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  • Zwischen Verteilungskämpfen, Jagdstreit und gelebter Tradition

    Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd Liebe Leserin, lieber Leser! Die Woche des Bundestags war sitzungsfrei. Dafür kamen auf Fach- und Länderebene die Ministerpräsidenten zusammen. Und es tagten die Verkehrsminister. Bei beiden Konferenzen ging es wieder um Verteilungskämpfe. So gehen auch wir im Folgenden auf die Frage ein, wer die Anbindung der ländlichen Räume und die steigenden Kosten im Schienenverkehr bezahlt. Da spielen die Ministerpräsidenten der CDU gegenüber dem Bund eine besondere Rolle. Die SPD ist gleichzeitig weiter auf Identitäts- und Personalsuche für ihre Spitze. In dieser Wochenkolumne blicken wir dann aktuell wieder einmal auf Rheinland-Pfalz, wo die neue Regierung das noch nicht in Kraft getretene Landesjagdgesetz der alten Koalition wieder auf die Tagesordnung gesetzt hat. Es soll möglichst schnell zum alten vorgesehenen Stichtag am 1. April wirksam werden. Für die neue Präsidentin des Landesjagdverbandes, Gitta Greif-Werner, reicht der aktuelle Kabinettsbeschluss nicht aus. Er sei eher eine Korrektur statt Kurswechsel. Schließlich weisen wir in dieser Kolumne darauf hin, dass die Zeit der traditionellen Hubertusmessen gekommen ist. Sie sind eindrucksvoll und symbolisieren den Respekt vor der Schöpfung. Diese Woche war nicht nur von politischen Sorgen oder weiteren offenen Streitereien geprägt. In Berlin herrscht innenpolitisch mit Blick auf das Rote Rathaus und nach Magdeburg so etwas wie ein angespanntes Abwarten. Die Konjunkturprognosen hellen sich derweil etwas auf. Der Arbeitskreis Steuerschätzung prognostiziert dem Bundesfinanzminister leicht mehr als die geplanten Steuereinnahmen für dieses und das nächste Jahr. Für die Zeit danach soll es nach dieser Vorhersage ebenfalls etwas besser aussehen, doch sicher ist der Blick auf die Jahre nach 2028 nicht. Beide Regierungsparteien haben unverändert Klärungsbedarf im Inneren. Die SPD ringt nicht nur mit einer personellen Neuaufstellung nach dem Rücktritt von Bärbel Bas. Er löst auch programmatische Debatten mit Blick auf den wirtschaftlichen Strukturwandel von großen zu kleineren industriellen Einheiten mit der Rolle von Start-up-Unternehmen aus. Eine andere Personalentscheidung wird bald fallen: Äußerungen von CSU-Chef Söder signalisieren, dass besonders in der Union hinter verschlossenen Türen die Debatte über die Nachfolge des Bundespräsidenten an Dynamik gewinnt. Der CSU-Chef will seine ehemalige Landwirtschaftsministerin und aktuelle Landtagspräsidentin Ilse Aigner auf der Kandidatenliste an die Spitze schieben. Für den ländlichen Raum ist der offene Vorschlag aus München vielleicht keine schlechte Wahl. Mal sehen, was wir dazu noch vom laufenden CSU-Parteitag hören. Der Einzelne erwartet staatliche Großzügigkeit Das Wirtschaftswachstum steht für den Kanzler oben auf der Agenda. In unserer postindustriellen Zeit mit dem Fortschreiten der Automatisierung (und KI jetzt allemal) ist Wachstum nicht mehr wie selbstverständlich an das Ziel „Wohlstand für alle“ gekoppelt. Diese These vertritt nachvollziehbar der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Daron Acemoğlu in seinem neuen Buch „Das liberale