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  • Viel Druck im Kessel – politisch, wirtschaftlich und auf dem Land

    Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd Liebe Leserin, lieber Leser! Viele blicken bei uns in Deutschland mit Sorgen auf die Veränderungsprozesse in der politischen Landschaft. Das steht im Zusammenhang mit den anstehenden Landtagswahlen in drei östlichen Bundesländern. Aber auch mit den Sommerdebatten über die Reformpolitik, die sich die Koalition auf die Agenda gesetzt hat und auch in schwierigen Zeiten durchsetzen will. Ob das gelingt, hängt davon ab, ob in den Parlamenten die eigenen Reihen geschlossen mitspielen oder nicht. Hitzig bleibt es in vielerlei Hinsicht. Die Dürreperiode mit den dramatischen Folgen, insbesondere auch auf dem Lande, kann als aktuelles Thema nicht fehlen. Die Schreckensmeldungen mit vielen Statistiken, unter anderem zu den Hitzetoten, und aktuell die Feuerwalze in der Nordeifel sowie die dramatischen Auswirkungen für die Landwirtschaft verlangen politisches Handeln. Die Themen des Herbstes sind damit gesetzt. Im Weiteren gehen wir noch einmal auf den gesetzlichen Umgang mit der Wolfspopulation ein, wo nun der Handlungsdruck bei den Ländern liegt. Gerade habe ich in einem Artikel die Formulierung „Vielen Franzosen, so hat es den Anschein, steht der Sinn jetzt nach einem Knall, einem Umsturz“ gelesen. Der zitierte Autor der SZ könnte auch Sachsen-Anhalt oder Berlin gemeint haben. Jedenfalls lässt der aus allen möglichen Medienquellen sprudelnde Informations- und Meinungsfluss diesen Schluss auch für uns zu. Der Kanzler und sein Vize sind im Urlaub. Gleichwohl stehen sie im Brennpunkt aller Kritik. Damit gerät die politische Mitte weiter ins Rutschen. Rechts- oder Linksaußen wird mit neuem Selbstbewusstsein und Zuversicht auf Machtszenarien verbal aufgerüstet. In Sachsen-Anhalt, wo in drei Wochen gewählt wird, drucksen viele bei der Frage nicht mehr rum, wo sie ihr Kreuz setzen werden. Immer mehr Menschen bekennen sich dort zum AfD-Spitzenkandidaten, der in Magdeburg Ministerpräsident werden will. Über Zulauf an den Ständen kann er sich jedenfalls nicht beklagen. Die Fan-Artikel laufen wie geschnitten Brot. In Mecklenburg-Vorpommern fürchtet derweil Manuela Schwesig auch die rechte Stimmung. Sie freut sich aber gleichzeitig über eigenen Aufwind. Bis zum 20. September hat sie etwas mehr Zeit, ihren Wahlkampf mit politischen Duftnoten gegen den Berliner Politikbetrieb zu setzen. Das unterscheidet sie kaum von ihrem Kollegen in Sachsen-Anhalt. Sven Schulze sucht dort seine letzte Chance mit einer Anti-Merz-Strategie. Beide wollen sich mit ihren eigenen Parteivorsitzenden am besten gar nicht erst in ihren Wahlkämpfen sehen lassen. Im Umkehrschluss verspricht das wiederum bevorstehende heiße Wochen rund um Bundestag und Kanzleramt in Berlin. Die klammen Kommunen hängen am Tropf der Länder und des Bundes Da ist viel Druck im Kessel, wenn (nur als Beispiel) der Verbandspräsident der Sparkassen in den neuen Bundesländern, Ludger Weskamp, feststellt: Die Finanzlage der Kommunen hat sich dramatisch verschärft. „Sie bekommen ihre laufenden Ausgaben nicht mehr gedeckt.“ Viele von ihnen sind eigentlich pleite. Dazu muss man wissen, dass Rat- und Kreishäuser nicht insolvenzfähig sind. Kreise, Städte und Gemeinden hängen am Tropf ihrer Länder und am Ende des Bundes. Damit sind wir auch wieder dort, wo bald gewählt wird. Sollten die bekannten Umfragen an den Wahltagen in Stimmen umgesetzt werden, wird es gerade für das, was auf dem Lande passiert, kritisch. Wenn Unzufriedenheit statt Gestaltungsfähigkeit am Ende bei Wahlentscheidungen zu Mehrheiten führt, steht, wie oben schon zitiert, wohl verbreitet der Sinn nach einem Knall. Am Ende und in der Summe kein gutes Szenario Angetrieben werden die Stimmungen in der Provinz durch das, was teilweise auch aus den eigenen Reihen über die eingetüteten Reformvorhaben, über den Kanzler, seinen Vize und damit über die Koalition gesagt, kommentiert und gesendet wird. Das liest sich zusammengefasst und zugespitzt dann so: Jetzt werden die Steuerzahler bei weitem nicht mehr so entlastet, wie das mal angekündigt war. Am geschnürten Rentenpaket der Sachverständigenkommission wird an allen möglichen Ecken Kritik geübt – auch aus den Koalitionsparteien heraus. Die angestrebte Flexibilisierung des Arbeitsmarktes wird von der Arbeitsrechtslobby mit Mehltau überzogen. In der Summe ist das am Ende kein gutes Szenario für unser Land. Zum Spendenformular Und wo Bürokratie verschwindet, wird sie an anderer Stelle wieder geschaffen, wenn es um neue Projekte und Brüsseler Einschläge geht. Da mag vieles gut sein, was mit den in dieser Woche in Kraft getretenen neuen Regeln für Verpackungen ausgelöst wird. Das Hauruck dabei trifft erst mal viele kleine Händler und Versender und passt einfach nicht in die Schublade angestrebter Erleichterungen für die Unternehmen. Ein anderes passendes Stichwort könnte aktuell die „EU-Verordnung für entwaldungsfreie Produkte“ sein, zu der gerade ein Durchführungsgesetz vom Bundeskabinett national beschlossen wurde, das entlang der Lieferketten das Gegenteil von Entbürokratisierung darstellt. So jedenfalls empfinden das gerade die Waldbesitzer in Deutschland. Das Thema hatten wir schon mehrfach und wird uns wohl noch länger beschäftigen, wenn es bei uns immer wieder um den ländlichen Raum gehen soll. Dürreperioden, geringe Bodenfeuchte und Hitzewellen und Brände Bleiben wir beim Wald und damit bei einem im wahrsten Sinne des Wortes brennenden Problem. Extremes „Feuerwetter“ durch aufeinanderfolgende Hitzewellen entzieht Böden und Vegetation die letzte Feuchtigkeit. Dieser schreckliche Begriff bezeichnet Wetterlagen mit hohen Temperaturen, geringer Luftfeuchtigkeit, starkem Wind und damit Trockenheit, die den Ausbruch und die schnelle Ausbreitung von Wald- und Flächenbränden übermäßig begünstigen. Diesen Begriff benutzt beispielsweise die forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg mit dieser Feststellung: „Mit dem Klimawandel steigt die Waldbrandgefahr. Ob sich ein Feuer tatsächlich entzündet, wie und in welcher Geschwindigkeit es sich ausbreitet, hängt von konkreten Wetterlagen ab.“ Bei diesen Lagen kommt nach aller Erfahrung und vielen Berichten aus südlichen Ländern menschliches Verhalten hinzu, das entschieden zu verurteilen ist. Das sind Leichtsinn oder Brandstiftungen mit Vorsatz. Aktuell erreichen uns Schreckensmeldungen aus der Nähe. Seit Donnerstag breitet sich ein Feuer in der Eifel derart aus, dass etwa 1800 Menschen aus der Ortschaft Hürtgenwald-Gey evakuiert werden mussten. Und wie sehr daneben die Tierwelt leidet, gehört zu den in diesem Zusammenhang weniger verbreiteten Berichten. Auch hier entsteht vielfach akute Lebensgefahr, wenn sich schnell ausbreitende Feuer Waldgebiete umschließen. Große Säugetiere und Vögel können vielleicht fliehen, während Kleinwild stark gefährdet zurückbleibt. In der Landwirtschaft verbreiten sich Existenzsorgen Im Bundeskabinett hat Landwirtschaftsminister Alois Rainer zur Dürre mehr gesagt, als was von ihm anlässlich einer der Hauptalmbegehungen vor einigen Tagen zu hören war: „Ich kann's nicht regnen lassen, sonst tät ich's machen.“ Anerkannt werden von ihm die ernsthaften Belastungen und Risiken für unsere Land- und Forstwirtschaft durch die anhaltende Wetterlage. Rainer hat in dieser Woche das Thema im Kabinett zum Gegenstand gemacht. Konkret zeichnet sich aber noch nicht ab, dass aus dem anerkannt politischen Handlungsbedarf auch Handeln wird. Laut einer Pressemitteilung seines Ministeriums erkennt er an: „Die Ängste in den Betrieben sind erheblich.“ Wenn sich eine außergewöhnliche, länderübergreifende Schadenslage bestätige, könnten die notwendigen Hilfsmaßnahmen gemeinsam mit den Ländern auf den Weg gebracht werden. Das hört sich in der akuten Lage nicht gerade ermutigend an. Fest steht: Wiederholen sich solche Wetter- und Klimalagen in den nächsten Jahren, geht es für die Landwirte schnell um die Existenz. Das machte gerade in mehreren Medienauftritten Bauernpräsident Joachim Rukwied deutlich. Er spricht von einer „brutal angespannten Lage“. Für die südlichen Teile Deutschlands könnte das bis zum totalen Ertragsausfall führen. Der Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung belegt das mit seinen aktuellen Karten mehr als deutlich: Praktisch überall südlich des Mains zeigt aktuell die Farbe Dunkelrot das Ausmaß der extremen Dürre. Noch ein Blick in die Jagdpraxis mit den Hunden Immer wieder kommt ein Hund durch die Schuld oder das Versagen anderer Menschen zu Tode. Häufig ist der Ärger vorprogrammiert, wenn es um den Schadensersatz geht. Die Ermittlung des Hundewertes ist ein kompliziertes Verfahren, in das viele Faktoren einfließen: der Anschaffungspreis des Welpen, Kosten für die Ausbildung, Qualität eines Jagdhundes auch als Zuchttier, die durch Prüfungszeugnisse nachzuweisen ist. In einem Blog-Beitrag erläutert unser Autor Christoph Boll in der kommenden Woche das umfangreiche Procedere der Wertermittlung. Er geht dabei auch auf den Umstand ein, dass es ein Schmerzensgeld für den Verlust des geliebten Vierbeiners nicht gibt. In der Schweiz hingegen können Gerichte diesen Gefühlswert bei der Schadensbemessung berücksichtigen. Dadurch kann der Ersatz, den der Verursacher des Schadens bzw. seine Haftpflichtversicherung zu zahlen hat, deutlich höher sein als der reine Marktwert des Hundes. Wolf: Unterschiedlicher Handlungsdrang in den Ländern In der folgenden Passage komme ich noch einmal auf unseren letzten Newsletter und ein Thema zurück, das auch uns immer wieder beschäftigt: Der Umgang mit dem Wolf bleibt bei inzwischen hohen Bestandszahlen und einer sich nahezu ungehindert entwickelnden Population gesellschaftlich und politisch umstritten. Seine Aufnahme in das Bundesjagdgesetz als jagdbare Art hinterlässt nun Regelungsdruck bei den Ländern. Sie können das Thema bei der wachsenden Zahl der Schäden an Nutztieren und den nicht erfassten Rissen von wildlebenden Huftieren nicht liegen lassen. Sie sind nun einmal für die Umsetzung zuständig und haben damit ihre Jagdgesetze „anzupassen“. In unserer letzten Kolumne haben wir als Beispiel einmal nach Niedersachsen geschaut, wo das Thema schnell auf der landespolitischen Agenda stand. So haben wir Anfang des Monats aus einem Interview der Neuen Osnabrücker Zeitung die grüne Umweltministerin Miriam Staudte unter anderem mit dieser Aussage zum Wolf im dort beschlossenen Gesetz zitiert: „Wir brauchen uns um den Bestand keine Sorgen zu machen.“ Grundsätzlich werde man sich auf die Problemwölfe konzentrieren. Das Wolfsmanagement in Niedersachsen ist wegen hoher Wolfszahlen und wachsender Nutztierrisse eng geregelt. So hat genau eine Woche später in derselben Zeitung DJV-Präsident Helmut Dammann-Tamke den Ball aufgenommen. Im Rahmen eines lesenswerten Interviews mit ihm über Themen und Rolle der Jagd im Lande hat er als Präsident der niedersächsischen Landesjägerschaft zu diesem Komplex eine andere wertende Feststellung geäußert: Trotz der Gesetzgebung in Niedersachsen gebe es hier derzeit kein echtes Bestandsmanagement. Im Kern dokumentieren die beiden Interviews unterschiedliche Herangehensweisen zwischen jagdlichen Praktikern und grünen Politikern. Da wird offensichtlich kein offener Streit und nach Lösungen gesucht, aber wir haben es schon weiter mit verschiedenen Positionen im Grundsatz zu tun. Bei der Vielfalt der Färbung von Regierungen und Parlamenten in den 16 Bundesländern sind in der gezeigten Eile und bei den diskutierten Handlungsalternativen ungleiche Herangehensweisen zu erkennen. Während Landwirte und Weidetierhalter einen konsequenten Bestandsschutz und erleichterte Abschüsse fordern, kritisieren Naturschützer (manchmal sichtbar mit weniger Fachkenntnis) dies als einseitige „Symbolpolitik mit der Flinte“ und fordern stattdessen allein besseren Herdenschutz. Zur unpassenden Wortwahl wie „Flinte“ gehört die Feststellung der Praktiker, dass der immer zitierte Herdenschutz in seinen bisherigen Formen einfach nicht funktioniert und damit nicht ausreicht. Seit der letzten Kolumne mit unseren Betrachtungen zu Themen der Politik mit Ausstrahlung auf den ländlichen Raum, Natur und die Jagd sind wegen der angekündigten Ferienpause zwei Wochen vergangen. Das wollen wir noch einmal so halten. Ab September erscheinen wir wieder wöchentlich. Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünschen wir ein Wochenende mit möglichst wenig Hitzestress und ausnahmsweise mal mehr schattigen Seiten. Mit besten Grüßen Ihr Jost Springensguth Koordination/Redaktionsleitung

