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  • Zwischen Weltpolitik, Wildbret und Kälberglück

    Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd Liebe Leserin, lieber Leser! Hinter uns liegt wieder eine Woche mit der Dominanz im Blick auf die schon viel reflektierten globalen und europäischen Themen der Sicherheits- und Außenpolitik. Die innenpolitischen und wirtschaftlichen Auswirkungen von internationalen Verwerfungen haben wir bis in den letzten Winkel unserer Republik vielfach zur Genüge direkt erlebt. Da hoffen wir nun auf Besserung. Das fing in den letzten Monaten bei jeder Fahrt an die Tankstelle an und reicht bis in jede persönliche oder betriebliche Kalkulation. Stichworte: Inflation, steigende Zinsen, düstere Prognosen über Stagnation, Null-Wachstum des Bruttoinlandsproduktes, Investitionsstaus oder am Ende Arbeitsplatzsorgen. Nun gibt es ein verhaltenes Aufatmen. Jedenfalls sollen sich nach Ersteinschätzungen von Politik und Wirtschaftsforschung die Aussichten für die weitere Konjunktur langsam verbessern. Talsohle erreicht? Mal abwarten. Das gilt auch für die weitere Entwicklung der Düngemittelpreise, wo alle nach dem Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran auf Entspannung hoffen. Wenn sich die Weltmarktpreise ausgehend vom Rohöl weiter entspannen sollten, wird nach übereinstimmenden Einschätzungen das Preisniveau im Inland nur zögerlich sinken. So blicken wir in dieser Wochenkolumne nicht nur auf regionale Auswirkungen globaler Entwicklungen. Sondern auch auf naheliegende andere Themen im Zusammenhang mit dem ländlichen Raum und der Jagd. Dazu unternehmen wir kleine Ausflüge nach England und in den Norden Deutschlands. Selbst der Landwirtschaftsminister hatte diese Woche wie der Bundeskanzler ein großes auswärtiges Programm. Japan und China standen für ihn in Begleitung „einer hochrangigen Wirtschaftsdelegation“ auf dem Plan, wie das Ministerium berichtet. Japan sei nach China Deutschlands zweitwichtigster Handelspartner in der dortigen Region und ein enger Werte- und Kooperationspartner. China sei als weltgrößter Lebensmittelmarkt von herausragender Bedeutung für die deutsche Agrar- und Ernährungswirtschaft. Die Reise steht im Zeichen einer aktiven internationalen Agrar- und Ernährungspolitik, die auf offene Märkte, resiliente Lieferketten und verlässliche Partnerschaften setzt. Apropos Lieferketten: Dazu gehört auch das, was an Rohstoffen und Düngemitteln nun wieder durch die Straße von Hormus zu uns gelangt. Am Ende geht es international und national letztlich um das, was wir essen und trinken. Alois Rainer (CSU): „Ernährungssicherheit, wirtschaftliche Stärke und internationale Zusammenarbeit gehören zusammen.“ Was wir für Essen und Trinken ausgeben Bei dieser Thematik ist es einmal gut zu wissen, wie sich unser Ernährungsverhalten entwickelt und damit auch verändert. Einen Beitrag leistet die regelmäßige Untersuchung darüber, wie viel und wofür die Menschen Geld ausgeben, wenn es um die Nahrungsmittel geht. Eine sogenannte „Unterstichprobe der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) 2023“ nennt Zahlen. Rund 335 Euro im Monat haben die privaten deutschen Haushalte im Schnitt 2023 für Nahrungsmittel ausgegeben. So wurde es jetzt erst mit Verweis auf die Quelle des Statistischen Bundesamtes veröffentlicht. Die Werte zeigen aktuelle Trends. So machten die Ausgaben für Fleisch und Wurst, Fisch und Meeresfrüchte mit durchschnittlich 22 % gut ein Fünftel davon aus. Das Landwirtschaftsministerium beziffert den Fleischkonsum in Deutschland auf etwa 60 kg Fleisch pro Person und Jahr. Der Verbrauch von Wildfleisch liegt dabei bei 400 g pro Person. Das ist, wenn ich richtig rechne, unter einem Prozent des durchschnittlichen Fleischkonsums. Dabei ist das das Gesündeste und für viele Schmackhafteste unter dem, was hier direkt aus der Jagd oder über den Handel angeboten wird. Machen wir es vollständig: Jeweils rund ein Sechstel (17 %) der Ausgaben für Nahrungsmittel wendeten die Haushalte für den Kauf von Getreideprodukten mit Brot an der Spitze und Milcherzeugnissen bis zu den statistisch einbezogenen Eiern auf. Für Gemüse, Kartoffeln und Ähnliches wurden 14 % ausgegeben und für Obst und Nüsse waren es 9 %. Für den Kauf von Zucker und Süßwaren wurden im Schnitt 8 % verwendet. Das soll ja jetzt politisch eingedämmt werden… Es fehlen noch die Getränke: dafür wendeten die privaten Haushalte durchschnittlich rund 75 Euro im Monat auf. 55 % (gut 40 Euro) dieser Ausgaben entfielen auf alkoholfreie Getränke, 45 % (knapp 35 Euro) auf alkoholische Getränke. Mit 16 % wurde knapp ein Sechstel der Getränkeausgaben für Bier (auch alkoholfrei) aufgewendet. Der Bierkonsum ist natürlich auch ereignisabhängig. Da ist aktuell auf die Fußballweltmeisterschaft zu verweisen. Abschließend sei bemerkt, dass nahezu alle Ernährungsprodukte ihren Ursprung im ländlichen Raum haben. Wenn die Politik nicht weiter weiß, wird geklagt Die Bauern mussten Bilanzen darüber führen, wie Nährstoffe in die Umwelt gelangen. Dafür trat 2018 die Stoffstrombilanzverordnung in Kraft. Viele Landwirte kritisierten den hohen bürokratischen Aufwand. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer hat die Verordnung 2025 wieder abgeschafft. So war es im Koalitionsvertrag vereinbart. Die Grünen klagen jetzt vor dem Bundesverfassungsgericht dagegen, dass der Bundestag nicht gefragt wurde. Unser Autor Christian Urlage wird sich in einem geplanten Beitrag für unseren Blog ausgehend vom Nährstoffbericht in Niedersachsen damit befassen. Zum Spendenformular Hier noch ein weiterer Hinweis auf einen Blog-Beitrag in der kommenden Woche: Während ein totes Reh im Wald für Spaziergänger und Wanderer meistens nur ein irritierender Anblick ist, so ist es für Forscher ein Fenster in einen Lebensraum, der sonst kaum sichtbar ist. Denn an toter Biomasse zeigt sich der Kreislauf des Lebens wie in Zeitraffer: Was bei einem abgestorbenen Baum Jahrzehnte dauert, geschieht dort in wenigen Wochen. Diesen Ansatz nutzt ein bundesweit in den Nationalparken laufendes Forschungsprojekt zur Bedeutung toter Tiere für das Ökosystem. Unser Autor Christoph Boll wird erste Ergebnisse des über fünf Jahre laufenden Vorhabens mit 15 Projektgebieten von den Alpen über die Mittelgebirge bis zum Wattenmeer vorstellen. Im Zentrum steht dabei die Feststellung, dass Wildtierkadaver wichtige Hotspots der Biodiversität sind. Noch einmal ein Blick über den Kanal Ich muss einmal wieder eine Parallele zur Politik für oder gegen den ländlichen Raum und der Jagd mit Blick auf Großbritannien ziehen. Dort trommelt gerade die Kampagnenorganisation „Countryside Alliance“ im Netz parallel zu einem Anhörungsverfahren unter dem Titel „Zukunft der Jagd“. Konkretes Stichwort ist gerade zwar die Schleppjagd, die bei uns nicht so bedeutend ist wie dort. Aber insgesamt geht es auch anderswo immer wieder um die Jagdgesetzgebung. Damit haben auch wir uns besonders auf Landesebene seit über 20 Jahren regelmäßig auseinanderzusetzen. Es geht um Natur- und Landnutzung und im Gesamtzusammenhang ebenso um die Zukunft der Jagd. Hier hat die Jägerstiftung natur+mensch ihre Tradition in ihren Positionen seit den rot-grünen Gesetzesinitiativen – etwa in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und jüngst auch in Niedersachsen oder Rheinland-Pfalz. In dem Resümee der Kampagne der „Countryside Allianz“ heißt es jetzt: Die enorme Resonanz zeige, dass die Jagdgesetzgebung zwar laut Umfragen ganz unten auf der Prioritätenliste der Wähler stehe, die Jägerschaft im ganzen Land aber dennoch breite Unterstützung finde. Die Angriffe auf die Landwirtschaft und nun auch auf die Jagd hätten die gesamte ländliche Bevölkerung gegen die Regierung aufgebracht. Wegen der Parallelität der gesellschaftlichen Akzeptanz weise ich gelegentlich auf den Newsletter von Tim Bonner, dem Sprecher der Lobbyorganisation für den ländlichen Raum in Großbritannien, hin. Aktivitäten unserer Service-Clubs für Jagd und Natur Zu den traditionellen Projekten unserer Jägerstiftung natur+mensch gehört die Unterstützung der naturpädagogischen Arbeit. Mit Partnern unterstützen wir das erlebnisorientierte Lernen an Grundschulen und Kindergärten. Als Ergänzung zur Initiative „Lernort Natur“ gibt es diesen orangenen Waldrucksack mit einer Materialsammlung, zu der unter anderem ein hochwertiges Fernglas, Becherlupen, Bestimmungshefte und Fellproben zum Anfassen gehören. Damit können pädagogische Exkursionen in die Natur vor- und nachbereitet werden. Viele Rotary Clubs haben die Initiative in den letzten Jahren vor Ort, meist in Zusammenarbeit mit Kreisjägerschaften und Landesforsten, aufgegriffen. So hat gerade zuletzt der Rotary Club Hamm-Mark im Rahmen eines Walderlebnistages 17 dieser Rucksäcke finanziert und übergeben. NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorissen war prominenter Gast im Wald bei dieser Veranstaltung mit 200 Schülerinnen und Schülern und ihren Lehrerinnen sowie Lehrern. Sie empfahl unter anderem: „Kinder und Jugendliche sollen die Natur nicht nur aus Büchern kennen lernen, sondern sie direkt erleben und verstehen. Die Walderlebnistage mit diesem Rucksack bieten dafür eine tolle Gelegenheit. Hier können die Kinder den Wald mit allen Sinnen erleben.“ Jagdveranstaltung im Rahmen der International Rotary Fellowship of Hunters (Foto: privat) Dies ist ein Beispiel dafür, wie Serviceclubs mit aktiven Jägern und Förstern unter ihren Mitgliedern sichtbare Brücken zur Natur schlagen. Die Stiftung natur+mensch bietet so auch nicht nur örtliche Kooperationen an. Als anderes Beispiel nenne ich den RC Herzogtum Lauenburg – Mölln, der auch innerhalb der International Rotary Fellowship of Hunters (www.irfh.eu) initiativ wird. So nahmen 20 Mitglieder dieser internationalen Gemeinschaft die Einladung zu einem „Konferenzansitz“ an, in dem es um Beschaffung von Wildbret für eine große Veranstaltung des Distrikts im Norden ging. Entscheidend war das Gemeinschaftserlebnis neben dem Jagdansitz in vier Revieren, die die Inhaber mit großzügiger Freigabe zur Verfügung gestellt haben. Nach gemeinsamem Ansitz und Strecke im Rahmen einer „Konferenzjagd“ im Kreis Herzogtum Lauenburg (Foto: privat) Die Präsentation von 14 Rehböcken als Strecke am Vormittag danach bereicherte die Veranstaltung mit gelebter Freundschaft innerhalb einer solchen Service-Organisation. Rotary hat weltweit 1,2 Millionen Mitglieder in rund 34.000 Clubs. Das Motto: Freundschaft wird gefestigt, durch gemeinschaftliche Erlebnisse oder Interessen – hier auch für Jagd und Natur. Vieles spielt sich vor Ort und im Kleinen ab. Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, am Wochenende bei Ausflügen oder Spaziergängen die Natur erleben, könnte es in einem unserer östlichen Bundesländer in Brandenburg zu einer außergewöhnlichen Begegnung kommen: Immer wieder haben wir von Elchwanderungen dort gehört oder gelesen. Die Tiere sind nicht nur gut unterwegs auf ihren Stelzenläufen, sondern auch gute Schwimmer. Aktuell meldet in dieser Woche der regionale Rundfunk RBB, dass gerade mindestens fünf Elche dort gleichzeitig durch Wälder und Felder streifen. Meist sind das junge Tiere, die aus dem östlichen Polen kommen und durch die Oder über die Grenze geschwommen sind. Es waren bisher überwiegend Einzelexemplare, die dann wieder verschwunden sind, weil es bei uns zu viele Wildunfälle gibt. Im Gegensatz zum Wolf ist diese Tierart bei vielen Naturfreunden willkommen. Und die Zuwanderung wird amtlich ernst genommen: Vom zuständigen Ministerium wird bereits ein Managementplan zum Umgang mit den Elchen erarbeitet. Schließlich will man wissen, wie man sich verhält, wenn eines der Exemplare plötzlich auf der Autobahn oder in der Nähe einer Siedlung auftaucht. Andere hoffen darauf, dass sich ein Pärchen zusammenfindet und für Elchnachwuchs in Deutschland sorgt. So wünschen wir Kälberglück! Mit diesen Gedanken zu einem Natur-Szenario verabschiede ich mich diesmal ins Wochenende Ihr Jost Springensguth Redaktionsleitung/Koordination

