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- Wildkatzen: Wachstum auf leisen Pranken
Hauskatzen kennt jeder. Ihre wilden Verwandten kaum jemand. Und noch weniger haben je eine Europäische Wildkatze gesehen. Die streng geschützte und zeitweise als ausgestorben geltende Art kommt zunehmend in unseren Revieren vor Foto:Lviatour, Felis silvestris silvestris Luc Viatour, CC BY-SA 3.0 Erst vor wenigen Tagen hat die Deutsche Wildtier Stiftung bestätigt, dass die Europäische Wildkatze nach rund 200 Jahren nach Mecklenburg-Vorpommern zurückgekehrt ist. Sie stützt ihre Aussage auf die Analyse von Haarproben, die in der Nähe des Stettiner Haffs gefunden wurden. Demnach handelt es sich um ein männliches Tier, das sich wahrscheinlich mehrere Wochen in der Gegend aufgehalten hat. „Aus meinem Büro drang ein Jubelschrei, weil das eben der erste Nachweis hier in Vorpommern ist", zitiert der NDR die Wildbiologin Kathrin Mayer. Für den genetischen Nachweis haben Forscher der Stiftung sogenannte Lockstöcke an 30 Orten platziert. Das sind Kanthölzer mit rauer Oberfläche, an denen die Haare der Tiere hängen bleiben. Damit sich die Wildkatzen an den Lockstäben reiben, werden die Hölzer mit Baldrian besprüht. Der Geruch ähnelt den Sexuallockstoffen von Wildkatzen. An sechs der 30 Lockstöcke wurden Haare entdeckt. Der Vorteil dieser Monitoring-Methode ist, dass die scheuen Wildkatzen nicht gestört werden. Nachweise bis nördlich der Elbe Ganz anders verlief Anfang des Jahres der erste gesicherte Wildkatzen-Nachweis in Schleswig-Holstein. Ein Jäger befreite eine Katze, die sich in einem Knotenzaun verfangen hatte. Er rettete dem Tier nicht nur das Leben, sondern die genommene Haarprobe lieferte Gewissheit, dass es sich um den ersten gesicherten Nachweis der Raubkatze nördlich der Elbe handelt. Zuvor hatte es lediglich einzelne Bildnachweise gegeben. Die gelten aber als nicht gesichert, weil es bei den Tieren auch um Mischlinge mit Hauskatzen oder sogar Fälschungen handeln kann. Die zufällige Entdeckung bezeichnete Martin Schmidt, Pressesprecher des Landesumweltministeriums, als Meilenstein und Erfolg für den Naturschutz. Noch skurriler ist die Nachweis-Geschichte aus dem oberfränkischen Neustadt bei Coburg. Dort wurde vor anderthalb Jahren eine Baby-Katze beim Tierschutzverein abgegeben. Nach einigen Wochen kam der Verdacht auf, dass das Fundtier keine Hauskatze ist, sondern deren wilder Verwandter. Ein Gentest bestätigte dies. Erfolge des Artenschutzes Auch im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe in Brandenburg bestätigte ein Beweis die Rückkehr der Wildkatze, die ebenso wie das Populationswachstum auf leisen Pranken erfolgt. In NRW ist ebenfalls von einem Erfolg für den Artenschutz die Rede. Dort soll sich die Zahl der Wildkatzen in 30 Jahren verfünffacht haben, von ehemals gut 200 auf inzwischen mehr als 1000 Exemplare. In Bayern wurden seit 1984 in vier Jahrzehnten rund 600 Tiere angesiedelt, die aus Nachzuchten in Zoos und Tierparks stammen. Das alles führt dazu, dass der Gesamtbestand in Deutschland gegenwärtig auf mehr als 5000 Tiere geschätzt wird. Damit ist die Wildkatze aber immer noch als gefährdete Art eingestuft. Die Schwerpunkte des Vorkommens reichen in der Mitte Deutschlands vom Harz bis zum Oden- und Pfälzerwald. Der Norden, Osten und Süden hingegen sind äußerst dünn besiedelt, wenn überhaupt. Wer jemals eine Wildkatze zu Gesicht bekommt, muss genau hinschauen, um sie als solche zu erkennen. Ihr deutlichstes Merkmal ist der buschige Schwanz. Er endet in einer breiten, stumpfen Rundung und weist oft drei schwarze Ringe auf. Das Streifenmuster im dichten Fell ist durchaus auffällig, aber auch oft verwaschen. Gefahr der Verwechslung Als Lebensraum bevorzugen Wildkatzen strukturreiche Laub- und Laubmischwälder mit Totholzanteilen. Knorrige Eichen mit Baumhöhlen dienen dem überwiegend dämmerungs- und nachtaktiven Räuber tagsüber als Ruheplatz. Umgefallene Bäume, Holzpolter und Reisighaufen bieten einen Lebensraum für Mäuse und einen Unterschlupf für den Nachwuchs der Wildkatzen, der nach zwei Monaten Tragezeit meist im April geboren wird. Ganz überwiegend ernährt sich die Wildkatze von Mäusen. Sie frisst aber auch andere Kleintiere bis zur Hasengröße, Insekten, Amphibien und Vögel. Feinde hat der Einzelgänger nur wenige. Jungkatzen werden unter anderem von Füchsen und Wildschweinen gefressen. Die größte Gefahr aber ist der Mensch. Häufig werden junge Wildkatzen auf der Suche nach eigenen Streifgebieten von Autos überfahren. Gelegentlich kommt es vor, dass Spaziergänger Jungtiere mit ausgesetzten Hauskatzen verwechseln und sie deshalb mitnehmen. Das Problem ist, dass diese Tiere nur schwer wieder ausgewildert werden können.
- Wer zahlt für die Renaturierung?
Bis September muss die Bundesregierung der Kommission in Brüssel mitteilen, wie sie die mehr als ambitionierte EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur national umsetzen will. Unklarheit herrscht darüber, wie das finanziert werden soll Foto: AnnaAnouk Als am 18. August 2024 die EU-Wiederherstellungsverordnung in Kraft trat, befürchteten Kritiker vor allem Zweierlei: Das Gesetz schaffe ein bürokratisches Monster und setze zudem Zielmarken, die in Eigentumsverhältnisse eingreifen, unrealistisch und kaum finanzierbar sind. Sie haben Recht behalten. Der seit April im Netz abrufbare Vorentwurf des Nationalen Wiederherstellungsplans umfasst nicht weniger als 1.100 Seiten. Das Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) hat den Prozess zur Erstellung des Plans unter Zeitdruck koordiniert und weitere Ressorts sowie alle Bundesländer beteiligt. Fast 160 Organisationen und Verbände haben sich in der ersten Phase eingebracht. Damit nicht genug: Aktuell läuft bis Ende Juni die zweite formale Beteiligungsphase, die Öffentlichkeit und Stakeholdern erneut ermöglicht, konkret die Inhalte des Vorentwurfs zu kommentieren. Dann beginnt eine neue Phase der Überarbeitung und Abstimmung. Und bis September 2027 hat dann die EU wiederum Zeit, den nationalen Plan darauf abzuklopfen, ob er der Verordnung in allen Punkten entspricht. Die Frage: Reichen 1,7 Milliarden? Schon vor Monaten haben Experten mit Blick auf die Anforderungen allein für Deutschland einen jährlichen Finanzbedarf von mindestens 1,7 Milliarden Euro errechnet. Und es können gut und gerne mehr werden, denn so genau weiß noch niemand, wie die Umsetzung konkret aussehen wird. Renaturierungsprojekte sind nach allen Erfahrungen komplex und herausfordernd. Eigentlich sollte die Kommission im August 2025 die Finanzarchitektur der EU-weiten Mammutaufgabe vorlegen. Dieser Plan fehlt bis heute, aber stattdessen wurde ein internes Papier aus der Kommission bekannt, das vor allem Forst- und Agrarverbände aufschreckt. Danach kann die EU beim Finanzbedarf für die Verordnung eine Lücke von jährlich fast vier Milliarden Euro nicht schließen. Gretchenfrage: Wer zahlt dann für diese ehrgeizige Form der Renaturierung? Die Eigentümer von Flächen, die Familienbetriebe der Land- und Forstwirtschaft? Deutschland soll gemäß der Verordnung bis 2030 Wiederherstellungsmaßnahmen für Ökosysteme auf insgesamt 20 Prozent der Landfläche (etwa 72.000 Quadratkilometer) und auf 6.566 Quadratkilometern im Meer ergreifen. Auch die Wälder im Besitz von Kommunen, Ländern oder Privateigentümern sind von den Vorgaben betroffen. Verbände fordern grundsätzliche Überarbeitung der Entwürfe Während Naturschützer aufs Gaspedal drücken und den Entwurf nachschärfen wollen, fordern Bauernverbände und Waldbesitzer eine grundsätzliche Überarbeitung der Verordnung, die 2024 nach langer politischer Debatte durch einen Beschluss des Europarats in Kraft trat. In eine gleiche Richtung zielt die „Agenda für einen nachhaltigen Bürokratierückbau auf EU-Ebene“. In diesem Papier des Vorstands der CDU/CSU-Bundestagsfraktion wird die Bundesregierung aufgefordert, bei der EU darauf hinzuwirken, dass die „besonders Bürokratie verursachende und das Eigentumsgrundrecht belastende EU-Verordnung über die Wiederherstellung der Natur vollständig aufgehoben wird, um … ein neues, praxistaugliches und vor allem faires und finanziell unterlegtes Regelwerk zum Erhalt und der Anpassung unserer natürlichen Lebensgrundlagen an die Herausforderungen des Klimawandels zu entwickeln“. Peter Hauk, bis Mai 2026 Minister für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz in Baden-Württemberg, warnte im April vor „unrealistischen Vorgaben“ der EU-Verordnung. „Wenn das Bundesumweltministerium glaubt, die fehlende Finanzierung der EU auf dem Rücken der deutschen Bauern auszutragen, dann hat es die Rechnung ohne den Wirt gemacht“, schimpfte der CDU-Politiker.
