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- Jagd im Widerstreit der Ministerien
Die Jagd wird immer wieder Spielball der Politik und Objekt der Auseinandersetzungen zwischen Parteien. Das schlägt sich auch im Ressortzuschnitt von Bundes- und Landesregierungen und in Koalitionsverträgen nieder Foto: Rudolpho Duba / pixelio.de Veränderte politische Konstellationen führen gelegentlich dazu, dass ein gerade erst novelliertes Jagdgesetz erneut geändert werden soll. Das erleben gerade die Niedersachsen. Dort ist vor vier Jahren ein Jagdgesetz verabschiedet worden – mit den Stimmen der SPD. Nun regieren die Sozialdemokraten mit den Grünen und jetzt hat es eine weitere Novelle gegeben. Zuständig ist die grüne Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte. Deren Kabinettsentwurf samt dem zugrundeliegenden politischen Ansatz empörte die organisierte Jägerschaft. In Fragen des Wolfsmanagements etwa blieben die Bestrebungen weit hinter der Zusage ihres Parteifreundes Christian Meyer zurück. Der hatte als Umweltminister im Landtag namens der Landesregierung erklärt, die Regelungen des Bundesjagdgesetzes würden „vollumfänglich umgesetzt“. Dass zwei Kabinettsmitglieder gleicher Parteizugehörigkeit bei Regelungen zur Jagd widerstreitende Interessen verfolgen, hat eine besonders pikante Note. Dass zwei Ministerien jedoch unterschiedliche Ansätze verfolgen, ist nicht neu. Es hat seinen Ursprung in der Trennung zwischen Umwelt- und Landwirtschaftspolitik, die vielfach eine Politik aus einem Guss be- oder sogar verhindert. Vor vier Jahrzehnten begann die Spaltung der Ressort-Zuständigkeiten Anfang des Monats war es vier Jahrzehnte her, dass es in Deutschland in einer Bundesregierung erstmals zu dieser Abspaltung kam. Am 6. Juni 1986 entstand im Kabinett durch Organisationserlass von Bundeskanzler Helmut Kohl das eigenständige Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) mit Walter Wallmann an der Spitze. Dabei wurde die Zuständigkeit für Umwelt und Naturschutz aus dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten herausgelöst. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten Umweltaufgaben auf Bundesebene teils beim Innenministerium, teils beim Landwirtschaftsministerium gelegen, wobei das Waidwerk klar letzterem zugeordnet war. Mit der Jagd hatte Kohls Entscheidung wenig zu tun. Sie war eine Reaktion auf die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, was sich auch im Namen des neuen Ressorts spiegelte. Gleichwohl waren dabei bereits Konfliktfelder angelegt. Denn in dem neuen Haus waren die Zuständigkeiten für Umwelt und Naturschutz angesiedelt. Hinzu kamen die aus dem Familienministerium herausgelösten Bereiche gesundheitliche Belange des Umweltschutzes, Strahlenhygiene, Chemikalien und Rückstände von Schadstoffen in Lebensmitteln. Hessen hat Jagd im Ressortnamen Bereits sechs Monate zuvor war in Hessen im dritten Kabinett von Holger Börner (SPD) ein eigenständiges Ministerium für Umwelt und Energie geschaffen worden, das der Grüne Joschka Fischer übernahm. Da mutet es schon etwas seltsam an, dass ausgerechnet Hessen heute das einzige Bundesland ist, in dem das Waidwerk in der offiziellen Ressortbezeichnung auftaucht. Seit 2,5 Jahren führt Ingmar Jung das Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt, Weinbau, Forsten, Jagd und Heimat. Es hält in einer Hand, was mit dem Amtsantritt von Fischer getrennt wurde, das Umwelt- vom Agrarressort, das damals weiterhin die Hoheit über die Bereiche Landwirtschaft und Forsten behielt. Jagdpolitisch wirklich bedeutsam wurde die Trennung erst mit der von Bund und Ländern ausgehandelten Föderalismusreform I, die am 1. September 2006, also vor knapp 20 Jahren, in Kraft trat. Bis zu dieser Verfassungsänderung unterlag das Jagdwesen der bundesrechtlichen Gesetzgebung. Die Länder konnten Ausführungsbestimmungen erlassen. Sie mussten sich jedoch eng an die Vorgaben halten, während diese heute nur noch Leitlinien sind, innerhalb derer sie sich bewegen können. Ausnahme ist das Recht der Jagdscheine. Im Rahmen dieser sogenannten konkurrierenden Gesetzgebung gilt grundsätzlich das spätere Gesetz. Das hat dazu geführt, dass die Länder davon fleißig Gebrauch machen, meistens restriktiv. Mehr Kompetenzen bei Ländern Der Deutsche Jagdverband unter der damaligen Präsidentschaft von Jochen Borchert begrüßte diese Entwicklung – nicht zuletzt unter dem Eindruck der ersten Beteiligung der Grünen an einer Bundesregierung von 1998 bis 2005. Sie stellten zwar nur zwei Ressortverantwortliche, doch die Jagdfunktionäre trieb die Sorge um, die Partei könne nach einer erneuten Regierungsbeteiligung den Zugriff auf das Jagdwesen bekommen und dann bundesweit mit einem Schlag Jägerrechte beschneiden und die Jagd sowie weitere Landnutzungen strangulieren. Gestärkte Länderrechte sollten ein Bollwerk dagegen sein. Das von Johannes Remmel in NRW durchgesetzte „ökologische Jagdgesetz“ war später ein beredtes Beispiel für eine grüne Jagdpolitik auf Landesebene, an das sich Jäger mit Grausen erinnern. Besondere Brisanz bekommt der Ressortzwist immer dann, wenn CDU und Grüne die Regierung bilden. Sind Christdemokraten traditionell dichter bei der ländlichen Bevölkerung und deren Anliegen, etwa Fischerei, Forstwirtschaft und Jagd, so betonen Grüne den Umwelt- und Naturschutz, oft genug basierend auf einer städtischen, naturfernen Klientel, der jeder Nutzungsgedanke suspekt ist. Das führt immer wieder zu gegenseitigen Blockaden. So konnte Werner Schwarz, bis zum vergangenen Jahr Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein, so manche Forderung aus seinem Berufsstand nicht umsetzen, weil zahlreiche Themen in den Zuständigkeitsbereich des grün geführten Umweltministeriums fielen. Das veranlasste den Präsidenten des Landesbauernverbandes, Klaus-Peter Lucht, zu einer öffentlichen Kritik an der „andauernden Blockadehaltung des Umweltministeriums“. Differenzen und Blockaden vermeiden In Baden-Württemberg ist die neue schwarz-grüne Regierung am 11. Mai mit der Unterzeichnung eines Koalitionsvertrages gestartet, dessen zentrale Aussagen der Landesjagdverband ausdrücklich begrüßt. Die Legislatur wird zeigen, ob das Papier grundsätzlich differierende Auffassungen der Parteien und damit auch das Nebeneinander von CDU-Landwirtschaftsministerin Marion Gentges, die für die Jagd zuständig ist, und Umweltministerin Thekla Walter (Grüne) befriedet. In Rheinland-Pfalz vermeidet die neue Regierung von CDU und SPD von vornherein Reibungsverluste und Blockaden beim Thema Waidwerk. Ministerpräsident Gordon Schnieder hat mit der Fusion von Umwelt- und Landwirtschaftsministerium ein zentrales Wahlversprechen umgesetzt. An der Spitze des für Umwelt, Landwirtschaft, Weinbau und Forsten zuständigen Schlüsselressorts steht mit der ehemaligen Europaabgeordneten Christine Schneider eine Chefin, die selbst in der Agrarpolitik verankert ist. Ihr wird auch die Verwirklichung der Ankündigung aus dem Koalitionsvertrag obliegen, das Landesjagdgesetz „praxisnah weiterzuentwickeln“ und dabei die Belange von Wild, Wald, Landwirtschaft und Jagd stärker zusammenzuführen.