  • Ein Jahr Afrikanische Schweinepest in Südwestfalen

    761 Fälle in drei Kreisen, Hausschweinebestände bisher verschont. NRW liegt im Vergleich zu Brandenburg und Hessen deutlich besser. Aber die Gefahr ist nicht vorbei Foto: Paul_Henri Am 14. Juni 2025 wurde im Kreis Olpe das erste mit Afrikanischer Schweinepest infizierte Wildschwein in Nordrhein-Westfalen bestätigt. Ein Fund in einem Waldstück bei Kirchhundem. Rund zwei Wochen später folgte der erste Nachweis im Kreis Siegen-Wittgenstein, im Februar 2026 erfasste die Seuche auch den Schwarzwildbestand im Hochsauerlandkreis. Ein Jahr später lässt sich eine vorsichtig positive Bilanz ziehen. Eine, die aber keinen Anlass zur Entwarnung gibt. Die Zahlen im Vergleich Das Friedrich-Loeffler-Institut listet aktuell 761 bestätigte ASP-Fälle bei Wildschweinen in den drei betroffenen Kreisen in Südwestfalen (Stand 11. Juni 2026). Das klingt viel. Im bundesweiten Vergleich ist es jedoch wenig: In Brandenburg wurden im ersten Jahr nach dem Erstnachweis 2020 bereits 2.144 infizierte Wildschweine registriert. In Hessen, wo die Seuche im Juni 2024 erstmals auftrat, war die Zahl ähnlich hoch. Das Entscheidende: Die Hausschweinebestände in NRW sind bisher vom ASP-Virus verschont geblieben. Für die westfälische Landwirtschaft, eine der bedeutendsten Schweineregionen Deutschlands, ist das eine wichtige Tatsache. Was die Eindämmung bisher geleistet hat Die vergleichsweise niedrigeren Fallzahlen sind kein Zufall. Intensive Kadaversuchen, konsequenter Zaunbau und jagdliche Maßnahmen haben dazu beigetragen, das Seuchengeschehen regional konzentriert zu halten. Mitarbeitende der Wildtierseuchenvorsorge-Gesellschaft (WSVG) durchsuchen gemeinsam mit Suchhundeteams, ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern sowie Einsatzkräften der Kreise die betroffenen Gebiete. Moderne Drohnentechnik unterstützt die Suche nach Kadavern. Jägerinnen und Jäger tragen durch die aktive Reduzierung des Schwarzwildbestandes erheblich zur Eindämmung bei. Der menschliche Faktor bleibt entscheidend Die ASP ist für Menschen ungefährlich. Für Haus- und Wildschweine verläuft eine Infektion jedoch fast immer tödlich. Das Virus bleibt außergewöhnlich lange ansteckungsfähig, auch auf Gegenständen wie Werkzeugen, Autoreifen, Kleidung oder Transportfahrzeugen. Ein unachtsam entsorgtes Wurstbrot reicht im schlimmsten Fall aus, um das Virus weiterzutragen, oft ohne dass den Beteiligten bewusst ist, welchen Schaden sie anrichten. WLV-Präsident Hubertus Beringmeier appelliert deshalb anlässlich des Jahrestags erneut an die Bevölkerung: „Steigende Temperaturen locken verständlicherweise wieder vermehrt Spaziergänger, Radfahrer und Ausflugsgruppen in die Natur des ländlichen Raums. Die Verantwortlichen sind bemüht, die Freizeitaktivitäten möglichst nicht einzuschränken. Deswegen ist es aber enorm wichtig, den behördlichen Anweisungen im ASP-Restriktionsgebiet Folge zu leisten, denn die Viruserkrankung verbreitet sich in NRW weiterhin. Jede und jeder Einzelne muss dazu beitragen, die weitere Verbreitung der Afrikanischen Schweinepest zu verhindern, etwa durch sorgsamen Umgang mit Speiseabfällen, Betreten von gekennzeichneten Wegen und das Anleinen von Hunden.“ Konkret bedeutet das: Speisereste gehören ausschließlich in Mülleimer, Wildschweine dürfen keinesfalls gefüttert werden, Zäune und Tore sind nach dem Durchqueren konsequent zu schließen. Verständnis für Einschränkungen notwendig Sperrzonen, Schutzzäune und eingeschränkte Zugänge zu Waldbereichen sind im Alltag sichtbar und mitunter unbequem. Der WLV bittet hier um Verständnis: „Wir hoffen auf das Verständnis der Bevölkerung für notwendige Schutzmaßnahmen wie den Bau von Schutzzäunen und die Einrichtung von Sperrzonen, die zur Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest und zum Schutz unserer Hausschweine von großer Bedeutung sind“, so Beringmeier. Umfassende Informationen, laufend aktualisierte Fallzahlen und interaktive Karten zu den Restriktionsgebieten stellt das Landesamt für Verbraucherschutz und Ernährung NRW unter lave.nrw.de bereit. Der WLV informiert unter wlv.de/asp.

  • Verliert Brandenburg seine grüne Lunge?

