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Klimagipfel, Geburtstag, Beschlüsse in Berlin – und was sich auf dem Lande tut

  • Autorenbild: Jost Springensguth
    Jost Springensguth
  • 14. Nov. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und auf die Bundespolitik



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Liebe Leserin, lieber Leser,


so richtige Zuversicht hat sich im Herbst mit Blick auf Berlin noch nicht breit gemacht, obwohl man der „Arbeitskoalition“ von Union und SPD nach dem Bruch der Ampel mehr als einen Ruck zugetraut hatte. Hinter uns liegt eine Woche, in der endlich große Themen angefasst wurden, um die Kurven der Wirtschaftsdaten und der politischen Stimmung im Lande zu drehen. Vielleicht hat auch der Weckruf der Wirtschaftsforscher mitgewirkt. Der Kanzler wird nicht müde zu versprechen, dass mit ihm auf Deutschland Verlass sei. Wir wollen uns gleichwohl in unserer Wochenkolumne natur+mensch darüber hinaus weiter unseren Themen zuwenden. Über die Hälfte der Menschen leben und arbeiten im ländlichen Raum. Darüber wird im Moment wenig gesprochen. So schauen wir erneut auch dorthin: Was sich rund um unseren Wald tut, ob die Jagd dort auch in Zukunft angemessen ihre Rolle spielen und wie sie für die Allgemeinheit wirken kann. Die Zunahme eingewanderter Tierarten wie Waschbären oder Nilgänse betrifft alle. Wir schlagen im Folgenden wieder einen weiten Bogen.


Für unseren Bundeskanzler sollte der Dienstag dieser Woche als normaler Arbeitstag ablaufen. Ausgerechnet an diesem jährlichen Eröffnungstermin der Karnevalssession hat Friedrich Merz nun einmal Geburtstag. Diesmal war es der 70. Deshalb nahmen das die Kolleginnen und Kollegen im Bundestag und auch im Kabinett trotz aller gewünschter Normalität zum Anlass einer kleinen Feier mit Torte, vielen guten Wünschen und kleinen Geschenken. Ausgelassenheit – wie üblich am 11.11. am Rhein – blieb an diesem Tage in jeder Beziehung gefühlt auf Distanz zum Berliner Regierungsviertel. Vielleicht war es ein angedeutetes Symbol der durch die sauerländische Herkunft geprägten Zuneigung des Kanzlers auch zum Ländlichen und damit auch zur Tierwelt. Jedenfalls hatte Jens Spahn neben einer Deutschland-Fahne drei Krawatten mit Motiven entsprechender Tiermotive als Präsent dabei: Elefanten, Delphine und Eichhörnchen. Ob der Landwirtschafts- und Ernährungsminister dann noch passende Produkte beisteuerte, wurde übrigens nicht bekannt. So blieb es für den Geehrten am Ende doch ein normaler Arbeitstag. Denn dafür spricht die Meldung, dass Friedrich Merz keine Zeit hatte, die vielen Glückwunsch-SMS zu lesen. Ganz oben dürften für ihn auf der Wunschliste bessere Nachrichten stehen – insbesondere, dass Haushalts- und Investitionsbeschlüsse endlich greifen. Diesen Wunsch konnte der Sachverständigenrat mit seinem Jahresgutachten zur wirtschaftlichen Entwicklung 2025/2026 auch in dieser Woche noch nicht erfüllen. Die Wissenschaftler testierten „Stagnation“, was wenigstens schon einmal keine Rezession mehr bedeutet.


