wurden Rekorde vermeldet: Im Jagdjahr 2024/25 erlegten Jägerinnen und Jäger über 130.000 Nutria. Eine Umfrage der Markt- und Meinungsforschung Civey belegt zudem, dass über drei Viertel der Deutschen die Jagd in heutiger Zeit für notwendig halten. Zeichen der Wiederannäherung aus Bayern Für viele unerwartet war der Auftritt von Hubert Stärker, dem neuen Präsidenten des Bayerischen Jagdverbandes (BJV). Der BJV ist seit 2009 kein Mitglied des DJV mehr, nachdem er 2009 in Ingolstadt nahezu einstimmig seinen Austritt beschlossen hatte. Stärkers Besuch in Suhl wurde als Signal wiederkehrenden Zusammenhalts gewertet. Der BJV-Präsident vertritt rund 52.000 Jäger und machte deutlich: Um Gewicht zu bekommen, müssten in der gesamten Jägerschaft Geschlossenheit und Glaubwürdigkeit herrschen, da relevante Entscheidungen in der Bundespolitik und der gesamten Gesellschaft getroffen werden. DJV-Präsident Dammann-Tamke erwiderte, er wolle den Bayern die Hand für eine Zusammenarbeit reichen, in welcher Form auch immer. Die Delegiertenversammlung forderte in einem Entschließungsantrag, die Jagd gemeinsam solidarisch und konstruktiv zu gestalten. Seit dem Bundesjägertag stehen die Zeichen damit auf noch mehr Geschlossenheit innerhalb der deutschen Jägerschaft.

  • Vorsichtiger Grund zum Optimismus

    Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und auf die Bundespolitik Liebe Leserinnen und Leser, in unserer Wochenkolumne geht es unter anderem um die jüngste Einigung im Koalitionsausschuss, die knappen Kassen von Städten und Gemeinden sowie um Auswirkungen der jüngsten Hitzewelle auf die Natur in Deutschland. Zu diesen gehört erfreulicherweise auch eine deutlich geringere Aktivität von Zecken. Gleichwohl bleiben Vorsicht und Vorsorge geboten. Dies gilt nicht zuletzt für Jäger und deren vierbeinige Begleiter. Denn wer seinen Hund nicht konsequent gegen Zecken schützt, riskiert im schlimmsten Fall dessen Leben. Ein weiteres Thema ist der Umgang mit dem Wolf. Hier hat das niedersächsische Landeskabinett jetzt einen Managementplan beschlossen, den wir vorstellen und bewerten. Das blamable Ausscheiden der deutschen Nationalelf bei der Fußball-Weltmeisterschaft hat drastisch vor Augen geführt, wie sehr Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen können. Deutschlands Team gehört schon seit Jahren international nicht mehr zu den besten, sondern ist nur noch Mittelmaß. Eine für Kicker und Fans bittere Erkenntnis. Ähnliches droht der deutschen Wirtschaft, wenn die Zeichen der Zeit nicht erkannt werden. Die schwarz-rote Koalition scheint sich dessen bewusst zu sein. Die jüngste Einigung im Koalitionsausschuss weist in diese Richtung. Doch ob die zahlreichen Einzelmaßnahmen tatsächlich genügen, um den viel zitierten Ruck im Land zu erzeugen, ist ungewiss. Auch fehlt bislang die große, motivierende Botschaft an Bürger, Betriebe und Beschäftigte. Passgenaue Kommunikation gehört leider nicht zu den Stärken dieses Kanzlers und seiner Kabinettskollegen. Koalition zeigt sich handlungsfähig Gleichwohl: Die Koalition hat sich in dieser Woche als erstaunlich handlungsfähig erwiesen, was viele Beobachter nicht mehr erwartet hatten. Insofern besteht nach der jüngsten Einigung durchaus vorsichtiger Grund zum Optimismus. Wichtigstes Ziel der Koalition muss die Ankurbelung der Wirtschaft bleiben. Denn die politischen und nicht zuletzt finanziellen Herausforderungen sind groß, nicht nur für den einzelnen Bürger, sondern auch für den Fiskus. Und es kommen immer neue hinzu. So hat jetzt beispielsweise der Städte- und Gemeindebund gefordert, für einen besseren Hitzeschutz der Bevölkerung die Verfassung zu ändern. Die Kommunen möchten die Anpassung an den Klimawandel als sogenannte Gemeinschaftsaufgabe in das Grundgesetz aufnehmen. Dann müssten sich Bund und Länder dauerhaft an der Finanzierung entsprechender Investitionen beteiligen. Wie realistisch die Forderung ist, mag dahingestellt sein. Doch die jüngste Hitzeperiode zeigt, wie wichtig solche und ähnliche Thematiken werden können. Übrigens sind nach dem ARD-Politbarometer dieser Woche neun von zehn Deutschen davon überzeugt, dass die Politik mehr Geld bereitstellen müsse, um die Infrastruktur wie Verkehrswege, Schulen und Krankenhäuser besser auf künftige Hitzephasen vorzubereiten. Zecken mögen keine Hitze Das extrem heiße Wetter der vergangenen Tage hat aber auch Vorteile. Einer ist, dass Zecken bei Hitze deutlich weniger aktiv sind. Grundsätzlich sind Vorsicht und Vorsorge im Umgang mit den Spinnentieren geboten. Sie übertragen etliche Krankheiten, von denen einige für Menschen und Hunde durchaus gefährlich sind. Angesichts der vielen von ihr übertragbaren Krankheiten kann man die Zecke als das gefährlichste Tier Deutschlands bezeichnen. Das zumindest legen die Beiträge beim süddeutschen Zeckenkongress 2026 nahe. In einem Blog-Beitrag geht unser Autor Christoph Boll in der kommenden Woche näher darauf ein. Immerhin starben im Jahr 2024 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland 24 Menschen an den Folgen eines Zeckenstiches, davon 15 an Borreliose und neun an Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Experten empfehlen daher allen Personen eine Impfung gegen die FSME, die in einem der 180 Risikogebiete in Deutschland leben oder dorthin reisen und Kontakt zu Zecken haben könnten. Und wer seinen Hund nicht konsequent gegen Zecken schütze, riskiere im schlimmsten Fall das Leben des Vierbeiners, hieß es während des Kongresses in Hohenheim. Ein leidiges Thema für viele Menschen im ländlichen Raum, insbesondere für Weidetierhalter und Jäger, bleibt der behördliche Umgang mit dem Thema Wolf. Niedersachsen gehört zu den Bundesländern, die am stärksten betroffen sind. Dort leben nach jüngsten Angaben der Landesregierung derzeit knapp 60 reproduktive Rudel und rund 600 Wölfe. Die Population nehme nach einer Phase des Wachstums von rund 30 Prozent jährlich aktuell um fünf bis zehn Prozent zu, hieß es dazu. Wölfe leichter rechtssicher bejagen Nachdem das niedersächsische Landesjagdgesetz kürzlich geändert wurde, hat das Kabinett in Hannover nun einen revierübergreifenden Managementplan beschlossen. Dieser ermöglicht es laut Landesregierung „auf Schäden, die durch Wölfe verursacht wurden, schnell und rechtssicher mit gezielten Entnahmen der Schaden verursachenden Wölfe zu reagieren. Dabei gilt: Der Wolf ist weiterhin eine geschützte Tierart. Das bedeutet: Die Anzahl der adulten Tiere, die geschossen werden, ist begrenzt, um den günstigen Erhaltungszustand nicht zu gefährden.“ Aktuell geht es hier um maximal 22 Wölfe in der atlantischen und fünf in der kontinentalen Region. Zum Spendenformular Der Managementplan sieht im Wesentlichen zwei Säulen der Bejagung vor: Zum einen Schnellabschlüsse, wenn ein Riss erfolgt ist. Hier legt das zuständige Landesministerium als oberste Jagdbehörde das betreffende Jagdgebiet fest und stellt sicher, dass die Jagdausübungsberechtigten informiert werden. Das Jagdgebiet „soll Jagdreviere umfassen, die innerhalb eines Radius von mindestens drei und bis zu 20 Kilometern um den festgestellten Schadensort liegen. Der Bejagungszeitraum kann bis zu sechs Wochen nach Schadensfeststellung betragen. Die Jagd endet, sobald ein Wolf, der nicht notwendigerweise auch der Schadstifter gewesen sein muss, erlegt wurde.“ Die zweite Säule des Managementsplans ist die Bejagung in festgelegten Interventionsgebieten. Dort endet die Jagd „mit dem Erreichen der maximalen Anzahl entnehmbarer Wölfe oder – sollte dieser Fall nicht eintreten – mit der Entnahme des betroffenen Rudels oder Wolfspaares. Die Jagd endet spätestens mit Ablauf des Monats Februar. Im Interventionsgebiet können vom 1. November bis Ende Februar des Folgejahres Wölfe und vom 1. Juli bis Ende Februar des Folgejahres Jungwölfe entnommen werden; es gilt der jagdliche Grundsatz jung vor alt.“ Der jetzt beschlossene Managementplan geht in die richtige Richtung. Er klingt zwar etwas sperrig, aber scheint inhaltlich vernünftig zu sein. Entscheidend bleibt jedoch, wie all dies tatsächlich in der jagdlichen Praxis umgesetzt wird. Das wird die eigentliche Nagelprobe sein und dürfte auch in den anderen Bundesländern aufmerksam verfolgt werden. Ausbildung von Jagdhunden nicht eingeschränkt Lassen Sie mich zum Schluss noch einmal auf das vom niedersächsischen Landtag kürzlich beschlossene neue Jagdgesetz zurückkommen. In unserer Wochenkolumne der vergangenen Woche hieß es dazu unter anderem: „Ein wichtiges Ergebnis aus Sicht der Jägerschaft: Eine Einschränkung der Jagdhunde-Ausbildung, wie sie zunächst befürchtet wurde, soll es nicht geben. Die Jagd mit Hunden in künstlich angelegten Tunnelsystemen wird weiter erlaubt sein.“ Doch leider konnte es hier durch eine redaktionelle Panne an anderer Stelle zu einem Missverständnis über die Position der niedersächsischen Jägerschaft kommen. Das bedauern wir. Erfreulicherweise erreichte uns hierzu umgehend eine Leserreaktion des Präsidenten der Landesjägerschaft, Helmut Dammann-Tamke, in der dieser bekräftigte: „Wir begrüßen ausdrücklich, dass der Gesetzentwurf keine Einschränkung der Jagdhundeausbildung vorsieht. Das war und ist eine der roten Linien unseres Verbandes.“ Übrigens: An diesem Wochenende findet im thüringischen Suhl der Bundesjägertag statt. 400 Delegierte und Gäste aus ganz Deutschland haben sich angesagt, darunter Spitzenpolitiker wie Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer. Zentrale Themen sind ethische Standards bei der Jagd, der künftige Umgang mit dem Wolf und die Überarbeitung des Waffenrechts. Wir werden all diese Themen in unserem Blog weiter verfolgen … Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und einen gelungenen Start in eine für Sie positive Woche. Mit besten Grüßen Ihr Jürgen Wermser Koordination/Redaktionsleitung

  • Jagd im Widerstreit der Ministerien