Versprechen“. Es geht darin um den Wählerboom, wie ihn Rechtspopulisten in den USA und bei uns in Europa auslösen. Übereinstimmend wecken deren Programmatik und Aussagen in Wahlkämpfen eine staatliche Großzügigkeit gegenüber dem Einzelnen. Dies führt zu gesellschaftlichen Spaltungen unterschiedlicher Ausprägung. Das zitierte liberale Versprechen macht auch vor dem ländlichen Raum und seiner Wirtschaft nicht halt. Wo es viel Fläche bei wenig dort lebenden und arbeitenden Menschen gibt, wird es für alle nun einmal teuer. Das Grundgesetz verlangt bei uns „gleichwertige Lebensverhältnisse“. Zu diesem Staatsziel als Leitmotiv sind Bund und Länder etwa für die Versorgung mit Schulen, medizinischen Leistungen, Digitalisierung und Verkehr verpflichtet. Beispiel Bahn: Kommunen und Länder arbeiten an der Reaktivierung von Strecken; gleichzeitig schlagen die Verkehrsminister Alarm, dass der bestehende Regionalverkehr bald nicht mehr finanzierbar ist. Aus solchen Debatten ohne erwartbare Ergebnisse wachsen Unmut, Unruhe und Abwendung in unterschiedlichen Formen – in Berlin anders als in Sachsen-Anhalt. Verkehrsfinanzierung als latent unlösbares Problem Bleiben wir bei der Finanzierung der Verkehrsanbindungen, die für den ländlichen Raum im Streit zwischen Bund und Ländern ein latent unlösbares Thema zu sein scheinen. Die Tickets werden teurer und die Fahrpläne ausgedünnt. Vor der beeindruckenden Kulisse eines Märchenschlosses haben sich Verkehrsminister von Bund und Ländern in dieser Woche wieder erfolglos daran abgearbeitet, die steigenden Kosten für das Schienennetz in einer fairen Lastenteilung in den Griff zu bekommen. Ein Vorschlag aus Schleswig-Holstein blieb auf dem Abstellgleis. Claus Rude Madsen: „Wir verpassen die einmalige Chance, bei historisch hohen Spritpreisen mehr Menschen vom Auto auf die Schiene zu bringen.“ Auch bei diesem Thema kommt die EU wieder ins Spiel. Nach Feststellung des Europäischen Gerichtshofs verstößt die gesetzlich festgelegte Begrenzung der Trassenpreiserhöhungen im Nahverkehr gegen eine EU-Richtlinie. Es gibt weiteres, was auf dieser Ebene entschieden wird und bei uns die Gemüter bewegt. Das Europäische Parlament hat den Weg für ein europaweites Verbot von Bleischrot bei der Jagd sowie beim jagdlichen und sportlichen Schießen freigemacht. Die Verordnung kann nach der vorgesehenen siebenjährigen Übergangsfrist in Kraft treten. Die beschlossene Regelung beschränkt sich auf Bleischrot. Das Verbot, über das unser Autor Christoph Boll in der kommenden Woche in einem Blog-Beitrag berichtet, betrifft nicht Büchsengeschosse und Flintenlaufgeschosse. Außerdem sind einige Ausnahmeregelungen vorgesehen. Jagd gehört zum Menschen und zur Natur – mit oft lautstarken Ausnahmen In dieser Woche haben wir uns in unserem Blog auch damit beschäftigt, was uns Jägern Werte wie Waidgerechtigkeit und Tierschutz bedeuten. Und dass die Jagd im Sinne des Wortes „natürlich“ von jeher zum Menschen und zur Natur gehört, wird von einem großen Teil der Gesellschaft als selbstverständlich empfunden. 