- Mit der Gen-Schere gegen die Hitze
Die Hitze des Juni 2026 zeigt es: Der Klimawandel verändert die Landwirtschaft. Die EU will den Bauern jetzt mehr Freiheit beim Einsatz von Gentechnik erlauben. Nicht allen gefällt das KI-Bild: ChatGPT Im Juni gab es bundesweit neue Hitzerekorde, die brennende Sonne und Trockenheit werden zur neuerlichen Belastung für die anstehenden Ernten nicht nur im Osten, sondern bundesweit. Schon in den vergangenen Jahren hatten Getreide- und Obstbauern in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt einen größeren Teil ihrer Ernten verloren. Auch die Forstwirtschaft in Brandenburg und in Sachsen sieht sich im Jahr 2026 erneut extremen Hitzebelastungen ausgesetzt. Hoffnung macht vielen Landwirten jetzt eine Entscheidung des EU-Parlaments in Straßburg. Das Europäische Parlament machte den Weg für neue Regeln für sogenannte neue genomische Techniken (NGT) wie die Gen-Schere CRISPR/Cas frei. Konkret ist CRISPR/Cas (oft als „Gen-Schere“ bezeichnet) eine revolutionäre molekularbiologische Methode des Genome Editing. Sie ermöglicht es, das Erbgut (DNA) nahezu aller Lebewesen präzise, kostengünstig und einfach zu zerschneiden, um Gene auszuschalten, zu verändern oder neue Erbinformationen einzufügen. Bezogen auf die Landwirtschaft bedeutet dies, dass trockenheitsresistente Weizensorten oder Pflanzen, die mit weniger Pflanzenschutzmitteln auskommen, nun schneller zugelassen werden und dann auf den Feldern angebaut werden können. Deutschland hat sich auf EU-Ebene im Rat enthalten Gentechnik, in Deutschland und in vielen anderen europäischen Ländern ein umstrittenes Thema. Die jetzt beschlossenen Änderungen wurden bereits von den EU-Staaten bestätigt und sollen voraussichtlich ab Mitte 2028 angewendet werden. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hatte die Einigung auf EU-Ebene im Dezember als schweren Fehler bezeichnet. Bei der Abstimmung darüber im Rat enthielt sich Deutschland im April entsprechend. Die Mehrheit kam dann auch von anderen europäischen Ländern. Die Reaktionen auf Landesebene fallen in der Bundesrepublik aber durchaus unterschiedlich aus. So sieht zum Beispiel der Landesbauernverband Sachsen-Anhalt nach dem Beschluss nun eine stärkere Chance, neue Züchtungsmethoden einzusetzen, um Kulturpflanzen schneller an den vorhandenen Klimawandel anzupassen. „Gerade für die Landwirtschaft in Sachsen-Anhalt, die regelmäßig von Trockenperioden und Wetterextremen betroffen ist, können neue Züchtungsmethoden dazu beitragen, widerstandsfähigere Sorten mit stabileren Erträgen zu entwickeln“, teilte der Verband gegenüber dem Landesdienst von dpa in Magdeburg mit. Auch andere Landwirtschaftsverbände begrüßen den Schritt aus Straßburg. Wissenschaft sieht Fortschritte Auch das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben sieht nach der Freigabe der Gen-Schere CRISPR/Cas mehr Chancen als Risiken. Es gehe jetzt um Präzision und Geschwindigkeit bei der Züchtung in Form des Einsatzes der neuen genomischen Techniken (NGT). Dies sei wichtig im Hinblick auf die Geschwindigkeit des Klimawandels und die Vorgaben, weniger Agrochemikalien einzusetzen, teilte das angesehene Leibniz-Institut in einer Erklärung mit. Auch die Biotech-Branche sieht den Beschluss positiv: „Genau diese Lösungen werden gebraucht, wenn Landwirtschaft auch unter schwierigeren Bedingungen verlässlich produzieren soll“, erklärte der Geschäftsführer des Biotechnologie-Verbands DIB, Ricardo Gent. Er forderte, die EU-Regeln „ohne neue bürokratische Hürden“ in Deutschland umzusetzen. Umweltschützer lehnen Freigabe ab Ganz anders fallen die Reaktionen bei den Umweltschützern aus. „Als Verbraucher haben wir das Recht zu wissen, was auf unserem Teller liegt. Auch Menschen, die in Zucht-, Landwirtschafts- oder Verarbeitungsbetrieben arbeiten – egal ob konventionell oder biologisch –, müssen das Recht und die Möglichkeit haben, auch in Zukunft gentechnikfrei zu erzeugen“, erklärte Annemarie Volling vom Umweltdachverband Deutscher Naturschutzring. Zugleich forderte sie klare Haftungsregelungen nach dem Verursacherprinzip. „Wer auf neue Gentechniken setzt, muss auch für Schäden an der Umwelt, bei Menschen oder Tieren oder für wirtschaftliche Schäden aufkommen.“
- In Deutschland geht es heiß her
Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und auf die Bundespolitik Liebe Leserinnen und Leser, in unserem Wochenkommentar befassen wir uns außer mit den Reformvorhaben der Koalition mit der aktuellen Hitzewelle, den Herausforderungen für die Landwirtschaft und mit der Jagd. Hier geht es vor allem um das in dieser Woche vom niedersächsischen Landtag beschlossene neue Jagdgesetz. In Deutschland geht es momentan heiß her: politisch beim Thema Rentenreform, zunächst aber vor allem wettermäßig. Viele Menschen leiden unter der aktuell großen Hitze, auch wenn andere die Sonne in Freibädern, im Garten oder in der freien Natur noch so sehr genießen mögen. Denn die Freude am „schönen Wetter“ und die Gesundheit sind in Gefahr, wenn die Temperaturen wie aktuell in allzu hohe Bereiche steigen. Nur eines von vielen Beispielen: Im unterfränkischen Kitzingen könnte es laut Deutschem Wetterdienst (DWD) an diesem Samstag um die 42 Grad heiß werden, und zwar im Schatten. Da heißt es, kühlen Kopf zu bewahren, so wie jetzt die Veranstalter des 32WetterdienstHamburger Halbmarathons. Diese beliebte Veranstaltung, zu der sich 24.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer angemeldet hatten, wurde für dieses Wochenende kurzfristig abgesagt. Man habe diese Entscheidung, „auch wenn sie uns außerordentlich schwergefallen ist“, im Sinne der Sicherheit aller Beteiligten treffen müssen, hieß es bei den Organisatoren. Wer sollte ihnen da widersprechen? Landwirtschaft unter Druck Nicht nur in Metropolen, auch im ländlichen Raum können die Auswirkungen der aktuellen Wetterlage gravierend sein. Man denke hier nur an die Landwirtschaft. Diese steht ohnehin vor großen Herausforderungen. Hohe Kosten und niedrigere Preise für viele wichtige Produkte drücken aufs Geschäft. In diesen Tagen beginnt die Getreideernte 2026, so auch in Westfalen-Lippe. Erste Ergebnisse bei der Wintergerste deuten vielerorts auf ein gutes Ertrags- und Qualitätsniveau hin. Doch all dies ist kein Grund zur Entwarnung: „Die Situation an den internationalen Getreidemärkten ist nach wie vor von großer Unsicherheit geprägt. Trotz teilweise ordentlicher Erntemengen bleiben die Erlöse vieler Betriebe unter Druck und stehen in keinem Verhältnis zu den gestiegenen Kosten für Betriebsmittel, Energie und Logistik“, betonte Hubertus Beringmeier, Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes. „Wenn wir keine Preiserhöhung in unseren Märkten bekommen, dann wird die Landwirtschaft in eine echte Liquiditätskrise hineinlaufen“, warnte Bauernpräsident Joachim Rukwied. Er forderte von der Politik Millionenhilfen für Schweinehalter. Auch die Milchpreise seien nicht zufriedenstellend. Manche Landwirte hätten schon die Düngung eingeschränkt, einfach um Kosten zu reduzieren. Die Preise für Stickstoffdünger lägen aktuell um etwa 30 Prozent höher als vor einem Jahr. Auf dem Deutschen Bauerntag in Freiburg verlangte Rukwied eine Verlängerung des Tankrabatts für Diesel während der anstehenden Erntezeit und einen Abschlag von 20 Prozent beim gesetzlichen Mindestlohn für Saisonarbeitskräfte. Auch warnte er vor einer generellen Abschaffung von Minijobs, wie sie im Zuge der geplanten großen Rentenreform von einer Expertenkommission vorgeschlagen wird. Rukwieds Kritik an einer solchen Änderung ist verständlich, zumal auch andere Branchen wie die Gastronomie den Wegfall wichtiger und flexibel einsetzbarer Aushilfskräfte fürchten. Doch bleibt es fraglich, ob die Koalition dem folgt. CDU-Kanzler und SPD-Sozialministerin haben deutlich gemacht, dass sie den Vorschlag der Expertenkommission als Ganzes durchsetzen wollen. Bei der Alterssicherung soll jetzt der große Reformwurf gelingen, den die Koalition zu Beginn ihrer Regierungszeit versprochen und bislang nicht gehalten hat. Scheitert dieses Vorhaben, dürfte dies de facto das mehr oder weniger schnelle Aus für Schwarz-Rot bedeuten. Wenn für eine Regierung politisch so viel auf dem Spiel steht, haben noch so berechtigte Einzelinteressen und -forderungen naturgemäß einen schweren Stand… Zum Spendenformular Dass die Koalition jetzt bei den Reformen aufs Tempo drücken will, zeigt auch die jüngste Einigung mit den Ländern auf eine finanzielle Entlastung der Kommunen. Sie sorgt für mehr Transparenz und klarere Verantwortlichkeiten. Der Bund werde 80 Prozent der Kosten tragen, die den Kommunen künftig durch neue Bundesgesetze entstehen. Die lange heftig umstrittene und nun vereinbarte Lastenverteilung folge dem Grundsatz „Wer bestellt, bezahlt“, sagte Kanzler Friedrich Merz. Damit sollten alle Beteiligten, insbesondere die Bürger in den Kommunen, gut leben können. Neues Jagdgesetz in Niedersachsen Ein wichtiges Thema im ländlichen Raum bleibt die Jagd. Über deren konkrete Ausgestaltung wird immer wieder zwischen Politik, Tierschützern und Jägern kontrovers diskutiert. In Niedersachsen hat der Landtag am Dienstag dieser Woche nun das lange umstrittene neue Jagdgesetz beschlossen. Ein wichtiges Ergebnis aus Sicht der Jägerschaft: Eine Einschränkung der Jagdhunde-Ausbildung, wie sie zunächst befürchtet wurde, soll es nicht geben. Die Jagd mit Hunden in künstlich angelegten Tunnelsystemen wird weiter erlaubt sein. Verboten wird allerdings die Jagd mit dem Hund in Erdbauten, etwa um Dachse und Füchse zu erlegen. Dort bestehe ein hohes Verletzungsrisiko für die Tiere, heißt es dazu im Landwirtschaftsministerium. Die Jägerschaft hält diese Sorge zwar für unbegründet. Doch insgesamt kann sie mit der beschlossenen Einschränkung der Jagdhunde-Ausbildung leben. Aber Helmut Dammann-Tamke, Präsident der Landesjägerschaft Niedersachsen, betonte zugleich, dass sich die Landesregierung auch tatsächlich an die Zusagen halten müsse und „nicht über Verordnungen durch die Hintertür doch noch Einschränkungen an der Jagd und der Ausbildung vornimmt“. Weitere Punkte im neuen niedersächsischen Jagdgesetz sind unter anderem: Keine Abschlusspläne mehr für Rehwild, denn diese haben aus Sicht des Landwirtschaftsministeriums nur eine geringe Aussage- und Steuerungskraft; Vereinfachung des Verwaltungsaufwands beim Schießen wilder Tiere, insbesondere von Waschbären, auf einem Privat- oder Firmengelände. Auch dürfen wildernde Hunde künftig nur noch eingefangen, aber nicht mehr getötet werden. Bei der Rettung von Jungwild soll der Nutzer von landwirtschaftlichen Flächen den zuständigen Jäger 24 Stunden vor dem Mähen informieren. Falls dieser keine Zeit für die Jungwildrettung hat, sollen andere Helfer mit dieser Aufgabe betraut werden müssen, darunter mindestens eine Person mit Jagdschein. Jagd als Spielball der Politik Nicht nur in Niedersachsen, bundesweit wird die Jagd immer wieder Spielball der Politik und Objekt der Auseinandersetzungen zwischen Parteien. Das schlägt sich auch im Ressortzuschnitt von Bundes- und Landesregierungen und in Koalitionsverträgen nieder. Seinen Ursprung hat diese Entwicklung in der Trennung zwischen Umwelt- und Landwirtschaftspolitik, die vielfach eine Politik aus einem Guss be- oder sogar verhindert. Anfang des Monats war es vier Jahrzehnte her, dass es im Kabinett von Helmut Kohl erstmals zu dieser Abspaltung kam. Die Schaffung eines eigenständigen Umweltministeriums hatte damals allerdings nichts mit der Jagd zu tun, sondern war eine Reaktion auf die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Unser Autor Christoph Boll wird in der kommenden Woche in einem Blog-Beitrag die weitere Entwicklung in den Bundesländern beleuchten. Die nämlich erhielten erst vor 20 Jahren mit der Föderalismusreform und der sogenannten konkurrierenden Gesetzgebung wirklichen gesetzgeberischen Zugriff auf die Jagd. Er geht dabei auch auf jüngste Entwicklungen in Niedersachsen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ein. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und einen gelungenen Start in eine für Sie positive Woche. Mit besten Grüßen Ihr Jürgen Wermser Koordination/ Redaktionsleitung Kommentar zum Artikel: Sehr geehrter Herr Wermser, auf Basis welcher journalistisch sorgsamen Recherche formulieren ordnen sie der LJN folgendes Zitat zu ? "Doch insgesamt kann sie mit der beschlossenen Einschränkung der Jagdhunde-Ausbildung leben" In unserer PM steht: "Wir begrüßen ausdrücklich, dass der Gesetzentwurf keine Einschränkung der Jagdhundeausbildung vorsieht. Das war und ist eine der roten Linien unseres Verbandes...." Ich stelle hier fest: Es gibt keine Einschränkung der Jagdhundeausbildung. Angesichts dessen, dass wir gemeinsam mit dem JGHV 20 Tsd. Demonstranten mit der Kernforderung: "Keine Einschränkung der Ausbildung und Prüfung unserer Hunde am lebenden Wild" vor den Nds. Landtag gebracht haben, ist ihre Formulierung im höchsten Maße irreführend und sollte nachfolgend korrigiert werden. Übrigens: Ohne Prüfung unserer Erdhunde auch keine Jagd in Kunstbauen ! MfG Helmut Dammann-Tamke Helmut Dammann-Tamke, Präsident der Landesjägerschaft Niedersachsen e.V.