    Die Jagd wird immer wieder Spielball der Politik und Objekt der Auseinandersetzungen zwischen Parteien. Das schlägt sich auch im Ressortzuschnitt von Bundes- und Landesregierungen und in Koalitionsverträgen nieder Foto: Rudolpho Duba / pixelio.de Veränderte politische Konstellationen führen gelegentlich dazu, dass ein gerade erst novelliertes Jagdgesetz erneut geändert werden soll. Das erleben gerade die Niedersachsen. Dort ist vor vier Jahren ein Jagdgesetz verabschiedet worden – mit den Stimmen der SPD. Nun regieren die Sozialdemokraten mit den Grünen und jetzt hat es eine weitere Novelle gegeben. Zuständig ist die grüne Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte. Deren Kabinettsentwurf samt dem zugrundeliegenden politischen Ansatz empörte die organisierte Jägerschaft. In Fragen des Wolfsmanagements etwa blieben die Bestrebungen weit hinter der Zusage ihres Parteifreundes Christian Meyer zurück. Der hatte als Umweltminister im Landtag namens der Landesregierung erklärt, die Regelungen des Bundesjagdgesetzes würden „vollumfänglich umgesetzt“. Dass zwei Kabinettsmitglieder gleicher Parteizugehörigkeit bei Regelungen zur Jagd widerstreitende Interessen verfolgen, hat eine besonders pikante Note. Dass zwei Ministerien jedoch unterschiedliche Ansätze verfolgen, ist nicht neu. Es hat seinen Ursprung in der Trennung zwischen Umwelt- und Landwirtschaftspolitik, die vielfach eine Politik aus einem Guss be- oder sogar verhindert. Vor vier Jahrzehnten begann die Spaltung der Ressort-Zuständigkeiten Anfang des Monats war es vier Jahrzehnte her, dass es in Deutschland in einer Bundesregierung erstmals zu dieser Abspaltung kam. Am 6. Juni 1986 entstand im Kabinett durch Organisationserlass von Bundeskanzler Helmut Kohl das eigenständige Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) mit Walter Wallmann an der Spitze. Dabei wurde die Zuständigkeit für Umwelt und Naturschutz aus dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten herausgelöst. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten Umweltaufgaben auf Bundesebene teils beim Innenministerium, teils beim Landwirtschaftsministerium gelegen, wobei das Waidwerk klar letzterem zugeordnet war. Mit der Jagd hatte Kohls Entscheidung wenig zu tun. Sie war eine Reaktion auf die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, was sich auch im Namen des neuen Ressorts spiegelte. Gleichwohl waren dabei bereits Konfliktfelder angelegt. Denn in dem neuen Haus waren die Zuständigkeiten für Umwelt und Naturschutz angesiedelt. Hinzu kamen die aus dem Familienministerium herausgelösten Bereiche gesundheitliche Belange des Umweltschutzes, Strahlenhygiene, Chemikalien und Rückstände von Schadstoffen in Lebensmitteln. Hessen hat Jagd im Ressortnamen Bereits sechs Monate zuvor war in Hessen im dritten Kabinett von Holger Börner (SPD) ein eigenständiges Ministerium für Umwelt und Energie geschaffen worden, das der Grüne Joschka Fischer übernahm. Da mutet es schon etwas seltsam an, dass ausgerechnet Hessen heute das einzige Bundesland ist, in dem das Waidwerk in der offiziellen Ressortbezeichnung auftaucht. Seit 2,5 Jahren führt Ingmar Jung das Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt, Weinbau, Forsten, Jagd und Heimat. Es hält in einer Hand, was mit dem Amtsantritt von Fischer getrennt wurde, das Umwelt- vom Agrarressort, das damals weiterhin die Hoheit über die Bereiche Landwirtschaft und Forsten behielt. Jagdpolitisch wirklich bedeutsam wurde die Trennung erst mit der von Bund und Ländern ausgehandelten Föderalismusreform I, die am 1. September 2006, also vor knapp 20 Jahren, in Kraft trat. Bis zu dieser Verfassungsänderung unterlag das Jagdwesen der bundesrechtlichen Gesetzgebung. Die Länder konnten Ausführungsbestimmungen erlassen. Sie mussten sich jedoch eng an die Vorgaben halten, während diese heute nur noch Leitlinien sind, innerhalb derer sie sich bewegen können. Ausnahme ist das Recht der Jagdscheine. Im Rahmen dieser sogenannten konkurrierenden Gesetzgebung gilt grundsätzlich das spätere Gesetz. Das hat dazu geführt, dass die Länder davon fleißig Gebrauch machen, meistens restriktiv. Mehr Kompetenzen bei Ländern Der Deutsche Jagdverband unter der damaligen Präsidentschaft von Jochen Borchert begrüßte diese Entwicklung – nicht zuletzt unter dem Eindruck der ersten Beteiligung der Grünen an einer Bundesregierung von 1998 bis 2005. Sie stellten zwar nur zwei Ressortverantwortliche, doch die Jagdfunktionäre trieb die Sorge um, die Partei könne nach einer erneuten Regierungsbeteiligung den Zugriff auf das Jagdwesen bekommen und dann bundesweit mit einem Schlag Jägerrechte beschneiden und die Jagd sowie weitere Landnutzungen strangulieren. Gestärkte Länderrechte sollten ein Bollwerk dagegen sein. Das von Johannes Remmel in NRW durchgesetzte „ökologische Jagdgesetz“ war später ein beredtes Beispiel für eine grüne Jagdpolitik auf Landesebene, an das sich Jäger mit Grausen erinnern. Besondere Brisanz bekommt der Ressortzwist immer dann, wenn CDU und Grüne die Regierung bilden. Sind Christdemokraten traditionell dichter bei der ländlichen Bevölkerung und deren Anliegen, etwa Fischerei, Forstwirtschaft und Jagd, so