  • Erdmandelgras: Vom Randproblem zur Flächenplage

    Von unter 100 Hektar in den 1990er-Jahren auf 300.000 Hektar bundesweit im Jahr 2025: Das Erdmandelgras breitet sich dramatisch aus. Es stellt die Landwirte vor eine Herausforderung, für die es keine einfache Lösung gibt Erdmandelgras (Foto: Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes NRW) Wer ein unbekanntes Gras auf dem Feld entdeckt, sollte es anfassen. Fühlt es sich hart, kantig und schilfartig an, könnte es sich um Erdmandelgras handeln. Das charakteristische V-förmige Blatt und der dreikantige, knotenlose Stängel machen die Pflanze bei näherer Betrachtung erkennbar. Blüten erscheinen gelblich-braun, die Samen sind kaum einen Millimeter groß. Was unscheinbar wirkt, ist in der Praxis einer der gefürchtetsten Schädlinge im Ackerbau: Im weltweiten Ranking der problematischsten Ungräser gehört das Erdmandelgras zu den Top 20. Die Zahlen zeigen, wie dramatisch die Lage geworden ist. In den frühen 1990er-Jahren waren in Deutschland weniger als 100 Hektar betroffen. 2020 lag die bundesweite Befallsfläche noch bei rund 20.000 Hektar. Für 2025 wird sie bereits auf über 300.000 Hektar geschätzt. In Niedersachsen allein hat sich die befallene Fläche zwischen 2021 und 2024 von rund 10.000 bis 12.000 Hektar auf etwa 200.000 Hektar fast verzwanzigfacht. Vor-Ort-Termin zur Demonstration über den Umgang mit Erdmandelgras Welche Maßnahmen zur Eindämmung und Prävention zur Verfügung stehen und wie betroffene Betriebe reagieren müssen, stellten in dieser Woche NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen und Karl Werring, Präsident der Landwirtschaftskammer NRW, gemeinsam mit dem Präsidenten des Rheinischen Landwirtschafts-Verbands, Erich Gussen, und dem Vize-Präsidenten des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands, Michael Uckelmann, bei einem Vor-Ort-Termin auf einem Versuchsfeld der Landwirtschaftskammer im westfälischen Dülmen vor. Ministerin Silke Gorißen: „Beim invasiven Erdmandelgras gilt: Früherkennung und konsequente Maschinenhygiene sind die wirksamsten Maßnahmen. Noch stehen wir an einem Punkt, an dem wir durch frühes Erkennen und konsequentes Handeln größere Schäden in der Landwirtschaft begrenzen können. Genau deshalb ist es so wichtig, dass wir vor den Gefahren von Erdmandelgras für unsere hochwertige landwirtschaftliche Produktion Schutzmaßnahmen vorstellen.“ Die Biologie erklärt die Hartnäckigkeit Wer das Erdmandelgras bekämpfen will, muss seine Vermehrungsstrategie verstehen. Die aus Ostafrika stammende Pflanze reproduziert sich auf drei Wegen gleichzeitig: unterirdisch über Rhizome, die bis zu 60 Zentimeter lang werden, über Knöllchen, sogenannte Erdmandeln mit einem Durchmesser von 10 bis 15 Millimetern, und oberirdisch über Samenbildung ab August. Vögel nehmen die Samen auf und verbreiten sie über ihre Ausscheidungen weiter. Sie informierten beim Vor-Ort-Termin (v. l. n. r.): Bernhard Wiesmann (LWK NRW), Georg Silkenbömer (Kreislandwirt Kreis Coesfeld), Erich Gussen (Präsident des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes), Ministerin Silke Gorißen, Karl Werring (Präsident der Landwirtschaftskammer NRW), Wilhelm Korth MdL und Michael Uckelmann (Vize-Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes). (Foto: Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes NRW) Die eigentliche Gefahr steckt in den Mandeln. Jedes einzelne Knöllchen ist bis zu sechs Jahre lang keimfähig und überlebt Temperaturen bis zu minus 15 Grad Celsius. Aus einer einzigen Erdmandel können innerhalb weniger Wochen zahlreiche Tochterpflanzen entstehen. Die rechnerisch ermittelte Vermehrungsrate liegt bei 1:700. Wer das nicht früh stoppt, kämpft bald gegen eine Armee. Ertragsverluste bis 25 Prozent Das Erdmandelgras konkurriert direkt mit der Kulturpflanze um Nährstoffe, Wasser und Licht. In Hackfrüchten wie Mais oder Rüben können die Ertragsverluste bis zu 25 Prozent betragen. Im Getreideanbau sieht die Lage günstiger aus: Dort ist der Konkurrenzdruck durch die dichten Bestände groß genug, um das Erdmandelgras weitgehend zu unterdrücken. Für stark betroffene Regionen mit engen Mais-Fruchtfolgen ist das aber nur bedingt eine Lösung. Chemie hilft nur begrenzt Ein Herbizid, das die Erdmandeln im Boden wirklich erreicht, existiert nach wie vor nicht. Verfügbare Wirkstoffe erfassen den oberirdischen Aufwuchs zuverlässig, lassen die Knöllchen im Boden jedoch weitgehend unberührt. Diese überdauern, vermehren sich exponentiell und treiben im nächsten Jahr erneut aus. Mehrspritzig eingesetzte Herbizide im Mais, kombiniert mit Splittingverfahren, erzielen laut Fachquellen einen Wirkungsgrad von 80 bis 90 Prozent, sind aber keine dauerhafte Lösung. Bayer CropScience hat für die Maissaison 2026 eine Notfallzulassung für das Mittel MaisTer power nach Artikel 53 der EU-Zulassungsverordnung erwirkt, um späte Behandlungsmöglichkeiten zu schaffen. Was wirklich hilft Langfristig führt nach aktuellem Kenntnisstand kein Weg an einer geänderten Fruchtfolge vorbei. Wintergetreide beschattet die Fläche und unterdrückt das Auflaufen des Erdmandelgrases wirkungsvoll. Zwischenfruchtanbau, Fruchtfolgewechsel und mechanische Maßnahmen wie flaches Fräsen oder Grubbern bis maximal zehn Zentimeter Tiefe unterstützen die Eindämmung. Eine mechanische Schwarzbrache muss über zwei bis drei Jahre fortgeführt werden, um eine spürbare Wirkung zu erzielen. Entscheidend bleibt die Feldhygiene. Das Erdmandelgras verschleppt sich über Erde an Maschinen, Schuhwerk, Drainagearbeiten und Überschwemmungen. Alle Geräte müssen nach dem Einsatz auf befallenen Flächen vor Ort gereinigt werden. Befallene Flächen sollten immer zuletzt bearbeitet und beerntet werden. Bei überbetrieblichem Maschineneinsatz und Lohnunternehmern ist besondere Vorsicht geboten. Wer noch keine befallenen Flächen hat, sollte jetzt handeln: Die Einschleppung zu verhindern, ist erheblich einfacher als die spätere Bekämpfung. Das Erdmandelgras ist gekommen, um zu bleiben.