77 Prozent der Deutschen halten die Jagd in der heutigen Zeit für notwendig (Untersuchung DJV/Civis). Demgegenüber lehnt eine kleinere, aber offensichtlich medienstarke gesellschaftliche Minderheit die Jagd ab. Immer wieder führt die Frage, warum die Jagd überhaupt ausgeübt werden muss, zu Widersprüchen und Auseinandersetzungen. Dass das als Waidwerk bezeichnete Tun der Jägerinnen und Jäger mehr als nur das Töten von Wildtieren ist, wollen die gut organisierten und lautstarken Gegner nach aller eigenen Erfahrung nicht hören. Zum Spendenformular Was macht Jagd? Sie ist einfach mehr als die Beschaffung eines wertvollen Lebensmittels in nennenswerten Mengen. Auch dazu gibt es schon bemerkenswerte statistische Zahlen. Allein durch die Bejagung der Rehe kommen bei einer Strecke von 1,3 Millionen erlegten Stücken weit über neun Millionen Kilogramm bestes Biofleisch in die Küchen. Beim Rotwild liegt die Jahresjagdstrecke bei über 75.000 mit gut vier Millionen Kilogramm reinem Wildbret. Wofür sorgen die Jäger noch? Dazu gehört etwa die Bestandsregulierung zur wald- und feldverträglichen Arterhaltung. Sie ist zur Eindämmung von Tierseuchen unverzichtbar. Jäger pflegen und bauen Biotope mit Millionen an Finanz- und Sachleistungen auf. Und auch das haben Statistiker errechnet: Im Durchschnitt verbringt ein Jäger 41 Stunden pro Monat im Revier. Vielleicht helfen auch mal solche Zahlen mit den oft wiederholten Argumenten gegen Vorurteile für noch mehr Verständnis in geselligen oder in politisch diskutierenden Kreisen – vielleicht sogar am Stammtisch. In Rheinland-Pfalz bewegt sich was Bei der Jagd und Themen des Naturschutzes und des Waldes sind wir immer nah an der Politik. Ein aktuelles Beispiel liefert uns jetzt wieder Rheinland-Pfalz. Dort hat sich die letzte Ampelregierung der Bundesrepublik mit einem umstrittenen Landesjagdgesetz verabschiedet. Entstanden ist es 2025 unter grüner Federführung. Jetzt soll es von der neuen Landesregierung aus CDU und SPD novelliert werden. Eine volle Rolle rückwärts ist das wohl noch nicht. Für den Landesjagdverband, der sich ebenfalls eine neue Führung unter der nun amtierenden Präsidentin Dr. Gitta Greif-Werner gegeben hat, bedeutet der vom Kabinett bereits im August beschlossene Entwurf eher eine Korrektur als ein Kurswechsel. In der Verbandszeitschrift Jagd & Jäger schreibt sie dazu: „Dass nun tatsächlich Änderungen vorgenommen werden, ist richtig und verdient Anerkennung. Zuständigkeiten werden teilweise zurück in die Fläche verlagert, einzelne bürokratische Belastungen korrigiert.“ Das seien wichtige Schritte. „Aber sie reichen bei weitem nicht.“ Was sich gesetzlich und in Verordnungen ändern soll und was noch umstritten bleibt, behandeln wir ebenfalls zeitnah in einem Blog-Beitrag. Zeit der Hubertusmessen von der kleinen Gemeinde bis in einige Kathedralen Es geht um die Verantwortung des Menschen für die Natur, verbunden mit Waidgerechtigkeit und Respekt vor der Schöpfung. Auf das Thema Jagdethik komme ich noch einmal zum Schluss dieser Wochenkolumne zurück. Sie wird durch die vielen Hubertusmessen, zu denen überall im Lande meist die katholischen Kirchen einladen, auch für die breite Öffentlichkeit zu einem sichtbaren Thema. Die Zeit ist dazu jetzt zum November gekommen. Vielen Jägerinnen und Jägern dienen die Messen nicht nur zum Waidwerk, sondern auch zur inneren Einkehr. Sie werden zusammen mit den Jägerschaften vor Ort gestaltet. Der Altarraum wird klassisch mit Tannengrün, Laubzweigen und herbstlicher