- Beschäftigte nicht stärker belasten
Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und auf die Bundespolitik Liebe Leserinnen und Leser, in unserem Wochenkommentar befassen wir uns wie üblich zunächst mit der politischen Situation in Berlin und gehen dann speziell auf Herausforderungen im ländlichen Raum, insbesondere in Zusammenhang mit der Jagd, ein. So auch dieses Mal. Aktuell sorgt das Frühjahrsgutachten der Wirtschaftsweisen in der Politik für Wirbel und die daraus zu ziehenden Konsequenzen für die geplanten Reformen etwa im Pflegebereich. Neues gibt es zum Thema Jagd aus Niedersachsen. Dort haben Tierhalter und Jäger positiv auf Ergebnisse des „Dialogforums Wolf“ reagiert. Und der Landesjagdverband fordert eine deutlich intensivere Bejagung von Beutegreifern in der Lüneburger Heide, um dort die Zukunft des Birkwildes zu sichern. Und zum Schluss noch der Ausblick auf zwei Themen, die wir in der kommenden Woche in unserem Blog behandeln werden: die Wiederansiedlung von Wildkatzen in Deutschland sowie die Umsetzung der EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur. Bei sommerlichen Temperaturen herrscht im politischen Berlin die Ruhe vor dem Sturm. Wobei Sturm gleichbedeutend mit den geplanten Reformen in der Sozialversicherung ist. Denn diese werden tiefgreifend und sicherlich auch für viele schmerzhaft sein müssen. Gleichzeitig muss mehr getan werden, um die Wirtschaftskraft in Deutschland deutlich zu stärken. Wie eng beides miteinander zusammenhängt, bestätigt das Frühjahrsgutachten der sogenannten Wirtschaftsweisen, das die Wissenschaftler am Mittwoch vorgelegt haben. Die Wachstumsprognose für dieses Jahr wurde hier von bislang schwachen 0,9 Prozent auf noch schwächere 0,5 Prozent gesenkt. Kurz zuvor hatte die DIHK mitgeteilt, man gehe sogar nur noch von 0,3 Prozent Wachstum aus. Egal welcher Prognose man mehr vertrauen möchte, klar ist: Es könnte und muss in den meisten Betrieben wesentlich besser laufen. Nicht zuletzt, um den teuren Sozialstaat mitzufinanzieren. Vor diesem Hintergrund wirkt es nicht sonderlich überzeugend, dass Gesundheitsministerin Warken jetzt augenscheinlich eine Erhöhung der Pflegeversicherungsbeiträge für Kinderlose ins Auge gefasst hat. Denn eine solche Maßnahme läuft dem erklärten Ziel der Bundesregierung zuwider, Beschäftigte nicht stärker zu belasten. Ihnen bliebe dann weniger netto vom brutto – nicht gerade ein Anreiz zu mehr Leistung und Engagement im Betrieb. Pflegesystem braucht mehr Geld Keine Frage, das Pflegesystem ist derzeit hoffnungslos unterfinanziert. Viele alte Menschen können nach einem langen Berufsleben die Unterbringung in einem Heim nicht mehr aus eigenen finanziellen Kräften stemmen. Der Vorsitzende des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), der die Pflegekassen mit betreut, Oliver Blatt, sagte dem Spiegel: „Bei der Pflegeversicherung brennt die Hütte.“ Denn die Ausgaben stiegen stärker als die Einnahmen. Doch es wäre ein falsches Signal, das Problem allein auf die Beitragszahler abzuwälzen. Hier gibt es durchaus Alternativen. So fordert etwa GKV-Verbandschef Blatt, dass der Bund den Pflegekassen Corona-Kosten von über fünf Milliarden Euro zurückzahlen müsse. Auch solle Berlin die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige sowie die Investitionskosten der Pflegeheime übernehmen. Darüber sollte die Koalition mal nachdenken, bevor sie den Faktor Arbeit weiter verteuert. Die Themen Wirtschaftswachstum und Zukunft der Sozialsysteme beschäftigen die Bürger in Stadt und Land in gleichem Maße. Sie erwarten von der Politik Lösungen und kein jahrelanges Hinhalten. Gerade im ländlichen Raum hat man mit ideologiegetriebenem Durchwursteln unangenehme Erfahrungen gemacht. Man nehme hier nur den schier endlosen Streit um die Ausbreitung von Wölfen. Endlich wurde zwar kürzlich das Bundesjagdgesetz geändert, aber wie wird die künftige Praxis sein? Zum Spendenformular In Niedersachsen hat dazu am Dienstag das „Dialogforum Wolf“ Ergebnisse vorgestellt. Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Grüne) nannte zwei Säulen der Bejagung: Wo Herdentiere gerissen oder Zäune übersprungen werden, dürfen ab 1. Juli Jungwölfe, die Schaden anrichten, sowie ab 1. November auch erwachsene „Problemwölfe“ per Schnellabschuss getötet werden. Das Ganze laufe dann automatisch und unbürokratisch, so die Ministerin laut NDR: Drei Wochen lang dürfen Jäger in einem Radius von drei Kilometern auf das Tier schießen. Wenn es zu mindestens drei Wolfsangriffen kommt, wird die Gegend zu einem sogenannten Interventionsgebiet erklärt – das heißt, das ganze Rudel darf bejagt werden. In diesem Punkt geht Niedersachsen über das Bundesjagdgesetz hinaus. Quote zur Jungwolf-Tötung? Tierhalter und Jäger reagierten positiv, auch wenn man in Detailfragen noch uneins ist. So sagte der Sprecher des Aktionsbündnisses aktives Wolfsmanagement, Jörn Ehlers, Niedersachsen habe bundesweit die höchste Wolfsdichte und „Wolfsrisse ohne Ende“. Die Weidetierhalter würden den Radius für die Wolfstötung sowie den Zeitraum der Bejagung gern erweitern. Außerdem, so Ehlers, solle man ruhig über eine Quote zur Jungwolf-Tötung nachdenken. Die lehnt das Land bisher ab. Im niedersächsischen „Dialogforum Wolf“ sitzen alle beteiligten Parteien an einem Tisch: Naturschützer, Tierhalter und Jägerschaft sowie Umwelt- und Landwirtschaftsministerium. Apropos Niedersachsen. Dort fordert der Landesjagdverband (LJN) eine deutlich intensivere Bejagung von Beutegreifern, um in der Lüneburger Heide die Zukunft des Birkwilds zu sichern. LJN-Präsident Helmut Dammann-Tamke sagte, die Lüneburger Heide beherberge das letzte autochthone Vorkommen im mitteleuropäischen Tiefland. „Wollen wir das Birkwild hier erhalten, geht das nur über ein intensives und flächendeckendes Prädatorenmanagement“, betonte er. Lücken dürfe es weder in privaten Revieren noch in denen der öffentlichen Hand geben. Kommen wir zum Schluss noch auf eine andere bedrohte Wildtierart. Hauskatzen kennt jeder. Ihre wilden Verwandten kaum jemand. Und noch weniger haben jemals eine Europäische Wildkatze gesehen. Denn die nach Europarecht streng geschützte Art gilt in vielen Gebieten Deutschlands bereits seit dem Mittelalter als ausgestorben. Aber in jüngster Zeit mehren sich Nachweise, die das Vorkommen des Raubtiers belegen. Manche Nachweis-Geschichte ist durchaus skurril, wie unser Autor Christoph Boll in seinem Blog-Beitrag in der kommenden Woche zeigt. Gut 5000 Tiere soll der Gesamtbestand in Deutschland derzeit betragen. Das Populationswachstum vollzieht sich auf leisen Pranken. Die Schwerpunkte des Vorkommens reichen in der Mitte Deutschlands vom Harz bis zum Oden- und Pfälzerwald. Der Norden, Osten und Süden hingegen sind äußerst dünn besiedelt, wenn überhaupt. Und noch ein Ausblick auf unseren Blog in der kommenden Woche: Bis September muss die Bundesregierung der Kommission in Brüssel mitteilen, wie sie die mehr als ambitionierte EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur national umsetzen will. Damit wird sich unser Autor Wolfgang Kleideiter in seinem Artikel befassen. Die Arbeit für die vorgesehene EU-Regelung befindet sich auf der Zielgeraden, doch in einem zentralen Punkt herrscht völlige Unklarheit: Bis heute weiß niemand, wo die jährlich zig Milliarden Euro für verschiedenste Maßnahmen herkommen sollen. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und einen gelungenen Start in eine für Sie positive Woche. Mit besten Grüßen Ihr Jürgen Wermser Koordination/Redaktionsleitung
- Krise auf dem Kartoffelmarkt: Warum Rekordernten Probleme bringen
Deutsche Bauern haben im vergangenen Herbst so viel Kartoffeln geerntet wie seit 25 Jahren nicht. Doch die gute Ernte ist kein Grund zum Jubeln, im Gegenteil: Die Nachteile überwiegen Foto: Rainer Sturm / pixelio.de Rund 13,8 Millionen Tonnen Kartoffeln haben deutsche Landwirte im Herbst 2025 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes geerntet, eine ungewöhnlich große Menge. Eine gute Ernte klingt erfreulich, ist es aber leider nicht immer. Der Landwirt Hendrik Staacke aus dem Landkreis Lüneburg verschenkte sogar 700 Tonnen Kartoffeln, ein Drittel seiner Ernte. Er nannte dies „Schadensminimierung“. Sein Familienbetrieb machte mit der Aktion bundesweit Schlagzeilen. Hunderte folgten dem Aufruf und kamen mit Säcken, Kisten und sogar Anhängern, um die Kartoffeln abzuholen. Auch die Lüneburger Tafel und die Einrichtung RaphaelOase, die im Bremer Osten Lebensmittel an Bedürftige verteilt, profitierten davon. Die Rekordernte im Herbst 2025 war dank guter Wetterbedingungen die größte seit 25 Jahren und führte zu einem Überangebot. Verbraucherinnen und Verbraucher freuen sich über sinkende Preise, doch für die Bauern ist es ungünstig. Denn während ihre Läger noch voll sind, kommen schon Frühkartoffeln aus der neuen Ernte auf den Markt. Zwar lassen sich Kartoffeln lagern, doch die Qualität sinkt mit der Zeit. Viele Abnehmer akzeptieren nur Ware, die einwandfrei aussieht. „Leichte Qualitätsmängel haben meist schon dazu geführt, dass die Ware dann nicht abgenommen wird“, sagte Hendrik Staacke in der NDR-Sendung „Hallo Niedersachsen“. Niedersachsen steht beim Anbau an der Spitze vor NRW und Bayern Ein Grund für die Überproduktion ist neben dem Wetter die vergrößerte Anbaufläche. Sie wuchs 2025 laut Statistik des Bundesagrarministeriums im Vergleich zum Vorjahr um rund sieben Prozent und damit 19.600 Hektar und liegt bei mehr als 300.000 Hektar. Weil die Bauern jahrelang hohe Preise für die Kartoffeln erzielten, erweiterten viele Betriebe ihre Flächen. Nach jüngsten Angaben vom Frühjahr 2026 geht das Statistische Bundesamt jedoch wieder von einem Rückgang aus. In Deutschland bauten im vergangenen Jahr 25.370 Betriebe Kartoffeln an. Niedersachsen steht derzeit mit 139.900 Hektar und 6,6 Millionen Tonnen an der Spitze, gefolgt von der Anbauregion Nordrhein-Westfalen mit 2,5 Millionen Tonnen und Bayern mit 1,9 Millionen Tonnen. Diese drei Bundesländer umfassen ungefähr drei Viertel der deutschen Kartoffelanbauflächen. Insgesamt werden in Deutschland nach Angaben des Portals www.landwirtschaft.de auf weniger als drei Prozent der gesamten Ackerfläche Kartoffeln angebaut. Wer feste Abnehmer und Jahresverträge hat, ist gut dran Der Markt ist gesättigt, nicht allein in Deutschland, dem wichtigsten Kartoffelproduzenten der Europäischen Union. Auch in anderen Ländern und insbesondere in den Niederlanden, wo die Kartoffelproduktion stark industrialisiert ist, gab es gute Ernten. Das verschärft den Preisdruck zusätzlich. Die deutschen Erzeuger nutzen unterschiedliche Absatzwege und beliefern Supermärkte, die Produzenten von Speisestärke und die Hersteller von Pommes frites und Chips. Ein großer Teil der Ernte wird exportiert. Im Vorteil sind diejenigen Landwirte, die überwiegend Jahresverträge und feste Abnehmer wie die Hersteller von Pommes frites haben, denn das bietet ihnen Planungssicherheit. Wer allerdings vorwiegend auf dem freien Markt seine Kartoffeln verkaufen muss, trägt ein höheres Risiko, wenn der Preis in den Keller geht. Trotz der verschiedenen Absatzwege fehlten genügend Abnehmer. Daher wurden große Mengen Kartoffeln und damit Nahrungsmittel in Biogasanlagen in Energie umgewandelt. Die Landwirte erleiden dabei finanzielle Verluste. Denn auch die Betreiber von Biogasanlagen verlangen inzwischen Geld, wenn sie die Kartoffeln aufnehmen.