  • Jagd aus Sicht der Berufsjäger im anhaltenden Wandel

    Die Jagd in Deutschland befindet sich seit Jahren in einem Transformationsprozess. Besonders interne Faktoren der Jägerschaft führen zu tiefgreifenden Veränderungen. Über Ergebnisse einer wissenschaftlichen Befragung deutscher Berufsjäger Foto: Tobheg Bereits vor mehr als einem Jahrzehnt hat Dr. Werner Beutelmeyer bei deutschen Berufsjägern per strukturiertem Fragebogen deren Einschätzung der Entwicklung der Jagd, ihres Bildes vom eigenen Beruf sowie der Erwartungen an die Zukunft ermittelt. Das Ergebnis der jetzigen Wiederholung zeigt, dass sich an den Meinungen und Herausforderungen sehr wenig bis nichts geändert hat. Die Berufsjäger sehen die Gründe für den Wandel nicht vorrangig in externen Ursachen, etwa einem zunehmenden gesellschaftlichen Druck, wachsenden Naturschutz-Auflagen und veränderten politischen Rahmenbedingungen. Diese Aspekte sind nur zweitrangig. Die traditionelle, hegeorientierte und auf handwerklichen Fähigkeiten basierende Jagd wandelt sich aus Sicht des Berufsstandes vielmehr zu einer wildökologisch motivierten Bestandsregulierung. Damit einher geht eine Neubestimmung des jagdlichen Handwerks und der Rolle der Jäger, so das Ergebnis der Untersuchung. Zunehmende Technisierung Ein wesentlicher Punkt ist dabei die zunehmende Technisierung der Jagd, etwa durch Wärmebild- und Nachtsichtgeräte. Die Berufsjäger sehen die Entwicklung teilweise als notwendig an, etwa wenn es um die Eindämmung invasiver Arten geht, sind aber zugleich besorgt, dass traditionelle handwerkliche Fähigkeiten immer mehr Bedeutung einbüßen. Praktische Erfahrung und überliefertes Wissen gehen kontinuierlich verloren. Dazu passt die Aussage, es gehe bei der Ausbildung des Nachwuchses immer mehr um Masse statt Klasse. Dieser Feststellung stimmen immerhin 80 Prozent der Befragten zu. Viele Berufsjäger verbinden diese Thematik direkt mit den Jagdverbänden, denen sie eher wenig Vertrauen entgegenbringen, wenn es um das Zukunftsthema „Qualitätssicherung bei der Jagd“ geht. Nur zehn Prozent bejahen, dass die Dachverbände die Jagd in die richtige Richtung führen. Abnehmende Leistungsfähigkeit Die Regulierung von Wildbeständen wird aus Sicht des Berufsstandes zunehmend schwieriger und der Verlust des Lebensraumes für das Wild größer. Zugleich werden Ausbildung, Motivation und Kompetenz der „freiwilligen“ Jäger kritisch bewertet. Von einem deutlichen Qualitätsverlust ist die Rede. Mögliche Ursachen wie etwa die Ausbildung des Nachwuchses in kurzen Intensivkursen gewerblicher Anbieter werden aber kaum explizit thematisiert. Insgesamt bekommt die Jägerschaft ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Jeweils 89 Prozent der Befragten stimmen zu, dass die technische Ausstattung der Jäger immer besser wird, aber zugleich ihre jagdliche Leistung eher schwächer, und dass durch unprofessionelle Jagdmethoden das Wild zu sehr beunruhigt wird. Verständnis der Jagd im Wandel Dass mehr professionelle Jagd und damit mehr „Berufsjäger“ im Jagdsystem als zukunftswichtig erachtet werden, verwundert angesichts dieser Resultate kaum, ist vielleicht aber auch ein wenig der Tatsache geschuldet, dass eben Berufsjäger befragt wurden. Immerhin 86 Prozent von ihnen stimmen der Aussage zu: „Professionelle Jäger werden immer wichtiger.“ Auf die offene Frage „Was ändert sich derzeit besonders an der Jagd in Deutschland?“ gab es insgesamt 373 Nennungen. Sie wurden ausgewertet und in thematische Cluster eingeordnet. 62 Nennungen beziehen sich auf den verstärkten Einsatz moderner technischer Hilfsmittel. In 39 Antworten geht es um Veränderungen innerhalb der Jägerschaft selbst, etwa Einstellungen, Motivation und Zusammensetzung der Jägerschaft. Genannt werden unter anderem Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Jägern, Veränderungen in der Ausbildung oder ein anderes Verständnis der Jagd als Freizeitaktivität. Außerdem wird darauf hingewiesen, dass traditionell weitergegebenes Wissen oder praktische Erfahrung seltener geworden sind. 22 Nennungen gehen auf geänderte politische und rechtliche Rahmenbedingungen sowie politische Diskussionen rund um Jagd, Naturschutz und Wildmanagement ein. 18 Äußerungen registrieren Veränderungen im Bereich der Waidgerechtigkeit und jagdlichen Ethik. Dabei wird häufig die Sorge geäußert, dass traditionelle Werte und Normen der Jagd an Bedeutung verlieren könnten. Auch das Wildmanagement und der Waldumbau werden angesprochen. So beziehen sich zwölf Antworten auf steigende Anforderungen an die Regulierung bestimmter Wildbestände, etwa im Zusammenhang mit Waldschutz, Verbissproblematik oder Anpassungen der Wälder an den Klimawandel. In jeweils elf Nennungen geht es um die gesellschaftliche Akzeptanz der Jagd, einen möglichen Rückgang der klassischen Hegearbeit bei gleichzeitig wachsender Bedeutung kurzfristiger Abschussziele. Kleine Lichtblicke Neben all der Kritik gibt es aber auch kleine Lichtblicke. Die Zustimmung zur Aussage „Die Medien gehen mit den Jägern nicht fair um, vielfach belustigt man sich über Jäger“ hat sich um 27 Prozent abgeschwächt und liegt mit 49 Prozent im Vergleich zu 2013 wesentlich besser. Dies trifft auch zu auf die Behauptung „Die Gesellschaft geht immer kritischer mit Jägern um“. Mit minus 21 Prozent stimmen dieser Beurteilung aktuell 63 Prozent zu. Dieses Ergebnis fällt damit ebenfalls deutlich günstiger als 2013 aus. Nur noch 68 Prozent glauben, dass die Imagepflege und Öffentlichkeitsarbeit der Jäger zu wenig professionell ist. Gut ein Jahrzehnt zuvor waren es 81 Prozent. Die Werte mögen immer noch alles andere als berauschend sein und die Verbesserungen nur graduell. Sie legen aber die Vermutung nahe, dass die Jäger insgesamt und ihre Verbände sehr wohl erfolgreich in dem Bemühen sind, das Bild von Jagd und Jägern in der Öffentlichkeit positiv zu beeinflussen.

  • Wenig Handfestes beim Start im Ländle

    Ende August wird Cem Özdemir 100 Tage Ministerpräsident in Baden-Württemberg sein. Zeit für eine erste Bilanz Foto: www.gruene-landtag-bw.de Die Landwirtschafts- und Heimatministerin geht an diesem Donnerstag in Baden-Württemberg auf Sommertour. Marion Gentges wird dabei sicherlich viel Neues lernen. Bis vor kurzem stand die Christdemokratin in Stuttgart dem Justizministerium vor, und vieles von dem, wo auf dem Lande und insbesondere den Bauern der Schuh drückt, dürfte ihr noch fremd sein. Gut möglich, dass ihr Ministerpräsident ihr da einiges voraus hat. Schließlich war Cem Özdemir in der gescheiterten Ampel-Regierung Bundeslandwirtschaftsminister mit durchaus engen und guten Kontakten auf dem Lande und zu den Themen dort. Özdemir wird Ende August 100 Tage im Amt des Ministerpräsidenten sein. Dieses Amt war bis kurz vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg am 9. März nicht nur für die CDU, sondern selbst für Grüne eine unverhoffte Karrierestufe des ehemaligen Landwirtschaftsministers und Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen (2008 bis 2018). Dass Özdemir diesen Triumph auf die öko-konservative Kretschmann-Tour geschafft hat, wird im Ländle von keiner Seite bestritten. Dass er dieser Tage das klare Bekenntnis seines Vorgängers zu den Mundarten untermauert, passt da ins Bild. Manuel Hagel präsentiert sich als „Neben-Ministerpräsident“ Ansonsten aber kann der zweite grüne Ministerpräsident dort in den ersten 100 Tagen wenig Handfestes vorweisen. Was einem Neuling in der Villa Reitzenstein zwar nicht unbedingt zum Vorwurf gemacht werden muss, einer seit zehn Jahren eingespielten grün-schwarzen Landesregierung dagegen sehr wohl. Aber das muss man wohl anders rechnen. Im Landtag nämlich verfügen CDU und Grüne jeweils über 56 Sitze. Die Union hat sich ihre Zustimmung zum knappen Wahlsieger als Landesvater daher teuer bezahlen lassen. Ein Wort steht für die neue Machtverteilung: Augenhöhe. Der im Endspurt geschlagene CDU-Chef Manuel Hagel präsentiert sich als Neben-Ministerpräsident, offiziell zwar als Özdemirs braver Stellvertreter und Innenminister, in der Praxis indes als unübersehbare Doppelspitze. Noch macht das Özdemir mit. Mit dem Ergebnis: Es herrscht Langeweile im Ländle. Denn das Ziel der CDU vor allem ist es, aus der hauchdünnen Niederlage im politischen Alltag mindestens ein Unentschieden zu machen. Was ihr bei der Verteilung der Ministerien und so mancher entgegen dem Wahlversprechen zugesagten zusätzlichen Stelle trefflich gelang. Özdemir geht mit diesem Drängen nach Augenhöhe geschickt und getreu um. Er lässt den CDU-Kollegen und -Kolleginnen am Kabinettstisch genügend Freiraum zur eigenen Profilierung. Das Problem ist nur: Noch wissen sie nicht, was sie daraus machen sollen. Und da es im Landesparlament keine Opposition mehr gibt, die diesen Namen verdient (die SPD zahlenmäßig, die AfD inhaltlich), hält sich dort hartnäckig jene eitle Bräsigkeit, die Baden-Württemberg nicht gebrauchen kann. Denn das ehemalige Musterländle steckt tief in der Wirtschaftskrise. Audi, Porsche, Mercedes, Bosch und um diese herum ein Heer von Zuliefererbetrieben und abhängigem Mittelstand verkünden fast im Wochentakt neue Hiobsbotschaften. Zigtausende Stellen werden allein in der Automobilindustrie wegfallen und ins Ausland verlagert. Dem Land, vor allem aber den Kommunen, fehlen deshalb Steuereinnahmen, die finanziell ans Eingemachte gehen und den Bürgern zeigen, wie sehr man in guten Zeiten über die eigenen Verhältnisse gelebt und schlecht gehaushaltet hat. Nicht zuletzt in der Landeshauptstadt Stuttgart. Jetzt ist hartes Sparen unvermeidlich, wenn auch noch oft genug bei der Speckschicht. Palmer als ehrenamtlicher „Entbürokratisierer“ Özdemir setzt vorerst auf politisch Symbolisches. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, ein populärer Ex-Grüner und bundesweit beachteter Quertreiber, soll als ehrenamtlicher Chef-Entbürokratisierer in den nächsten zwei Jahren vorzeigbare Erfolge vorweisen. Ergebnis offen. Derweil steht der grüne Finanzminister Danyal Bayaz tapfer, unpopulär und notgedrungen auf der Ausgabenbremse. Und CDU-Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut präsentiert nach wie vor schwer erkennbare Fortschritte. Nahezu alle anderen Ministerien sind noch auf der Suche nach neuem Profil und sichtbarem Leistungsnachweis. Da wäre es dann vielleicht doch auch für andere Neulinge gut, wie Gentges die Sommerpause dafür zu nutzen, sich ein ehrliches Bild von der immer schwieriger werdenden Lage vor Ort zu machen. Özdemir selbst hat sich in seiner früheren Funktion als Bundesminister offen dafür gezeigt, unterschiedliche Sichtweisen zum ländlichen Raum und zur Jagd kennen zu lernen. Mehr aber auch nicht. In der Landespolitik wird sich nicht nur seine zuständige Ministerin, sondern auch er selbst mit Fragen der Agrar- und Forstpolitik und Forderungen nach einem pragmatischen Wildtiermanagement auseinanderzusetzen haben. Wie überall in den ländlichen Räumen geht es auch hier um den politischen und damit gesetzlichen Umgang mit der Jagd. Und damit auch um Arten, die erhebliche wirtschaftliche Schäden in der Land- und Forstwirtschaft verursachen, heimische Biodiversität bedrohen oder Konflikte durch die Ausbreitung in Kulturlandschaften auslösen. Dazu zählen unter anderem Wildschweine, Rotwild, der Waschbär und der Fuchs.