- „Stoffstrombilanzverordnung“: praxisfern, bürokratisch, frustrierend
Agrarminister Alois Rainer hat 2025 die Stoffstrombilanzverordnung abgeschafft. Dagegen klagen jetzt die Grünen in Karlsruhe. Sie meinen: Das Parlament hätte gefragt werden müssen KI-Bild: ChatGPT Praxisfern, viel zu aufwendig, bürokratisch, frustrierend: So empfanden viele Landwirte und Bauernverbände die umstrittene Stoffstrombilanzverordnung. Die Große Koalition führte sie zum 1. Januar 2018 ein, um mehr Transparenz zu schaffen. Betriebe ab einer bestimmten Größe mussten Buch führen. Damit sollte sichtbar werden, wie die Nährstoffe Stickstoff und Phosphor in einen Betrieb gelangen – etwa durch Dünger, Futtermittel, Tiere oder Pflanzgut – und wie sie wieder aus dem Betrieb herausgehen, zum Beispiel durch Gülle oder verkaufte Ernte. Diese Pflichten sollten das Grundwasser besser vor zu viel Nitrat aus der Landwirtschaft schützen. Im Juli schaffte Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer die Stoffstrombilanzverordnung wieder ab. „Weg damit“, erklärte der CSU-Politiker in einer Pressemitteilung. „Damit befreien wir unsere Höfe von jährlich 18 Millionen Euro Bürokratieballast.“ Umweltstandards würden jedoch nicht aufgegeben, die Düngeverordnung bleibe in Kraft, betonte der Agrarminister vor einem Jahr. Grüne klagen gegen Abschaffung vor dem Bundesverfassungsgericht Die Abschaffung der Stoffstrombilanzverordnung hatten CDU, CSU und SPD 2025 im Koalitionsvertrag vereinbart. War die Aufhebung ohne Beteiligung des Deutschen Bundestages rechtens? Die Grünen im Parlament bezweifeln das. Empört kritisierten sie das Vorgehen als „Politik im Trump-Stil“, also per Dekret am Gesetzgeber vorbei. Daher zog die Grünen-Fraktion vor das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, das sich mit der Klage seit Mitte Juni befasst (Az. 2 BvE 15/25). Eine Entscheidung fällen die Richterinnen und Richter allerdings erst in einigen Monaten. Das Landwirtschaftsministerium hält die Abschaffung für rechtens. Ein Sprecher erklärte, der Schritt sei mit dem Innen- und dem Justizministerium abgestimmt. Beide Verfassungsressorts hätten bestätigt, dass aus ihrer Sicht für die Aufhebung der Stoffstrombilanz weder der Bundesrat noch der Bundestag hätten zustimmen müssen – dieser Einschätzung folgte das Agrarressort. Die meisten Bundesländer hätten die Entscheidung befürwortet. Grünen-Agrarministerin Staudte lobt niedersächsische Bauern Der jüngste Nährstoffbericht der Landwirtschaftskammer Niedersachsen zeigt derweil, dass die Bauern zwischen Harz und niederländischer Grenze inzwischen gezielter düngen. Niedersachsens Agrarministerin Miriam Staudte (Grüne) stellte den Bericht kürzlich zusammen mit Kammerpräsident Gerhard Schwetje vor. Zwar war die Ministerin nicht mit dem Zustand vieler Gewässer zufrieden, doch das kann auch daran liegen, dass Verbesserungen beim Düngen erst später messbar werden. Immerhin stellte die Grünen-Politikerin fest, dass die rechtlichen Vorgaben zur Stickstoffdüngung auf Landesebene eingehalten werden. Der Anfall von Dung und Gärresten aus Tierhaltung und Biogasanlagen sei leicht zurückgegangen. Staudte wörtlich: „Die Einstellung zur Düngung auf den Betrieben hat sich positiv verändert, die rechtlich zulässige Stickstoffdüngung wird auf Landesebene eingehalten und das Nährstoffaufkommen aus der Tierhaltung in den viehstarken Regionen und den Biogasanlagen ist insgesamt rückläufig.“ Gleichzeitig kündigt die Agrarministerin an, die Düngebedarfswerte weiter senken zu wollen. Für Niedersachsens Landvolkpräsident Holger Hennies ist das ein Irrweg: „Willkürliche politische Eingriffe gefährden die Fruchtbarkeit unserer Böden, die Qualität unserer Agrarprodukte und die Existenz unserer sehr nachhaltig wirtschaftenden Betriebe.“ Auch Marco Mohrmann, agrarpolitischer Sprecher der CDU im Landtag in Hannover, vertritt die Ansicht, dass die niedersächsischen Landwirtinnen und Landwirte verantwortungsvoll und mit Augenmaß düngen. „Wer dauerhaft nachweislich verantwortungsvoll wirtschaftet, darf nicht durch pauschale und oftmals nicht nachvollziehbare Einschränkungen belastet werden“, fordert Mohrmann.