betonen Grüne den Umwelt- und Naturschutz, oft genug basierend auf einer städtischen, naturfernen Klientel, der jeder Nutzungsgedanke suspekt ist. Das führt immer wieder zu gegenseitigen Blockaden. So konnte Werner Schwarz, bis zum vergangenen Jahr Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein, so manche Forderung aus seinem Berufsstand nicht umsetzen, weil zahlreiche Themen in den Zuständigkeitsbereich des grün geführten Umweltministeriums fielen. Das veranlasste den Präsidenten des Landesbauernverbandes, Klaus-Peter Lucht, zu einer öffentlichen Kritik an der „andauernden Blockadehaltung des Umweltministeriums“. Differenzen und Blockaden vermeiden In Baden-Württemberg ist die neue schwarz-grüne Regierung am 11. Mai mit der Unterzeichnung eines Koalitionsvertrages gestartet, dessen zentrale Aussagen der Landesjagdverband ausdrücklich begrüßt. Die Legislatur wird zeigen, ob das Papier grundsätzlich differierende Auffassungen der Parteien und damit auch das Nebeneinander von CDU-Landwirtschaftsministerin Marion Gentges, die für die Jagd zuständig ist, und Umweltministerin Thekla Walter (Grüne) befriedet. In Rheinland-Pfalz vermeidet die neue Regierung von CDU und SPD von vornherein Reibungsverluste und Blockaden beim Thema Waidwerk. Ministerpräsident Gordon Schnieder hat mit der Fusion von Umwelt- und Landwirtschaftsministerium ein zentrales Wahlversprechen umgesetzt. An der Spitze des für Umwelt, Landwirtschaft, Weinbau und Forsten zuständigen Schlüsselressorts steht mit der ehemaligen Europaabgeordneten Christine Schneider eine Chefin, die selbst in der Agrarpolitik verankert ist. Ihr wird auch die Verwirklichung der Ankündigung aus dem Koalitionsvertrag obliegen, das Landesjagdgesetz „praxisnah weiterzuentwickeln“ und dabei die Belange von Wild, Wald, Landwirtschaft und Jagd stärker zusammenzuführen.

  • Mit der Gen-Schere gegen die Hitze

    Die Hitze des Juni 2026 zeigt es: Der Klimawandel verändert die Landwirtschaft. Die EU will den Bauern jetzt mehr Freiheit beim Einsatz von Gentechnik erlauben. Nicht allen gefällt das KI-Bild: ChatGPT Im Juni gab es bundesweit neue Hitzerekorde, die brennende Sonne und Trockenheit werden zur neuerlichen Belastung für die anstehenden Ernten nicht nur im Osten, sondern bundesweit. Schon in den vergangenen Jahren hatten Getreide- und Obstbauern in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt einen größeren Teil ihrer Ernten verloren. Auch die Forstwirtschaft in Brandenburg und in Sachsen sieht sich im Jahr 2026 erneut extremen Hitzebelastungen ausgesetzt. Hoffnung macht vielen Landwirten jetzt eine Entscheidung des EU-Parlaments in Straßburg. Das Europäische Parlament machte den Weg für neue Regeln für sogenannte neue genomische Techniken (NGT) wie die Gen-Schere CRISPR/Cas frei. Konkret ist CRISPR/Cas (oft als „Gen-Schere“ bezeichnet) eine revolutionäre molekularbiologische Methode des Genome Editing. Sie ermöglicht es, das Erbgut (DNA) nahezu aller Lebewesen präzise, kostengünstig und einfach zu zerschneiden, um Gene auszuschalten, zu verändern oder neue Erbinformationen einzufügen. Bezogen auf die Landwirtschaft bedeutet dies, dass trockenheitsresistente Weizensorten oder Pflanzen, die mit weniger Pflanzenschutzmitteln auskommen, nun schneller zugelassen werden und dann auf den Feldern angebaut werden können. Deutschland hat sich auf EU-Ebene im Rat enthalten Gentechnik, in Deutschland und in vielen anderen europäischen Ländern ein umstrittenes Thema. Die jetzt beschlossenen Änderungen wurden bereits von den EU-Staaten bestätigt und sollen voraussichtlich ab Mitte 2028 angewendet werden. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hatte die Einigung auf EU-Ebene im Dezember als schweren Fehler bezeichnet. Bei der Abstimmung darüber im Rat enthielt sich Deutschland im April entsprechend. Die Mehrheit kam dann auch von anderen europäischen Ländern. Die Reaktionen auf Landesebene fallen in der Bundesrepublik aber durchaus unterschiedlich aus. So sieht zum Beispiel der Landesbauernverband Sachsen-Anhalt nach dem Beschluss nun eine stärkere Chance, neue Züchtungsmethoden einzusetzen, um Kulturpflanzen schneller an den vorhandenen Klimawandel anzupassen. „Gerade für die Landwirtschaft in Sachsen-Anhalt, die regelmäßig von Trockenperioden und Wetterextremen betroffen ist, können neue Züchtungsmethoden dazu beitragen, widerstandsfähigere Sorten mit stabileren Erträgen zu entwickeln“, teilte der Verband gegenüber dem Landesdienst von dpa in Magdeburg mit. Auch andere Landwirtschaftsverbände begrüßen den Schritt aus Straßburg. Wissenschaft sieht Fortschritte Auch das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben sieht nach der Freigabe der Gen-Schere CRISPR/Cas mehr Chancen als Risiken. Es gehe jetzt um Präzision und Geschwindigkeit bei der Züchtung in Form des Einsatzes der neuen genomischen Techniken (NGT). Dies sei wichtig im Hinblick auf die Geschwindigkeit des Klimawandels und die Vorgaben, weniger Agrochemikalien einzusetzen, teilte das angesehene