  • Farbe im Wald ist die stille Forst-Sprache

    Farbige Markierungen an Bäumen sind Kommunikationsmittel zwischen Förstern und Waldarbeitern. Sie dienen der Bestandspflege und -entwicklung. Damit werden stabile Waldstrukturen geschaffen Foto: Christoph Boll Wer an heißen Sommertagen im Wald einen Spaziergang macht, kann dessen kühlenden Effekt hautnah spüren. Bis zu sechs Grad Celsius kann der Temperaturunterschied zwischen Wald und der brütenden Hitze in der Stadt betragen. Abhängig von der vorherrschenden Baumart fällt der Kühleffekt stärker oder geringer aus. In intakten Mischwäldern ist er am deutlichsten erlebbar. Aufmerksame Beobachter werden den Wald nicht nur als kühlende Oase erleben, sondern an den Bäumen auch zahlreiche farbige Markierungen entdecken, darunter Ringe, Kreuze, Punkte, Zahlen oder Pfeile. Für den Außenstehenden mögen sie mysteriös wirken. Sie gehören zur Nutzfunktion des Waldes, der längst nicht mehr rein naturbelassen ist, sondern Rohstofflieferant für Holz, eines der nachhaltigsten Produkte. Die farbigen Symbole an den Stämmen tragen dazu bei, es sicher, effizient und schonend zu gewinnen. Sie sind quasi die Sprache des Forstes zur Holzgewinnung und Bestandspflege. Es geht unter anderem darum, Lebensräume zu erhalten und die Wälder widerstandsfähiger gegen Stürme und den Klimawandel zu machen. Denken und planen mit langem Zeithorizont Die moderne Forstwirtschaft denkt in langen Zeitintervallen. Ein Baum, der heute gepflanzt wird, erreicht erst in einem Jahrhundert oder noch viel später die Erntereife. Immer wieder aber muss gestaltend in die Zukunft des Waldes eingegriffen werden. Fachleute bezeichnen die Pflegemaßnahmen, bei denen auch Bäume entnommen werden, als Durchforstung. Dabei werden Exemplare minderer Qualität gefällt oder sie müssen weichen, weil sie weniger vital sind als ihre direkten Nachbarn. Das stärkt die verbleibenden Bäume und trägt zu einem stabileren Wald bei. Weil besonders hochwertige Bäume in ihrem Wachstum gefördert werden, lässt sich perspektivisch auch mehr Geld durch die Holzvermarktung erwirtschaften. In Mischwäldern geht es zudem darum, die Konkurrenz zwischen unterschiedlichen Baumarten zu beeinflussen, weil sonst eine überlegene Baumart die andere verdrängt. Soll eine in der Konkurrenz unterlegene Baumart weiter in der Mischung erhalten bleiben, müssen dafür Konkurrenten entnommen werden. Verschiedene Arten der Durchforstung werden unterschieden. Bei Niederdurchforstung werden primär Bäume entnommen, die in der Konkurrenz ohnehin unterlegen sind. Bei der Hochdurchforstung müssen Bäume weichen, die in der Höhe überragen, aber eine geringere Holzqualität als ihre Nachbarbäume aufweisen. In den vergangenen Jahren stark an Popularität gewonnen hat die Z-Baum-Durchforstung als Sonderform der Hochdurchforstung. Dabei steht Z-Baum für Zukunftsbaum. Das ist ein besonders hochwertiges Exemplar, das sein ganzes Leben lang konsequent gefördert wird. Kein einheitliches Markierungssystem Foto: Christoph Boll Die Waldflächen werden jedoch meistens nur alle paar Jahre begangen, und auch gearbeitet wird dort nicht ständig. Deshalb ist es sinnvoll, einmal festgelegte Maßnahmen so zu markieren, dass sie auch Jahre später ohne großen Aufwand auffindbar und verständlich sind. Genutzt wird dazu umweltfreundliche Sprühfarbe (Langzeitfarbe) mit hoher Leuchtkraft. Wie immer sprechen aber nicht alle Menschen dieselbe Sprache. Anders gesagt: Beim Auszeichnen gibt es wie bei vielen anderen gestalterischen Tätigkeiten immer mehr als eine Lösung. Von einem bundeseinheitlichen System sind wir weit entfernt. Jeder Revierleiter kann seine eigenen Zeichen nutzen und seine Lieblingsfarben einsetzen. Der eine greift zu Rot, der nächste zu Blau, mancher zu Gelb, Weiß geht auch, aber nicht auf Birken. Entscheidend ist nur, dass die Zeichen möglichst aus allen Richtungen sichtbar sind und dass diejenigen, an die sich die Zeichen richten, diese auch richtig verstehen. Mit neuen Ansätzen und Methoden der Waldpflege sind in den vergangenen Jahrhunderten auch immer wieder neue Auszeichnungen entstanden. Wenngleich je nach Region, Forst und Bewirtschaftung die Forstzeichen unterschiedliche Bedeutungen haben können, gibt es aber keine babylonische Sprachverwirrung. Denn es haben sich etliche Standards entwickelt. Habitat-, Biotop- oder Spechtbäume sind ökologisch wertvoll und mit einem großen H oder einem stilisierten Specht gekennzeichnet oder einer Wellenlinie. Bäume, die entnommen werden sollen, bekommen einen Punkt, ein Kreuz oder einen Schrägstrich. Zukunfts- oder Zielbäume tragen ein Z oder eine umlaufende Kreis-Markierung. Waagerechte Doppelstriche weisen auf eine Rückegasse hin. Grenzsteine und -verläufe, Eckpunkte, Arbeitsrichtungen und Polterflächen, auf denen das geerntete Holz gesammelt wird, sind ebenfalls an forstlichen Markierungen zu erkennen. Sollen diese korrigiert werden, werden sie häufig mit einer Schlangenlinie übermalt oder mit schwarzer Farbe unkenntlich gemacht. Verwechslungsgefahr mit Zeichen für Wanderer und Jagd Foto: Christoph Boll Aber nicht alle Zeichen im Wald sind forstlicher Natur. Auch regionale und überregionale Wanderwege werden oft auf Bäumen ausgewiesen. Oft findet sich auch eine Entfernungsangabe zur nächsten Hütte oder zum Etappenziel. Ein Ausrufezeichen warnt gelegentlich vor steilen Passagen oder Gefahrenstellen. Drei übereinanderliegende Ringe – häufig weiß, rot, weiß – kennzeichnen mancherorts Fernwanderwege oder besondere Routen. Eine Verwechslungsgefahr kann aber auch mit jagdlichen Hinweisen bestehen. So gibt es im Schussfeld eines Hochsitzes manchmal Hinweise, die die Entfernung bis zu der jagdlichen Einrichtung angeben. Wenn der Förster einen Baum mit einem Ausrufezeichen kennzeichnet, geht von dem Baum eine Gefahr aus. Vor einer Durchforstung mahnt er so die Forstarbeiter zu besonderer Vorsicht. Ist gleich eine ganze Baumgruppe mit Ausrufezeichen markiert, die Bäume scheinen ansonsten aber kerngesund, handelt es sich fast immer um einen jagdlichen Gefahrenbereich. Die Ausrufezeichen kennzeichnen eine Zone, in die auf keinen Fall geschossen werden darf. Vielleicht befindet sich in dieser Richtung bereits der nächste Ansitz, es fehlt ein sicherer Kugelfang oder das Wild kann nicht sauber angesprochen werden, weil keine freie Schussbahn gegeben ist.