- Diskussion um Prämien für Waschbär-Jagd
Die Population von Waschbären nimmt in Deutschland rasant zu – damit auch die Schäden. Deshalb mehren sich die Stimmen, die Erlegungsprämien fordern. Wollen das die Jäger oder stellen sie auch die Frage nach ihrem Selbstverständnis? Foto: Alexas_Fotos Seriösen Berechnungen zufolge schöpfen die bisherigen Waschbär-Strecken den Zuwachs, der jährlich bei etwa 26 Prozent liegt, nicht ab. Und das trotz immer neuer Streckenrekorde. Im Jagdjahr 2024/2025 betrug die Strecke bereits 284.220 Bären. Zehn Jahre vorher waren es noch weniger als 120.000 und ein weiteres Jahrzehnt zuvor lag die Zahl bei gut über 21.000. Das belegt zwar, dass die Jäger dem Neubürger aus Nordamerika, der inzwischen in allen Bundesländern zu Hause ist, intensiv nachstellen. Es zeigt aber auch, dass das Wachstum der Population kaum zu bremsen ist und sie sich alle fünf bis sechs Jahre verdoppelt. 1958 lag der Besatz zwischen 500 und 1.000 Tieren. Heute sind es mehr als zwei Millionen. Wissenschaftliche Hochrechnungen gehen davon aus, dass es mehr als fünf Millionen werden können. Die Entwicklung widerlegt die irrige Behauptung, die Bejagung kurbele die Reproduktion an. Das Gegenteil ist der Fall. Beigetragen hat dazu auch, dass in manchen Privatrevieren, besonders aber in Bundes- und Landesforsten sowie in Schutzgebieten der Waschbär gar nicht oder zumindest wenig bejagt wird. Dadurch werden von dort gut bejagte Reviere kontinuierlich neu aufgefüllt. Sollte der weitere Anstieg der Vorkommen gestoppt werden, müsste jährlich mindestens ein knappes Drittel der Waschbären erlegt werden. Das hätte für 2012 bereits eine Strecke von gut 600.000 Tieren bedeutet. Tatsächlich waren es gut 71.000. Auswirkungen auf den urbanen Bereich Das hat seine Auswirkungen in urbanen Bereichen und besonders in der Natur, wo die possierlichen Räuber keine wirklichen Feinde haben. Die Waschbären erbeuten gerne Frösche, Kröten und Molche, Regenwürmer, Schnecken, Maden und Insekten. Am Wasser setzen sie Fischen, Krebsen und Muscheln zu. Und als klassische Nesträuber plündern sie Vogelgelege und fressen Kleinsäuger wie Igel und Junghasen. Marc Henrichmann, CDU-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Unions-Arbeitskreises Jagd, Fischerei, Natur, warnt daher: „Die Explosion bei den Bestandszahlen muss Jäger und andere Naturschützer alarmieren. Es geht um nichts weniger als das Überleben vieler sensibler Populationen.“ Das hat bereits 2013 in Brandenburg zu einer parlamentarischen Anfrage geführt, ob nicht die Einführung einer Abschussprämie sinnvoll sei. Die damalige Landesregierung lehnte diesen Weg jedoch ab. In Hessen endeten die Versuche, die Expansion der Tiere einzudämmen, im vergangenen Jahr mit einem Rechtsstreit zwischen Tierschützern, Jägern und Behörden. Politischer Druck steigt Inzwischen wird die Diskussion, wie die Misere gelöst werden kann, an gleich mehreren Stellen neu belebt. In einer entsprechenden Debatte im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern im April vergangenen Jahres lehnte Umweltminister Till Backhaus die vorgeschlagene Abschussprämie ab. Drei Monate später appellierte Wiebke Knell, Fraktionsvorsitzende und jagdpolitische Sprecherin der FDP im hessischen Landtag: „Hessen braucht eine Abschussprämie für Waschbären. Die Landesregierung muss alles unternehmen, um invasive Arten wie den Waschbären zu reduzieren.“ In diesem Jahr beantragten Ende Januar der Abgeordnete Ralf Niedmers und seine CDU-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft, der Senat solle die Bejagung von Waschbären intensivieren und Jäger mit Zuschüssen oder geeigneten Lebendfanggeräten und elektronischen Fangmeldern unterstützen. Darüber hinaus solle geprüft werden, inwieweit eine Aufwandsentschädigung in Form einer Prämie pro Waschbär umsetzbar sei. Als beispielhaftes Vorbild nannte die Hamburger CDU die brandenburgische Gemeinde Seddiner See. Dort würden pro Bär 25 Euro gezahlt. SPD, Grüne und Linke lehnten jedoch den Antrag mehrheitlich ab. Den nächsten Vorstoß gab es Mitte März in Baden-Württemberg, als die jagdpolitische CDU-Sprecherin Sarah Schweizer in der Bild-Zeitung verlautbarte: „Jetzt braucht es eine Taskforce mit effektiven Maßnahmen für die Bekämpfung invasiver Arten – eine ganzjährige Aufhebung der Schonzeit, wie bei uns in Baden-Württemberg, die bundesweite Zulassung von Nachtsichttechnik und die Einführung einer Artenschutzprämie für die Erlegung.“ Ebenfalls im März forderte die niedersächsische CDU-Landtagsfraktion eine Verschärfung der Bejagung. Für den Agrarpolitiker Dr. Marco Mohrmann ist dabei denkbar, „zeitlich und räumlich begrenzt finanzielle Anreize für die Jagd zu schaffen“. Einen Schritt weiter ist Schleswig-Holstein. Dort hat Anfang dieses Monats eine Landtags-Mehrheit aus CDU, Grünen, FDP und SSW gegen die SPD beschlossen, die Fallenjagd mit 50.000 Euro zu fördern. Damit sollen die invasiven Arten Nutria, Marderhund und Waschbär bekämpft werden. Denn die Debatte um eine Erlegungsprämie für Waschbären orientiert sich oft an Zahlungen, die es in verschiedenen Regionen Deutschlands für tote Nutria gibt, meistens von Kommunen oder Wasser- und Boden-Unterhaltungsverbänden. Auch für die Erlegung von Füchsen oder aktuell in Sachsen-Anhalt und NRW von Wildschweinen („Pürzelprämie“) wurde schon gezahlt, meistens im Rahmen der Seuchenbekämpfung. Dabei geht es darum, wirtschaftlichen Schaden vom Land abzuwenden, der um ein Vielfaches höher ausfallen würde als die Prämiengewährung. Jagd als Recht oder Dienstleistung Verstanden werden die Prämien immer als zusätzlicher Anreiz und Ansporn für eine schärfere Bejagung. Damit verbunden sind auf jeden Fall ein Bürokratie-Aufbau für die Beantragung, Gewährung und Auszahlung des Geldes sowie die Benennung und ggf. Finanzierung einer Institution, die die körperlichen Nachweise der Erlegungen (Lunten) entgegennimmt, zählt, bestätigt und vernichtet, um Missbrauch entgegenzuwirken. Fraglich ist auch, ob jeder tote Waschbär prämiert werden soll oder nur die Tiere, die die Zahl früherer Erlegungen übersteigen. Und letztlich wäre zu prüfen, ob durch Gratifikationen überhaupt Strecken dauerhaft steigern. Die entscheidende Frage aber ist, ob Jäger der finanziellen Motivationsförderung bedürfen und sich dies nachsagen lassen wollen. Jagd ist ein Freiheits- und Eigentumsrecht. Damit geht auch die Pflicht einher zu einem verantwortungsvollen Umgang, sprich das Recht gemeinförderlich einzusetzen. Wer sich dafür bezahlen lässt, läuft Gefahr, das Eigentumsrecht sukzessive aufzulösen. Am Ende ist dann das Recht verkauft und die Jagd allein zu einer gesellschaftsdienlichen Funktion degradiert. Es geht also bei der staatlichen Bezahlung für Erlegungen immer auch um die Frage nach dem Selbstverständnis von Jagd und Jägern.