Naturdekoration geschmückt. Neben der Orgel bestimmen Jagdhörner die musikalische Begleitung. Mitglieder der Jägerschaften übernehmen oft Altardienste und Lesungen. Anschließend laden vielfach Gemeinden zusammen mit ihnen zum „Schüsseltreiben“ auf dem Kirchplatz mit Wildbratwurst oder -gulasch ein. Diese herbstliche Tradition prägt vielerorts Dörfer und Gemeinden in den ländlichen Regionen. Hier öffnet sich die Jagd im feierlichen Rahmen den Ortsgesellschaften. Die Hubertusmessen gelten über Generationen symbolhaft als Bestandteil des abendländischen und christlich geprägten Wertesystems. Besonders eindrucksvoll sind diese Gottesdienste in großen Kathedralen. Vielen in Erinnerung ist die Hubertusmesse anlässlich des Bundesjägertages im Juni letzten Jahres im Kölner Dom. Anderswo wird jetzt wieder in mehreren bedeutenden Großkirchen dazu eingeladen. Wie alle Termine sind Hubertusmessen im Internet leicht und ortsnah zu finden. Hier eine kleine, nicht vollständige Auswahl als Empfehlung: Kaiserdom Sankt Bartholomäus in Frankfurt, Dom zu Speyer, Dom St. Viktor in Xanten, Mariendom Freising, Sankt Peter in Heppenheim oder das Freiburger Münster. Neben diesem Newsletter und den Artikeln zum Themenbereich „Ländlicher Raum“ im Blog noch ein kleiner Hinweis auf andere Aktivitäten unserer Stiftung natur+mensch. Die Sparkassenstiftung Cuxhaven übergibt bereits seit 2016 jährlich gemeinsam mit der dortigen Jägerschaft einen natur+mensch-Waldrucksack im Rahmen eines Wald-Erlebnistages an eine Grundschule. In diesem Jahr erhielt ihn die Grundschule Abendrothschule im Rahmen eines Programms mit einer kindgerechten „Waldrallye“. Mit diesem kleinen Hinweis und den Empfehlungen zu den Hubertusmessen verabschiede ich mich für diese Woche Mit besten Grüßen Ihr Jost Springensguth Koordination und Redaktionsleitung

  • Widerstand gegen das EU-Aus für das Sikawild

    Dem seit rund 130 Jahren hier lebenden Sikawild droht das Aus. Die EU hat das ursprünglich aus Japan stammende Wild zur invasiven Art erklärt. Zunächst darf die Hirschart nicht mehr in Gattern gehalten werden. In freier Natur droht der Totalabschuss Foto: Lilly M, Cervus nippon 002, CC BY-SA 3.0 Die aus Ostasien stammende Hirschart wurde erstmals Ende des 19. Jahrhunderts für Wildparks nach Deutschland eingeführt, ist also seit mehr als einem Jahrhundert hier etabliert. Die hiesigen Wildpopulationen, die auch jagdlich genutzt werden, sind vor allem Nachfahren von Exemplaren, die aus Gehegen ausgebrochen sind. Nennenswert ist der Bestand in Schleswig-Holstein östlich der A7 zwischen Rendsburg und Flensburg. Außerdem gibt es Vorkommen in Hessen, in Baden-Württemberg am Hochrhein und im Südschwarzwald sowie in Brandenburg und Bayern. Die größte freilebende Sikapopulation in Deutschland besteht in Nordrhein-Westfalen im Arnsberger Wald mit etwa 4000 Exemplaren. Ziel ist aber nicht nur, die Ausbreitung in freier Wildbahn zu verhindern und letztlich die regionale Ausrottung. Geplant ist auch ein EU-weites Haltungsverbot. Es sind also neben Revierinhabern auch Gehegewildhalter und Tierparks betroffen. Für sie gilt EU-weit, dass sie bis August kommenden Jahres ihre Tiere vollständig abschaffen beziehungsweise töten müssen. Viele von ihnen haben aber im Laufe der Zeit erheblich Zeit und