  • Druck auf den Kanzler bleibt hoch

    Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd Liebe Leserinnen und Leser! In unserer Wochenkolumne gehen wir zunächst auf die Personalwechsel in Berlin ein und behandeln dann folgende Themen: die hohen Temperaturen und die Folgen für die Landwirtschaft, den von der Bundesregierung geplanten Pachtdeckel für Windenergieflächen, die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest sowie der Blauzungenkrankheit, für die auch alle wiederkäuenden Wildarten anfällig sind. Ferner geht es wieder einmal um den richtigen Umgang mit Wölfen, dieses Mal mit Blick auf Brandenburg und Niedersachsen. Ende gut, alles gut? Oberflächlich betrachtet lief die Wahl von Thorsten Frei zum CDU/ CSU-Fraktionschef ganz nach den Wünschen des Kanzlers. Insofern darf Friedrich Merz zufrieden sein. Aber der Kanzler sollte sich nicht täuschen: Der Druck in der Partei und in der Öffentlichkeit bleibt hoch. Die – noch freundlich formuliert – verstolperten Personalwechsel haben das Ansehen des Regierungschefs weiter beschädigt. So rebellisch ihrer Führung gegenüber hat man Unionspolitiker selten erlebt. Doch Merz hat Glück: Die bevorstehenden Landtagswahlen in Ostdeutschland wirken disziplinierend. Zumindest kurzfristig. Doch wenn es für die CDU dort im September schlechter als erwartet läuft, könnten für den Kanzler und die Koalition insgesamt noch schwerere Zeiten beginnen. Denn in Ländern geht es um viel: von der Bildung bis hin zu Natur- und Artenschutzfragen, inklusive der Regelung für die Jagd. Wenn die CDU bei diesen Kernthemen ihrer Klientel an Einfluss und Gestaltungsmöglichkeiten verliert, könnte viel Bewährtes ins Wanken geraten. Landwirte zunehmend in Schwierigkeiten Während es aktuell in der Bundespolitik überraschend heiß hergeht, gilt dies im wörtlichen – sprich wettermäßigen – Sinne auch für den Rest der Republik. Dort sorgen die hohen Temperaturen für vielfältige Herausforderungen, nicht zuletzt in der Landwirtschaft. So rechnet der Deutsche Bauernverband (DBV) in diesem Jahr mit deutlichen Ertragseinbußen bei wichtigen Ackerkulturen. Bei Winterweizen würden in Regionen, in denen die Ernte bereits weit fortgeschritten sei, Ertragsrückgänge von bis zu 15 Prozent gemeldet. Auch beim Raps drohen laut DBV erhebliche Einbußen von bis zu 18 Prozent. Die ausbleibenden Niederschläge würden sich zudem auf Grünland und Futterbauflächen immer deutlicher bemerkbar machen. Damit wachse in vielen Regionen die Sorge um die Versorgung der Tiere im kommenden Winter. Bauernpräsident Joachim Rukwied sieht deshalb klaren Handlungsbedarf: „Hohe Kosten für Diesel und Düngemittel treffen die Betriebe unmittelbar in der laufenden Produktion. Wer Versorgungssicherheit und eine leistungsfähige heimische Landwirtschaft will, muss die Betriebe wirtschaftlich handlungsfähig halten“, betonte Rukwied. Deshalb fordere der Deutsche Bauernverband eine Entlastung beim Diesel. Unzufriedenheit herrscht auch bei der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände e.V. (AGDW) und den Familienbetrieben Land und Forst. Aktuell geht es hier um den Entwurf zu einer Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), den das Bundeskabinett in dieser Woche beschlossen hat. In ihm ist ein Pachtdeckel für Windenergieflächen vorgesehen. Max von Elverfeldt, Vorsitzender der Familienbetriebe Land und Forst e.V., kritisiert die geplante Regelung scharf: „Wer Eigentümern vorschreiben will, zu welchen Konditionen sie ihre Flächen zur Verfügung stellen dürfen, greift unmittelbar in die Vertragsfreiheit ein. Damit beschädigt die Bundesregierung das Vertrauen in verlässliche Rahmenbedingungen und letztlich auch die Akzeptanz der Energiewende.“ Brandkatastrophe im Süden Europas Nebenbei gesagt: Wie wichtig eine leistungsfähige und ökonomisch solide Land- und Forstwirtschaft gerade im Zeichen des Klimawandels sein kann, zeigt sich auch angesichts der Brandkatastrophe im Süden Europas. Fachleute beklagen etwa in Spanien, dass Wälder vielerorts nicht mehr ausreichend gepflegt würden und sich dadurch große Mengen brennbares Material ansammeln. Auch die Landflucht ist nach Auffassung von Experten in diesem Zusammenhang ein Problem. Weil viele Menschen in die Städte ziehen und Dörfer leer stehen, werden landwirtschaftliche Flächen aufgegeben und Weiden nicht mehr abgegrast. Die Verbuschung nimmt dadurch zu. Zurück nach Deutschland und zu den dort aktuellen Herausforderungen für Jäger und Landwirte. Eine davon ist die weitere Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest (ASP). Nach dem erneuten Nachweis von ASP in der Uckermark appelliert der Landesjagdverband Brandenburg an alle Bürgerinnen und Bürger, die bestehenden Schutzmaßnahmen konsequent zu unterstützen. Schutzzäune dürften nicht beschädigt werden, Tore und Durchlässe gelte es nach jeder Nutzung wieder zu schließen. Und die Jägerinnen und Jäger werden vom LJV Brandenburg aufgefordert, die verstärkte Bejagung des Schwarzwaldes auch weiterhin konsequent fortzuführen. „Jeder Einzelne kann dazu beitragen, dass die Seuche auf den Schutzkorridor begrenzt bleibt“, betont Dirk-Henner Wellershoff, Präsident des Landesjagdverbandes Brandenburg. Zum Spendenformular Derweil hat die nordrhein-westfälische Landesregierung im Landtag ihren strategischen Plan zur Bekämpfung von ASP erläutert. Darin setzt sie auf ein kombiniertes Maßnahmenbündel. Neben dem Bau von Hunderten Kilometern festem Zaun und einer systematischen Suche nach Kadavern sollen künftig nahezu wildschweinfreie Schutzkorridore – sogenannte „weiße Zonen“ – die Infektionskette unterbrechen. Die Kosten der ASP-Bekämpfung sind derweil deutlich gestiegen. So hatte das Land NRW hierfür im Jahr 2025 noch rund 2,9 Millionen Euro bereitgestellt. Für dieses Jahr beträgt das Budget bereits über 32 Millionen Euro. Sorge bereitet Jägern und Landwirten auch die Ausbreitung der Blauzungenkrankheit. Nach deren Nachweis in einer Rinderhaltung im Landkreis Göttingen gilt für diverse weitere Landkreise in Niedersachsen eine Sperrzone. Bei zahlreichen Tierarten müssen nun strengere Regeln befolgt werden, um sie aus dem Gebiet zu bringen. Auch alle wiederkäuenden Wildarten sind grundsätzlich anfällig für die Blauzungenkrankheit, insbesondere Rotwild. Jäger sind verpflichtet, einen Verdacht auf Blauzungenkrankheit dem zuständigen Veterinäramt zu melden. Wölfe nicht länger gefährdet Doch genug der Krankheiten. Kommen wir wieder einmal auf den Wolf zu sprechen. Nachdem eine Änderung des Bundesjagdgesetzes den Abschuss erleichtert hat, sind nun die Länder am Zug. Beispiel Brandenburg. Dort hat die zuständige SPD-Ministerin Hanka Mittelstädt eine landesweite Abschussquote abgelehnt. Dagegen betont Kai Hamann, Geschäftsführer des Landesjagdverbands, der jetzt vorgesehene Wolf-Managementplan sei allenfalls ein erster Schritt. Er hoffe, dass die Abschussquote irgendwann doch noch komme. Der Wolf sei in Brandenburg nicht mehr gefährdet. Der Landesjagdverband geht von bis zu 1.500 Wölfen in Brandenburg aus. Langfristig hält Hamann eine Zahl von 300 bis 400 Wölfen für angemessen. Auch in Niedersachsen wird nun das Wolfsmanagement reformiert. Zwar gibt es von Umweltverbänden Kritik an einem möglichen Abschuss ganzer Rudel. Doch Grünen-Ministerin Miriam Staudte versichert in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung: „Wir brauchen uns um den Bestand keine Sorgen zu machen.“ Grundsätzlich werde man sich auf die Problemwölfe konzentrieren, weil nur eine begrenzte Anzahl von Tieren entnommen werden dürfte. In diesem Jahr sind dies in Niedersachsen laut Staudte insgesamt 27 Wölfe, wobei Jungwölfe und sogenannte Wanderwölfe nicht auf die Zahl der Entnahmen angerechnet werden. Und was geschieht, wenn nicht der sogenannte Problemwolf, sondern ein anderes Tier getroffen wird? Dazu die Ministerin wörtlich und ganz pragmatisch: „Fehlabschüsse hat es vorher auch gegeben. Man hat zwar DNA-Tests gemacht und wusste, welchen man erwischen möchte, aber durch das Zielfernrohr kann man die DNA ja nicht erkennen. Es gab einen logischen Denkfehler in dem Verfahren. Die Wölfe sehen alle gleich aus, und deswegen wurde auch selten der Richtige getroffen. Es werden weiterhin DNA-Proben genommen, um anschließend abgleichen zu können. Aber für die Schnellabschüsse sind sie nicht mehr relevant.“ Über die stille Forstsprache zur Arbeit im Wald Zum Schluss noch ein Thema, das wir in Kürze in unserem Blog behandeln werden. Es geht um farbige Markierungen an Bäumen. Sie sind Kommunikationsmittel zwischen Förstern und Waldarbeitern und dienen der Bestandspflege und -entwicklung. Damit werden stabile Waldstrukturen geschaffen, wertvolle Holzbestände erzeugt, Lebensräume erhalten und die Wälder widerstandsfähiger gegen Stürme und den Klimawandel gemacht. Dabei geht es um ökologisch wichtige Biotop-Bäume und ökonomisch relevante Z-Bäume, um Exemplare, an die bei der Durchforstung die Säge angesetzt wird, und Polterflächen, auf denen das Holz gesammelt wird. In einem Blog-Beitrag erläutert unser Autor Christoph Boll in der kommenden Woche die stille Forst-Sprache, bei der es weder ein einheitliches System noch eine babylonische Sprachverwirrung gibt. Zugleich weist er auf die Verwechslungsgefahr mit jagdlichen Kennzeichnungen hin. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und einen gelungenen Start in eine für Sie positive Woche. Mit besten Grüßen Ihr Jürgen Wermser Koordination/Redaktionsleitung

  • Landwirtschaft erzwingt Denkpause im Kabinett

    Das umstrittene Natürliche-Infrastruktur-Gesetz (NatInfG) liegt nach politischem Widerstand von Land- und Forstwirtschaft vorerst auf Eis, wobei Naturschutzverbände wie der Nabu auf eine Umsetzung drängen Carsten Schneider (Foto: BMUKN/Sascha Hilgers) Das Natürliche-Infrastruktur-Gesetz von SPD-Umweltminister Carsten Schneider sollte am 22. Juli vom Bundeskabinett verabschiedet werden. Auf Druck der unionsgeführten Agrarressorts wurde der Beschluss verschoben. Die Kritik der Landwirtschaft ist grundsätzlicher Natur und liegt damit vorerst auf Eis. Was Umweltminister Schneider als längst überfälliges Naturschutzgesetz präsentierte, ist für Bauernverband, Waldeigentümer und Familienbetriebe ein massiver Eingriff in die Nutzungsmöglichkeiten land- und forstwirtschaftlicher Flächen. Die unionsgeführten Agrarressorts haben die Kabinettsentscheidung vorerst blockiert. Zurecht, meinen die betroffenen Verbände. Ein langer Anlauf mit bekanntem Muster Die Geschichte des NatInfG beginnt nicht erst heute. Seit 2023 versprechen wechselnde Bundesregierungen ein Gesetz, das Naturflächen besser schützen soll. Zuerst unter der Ampel als „Flächenbedarfsgesetz“, dann im schwarz-roten Koalitionsvertrag von 2025 unter dem Begriff „Naturflächenbedarfsgesetz“, schließlich umbenannt in „Gesetz zur Stärkung der Natürlichen Infrastruktur“. Der Referentenentwurf liegt jetzt seit Juli im Bundesumweltministerium, mit einer Anhörungsfrist von lediglich drei Werktagen. Eine ernsthafte Einbindung der betroffenen Verbände war damit von vornherein ausgeschlossen. Das Gesetz ist eng verknüpft mit dem Infrastruktur-Zukunftsgesetz (IZG), das Ende Juni vom Bundestag verabschiedet wurde. Das IZG erlaubt es, Naturschutzausgleich durch Geldzahlungen zu ersetzen. Das NatInfG soll, so die Idee, mit diesen Ersatzgeldern neue Naturflächen finanzieren. Umweltverbände träumen davon, sich einen Biotopverbund „zusammenkaufen“ zu können. Die Landwirtschaft sieht darin genau das Problem. Es geht um den Begriff „Überragendes öffentliches Interesse“ Das NatInfG schafft eine neue Schutzgebietskategorie „Natürliche Infrastruktur“, der ein „überragendes öffentliches Interesse“ zugemessen werden soll. Darunter fallen neben FFH- und Vogelschutzflächen auch Moorflächen. Nach ersten Abschätzungen könnte diese Gebietskulisse allein in Baden-Württemberg bis zu 50 Prozent der Landesfläche umfassen. Die Konsequenzen wären erheblich: Land- und forstwirtschaftliche Belange müssten in Planungs- und Genehmigungsverfahren regelmäßig zurückstehen. Zudem ist eine Erhöhung des naturschutzrechtlichen Kompensationsbedarfs um 20 Prozent für Eingriffe innerhalb dieser Gebietskulisse vorgesehen. Längere Genehmigungsverfahren, mehr Rechtsunsicherheit und steigender Verwaltungsaufwand wären die Folge. DBV-Präsident Joachim Rukwied bringt die Kernkritik auf den Punkt: „Krisenvorsorge und Versorgungssicherheit bei Nahrungsmitteln und Rohstoffen sind nicht realisierbar, wenn Naturschutz absoluten Vorrang haben soll. Dieses Regelungspaket übersteigt jedes Maß. Es wird weder in der Land- und Forstwirtschaft noch bei Kommunen, Landkreisen, Unternehmen und den Menschen im ländlichen Raum Akzeptanz finden.“ Steuergeld für Flächenaufkauf statt kooperativem Naturschutz Besonders kritisch sehen die Verbände die Möglichkeit, dass Bund oder Umweltverbände mit den Ersatzgeldern aus dem IZG normale land- und forstwirtschaftliche Nutzflächen aufkaufen könnten. Statt den bewährten kooperativen Naturschutz mit Eigentümern und Landwirten weiterzuentwickeln, entstünde so eine großflächige Flächenkulisse als Grundlage für weitere Flächenbeschaffung. Die Bundesregierung würde zum Aufkäufer von Agrarland mit Steuergeld. Die bayerische Agrarministerin Michaela Kaniber, Vorsitzende der Agrarministerkonferenz, warnt: „Wer Nutzungskonflikte weiter verschärft und immer mehr Flächen bindet, nimmt den Betrieben Entwicklungsmöglichkeiten und schwächt ihre Wettbewerbsfähigkeit.“ Hinzu komme, dass der Bund beim Ausbau des Biotopverbunds über europäische Vorgaben hinausgehe und damit erneut „Gold-Plating“ betreibe. Moorschutz als Knackpunkt Minister Schneider hat mehrfach betont, dass ein „überragendes öffentliches Interesse“ bei der Wiedervernässung von Mooren für ihn nicht verhandelbar sei. Genau hier hakt es in der Koalition. Denn das bedeutet in der Praxis: Landwirte, die Moorflächen bewirtschaften, könnten künftig mit deutlich strengeren Auflagen rechnen, ohne dass der kooperative Weg mit ihnen gesucht wird. Die Verschiebung der Kabinettsentscheidung ist damit kein bürokratischer Aufschub. Sie ist ein notwendiges Signal, dass ein Gesetz, das die Hälfte einer Landesfläche als Schutzgebiet ausweisen kann, nicht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit dreitägiger Anhörungsfrist verabschiedet werden darf. Die nächste Runde kommt Rukwied fordert nicht nur Nachbesserungen am NatInfG, sondern auch am nationalen Wiederherstellungsplan, den die Bundesregierung Ende August verabschieden will. Mit dem Plan soll die EU-Wiederherstellungsverordnung in nationales Recht umgesetzt werden. Auch hier drohen nach Einschätzung des Bauernverbandes Einschränkungen für die landwirtschaftliche Nutzung. Kanibers Botschaft ist klar: „Jetzt muss die Zeit genutzt werden, um ihn grundlegend zu verbessern. Naturschutz und Ernährungssicherung sind keine Gegensätze.“ Die Verschiebung ist eine Chance. Ob die Bundesregierung sie nutzt, wird sich zeigen.