- Große Politik, kleine Fortschritte – und viele offene Baustellen
Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd Liebe Leserin, lieber Leser! alles wartet auf die angekündigten Reformen, die der Bundeskanzler mit seinem Koalitionspartner auf den Weg bringen will. In dieser Woche ging es weniger um Eckpunkte und Inhalte, sondern mehr um den Umgang miteinander. Es wirkte wie der Versuch einer Charmeoffensive, als Friedrich Merz zum ersten Mal die Fraktion der SPD besuchte, um für Einigendes statt Trennendes zu werben. An die eigenen Reihen wie auch bei der SPD appellierte er, sich nicht gegenseitig öffentlich rote Linien aufzuzeigen. Dabei hoffte er auf mehr Zeichen der Gemeinsamkeiten aus den Reihen der Koalition. Dass das auch in der eigenen Fraktion schwierig bleibt, demonstrierte der Parlamentskreis Mittelstand in der Union, der unverändert vor zu großen Kompromissen warnt. Derweil geht das Alltagsgeschäft in den Ministerien weiter. Eine Führerscheinreform soll auf den Weg gebracht werden, der Innenminister will den Zivilschutz krisenfester machen und der Landwirtschaftsminister hat den jüngsten Waldzustandsbericht vorgelegt. Darauf gehen wir in diesem Newsletter näher ein und blicken dann auf das waldreiche Rheinland-Pfalz. Dort wurde der neue Ministerpräsident ins Amt gewählt. Allerdings – wie der Kollege in Stuttgart – nicht mit der vollen Stimmenzahl der schwarz-roten Koalition in Mainz. Und dann haben wir noch ein Thema, das viele belastet: Wie können jetzt noch sogenannte „Schadnager“ bekämpft werden? Mit der großen Politik können wir es diese Woche kurz machen. Das Kabinett hat kleinere Dinge auf dem Weg gebracht und ist gewillt, das gesetzte Programm weiter durchzuziehen. Auch in dieser Woche wurde der Finanzminister im Bundestag mit harten Fragen gelöchert. Alles wartet darauf, wie Klingbeil das Steuersystem weiter anfasst, sodass auch das noch finanziert werden kann, was da alles auf der Agenda steht. Bei Rente, Arbeit und Sozialem sollen bis zur parlamentarischen Sommerpause zentrale Reformpakete vorliegen. Sie beginnt im Juli. Zur Vorbereitung der weiteren Debatten hat sich der Bundeskanzler entschlossen, mehr Überzeugungsarbeit in den Fraktionen seiner Koalition zu leisten. Dem sollte unter anderem der Besuch der SPD-Fraktion dienen. Die Botschaft des Regierungschefs: Die Mitte muss zusammenstehen, um das Drohgespenst im Zaum zu halten. Das ist vor allem die AfD, die mit wachsender Zustimmung zunehmend für Druck sorgt. Die politische Rechte profitiert massiv von der großen Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Lage. Viele machen das an der Politik der Regierung fest, wie wöchentlich immer wieder neue Umfragen zeigen. So liegt die AfD bundesweit bei Rekordwerten um die 29 Prozent und damit deutlich vor der Union. Da scheinen Ungerechtigkeitsgefühle insbesondere im Osten und vor allem bei älteren Menschen eine ausschlaggebende Rolle zu spielen. Hier helfen auch die Unterschiede bei Erklärungsversuchen nicht weiter: Funktionäre und Abgeordnete ticken nun einmal anders als die Wählerinnen und Wähler. Das gilt insbesondere offensichtlich auch für die AfD. So ist es gerade auch in Sachsen-Anhalt zu beobachten, wo es anscheinend nur noch darum geht, ob die Partei bei der nächsten Wahl eine absolute Mehrheit erreichen könnte. Nur jeder fünfte Baum ist gesund Kommen wir jetzt darauf, wie es unseren Wäldern geht. Im Grundsatz hat sich nichts geändert. Die Schlagzeilen über den Waldzustandsbericht, den Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer jetzt für das Jahr 2025 veröffentlicht hat, lesen sich weiter besorgniserregend: „Zur Erholung der Bäume reicht der Regen nicht mehr aus“, „Von den Dürrejahren bis heute nicht erholt“. Allenfalls gibt es leichte Entwarnungszeichen, wonach es nicht mehr ganz so dramatisch ist. Für Buchen und Fichten gibt es danach wieder eine leichte Verbesserung. Den Kiefern dagegen geht es schlechter. Damit bleibt der Wald, der immerhin ein Drittel unserer Landesfläche in der Bundesrepublik ausmacht, ein deutsches Sorgenkind. Gleichwohl geben sich in privaten und staatlichen Forsten alle Akteure Mühe, dass sich das langfristig wieder bessert. Wie das eben so ist: Wald ist ein Generationenprojekt. Das, was heute gesetzt wird oder wo sich der Wald nach erprobten Methoden mit Sprösslingen verjüngt, kann – je nach Baumart – erst in Jahrzehnten oder in ein bis zwei Jahrhunderten geerntet werden. Neben der allgemein anerkannt wichtigen und entscheidenden Rolle unserer Wälder für die Natur, die Umwelt und das Klima insgesamt spricht der Minister auch einen anderen Aspekt an. Das ist die wirtschaftliche Bedeutung. „Wald steht für Arbeitsplätze, Handwerk, Wertschöpfung im ländlichen Raum.“ Dabei ist es (noch?) nur jeder fünfte Baum, der in Deutschland als gesund gilt. Da mag es trösten, dass Rainer feststellt, der Wald habe sich trotz ungünstiger Wetterbedingungen im vergangenen Jahr jedenfalls nicht verschlechtert. Die Lage zeige sich insgesamt stabilisiert. „Das ist ein Erfolg des langjährigen Umbaus zu produktiven und artenreichen Mischwäldern, die dem Klimawandel trotzen. Nachhaltige und aktive Waldwirtschaft sichert die Zukunft unserer Wälder.“ Übrigens: Wenn es um den Wald geht, könnte man auch mal auf die Idee kommen, festzustellen, dass von Anfang an dazu auch Wild und Jagd gehören. Davon ist im Zusammenhang des Berichtes wenig zu lesen oder zu hören. Man kann einen Forst auch so entwickeln, dass das zusammenpasst und sogar wirtschaftlich attraktiv sein kann. Darauf weist die Stiftung natur+mensch anhand von Praxisbeispielen in ihren Veröffentlichungen seit langem hin. Neue Landesregierung in Mainz mit neuen Erwartungen auf dem Lande Bleiben wir noch einmal kurz regional beim Thema. Der Anteil, der für die Bundesrepublik oben zitierten Forstfläche liegt in Rheinland-Pfalz noch höher. Hier bedecken große Wälder insgesamt 43 Prozent und damit knapp die Hälfte des Landes. Vor allem sind Westerwald, Hunsrück, Eifel sowie Teile des Taunus neben dem Pfälzerwald eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete in Mitteleuropa. Das sind also große, für das Land prägende Regionen. Neben dem Weinbau und der Landwirtschaft unterstreicht das die Bedeutung der Forstwirtschaft. Das aktuelle Jagdgesetz wird der Rolle privater Waldbesitzer und Revierinhaber nicht mehr gerecht. Die Novelle hatte die alte Landesregierung aus SPD, Grünen und FDP auch gegen berechtigte Interessen durchgeboxt. So hoffen Revierinhaber, Jägerinnen und Jäger, dass sich einiges wieder ändert. Auslöser ist der Regierungswechsel in Mainz, wo Gordon Schnieder (CDU) in dieser Woche zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. Er hat es weiter mit seinem Vorgänger Alexander Schweitzer als Fraktionsvorsitzenden des Koalitionspartners SPD zu tun. Das ist ungewöhnlich. Die CDU, die nach einer eigenen Pressemitteilung „neuen Schwung“ für das Land verspricht, nennt als Schwerpunktthemen Wirtschaft, Bildung und innere Sicherheit. Die neue Regierung kommuniziert dabei vielleicht etwas zu wenig, was sie zu den angesprochenen Themen im ländlichen Raum vorhat. Also: abwarten. Was Ratten und Mäuse anrichten und wie die Politik damit umgeht Der Sammelbegriff hört sich für manchen etwas befremdlich an. Es geht um „Schadnager“, auf die man im täglichen Leben in Stadt und Land immer wieder stößt. Wir reden von Ratten und Mäusen. Über das Problem lesen wir sogar unlängst in der Süddeutschen Zeitung. Sie griff das Thema auf einer ganzen Seite auf – der bei Lesern beliebten dritten Seite. „Für die Ratte haben die Deutschen nichts übrig, außer Gift. Droht jetzt, da der Verkauf von Ködern verboten ist, also eine Art Invasion?“ Warum ist das jetzt aktuell? Seit Ende April unterliegen bisher gängige Rattengifte einem öffentlichen Verkaufsverbot. Damit soll nicht jeder, der sich am Haus über eine Ratte erschreckt, übliche Köder und Bekämpfungsmittel ausbringen dürfen. Das wird ab jetzt nur noch ausgebildeten Schädlingsbekämpfern oder Kammerjägern überlassen. Hintergrund ist die EU-Biozidverordnung (Nr. 528/2012), die die Zulassung und Verwendung von Rodentiziden europaweit regelt. Die europäische Politik sieht demnach „unannehmbare Risiken“ bei der privaten Anwendung. Langfristig will sie mehr: Es wird weiter angestrebt, auch Schädlingsbekämpfer von solchen Giften abzuhalten. So dürfen auch Profis ab Juli keine Dauerköder mehr mit Gift ausbringen, sofern es „keinen akuten Ratten-Befall gibt“. Als Grund wird angeführt, dass auch für Haus- und Wildtiere hohe Vergiftungsrisiken beständen. Da mag was dran sein. Gleichwohl gilt auch das, was warnende Stimmen einwenden. Zum Spendenformular Schadnager wie Ratten und Mäuse verursachen in Privathaushalten und auf Bauernhöfen erhebliche Schäden, etwa an Vorräten, Gebäuden und technischen Anlagen. Darauf verweist aus Anlass der neuen Verordnung der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV). Schadnager stellten auch ein ernstzunehmendes hygienisches und gesundheitliches Risiko dar. Ratten könnten etwa 120 Infektionskrankheiten übertragen. Der jüngste Vorfall auf dem Kreuzfahrtschiff „Hondius“ verschärfte die Debatte zusätzlich, erklärt WLV-Vizepräsident Michael Uckelmann. Wenn das alles so ist, sollte auch hier und da die Kommunalpolitik ebenso konsequent sein wie die Brüsseler Verordner. In meiner Heimatstadt erlebe ich immer wieder in den Grünanlagen und auch am Bahnhof illegale Taubenfütterungen und ich sehe weggeworfene Speisereste, die nicht nur zur einer Überpopulation von Stadttauben führen, sondern auch zum zitierten „akuten Rattenbefall“. Zunehmende Herausforderungen durch die Population der Waschbären Wie auch andere Wildtiere in Siedlungsgebieten erhebliche Probleme verursachen, hat jüngst der Deutsche Jagdverband noch einmal thematisiert. Vor allem in größeren Städten wie Berlin oder Kassel kommt es immer wieder zu