    Seit Jahren verheißt der Waldzustandsbericht nichts Gutes. Dabei trifft es eine besonders waldreiche Region am härtesten. Nur acht Prozent des Waldes sind gesund Foto: Andreas Hermsdorf / pixelio.de Riesige Wald- und Forstlandschaften durchziehen seit Jahrhunderten die Landschaft, unterbrochen nur von malerischen Seen und Flüssen. Dazu kommt noch eine dünn besiedelte Region, die stressgeplagten Großstädtern – nicht nur aus Berlin – und Touristen aus der ganzen Welt als Erholungsort dient. Brandenburg, das wohl grünste Land in Deutschland. Doch seit Jahren verschlechtert sich gerade hier der Zustand des Forstes und des Waldes. Gründe sind Trockenheit, Waldbrände und auch heftige Niederschläge, die sich partiell und lokal begrenzt mit Hagel und schweren Stürmen verbinden. Dazu kommt eine Schwächung durch den Schädlingsbefall. Brandenburg ist eines der waldreichsten Bundesländer Deutschlands. Es gibt rund 1,1 Millionen Hektar Wald – das entspricht 37 Prozent der Landesfläche. Etwa 61 Prozent der Waldflächen gehören privaten Waldbesitzern. Größter Waldeigentümer ist das Land Brandenburg mit rund 272.500 Hektar. Insgesamt gelten nach Angaben des neu veröffentlichten Waldzustandsberichts 39 Prozent der Waldflächen in Brandenburg schon jetzt als schwer beschädigt. Nur noch acht Prozent des Waldes weisen keine sichtbaren Schäden auf. „2025 hat sich die geschädigte Waldfläche deutlich vergrößert“, erklärte die zuständige Forstministerin Hanka Mittelstädt (SPD) unlängst in Potsdam bei der Vorstellung des Waldzustandsberichts. Die durchschnittliche Kronenverlichtung ist auf einen neuen historischen Höchstwert gestiegen. Auf der Suche nach Erklärungen für diese – auch im Vergleich der Bundesländer – überproportional negative Entwicklung verweisen Forst- und Waldexperten auf ein ganzes Bündel von Ursachen: Zum einen verzeichnete gerade Brandenburg seit 2015 zahlreiche Jahre, die von erheblicher Trockenheit geprägt waren. Dazu kamen lokale Unwetter, Waldbrände und sogar weitere Versiegelungen von Fläche gerade im Umfeld des Großraums Berlin/Potsdam. Familienbetriebe mahnen Gleichbehandlung an Vor dem Hintergrund dieser negativen Entwicklung mahnt der Verband der Familienbetriebe Land und Forst Brandenburg e.V. eine gleichwertige Förderung von Waldschutzmaßnahmen zwischen verschiedenen Eigentums- und Jagdstrukturen an. „Waldschutz und Jagd müssen in Brandenburg unabhängig von der Eigentumsform gleichwertig behandelt werden“, erklärte Mathias von Bredow, stellvertretender Vorsitzender der Familienbetriebe Land und Forst Brandenburg. Insbesondere mechanische Schutzmaßnahmen wie ökologisch vorteilhafte Hordengatter aus Holz sollten konsequent und einheitlich förderfähig sein. Nach Ansicht des Verbandes sei auch die bessere Einbindung des Privatwaldes in den Waldumbau dringend geboten. „Die seit 2020 in dem Bundesland geltende Einschränkung der entgeltlichen Betreuung durch den Landesbetrieb Forst ab einer Fläche von zehn Hektar erschwert die Aktivierung von rund 59 Prozent des Privatwaldes. Die Familienbetriebe sprechen sich daher für eine politische Unterstützung von Möglichkeiten der forstlichen Betreuung kleiner und mittlerer Forstbetriebe aus“, erklärte von Bredow weiter. Ziel sei es, den Waldumbau flächendeckend zu beschleunigen und die Widerstandsfähigkeit der Wälder gegenüber Klimarisiken zu erhöhen. „Gerade größere familiengeführte Forstbetriebe sind ein zentraler Stabilitätsanker im Waldumbau. Ihre Rolle muss politisch gestärkt werden.“ Deutschlandweit Probleme Bundesagrarminister Alois Rainer (CSU) hatte erst kürzlich die neuen Daten der Waldzustandserhebung für 2025 vorgestellt. Danach machen den deutschen Wäldern gravierende Folgen von Hitze und Trockenheit weiterhin stark zu schaffen. Bei den häufigsten Arten sind nach wie vor vier von fünf Bäumen krank, wie aus den Daten für 2025 hervorgeht. Ein Drittel der Landesfläche Deutschlands (11,5 Millionen Hektar) ist nach Angaben des für den Forst zuständigen Bundesagrarministeriums mit Wald bedeckt. Die häufigsten Baumarten in den meistens gemischten Wäldern sind demnach die Nadelbäume Fichte (20,9 Prozent) und Kiefer (21,8 Prozent), gefolgt von den Laubbäumen Buche (16,6 Prozent) und Eiche (11,5 Prozent).

  • Ein starker ländlicher Raum nützt allen

    Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und auf die Bundespolitik Liebe Leserinnen und Leser, wir befassen uns dieses Mal in unserem Wochenkommentar mit dem Treffen von Gewerkschaften und Arbeitgebern mit der Koalitionsspitze im Kanzleramt und den damit verbundenen Hoffnungen auf eine neue Konzertierte Aktion. Hintergrund ist die schwierige wirtschaftliche Lage nicht nur im Agrarbereich, wo die Erzeugerpreise erneut stark gesunken sind. In diesem Zusammenhang geht es auch um die allgemeinpolitische Bedeutung der Landwirtschaft, die größer ist als ihr Anteil am Bruttosozialprodukt. Weitere Themen sind notwendige Fortschritte bei der Digitalisierung, die auch der Jagd zugutekommen können, sowie der teils bedrohliche Zustand des Waldes, insbesondere in Brandenburg. Endlich wird in Berlin wieder mit- und nicht übereinander geredet. Das Treffen der Spitzen der Koalition mit Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften scheint in konstruktiver Atmosphäre verlaufen zu sein. Alle Seiten waren sich offenbar einig, dass wir mehr Wachstum und umfassende Strukturreformen in vielen Bereichen brauchen. Das mag wie eine Selbstverständlichkeit klingen. Doch nach den heftigen, teils persönlich verletzenden Auseinandersetzungen der vergangenen Wochen und Monate ist das schon ein Fortschritt – Stichworte sind Auftritte des Kanzlers bei den Gewerkschaften und der Sozialministerin bei den Arbeitgebern. Letztlich können Koalition und Sozialpartner das Land nur gemeinsam nach vorne bringen. Dass so etwas bei gutem Willen und etwas Mut möglich ist, hat schon vor über 50 Jahren der seinerzeitige Wirtschaftsminister Karl Schiller mit der Konzentrierten Aktion bewiesen. Dieses Erfolgsmodell ist keineswegs veraltet. Es könnte zur Blaupause für Deutschlands Weg aus der aktuellen Krise werden. Viel zu lange gewartet So weit, so gut. Skeptisch stimmt allerdings, dass dieser Weg erst nach einem Jahr Regierungsarbeit und erst kurz vor der angekündigten Präsentation umfassenderer Reformkonzepte zur Sozialpolitik beschritten wird. Anders gesagt: Weshalb hat die Regierung nicht von Anfang an versucht, den Schulterschluss mit den Sozialpartnern zu suchen und die überfälligen Reformen in einem möglichst breiten Konsens anzugehen? Es wäre zu wünschen, dass die jetzt vereinbarten Folgetreffen zügig und substantiell verlaufen. Angesichts der ideologisch teils stark aufgeladenen Streitthemen ist dies allerdings eine eher vage Hoffnung. Dabei wächst der Druck. Die Wachstumsaussichten für dieses Jahr sind weiterhin bescheiden. Der nicht nur von der Koalition erhoffte Stimmungsumschwung ist bislang ausgeblieben. Manche setzen nun auf positive Auswirkungen durch die beginnende Fußballweltmeisterschaft, andere auf Effekte durch Investitionen aus dem Sondervermögen. Beides mag hilfreich sein, aber richtig überzeugend klingt das nicht. Es wirkt eher wie das sprichwörtliche Pfeifen im Wald. Zum Spendenformular Auch im ländlichen Raum drohen sich die wirtschaftlichen Probleme zu verschärfen. Dies gilt nicht zuletzt für den Agrarbereich. So hat sich laut Statistischem Bundesamt der Preisverfall für Landwirte im April beschleunigt. Die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte sanken danach um 12,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Dies sei der stärkste Rückgang seit elf Jahren, hieß es in Wiesbaden. Im März dieses Jahres hatte das Minus noch bei 8,8 Prozent gelegen. Niemand kann sicher vorhersagen, ob und gegebenenfalls wie lange diese bedenkliche Entwicklung anhält. Aber sie zeigt einmal mehr, dass die Verhältnisse auch im ländlichen Bereich fragil geworden sind. Umso wichtiger ist ein verlässlicher Kurs mit einer klaren Perspektive, die von Politik, Betrieben und Beschäftigten gleichermaßen akzeptiert wird. Knappheit löst Verunsicherung aus Eine Stärkung des ländlichen Raumes und damit auch der landwirtschaftlichen Betriebe dient nicht nur den unmittelbar Betroffenen. Hier geht es auch um Staat und Gesellschaft insgesamt. So zeigt jetzt eine wissenschaftliche Studie, wie sich Klimawandel, Krieg und Krisen durch die soziale Wirkung gefühlter Lebensmittelknappheit gegenseitig verstärken können. „Oft reicht schon das Gefühl einer Knappheit, um Verunsicherung auszulösen“, konstatiert laut Süddeutscher Zeitung der Agrarexperte Christoph Gornott, der an der Universität Kassel und am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung tätig ist. Es gebe eben auch so etwas wie einen emotionalen Wert von Lebensmitteln – und der werde oft unterschätzt. Dem kann man nur zustimmen. Die Landwirtschaft und der Agrarsektor sind viel wichtiger, als ihr Anteil am Bruttosozialprodukt vermuten lässt. Die Politik wäre deshalb unter dem Stichwort Resilienz gut beraten, bei der sogenannten „Zeitenwende“ beide Bereiche stärker im Blick zu behalten. Auch sie sollten im weiteren Sinne zur Sicherheitspolitik gezählt werden. Die Modernisierung des Landes muss schnell erfolgen, damit die Bürger erste Fortschritte spüren. Digitalminister Karsten Wildberger nennt ein Ziel: das Rahmede-Tempo. Gemeint ist hier der Wiederaufbau der gesprengten Rahmede-Talbrücke bei Lüdenscheid. Dieser dauerte nur zwei Jahre, während bislang bei ähnlichen Projekten zumeist zwischen acht und zehn Jahre bis zur Fertigstellung vergingen. Man darf gespannt sein, ab wann die versprochenen Effekte der Digitalisierung für alle Bürger erkennbar werden. Entscheidend bleibt letztlich, was im Alltag tatsächlich hilfreich ist. Die Möglichkeiten scheinen hier nahezu unbegrenzt. Selbst in der Jagd sind Effekte positiv spürbar, wie Sie gestern in unserem Blog über ein Rotwildprojekt aus Schleswig-Holstein lesen konnten. Die dort beschriebene Kombination von künstlicher Intelligenz und klassischer Jagdwirtschaft könnte bahnbrechend für die Wildtierforschung sein. Denn Markierungen und Besenderungen verlieren ihre Bedeutung, wenn sich einzelne Tiere ohne menschliche Eingriffe verlässlich erkennen lassen. Den Beitrag kann ich Ihnen zur Lektüre nur empfehlen. Zustand des Waldes immer schlimmer Zum Schluss noch ein Hinweis auf unseren Blog in der kommenden Woche, der zumindest indirekt auch mit dem Thema Jagd zu tun hat. Es geht um den Zustand des Waldes. Dieser wird besonders in Brandenburg immer schlimmer. In der grünen Lunge Ostdeutschlands weisen nur noch acht Prozent der Bäume keine Schäden auf. Dabei setzen die privaten Wald- und Forsteigentümer jetzt auf eine fair ausgerichtete Förderpolitik durch das Land Brandenburg. Ziel sei es, den Waldumbau flächendeckend zu beschleunigen und die Widerstandsfähigkeit der Wälder gegenüber Klimarisiken zu erhöhen. Ob die privaten Wald- und Forsteigentümer damit durchdringen, ist unklar, wie unser Autor Frank Polke in seinem Beitrag schreiben wird. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und einen gelungenen Start in eine für Sie positive Woche. Mit besten Grüßen Ihr Jürgen Wermser Koordination/Redaktionsleitung