Leibniz-Institut in einer Erklärung mit. Auch die Biotech-Branche sieht den Beschluss positiv: „Genau diese Lösungen werden gebraucht, wenn Landwirtschaft auch unter schwierigeren Bedingungen verlässlich produzieren soll“, erklärte der Geschäftsführer des Biotechnologie-Verbands DIB, Ricardo Gent. Er forderte, die EU-Regeln „ohne neue bürokratische Hürden“ in Deutschland umzusetzen. Umweltschützer lehnen Freigabe ab Ganz anders fallen die Reaktionen bei den Umweltschützern aus. „Als Verbraucher haben wir das Recht zu wissen, was auf unserem Teller liegt. Auch Menschen, die in Zucht-, Landwirtschafts- oder Verarbeitungsbetrieben arbeiten – egal ob konventionell oder biologisch –, müssen das Recht und die Möglichkeit haben, auch in Zukunft gentechnikfrei zu erzeugen“, erklärte Annemarie Volling vom Umweltdachverband Deutscher Naturschutzring. Zugleich forderte sie klare Haftungsregelungen nach dem Verursacherprinzip. „Wer auf neue Gentechniken setzt, muss auch für Schäden an der Umwelt, bei Menschen oder Tieren oder für wirtschaftliche Schäden aufkommen.“

  • In Deutschland geht es heiß her

    Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und auf die Bundespolitik Liebe Leserinnen und Leser, in unserem Wochenkommentar befassen wir uns außer mit den Reformvorhaben der Koalition mit der aktuellen Hitzewelle, den Herausforderungen für die Landwirtschaft und mit der Jagd. Hier geht es vor allem um das in dieser Woche vom niedersächsischen Landtag beschlossene neue Jagdgesetz. In Deutschland geht es momentan heiß her: politisch beim Thema Rentenreform, zunächst aber vor allem wettermäßig. Viele Menschen leiden unter der aktuell großen Hitze, auch wenn andere die Sonne in Freibädern, im Garten oder in der freien Natur noch so sehr genießen mögen. Denn die Freude am „schönen Wetter“ und die Gesundheit sind in Gefahr, wenn die Temperaturen wie aktuell in allzu hohe Bereiche steigen. Nur eines von vielen Beispielen: Im unterfränkischen Kitzingen könnte es laut Deutschem Wetterdienst (DWD) an diesem Samstag um die 42 Grad heiß werden, und zwar im Schatten. Da heißt es, kühlen Kopf zu bewahren, so wie jetzt die Veranstalter des 32WetterdienstHamburger Halbmarathons. Diese beliebte Veranstaltung, zu der sich 24.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer angemeldet hatten, wurde für dieses Wochenende kurzfristig abgesagt. Man habe diese Entscheidung, „auch wenn sie uns außerordentlich schwergefallen ist“, im Sinne der Sicherheit aller Beteiligten treffen müssen, hieß es bei den Organisatoren. Wer sollte ihnen da widersprechen? Landwirtschaft unter Druck Nicht nur in Metropolen, auch im ländlichen Raum können die Auswirkungen der aktuellen Wetterlage gravierend sein. Man denke hier nur an die Landwirtschaft. Diese steht ohnehin vor großen Herausforderungen. Hohe Kosten und niedrigere Preise für viele wichtige Produkte drücken aufs Geschäft. In diesen Tagen beginnt die Getreideernte 2026, so auch in Westfalen-Lippe. Erste Ergebnisse bei der Wintergerste deuten vielerorts auf ein gutes Ertrags- und Qualitätsniveau hin. Doch all dies ist kein Grund zur Entwarnung: „Die Situation an den internationalen Getreidemärkten ist nach wie vor von großer Unsicherheit geprägt. Trotz teilweise ordentlicher Erntemengen bleiben die Erlöse vieler Betriebe unter Druck und stehen in keinem Verhältnis zu den gestiegenen Kosten für Betriebsmittel, Energie und Logistik“, betonte Hubertus Beringmeier, Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes. „Wenn wir keine Preiserhöhung in unseren Märkten bekommen, dann wird die Landwirtschaft in eine echte Liquiditätskrise hineinlaufen“, warnte Bauernpräsident Joachim Rukwied. Er forderte von der Politik Millionenhilfen für Schweinehalter. Auch die Milchpreise seien nicht zufriedenstellend. Manche Landwirte hätten schon die Düngung eingeschränkt, einfach um Kosten zu reduzieren. Die Preise für Stickstoffdünger lägen aktuell um etwa 30 Prozent höher als vor einem Jahr. Auf dem Deutschen Bauerntag in Freiburg verlangte Rukwied eine Verlängerung des Tankrabatts für Diesel während der anstehenden Erntezeit und einen Abschlag von 20 Prozent beim gesetzlichen Mindestlohn für Saisonarbeitskräfte. Auch warnte er vor einer generellen Abschaffung von Minijobs, wie sie im Zuge der geplanten großen Rentenreform von einer Expertenkommission vorgeschlagen wird. Rukwieds Kritik an einer solchen Änderung ist verständlich, zumal auch andere Branchen wie die Gastronomie den Wegfall wichtiger und flexibel einsetzbarer Aushilfskräfte fürchten. Doch bleibt es fraglich, ob die Koalition dem folgt. CDU-Kanzler und SPD-Sozialministerin haben deutlich gemacht, dass sie den Vorschlag der Expertenkommission als Ganzes durchsetzen wollen. Bei der Alterssicherung soll jetzt der große Reformwurf gelingen, den die Koalition zu Beginn ihrer Regierungszeit versprochen und bislang nicht gehalten hat. Scheitert dieses Vorhaben, dürfte dies de facto das mehr oder weniger schnelle Aus für Schwarz-Rot bedeuten. Wenn für