Konflikten. Dort sind Stadtjäger mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit zum Wildtiermanagement in Wohn- und Gewerbegebieten unverzichtbar. Unser Autor Christoph Boll befasst sich in unserem Blog in der nächsten Woche mit der explodierenden Population von Waschbären und unterschiedlichen Ansätzen in den Bundesländern zur Bewältigung des Problems. Dabei beginnt eine Debatte, ob dazu Abschussprämien für Jägerinnen und Jäger infrage kommen. Es gibt „Pürzelprämien“ zur Seuchenbekämpfung bei Wildschweinen, Zahlungen von Kommunen und Wasserverbänden für Nutria oder in Sachsen-Anhalt für den Abschuss von Füchsen. Damit geht es bei staatlicher Bezahlung für Erlegungen immer auch um die Frage nach dem Selbstverständnis von Jagd und Jägern. In einem weiteren Beitrag geht unser Autor Christian Urlage aus Niedersachsen auf ein Problem ein, das insbesondere dort gerade die Landwirte haben. Das ist eine Krise auf dem Kartoffelmarkt. Eine gute Ernte klingt zunächst erfreulich, ist wirtschaftlich aber nicht immer ein Vorteil. Sie hat zu einem Überangebot geführt. Verbraucherinnen und Verbraucher freuen sich zwar über sinkende Preise, doch für die Bauern wird es schwierig. Während ihre Lager noch voll sind, kommen schon bald Frühkartoffeln aus der neuen Ernte auf den Markt. Ein Landwirt hat dort sogar 700 Tonnen verschenkt, um seine Lagerbestände zu reduzieren. Für ihn ist das eine „Schadensminimierung“. Ob diese Maßnahme wirklich hilft, bleibt fraglich. Mit dieser Frage verbinde ich die besten Wünsche für ein sonniges Pfingstwochenende. Mit den besten Grüßen Ihr Jost Springensguth Redaktionsleitung / Koordination
- Naturprojekt mit Jägern und Landwirten übertrifft alle Erwartungen
Kreisjägerschaft, Landwirtschaft und Naturschutz schaffen gemeinsam strukturreiche Lebensräume. Das Erfolgsrezept: praxisnahe Beratung, Strukturbrücken und wirtschaftlicher Mehrwert für Landwirte Foto: KJS Unna Als Johannes Laurenz, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Unna, im Mai 2025 das Projekt „UNsere NAtur im Kreis Unna" initiierte, plante er bescheiden: 10 Hektar Maßnahmenflächen sollten im ersten Jahr entstehen. Doch die Resonanz übertraf alle Erwartungen. „Der Run war von Anfang an schon so groß, dass wir jetzt 42 Hektar insgesamt projektiert oder zumindest in Planung gebracht haben“, berichtet Laurenz jetzt. Ein Erfolg, der zeigt: Wenn Jägerschaft, Landwirtschaft und Naturschutz an einem Strang ziehen, entsteht wirksamer Artenschutz in der Kulturlandschaft. Das Ganze wäre nicht so gelungen, wenn Laurenz nicht die Unterstützung engagierter Mitstreiter aus dem Vorstand und der Hegeringe gehabt hätte. Von der Idee bis zur Durchführung jeder einzelnen Maßnahme haben viele mit angepackt. „Ohne Teamarbeit geht so etwas nicht.“ Die Ausgangslage ist ernüchternd. Durch die intensive Nutzung der Kulturlandschaft gehen vielfältige und kleinteilige Strukturen zunehmend verloren. Rebhuhn, Fasan, Kiebitz und Feldhase finden immer weniger geeignete Lebensräume. Besonders dramatisch zeigt sich dies bei der Kükenaufzucht: Rebhuhn und Fasan führen ihren Nachwuchs instinktiv mittig in die Getreidebestände. Doch dort fehlt es an Insekten als Nahrungsgrundlage. Die Folge sind große Kükenverluste und kleine Gesperre oder Ketten. So werden die Fasanen- oder Rebhuhn-Jungvögel in den Revieren genannt. Hinzu kommt der wachsende Druck durch Beutegreifer. Neben heimischen Arten gefährden zunehmend auch eingewanderte Spezies wie Waschbär oder Marderhund die am Boden brütenden Feldvögel und Junghasen. Ohne ausreichende Deckung haben die Tiere kaum eine Chance. Strukturbrücken bringen die Maßnahmen zu den Wildarten Hier setzt das Projekt der Kreisjägerschaft Unna in Zusammenarbeit mit der Stiftung Westfälische Kulturlandschaft an. Sie führt Naturschutz und Landwirtschaft zusammen. Das Konzept ist so einfach wie wirkungsvoll: Mit sogenannten Strukturbrücken werden große Ackerschläge durch Blühstreifen und Blühflächen aufgelockert und strukturiert. Die Streifen werden bereits im Spätsommer mit dem Getreide gesät, verbleiben jedoch nach der Ernte des umgebenden Getreides auf der Fläche und überwintern mit einer Zwischenfrucht bis zum übernächsten Jahr. Für die Ansaat wird spezielles Saatgut aus heimischen Wildkräutern verwendet, das eine breite Standortanpassung aufweist und somit für die im Kreisgebiet vorkommenden Ackerstandorte geeignet ist. Wenn die Blühstreifen und Blühflächen sich gut etabliert haben, können diese auf mehrere Jahre – aktuell bis zu vier Jahre – bestehen bleiben. Die Folgepflege orientiert sich an der Lage und Funktion im landschaftsökologischen Kontext. Übergreifendes Ziel ist bei jeder Flächenausprägung, stets einen unberührten Altkrautbestand in einer Breite von etwa 20 Metern über den Winter zu erhalten. Dieser bietet ausreichend Schutz für Insekten und senkt auch das Risiko, dass brütende Vögel durch Fressfeinde im nächsten Frühjahr gefressen werden. Zahlreiche heimische Insektenarten sowie Fasan, Rebhuhn, Kiebitz, Wachtel, Feldhase oder Rotmilan finden in diesen Flächen ganzjährig Nahrung, Deckung und Schutz. Das Konzept geht buchstäblich zu den Wildarten hin, statt zu erwarten, dass diese sich anpassen. Landwirte als Partner, nicht als Gegner Eine Besonderheit des Projekts liegt in der engen Einbindung der Landwirte. „Die Interessen des landwirtschaftlichen Betriebs werden mitgedacht und eine aktive Mitsprache von den Landwirten eingefordert", betont die Projektbeschreibung. Nach der ersten Projektphase wird gemeinsam entschieden, wie es mit der Maßnahme weitergeht. Die Erfahrung zeigt: Über 90 Prozent der Betriebe sind bereit, die Maßnahmen weiterzuführen. Der Grund für diese hohe Akzeptanz liegt auch im wirtschaftlichen Aspekt. Johannes Laurenz erklärt: „Kern der ganzen Geschichte ist ja, dass wir irgendwann mal dann dieses Projekt als solches auslaufen lassen wollen. Aber dann haben wir einfach die Landwirte so sensibilisiert, dass man mit Agrarumweltmaßnahmen viel für die Biodiversität tun, aber auch Geld verdienen kann.“ Gerade in Zeiten, in denen die Landwirtschaft wirtschaftlich unter Druck gerät, sind viele der Agrarumweltmaßnahmen lukrativ und zu empfehlen. Das Ziel ist es, die projekteigenen Flächen nach erfolgreicher Etablierung in eine Förderung des Vertragsnaturschutzes oder anderer Agrarumweltprogramme zu überführen, da seitens des Projektes keine Dauerfinanzierung geleistet werden kann. Die Umsetzung wird dank der Betreuung durch die Stiftung Westfälische Kulturlandschaft bürokratisch niederschwellig gehalten. Das steigert die Akzeptanz innerhalb der Landwirtschaft und baut Hemmnisse ab. Breite Beteiligung zeigt Bedarf Die Zahlen sprechen für sich: Rund 30 landwirtschaftliche Betriebe und etwa 40 Revierpächter beteiligen sich im Kreis aktiv am Projekt. Bereits im ersten Projektjahr konnten 45 Hektar Maßnahmenflächen umgesetzt werden, weitere befinden sich aktuell in Planung. Von den 42 Hektar entfallen 80 Prozent auf projekteigene Strukturbrücken mit Wildblumen und Kräutern, der Rest auf Beratung bei Agrarumweltmaßnahmen. Multiplikatoren durch Seminare geschult Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Schulung von Multiplikatoren. Viele Ansätze lassen sich leicht in die Breite tragen, wenn das notwendige Wissen vorhanden ist. Ein Baustein hierbei ist die ökologische Hecken- oder Waldrandpflege. In Seminaren wird insbesondere auf die Auswirkungen einer veränderten Landschaftspflege durch Technisierung eingegangen, welche Auswirkungen diese auf die Artenvielfalt hat und was man dagegen tun kann. Feldbegehungen und praktische Anwendungen in Form von Heckenseminaren vermitteln theoretische Grundlagen und Praxistipps. Die Teilnahme ist grundsätzlich für jeden Naturschutzinteressierten möglich. Auf eine schonende und in jedem Fall abschnittsweise Pflege wird erhöhter Wert gelegt. Die Seminare erreichten bislang rund 150 Teilnehmer, ein beachtlicher Erfolg für das erste Projektjahr. Da der Fokus auf Pflegeoptimierungen liegt, werden Neuanlagen gerne mitbegleitet, jedoch nicht finanziell gefördert. Suche nach Sponsoren für Verstetigung Johannes Laurenz ist mit dem bisherigen Verlauf mehr als zufrieden: „Wir sind total überrascht, dass das so erfolgreich ist, und damit sehr zufrieden. Wir wollen natürlich jetzt weitermachen.“ Mit der nun entstehenden Öffentlichkeitsarbeit und dem breiteren Bekanntwerden des Projektes außerhalb von Jägerschaft und Landwirtschaft hofft die Kreisjägerschaft auf weitere Unterstützung. Besonders interessant wären Unternehmen, die eine Neigung haben, das Projekt zu unterstützen und damit auch öffentlichkeitswirksam Werbung zu treiben. Der Hintergrund ist für Laurenz pragmatisch: Um den administrativen Aufwand bei der Sponsorengewinnung gering zu halten, wären größere Einzelspenden effizienter als viele kleine Beiträge. Wobei er betont: „Wir sind auch für kleine Spenden natürlich empfänglich und freuen uns darüber.“ Modell mit Zukunft Das Projekt „UNsere NAtur im Kreis Unna“ zeigt eindrucksvoll, dass erfolgreicher Artenschutz dort entsteht, wo Landwirtschaft, Jägerschaft und Naturschutz gemeinsam handeln. Die Verbindung von ökologischem Nutzen und wirtschaftlicher Perspektive für Landwirte schafft eine Win-Win-Situation, die Akzeptanz und Engagement fördert. In den kommenden Projektjahren sollen weitere landwirtschaftliche Betriebe für das Projekt gewonnen werden. Gleichzeitig wird das Netzwerk ehrenamtlicher Multiplikatoren weiter ausgebaut. Langfristiges Ziel ist es, eine dauerhafte Struktur für Biodiversitätsmaßnahmen in der Kulturlandschaft des Kreises Unna zu etablieren. Das Erfolgsmodell aus dem Kreis Unna könnte Vorbild für andere Regionen sein. Wo Pragmatismus auf Naturschutz trifft und wirtschaftliche Realitäten von Landwirten ernst genommen werden, entstehen Projekte, die tatsächlich etwas bewegen, statt nur gut gemeint zu sein. Mehr zum Thema gibt es hier.
