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Wenn der Vater aufs zweite Bier verzichtet

  • Autorenbild: Frank Polke
    Frank Polke
  • 13. Nov. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Es war kein gutes Jahr für die Gastronomiebranche in Deutschland. Das Kneipensterben geht deswegen ungebremst weiter. Und das besonders auf dem Lande


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Foto: Sora
Foto: Sora

Die nackten Zahlen bestätigen einen gefährlichen Trend, der auch die Lebensqualität gerade im ländlichen Raum bedroht. Die Gastronomiebranche in Deutschland kommt nicht aus der Flaute. Ganz im Gegenteil: Es geht weiter bergab.


Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sank der Umsatz im Gastgewerbe im August dieses Jahres um 1,4 Prozent im Vergleich zum Juli. Ein Rückgang, den man vielleicht noch verschmerzen kann. Noch deutlicher werden die Probleme bei einem anderen Vergleichszeitrahmen: Im Vergleich zum Vorjahresmonat sank der Umsatz um 3,5 Prozent. Auch kleinere Hotelanbieter melden deutliche Rückgänge, sogar auf der Promi-Insel Sylt blieben in diesem Jahr jede Menge Hotelzimmer leer.


Das ist eine negative Entwicklung, die sich auch an der gastronomischen Infrastruktur in Deutschland nachverfolgen lässt. Allein seit 2019 haben 67.000 Kneipen, Restaurants und Gasthöfe in Deutschland aufgegeben. Ein Grund war natürlich die Corona-Pandemie, die wie eine Abrissbirne gerade für die Gastronomiebranche gewirkt hat. Knapp ein Jahr durfte kein Betrieb Gäste und Kunden empfangen, Umsatz damals gleich null. Viele Mitarbeiter flüchteten in dieser Zeit aus der Branche – nur ein kleiner Teil kehrte zurück.


Schockwellen nach Corona


Die wechselnden Bundesregierungen zahlten zwar hohe Corona-Entschädigungen an die Branche (die höchsten im Vergleich aller Wirtschaftszweige), aber dennoch bleibt der Trend negativ. „Nach der Corona-Krise, die vom deutschen Staat gerade für die Gastro- und Tourismusbranche mit viel Geld und Empathie unterstützt wurde, kamen die nächsten Rückschläge“, bestätigt ein Branchenkenner. Vereinzelt haben sich im Anschluss an Corona auch unerwartete behördliche Rückforderungen von Hilfen in den Bilanzen der Betriebe niedergeschlagen.


Unsicherheiten, auch ausgehend vom Ukraine-Krieg und durch die hohe Inflation, haben bei vielen Verbrauchern die Lust am Essengehen oder am Bier in der Eckkneipe vermiest. Diese Stimmung ist weiter zu spüren. In der ohnehin mit geringen Margen kämpfenden Branche (von 100 Euro Umsatz bleiben nach Angaben des Dehoga zum Beispiel in der Außengastronomie in Bremen fünf Euro übrig) sind die Kosten in den vergangenen zwei Jahren deutlich nach oben geschossen: Energie für Hotels und touristische Anlagen kostet 13 Prozent mehr, bei Löhnen sind es 14 Prozent. Besonders hart trifft es Restaurants: Im Schnitt müssen Gastronomen und Restaurantbetreiber knapp 20 Prozent mehr für Grunderzeugnisse für Lebensmittel aufwenden, um ihre Speisen und Co. anbieten zu können. Dies führt dazu, dass seriös kalkulierende Gastronomen kaum noch ein Schnitzel unter 30 Euro anbieten können. Eher geht diese Entwicklung in Richtung 40 Euro.


Politische Debatte um Mehrwertsteuer


Das ist für viele Gäste und Urlauber zu viel, die dann lieber zu Hause bleiben und sogar in den Ferien in der gemieteten Wohnung brutzeln. Die deutschen Küsten melden somit ebenfalls erhebliche Umsatzeinbrüche bei Übernachtungen, Freizeitattraktionen oder Gastro-Besuch. „Viele Familien leisten sich schon nicht mehr den Gang in die Pizzeria“, sagt ein Hotel-Manager aus dem Ostseeraum. Oder wenn sie kommen, dann teilen sich vier Leute schon mal drei Essen. Oder verzichten aufs zweite Bier für den Papa oder den Weißwein für die Mama.


Diese Entwicklung beschäftigt zwangsläufig auch das politische Berlin. Im Koalitionsvertrag ist die Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen von derzeit 19 auf sieben Prozent festgeschrieben. Es war ein zentrales Wahlversprechen vor allem der Union – auch und gerade mit Blick auf die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und irgendwann in Bayern. Gerade die Union setzt sich nun dafür ein, dass diese auch kommt, um die gastronomische Infrastruktur vor allem in den ländlichen Regionen nicht noch weiter auszudünnen. Bisher gibt es aus dem Bundesfinanzministerium keine Einwände. Auch dort weiß man genau, dass dieses Thema durchaus Potenzial hat, den Rechtspopulisten weiteren Aufwind zu verschaffen. Schon heute liegt die AfD auf der Ostseeinsel Usedom bei 49 Prozent.

1 Kommentar


Gast
15. Nov. 2025

Irgendetwas stimmt bei den Berechnungen nicht. 40 Euro wird niemand für ein Schnitzel bezahlen. Da sind die Preise in Schweden ja Schnäppchen…

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