  • Im Fischereischein steckt der Wurm

    Immer mehr Interessenten zahlen für Fälschungen viel Geld. Erst im nächsten Jahr soll in Baden-Württemberg die Umstellung auf digitale Daten dem Betrug einen Riegel vorschieben Foto: dagmar zechel / pixelio.de Wem muss der Wurm schmecken? Dem Fisch oder dem Angler? Nein, eine Frage aus der umfangreichen Angelschein-Prüfung ist das natürlich nicht. Denn die hat es durchaus in sich. 32 Stunden Unterricht müssen absolviert werden, dazu kommen Wissen über Wasserökologie und tierschutzgerechtes Angeln sowie die Kenntnis von Schonzeiten, also wann welche Arten geangelt werden dürfen und wie sie tierschutzgerecht zu töten sind. Kein Wunder, dass die Durchfallrate etwa in Baden-Württemberg bei bis zu zehn Prozent liegt. Was auch daran liegen mag, dass die Prüfung nur auf Deutsch angeboten wird. Was problematisch ist: Denn immer mehr Fischereischeine werden gefälscht. Reinhard Sosat, der Geschäftsführer des baden-württembergischen Fischereiverbandes, geht mittlerweile von „Fälschungen in großem Stil“ aus. Schließlich werde fast jede Woche ein Betrüger im Land erwischt, deshalb könne man davon ausgehen, dass es viel, viel mehr seien und die Dunkelziffer hoch sei. Erschwerend kommt hinzu, dass die Qualität der Fälschungen laut dem Stuttgarter Landwirtschaftsministerium steigt. Urkundenfälschung für 300 Euro Die Kosten für einen Angelschein in Höhe von 250 bis 300 Euro spielen dabei wohl keine große Rolle. Sosat weiß von einem 46-jährigen Fälscher, der zwischen 2018 und 2022 mindestens 46 gefälschte Dokumente an Abnehmer aus Rheinland-Pfalz, Bayern und Baden-Württemberg geschickt hatte. Für bis zu 300 Euro pro Schein. Der Mann erhielt am Amtsgericht Schwäbisch Hall vor kurzem eine Bewährungsstrafe. Dabei hatte er noch Glück. Denn Urkundenfälschung ist mit einer möglichen Haftstrafe von bis zu fünf Jahren kein Kavaliersdelikt. Es wird also höchste Zeit, den Fälschern das Handwerk zu legen. Gut, dass analog auch beim Fischen ein Auslaufmodell ist. Im nächsten Jahr wird Baden-Württemberg auf digitale Scheckkartenfischereischeine umstellen. Die sollen fälschungssicher sein, versichert das Regierungspräsidium Karlsruhe. Ob ein Schein echt ist, kann dann über eine zentrale Datenbank durch einen QR-Code erkannt werden. Alte Fischereischeine sollen zudem ausgetauscht werden. Es wird auch Zeit. Schleswig-Holstein macht es bereits vor. Bis es so weit ist, steckt im Fischereischein weiter der Wurm.

  • Braucht es hauptamtliche Jagd-Präsidenten?

    Das Spitzenpersonal der Landesjagdverbände (LJV) und des Deutschen Jagdverbandes (DJV) ist ausnahmslos ehrenamtlich tätig. Im Gegensatz dazu steht die Organisationsstruktur vieler anderer Umwelt- und Naturschutzverbände Foto: Chris / pixelio.de Ehrenamtlich – das wird immer wieder despektierlich genutzt, ganz ähnlich wie der Begriff Hobbyjäger von Jagdgegnern. Ausgedrückt werden soll damit eine Einschätzung nach dem Motto „Da ist jemand allenfalls ehrlich bemüht, aber mit mangelnder Qualifikation und weniger Erfolg als möglich“. Dagegen steht der Begriff der Hauptamtlichen, die ihr Metier berufs-, also erwerbsmäßig ausüben. Dass Letztere das besser, sprich kenntnisreicher machen, wird schlicht unterstellt, aber nur selten belegt. Der wesentliche Unterschied besteht zunächst nur darin, dass die Ausübung einer Tätigkeit im Hauptamt in aller Regel in einem Anstellungsverhältnis erfolgt und dadurch rechtlich in einem Arbeitsvertrag geregelt ist. Ein Ehrenamt ist im Gegensatz dazu eine freiwillige Tätigkeit, die unentgeltlich erfolgt oder allenfalls mit einer meist geringfügigen Aufwandsentschädigung vergütet wird. Es wird nebenbei ausgeübt, um einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Den festen Willen, diesen Beitrag zu leisten, darf man den jagdlichen Funktionsträgern auf allen Ebenen vorbehaltlos zugutehalten. Seit mindestens 50 Jahren aber nimmt der Druck auf die Jagd kontinuierlich zu. Mit der Föderalismusreform 2007 ging die jagdrechtliche Zuständigkeit fast vollständig auf die Bundesländer über. War es zuvor vorrangig der DJV-Präsident, der gegen ungewollte Gesetzesnovellen ins Feld ziehen musste, so sind seither die LJV-Spitzen in der Pflicht. An der Struktur der Verbände hat sich gleichwohl nichts geändert. Ihr maßgeblich handelnder Teil ist das ehrenamtliche Präsidium. Dort sitzen die verantwortlichen Köpfe. Wenngleich sie natürlich in der Tagesarbeit von hauptamtlichen Mitarbeitern unterstützt werden, sind vor allem der DJV-Präsident und die LJV-Präsidenten die handelnden Verantwortlichen. Selbst in der täglichen Arbeit treten die hauptamtlichen Geschäftsführer nur selten nach außen in Erscheinung. Sie und ihre Mitarbeiter stellen feste Erreichbarkeiten, fachliche Standards und eine kontinuierliche Projektbetreuung sicher, unabhängig von der verfügbaren Zeit der Ehrenamtlichen. Die Rollenverteilung ist klar und das Zusammenspiel zwischen Haupt- und Ehrenamt klar definiert. Wie organisieren sich die anderen Umweltverbände an der Spitze? Umweltverbände wie der WWF arbeiten überwiegend mit hauptamtlichen Vorständen. Greenpeace verzichtet auf ein klassisches ehrenamtliches Verbandspräsidium und wird durch eine hauptberufliche geschäftsführende Doppelspitze mit starker Medienpräsenz geleitet. Der Nabu hat einen Präsidenten in einer hauptberuflichen Vollzeit-Position. Der Vorsitzende des BUND arbeitet auf Bundesebene hauptberuflich in einem Wahlamt. Dazu kommen Umweltvereine, die sich durch medial stark begleitete juristische Klagen profilieren, wie etwa die Deutsche Umwelthilfe. Dort liegt die politische und mediale Wirkungskraft bei hauptamtlichen Geschäftsführern, die in der Öffentlichkeit wie die eigentlichen Vorsitzenden und primären Sprecher wahrgenommen werden. Anders ist das bei der Naturschutzinitiative e.V., die vielfach als Kläger in Naturschutzfragen auftritt, wie etwa gegen den behördlich verfügten Abschuss des auf Sylt gesichteten Goldschakals. Die auf der Webseite aufgeführte Liste weiterer Klagen wie im Zusammenhang mit Straßenbau, der Erschließung von Industrie- und Gewerbegebieten oder der Errichtung von Windindustrie- und Freiflächenphotovoltaikanlagen, lässt schon auf ein operatives Vollzeit-Management schließen. Suche nach Spitzenkräften Für die organisierte Jägerschaft aber stellt sich die Frage, ob sie mit ihrer Struktur langfristig standhalten kann und den Herausforderungen gerecht wird. Lassen sich so die erforderlichen Spitzenkräfte gewinnen und können diese dann auch ihre Stärken voll zur Entfaltung bringen? Die Alternative könnte nur eine Professionalisierung durch hauptamtliche Präsidenten/Vorstände sein, ein Konzept, das bei anderen Umwelt- und Naturschutzverbänden wie geschildert längst umgesetzt ist. Das Ehrenamt bietet sicher persönliche Erfüllung, Flexibilität, neue soziale Kontakte und die Möglichkeit, eigene Stärken abseits des Berufsalltags einzubringen. Auf der Ebene der Hegeringe und Kreisjägerschaften ist das bestimmt ausreichend. Und Respekt haben alle Ehrenamtlichen allemal für ihren Einsatz verdient. Aber wenn es um gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung bis hin zu Gesetzgebungsverfahren geht, steht nicht das persönliche Glücksgefühl im Vordergrund. Da braucht es vielmehr neben thematischer Sattelfestigkeit gehöriges rhetorisches Vermögen, Überzeugungskraft und Verhandlungsgeschick. Und dann muss der Verband auch noch nach innen zusammengehalten werden. Ehrenamt braucht Zeit und Geld Damit einher geht erheblicher zeitlicher und finanzieller Aufwand, den nur wenige in die Verbandsarbeit einbringen können. Jeder Arbeitnehmer in einem beruflichen Anstellungsverhältnis sicher nicht. Da bleiben dann meist nur noch Selbstständige, Freiberufliche, Unternehmer und Rentner/Pensionäre oder Landtags- und Bundestagsabgeordnete. Aber sind das auch zwangsläufig die Besten für die vielfältige Interessenvertretung der Jägerschaft? Zumindest Zweifel sind angebracht. Das jagdliche Spitzenpersonal wird ausnahmslos auf den Landesjägertagen und auf dem Bundesjägertag von den Mitgliedern aus den eigenen Reihen gewählt. Aber mit den Aufgaben steigen offenbar auch die Anforderungen – allein schon zeitlicher Art durch die ständig angefragten Termine. Absagen lösen dann mitunter Ungeduld unter den Mitgliedern aus, weil die Mitgliederversammlungen auf lokaler Ebene wie den Kreisjägerschaften in einem engen Zeitfenster zu Beginn des Jagdjahres stattfinden. Gleichzeitig sind die Präsidenten in den Hauptstädten des Landes gefragt, wenn es um Gesetze und Regelungen geht. Früher waren Präsidenten über Jahrzehnte in Amt und Würden. Das scheint sich in einigen Teilen des Landes zu ändern.