- Ein schwerer politischer Herbst steht bevor
Nach 36 Jahren steckt die Demokratie in den neuen Ländern in der bisher schwersten Krise. Doch auch für die AfD könnte der Herbst schwer werden. Hier ein politischer Blick auf Sachsen-Anhalt Foto: ChristianMD / pixelio.de Jetzt könnte es wirklich politisch ernst werden. Könnte, muss nicht. Umfragen sehen die rechtspopulistische (und in Teilen rechtsextreme) AfD in Sachsen-Anhalt bei 41 Prozent, mit 15 Prozentpunkten Umfrage-Vorsprung vor der regierenden CDU. Danach kommt die Linkspartei mit 13 Prozent, die SPD nähert sich in dem Bundesland (eigener Wahlwerbespruch: das Land der „Frühaufsteher“) der Fünf-Prozent-Hürde. Im Herbst wird in Magdeburg ein neuer Landtag gewählt – und es ist durchaus möglich, dass die AfD dort die absolute Mehrheit erhält. Eine Regierung mit einem rechtspopulistischen Ministerpräsidenten, das wäre ein Novum in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die AfD unter ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund erhielte damit Zugriff auf das Innen- und das Bildungsressort. Das sind Ministerien, die in den Ländern als Schlüsselressorts von hoher Bedeutung gelten. Siegmund, der selbst für AfD-Verhältnisse trotz seines bürgerlichen Auftretens und seiner gemäßigten Wortwahl eher als rechts gilt, wäre dann Mitglied der Ministerpräsidentenrunde, die sich zwei Mal im Jahr trifft. Die Situation in Sachsen-Anhalt kommt aber wenig bis gar nicht überraschend. Zum einen leidet das Land unter dem wohl größten Bevölkerungsverlust. Schon nach der Wende verließen Hunderttausende junge Menschen (vor allem Frauen) das Bundesland, gingen nach Berlin oder in den Westen. Um die 2000er Jahre schwächte sich dieser Trend leicht ab – doch seit zwei Jahren verstärkt er sich wieder mit dem Wegzug gerade der mobilen und gut ausgebildeten jungen Menschen aus Sachsen-Anhalt. Was den radikalen Kräften in die Karten spielt Parallel erlebt das Land – ähnlich wie Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern – eine im Vergleich zu anderen Bundesländern schwere Wirtschaftskrise. Coronapandemie, der Ukraine-Krieg, sinkende Bevölkerungszahlen (und damit weniger für Industrie und Dienstleistung zur Verfügung stehende Mitarbeiter und Verbraucher) – die Abwärtsspirale spielt den radikalen Kräften in die Karten. Die Landstriche außerhalb der Oberzentren Magdeburg und Halle veröden. Überall verschwinden die letzten Geschäfte, drehen die letzten Hausärzte und Schulen den Schlüssel um, schließen Schwimmbäder oder kulturelle Einrichtungen. Die Kommunen verzeichnen kaum noch Steuereinnahmen. Dazu trat vor einigen Monaten der populäre Ministerpräsident Rainer Haseloff ab, seinem Nachfolger Sven Schulze ist es bisher kaum gelungen, im Ansehen der Bevölkerung Bekanntheit und Profil zu gewinnen. Gegenwind aus Berlin Auch die Bundespolitik hilft den Parteien der Mitte in den Ländern aktuell gerade nicht – ganz im Gegenteil: Viele Menschen in Ostdeutschland tun sich auch im Jahr 36 der Einheit schwer damit, wenn Parteien in der Regierung ihre naturgemäß vorhandenen politischen Differenzen in aller Öffentlichkeit im Streitmodus austragen. Ein Erbe des SED-Kommunismus, der Konsens vorgab, wo Ideologie alles auf Linie trimmte. Das aktuelle Erscheinungsbild der großen Koalition in Berlin (die in Ostdeutschland ja längst keine mehr ist) führt zu der falschen Erwartungshaltung, es müsse jetzt mal „so richtig durchregiert“ werden. Die Sehnsucht nach dem starken Mann, sie ist zwischen Magdeburg und Halle, zwischen Quedlinburg und Wittenberg immer noch ein Stück stärker ausgeprägt als im Rest der Republik. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Themen der AfD wie Migration oder Kriminalität im Osten eher eine untergeordnete Rolle spielen. AfD gerät von rechts unter Druck Hoffnung, dass es gar so schlimm nicht kommen wird, bieten zwei Beobachtungen: zum einen verlieren Kandidaten der AfD regelmäßig bei Kommunalwahlen. Selbst in Bautzen, Pirna und anderen Städten setzten sich im zweiten Wahlgang andere Kandidaten als die AfD-Vertreter durch. Das gleiche Bild auch bei lokalen Abstimmungen in Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. „Gerade bei der Stichwahl halten sich die Menschen doch an die demokratisch orientierten Kandidaten, auch wenn sie im ersten Wahlgang anders abgestimmt haben“, sagt ein Parteiinsider. Und Punkt zwei, der das Bild von der geschlossenen AfD zerbröseln könnte: In Sachsen entstehen nicht nur auf lokaler Ebene neue Parteien und Bündnisse wie die „Freien Sachsen“. Deren Programm und Personal ist noch weiter rechts zu verorten als selbst radikale Kräfte innerhalb der AfD. Und es gibt oft direkte Überschneidungen zum NPD-Jargon und -Personal der 2010er Jahre. Sollte sich diese Strömung verstärken, könnte die Partei auch in den anderen Ländern und in Berlin schnell zerrissen werden. Im Moment reicht Weidel und Chrupalla ein einfaches Rezept: Schweigen und Nichts-Tun.
- Mehr für einen gesunden Wald
Nach der EU und dem Bund hat jetzt auch Nordrhein-Westfalen eine Waldstrategie vorgestellt. 17 Themenfelder, 98 Ziele, 129 Maßnahmen, 16 Empfehlungen – welche Wirkung das wuchtige Papier entfalten kann, wird die Zukunft zeigen Foto: Heinrich Linse / pixelio.de Über drei Jahre hat die Vorarbeit gedauert. So lange haben rund 50 Fachleute der nordrhein-westfälischen Forst-, Umwelt- und Naturschutzverwaltung und der Verbände des Waldbesitzes sowie des Waldnaturschutzes mit 17 Unter-Arbeitsgruppen an dem Werk gefeilt. Nun liegt eine Strategie für die rund 953.000 Hektar Wald in NRW und damit für immerhin 28 Prozent der Landesfläche vor. Der neue Masterplan soll in erster Linie der Stärkung der Wälder und der Waldbewirtschaftung in einer Zeit des Klimawandels dienen. „Klimaangepasste Bewirtschaftung“ lautet das zentrale Thema. Standortgerechte Mischwälder aus mehreren Baumarten sollen entwickelt werden, um die Funktionen des Waldes, der in NRW größtenteils jünger als 100 Jahre und zu 63 Prozent in Privatbesitz ist, zu erhalten. Auf Sauerland, Siegerland und Eifel, wo sich die größten NRW-Wälder befinden, kommen entsprechend viele Aufgaben und Veränderungen zu. Ministerin Gorißen: „Ganzheitlich denken“ „Angesichts des Zustandes unseres Waldes müssen wir ganzheitlich denken“, betonte Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen (CDU) bei der Präsentation der Strategie. „Wir wissen, dass wir den Wald nur gemeinsam erfolgreich unterstützen können. Die NRW-Waldstrategie ist dafür die zentrale Orientierungshilfe und ein Handlungsrahmen für alle mit dem Wald befassten Akteure.“ Um das Papier mit seinen vielen Facetten vorzustellen und zu diskutieren, hatte sie zu einer eintägigen Veranstaltung nach Düsseldorf eingeladen. Denn wie bei allen großen Themen lauern auch bei der NRW-Waldstrategie im Hintergrund Zielkonflikte. Schon am Tag der Vorstellung kritisierte zum Beispiel der Nabu, dass die Waldbewirtschaftung zu sehr in den Mittelpunkt gestellt werde. Die natürliche Wiederbewaldung komme zu kurz. Ein starker Wald, der mit heftigen Stürmen, großer Hitze, langen Dürrephasen und einem gefräßigen Borkenkäfer klarkommt, entsteht allerdings nicht von selbst und nicht über Nacht. Hier ist die Arbeit einer ganzen Generation gefragt. Nach Angaben des Landes sind in Nordrhein-Westfalen etwa 140.000 Hektar, also rund 15 Prozent der Waldbestände, flächig abgestorben. Seit mehr als 40 Jahren nimmt die Waldvitalität stetig ab. Hier will man noch intensiver als bisher gegensteuern, zusätzlich Ressourcen schaffen und nicht zuletzt Geld in die Hand nehmen. Wald und Wild müssten im Zusammenhang betrachten Auch die Jagd und das Wildtiermanagement kommen in der nordrhein-westfälischen Waldstrategie zur Sprache – „als Beitrag zur Begründung und Entwicklung baumartenreicher Mischbestände“, wie es heißt. Wald und Wild müssten im Zusammenhang betrachtet werden. „Die Schalenwildbestände sind unter Berücksichtigung von populationsökologischen und sozialen Gesichtspunkten durch Bejagung auf ein Niveau anzupassen, das die Begründung und Entwicklung klimaanpassungsfähiger Mischwälder ermöglicht“, lautet eines der Ziele. Die Art der Formulierung ist typisch für viele Passagen der Strategie. Von der konkreten Umsetzung ist man an vielen Stellen noch weit entfernt.