eine Regierung politisch so viel auf dem Spiel steht, haben noch so berechtigte Einzelinteressen und -forderungen naturgemäß einen schweren Stand… Zum Spendenformular Dass die Koalition jetzt bei den Reformen aufs Tempo drücken will, zeigt auch die jüngste Einigung mit den Ländern auf eine finanzielle Entlastung der Kommunen. Sie sorgt für mehr Transparenz und klarere Verantwortlichkeiten. Der Bund werde 80 Prozent der Kosten tragen, die den Kommunen künftig durch neue Bundesgesetze entstehen. Die lange heftig umstrittene und nun vereinbarte Lastenverteilung folge dem Grundsatz „Wer bestellt, bezahlt“, sagte Kanzler Friedrich Merz. Damit sollten alle Beteiligten, insbesondere die Bürger in den Kommunen, gut leben können. Neues Jagdgesetz in Niedersachsen Ein wichtiges Thema im ländlichen Raum bleibt die Jagd. Über deren konkrete Ausgestaltung wird immer wieder zwischen Politik, Tierschützern und Jägern kontrovers diskutiert. In Niedersachsen hat der Landtag am Dienstag dieser Woche nun das lange umstrittene neue Jagdgesetz beschlossen. Ein wichtiges Ergebnis aus Sicht der Jägerschaft: Eine Einschränkung der Jagdhunde-Ausbildung, wie sie zunächst befürchtet wurde, soll es nicht geben. Die Jagd mit Hunden in künstlich angelegten Tunnelsystemen wird weiter erlaubt sein. Verboten wird allerdings die Jagd mit dem Hund in Erdbauten, etwa um Dachse und Füchse zu erlegen. Dort bestehe ein hohes Verletzungsrisiko für die Tiere, heißt es dazu im Landwirtschaftsministerium. Die Jägerschaft hält diese Sorge zwar für unbegründet. Doch insgesamt kann sie mit der beschlossenen Einschränkung der Jagdhunde-Ausbildung leben. Aber Helmut Dammann-Tamke, Präsident der Landesjägerschaft Niedersachsen, betonte zugleich, dass sich die Landesregierung auch tatsächlich an die Zusagen halten müsse und „nicht über Verordnungen durch die Hintertür doch noch Einschränkungen an der Jagd und der Ausbildung vornimmt“. Weitere Punkte im neuen niedersächsischen Jagdgesetz sind unter anderem: Keine Abschlusspläne mehr für Rehwild, denn diese haben aus Sicht des Landwirtschaftsministeriums nur eine geringe Aussage- und Steuerungskraft; Vereinfachung des Verwaltungsaufwands beim Schießen wilder Tiere, insbesondere von Waschbären, auf einem Privat- oder Firmengelände. Auch dürfen wildernde Hunde künftig nur noch eingefangen, aber nicht mehr getötet werden. Bei der Rettung von Jungwild soll der Nutzer von landwirtschaftlichen Flächen den zuständigen Jäger 24 Stunden vor dem Mähen informieren. Falls dieser keine Zeit für die Jungwildrettung hat, sollen andere Helfer mit dieser Aufgabe betraut werden müssen, darunter mindestens eine Person mit Jagdschein. Jagd als Spielball der Politik Nicht nur in Niedersachsen, bundesweit wird die Jagd immer wieder Spielball der Politik und Objekt der Auseinandersetzungen zwischen Parteien. Das schlägt sich auch im Ressortzuschnitt von Bundes- und Landesregierungen und in Koalitionsverträgen nieder. Seinen Ursprung hat diese Entwicklung in der Trennung zwischen Umwelt- und Landwirtschaftspolitik, die vielfach eine Politik aus einem Guss be- oder sogar verhindert. Anfang des Monats war es vier Jahrzehnte her, dass es im Kabinett von Helmut Kohl erstmals zu dieser Abspaltung kam. Die Schaffung eines eigenständigen Umweltministeriums hatte damals allerdings nichts mit der Jagd zu tun, sondern war eine Reaktion auf die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Unser Autor Christoph Boll wird in der kommenden Woche in einem Blog-Beitrag die weitere Entwicklung in den Bundesländern beleuchten. Die nämlich erhielten erst vor 20 Jahren mit der Föderalismusreform und der sogenannten konkurrierenden Gesetzgebung wirklichen gesetzgeberischen Zugriff auf die Jagd. Er geht dabei auch auf jüngste Entwicklungen in Niedersachsen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ein. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und einen gelungenen Start in eine für Sie positive Woche. Mit besten Grüßen Ihr Jürgen Wermser Koordination/ Redaktionsleitung Kommentar zum Artikel: Sehr geehrter Herr Wermser, auf Basis welcher journalistisch sorgsamen Recherche formulieren ordnen sie der LJN folgendes Zitat zu ? "Doch insgesamt kann sie mit der beschlossenen Einschränkung der Jagdhunde-Ausbildung leben" In unserer PM steht: "Wir begrüßen ausdrücklich, dass der Gesetzentwurf keine Einschränkung der Jagdhundeausbildung vorsieht. Das war und ist eine der roten Linien unseres Verbandes...." Ich stelle hier fest: Es gibt keine Einschränkung der Jagdhundeausbildung. Angesichts dessen, dass wir gemeinsam mit dem JGHV 20 Tsd. Demonstranten mit der Kernforderung: "Keine Einschränkung der Ausbildung und Prüfung unserer Hunde am lebenden Wild" vor den Nds. Landtag gebracht haben, ist ihre Formulierung im höchsten Maße irreführend und sollte nachfolgend korrigiert werden. Übrigens: Ohne Prüfung unserer Erdhunde auch keine Jagd in Kunstbauen ! MfG Helmut Dammann-Tamke Helmut Dammann-Tamke, Präsident der Landesjägerschaft Niedersachsen e.V.