Das Bekenntnis des Kanzlers zum Klimaschutz


Begonnen hatte die Woche für Friedrich Merz mit einem Langstreckenflug als Kurztrip zur Weltklimakonferenz nach Belém am Amazonas. Natürlich ging es dem Kanzler darum, Bekenntnisse abzugeben, die am Ende sicher bei weniger als der Hälfte der dort angemeldeten 56.000 Delegierten Beifall finden werden. Seine Botschaft: Deutschland leistet seinen Beitrag. Europa hatte sich zuvor auf reduzierte Ziele verständigt. Und das hatte der Kanzler insgesamt dort zu vertreten. Dies in einer Form, die Merz so als Bekenntnis formulierte: „Wir treten für einen Klimaschutz ein, der wirtschaftliche Aktivitäten fördert und nicht behindert.“ Unsere Wirtschaft sei nicht das Problem, sondern sie sei der Schlüssel, „um unser Klima noch besser zu schützen“. Das Ziel des Kanzlers ist nach seinen Äußerungen vor der Weltklimakonferenz in Belém eine langfristige Energiesicherung bei günstigen Preisen und Wettbewerbsfähigkeit mit sozialer Ausgewogenheit. Die Zusage hieß: „Auf Deutschland ist Verlass.“ Jedenfalls sekundiert der deutsche Umweltminister Carsten Schneider (SPD) aus Belém, Deutschland sei dabei und wolle als starkes Industrieland klimaneutral werden. Ob die gerade veränderte Zeitschiene und der Abgleich mit Europa am Ende passen, ist noch nicht sicher. Nun muss erst einmal die umstrittene Brüsseler Einigung selbst mit abgeschwächten Klimazielen noch durchs Europäische Parlament. Wie sich das alles nach innen bei uns auswirken wird, bleibt eine Frage, die uns weiter bewegt.



Kommen wir noch einmal zurück auf unsere Wirtschaft. Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche hat in Berlin auch in dieser Woche eine Grundsatzrede gehalten und dabei das Thema Klima erst mal ausgeklammert. Kernaussage: Die deutsche Wirtschaft muss langfristig wieder wettbewerbsfähig werden. Die Lage sei ernst, sagte sie, und es brauche ein umfassendes Fitnessprogramm – mit der Konzentration auf diese Kernaufgaben: Sicherheit, Infrastruktur und Bildung. Sie sprach auf einem Symposium zur sozialen Marktwirtschaft, wozu das Motto „Wieder mehr Erhard wagen“ passen würde. Solche Gedanken wirken auf den Koalitionspartner nicht gerade vertrauensbildend. Jedenfalls hat Reiche ihre Aussagen symbolisch unterlegt: Jetzt wurde bekannt, dass die Büste von Ludwig Erhard in ihr Ministerium zurückgekehrt ist. Reiches Vorgänger Robert Habeck hatte die ausgeliehene Skulptur an ihren Besitzer, Herbert B. Schmidt, einst Mitbegründer des CDU-Wirtschaftsrates, 2023 zurückgeben müssen. Der Grund: Der Stifter hielt nichts von der Politik des damals amtierenden Grünen. Das Handelsblatt griff das Thema auf und zeigt sich weiter skeptisch: Es bleibe zu befürchten, dass die Rückkehr der Büste mehr Kulisse als Kurskorrektur sei, denn der Geist der sozialen Marktwirtschaft, die Erhard prägte, sei in der Bundesregierung kaum mehr spürbar. Ob das zur Klima-Ansage des Kanzlers passt?