- Kadaver sind Hotspots des Lebens
Wildtierkadaver sind Hotspots der Biodiversität. Sie spielen eine besondere Rolle in ökologischen Prozessen. Das ist ein erstes Ergebnis eines bundesweiten Forschungsprojektes in den Nationalparken KI-Bild: ChatGPT Tote Tiere werden eigentlich nie offen in der Natur liegen gelassen. Unfallwild, natürlich verendete Tiere bis hin zum gestrandeten Meeressäuger oder die Jagdbeute werden ganz selbstverständlich entfernt. Selbst in Nationalparks mit dem Ziel des Prozessschutzes war das bewusste Belassen oder gar Anreichern von Aas in der Fläche bislang kaum im Schutzgebietsmanagement vorgesehen. Folglich ist wenig über die Wirkung solcher Maßnahmen auf allgemeine ökologische Prozesse im Kadaverumfeld und deren potenzielle Verwendung als Ökosystemindikatoren bekannt. Das will das vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) geförderte Projekt „Belassen von Wildtierkadavern in der Landschaft – Erprobung am Beispiel der Nationalparke“ ändern. Unter der federführenden Trägerschaft der Universität Würzburg wird fünf Jahre lang – von Oktober 2022 bis Mitte 2027 – die versteckte Biodiversität am Kadaver in 15 deutschen Großschutzgebieten erforscht. Die Projektgebiete reichen von den Alpen über die Mittelgebirge bis zum Wattenmeer. Dabei wurden zunächst große Aasfresser mittels Fotofallen, Insekten mittels Bodenfallen und Pilze und Bakterien durch Maulschleimhautabstriche erfasst. Ein zweiter Schwerpunkt nahm drei Winter lang größere Aasfresser wie Kolkraben, Großmöwen, Seeadler und Luchse in den Blick. Zudem werden drei Jahre lang jeweils acht natürlich verendete oder bei Wildunfällen tödlich verunglückte und nicht mehr für den menschlichen Verzehr geeignete Rehkadaver an zufälligen Plätzen auf den Flächen der Schutzgebiete belassen. Analysiert werden die optimalen Bedingungen des Aasangebots, um die Auswirkungen auf die Kadaververwerter schutzgebietsübergreifend zu optimieren. Mag ein totes Reh im Wald für Spaziergänger und Wanderer auch vorrangig ein irritierender Anblick sein, so ist es für die Forscher ein Fenster in einen Lebensraum, der sonst kaum sichtbar ist. Denn an toter Biomasse zeigt sich der Kreislauf des Lebens wie in Zeitraffer: Was bei einem abgestorbenen Baum Jahrzehnte dauert, geschieht dort in wenigen Wochen. Das ermöglicht den Wissenschaftlern zu verstehen, wie komplex das Zusammenspiel aller Organismen ist und welche Bedeutung große tote Tiere für die Biodiversität in den Schutzgebieten haben. Kreislauf des Lebens in Zeitraffer Inzwischen liegen erste Ergebnisse vor, die das BfN unter dem Titel „Kadaverökologie in den deutschen Nationalparks – Erste Erkenntnisse aus drei Jahren Feldarbeit“ in einer Broschüre präsentiert. Allein im Nationalpark Harz entstanden mehr als 325.000 Fotos und über 15.500 Videos. Sie belegen, dass Aas ein wichtiger Nährstofflieferant ist. Im Schnitt fressen etwa sechs verschiedene Arten an einem Kadaver, darunter Wildschweine, Füchse, Luchse und Wölfe, aber auch Raben, Marder und Greifvögel. Selbst bis zu Mäusen und Gartenschläfern reicht die Palette der aufgenommenen Aasnutzer. Insgesamt 35 Tierarten wurden an den insgesamt 46 ausgelegten Kadavern beobachtet. Aber nicht nur Säugetiere nutzen das Angebot. Mehr als 250 Käferarten an den Kadavern wurden alleine im Harz ermittelt. An einem einzigen Reh- oder Rothirschkadaver können sich im Sommer zigtausende Fliegenmaden und Käferlarven entwickeln. Diese dienen anderen räuberischen Insekten oder Vögeln als Nahrung. Die schlüpfenden fertigen Fliegen und Käfer sind wiederum eine wichtige Beute für andere Vögel oder auch Fledermäuse. Das zeigt: An und um einem sich zersetzenden Wildtierkadaver entsteht eine vielfältige Lebens- und Nutzergemeinschaft. In ihr profitieren auch unscheinbare und unerwartete Organismen wie die Nacktschnecken. Als einer der letzten Kadaverbesucher nagen sie zur Nährstoffaufnahme die Knochenhaut ab. Aas ist in der Natur unverzichtbar Auch Bodenproben und Abstriche vom Aas wurden genommen, um die mikrobielle Gemeinschaft molekularbiologisch zu bestimmen. Bezieht man die Analyseergebnisse ein, wird das Artenspektrum noch vielfältiger. So wurden im Nationalpark Bayerischer Wald 1.820 Bakterien- und 3.726 Pilzarten an der toten tierischen Biomasse nachgewiesen. Außerdem waren es 17 Wirbeltierarten, darunter Seeadler, Rotmilan und Wildkatze sowie 92 Käferarten, darunter der extrem seltene Scheinstutzkäfer, 97 Zweiflügelarten. Insgesamt zählten die Forscher rund 6.000 Arten. Unter dem Strich kommen sie zu der Folgerung: Ein Kadaver ist wie Totholz ein Biodiversitätshotspot. Aas gehört deshalb in die Natur und ist als wichtiger Bestandteil natürlicher Kreisläufe letztlich unverzichtbar. Damit sind tote Tiere weit mehr als unansehnliche Biomasse – sie sind im ewigen Kreislauf des Lebens unverzichtbare Bestandteile funktionierender Ökosysteme.
- Zwischen Weltpolitik, Wildbret und Kälberglück
Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd Liebe Leserin, lieber Leser! Hinter uns liegt wieder eine Woche mit der Dominanz im Blick auf die schon viel reflektierten globalen und europäischen Themen der Sicherheits- und Außenpolitik. Die innenpolitischen und wirtschaftlichen Auswirkungen von internationalen Verwerfungen haben wir bis in den letzten Winkel unserer Republik vielfach zur Genüge direkt erlebt. Da hoffen wir nun auf Besserung. Das fing in den letzten Monaten bei jeder Fahrt an die Tankstelle an und reicht bis in jede persönliche oder betriebliche Kalkulation. Stichworte: Inflation, steigende Zinsen, düstere Prognosen über Stagnation, Null-Wachstum des Bruttoinlandsproduktes, Investitionsstaus oder am Ende Arbeitsplatzsorgen. Nun gibt es ein verhaltenes Aufatmen. Jedenfalls sollen sich nach Ersteinschätzungen von Politik und Wirtschaftsforschung die Aussichten für die weitere Konjunktur langsam verbessern. Talsohle erreicht? Mal abwarten. Das gilt auch für die weitere Entwicklung der Düngemittelpreise, wo alle nach dem Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran auf Entspannung hoffen. Wenn sich die Weltmarktpreise ausgehend vom Rohöl weiter entspannen sollten, wird nach übereinstimmenden Einschätzungen das Preisniveau im Inland nur zögerlich sinken. So blicken wir in dieser Wochenkolumne nicht nur auf regionale Auswirkungen globaler Entwicklungen. Sondern auch auf naheliegende andere Themen im Zusammenhang mit dem ländlichen Raum und der Jagd. Dazu unternehmen wir kleine Ausflüge nach England und in den Norden Deutschlands. Selbst der Landwirtschaftsminister hatte diese Woche wie der Bundeskanzler ein großes auswärtiges Programm. Japan und China standen für ihn in Begleitung „einer hochrangigen Wirtschaftsdelegation“ auf dem Plan, wie das Ministerium berichtet. Japan sei nach China Deutschlands zweitwichtigster Handelspartner in der dortigen Region und ein enger Werte- und Kooperationspartner. China sei als weltgrößter Lebensmittelmarkt von herausragender Bedeutung für die deutsche Agrar- und Ernährungswirtschaft. Die Reise steht im Zeichen einer aktiven internationalen Agrar- und Ernährungspolitik, die auf offene Märkte, resiliente Lieferketten und verlässliche Partnerschaften setzt. Apropos Lieferketten: Dazu gehört auch das, was an Rohstoffen und Düngemitteln nun wieder durch die Straße von Hormus zu uns gelangt. Am Ende geht es international und national letztlich um das, was wir essen und trinken. Alois Rainer (CSU): „Ernährungssicherheit, wirtschaftliche Stärke und internationale Zusammenarbeit gehören zusammen.“ Was wir für Essen und Trinken ausgeben Bei dieser Thematik ist es einmal gut zu wissen, wie sich unser Ernährungsverhalten entwickelt und damit auch verändert. Einen Beitrag leistet die regelmäßige Untersuchung darüber, wie viel und wofür die Menschen Geld ausgeben, wenn es um die Nahrungsmittel geht. Eine sogenannte „Unterstichprobe der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) 2023“ nennt Zahlen. Rund 335 Euro im Monat haben die privaten deutschen Haushalte im Schnitt 2023 für Nahrungsmittel ausgegeben. So wurde es jetzt erst mit Verweis auf die Quelle des Statistischen Bundesamtes veröffentlicht. Die Werte zeigen aktuelle Trends. So machten die Ausgaben für Fleisch und Wurst, Fisch und Meeresfrüchte mit durchschnittlich 22 % gut ein Fünftel davon aus. Das Landwirtschaftsministerium beziffert den Fleischkonsum in Deutschland auf etwa 60 kg Fleisch pro Person und Jahr. Der Verbrauch von Wildfleisch liegt dabei bei 400 g pro Person. Das ist, wenn ich richtig rechne, unter einem Prozent des durchschnittlichen Fleischkonsums. Dabei ist das das Gesündeste und für viele Schmackhafteste unter dem, was hier direkt aus der Jagd oder über den Handel angeboten wird. Machen wir es vollständig: Jeweils rund ein Sechstel (17 %) der Ausgaben für Nahrungsmittel wendeten die Haushalte für den Kauf von Getreideprodukten mit Brot an der Spitze und Milcherzeugnissen bis zu den statistisch einbezogenen Eiern auf. Für Gemüse, Kartoffeln und Ähnliches wurden 14 % ausgegeben und für Obst und Nüsse waren es 9 %. Für den Kauf von Zucker und Süßwaren wurden im Schnitt 8 % verwendet. Das soll ja jetzt politisch eingedämmt werden… Es fehlen noch die Getränke: dafür wendeten die privaten Haushalte durchschnittlich rund 75 Euro im Monat auf. 55 % (gut 40 Euro) dieser Ausgaben entfielen auf alkoholfreie Getränke, 45 % (knapp 35 Euro) auf alkoholische Getränke. Mit 16 % wurde knapp ein Sechstel der Getränkeausgaben für Bier (auch alkoholfrei) aufgewendet. Der Bierkonsum ist natürlich auch ereignisabhängig. Da ist aktuell auf die Fußballweltmeisterschaft zu verweisen. Abschließend sei bemerkt, dass nahezu alle Ernährungsprodukte ihren Ursprung im ländlichen Raum haben. Wenn die Politik nicht weiter weiß, wird geklagt Die Bauern mussten Bilanzen darüber führen, wie Nährstoffe in die Umwelt gelangen. Dafür trat 2018 die Stoffstrombilanzverordnung in Kraft. Viele Landwirte kritisierten den hohen bürokratischen Aufwand. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer hat die Verordnung 2025 wieder abgeschafft. So war es im Koalitionsvertrag vereinbart. Die Grünen klagen jetzt vor dem Bundesverfassungsgericht dagegen, dass der Bundestag nicht gefragt wurde. Unser Autor Christian Urlage wird sich in einem geplanten Beitrag für unseren Blog ausgehend vom Nährstoffbericht in Niedersachsen damit befassen. Zum Spendenformular Hier noch ein weiterer Hinweis auf einen Blog-Beitrag in der kommenden Woche: Während ein totes Reh im Wald für Spaziergänger und Wanderer meistens nur ein irritierender Anblick ist, so ist es für Forscher ein Fenster in einen Lebensraum, der sonst kaum sichtbar ist. Denn an toter Biomasse zeigt sich der Kreislauf des Lebens wie in Zeitraffer: Was bei einem abgestorbenen Baum Jahrzehnte dauert, geschieht dort in wenigen Wochen. Diesen Ansatz nutzt ein bundesweit in den Nationalparken laufendes Forschungsprojekt zur Bedeutung toter Tiere für das Ökosystem. Unser Autor Christoph Boll wird erste Ergebnisse des über fünf Jahre laufenden Vorhabens mit 15 Projektgebieten von den Alpen über die Mittelgebirge bis zum Wattenmeer vorstellen. Im Zentrum steht dabei die Feststellung, dass Wildtierkadaver wichtige Hotspots der Biodiversität sind. Noch einmal ein Blick über den Kanal Ich muss einmal wieder eine Parallele zur Politik für oder gegen den ländlichen Raum und der Jagd mit Blick auf Großbritannien ziehen. Dort trommelt gerade die Kampagnenorganisation „Countryside Alliance“ im Netz parallel zu einem Anhörungsverfahren unter dem Titel „Zukunft der Jagd“. Konkretes Stichwort ist gerade zwar die Schleppjagd, die bei uns nicht so bedeutend ist wie dort. Aber insgesamt geht es auch anderswo immer wieder um die Jagdgesetzgebung. Damit haben auch wir uns besonders auf Landesebene seit über 20 Jahren regelmäßig auseinanderzusetzen. Es geht um Natur- und Landnutzung und im Gesamtzusammenhang ebenso um die Zukunft der Jagd. Hier hat die Jägerstiftung natur+mensch ihre Tradition in ihren Positionen seit den rot-grünen Gesetzesinitiativen – etwa in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und jüngst auch in Niedersachsen oder Rheinland-Pfalz. In dem Resümee der Kampagne der „Countryside Allianz“ heißt es jetzt: Die enorme Resonanz zeige, dass die Jagdgesetzgebung zwar laut Umfragen ganz unten auf der Prioritätenliste der Wähler stehe, die Jägerschaft im ganzen Land aber dennoch breite Unterstützung finde. Die Angriffe auf die Landwirtschaft und nun auch auf die Jagd hätten die gesamte ländliche Bevölkerung gegen die Regierung aufgebracht. Wegen der Parallelität der gesellschaftlichen Akzeptanz weise ich gelegentlich auf den Newsletter von Tim Bonner, dem Sprecher der Lobbyorganisation für den ländlichen Raum in Großbritannien, hin. Aktivitäten unserer Service-Clubs für Jagd und Natur Zu den traditionellen Projekten unserer Jägerstiftung natur+mensch gehört die Unterstützung der naturpädagogischen Arbeit. Mit Partnern unterstützen wir das erlebnisorientierte Lernen an Grundschulen und Kindergärten. Als Ergänzung zur Initiative „Lernort Natur“ gibt es diesen orangenen Waldrucksack mit einer Materialsammlung, zu der unter anderem ein hochwertiges Fernglas, Becherlupen, Bestimmungshefte und Fellproben zum Anfassen gehören. Damit können pädagogische Exkursionen in die Natur vor- und nachbereitet werden. Viele Rotary Clubs haben die Initiative in den letzten Jahren vor Ort, meist in Zusammenarbeit mit Kreisjägerschaften und Landesforsten, aufgegriffen. So hat gerade zuletzt der Rotary Club Hamm-Mark im Rahmen eines Walderlebnistages 17 dieser Rucksäcke finanziert und übergeben. NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorissen war prominenter Gast im Wald bei dieser Veranstaltung mit 200 Schülerinnen und Schülern und ihren Lehrerinnen sowie Lehrern. Sie empfahl unter anderem: „Kinder und Jugendliche sollen die Natur nicht nur aus Büchern kennen lernen, sondern sie direkt erleben und verstehen. Die Walderlebnistage mit diesem Rucksack bieten dafür eine tolle Gelegenheit. Hier können die Kinder den Wald mit allen Sinnen erleben.“ Jagdveranstaltung im Rahmen der International Rotary Fellowship of Hunters (Foto: privat) Dies ist ein Beispiel dafür, wie Serviceclubs mit aktiven Jägern und Förstern unter ihren Mitgliedern sichtbare Brücken zur Natur schlagen. Die Stiftung natur+mensch bietet so auch nicht nur örtliche Kooperationen an. Als anderes Beispiel nenne ich den RC Herzogtum Lauenburg – Mölln, der auch innerhalb der International Rotary Fellowship of Hunters (www.irfh.eu) initiativ wird. So nahmen 20 Mitglieder dieser internationalen Gemeinschaft die Einladung zu einem „Konferenzansitz“ an, in dem es um Beschaffung von Wildbret für eine große Veranstaltung des Distrikts im Norden ging. Entscheidend war das Gemeinschaftserlebnis neben dem Jagdansitz in vier Revieren, die die Inhaber mit großzügiger Freigabe zur Verfügung gestellt haben. Nach gemeinsamem Ansitz und Strecke im Rahmen einer „Konferenzjagd“ im Kreis Herzogtum Lauenburg (Foto: privat) Die Präsentation von 14 Rehböcken als Strecke am Vormittag danach bereicherte die Veranstaltung mit gelebter Freundschaft innerhalb einer solchen Service-Organisation. Rotary hat weltweit 1,2 Millionen Mitglieder in rund 34.000 Clubs. Das Motto: Freundschaft wird gefestigt, durch gemeinschaftliche Erlebnisse oder Interessen – hier auch für Jagd und Natur. Vieles spielt sich vor Ort und im Kleinen ab. Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, am Wochenende bei Ausflügen oder Spaziergängen die Natur erleben, könnte es in einem unserer östlichen Bundesländer in Brandenburg zu einer außergewöhnlichen Begegnung kommen: Immer wieder haben wir von Elchwanderungen dort gehört oder gelesen. Die Tiere sind nicht nur gut unterwegs auf ihren Stelzenläufen, sondern auch gute Schwimmer. Aktuell meldet in dieser Woche der regionale Rundfunk RBB, dass gerade mindestens fünf Elche dort gleichzeitig durch Wälder und Felder streifen. Meist sind das junge Tiere, die aus dem östlichen Polen kommen und durch die Oder über die Grenze geschwommen sind. Es waren bisher überwiegend Einzelexemplare, die dann wieder verschwunden sind, weil es bei uns zu viele Wildunfälle gibt. Im Gegensatz zum Wolf ist diese Tierart bei vielen Naturfreunden willkommen. Und die Zuwanderung wird amtlich ernst genommen: Vom zuständigen Ministerium wird bereits ein Managementplan zum Umgang mit den Elchen erarbeitet. Schließlich will man wissen, wie man sich verhält, wenn eines der Exemplare plötzlich auf der Autobahn oder in der Nähe einer Siedlung auftaucht. Andere hoffen darauf, dass sich ein Pärchen zusammenfindet und für Elchnachwuchs in Deutschland sorgt. So wünschen wir Kälberglück! Mit diesen Gedanken zu einem Natur-Szenario verabschiede ich mich diesmal ins Wochenende Ihr Jost Springensguth Redaktionsleitung/Koordination
- Ein Jahr Afrikanische Schweinepest in Südwestfalen
761 Fälle in drei Kreisen, Hausschweinebestände bisher verschont. NRW liegt im Vergleich zu Brandenburg und Hessen deutlich besser. Aber die Gefahr ist nicht vorbei Foto: Paul_Henri Am 14. Juni 2025 wurde im Kreis Olpe das erste mit Afrikanischer Schweinepest infizierte Wildschwein in Nordrhein-Westfalen bestätigt. Ein Fund in einem Waldstück bei Kirchhundem. Rund zwei Wochen später folgte der erste Nachweis im Kreis Siegen-Wittgenstein, im Februar 2026 erfasste die Seuche auch den Schwarzwildbestand im Hochsauerlandkreis. Ein Jahr später lässt sich eine vorsichtig positive Bilanz ziehen. Eine, die aber keinen Anlass zur Entwarnung gibt. Die Zahlen im Vergleich Das Friedrich-Loeffler-Institut listet aktuell 761 bestätigte ASP-Fälle bei Wildschweinen in den drei betroffenen Kreisen in Südwestfalen (Stand 11. Juni 2026). Das klingt viel. Im bundesweiten Vergleich ist es jedoch wenig: In Brandenburg wurden im ersten Jahr nach dem Erstnachweis 2020 bereits 2.144 infizierte Wildschweine registriert. In Hessen, wo die Seuche im Juni 2024 erstmals auftrat, war die Zahl ähnlich hoch. Das Entscheidende: Die Hausschweinebestände in NRW sind bisher vom ASP-Virus verschont geblieben. Für die westfälische Landwirtschaft, eine der bedeutendsten Schweineregionen Deutschlands, ist das eine wichtige Tatsache. Was die Eindämmung bisher geleistet hat Die vergleichsweise niedrigeren Fallzahlen sind kein Zufall. Intensive Kadaversuchen, konsequenter Zaunbau und jagdliche Maßnahmen haben dazu beigetragen, das Seuchengeschehen regional konzentriert zu halten. Mitarbeitende der Wildtierseuchenvorsorge-Gesellschaft (WSVG) durchsuchen gemeinsam mit Suchhundeteams, ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern sowie Einsatzkräften der Kreise die betroffenen Gebiete. Moderne Drohnentechnik unterstützt die Suche nach Kadavern. Jägerinnen und Jäger tragen durch die aktive Reduzierung des Schwarzwildbestandes erheblich zur Eindämmung bei. Der menschliche Faktor bleibt entscheidend Die ASP ist für Menschen ungefährlich. Für Haus- und Wildschweine verläuft eine Infektion jedoch fast immer tödlich. Das Virus bleibt außergewöhnlich lange ansteckungsfähig, auch auf Gegenständen wie Werkzeugen, Autoreifen, Kleidung oder Transportfahrzeugen. Ein unachtsam entsorgtes Wurstbrot reicht im schlimmsten Fall aus, um das Virus weiterzutragen, oft ohne dass den Beteiligten bewusst ist, welchen Schaden sie anrichten. WLV-Präsident Hubertus Beringmeier appelliert deshalb anlässlich des Jahrestags erneut an die Bevölkerung: „Steigende Temperaturen locken verständlicherweise wieder vermehrt Spaziergänger, Radfahrer und Ausflugsgruppen in die Natur des ländlichen Raums. Die Verantwortlichen sind bemüht, die Freizeitaktivitäten möglichst nicht einzuschränken. Deswegen ist es aber enorm wichtig, den behördlichen Anweisungen im ASP-Restriktionsgebiet Folge zu leisten, denn die Viruserkrankung verbreitet sich in NRW weiterhin. Jede und jeder Einzelne muss dazu beitragen, die weitere Verbreitung der Afrikanischen Schweinepest zu verhindern, etwa durch sorgsamen Umgang mit Speiseabfällen, Betreten von gekennzeichneten Wegen und das Anleinen von Hunden.“ Konkret bedeutet das: Speisereste gehören ausschließlich in Mülleimer, Wildschweine dürfen keinesfalls gefüttert werden, Zäune und Tore sind nach dem Durchqueren konsequent zu schließen. Verständnis für Einschränkungen notwendig Sperrzonen, Schutzzäune und eingeschränkte Zugänge zu Waldbereichen sind im Alltag sichtbar und mitunter unbequem. Der WLV bittet hier um Verständnis: „Wir hoffen auf das Verständnis der Bevölkerung für notwendige Schutzmaßnahmen wie den Bau von Schutzzäunen und die Einrichtung von Sperrzonen, die zur Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest und zum Schutz unserer Hausschweine von großer Bedeutung sind“, so Beringmeier. Umfassende Informationen, laufend aktualisierte Fallzahlen und interaktive Karten zu den Restriktionsgebieten stellt das Landesamt für Verbraucherschutz und Ernährung NRW unter lave.nrw.de bereit. Der WLV informiert unter wlv.de/asp.