  • Wie Kameras für die Jagd mit KI denken lernen: „Rotwild-ID“

    Ein Projekt aus Schleswig-Holstein zeigt, wie Innovation aus dem ländlichen Raum kommen kann. Mit Gesichtserkennung für Rothirsche entsteht eine neue Form der Wildtierforschung, die ohne Markierungen und Besenderung auskommt Foto: Uwe Kunze / pixelio.de Markierungen am Ohr, Halsbänder mit GPS-Sendern, eingefangene Tiere für die Forschung: Das ist seit Jahrzehnten Standard in der Wildtierforschung. Doch diese Methoden haben einen Preis. Sie sind invasiv, stressig für die Tiere und teuer. Eine ganz andere Frage stellt sich nun: Was, wenn moderne Technik diesen Aufwand überflüssig macht? Der Landesjagdverband Schleswig-Holstein hat diese Frage für die Praxis in den Revieren aufgegriffen und ist damit in unbekanntes Terrain vorgestoßen. Das Projekt „Rotwild-ID“ kombiniert etwas, das lange Zeit getrennt schien: künstliche Intelligenz und klassische Jagdwirtschaft. Das Ergebnis ist bahnbrechend, aber auch symptomatisch für ein Problem, das bisher zu wenig Aufmerksamkeit bekommen hat: Wildtierforschung findet oft im Dunkeln statt. Nicht aus mangelndem Interesse, sondern aus Ressourcenmangel. Ein Problem, das größer ist als Rotwild Wer weiß, wie viele Rothirsche wirklich in Schleswig-Holstein unterwegs sind? Welche Wanderwege nehmen sie? Wie oft kehren einzelne Tiere an dieselben Orte zurück? Diese Fragen sind nicht akademisch. Sie sind praktisch relevant für Jagdmanagement, Waldschutz und Landwirtschaft. Aber die klassische Forschungsmethode ist aufwendig, teuer und mit ethischen Fragen belastet. Deshalb ist das Projekt bemerkenswert: Es löst nicht nur ein technisches Problem, sondern auch ein praktisches. Wenn einzelne Tiere sich ohne menschliche Eingriffe verlässlich erkennen lassen, verändern sich die Möglichkeiten für Forschung und Hege fundamental. Was die Zahlen über die Machbarkeit aussagen Das Projekt basierte auf einem gigantischen Datensammlungsaufwand: 12.700 Fotos von Wildkameras, von denen 1.000 für die KI-Analyse aufbereitet wurden. Die Quote von 77 Prozent Erkennungssicherheit bei bekannten Tieren mag auf den ersten Blick nicht überwältigend wirken. Aber der zweite Wert ist entscheidend: Bei Bildpaaren (zwei Fotos nebeneinander) erreicht die Software eine Genauigkeit von 98,4 Prozent. Das ist praktisch brauchbar. Die Technologie funktioniert. Sie ist nicht Zukunftsmusik, sondern Gegenwart. Der nächste Schritt ist logisch: Verbesserung durch Datenmengen. Je mehr qualitätsgesicherte Bilder die KI lernen kann, desto besser wird sie. Warum das für die Jagdwirtschaft wichtig ist Das Interessante ist die Rückwärtslogik: Während andere Umweltverbände häufig Technologie kritisieren, löst hier gerade digitale Innovation ein Problem, das klassische Naturschutzarbeit hätte lösen sollen. Die Jagdwirtschaft zeigt sich hier pragmatisch und progressiv zugleich. Sie nutzt das, was funktioniert. Das hat auch ökonomische Perspektiven. Wildtiermanagement kostet Geld. Wenn modernes Monitoring ohne Besenderung funktioniert, sinken die Kosten. Das ist für Behörden finanziell relevant, aber auch für Jagdverbände. Offene Fragen und nächste Schritte Offen bleibt, wie schnell die Technologie skalierbar ist. Derzeit funktioniert sie in geschlossenen Populationen gut (wie im Wildpark). Offene Populationen sind schwieriger, weil ständig unbekannte Individuen auftauchen. Mehrere Hochschulen arbeiten bereits daran, die Modelle weiterzuentwickeln. Auch die Open-Source-Veröffentlichung von Code und Daten ist bedeutsam. Das ist nicht Standard in der Forschung und zeigt, dass der LJV die Idee breiter verankern möchte und nicht nur selbst profitieren. Was bleibt, ist die grundsätzliche Frage: Kann die Jagdwirtschaft zum Vorreiter für innovative Wildtierforschung werden? Das Projekt deutet darauf hin, dass es möglich ist. Und dass Innovation nicht aus den Großstädten kommen muss, sondern aus der Jagdpraxis selbst entstehen kann.

  • Cottbus macht es vor

    Cottbus, Neumünster, Tirschenreuth – nicht die großen Player wie Köln, München oder Hamburg, sondern zwei kreisfreie Städte und ein Landkreis punkten in Deutschland bei Wirtschaftsstruktur, Arbeitsmarkt und Lebensqualität Luftaufnahme von Cottbus (Foto: A.Savin, Wikipedia) Das knapp 100.000 Einwohner große brandenburgische Oberzentrum Cottbus mausert sich immer mehr zu einem modern aufgestellten Dienstleistungs-, Wissenschafts- und Verwaltungszentrum. Die Stadt führt in puncto Dynamik das Regionalranking 2026 des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) an. Von Staat und Politik unterstützt, hat sich die frühere Braunkohlestadt laut IW-Auswertung in den vergangenen Jahren so stark wie keine andere deutsche Region entwickelt. Als Treiber des Aufschwungs nach einem tiefgreifenden Strukturwandel gelten unter anderem der Campus Cottbus der Brandenburgischen Technischen Universität und das ICE-Instandsetzungswerk der Deutschen Bahn. Letzteres ist ein Gigant: In die 450 Meter lange Werkshalle können die 374 Meter langen ICE der neuesten Generation komplett einfahren. Rund 1200 Arbeitsplätze entstehen dort. Der Slogan „Die Kohle geht – die Bahn kommt“ hat in Cottbus seine Berechtigung. Und dort, wo zuletzt der Tagebau stattfand, entsteht der 19 Quadratkilometer große Cottbuser Ostsee mit einer 26 Kilometer langen Uferlinie. Schon bald ein touristischer Anziehungspunkt. Regionen besinnen sich auf ihre vorhandenen Stärken Ein Patentrezept oder einen Masterplan für die Verbesserung der wirtschaftlichen Dynamik gibt es weiterhin nicht. Auch bei diesem neuesten Ranking zeigt sich, dass sich Regionen bei Veränderungen auf ihre vorhandenen Stärken besinnen sollten. „Keine erfolgreiche Region hat auf einen kompletten Strukturbruch gesetzt – sie alle knüpfen an vorhandene Stärken an und entwickeln sie gezielt weiter“, sagt IW-Regionalexperte Hannon Kempermann. Auf Rang zwei im Dynamikranking liegt Neumünster. Zwar zählt die Stadt in der Mitte Schleswig-Holsteins nicht zu den wirtschaftsstärksten Regionen Deutschlands und gilt wegen der schwierigen kommunalen Haushaltslage als „Sorgenkind“. Aber sie punktet mit Unternehmensgründungen, einem Bevölkerungszuwachs und einer gestiegenen Lebensqualität. Das beschert ihr einen Platz auf dem Podium. Klarer ist die Angelegenheit im Landkreis Tirschenreuth in der Oberpfalz. Dem Kreis an der bayerisch-tschechischen Grenze bescheinigen die Studienautoren die drittgrößte Dynamik in den vergangenen zehn Jahren. Der Kreis weist trotz günstiger Hebesätze bei der Gewerbesteuer das bundesweit höchste gemeindliche Steueraufkommen pro Kopf auf. Starke Einzelunternehmen wie das Medizintechnikunternehmen Siemens Healthineers und eine breite Branchenvielfalt begünstigen die Entwicklung. Schaut man im IW-Ranking auf die Liste der wirtschaftlich erfolgreichsten Regionen überhaupt, liegt Tirschenreuth hinter dem Landkreis München und der Stadt München bundesweit ebenfalls auf Platz 3. Schlusslichter: Suhl, Duisburg und Gelsenkirchen In ihrem Regionalranking 2026 analysieren die Forscher die wirtschaftliche Entwicklung der 400 Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland, berücksichtigen dabei aber auch zu einem gewissen Grad weiche Faktoren wie zum Beispiel Ärztedichte, Wanderungsbewegungen oder Straftaten. Insgesamt schneiden die bayerischen Regionen weiterhin am stärksten ab. Der Landkreis München verteidigt seit 2016 ununterbrochen Platz eins. Elf der 20 stärksten Regionen liegen laut IW in Bayern – „dank hoher Steuerkraft, niedriger Arbeitslosigkeit und vieler hochqualifizierter Fachkräfte“. Am unteren Ende der Rangliste finden sich vor allem kreisfreie Städte: Schlusslicht ist das thüringische Suhl, knapp davor liegen die Ruhrgebietsstädte Duisburg und Gelsenkirchen. Erstmals ist ein Zehnjahresvergleich möglich. Das Ergebnis hat auch die Forscher überrascht: Baden-Württemberg hat unter allen Bundesländern den höchsten Anteil an „Verlierer-Regionen“. Mehr als jeder zweite Kreis verlor seit 2016 mindestens 25 Ränge. „Das spiegelt den Transformationsdruck in der Industrie wider, die in Baden-Württemberg traditionell zu den zentralen Stärken zählte“, heißt es in der Bilanz. „Energiekrise, Stagnation und geopolitische Verwerfungen treffen den industriellen Kern Deutschlands besonders.“ Am besten hat sich Brandenburg entwickelt: 80 Prozent der Kreise zählen laut IW-Studie dort zu den Gewinnern. Insgesamt liegen 47 der 62 erfolgreichsten Regionen Deutschlands in Bayern oder Baden-Württemberg. Frankfurt am Main, der Main-Taunus-Kreis und der Hochtaunuskreis sind als südhessische Vertreter Teil der stärksten Regionen. Düsseldorf ist die stärkste Region aus NRW. Köln kann erstmals in die Top 60 vorstoßen. Besonders das südliche Umland Berlins etabliert sich im vorderen Umfeld. Aber auch die Bundeshauptstadt klettert langsam. In Sachsen-Anhalt und im Saarland schneiden viele Regionen erneut schwach ab. Fast die Hälfte der schwächsten Regionen liegt in Nordrhein-Westfalen oder Thüringen.