  • Pachtdeckel für Windkraft: Massiver Eingriff in Eigentums- und Vertragsfreiheit

    Wirtschaftsministerin Reiche plant im EEG-Referentenentwurf eine drastische Begrenzung der Windkraftpachten. Familienbetriebe Land und Forst und Bauernverband lehnen die Pläne ab. Die Zahlen machen das Ausmaß deutlich Foto: Thorben Wengert / pixelio.de Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche plant im Rahmen der Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) einen Pachtdeckel für Windenergieflächen. Der Referentenentwurf sieht vor, dass Pachterlöse künftig auf maximal 2,5 Prozent des Standortertrags begrenzt werden. Derzeit erzielen Grundstückseigentümer marktüblich zwischen sieben und zwölf Prozent. Konkret bedeutet das: Pachterlöse könnten um bis zu 80 Prozent einbrechen. Der Verband AGDW – Die Waldeigentümer, die Familienbetriebe Land und Forst (FABLF) sowie der Deutsche Bauernverband wenden sich daher entschieden gegen die geplante Regelung. Strompreis-Argument greift nicht Die Begründung des Ministeriums: Der Pachtdeckel soll den Strompreis dämpfen. Doch dieser bildet sich am Strommarkt und wird nicht durch Flächenpachten bestimmt, wie die Verbände klarstellen. Die geplante Maßnahme würde also weder Verbraucher entlasten noch die Energiewende beschleunigen, aber erhebliche wirtschaftliche Schäden im ländlichen Raum anrichten. AGDW-Präsident Prof. Andreas Bitter warnt: „Der ländliche Raum schultert den Ausbau der erneuerbaren Energien mit all seinen Auswirkungen. Dazu gehört auf der Habenseite die Diversifizierung von Wirtschafts- und Betriebsstrukturen. Es wäre wirtschafts- und gesellschaftspolitisch töricht, solche Entwicklungen auszubremsen.“ Die geplante Regelung sende ein fatales Signal: Private und kommunale Eigentümer, die Flächen für vom Bund gewollte Ziele bereitstellen, würden nicht als Partner behandelt, sondern als vermeintlicher Kostenfaktor reguliert. Ordnungspolitischer Dammbruch Max von Elverfeldt, Vorsitzender der Familienbetriebe Land und Forst, zieht einen klaren historischen Vergleich: „Ludwig Erhard hat den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands nicht durch staatliche Preisdiktate geschaffen, sondern durch Vertrauen in freie Entscheidungen und unternehmerische Verantwortung. Ein staatlicher Pachtdeckel für private Grundstücke steht in diametralem Gegensatz zu diesem ordnungspolitischen Erbe.“ Wer private Eigentümer mit staatlichen Preiskontrollen überziehe, beschädige das Vertrauen in den Wirtschaftsstandort Deutschland. Der Deutsche Bauernverband schließt sich der Kritik an und warnt vor neuen Investitionshemmnissen, die durch den Pachtdeckel entstehen würden. Kein Einzelfall im EEG-Entwurf Der Pachtdeckel ist nicht die einzige umstrittene Regelung im Referentenentwurf. Auch bei Agri-Photovoltaik sind deutliche Kürzungen vorgesehen. Daneben sieht der Entwurf nach Ansicht der Bioenergiebranche zu geringe Ausschreibungsvolumina für Bestandsanlagen vor, deren EEG-Vergütung ausläuft. Für Biomethan-Blockheizkraftwerke sollen Ausschreibungen sogar ganz gestrichen werden. Der Entwurf bleibe damit weit hinter den Ankündigungen des Koalitionsvertrags zurück. Forderung: Pachtdeckel streichen AGDW, Familienbetriebe Land und Forst sowie der Deutsche Bauernverband fordern die Bundestagsabgeordneten und Bundeswirtschaftsministerin Reiche auf, den geplanten Pachtdeckel in den laufenden Beratungen zum EEG zu streichen. Die AGDW steht dabei für mehr als zwei Drittel der Waldfläche Deutschlands und rund zwei Millionen Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer. Die Botschaft der Verbände ist klar: Wer den Ausbau erneuerbarer Energien auf privaten Flächen will, muss die wirtschaftlichen Interessen der Eigentümer respektieren. Staatliche Preisdiktate für private Verträge sind kein geeignetes Instrument dafür. Quellen: DBV, AGDW

  • Unpassendes Theater um Timmy, den Buckelwal

    Das Hamburger Ernst-Deutsch-Theater inszeniert die Rettungsversuche für den Buckelwal Timmy als moderne Passionsgeschichte. Das ist geschmacklos Foto: Ernst Deutsch Theater Ein Theaterstück wie eine katholische Messe – mit Weihrauch und anderen religiösen Ritualen, mit „Wal-leluja“ statt Halleluja und sogar mit einer Kreuzigung: So widmet sich das Hamburger Ernst-Deutsch-Theater dem weiblichen Buckelwal Timmy. Das anarchische Stück „Die Hope stirbt zuletzt“ wird als moderne Passionsgeschichte inszeniert, mit einem Tier als Erlöserfigur. Der „Spiegel“ nennt es einen „sakralen Ulk“. Wie ist das Stück zu bewerten? Ein Rückblick: Im Frühjahr entfachte Timmy, wie Journalisten den Buckelwal nannten, einen ungewöhnlichen Medienhype. Im März strandete das Meerestier erst auf einer Sandbank vor Niendorf beim Timmendorfer Strand an der Ostsee und danach in der Wismarbucht vor der Insel Poel. Trotz mehrerer Rettungsversuche starb der Wal. Die richtigen Fragen gestellt Regisseur Alexander Klessinger stellt die richtigen Fragen, die auf der Homepage des Ernst-Deutsch-Theaters nachzulesen sind: „Warum können einzelne Geschichten eine ganze Gesellschaft in ihren Bann ziehen? Warum werden manche Ereignisse zu Symbolen, während anderes Leid kaum vergleichbare Aufmerksamkeit erfährt? Und weshalb entstehen aus Nachrichten plötzlich Rituale, Hoffnungen und Erzählungen, die weit über das eigentliche Ereignis hinausweisen?“ Aber um darauf Antwort zu geben, muss man nicht einen katholischen Gottesdienst satirisch nachstellen. Provokation gehört zwar zur Kunst und zum Theater, um Aufmerksamkeit zu erregen. Doch diese Inszenierung geht zu weit; sie ist geschmacklos. Sich der kirchlichen Bildsprache zu bedienen, passt nicht. Es bringt auch keinen höheren Erkenntnisgewinn, wenn Regisseuren nichts mehr heilig ist. „Bei uns wird nicht irgendein Opfer verehrt, sondern der Erlöser der Menschheit“, erklärt der katholische Theologe Joachim Valentin aus Frankfurt zu Recht. Verfehlte Dimensionierung Auch der Bonner Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards hält die Übertragung des Kreuzestodes auf den Wal von der Dimensionierung her für verfehlt. Für Christen, so Gerhards, ist der Tod Jesu ein einmaliges Geschehen. Werde dieses Motiv auf andere spektakuläre Leidensgeschichten übertragen, drohe seine spezifische religiöse Bedeutung beliebig zu werden. Dennoch haben die Kirchen einen guten Grund, nicht allzu laut zu protestieren und von Blasphemie zu sprechen. Denn dann droht der sogenannte Barbara-Streisand-Effekt: Die kritisierte Inszenierung erhält mehr öffentliche Aufmerksamkeit, als sie verdient.