- Verliert Brandenburg seine grüne Lunge?
Seit Jahren verheißt der Waldzustandsbericht nichts Gutes. Dabei trifft es eine besonders waldreiche Region am härtesten. Nur acht Prozent des Waldes sind gesund Foto: Andreas Hermsdorf / pixelio.de Riesige Wald- und Forstlandschaften durchziehen seit Jahrhunderten die Landschaft, unterbrochen nur von malerischen Seen und Flüssen. Dazu kommt noch eine dünn besiedelte Region, die stressgeplagten Großstädtern – nicht nur aus Berlin – und Touristen aus der ganzen Welt als Erholungsort dient. Brandenburg, das wohl grünste Land in Deutschland. Doch seit Jahren verschlechtert sich gerade hier der Zustand des Forstes und des Waldes. Gründe sind Trockenheit, Waldbrände und auch heftige Niederschläge, die sich partiell und lokal begrenzt mit Hagel und schweren Stürmen verbinden. Dazu kommt eine Schwächung durch den Schädlingsbefall. Brandenburg ist eines der waldreichsten Bundesländer Deutschlands. Es gibt rund 1,1 Millionen Hektar Wald – das entspricht 37 Prozent der Landesfläche. Etwa 61 Prozent der Waldflächen gehören privaten Waldbesitzern. Größter Waldeigentümer ist das Land Brandenburg mit rund 272.500 Hektar. Insgesamt gelten nach Angaben des neu veröffentlichten Waldzustandsberichts 39 Prozent der Waldflächen in Brandenburg schon jetzt als schwer beschädigt. Nur noch acht Prozent des Waldes weisen keine sichtbaren Schäden auf. „2025 hat sich die geschädigte Waldfläche deutlich vergrößert“, erklärte die zuständige Forstministerin Hanka Mittelstädt (SPD) unlängst in Potsdam bei der Vorstellung des Waldzustandsberichts. Die durchschnittliche Kronenverlichtung ist auf einen neuen historischen Höchstwert gestiegen. Auf der Suche nach Erklärungen für diese – auch im Vergleich der Bundesländer – überproportional negative Entwicklung verweisen Forst- und Waldexperten auf ein ganzes Bündel von Ursachen: Zum einen verzeichnete gerade Brandenburg seit 2015 zahlreiche Jahre, die von erheblicher Trockenheit geprägt waren. Dazu kamen lokale Unwetter, Waldbrände und sogar weitere Versiegelungen von Fläche gerade im Umfeld des Großraums Berlin/Potsdam. Familienbetriebe mahnen Gleichbehandlung an Vor dem Hintergrund dieser negativen Entwicklung mahnt der Verband der Familienbetriebe Land und Forst Brandenburg e.V. eine gleichwertige Förderung von Waldschutzmaßnahmen zwischen verschiedenen Eigentums- und Jagdstrukturen an. „Waldschutz und Jagd müssen in Brandenburg unabhängig von der Eigentumsform gleichwertig behandelt werden“, erklärte Mathias von Bredow, stellvertretender Vorsitzender der Familienbetriebe Land und Forst Brandenburg. Insbesondere mechanische Schutzmaßnahmen wie ökologisch vorteilhafte Hordengatter aus Holz sollten konsequent und einheitlich förderfähig sein. Nach Ansicht des Verbandes sei auch die bessere Einbindung des Privatwaldes in den Waldumbau dringend geboten. „Die seit 2020 in dem Bundesland geltende Einschränkung der entgeltlichen Betreuung durch den Landesbetrieb Forst ab einer Fläche von zehn Hektar erschwert die Aktivierung von rund 59 Prozent des Privatwaldes. Die Familienbetriebe sprechen sich daher für eine politische Unterstützung von Möglichkeiten der forstlichen Betreuung kleiner und mittlerer Forstbetriebe aus“, erklärte von Bredow weiter. Ziel sei es, den Waldumbau flächendeckend zu beschleunigen und die Widerstandsfähigkeit der Wälder gegenüber Klimarisiken zu erhöhen. „Gerade größere familiengeführte Forstbetriebe sind ein zentraler Stabilitätsanker im Waldumbau. Ihre Rolle muss politisch gestärkt werden.“ Deutschlandweit Probleme Bundesagrarminister Alois Rainer (CSU) hatte erst kürzlich die neuen Daten der Waldzustandserhebung für 2025 vorgestellt. Danach machen den deutschen Wäldern gravierende Folgen von Hitze und Trockenheit weiterhin stark zu schaffen. Bei den häufigsten Arten sind nach wie vor vier von fünf Bäumen krank, wie aus den Daten für 2025 hervorgeht. Ein Drittel der Landesfläche Deutschlands (11,5 Millionen Hektar) ist nach Angaben des für den Forst zuständigen Bundesagrarministeriums mit Wald bedeckt. Die häufigsten Baumarten in den meistens gemischten Wäldern sind demnach die Nadelbäume Fichte (20,9 Prozent) und Kiefer (21,8 Prozent), gefolgt von den Laubbäumen Buche (16,6 Prozent) und Eiche (11,5 Prozent).