  • Lange Zeit des Streites um die EU-Entwaldungsverordnung

    Die Umsetzung eines geplanten EU-Gesetzes für entwaldungsfreie Lieferketten wird zum zweiten Mal verschoben. Bedenken der Forstwirtschaft gegen die Verschärfung der Entwaldungsverordnung wurden dabei auch inhaltlich berücksichtigt Foto: Alan_Frijns Über die Entwaldungsverordnung hatte es seit Jahrzehnten Streit gegeben. Während Umweltschützer und grün-linke Politiker auf den Schutz der Wälder nach ihren Programmen pochten, wiesen die Branche und die EVP-Fraktion im EU-Parlament vor allem auf zusätzliche Bürokratie und neue Belastungen für die heimische Wirtschaft hin. Wie das Parlament in Straßburg mitteilte, stimmten bei der Abstimmung 402 Abgeordnete dafür, dass alle Unternehmen ein zusätzliches Jahr Zeit haben, um die neuen Vorschriften zu erfüllen. 250 waren dagegen. Über das Thema haben wir in unserem Blog schon mehrfach berichtet. Zum Hintergrund: Ursprünglich sollten die wichtigsten Bestimmungen aus der „EU Deforestation Regulation“ (EUDR) schon ab dem 30. Dezember 2024 gelten. Aufgrund massiver Bedenken seitens der Mitgliedstaaten, von Drittländern und Unternehmen wurde Ende 2024 eine erste einjährige Verschiebung beschlossen. Die Herausforderungen bei der Umsetzung – insbesondere mit Blick auf das erforderliche EU-Informationssystem, die Bereitstellung von Geodaten und die Pflichten in der nachgelagerten Lieferkette – blieben jedoch so groß, dass die EU-Kommission selbst bereits im Oktober 2025 eine weitere Verschiebung und Vereinfachungen vorschlug. Am 4. Dezember 2025 verständigten sich Europäische Kommission, der Rat und das Europäische Parlament endgültig auf eine Verschiebung und auf Anpassungen; am 16. Dezember wurde diese Trilogeinigung formal vom Plenum des Europaparlaments angenommen. Atempause für die Wirtschaft Nach dieser Verordnung soll die Anwendung der EUDR um weitere zwölf Monate verschoben werden – für große und mittlere Unternehmen damit auf den 30. Dezember 2026, für kleine und Kleinstunternehmen auf den 30. Juni 2027. Darüber hinaus wird ein Once-only-Ansatz in der Lieferkette gelten. Das bedeutet, dass ausschließlich der Erstinverkehrbringer eine Sorgfaltserklärung erstellen und nur der erste Marktakteur in der nachgelagerten Lieferkette die EUDR-Referenznummer speichern muss. Ursprünglich war vorgesehen, dass zumindest die größeren Akteure zwingend ein Sorgfaltspflichtensystem hätten etablieren – und damit stets erneut Informationen, Unterlagen und Daten über die Herkunft ihrer Produkte sammeln – müssen. Für kleinste und kleine Primärerzeuger aus Ländern mit niedrigem Risiko reicht eine einmalige Registrierung im EU-System und eine vereinfachte Sorgfaltserklärung. Viele Unternehmen werden von der Entwaldungsverordnung direkt betroffen sein, da sie als Marktteilnehmer oder Händler relevanter Rohstoffe oder Erzeugnisse Sorgfaltspflichten erfüllen müssen. Der Kreis der mittelbar betroffenen Unternehmen ist noch viel größer: Zum einen fallen darunter Zulieferer außerhalb der EU, die an der Aufklärung und Übermittlung relevanter Informationen und Daten sowie Nachweise mitwirken müssen, wenn sie ihre Ware weiterhin in die EU verkaufen möchten. Entwaldung trägt zur Klimakrise bei Die Verordnung soll verhindern, dass für Produkte wie Kaffee, Kakao und Soja ungebremst Wälder abgeholzt werden. Entwaldung trägt erheblich zur globalen Klimakrise, zum Verlust der biologischen Vielfalt und zu Gefährdungen der Lebensräume indigener Gemeinschaften bei. Die umfangreichsten Entwaldungsprozesse erfolgen in Südamerika, Zentralafrika und Südostasien, während die Waldflächen in der EU laut Eurostat zwischen 1990 und 2020 um zehn Prozent zugenommen haben. Nach Angaben der EU-Kommission sind EU-Rohstoffimporte für rund zehn Prozent der weltweiten Entwaldung verantwortlich. Vor Inkrafttreten der Verordnung am Jahresende müssen EU-Parlament, Mitgliedstaaten und Kommission eine endgültige Einigung erzielen.