  • „Stoffstrombilanzverordnung“: praxisfern, bürokratisch, frustrierend

    Agrarminister Alois Rainer hat 2025 die Stoffstrombilanzverordnung abgeschafft. Dagegen klagen jetzt die Grünen in Karlsruhe. Sie meinen: Das Parlament hätte gefragt werden müssen KI-Bild: ChatGPT Praxisfern, viel zu aufwendig, bürokratisch, frustrierend: So empfanden viele Landwirte und Bauernverbände die umstrittene Stoffstrombilanzverordnung. Die Große Koalition führte sie zum 1. Januar 2018 ein, um mehr Transparenz zu schaffen. Betriebe ab einer bestimmten Größe mussten Buch führen. Damit sollte sichtbar werden, wie die Nährstoffe Stickstoff und Phosphor in einen Betrieb gelangen – etwa durch Dünger, Futtermittel, Tiere oder Pflanzgut – und wie sie wieder aus dem Betrieb herausgehen, zum Beispiel durch Gülle oder verkaufte Ernte. Diese Pflichten sollten das Grundwasser besser vor zu viel Nitrat aus der Landwirtschaft schützen. Im Juli schaffte Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer die Stoffstrombilanzverordnung wieder ab. „Weg damit“, erklärte der CSU-Politiker in einer Pressemitteilung. „Damit befreien wir unsere Höfe von jährlich 18 Millionen Euro Bürokratieballast.“ Umweltstandards würden jedoch nicht aufgegeben, die Düngeverordnung bleibe in Kraft, betonte der Agrarminister vor einem Jahr. Grüne klagen gegen Abschaffung vor dem Bundesverfassungsgericht Die Abschaffung der Stoffstrombilanzverordnung hatten CDU, CSU und SPD 2025 im Koalitionsvertrag vereinbart. War die Aufhebung ohne Beteiligung des Deutschen Bundestages rechtens? Die Grünen im Parlament bezweifeln das. Empört kritisierten sie das Vorgehen als „Politik im Trump-Stil“, also per Dekret am Gesetzgeber vorbei. Daher zog die Grünen-Fraktion vor das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, das sich mit der Klage seit Mitte Juni befasst (Az. 2 BvE 15/25). Eine Entscheidung fällen die Richterinnen und Richter allerdings erst in einigen Monaten. Das Landwirtschaftsministerium hält die Abschaffung für rechtens. Ein Sprecher erklärte, der Schritt sei mit dem Innen- und dem Justizministerium abgestimmt. Beide Verfassungsressorts hätten bestätigt, dass aus ihrer Sicht für die Aufhebung der Stoffstrombilanz weder der Bundesrat noch der Bundestag hätten zustimmen müssen – dieser Einschätzung folgte das Agrarressort. Die meisten Bundesländer hätten die Entscheidung befürwortet. Grünen-Agrarministerin Staudte lobt niedersächsische Bauern Der jüngste Nährstoffbericht der Landwirtschaftskammer Niedersachsen zeigt derweil, dass die Bauern zwischen Harz und niederländischer Grenze inzwischen gezielter düngen. Niedersachsens Agrarministerin Miriam Staudte (Grüne) stellte den Bericht kürzlich zusammen mit Kammerpräsident Gerhard Schwetje vor. Zwar war die Ministerin nicht mit dem Zustand vieler Gewässer zufrieden, doch das kann auch daran liegen, dass Verbesserungen beim Düngen erst später messbar werden. Immerhin stellte die Grünen-Politikerin fest, dass die rechtlichen Vorgaben zur Stickstoffdüngung auf Landesebene eingehalten werden. Der Anfall von Dung und Gärresten aus Tierhaltung und Biogasanlagen sei leicht zurückgegangen. Staudte wörtlich: „Die Einstellung zur Düngung auf den Betrieben hat sich positiv verändert, die rechtlich zulässige Stickstoffdüngung wird auf Landesebene eingehalten und das Nährstoffaufkommen aus der Tierhaltung in den viehstarken Regionen und den Biogasanlagen ist insgesamt rückläufig.“ Gleichzeitig kündigt die Agrarministerin an, die Düngebedarfswerte weiter senken zu wollen. Für Niedersachsens Landvolkpräsident Holger Hennies ist das ein Irrweg: „Willkürliche politische Eingriffe gefährden die Fruchtbarkeit unserer Böden, die Qualität unserer Agrarprodukte und die Existenz unserer sehr nachhaltig wirtschaftenden Betriebe.“ Auch Marco Mohrmann, agrarpolitischer Sprecher der CDU im Landtag in Hannover, vertritt die Ansicht, dass die niedersächsischen Landwirtinnen und Landwirte verantwortungsvoll und mit Augenmaß düngen. „Wer dauerhaft nachweislich verantwortungsvoll wirtschaftet, darf nicht durch pauschale und oftmals nicht nachvollziehbare Einschränkungen belastet werden“, fordert Mohrmann.