Von oben sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht


Damit sind wir noch einmal in Belém: Ein anderes Zitat des brasilianischen Präsidenten von dort lässt auch für unsere Themen aufhorchen: „Wer den Wald nur von oben sieht, weiß nicht, was unter seinem Dach geschieht.“ Waldbauern und Förster stehen vor grundlegenden Herausforderungen, unter diesen Bedingungen Reviere so umzubauen, dass sie auch für kommende Generationen zukunftsfest bleiben. Und Jägerinnen wie Jäger spielen dabei auch noch eine Rolle. Der Wald ist von je her ein Generationenthema. Dessen Funktionen und aktuelle gesellschaftliche Ansprüche wachsen dramatisch mit den unterschiedlichen Bestrebungen zwischen wirtschaftlich verpflichtetem Eigentum und öffentlichem Wohl. Daraus leitet die Stiftung natur+mensch in den aktuellen Debatten den Auftrag ab, sich mit eigenen Positionen einzubringen, die der Jagd in Wäldern der Zukunft ausgewogen einen angemessenen Platz sichern. Dazu gehört insbesondere auch der Blick auf die Waldböden. natur+mensch widmet sich konkreten Beispielen der Waldentwicklung, die beides zulässt: Wirtschaftswald und Jagdbetrieb. Ziel ist es, den Nachweis einer ausgewogenen ökologischen und ökonomischen Bewirtschaftung zu führen. Die Stiftung will einen konkreten Beitrag zu den gesellschaftlichen Diskussionen über Nachhaltigkeit, CO₂-Speicherung, Klima- und damit Zukunftsstabilität von Wäldern leisten. Dazu gehören die Aspekte der Energieversorgung, Biodiversität, Gesundheits- und Erholungsfunktionen – sowie „Wald mit Wild“ statt „Wald vor Wild“ als Praxisbeispiel.


Darüber habe ich u.a. mit dem Forstwissenschaftler Prof. Dr. Andreas Schulte gesprochen. Er war Inhaber des Lehrstuhls für Waldökologie, Forst- und Holzwirtschaft im Institut für Landschaftsökologie der Universität Münster. Er stellt, wie er sagt, zunehmend alarmistischen und ideologisch gefärbten Darstellungen in Berichterstattung und Politik möglichst gut ausgeleuchtete Daten, Fakten und Hintergrundinformationen kritisch gegenüber. Im Blog natur+mensch werden wir auf ihn und seine Videos gern noch einmal zurückkommen.


Invasive Arten sind mit Pulver und Blei allein nicht zu stoppen


Invasive Arten richten enorme Schäden an – in der Landschaft, an heimischen Arten und möglicherweise auch an der menschlichen Gesundheit. Deshalb soll ihre Ausbreitung verhindert werden. Doch Streckenzahlen zeigen, dass das kaum gelingt. Es gibt vielmehr zum Teil enorme Bestandszunahmen. Die Statistiken, die unser Autor Christoph Boll in der kommenden Woche in seinem Blog-Beitrag auswertet, belegen klar: Die Vorkommen von Waschbär und Marderhund, Nutria, Mink und Nilgans nehmen zu. Erfasst sind dabei nur die als erlegt gemeldeten Stücke. Denn während es für die Schalenwildarten verbindliche Abschusspläne und körperliche Nachweise gibt, entfällt dies für das Niederwild, zu dem die gebietsfremden Arten zählen. Ihre Bejagung erfolgt quasi freiwillig und sicher nicht flächendeckend oder konsequent. Denn nicht wenige Jäger lassen den Finger gerade, wenn sie beim Ansitz auf Sau oder Hirsch einen Neozoen in Anblick haben. Damit erweisen sie der Natur einen Bärendienst, wenngleich klar ist, dass die tierischen Zuwanderer allein mit Pulver und Blei nicht zu stoppen sind. Für die Eindämmung braucht es eine konsequente Fangjagd mit der Falle.


Kürzlich haben wir auf die vielfältigen Hinweise zu Wildunfällen im Herbst hingewiesen. Wie aktuell und berechtigt das ist, zeigt eine Meldung aus dem Kreis Neuburg-Schrobenhausen in Bayern: Dort ereigneten sich in der letzten Woche nach Einbruch der Dunkelheit von Donnerstagabend bis Freitagmorgen gleich fünf Wildunfälle – vier Rehe und ein Wildschwein. In allen Fällen wurden Autos beschädigt. Das bestätigt, wie stark Wild in der Dämmerung und nachts aktiv ist. Bei zwei Unfällen starben die Tiere sofort, bei den übrigen musste die Polizei verletztes Wild nachsuchen lassen.


So verbleibe ich mit diesem Wochenkommentar mit besten Grüßen und Waidmannsheil Ihr Jost Springensguth Redaktionsleitung / Koordination

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