  • Vom Reformstau zur Reaktivierung

    Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd Liebe Leserin, lieber Leser! Auch in dieser Woche war die Politik erst einmal international beschäftigt und dann mit sich selbst. Obwohl: Eigentlich will die Koalition weniger streiten und mehr machen. Die Wirkung von Dissonanzen im Kabinett hat erneut der ARD-Deutschland-Trend belegt. Danach verfestigt sich die Unzufriedenheit der Wähler. Der Kanzler bleibt dennoch zuversichtlich. So hat er es gerade beim Ostdeutschen Wirtschaftsforum bekräftigt, wo vor den nächsten Wahlen gezittert wird. Ob es dann im September in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern um die jeweils besten landespolitischen Konzepte oder Ideen geht, kann bezweifelt werden. Der Genosse Trend überlagert jedenfalls die regionalen Probleme – ob im Hinterland der Ostsee oder südöstlich des Harzes. Der regionale Strukturwandel hat für die Menschen dort einen ebenso hohen Stellenwert wie der Druck auf die Berliner Reformpolitik. So blicken wir in dieser Wochenkolumne darauf und auf Bemerkenswertes, was sich sonst noch im Lande im Kleinen tut. Da überrascht es, dass Flächenkreise strukturpolitisch und in ihrer wirtschaftlichen Dynamik Großstädte abhängen. Bahnstrecken werden nicht mehr stillgelegt, sondern in kleinen Schritten wieder reaktiviert. Und im Umgang mit der Natur tut sich mehr als das, was das größte Boulevardblatt weiter an Details über die Obduktion des elendig in der Ostsee verendeten Wals im Minuten-Takt zu melden hat. Aus Schleswig-Holstein hören wir vom Projekt „Rotwild ID“. Und NRW soll nach dem Harz ein weiteres Ansiedlungsprojekt für den Luchs starten. Nicht jeden freut das… Besonders geärgert hat sich bis Anfang der Woche der Bundeskanzler über etwas, an dem er nicht beteiligt war – allenfalls indirekt. Das war die Debatte über den NRW-Ministerpräsidenten als Tauschkanzler. Praktisch betrachtet kann das alles keinen Realitätsbezug gehabt haben. Die Probleme, die Friedrich Merz hat, könnten auch bei gleicher Koalition, also ohne Neuwahlen, von Hendrik Wüst wohl nicht gelöst werden. Das Problem des Reformstaus liegt im mangelnden Rückhalt innerhalb der Regierungsfraktionen. Das wird ständig genährt, wenn sich z. B. Wirtschafts- und Arbeitsministerinnen gegenseitig attackieren. Während die Union auf marktwirtschaftliche Anreize und Entlastungen setzt, fordert die SPD stärkere staatliche Eingriffe und steuerliche Abschöpfung von oben. Da zählen weniger Fakten oder Zahlen als stichhaltige mathematische Argumente. Friedrich Merz hat das bei seinem Auftritt vor dem DGB-Bundeskongress direkt erlebt. Signale des Kanzlers trotz aller Skepsis: „Wir kriegen das hin“ Auch aus der Wirtschaft kommen weiter kritische Reaktionen, wenn der Kanzler, wie etwa in dieser Woche auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum, dazu auffordert, bei den Reformvorhaben „konstruktiv mitzuarbeiten“. Das Echo: zurückhaltender Beifall, aber unverändert auch Kritik aus der Wirtschaft. Der Präsident des Handwerks, Dittrich, mahnt weiter ein schlüssiges Konzept an. Insgesamt aber hinkt Ostdeutschland wirtschaftlich hinterher, weil die Region historisch schon durch die DDR-Planwirtschaft und den Zusammenbruch der ostdeutschen Industrie nach der Wiedervereinigung strukturell benachteiligt wurde. Das wirkt auf die Stimmung. Dagegen betont Merz in diesem Kreis die Innovationskraft gerade junger ostdeutscher Unternehmen und der Universitäten. Seine Mission: Signale des Aufbruchs und „Wir kriegen das hin“. Für den CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann müsse die Bundesregierung nun zu Ergebnissen kommen und den Menschen klarmachen, dass sie handele. So einfach ist das aber nicht, wie Gesundheitsministerin Warken gerade am Donnerstag nach Vorlage ihres Entwurfs zur Pflegereform feststellen musste. Das harsche Echo kam postwendend nicht nur aus den Verbänden, sondern sofort auch aus den eigenen Reihen. SPD und CSU sehen erst einmal noch „erheblichen Beratungsbedarf“ in der Koalition. Es bleibt also schwer, das ersehnte große Reformpaket für Rente, Gesundheit, Pflege und Steuern zu schnüren, weil der Teufel überall im Detail liegt. Trendumkehr mit Reaktivierung statt Stilllegung entlegener Bahnstrecken Versäumnisse und Fehler in der Strukturpolitik sind oft Ausgangspunkt für Abwärtsspiralen der Wirtschaft, über die wir gerade reden. Die gelegentliche Fahrt durch ländliche Regionen offenbart da und dort sichtbare Zeugnisse vergangener politischer Sünden in der Verkehrsinfrastruktur. Selbst größere Straßen kreuzen überraschend mit einem immer noch ordentlich ausgeschilderten Übergang alte Bahnstrecken. Rostige Gleise sind dann das Zeugnis, dass hier nichts mehr rollt. Auch dort stehen noch zuweilen Andreaskreuze. Durch einen Radiobeitrag im Deutschlandfunk bin ich darauf aufmerksam geworden, dass die Zeit weiterer Streckenstilllegungen zu Ende sein soll. Immerhin wurde in den vergangenen Jahrzehnten jeder vierte Streckenkilometer in Deutschland in unterschiedlichen Schüben stillgelegt. Während dies im Westen vorrangig in den boomenden Wirtschaftswunderjahren geschah, traf es den Osten stark nach der Wiedervereinigung. Das hat sich offensichtlich gewendet. Bundesländer wie Hessen, Nordrhein-Westfalen und Initiativen des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) treiben die Streckenreaktivierung voran. In Baden-Württemberg laufen gerade für ein Drittel der 38 untersuchten stillgelegten Bahnverbindungen konkrete Planungen zur Reaktivierung. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen drängt die Bundesländer, sich mit dem Thema zu befassen. Inzwischen erleben viele stillgelegte Trassen also aktuell offenbar eine Renaissance. Letztlich geht es wieder stärker um die Mobilitätschancen der Menschen und Unternehmen auf dem Lande. Zum Spendenformular Dass es gerade in den Regionen trotz aller Versäumnisse der letzten Jahrzehnte in der Strukturpolitik auch in der politischen und wirtschaftlichen Dynamik vielfach aufwärts geht, schildert unser Autor Wolfgang Kleideiter. Für seinen Blogbeitrag in der nächsten Woche befasst er sich mit dem gerade veröffentlichten Regionalranking des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW). Darin wurden 400 Landkreise und kreisfreie Städte verglichen. Bei der Dynamik rangieren Flächenkreise wie Neumünster oder Tirschenreuth vor Köln, Kiel und Düsseldorf. Cottbus hat sich am besten erholt. NRW als weiterer Ansiedlungsraum für den Luchs Im Harz leben inzwischen schätzungsweise 55 bis 90 ausgewachsene Luchse. Rechnet man den jährlichen Nachwuchs sowie die Tiere hinzu, die sich in die angrenzenden Regionen ausgebreitet haben, gehen Experten von insgesamt rund 120 bis 150 Tieren aus. Das zeigt, wie sich die Population dieser Raubkatze bei strengen Schutzmaßnahmen entwickelt hat, wenn der Lebensraum passt. Ausgangspunkt waren zwischen 2000 und 2006 insgesamt 24 eurasische Luchse, die im Nationalpark Harz ausgewildert wurden, um die Art in Mitteldeutschland wieder heimisch zu machen. Der Luchs ist scheu, er wirkt hochbeinig wie ein Schäferhund. Auf seinem Speisezettel stehen vor allem Rehe, Hirschkälber und gelegentlich Schafe. Er frisst pro Tag über zwei Kilo Muskelfleisch. Ähnliche Planungen zur Ansiedlung des Luchses gibt es jetzt in NRW. Die Rheinische Post (RP) meldete diese Woche: „Nach dem Wolf soll das nächste große Raubtier in die Wälder Nordrhein-Westfalens zurückkehren: der Luchs.“ Zielräume sollen Eifel, Eggegebirge, Senne und Rothaargebirge sein. Danach übernimmt der BUND die Federführung und wird dabei unterstützt von der NRW-Stiftung. Das Landesumweltministerium stehe beratend zur Seite. Die Struktur dieses Bundeslandes ist mit einem Viertel Waldfläche sowie Agrar- und Weideflächen und industriellen Ballungszentren anders geprägt als die Harzregion. Angekündigt wird von den Initiatoren eine Info-Veranstaltung, bei der, so die Zeitung, „Vertreter der Weidetierhalter Fragen und Bedenken loswerden können“. Für die Betroffenen liest sich das etwas gönnerhaft. Ihr Einfluss wird für mich damit offensichtlich wie bei der Ausbreitung anderer Beutegreifer eingeschränkt bleiben. Der Landesjagdverband steht dem Projekt nach Darstellung der RP positiv gegenüber. Die Präsidentin Nicole Heitzig wird so zitiert: „Der Luchs geht nicht in eine Schafherde wie ein Wolf.“ Wenn überhaupt, schlügen die Katzen in der Regel wirklich nur ein einziges Beutetier. Die Opposition im Landtag fordert schon die Ausweitung der Förderprogramme für den Herdenschutz auf den Luchs. KI-Forschungsprojekt zum Verhalten des Rotwildes Ein anderes für mich außergewöhnliches Programm hat der Landesjagdverband Schleswig-Holstein als „einzigartiges bundesweites Forschungsvorhaben“ gemeldet. Damit zieht auch KI in die Reviere ein. Es geht um die Gesichtserkennung einzelner Kreaturen auf der Grundlage von Wildkamera-Aufnahmen und anschließende digitale Auswertung. „Wenn wir einzelne Tiere verlässlich erkennen können, eröffnet das der Wildtierforschung und der Hege neue Möglichkeiten, ohne zusätzlich in das Leben der Tiere einzugreifen“, sagt LJV-Präsident Hans Wörmcke. Ziel des Projektes war es, eine Software zu entwickeln, die Rotwild unabhängig von Alter, Geschlecht, Jahreszeit oder Geweihstatus eindeutig identifizieren kann. Dafür wurden über mehrere Jahre hinweg 12.700 Bilder gesammelt und gesichtet. Rund 1000 Bilder wurden für die weitere Auswertung aufbereitet und mit modernen KI-Modellen analysiert. In unserem Blog werden wir ausführlicher auf dieses Projekt in der nächsten Woche eingehen. Das mit dem Wal geht dann doch zu weit… Screenshot bild.de (04.06.2026/17:44) Zum Schluss müssen wir noch einmal auf den Umgang mit dem an der dänischen Insel Anholt verendeten Wal zurückkommen. Die schon einmal zitierte Präsidentin des Landesjagdverbandes NRW, Nicole Heitzig, beklagt in ihrem Editorial der Zeitschrift „Rheinisch-Westfälischer Jäger“ mit guten Gründen die ausgelöste Massenhysterie, die die Welle des Mitleids ausgelöst habe. Sie wurde jetzt über den Tod der Kreatur hinaus medial weit jenseits journalistischer Ethik bis zur Perversion aufgebläht. Vom Donnerstag zitiere ich deshalb hier fünf Passagen aus dem Liveticker der digitalen Bild unter der Überschrift „Experten nehmen toten Wal auseinander“. 17:19 Netz im Darm gefunden 17:21 Kein strenger Geruch 17.26 Die Messer werden geschärft 17:28 Noch keine weiteren Informationen zum Mageninhalt 17:33 Präzisions-Arbeit Ich habe das Zeitungmachen sowie den Umgang mit den journalistisch-ethischen Grundregeln des Pressekodex gemeinsam mit vielen Kollegen und Kolleginnen gelernt. Da steht nicht drin, dass es allein um Reichweiten und Klickzahlen gehen soll. Ziffer 1 verlangt die Achtung der Menschenwürde. Wenn ein Tier vermenschlicht wird, sollte man das vielleicht dann auch darauf übertragen… Mit dieser Kritik in meinen eigenen Berufsstand hinein verabschiede ich mich anders als sonst mit den besten Wünschen für ein erholsames oder auch erlebnisreiches Wochenende. Ihr Jost Springensguth Redaktionsleitung / Koordination