- Ein starker ländlicher Raum nützt allen
Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und auf die Bundespolitik Liebe Leserinnen und Leser, wir befassen uns dieses Mal in unserem Wochenkommentar mit dem Treffen von Gewerkschaften und Arbeitgebern mit der Koalitionsspitze im Kanzleramt und den damit verbundenen Hoffnungen auf eine neue Konzertierte Aktion. Hintergrund ist die schwierige wirtschaftliche Lage nicht nur im Agrarbereich, wo die Erzeugerpreise erneut stark gesunken sind. In diesem Zusammenhang geht es auch um die allgemeinpolitische Bedeutung der Landwirtschaft, die größer ist als ihr Anteil am Bruttosozialprodukt. Weitere Themen sind notwendige Fortschritte bei der Digitalisierung, die auch der Jagd zugutekommen können, sowie der teils bedrohliche Zustand des Waldes, insbesondere in Brandenburg. Endlich wird in Berlin wieder mit- und nicht übereinander geredet. Das Treffen der Spitzen der Koalition mit Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften scheint in konstruktiver Atmosphäre verlaufen zu sein. Alle Seiten waren sich offenbar einig, dass wir mehr Wachstum und umfassende Strukturreformen in vielen Bereichen brauchen. Das mag wie eine Selbstverständlichkeit klingen. Doch nach den heftigen, teils persönlich verletzenden Auseinandersetzungen der vergangenen Wochen und Monate ist das schon ein Fortschritt – Stichworte sind Auftritte des Kanzlers bei den Gewerkschaften und der Sozialministerin bei den Arbeitgebern. Letztlich können Koalition und Sozialpartner das Land nur gemeinsam nach vorne bringen. Dass so etwas bei gutem Willen und etwas Mut möglich ist, hat schon vor über 50 Jahren der seinerzeitige Wirtschaftsminister Karl Schiller mit der Konzentrierten Aktion bewiesen. Dieses Erfolgsmodell ist keineswegs veraltet. Es könnte zur Blaupause für Deutschlands Weg aus der aktuellen Krise werden. Viel zu lange gewartet So weit, so gut. Skeptisch stimmt allerdings, dass dieser Weg erst nach einem Jahr Regierungsarbeit und erst kurz vor der angekündigten Präsentation umfassenderer Reformkonzepte zur Sozialpolitik beschritten wird. Anders gesagt: Weshalb hat die Regierung nicht von Anfang an versucht, den Schulterschluss mit den Sozialpartnern zu suchen und die überfälligen Reformen in einem möglichst breiten Konsens anzugehen? Es wäre zu wünschen, dass die jetzt vereinbarten Folgetreffen zügig und substantiell verlaufen. Angesichts der ideologisch teils stark aufgeladenen Streitthemen ist dies allerdings eine eher vage Hoffnung. Dabei wächst der Druck. Die Wachstumsaussichten für dieses Jahr sind weiterhin bescheiden. Der nicht nur von der Koalition erhoffte Stimmungsumschwung ist bislang ausgeblieben. Manche setzen nun auf positive Auswirkungen durch die beginnende Fußballweltmeisterschaft, andere auf Effekte durch Investitionen aus dem Sondervermögen. Beides mag hilfreich sein, aber richtig überzeugend klingt das nicht. Es wirkt eher wie das sprichwörtliche Pfeifen im Wald. Zum Spendenformular Auch im ländlichen Raum drohen sich die wirtschaftlichen Probleme zu verschärfen. Dies gilt nicht zuletzt für den Agrarbereich. So hat sich laut Statistischem Bundesamt der Preisverfall für Landwirte im April beschleunigt. Die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte sanken danach um 12,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Dies sei der stärkste Rückgang seit elf Jahren, hieß es in Wiesbaden. Im März dieses Jahres hatte das Minus noch bei 8,8 Prozent gelegen. Niemand kann sicher vorhersagen, ob und gegebenenfalls wie lange diese bedenkliche Entwicklung anhält. Aber sie zeigt einmal mehr, dass die Verhältnisse auch im ländlichen Bereich fragil geworden sind. Umso wichtiger ist ein verlässlicher Kurs mit einer klaren Perspektive, die von Politik, Betrieben und Beschäftigten gleichermaßen akzeptiert wird. Knappheit löst Verunsicherung aus Eine Stärkung des ländlichen Raumes und damit auch der landwirtschaftlichen Betriebe dient nicht nur den unmittelbar Betroffenen. Hier geht es auch um Staat und Gesellschaft insgesamt. So zeigt jetzt eine wissenschaftliche Studie, wie sich Klimawandel, Krieg und Krisen durch die soziale Wirkung gefühlter Lebensmittelknappheit gegenseitig verstärken können. „Oft reicht schon das Gefühl einer Knappheit, um Verunsicherung auszulösen“, konstatiert laut Süddeutscher Zeitung der Agrarexperte Christoph Gornott, der an der Universität Kassel und am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung tätig ist. Es gebe eben auch so etwas wie einen emotionalen Wert von Lebensmitteln – und der werde oft unterschätzt. Dem kann man nur zustimmen. Die Landwirtschaft und der Agrarsektor sind viel wichtiger, als ihr Anteil am Bruttosozialprodukt vermuten lässt. Die Politik wäre deshalb unter dem Stichwort Resilienz gut beraten, bei der sogenannten „Zeitenwende“ beide Bereiche stärker im Blick zu behalten. Auch sie sollten im weiteren Sinne zur Sicherheitspolitik gezählt werden. Die Modernisierung des Landes muss schnell erfolgen, damit die Bürger erste Fortschritte spüren. Digitalminister Karsten Wildberger nennt ein Ziel: das Rahmede-Tempo. Gemeint ist hier der Wiederaufbau der gesprengten Rahmede-Talbrücke bei Lüdenscheid. Dieser dauerte nur zwei Jahre, während bislang bei ähnlichen Projekten zumeist zwischen acht und zehn Jahre bis zur Fertigstellung vergingen. Man darf gespannt sein, ab wann die versprochenen Effekte der Digitalisierung für alle Bürger erkennbar werden. Entscheidend bleibt letztlich, was im Alltag tatsächlich hilfreich ist. Die Möglichkeiten scheinen hier nahezu unbegrenzt. Selbst in der Jagd sind Effekte positiv spürbar, wie Sie gestern in unserem Blog über ein Rotwildprojekt aus Schleswig-Holstein lesen konnten. Die dort beschriebene Kombination von künstlicher Intelligenz und klassischer Jagdwirtschaft könnte bahnbrechend für die Wildtierforschung sein. Denn Markierungen und Besenderungen verlieren ihre Bedeutung, wenn sich einzelne Tiere ohne menschliche Eingriffe verlässlich erkennen lassen. Den Beitrag kann ich Ihnen zur Lektüre nur empfehlen. Zustand des Waldes immer schlimmer Zum Schluss noch ein Hinweis auf unseren Blog in der kommenden Woche, der zumindest indirekt auch mit dem Thema Jagd zu tun hat. Es geht um den Zustand des Waldes. Dieser wird besonders in Brandenburg immer schlimmer. In der grünen Lunge Ostdeutschlands weisen nur noch acht Prozent der Bäume keine Schäden auf. Dabei setzen die privaten Wald- und Forsteigentümer jetzt auf eine fair ausgerichtete Förderpolitik durch das Land Brandenburg. Ziel sei es, den Waldumbau flächendeckend zu beschleunigen und die Widerstandsfähigkeit der Wälder gegenüber Klimarisiken zu erhöhen. Ob die privaten Wald- und Forsteigentümer damit durchdringen, ist unklar, wie unser Autor Frank Polke in seinem Beitrag schreiben wird. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und einen gelungenen Start in eine für Sie positive Woche. Mit besten Grüßen Ihr Jürgen Wermser Koordination/Redaktionsleitung
- Wie Kameras für die Jagd mit KI denken lernen: „Rotwild-ID“
Ein Projekt aus Schleswig-Holstein zeigt, wie Innovation aus dem ländlichen Raum kommen kann. Mit Gesichtserkennung für Rothirsche entsteht eine neue Form der Wildtierforschung, die ohne Markierungen und Besenderung auskommt Foto: Uwe Kunze / pixelio.de Markierungen am Ohr, Halsbänder mit GPS-Sendern, eingefangene Tiere für die Forschung: Das ist seit Jahrzehnten Standard in der Wildtierforschung. Doch diese Methoden haben einen Preis. Sie sind invasiv, stressig für die Tiere und teuer. Eine ganz andere Frage stellt sich nun: Was, wenn moderne Technik diesen Aufwand überflüssig macht? Der Landesjagdverband Schleswig-Holstein hat diese Frage für die Praxis in den Revieren aufgegriffen und ist damit in unbekanntes Terrain vorgestoßen. Das Projekt „Rotwild-ID“ kombiniert etwas, das lange Zeit getrennt schien: künstliche Intelligenz und klassische Jagdwirtschaft. Das Ergebnis ist bahnbrechend, aber auch symptomatisch für ein Problem, das bisher zu wenig Aufmerksamkeit bekommen hat: Wildtierforschung findet oft im Dunkeln statt. Nicht aus mangelndem Interesse, sondern aus Ressourcenmangel. Ein Problem, das größer ist als Rotwild Wer weiß, wie viele Rothirsche wirklich in Schleswig-Holstein unterwegs sind? Welche Wanderwege nehmen sie? Wie oft kehren einzelne Tiere an dieselben Orte zurück? Diese Fragen sind nicht akademisch. Sie sind praktisch relevant für Jagdmanagement, Waldschutz und Landwirtschaft. Aber die klassische Forschungsmethode ist aufwendig, teuer und mit ethischen Fragen belastet. Deshalb ist das Projekt bemerkenswert: Es löst nicht nur ein technisches Problem, sondern auch ein praktisches. Wenn einzelne Tiere sich ohne menschliche Eingriffe verlässlich erkennen lassen, verändern sich die Möglichkeiten für Forschung und Hege fundamental. Was die Zahlen über die Machbarkeit aussagen Das Projekt basierte auf einem gigantischen Datensammlungsaufwand: 12.700 Fotos von Wildkameras, von denen 1.000 für die KI-Analyse aufbereitet wurden. Die Quote von 77 Prozent Erkennungssicherheit bei bekannten Tieren mag auf den ersten Blick nicht überwältigend wirken. Aber der zweite Wert ist entscheidend: Bei Bildpaaren (zwei Fotos nebeneinander) erreicht die Software eine Genauigkeit von 98,4 Prozent. Das ist praktisch brauchbar. Die Technologie funktioniert. Sie ist nicht Zukunftsmusik, sondern Gegenwart. Der nächste Schritt ist logisch: Verbesserung durch Datenmengen. Je mehr qualitätsgesicherte Bilder die KI lernen kann, desto besser wird sie. Warum das für die Jagdwirtschaft wichtig ist Das Interessante ist die Rückwärtslogik: Während andere Umweltverbände häufig Technologie kritisieren, löst hier gerade digitale Innovation ein Problem, das klassische Naturschutzarbeit hätte lösen sollen. Die Jagdwirtschaft zeigt sich hier pragmatisch und progressiv zugleich. Sie nutzt das, was funktioniert. Das hat auch ökonomische Perspektiven. Wildtiermanagement kostet Geld. Wenn modernes Monitoring ohne Besenderung funktioniert, sinken die Kosten. Das ist für Behörden finanziell relevant, aber auch für Jagdverbände. Offene Fragen und nächste Schritte Offen bleibt, wie schnell die Technologie skalierbar ist. Derzeit funktioniert sie in geschlossenen Populationen gut (wie im Wildpark). Offene Populationen sind schwieriger, weil ständig unbekannte Individuen auftauchen. Mehrere Hochschulen arbeiten bereits daran, die Modelle weiterzuentwickeln. Auch die Open-Source-Veröffentlichung von Code und Daten ist bedeutsam. Das ist nicht Standard in der Forschung und zeigt, dass der LJV die Idee breiter verankern möchte und nicht nur selbst profitieren. Was bleibt, ist die grundsätzliche Frage: Kann die Jagdwirtschaft zum Vorreiter für innovative Wildtierforschung werden? Das Projekt deutet darauf hin, dass es möglich ist. Und dass Innovation nicht aus den Großstädten kommen muss, sondern aus der Jagdpraxis selbst entstehen kann.