  • Politische Sommerpause? Die Herausforderungen bleiben

    Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd Liebe Leserin, lieber Leser! Der Bundeskanzler will sich zum Ende der Legislaturperiode am Ergebnis seiner Kanzlerschaft messen lassen. Dazu gehört, dass er sich in einen Widerspruch seiner Aussagen über die Schuldenbremse zwischen damals (Opposition) und heute begeben hat. Seine Bemerkung dazu, als er sich vor der Hauptstadtpresse in die parlamentarische Sommerpause verabschiedete: „Ich gebe zu, das ist eine erhebliche Belastung meiner persönlichen Glaubwürdigkeit.“ Und schlechte Umfrageergebnisse sehe er als Ansporn. Gleichwohl wächst nach dem Kabinettsbeschluss über den Bundeshaushalt 2027 in den Reihen der Union der Unmut über neue Schulden und die folgende Zinsbelastung. Finanzminister und Kanzler werden über die Sommerferien einiges aushalten müssen. Noch schwächere Umfrageergebnisse für die SPD nach dem jüngsten ZDF-Politbarometer und die neue Glaubwürdigkeitslücke, die der CDU/CSU-Fraktionschef Jens Spahn zum Thema Leihmutterschaft unerwartet aufgerissen hat, sorgen für wachsende Unruhe in den jeweils eigenen Reihen. Apropos Sommerpause: Wie auch andere Medienformate lassen wir es mit diesem wöchentlichen Newsletter bis Anfang September etwas langsamer angehen. Sie erhalten ihn vorübergehend jeden zweiten Samstag – also am 1., 15. und 29. August und ab September wieder wie gewohnt. In unserem Blog erscheinen unsere journalistischen Beiträge weiter wie gewohnt zu den ebenso gewohnten Themen unter www.blog-natur-und-mensch.de: in Bezug zum ländlichen Raum, zu Natur und Jagd, auch mit ihren politischen und gesellschaftlichen Aspekten. In die Meldungen und Berichte über die Finanz- und Wirtschaftspolitik mischen sich besorgte Stimmen aus dem Lande. Während Bundeskanzler Merz in seiner Sommerpressekonferenz das unveränderte Ziel der Rückkehr Deutschlands zu einer „wettbewerbsfähigen Wirtschaft“ betont, warnen andere. Aus dem Mittelstand kommt die Meldung, dass dort die Investitionsbereitschaft der Unternehmen auf den tiefsten Stand seit über 30 Jahren gesunken ist. Als Hauptgründe nennt der Genossenschaftsverbund der DZ und der Raiffeisenbanken unter anderem eine schwache Nachfrage und steigende Kosten. Und immer wieder ist zu hören, dass die Belastungen durch bürokratische Auflagen eine Wiederbelebung bremsen. Genau dieses Thema hat die Koalition ebenfalls in dieser Woche angefasst. So hat die „Anti-Bürokratie-Ministerrunde“ eine Streichliste vorgelegt, von der sich der Kanzler und sein Digitalminister viel versprechen. Sie enthält unter anderem weniger Melde- und Dokumentationspflichten – übrigens auch für Landwirte, Tierärzte und Tierhalter. Bei Infrastrukturprojekten soll es weniger Einzelprüfungen geben, auch wenn es um die Umweltverträglichkeit geht. Ein Reizwort der Woche bleibt das Thema Minijobs. Sie sind derzeit (noch) steuerlich und in der Sozialversicherungspflicht niedrig pauschaliert. Das betrifft fast acht Millionen gering Beschäftigte und deren Arbeitgeber. Und nicht nur den Dienstleistungsbereich mit Einzelhandel und Gastgewerbe, sondern auch überall diejenigen, wo es um Erntehilfe geht. Der Deutsche Bauernverband (DBV) wendet sich deshalb gegen die Abschaffung beitragsfreier Minijobs im Zuge einer Rentenreform. DBV-Präsident Rukwied warnt gegenüber der Rheinischen Post vor Einschränkungen bei geringfügiger Beschäftigung: „Das wäre ein harter Schlag und würde bei vielen Betrieben die Existenzkrise verschärfen.“ Schicksal des berühmten Buckelwals lässt uns nicht los Kommen wir noch einmal auf ein anderes Thema zurück. Viele von uns erinnern sich an das Aufsehen um den verendeten Buckelwal mit dem Kosenamen Timmy. Das Leiden dieses einzelnen Exemplars unter den geschätzt über 100.000 Artgenossen, die in den Weltmeeren leben, wurde zum Boulevardthema Nummer eins. Die Dänen sehen das etwas anders. Uns erreichten die Geschichten teilweise im Live-Stream über das schließlich vor der dänischen Insel Anholt verendete Tier in allen nur denkbaren Details. In einer von der Bild angetriebenen Medienlandschaft landete das Szenario bei uns nahezu allen. Und nun auch auf der Bühne. So inszeniert jetzt das Hamburger Ernst-Deutsch-Theater die Wal-Rettungsversuche als moderne Passionsgeschichte. „Das ist geschmacklos“, findet unser Autor Christian Urlage. In unserem Blog geht er in der nächsten Woche auf diese satirische Übertragung des Kreuzigungstodes in ein Theaterstück kritisch ein. Zum Spendenformular Hinter der ganzen Thematik über den Umgang mit diesem medienträchtigen Schicksal steht gerade in urban geprägten Gesellschaften die oft spaltend gestellte Frage: „Verletzte Wildtiere retten oder in Ruhe lassen“. Bemerkenswerte Antworten sind mir in einem Zeitungsinterview aufgefallen und kommen aus dem eher dörflichen Bereich und dem Ort Klein Offenseth – Sparringshoop. Dieser Ortsname ist mir in Schleswig-Holstein bisher noch nicht ins Bewusstsein gekommen, obwohl ich das Land zwischen den Meeren gut kenne. Ich habe dort lange gewohnt und journalistisch gearbeitet. Meine Ortskenntnis hat sich kürzlich durch einen bemerkenswerten Text erweitert, auf den ich beim Blättern in einer Zeitung der Verlagsgruppe SHZ gestoßen bin. Katharina Erdmann wird zitiert, die mit ihrem Mann dort bei Elmshorn ein Wildtier- und Artenschutzzentrum unterhält und sehr genau unterscheidet, wann man Wildtiere retten soll und wann nicht. Auf eine entsprechende Frage antwortete sie: „Wir hören immer mal wieder Skepsis heraus: Warum macht ihr das überhaupt? Das ist doch Natur. Das stimmt auch manchmal. Letztens rief ein Mann an, der uns einen kleinen Feldhasen bringen wollte, den er zuvor einem Bussard entrissen hatte. Da habe ich gesagt: Moment mal. Der Hase ist schwer verletzt und wird es wohl nicht schaffen. Und dem Bussard wurde das Butterbrot weggenommen, und er hat wahrscheinlich auch gerade Jungtiere. Es ist nun mal Natur, dass Tiere andere Tiere fressen. Was maßen wir uns an, einzugreifen, nur weil wir es nicht ertragen können.“ Sie unterscheidet offensichtlich bewusst, wann sie helfen sollte oder wann nicht. Ihre Bemerkung dazu: „Wenn Menschen selbst noch nie mit einem Wildtier in Not konfrontiert waren, fragen sie eher, warum man eine Wildtierstation überhaupt braucht. Aber wenn sie ein verletztes Tier erleben, wird großes Emotionspotenzial frei.“ Beim Lesen ihrer Motivation verstehe ich den geschilderten Unterschied zwischen natürlichen oder zivilisatorischen, also menschengemachten Gründen zur Aufnahme verletzter Wildtiere. So ordnet sie auch die Behandlung des vor Poel zunächst gestrandeten und dann verendeten Buckelwals anders ein als viele: „Und dann sollten wir Menschen schon in irgendeiner Form handeln. Im Zweifel kann das auch bedeuten, das Tier einzuschläfern. Man muss aber sagen, dass das bei so einem großen Tier alles andere als schön aussieht. Das macht auch was mit den Verantwortlichen, die sich davor scheuen, so eine harte Entscheidung zu fällen, weil es dann mit Sicherheit einen Shitstorm auf Social Media gäbe. Da muss man sich als Gesellschaft fragen: Warum sind wir nicht bereit, so unschöne Bilder auszuhalten? Oft wird hier mit zweierlei Maß gemessen.“ Dem ist kaum etwas hinzuzufügen. Das Thema Natur treibt viele Verbände, Vereine oder Stiftungen an Bleiben wir beim Umgang mit unserer Natur. Ihr widmen sich mit teilweise unterschiedlichen Sichtweisen Verbände, Vereine, Stiftungen mit ihren unterschiedlichen Strukturen – ehrenamtlich oder professionell. Die „Stiftung natur+mensch“ gehört dazu. Sie beteiligt sich neben ihrer ehrenamtlichen Organisation und naturpädagogischen Arbeit hinaus über den Blog und diesen Newsletter mit professionellen journalistischen Beiträgen an den Debatten über politische, gesellschaftliche und fachliche Themen. Sie liegen im Spannungsbogen zwischen ländlichen Strukturen mit der Naturentwicklung und -nutzung sowie Zusammenhängen von Jagd, Landwirtschaft und Forst, Wohnen und Wirtschaft im ländlichen Raum. Dort leben je nach verwendeter Definition 57 Prozent der Bevölkerung. Diese Gebiete umfassen etwa 91 Prozent der Gesamtfläche des Bundesgebietes. Wenn man ins politische Berlin schaut, kommen die entsprechenden Befindlichkeiten für mich dort irgendwie zu kurz. Nahezu alles, was Natur, die Umwelt und ihre Nutzung betrifft, wird gesetzlich und behördlich geregelt. Wenn es also darum geht, gehört Lobby-Arbeit wie in allen politischen Feldern überall dazu. Dazu passt ein Beitrag, den unser Autor Christoph Boll nächste Woche in unserem Blog in diese Zeit und Zusammenhänge setzt: Zur Jahresmitte sind die Landesjägertage und der Bundesjägertag gelaufen und soweit anstehend auch die nötigen Wahlen des jagdlichen Spitzenpersonals. Das ist ausnahmslos in ehrenamtlichen Präsidien tätig. Im Gegensatz dazu steht die Organisationsstruktur vieler anderer Umwelt- und Naturschutzverbände mit hauptamtlichen Präsidenten/Vorständen. Da stellt sich angesichts immer schärferer gesellschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen um das Waidwerk die Frage nach der zukunftsfähigen Struktur der jagdlichen Interessenvertretung. Dazu macht sich unser Autor Gedanken und zieht Vergleiche zu anderen anerkannten Naturschutzverbänden. Überall wird das Wasser knapp Trockenheit ist in diesen Tagen überall ein Thema. Trockene Forsten mit Waldbrandgefahr, wasserarme Flüsse und sinkende Grundwasserspiegel zeigen bereits Wirkung. Behörden verfügen Verbote von Wasserentnahmen aus Flüssen und Bächen. Das trifft Landwirtschaft und Gartenbau besonders. Wer mal auf das Rasensprengen verzichtet, kann sicher sein, dass die Fläche wieder grün wird, wenn Feuchtigkeit zurückkehrt. Fauna und Flora leiden. Anhaltende Trockenheit und Hitze setzen gerade auch heimische Wildtiere stark unter Stress. Besonders Vögel, Igel und Insekten leiden unter dem Mangel an natürlichen Wasserstellen. Während große Säugetiere wie Rehe oder Wildschweine weite Strecken zurücklegen können, sind Kleintiere dringend auf flache Wasserschalen im Garten angewiesen. Das alles gehört im weiteren Sinne zum „Lernort Natur“. So heißt die große Verbandsinitiative der Jäger. Zu deren 35-jährigem Jubiläum hat der Landesjagdverband NRW eine Projektwoche in allen Teilen des Landes mit Rollenden Waldschulen, Besuchen von Einrichtungen aller Art (vom Kindergarten bis zum Seniorenheim), Exkursionen, lokalen Projekttagen hinter sich. Dazu gratulieren wir herzlich als „Stiftung natur+mensch“ und als lokal sowie ergänzend wirkende Partner mit unserem naturpädagogischen Waldrucksack. Mit Förderern bieten wir ihn zusätzlich Grundschulen und Kindergärten an. So wurden jüngst mit dem Rotary Club in Hamm-Mark allein 17 Grundschulen in der Stadt damit ausgestattet. Es kann gar nicht genug Angebote geben, wenn es um die Vermittlung von Fakten und Zusammenhängen in der Natur geht. Hiermit verabschiede ich mich heute mit den besten Wünschen für erholsame Sommerferien (im Süden etwas später), in denen wohl viele unserer Leserinnen und Leser die Natur anderswo als gewohnt erleben. Ihr Jost Springensguth Redaktionsleitung / Koordination

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