  • Wildkatzen: Wachstum auf leisen Pranken

    Hauskatzen kennt jeder. Ihre wilden Verwandten kaum jemand. Und noch weniger haben je eine Europäische Wildkatze gesehen. Die streng geschützte und zeitweise als ausgestorben geltende Art kommt zunehmend in unseren Revieren vor Foto:Lviatour, Felis silvestris silvestris Luc Viatour, CC BY-SA 3.0 Erst vor wenigen Tagen hat die Deutsche Wildtier Stiftung bestätigt, dass die Europäische Wildkatze nach rund 200 Jahren nach Mecklenburg-Vorpommern zurückgekehrt ist. Sie stützt ihre Aussage auf die Analyse von Haarproben, die in der Nähe des Stettiner Haffs gefunden wurden. Demnach handelt es sich um ein männliches Tier, das sich wahrscheinlich mehrere Wochen in der Gegend aufgehalten hat. „Aus meinem Büro drang ein Jubelschrei, weil das eben der erste Nachweis hier in Vorpommern ist", zitiert der NDR die Wildbiologin Kathrin Mayer. Für den genetischen Nachweis haben Forscher der Stiftung sogenannte Lockstöcke an 30 Orten platziert. Das sind Kanthölzer mit rauer Oberfläche, an denen die Haare der Tiere hängen bleiben. Damit sich die Wildkatzen an den Lockstäben reiben, werden die Hölzer mit Baldrian besprüht. Der Geruch ähnelt den Sexuallockstoffen von Wildkatzen. An sechs der 30 Lockstöcke wurden Haare entdeckt. Der Vorteil dieser Monitoring-Methode ist, dass die scheuen Wildkatzen nicht gestört werden. Nachweise bis nördlich der Elbe Ganz anders verlief Anfang des Jahres der erste gesicherte Wildkatzen-Nachweis in Schleswig-Holstein. Ein Jäger befreite eine Katze, die sich in einem Knotenzaun verfangen hatte. Er rettete dem Tier nicht nur das Leben, sondern die genommene Haarprobe lieferte Gewissheit, dass es sich um den ersten gesicherten Nachweis der Raubkatze nördlich der Elbe handelt. Zuvor hatte es lediglich einzelne Bildnachweise gegeben. Die gelten aber als nicht gesichert, weil es bei den Tieren auch um Mischlinge mit Hauskatzen oder sogar Fälschungen handeln kann. Die zufällige Entdeckung bezeichnete Martin Schmidt, Pressesprecher des Landesumweltministeriums, als Meilenstein und Erfolg für den Naturschutz. Noch skurriler ist die Nachweis-Geschichte aus dem oberfränkischen Neustadt bei Coburg. Dort wurde vor anderthalb Jahren eine Baby-Katze beim Tierschutzverein abgegeben. Nach einigen Wochen kam der Verdacht auf, dass das Fundtier keine Hauskatze ist, sondern deren wilder Verwandter. Ein Gentest bestätigte dies. Erfolge des Artenschutzes Auch im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe in Brandenburg bestätigte ein Beweis die Rückkehr der Wildkatze, die ebenso wie das Populationswachstum auf leisen Pranken erfolgt. In NRW ist ebenfalls von einem Erfolg für den Artenschutz die Rede. Dort soll sich die Zahl der Wildkatzen in 30 Jahren verfünffacht haben, von ehemals gut 200 auf inzwischen mehr als 1000 Exemplare. In Bayern wurden seit 1984 in vier Jahrzehnten rund 600 Tiere angesiedelt, die aus Nachzuchten in Zoos und Tierparks stammen. Das alles führt dazu, dass der Gesamtbestand in Deutschland gegenwärtig auf mehr als 5000 Tiere geschätzt wird. Damit ist die Wildkatze aber immer noch als gefährdete Art eingestuft. Die Schwerpunkte des Vorkommens reichen in der Mitte Deutschlands vom Harz bis zum Oden- und Pfälzerwald. Der Norden, Osten und Süden hingegen sind äußerst dünn besiedelt, wenn überhaupt. Wer jemals eine Wildkatze zu Gesicht bekommt, muss genau hinschauen, um sie als solche zu erkennen. Ihr deutlichstes Merkmal ist der buschige Schwanz. Er endet in einer breiten, stumpfen Rundung und weist oft drei schwarze Ringe auf. Das Streifenmuster im dichten Fell ist durchaus auffällig, aber auch oft verwaschen. Gefahr der Verwechslung Als Lebensraum bevorzugen Wildkatzen strukturreiche Laub- und Laubmischwälder mit Totholzanteilen. Knorrige Eichen mit Baumhöhlen dienen dem überwiegend dämmerungs- und nachtaktiven Räuber tagsüber als Ruheplatz. Umgefallene Bäume, Holzpolter und Reisighaufen bieten einen Lebensraum für Mäuse und einen Unterschlupf für den Nachwuchs der Wildkatzen, der nach zwei Monaten Tragezeit meist im April geboren wird. Ganz überwiegend ernährt sich die Wildkatze von Mäusen. Sie frisst aber auch andere Kleintiere bis zur Hasengröße, Insekten, Amphibien und Vögel. Feinde hat der Einzelgänger nur wenige. Jungkatzen werden unter anderem von Füchsen und Wildschweinen gefressen. Die größte Gefahr aber ist der Mensch. Häufig werden junge Wildkatzen auf der Suche nach eigenen Streifgebieten von Autos überfahren. Gelegentlich kommt es vor, dass Spaziergänger Jungtiere mit ausgesetzten Hauskatzen verwechseln und sie deshalb mitnehmen. Das Problem ist, dass diese Tiere nur schwer wieder ausgewildert werden können.

  • Wer zahlt für die Renaturierung?

    Bis September muss die Bundesregierung der Kommission in Brüssel mitteilen, wie sie die mehr als ambitionierte EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur national umsetzen will. Unklarheit herrscht darüber, wie das finanziert werden soll Foto: AnnaAnouk Als am 18. August 2024 die EU-Wiederherstellungsverordnung in Kraft trat, befürchteten Kritiker vor allem Zweierlei: Das Gesetz schaffe ein bürokratisches Monster und setze zudem Zielmarken, die in Eigentumsverhältnisse eingreifen, unrealistisch und kaum finanzierbar sind. Sie haben Recht behalten. Der seit April im Netz abrufbare Vorentwurf des Nationalen Wiederherstellungsplans umfasst nicht weniger als 1.100 Seiten. Das Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) hat den Prozess zur Erstellung des Plans unter Zeitdruck koordiniert und weitere Ressorts sowie alle Bundesländer beteiligt. Fast 160 Organisationen und Verbände haben sich in der ersten Phase eingebracht. Damit nicht genug: Aktuell läuft bis Ende Juni die zweite formale Beteiligungsphase, die Öffentlichkeit und Stakeholdern erneut ermöglicht, konkret die Inhalte des Vorentwurfs zu kommentieren. Dann beginnt eine neue Phase der Überarbeitung und Abstimmung. Und bis September 2027 hat dann die EU wiederum Zeit, den nationalen Plan darauf abzuklopfen, ob er der Verordnung in allen Punkten entspricht. Die Frage: Reichen 1,7 Milliarden? Schon vor Monaten haben Experten mit Blick auf die Anforderungen allein für Deutschland einen jährlichen Finanzbedarf von mindestens 1,7 Milliarden Euro errechnet. Und es können gut und gerne mehr werden, denn so genau weiß noch niemand, wie die Umsetzung konkret aussehen wird. Renaturierungsprojekte sind nach allen Erfahrungen komplex und herausfordernd. Eigentlich sollte die Kommission im August 2025 die Finanzarchitektur der EU-weiten Mammutaufgabe vorlegen. Dieser Plan fehlt bis heute, aber stattdessen wurde ein internes Papier aus der Kommission bekannt, das vor allem Forst- und Agrarverbände aufschreckt. Danach kann die EU beim Finanzbedarf für die Verordnung eine Lücke von jährlich fast vier Milliarden Euro nicht schließen. Gretchenfrage: Wer zahlt dann für diese ehrgeizige Form der Renaturierung? Die Eigentümer von Flächen, die Familienbetriebe der Land- und Forstwirtschaft? Deutschland soll gemäß der Verordnung bis 2030 Wiederherstellungsmaßnahmen für Ökosysteme auf insgesamt 20 Prozent der Landfläche (etwa 72.000 Quadratkilometer) und auf 6.566 Quadratkilometern im Meer ergreifen. Auch die Wälder im Besitz von Kommunen, Ländern oder Privateigentümern sind von den Vorgaben betroffen. Verbände fordern grundsätzliche Überarbeitung der Entwürfe Während Naturschützer aufs Gaspedal drücken und den Entwurf nachschärfen wollen, fordern Bauernverbände und Waldbesitzer eine grundsätzliche Überarbeitung der Verordnung, die 2024 nach langer politischer Debatte durch einen Beschluss des Europarats in Kraft trat. In eine gleiche Richtung zielt die „Agenda für einen nachhaltigen Bürokratierückbau auf EU-Ebene“. In diesem Papier des Vorstands der CDU/CSU-Bundestagsfraktion wird die Bundesregierung aufgefordert, bei der EU darauf hinzuwirken, dass die „besonders Bürokratie verursachende und das Eigentumsgrundrecht belastende EU-Verordnung über die Wiederherstellung der Natur vollständig aufgehoben wird, um … ein neues, praxistaugliches und vor allem faires und finanziell unterlegtes Regelwerk zum Erhalt und der Anpassung unserer natürlichen Lebensgrundlagen an die Herausforderungen des Klimawandels zu entwickeln“. Peter Hauk, bis Mai 2026 Minister für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz in Baden-Württemberg, warnte im April vor „unrealistischen Vorgaben“ der EU-Verordnung. „Wenn das Bundesumweltministerium glaubt, die fehlende Finanzierung der EU auf dem Rücken der deutschen Bauern auszutragen, dann hat es die Rechnung ohne den Wirt gemacht“, schimpfte der CDU-Politiker.