- Deutschland zwischen Reformanspruch und politischer Wirklichkeit
Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd Liebe Leserin, lieber Leser! „Heute haben wir es uns in Deutschland vielleicht ein wenig zu sehr in der Gegenwart gemütlich gemacht.“ Diese Erkenntnis stammt nicht vom Bundeskanzler, sondern vom neuen und grünen Münchner Oberbürgermeister Dominik Krause bei seiner Amtseinführung am Montag. Ähnliches wollte wohl Friedrich Merz beim DGB-Bundeskongress am Tag darauf vermitteln. Dafür erntete er dort Pfiffe und Buhrufe. Die Erkenntnis der Woche: Wähler wollen Veränderung, linke Funktionsträger tun sich schwer damit. Das gilt wohl auch für den Koalitionsausschuss, der dann bis in die Nacht tagte. Mehr als die Ankündigung, bis zur Sommerpause für Steuern, Arbeitsmarkt, Rente und Bürokratieabbau ein Reformpaket zu schnüren, kam dabei nicht heraus. Politik findet derzeit im Großen statt. Im Kleinen, etwa für die ländlichen Regionen, sind gerade kaum neue Impulse aus Berlin zu erwarten. Sie sind Räume des Zuzugs. Da funktioniert scheinbar von alleine noch viel mit mittelständischer Wirtschaftskraft, niedriger Arbeitslosigkeit und hohem gesellschaftlichem Engagement. Auf diesen Zug will Cem Özdemir nach seiner Wahl in Baden-Württemberg aufspringen. In der Landespolitik ist er dann wohl näher an Land und Leuten. Nächste Woche folgt dann Gordon Schnieder in Mainz. Warum knirscht es immer wieder bei den eingeleiteten und noch angekündigten Reformen zwischen den Koalitionspartnern CDU/CSU und SPD? Fragen, wer staatliche Alimentation wirklich braucht, wer entlastet werden (mehr netto vom brutto) und wer das überwiegend tragen soll, bleiben der Kern von Differenzen zwischen Union und Sozialdemokraten. Friedrich Merz erklärt das mit dem Hinweis darauf, dass seine Regierung nun einmal aus unterschiedlichen Parteien bestehe. Vielleicht sollte man zum Verständnis tiefer gehen: Diese Differenz kommt aus Grundsatzprogrammen und den nun einmal vorhandenen fundamentalen Unterschieden aus der DNA von konservativen und linken Politikansätzen. Aus denen sollen dann Parteispitzen nach für sie enttäuschenden Wahlergebnissen Koalitionen schmieden, weil nichts anderes geht mit dem immer wieder betonten Willen, wonach die politische Mitte bestimmend bleiben soll. Konflikt zwischen Grundsätzen und Veränderungsdruck Zu dieser DNA etwa aus Wirtschafts- oder Sozialflügeln gehören quasi natürliche Grenzen gegenseitiger Kompromissbereitschaft. So ist der Bundeskanzler auf dem DGB-Kongress in heftigen Gegenwind geraten. Aus dem Mittelstand der Union heraus gibt es dagegen Stimmen wie die von Christian von Stetten, der bereits das vorzeitige Ende der Koalition prognostizierte. Wer tiefer in die Demoskopie schaut, stellt fest: Die Menschen wollen Führung und Veränderung. Vielleicht wird die Union beim Thema höhere Einkommen doch weicher werden müssen, weil die Stimmung im Lande ist wie sie ist: Vier von fünf Deutschen halten nach einer ARD-Umfrage den Wohlstand für ungerecht verteilt. Das war allerdings nicht die Qualität des Politbarometers nach den Regeln der Demoskopie, sondern eine Online-Umfrage, an der sich immerhin 77.000 Menschen beteiligt haben. Und Bärbel Bas muss erkennen, dass ihre umstrittene Aussage, es wandere „niemand in unsere Sozialsysteme ein“, nun einmal schlicht falsch ist. Ihr Parteigenosse Thomas Jung, der dienstälteste Oberbürgermeister in Deutschland, erklärt am eigenen Beispiel, wie die SPD durch Praxisbezug und ohne Scheuklappen Wahlen gewinnen kann. Er wünscht sich von seiner Partei „mehr Einsatz für Industriearbeitsplätze und eine starke Wirtschaft“. Er sieht hier richtige Akzente, die die neue Regierung setze, bei denen er aber den Eindruck habe, dass seine eigene Partei das nur widerwillig mitmache. In einem Interview mit web.de erklärt er sein Erfolgsbeispiel so: „Meine Ergebnisse lagen nach der ersten Wahl 2002 stets über 70 Prozent. Ich glaube, es hat viel mit Verlässlichkeit zu tun. Die Menschen in Fürth wissen, dass ich mich um Arbeitsplätze kümmere, um bezahlbares Wohnen, dass die Stadt lebenswerter wird und wir dabei gleichzeitig Schulden abbauen. Das ist ein wichtiges Signal auch an nachfolgende Generationen. Die Politik kann nicht jedes Problem mit Schulden zuschütten.“ Der Nordhäuser Landrat Matthias Jendricke, ebenfalls SPD, sanktioniert Bürgergeld-Missbrauch in seinem Kreis mit einem Modellprojekt. Er sagt im MDR: „Wenn der Staat zu sehr wegschaut, verliert er an Akzeptanz.“ Vielleicht hat sich die Sozialministerin in dieser Woche die ZDF-Doku zu diesem Thema, das die Koalition im Kern spaltet, einmal angesehen ... Zurück im Lande und mit anderem Blick als aus Berlin Bleiben wir bei unterschiedlichen Sichtweisen, wenn es um ländliche Regionen und industriell geprägte Ballungszentren geht. Auch da kann man einen Bezug zur jeweiligen DNA herstellen, wenn man etwa darauf blickt, wie Stadt und Land und die Menschen dort jeweils unterschiedlich ticken. Die einen leben von der Landnutzung und die anderen erholen sich dort, wo andere Agrar- und Forstwirtschaft betreiben. Oder einfach zur Jagd gehen. Zitieren wir mal das, was Cem Özdemir für sein ehemaliges Ministerium in Berlin als „4. Bericht zur Entwicklung ländlicher Räume“ zum Kabinettsbeschluss gebracht hat. Da lesen wir Kernaussagen wie: „Deutschlands ländliche Räume sind attraktiv, lebenswert und entscheidend für die wirtschaftliche Stärke und bieten gleichzeitig Raum für Natur und Erholung.“ Vielleicht erinnert sich der neue Ministerpräsident in Baden-Württemberg wieder daran, nachdem die Grünen ihn regelrecht ins Amt gefeiert haben. Dass da am Ende aus der Koalition ein paar Stimmen fehlten, ist in Stuttgart weniger aufgefallen als dasselbe Phänomen mangelnder Zustimmung bei der letzten Kanzlerwahl in Berlin. Von seinem Parteifreund und Vorgänger Winfried Kretschmann erhielt Özdemir in seinem neuen Amtssitz als Begrüßungsgeschenk eine Kuckucksuhr – wohl auch als Symbol für „im Lande angekommen“. Der neue MP beschwor für die Zukunft mit der CDU und Manuel Hagel an deren Spitze, eine „Koalition auf Augenhöhe“ zu führen. In Rheinland-Pfalz wartet nun Gordon Schnieder nur noch auf seine Bestätigung durch das Parlament und die Amtseinführung in Mainz. Das gilt auch für sein bereits nominiertes Kabinett, wo dann die Zuständigkeiten für Umwelt (SPD) und Landwirtschaft/Forsten (CDU) getrennt weitergeführt werden. Waldbesitzer und Revierinhaber warten gespannt darauf, ob Schnieder das umstrittene Landesjagdgesetz wieder anfassen und ändern lässt. Vom zuständigen Landesjagdverband ist dazu gerade vom neugewählten Präsidium mit Gitta Greif-Werner an der Spitze erhöhter Druck zu erwarten. Mit diesem Thema wurde sie jedenfalls nach einer Kampfkandidatur zur Vorsitzenden gewählt. Zum Spendenformular Und wenn der Herbst kommt, wird es dann in den östlichen Ländern wieder spannend. Anders als dort, wo gerade gewählt wurde. Die Hauptstadt richtet sich bereits auf einen bunten Wahlkampf zum Abgeordnetenhaus in Berlin am 20. September ein. Am selben Tag geht es bei der Landtagswahl in Mecklenburg unter anderem um die Zukunft von Manuela Schwesig als Ministerpräsidentin. Zuvor beantworten die Wähler am 6. September, ob sie in Sachsen-Anhalt eine Regierung mit einem rechtspopulistischen Ministerpräsidenten ins Amt bringen. Unser Autor Frank Polke beschreibt in einem Blogbeitrag für uns in der nächsten Woche Szenarien und Gründe, warum die AfD hier so stark geworden ist, wie Politbarometer und andere Umfragen konstant bei 40 Prozent bestätigen. Langfristig neue Regeln für Hunde- und Katzenhalter Nach verlässlichen Angaben gibt es in diesen Zeiten 34 Millionen Tiere in deutschen Haushalten. Spitzenreiter der Statistik sind fast 16 Millionen Katzen und danach rangieren mit 10,5 Millionen die Hunde. Die Halter müssen EU-weit ihre Tiere in absehbarer Zeit chippen lassen. Damit erfolgen Kennzeichnung und Registrierung mit einem reiskorngroßen Chip, den Tierärzte injizieren sollen. Hauptziel dieser Verordnung zum Schutz von Hunden und Katzen sei es nach Angaben des Deutschen Jagdverbandes (DJV), illegale, missbräuchliche und grausame Praktiken zu bekämpfen – vor allem in der kommerziellen Zucht. Und es geht um den Kampf gegen Qualzucht, illegalen Welpenhandel, das Aussetzen von Hunden und Katzen. Immer wieder hören wir auch von Entführungen ausgebildeter Jagdhunde, die dann unter anderem in digitalen Schwarzmärkten zum Kauf angeboten werden. Die Verordnung soll 2028 in der gesamten EU in Kraft treten, wobei die Kennzeichnungspflicht stufenweise 2030 für Züchter, Händler und Tierheime gelten soll. Ab 2036 tritt sie für alle privat gehaltenen Hunde und Katzen in Kraft. Spätestens ab 2041 müssen Halter ihre Tiere chippen lassen. Ausnahmen wird es auch geben: Katzen in landwirtschaftlichen Betrieben fallen nicht unter diese Verordnung. Außerdem gibt es Ausnahmen für Diensthunde. Film über Walderlebnistag und Rucksackübergabe Unlängst haben wir über eine besondere naturpädagogische Aktivität des Rotary-Clubs Hamm-Mark berichtet. Wir haben im Anschluss über einen „Walderlebnistag“ für rund 200 Grundschülerinnen und -schüler berichtet. Diese Aktion stand im Zusammenhang mit der Übergabe von 17 Waldrucksäcken. Die Stiftung natur+mensch hatte sie mit praxisbezogenem Lehr- und Lernmaterial für ebenso viele Schulen zusammengestellt. Diese Kooperation zwischen der Stiftung natur+mensch und Vereinigungen bzw. Serviceclubs wie Rotary oder Lions regt zur Nachahmung an. Inzwischen steht ein Film über die Aktion in Hamm zur Verfügung. Er ist über diesen Link abrufbar. Mit der Empfehlung, da mal reinzuschauen, verbleibe ich für dieses Wochenende mit den besten Grüßen Ihr Jost Springensguth Redaktionsleitung / Koordination
- Warum das Land aufgewertet werden muss – ein lesenswerter Appell
Der Journalist Andreas Möller analysiert in seinem Buch „Die Unterschätzten“ den Gegensatz zwischen Dorf- und Stadtbewohnern – vor allem aus dem Blick eines Landwirts aus Mecklenburg Wohlstand und Demokratie entscheiden sich auf dem Land, wo mehr als die Hälfte der Deutschen leben. Diese These vertritt der Journalist und Technikhistoriker Andreas Möller in seinem lesenswerten Buch „Die Unterschätzten“. Der in Rostock geborene und in Berlin lebende Autor hat viele Gespräche mit Hendrik geführt, einem Landwirt aus Mecklenburg, den er seit Kindertagen kennt. Hendrik bewirtschaftet einen großen Hof in der Nähe von Güstrow. Mit seinen Einblicken bringt Möller eine ungewohnte Perspektive in die Debatte über Stadt und Land ein. Sie fußen auf den Erfahrungen eines nordostdeutschen Bauern, der stärker als Stadtbewohner die Folgen von Regulierungen, Verordnungen und Gesetzen der Europäischen Union und des Bundes spürt. Möller zeigt, warum Bauern mit ihren Treckern protestieren und warum sich viele Landbewohner von der Politik entfernen: Sie halten Entscheidungen in Berlin und Brüssel für weltfremd. Sie wünschen sich mehr Respekt – für ihre Arbeit, die Lebensmittel sichert, und für ein Leben mit Herausforderungen, die Menschen in der Stadt oft nur erahnen können. Und je weniger man dort die Arbeitsbedingungen kennt, umso mehr schwindet die gesellschaftliche Wertschätzung. So entsteht bei den Landwirten das Gefühl, dass ihre Sorgen und Nöte kaum Gehör finden. Viele fühlen sich vielfach als Buhmänner, verantwortlich gemacht für Fleischskandale, die Klimakrise und das Insektensterben. Wer von seinen Erträgen lebt, sieht die Dinge anders – etwa wenn die Schilf-Glasflügelzikade die Ernte dezimiert. Vertrauen in die Unionsparteien ist kontinuierlich geschwunden Der Frust zeigt sich bei den Bauern auch daran, dass ihr Vertrauen in CDU und CSU kontinuierlich gesunken ist: 2013 wählten sie noch zu 74 Prozent die Union, 2017 waren es 61 Prozent, 2021 lediglich 45 Prozent. Die AfD punktet auf dem Land, weil sie die Proteste aufgreift und präsent ist. Die Grünen gelten dagegen als Partei der Städter, deren Politiker selten in den Dörfern auftauchen. Gleichzeitig wird es für Landwirte immer schwieriger, in der Politik Gehör zu finden: Im Deutschen Bundestag sitzen nur noch vier Bauern unter 630 Abgeordneten, dazu ein Forstwirt und zwei Fleischermeister. Um 1900 arbeitete noch jeder zweite Deutsche in der Landwirtschaft, heute sind es weniger als zwei Prozent. Andere Perspektiven auf die Energiewende und den Umgang mit dem Wolf Möller beleuchtet auch andere Perspektiven, etwa auf die Energiewende und den Umgang mit dem Wolf. Landwirte ruinieren ihre Böden schon aus Eigeninteresse nicht, sondern bewirtschaften sie verantwortungsvoll. Doch sie müssen trotz Preisdrucks durch den Handel, trotz Bürokratie ökonomisch überleben. „Hat halt seinen Preis, wenn die Ställe anders aussehen sollen, größer und luftiger, wie man es sich als Besucher auf dem Dorf vorstellt“, zitiert der Autor seinen Gesprächspartner. Auch bei der Energiewende, die auf dem Land mit Windrädern, Biomasse und Solaranlagen umgesetzt wird, sehen Dorfbewohner vieles anders als Städter. Das gilt auch für den Wolf, der nicht allein Schafe reißt, sondern auch viele Tausend Stück Schalenwild, Rehe und Wildschweine, vor allem aber Dam- und Rotwild. „So wird in Jägerkreisen berichtet, dass beim Damwild in weiten Teilen Niedersachsens und Brandenburgs ab Herbst kaum noch Kälber beziehungsweise Lämmer existieren, beim Muffelwild auch nicht“, schreibt Möller. Zusätzlich dringe der Wolf in Offenställe ein, die in der Rinderhaltung im Osten stark verbreitet seien. Das Land als Standort von „Hidden Champions“ Möller schreibt jedoch nicht nur über Misstrauen, sondern auch über die Chancen. Das Land sei keineswegs wirtschaftlich rückständig, sondern Standort von „Hidden Champions“, von mittelständischen Unternehmen, die in engen Nischenmärkten Europa- oder gar Weltmarktführer sind, aber öffentlich kaum bekannt. In Zeiten angespannter Lieferketten gewinne eine verlässliche heimische Produktion in intakten Gemeinschaften an Bedeutung. Daher wird nach Ansicht des Autors das bisher unterschätzte Land eine größere Rolle spielen. Bemerkenswert ist Möllers Vermutung, dass es den Bauern bei ihren Protesten gegen die Abschaffung der Steuerrückerstattung für Agrardiesel weniger ums Geld ging. Vielmehr hätten sie ein kampagnenfähiges, öffentlichkeitswirksames Thema gesucht. Ein allgemeines Unwohlsein, Kritik an einer abwertenden Sprache oder an erlebten Vorurteilen hätten in den Medien jedoch kaum Resonanz gefunden. Es ist ein erfreuliches, faktenbasiertes Buch, das Verständnis weckt und sich gegen eine Ignoranz wendet, die vor allem den politischen Rändern nützt. „Der gefühlte Zustand der Wirtschaft hat am Ende Auswirkungen auf die Zustimmung zur Demokratie, in Dörfern und Städten gleichermaßen“, schreibt Möller. Man kann diesem Werk eine weite Verbreitung wünschen, auch wenn die Sprache noch klarer hätte sein können. Andreas Möller: „Die Unterschätzten – Warum sich unsere Zukunft auf dem Land entscheidet“, Verlag Rowohlt Berlin, 208 Seiten, 24 Euro.