- Cottbus macht es vor
Cottbus, Neumünster, Tirschenreuth – nicht die großen Player wie Köln, München oder Hamburg, sondern zwei kreisfreie Städte und ein Landkreis punkten in Deutschland bei Wirtschaftsstruktur, Arbeitsmarkt und Lebensqualität Luftaufnahme von Cottbus (Foto: A.Savin, Wikipedia) Das knapp 100.000 Einwohner große brandenburgische Oberzentrum Cottbus mausert sich immer mehr zu einem modern aufgestellten Dienstleistungs-, Wissenschafts- und Verwaltungszentrum. Die Stadt führt in puncto Dynamik das Regionalranking 2026 des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) an. Von Staat und Politik unterstützt, hat sich die frühere Braunkohlestadt laut IW-Auswertung in den vergangenen Jahren so stark wie keine andere deutsche Region entwickelt. Als Treiber des Aufschwungs nach einem tiefgreifenden Strukturwandel gelten unter anderem der Campus Cottbus der Brandenburgischen Technischen Universität und das ICE-Instandsetzungswerk der Deutschen Bahn. Letzteres ist ein Gigant: In die 450 Meter lange Werkshalle können die 374 Meter langen ICE der neuesten Generation komplett einfahren. Rund 1200 Arbeitsplätze entstehen dort. Der Slogan „Die Kohle geht – die Bahn kommt“ hat in Cottbus seine Berechtigung. Und dort, wo zuletzt der Tagebau stattfand, entsteht der 19 Quadratkilometer große Cottbuser Ostsee mit einer 26 Kilometer langen Uferlinie. Schon bald ein touristischer Anziehungspunkt. Regionen besinnen sich auf ihre vorhandenen Stärken Ein Patentrezept oder einen Masterplan für die Verbesserung der wirtschaftlichen Dynamik gibt es weiterhin nicht. Auch bei diesem neuesten Ranking zeigt sich, dass sich Regionen bei Veränderungen auf ihre vorhandenen Stärken besinnen sollten. „Keine erfolgreiche Region hat auf einen kompletten Strukturbruch gesetzt – sie alle knüpfen an vorhandene Stärken an und entwickeln sie gezielt weiter“, sagt IW-Regionalexperte Hannon Kempermann. Auf Rang zwei im Dynamikranking liegt Neumünster. Zwar zählt die Stadt in der Mitte Schleswig-Holsteins nicht zu den wirtschaftsstärksten Regionen Deutschlands und gilt wegen der schwierigen kommunalen Haushaltslage als „Sorgenkind“. Aber sie punktet mit Unternehmensgründungen, einem Bevölkerungszuwachs und einer gestiegenen Lebensqualität. Das beschert ihr einen Platz auf dem Podium. Klarer ist die Angelegenheit im Landkreis Tirschenreuth in der Oberpfalz. Dem Kreis an der bayerisch-tschechischen Grenze bescheinigen die Studienautoren die drittgrößte Dynamik in den vergangenen zehn Jahren. Der Kreis weist trotz günstiger Hebesätze bei der Gewerbesteuer das bundesweit höchste gemeindliche Steueraufkommen pro Kopf auf. Starke Einzelunternehmen wie das Medizintechnikunternehmen Siemens Healthineers und eine breite Branchenvielfalt begünstigen die Entwicklung. Schaut man im IW-Ranking auf die Liste der wirtschaftlich erfolgreichsten Regionen überhaupt, liegt Tirschenreuth hinter dem Landkreis München und der Stadt München bundesweit ebenfalls auf Platz 3. Schlusslichter: Suhl, Duisburg und Gelsenkirchen In ihrem Regionalranking 2026 analysieren die Forscher die wirtschaftliche Entwicklung der 400 Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland, berücksichtigen dabei aber auch zu einem gewissen Grad weiche Faktoren wie zum Beispiel Ärztedichte, Wanderungsbewegungen oder Straftaten. Insgesamt schneiden die bayerischen Regionen weiterhin am stärksten ab. Der Landkreis München verteidigt seit 2016 ununterbrochen Platz eins. Elf der 20 stärksten Regionen liegen laut IW in Bayern – „dank hoher Steuerkraft, niedriger Arbeitslosigkeit und vieler hochqualifizierter Fachkräfte“. Am unteren Ende der Rangliste finden sich vor allem kreisfreie Städte: Schlusslicht ist das thüringische Suhl, knapp davor liegen die Ruhrgebietsstädte Duisburg und Gelsenkirchen. Erstmals ist ein Zehnjahresvergleich möglich. Das Ergebnis hat auch die Forscher überrascht: Baden-Württemberg hat unter allen Bundesländern den höchsten Anteil an „Verlierer-Regionen“. Mehr als jeder zweite Kreis verlor seit 2016 mindestens 25 Ränge. „Das spiegelt den Transformationsdruck in der Industrie wider, die in Baden-Württemberg traditionell zu den zentralen Stärken zählte“, heißt es in der Bilanz. „Energiekrise, Stagnation und geopolitische Verwerfungen treffen den industriellen Kern Deutschlands besonders.“ Am besten hat sich Brandenburg entwickelt: 80 Prozent der Kreise zählen laut IW-Studie dort zu den Gewinnern. Insgesamt liegen 47 der 62 erfolgreichsten Regionen Deutschlands in Bayern oder Baden-Württemberg. Frankfurt am Main, der Main-Taunus-Kreis und der Hochtaunuskreis sind als südhessische Vertreter Teil der stärksten Regionen. Düsseldorf ist die stärkste Region aus NRW. Köln kann erstmals in die Top 60 vorstoßen. Besonders das südliche Umland Berlins etabliert sich im vorderen Umfeld. Aber auch die Bundeshauptstadt klettert langsam. In Sachsen-Anhalt und im Saarland schneiden viele Regionen erneut schwach ab. Fast die Hälfte der schwächsten Regionen liegt in Nordrhein-Westfalen oder Thüringen.
- Lange Zeit des Streites um die EU-Entwaldungsverordnung
Die Umsetzung eines geplanten EU-Gesetzes für entwaldungsfreie Lieferketten wird zum zweiten Mal verschoben. Bedenken der Forstwirtschaft gegen die Verschärfung der Entwaldungsverordnung wurden dabei auch inhaltlich berücksichtigt Foto: Alan_Frijns Über die Entwaldungsverordnung hatte es seit Jahrzehnten Streit gegeben. Während Umweltschützer und grün-linke Politiker auf den Schutz der Wälder nach ihren Programmen pochten, wiesen die Branche und die EVP-Fraktion im EU-Parlament vor allem auf zusätzliche Bürokratie und neue Belastungen für die heimische Wirtschaft hin. Wie das Parlament in Straßburg mitteilte, stimmten bei der Abstimmung 402 Abgeordnete dafür, dass alle Unternehmen ein zusätzliches Jahr Zeit haben, um die neuen Vorschriften zu erfüllen. 250 waren dagegen. Über das Thema haben wir in unserem Blog schon mehrfach berichtet. Zum Hintergrund: Ursprünglich sollten die wichtigsten Bestimmungen aus der „EU Deforestation Regulation“ (EUDR) schon ab dem 30. Dezember 2024 gelten. Aufgrund massiver Bedenken seitens der Mitgliedstaaten, von Drittländern und Unternehmen wurde Ende 2024 eine erste einjährige Verschiebung beschlossen. Die Herausforderungen bei der Umsetzung – insbesondere mit Blick auf das erforderliche EU-Informationssystem, die Bereitstellung von Geodaten und die Pflichten in der nachgelagerten Lieferkette – blieben jedoch so groß, dass die EU-Kommission selbst bereits im Oktober 2025 eine weitere Verschiebung und Vereinfachungen vorschlug. Am 4. Dezember 2025 verständigten sich Europäische Kommission, der Rat und das Europäische Parlament endgültig auf eine Verschiebung und auf Anpassungen; am 16. Dezember wurde diese Trilogeinigung formal vom Plenum des Europaparlaments angenommen. Atempause für die Wirtschaft Nach dieser Verordnung soll die Anwendung der EUDR um weitere zwölf Monate verschoben werden – für große und mittlere Unternehmen damit auf den 30. Dezember 2026, für kleine und Kleinstunternehmen auf den 30. Juni 2027. Darüber hinaus wird ein Once-only-Ansatz in der Lieferkette gelten. Das bedeutet, dass ausschließlich der Erstinverkehrbringer eine Sorgfaltserklärung erstellen und nur der erste Marktakteur in der nachgelagerten Lieferkette die EUDR-Referenznummer speichern muss. Ursprünglich war vorgesehen, dass zumindest die größeren Akteure zwingend ein Sorgfaltspflichtensystem hätten etablieren – und damit stets erneut Informationen, Unterlagen und Daten über die Herkunft ihrer Produkte sammeln – müssen. Für kleinste und kleine Primärerzeuger aus Ländern mit niedrigem Risiko reicht eine einmalige Registrierung im EU-System und eine vereinfachte Sorgfaltserklärung. Viele Unternehmen werden von der Entwaldungsverordnung direkt betroffen sein, da sie als Marktteilnehmer oder Händler relevanter Rohstoffe oder Erzeugnisse Sorgfaltspflichten erfüllen müssen. Der Kreis der mittelbar betroffenen Unternehmen ist noch viel größer: Zum einen fallen darunter Zulieferer außerhalb der EU, die an der Aufklärung und Übermittlung relevanter Informationen und Daten sowie Nachweise mitwirken müssen, wenn sie ihre Ware weiterhin in die EU verkaufen möchten. Entwaldung trägt zur Klimakrise bei Die Verordnung soll verhindern, dass für Produkte wie Kaffee, Kakao und Soja ungebremst Wälder abgeholzt werden. Entwaldung trägt erheblich zur globalen Klimakrise, zum Verlust der biologischen Vielfalt und zu Gefährdungen der Lebensräume indigener Gemeinschaften bei. Die umfangreichsten Entwaldungsprozesse erfolgen in Südamerika, Zentralafrika und Südostasien, während die Waldflächen in der EU laut Eurostat zwischen 1990 und 2020 um zehn Prozent zugenommen haben. Nach Angaben der EU-Kommission sind EU-Rohstoffimporte für rund zehn Prozent der weltweiten Entwaldung verantwortlich. Vor Inkrafttreten der Verordnung am Jahresende müssen EU-Parlament, Mitgliedstaaten und Kommission eine endgültige Einigung erzielen.