  • Kadaver sind Hotspots des Lebens

    Wildtierkadaver sind Hotspots der Biodiversität. Sie spielen eine besondere Rolle in ökologischen Prozessen. Das ist ein erstes Ergebnis eines bundesweiten Forschungsprojektes in den Nationalparken KI-Bild: ChatGPT Tote Tiere werden eigentlich nie offen in der Natur liegen gelassen. Unfallwild, natürlich verendete Tiere bis hin zum gestrandeten Meeressäuger oder die Jagdbeute werden ganz selbstverständlich entfernt. Selbst in Nationalparks mit dem Ziel des Prozessschutzes war das bewusste Belassen oder gar Anreichern von Aas in der Fläche bislang kaum im Schutzgebietsmanagement vorgesehen. Folglich ist wenig über die Wirkung solcher Maßnahmen auf allgemeine ökologische Prozesse im Kadaverumfeld und deren potenzielle Verwendung als Ökosystemindikatoren bekannt. Das will das vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) geförderte Projekt „Belassen von Wildtierkadavern in der Landschaft – Erprobung am Beispiel der Nationalparke“ ändern. Unter der federführenden Trägerschaft der Universität Würzburg wird fünf Jahre lang – von Oktober 2022 bis Mitte 2027 – die versteckte Biodiversität am Kadaver in 15 deutschen Großschutzgebieten erforscht. Die Projektgebiete reichen von den Alpen über die Mittelgebirge bis zum Wattenmeer. Dabei wurden zunächst große Aasfresser mittels Fotofallen, Insekten mittels Bodenfallen und Pilze und Bakterien durch Maulschleimhautabstriche erfasst. Ein zweiter Schwerpunkt nahm drei Winter lang größere Aasfresser wie Kolkraben, Großmöwen, Seeadler und Luchse in den Blick. Zudem werden drei Jahre lang jeweils acht natürlich verendete oder bei Wildunfällen tödlich verunglückte und nicht mehr für den menschlichen Verzehr geeignete Rehkadaver an zufälligen Plätzen auf den Flächen der Schutzgebiete belassen. Analysiert werden die optimalen Bedingungen des Aasangebots, um die Auswirkungen auf die Kadaververwerter schutzgebietsübergreifend zu optimieren. Mag ein totes Reh im Wald für Spaziergänger und Wanderer auch vorrangig ein irritierender Anblick sein, so ist es für die Forscher ein Fenster in einen Lebensraum, der sonst kaum sichtbar ist. Denn an toter Biomasse zeigt sich der Kreislauf des Lebens wie in Zeitraffer: Was bei einem abgestorbenen Baum Jahrzehnte dauert, geschieht dort in wenigen Wochen. Das ermöglicht den Wissenschaftlern zu verstehen, wie komplex das Zusammenspiel aller Organismen ist und welche Bedeutung große tote Tiere für die Biodiversität in den Schutzgebieten haben. Kreislauf des Lebens in Zeitraffer Inzwischen liegen erste Ergebnisse vor, die das BfN unter dem Titel „Kadaverökologie in den deutschen Nationalparks – Erste Erkenntnisse aus drei Jahren Feldarbeit“ in einer Broschüre präsentiert. Allein im Nationalpark Harz entstanden mehr als 325.000 Fotos und über 15.500 Videos. Sie belegen, dass Aas ein wichtiger Nährstofflieferant ist. Im Schnitt fressen etwa sechs verschiedene Arten an einem Kadaver, darunter Wildschweine, Füchse, Luchse und Wölfe, aber auch Raben, Marder und Greifvögel. Selbst bis zu Mäusen und Gartenschläfern reicht die Palette der aufgenommenen Aasnutzer. Insgesamt 35 Tierarten wurden an den insgesamt 46 ausgelegten Kadavern beobachtet. Aber nicht nur Säugetiere nutzen das Angebot. Mehr als 250 Käferarten an den Kadavern wurden alleine im Harz ermittelt. An einem einzigen Reh- oder Rothirschkadaver können sich im Sommer zigtausende Fliegenmaden und Käferlarven entwickeln. Diese dienen anderen räuberischen Insekten oder Vögeln als Nahrung. Die schlüpfenden fertigen Fliegen und Käfer sind wiederum eine wichtige Beute für andere Vögel oder auch Fledermäuse. Das zeigt: An und um einem sich zersetzenden Wildtierkadaver entsteht eine vielfältige Lebens- und Nutzergemeinschaft. In ihr profitieren auch unscheinbare und unerwartete Organismen wie die Nacktschnecken. Als einer der letzten Kadaverbesucher nagen sie zur Nährstoffaufnahme die Knochenhaut ab. Aas ist in der Natur unverzichtbar Auch Bodenproben und Abstriche vom Aas wurden genommen, um die mikrobielle Gemeinschaft molekularbiologisch zu bestimmen. Bezieht man die Analyseergebnisse ein, wird das Artenspektrum noch vielfältiger. So wurden im Nationalpark Bayerischer Wald 1.820 Bakterien- und 3.726 Pilzarten an der toten tierischen Biomasse nachgewiesen. Außerdem waren es 17 Wirbeltierarten, darunter Seeadler, Rotmilan und Wildkatze sowie 92 Käferarten, darunter der extrem seltene Scheinstutzkäfer, 97 Zweiflügelarten. Insgesamt zählten die Forscher rund 6.000 Arten. Unter dem Strich kommen sie zu der Folgerung: Ein Kadaver ist wie Totholz ein Biodiversitätshotspot. Aas gehört deshalb in die Natur und ist als wichtiger Bestandteil natürlicher Kreisläufe letztlich unverzichtbar. Damit sind tote Tiere weit mehr als unansehnliche Biomasse – sie sind im ewigen Kreislauf des Lebens unverzichtbare Bestandteile funktionierender Ökosysteme.

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