- Jagdverbände auf neuen Wegen
Vier Landesjagdverbände (LJV) haben kürzlich neue Präsidien gewählt. Zwei Mal wurden Präsidenten abgewählt. Zwei Mal kamen Frauen an die Verbandsspitze. Das zeigt einen kaum bemerkten Veränderungsprozess Foto: JessicaBerger Jagd ist höchst politisch, wenn auch nicht vordergründig parteipolitisch. Immer geht es neben dem verbandsinternen Führungsstil auch um die gesellschaftliche Ausrichtung des Waidwerks. Sie wird an Personen festgemacht, muss aber auch in die Zeit passen. Ein Jägerpräsident, der den Deutschen Jagdverband (DJV) oder einen LJV mit einer solchen Mischung aus Charme, Witz, Taktik und großem Selbstbewusstsein führt wie Constantin Freiherr Heereman dies in Nordrhein-Westfalen 28 Jahre lang tat, ist heute unvorstellbar. Das dürfte einer der Gründe sein, warum kaum ein oberster Repräsentant der Jägerschaft auf Landesebene in der heutigen schnelllebigen Zeit mehr als zwei Wahlperioden absolviert. In den Debatten geht es fast immer um die innerverbandliche Führung und die Reaktion auf jagdpolitische Entwicklungen bis hin zu neuen Landesjagdgesetzen. Hinzu kommt ein immer schnellerer gesellschaftlicher Wandel, angesichts dessen es wie ein Anachronismus anmutet, dass erst jetzt nach Nicole Heitzig in NRW mit Dorothee Giffey in Hamburg die zweite Frau zur Präsidentin eines LJV gewählt wurde. Wenige Tage später folgte in Rheinland-Pfalz mit Dr. Gitta Greif-Werner die dritte. Sie setzte sich auf dem Landesjägertag nach einer hitzigen Debatte in der Wahl gegen Amtsinhaber Dieter Mahr durch. „Vertrauensvolles Miteinander und konstruktive Ideen“ Greif-Werner hatte angekündigt, im Falle ihrer Wahl die Funktionsträger im Verband deutlich stärker einzubeziehen. Denn nur im vertrauensvollen Miteinander erwüchsen konstruktive Ideen. Das durfte durchaus als Kritik an Mahr verstanden werden. Auch inhaltlich setzte sie sich klar vom Amtsinhaber ab und gab sich kämpferisch. Mit dem neuen rheinland-pfälzischen Jagdgesetz habe es im vergangenen Jahr unter Federführung der grünen Umweltministerin Katrin Eder einen Dammbruch gegeben – weg vom Wild hin zum reinen Waldschutz mit faktischer Enteignung der Jagdgenossen und „Deklassierung“ der Landwirte zu „Grundeigentümern zweiter Klasse“. Alles, was rechtlich und politisch korrigiert werden könne, müsse angegangen werden. Die fachlichen und politischen Argumente ließen sich auch so interpretieren, dass der Amtsinhaber nicht richtig für die Sache von Jagd, Jägern und Grundbesitzern gekämpft habe. Der Attackierte kündigte zwar auf dem Landesjägertag noch an, im Falle einer Wiederwahl einen besseren Zugang zum Präsidium schaffen zu wollen. Doch weder das noch die Unterstützung seiner Verteidiger bewahrten ihn vor der Abwahl. An neuen Jagdgesetzen gescheitert Im Ergebnis gleich ging es Ernst Weidenbusch in Bayern, dessen LJV als einziger in den 16 Bundesländern seit 2009 nicht mehr Teil des DJV ist. Da half auch nicht, dass vor der eigentlichen Wahl der Landeswirtschafts- und Jagdminister Hubert Aiwanger von den Freien Wählern im Beisein von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer zur Einheit aufrief und appellierte, man solle lieber mit- anstelle übereinander reden. Die ministerielle Mahnung erfolgte vor dem Hintergrund jahrelanger verbandsinterner Querelen und Machtkämpfe, teilweise bis hinunter auf die regionale und lokale Ebene. Das hatte bereits gut zwei Jahre nach Weidenbuschs Amtsantritt im März 2023 zu einem Abwahlantrag geführt, der damals allerdings scheiterte. Der ehemalige CSU-Landtagsabgeordnete war auf seine Kritiker zugegangen, hatte eingeräumt, der LJV gebe durch die Streitereien in der Öffentlichkeit ein „katastrophales Bild“ ab, und Besserung durch das Ausräumen bestehender Unstimmigkeiten und Missverständnisse gelobt. Die Beschwichtigungen fruchteten jedoch nicht. Die teils heftige Kritik an Weidenbusch verstummte nicht. Sie kam nicht allein von Jägern, sondern auch von Behörden und Ministerien. Der Unmut über Weidenbuschs autoritären Führungsstil wuchs im Verband kontinuierlich. „Mehr konkrete und nachvollziehbare Transparenz“ Das führte dazu, dass sich Anfang des Jahres der 48-jährige Augsburger Unternehmer Hubert Stärker zur Gegenkandidatur entschied. Er präsentierte sich als Teamplayer und Mann der Basis – mit dem Versprechen, mehr konkrete und nachvollziehbare Transparenz herzustellen. Er versprach zudem einen respektvollen Dialog zwischen den Kreisgruppen, den hauptamtlichen Mitarbeitern und dem Präsidium. „Ich stehe für die konservative Mitte, es sollte keine Extreme geben.“ Auch und schon gar nicht in der Jagd, lautete Stärkers Credo. Entsprechend stehe er auch für Wald mit Wild, was im Gegensatz zur bayerischen Jagdpolitik steht, die der Losung „Wald vor Wild“ folgt. Um das höchste Amt in der bayerischen Jägerschaft beworben hat sich der mit knapp 52 Prozent gewählte neue Präsident nach eigenen Worten, weil er sich nicht mehr von der vorherigen Führung vertreten gesehen habe. Mitglieder nicht eingebunden Die Debatte um den Vorrang von Wald oder Wild hatte bereits Thomas Nießen in Mecklenburg-Vorpommern die Präsidentschaft gekostet. Ende 2023 legte er das Amt nieder oder wurde nach anderer Sichtweise herausgedrängt, nachdem mehrere Kreisverbände ihm vorgeworfen hatten, sein Ehrenamt missbraucht und gegen Positionen der Jägerschaft in Mecklenburg-Vorpommern gestimmt zu haben. Im Kern ging es dabei um die zunächst von Nießen und dem LJV mitgetragene Änderung des Jagdgesetzes mit einer Mindestabschussregelung für Rot- und Damwild, ohne Begrenzung nach oben. Kritiker sahen die Gefahr, dass Tierarten dann in ganzen Regionen ausgemerzt werden könnten. In der Folge gab es dann noch den Rücktritt eines Vizepräsidenten und den gescheiterten Abwahlversuch eines weiteren Vizepräsidenten, bevor der zunächst kooptierte und dann gewählte Präsident Florian Asche sich seit 2024 bemühen konnte, den Verband in ruhigeres Fahrwasser zu bringen. Gemessen daran verlief der Landesjägertag 2026 in Schleswig-Holstein geradezu ruhig. Nachdem Präsident Wolfgang Heins sich nicht erneut zur Wahl stellte, tauschte der LJV sein Präsidium per Ämtertausch quasi durch. Er bestätigt damit den vorgegebenen Kurs der vorherigen Versammlung. Man darf gespannt sein, ob es in Thüringen Ende Mai genauso glatt läuft. Dort tritt Ludwig Gunstheimer zwar ohne Gegenkandidaten wieder an. Aber in den vergangenen zwei Jahren blies ihm mächtig der Gegenwind ins Gesicht, als sich in der Diskussion über höhere Mitgliedsbeiträge tiefe innerverbandliche Gräben auftaten. Gunstheimer kritisierte daraufhin die verbandsinterne Kommunikation der Kreisvorstände.