  • Beschäftigte nicht stärker belasten

    Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und auf die Bundespolitik Liebe Leserinnen und Leser, in unserem Wochenkommentar befassen wir uns wie üblich zunächst mit der politischen Situation in Berlin und gehen dann speziell auf Herausforderungen im ländlichen Raum, insbesondere in Zusammenhang mit der Jagd, ein. So auch dieses Mal. Aktuell sorgt das Frühjahrsgutachten der Wirtschaftsweisen in der Politik für Wirbel und die daraus zu ziehenden Konsequenzen für die geplanten Reformen etwa im Pflegebereich. Neues gibt es zum Thema Jagd aus Niedersachsen. Dort haben Tierhalter und Jäger positiv auf Ergebnisse des „Dialogforums Wolf“ reagiert. Und der Landesjagdverband fordert eine deutlich intensivere Bejagung von Beutegreifern in der Lüneburger Heide, um dort die Zukunft des Birkwildes zu sichern. Und zum Schluss noch der Ausblick auf zwei Themen, die wir in der kommenden Woche in unserem Blog behandeln werden: die Wiederansiedlung von Wildkatzen in Deutschland sowie die Umsetzung der EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur. Bei sommerlichen Temperaturen herrscht im politischen Berlin die Ruhe vor dem Sturm. Wobei Sturm gleichbedeutend mit den geplanten Reformen in der Sozialversicherung ist. Denn diese werden tiefgreifend und sicherlich auch für viele schmerzhaft sein müssen. Gleichzeitig muss mehr getan werden, um die Wirtschaftskraft in Deutschland deutlich zu stärken. Wie eng beides miteinander zusammenhängt, bestätigt das Frühjahrsgutachten der sogenannten Wirtschaftsweisen, das die Wissenschaftler am Mittwoch vorgelegt haben. Die Wachstumsprognose für dieses Jahr wurde hier von bislang schwachen 0,9 Prozent auf noch schwächere 0,5 Prozent gesenkt. Kurz zuvor hatte die DIHK mitgeteilt, man gehe sogar nur noch von 0,3 Prozent Wachstum aus. Egal welcher Prognose man mehr vertrauen möchte, klar ist: Es könnte und muss in den meisten Betrieben wesentlich besser laufen. Nicht zuletzt, um den teuren Sozialstaat mitzufinanzieren. Vor diesem Hintergrund wirkt es nicht sonderlich überzeugend, dass Gesundheitsministerin Warken jetzt augenscheinlich eine Erhöhung der Pflegeversicherungsbeiträge für Kinderlose ins Auge gefasst hat. Denn eine solche Maßnahme läuft dem erklärten Ziel der Bundesregierung zuwider, Beschäftigte nicht stärker zu belasten. Ihnen bliebe dann weniger netto vom brutto – nicht gerade ein Anreiz zu mehr Leistung und Engagement im Betrieb. Pflegesystem braucht mehr Geld Keine Frage, das Pflegesystem ist derzeit hoffnungslos unterfinanziert. Viele alte Menschen können nach einem langen Berufsleben die Unterbringung in einem Heim nicht mehr aus eigenen finanziellen Kräften stemmen. Der Vorsitzende des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), der die Pflegekassen mit betreut, Oliver Blatt, sagte dem Spiegel: „Bei der Pflegeversicherung brennt die Hütte.“ Denn die Ausgaben stiegen stärker als die Einnahmen. Doch es wäre ein falsches Signal, das Problem allein auf die Beitragszahler abzuwälzen. Hier gibt es durchaus Alternativen. So fordert etwa GKV-Verbandschef Blatt, dass der Bund den Pflegekassen Corona-Kosten von über fünf Milliarden Euro zurückzahlen müsse. Auch solle Berlin die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige sowie die Investitionskosten der Pflegeheime übernehmen. Darüber sollte die Koalition mal nachdenken, bevor sie den Faktor Arbeit weiter verteuert. Die Themen Wirtschaftswachstum und Zukunft der Sozialsysteme beschäftigen die Bürger in Stadt und Land in gleichem Maße. Sie erwarten von der Politik Lösungen und kein jahrelanges Hinhalten. Gerade im ländlichen Raum hat man mit ideologiegetriebenem Durchwursteln unangenehme Erfahrungen gemacht. Man nehme hier nur den schier endlosen Streit um die Ausbreitung von Wölfen. Endlich wurde zwar kürzlich das Bundesjagdgesetz geändert, aber wie wird die künftige Praxis sein? Zum Spendenformular In Niedersachsen hat dazu am Dienstag das „Dialogforum Wolf“ Ergebnisse vorgestellt. Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Grüne) nannte zwei Säulen der Bejagung: Wo Herdentiere gerissen oder Zäune übersprungen werden, dürfen ab 1. Juli Jungwölfe, die Schaden anrichten, sowie ab 1. November auch erwachsene „Problemwölfe“ per Schnellabschuss getötet werden. Das Ganze laufe dann automatisch und unbürokratisch, so die Ministerin laut NDR: Drei Wochen lang dürfen Jäger in einem Radius von drei Kilometern auf das Tier schießen. Wenn es zu mindestens drei Wolfsangriffen kommt, wird die Gegend zu einem sogenannten Interventionsgebiet erklärt – das heißt, das ganze Rudel darf bejagt werden. In diesem Punkt geht Niedersachsen über das Bundesjagdgesetz hinaus. Quote zur Jungwolf-Tötung? Tierhalter und Jäger reagierten positiv, auch wenn man in Detailfragen noch uneins ist. So sagte der Sprecher des Aktionsbündnisses aktives Wolfsmanagement, Jörn Ehlers, Niedersachsen habe bundesweit die höchste Wolfsdichte und „Wolfsrisse ohne Ende“. Die Weidetierhalter würden den Radius für die Wolfstötung sowie den Zeitraum der Bejagung gern erweitern. Außerdem, so Ehlers, solle man ruhig über eine Quote zur Jungwolf-Tötung nachdenken. Die lehnt das Land bisher ab. Im niedersächsischen „Dialogforum Wolf“ sitzen alle beteiligten Parteien an einem Tisch: Naturschützer, Tierhalter und Jägerschaft sowie Umwelt- und Landwirtschaftsministerium. Apropos Niedersachsen. Dort fordert der Landesjagdverband (LJN) eine deutlich intensivere Bejagung von Beutegreifern, um in der Lüneburger Heide die Zukunft des Birkwilds zu sichern. LJN-Präsident Helmut Dammann-Tamke sagte, die Lüneburger Heide beherberge das letzte autochthone Vorkommen im mitteleuropäischen Tiefland. „Wollen wir das Birkwild hier erhalten, geht das nur über ein intensives und flächendeckendes Prädatorenmanagement“, betonte er. Lücken dürfe es weder in privaten Revieren noch in denen der öffentlichen Hand geben. Kommen wir zum Schluss noch auf eine andere bedrohte Wildtierart. Hauskatzen kennt jeder. Ihre wilden Verwandten kaum jemand. Und noch weniger haben jemals eine Europäische Wildkatze gesehen. Denn die nach Europarecht streng geschützte Art gilt in vielen Gebieten Deutschlands bereits seit dem Mittelalter als ausgestorben. Aber in jüngster Zeit mehren sich Nachweise, die das Vorkommen des Raubtiers belegen. Manche Nachweis-Geschichte ist durchaus skurril, wie unser Autor Christoph Boll in seinem Blog-Beitrag in der kommenden Woche zeigt. Gut 5000 Tiere soll der Gesamtbestand in Deutschland derzeit betragen. Das Populationswachstum vollzieht sich auf leisen Pranken. Die Schwerpunkte des Vorkommens reichen in der Mitte Deutschlands vom Harz bis zum Oden- und Pfälzerwald. Der Norden, Osten und Süden hingegen sind äußerst dünn besiedelt, wenn überhaupt. Und noch ein Ausblick auf unseren Blog in der kommenden Woche: Bis September muss die Bundesregierung der Kommission in Brüssel mitteilen, wie sie die mehr als ambitionierte EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur national umsetzen will. Damit wird sich unser Autor Wolfgang Kleideiter in seinem Artikel befassen. Die Arbeit für die vorgesehene EU-Regelung befindet sich auf der Zielgeraden, doch in einem zentralen Punkt herrscht völlige Unklarheit: Bis heute weiß niemand, wo die jährlich zig Milliarden Euro für verschiedenste Maßnahmen herkommen sollen. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und einen gelungenen Start in eine für Sie positive Woche. Mit besten Grüßen Ihr Jürgen Wermser Koordination/Redaktionsleitung

  • Krise auf dem Kartoffelmarkt: Warum Rekordernten Probleme bringen

    Deutsche Bauern haben im vergangenen Herbst so viel Kartoffeln geerntet wie seit 25 Jahren nicht. Doch die gute Ernte ist kein Grund zum Jubeln, im Gegenteil: Die Nachteile überwiegen Foto: Rainer Sturm / pixelio.de Rund 13,8 Millionen Tonnen Kartoffeln haben deutsche Landwirte im Herbst 2025 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes geerntet, eine ungewöhnlich große Menge. Eine gute Ernte klingt erfreulich, ist es aber leider nicht immer. Der Landwirt Hendrik Staacke aus dem Landkreis Lüneburg verschenkte sogar 700 Tonnen Kartoffeln, ein Drittel seiner Ernte. Er nannte dies „Schadensminimierung“. Sein Familienbetrieb machte mit der Aktion bundesweit Schlagzeilen. Hunderte folgten dem Aufruf und kamen mit Säcken, Kisten und sogar Anhängern, um die Kartoffeln abzuholen. Auch die Lüneburger Tafel und die Einrichtung RaphaelOase, die im Bremer Osten Lebensmittel an Bedürftige verteilt, profitierten davon. Die Rekordernte im Herbst 2025 war dank guter Wetterbedingungen die größte seit 25 Jahren und führte zu einem Überangebot. Verbraucherinnen und Verbraucher freuen sich über sinkende Preise, doch für die Bauern ist es ungünstig. Denn während ihre Läger noch voll sind, kommen schon Frühkartoffeln aus der neuen Ernte auf den Markt. Zwar lassen sich Kartoffeln lagern, doch die Qualität sinkt mit der Zeit. Viele Abnehmer akzeptieren nur Ware, die einwandfrei aussieht. „Leichte Qualitätsmängel haben meist schon dazu geführt, dass die Ware dann nicht abgenommen wird“, sagte Hendrik Staacke in der NDR-Sendung „Hallo Niedersachsen“. Niedersachsen steht beim Anbau an der Spitze vor NRW und Bayern Ein Grund für die Überproduktion ist neben dem Wetter die vergrößerte Anbaufläche. Sie wuchs 2025 laut Statistik des Bundesagrarministeriums im Vergleich zum Vorjahr um rund sieben Prozent und damit 19.600 Hektar und liegt bei mehr als 300.000 Hektar. Weil die Bauern jahrelang hohe Preise für die Kartoffeln erzielten, erweiterten viele Betriebe ihre Flächen. Nach jüngsten Angaben vom Frühjahr 2026 geht das Statistische Bundesamt jedoch wieder von einem Rückgang aus. In Deutschland bauten im vergangenen Jahr 25.370 Betriebe Kartoffeln an. Niedersachsen steht derzeit mit 139.900 Hektar und 6,6 Millionen Tonnen an der Spitze, gefolgt von der Anbauregion Nordrhein-Westfalen mit 2,5 Millionen Tonnen und Bayern mit 1,9 Millionen Tonnen. Diese drei Bundesländer umfassen ungefähr drei Viertel der deutschen Kartoffelanbauflächen. Insgesamt werden in Deutschland nach Angaben des Portals www.landwirtschaft.de auf weniger als drei Prozent der gesamten Ackerfläche Kartoffeln angebaut. Wer feste Abnehmer und Jahresverträge hat, ist gut dran Der Markt ist gesättigt, nicht allein in Deutschland, dem wichtigsten Kartoffelproduzenten der Europäischen Union. Auch in anderen Ländern und insbesondere in den Niederlanden, wo die Kartoffelproduktion stark industrialisiert ist, gab es gute Ernten. Das verschärft den Preisdruck zusätzlich. Die deutschen Erzeuger nutzen unterschiedliche Absatzwege und beliefern Supermärkte, die Produzenten von Speisestärke und die Hersteller von Pommes frites und Chips. Ein großer Teil der Ernte wird exportiert. Im Vorteil sind diejenigen Landwirte, die überwiegend Jahresverträge und feste Abnehmer wie die Hersteller von Pommes frites haben, denn das bietet ihnen Planungssicherheit. Wer allerdings vorwiegend auf dem freien Markt seine Kartoffeln verkaufen muss, trägt ein höheres Risiko, wenn der Preis in den Keller geht. Trotz der verschiedenen Absatzwege fehlten genügend Abnehmer. Daher wurden große Mengen Kartoffeln und damit Nahrungsmittel in Biogasanlagen in Energie umgewandelt. Die Landwirte erleiden dabei finanzielle Verluste. Denn auch die Betreiber von Biogasanlagen verlangen inzwischen Geld, wenn sie die Kartoffeln aufnehmen.

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