Geld in wertvolle Zuchttierbestände, Gehege und Infrastruktur investiert. Ihnen droht also neben der emotionalen Betroffenheit auch ein wirtschaftlicher Verlust, was auch auf Jagdrechtsinhaber zutrifft, wenn sie ihre Reviere verpachten möchten. Die EU hat inzwischen 114 Tier- und Pflanzenarten als invasiv gelistet. Mit ihnen – ganz gleich, ob Waschbär, Nilgans oder Nutria – werden reflexartig wirtschaftliche Schäden und die Beeinträchtigung heimischer Arten und Biotope verbunden. In diesem Sinn argumentiert auch die EU mit der Sorge, Sika könnten aus Gehegen ausbrechen und sich mit dem heimischen Rotwild paaren – mit der Folge einer Durchmischung, zumal es bereits nachgewiesene Hybride gibt. Die Gegenseite hingegen ist überzeugt, die Rückkehr des Wolfs habe die Wildhalter in den vergangenen Jahren gezwungen, ihre Gehege wolfsabweisend zu gestalten. Wenn jetzt kein Wolf mehr in das Gehege hineinkomme, dürften die Sikas kaum herauskommen, heißt es. Widerstand formiert sich Inzwischen formiert sich deshalb Widerstand gegen die EU-Verordnung. Der aus Meschede im Hochsauerlandkreis stammende Europaabgeordnete Peter Liese, umweltpolitischer Sprecher der EVP-Fraktion in Brüssel, fordert, die möglichen Ausnahmegenehmigungen „großzügig anzuwenden“. Er hat deshalb Briefe an NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen, Bundesumweltminister Carsten Schneider und die EU-Kommission geschrieben. „Grundsätzlich müssen alle Maßnahmen verhältnismäßig sein, das gilt auch in diesem Fall. Das Problem ist das Sikawild in freier Wildbahn, und hierauf muss man die Anstrengung zur Regulierung konzentrieren“, argumentiert Liese. Einen Schritt weiter ist Österreich. Dessen Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig hat am 30. September 2026 den Antrag für eine Ausnahmegenehmigung für landwirtschaftliche Betriebe zur Haltung von Sikawild bei der Europäischen Kommission eingebracht. „Damit setzen wir uns für Rechtssicherheit für die betroffenen Familienbetriebe, für regionale Wertschöpfung und für den Erhalt dieses wichtigen Betriebszweigs in Österreich ein“, wird Totschnig in einer Pressemeldung zitiert. Immerhin aber ist Liese in Südwestfalen kein Einzelkämpfer. Die Westfalenpost titelte am 7. Oktober: „CDU und Grüne wollen das Sika-Wild im Sauerland retten“. Nach Lieses eigenen Angaben haben sowohl Gorißen als auch Vertreter des federführenden Umweltministeriums ebenfalls ihre Bereitschaft signalisiert, einen entsprechenden Antrag zu stellen. Darüber hinaus hat ein „Bündnis zur Rettung des Sikawildes“ im Internet die Petition „Save Sika“ gestartet. Sie hat inzwischen knapp 17.000 verifizierte Unterschriften. Die Initiatoren bemängeln, die Listung basiere auf einer aus heutiger Sicht unzureichenden wissenschaftlichen Grundlage. Zudem kritisieren sie die fehlende Differenzierung zwischen Gehege- und freilebendem Wild. Zweifel an fachlicher Einstufung Foto: Malene Thyssen, Sikahjort, CC BY-SA 3.0 Letzteres möchten auch der Deutsche Jagdverband (DJV) und der Internationale Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC) bewahren. Beide verweisen darauf, dass die Wahrscheinlichkeit einer Hybridisierung von Rot- und dem deutlich kleineren Sikawild zwar theoretisch möglich, aber in der Praxis aufgrund der unterschiedlichen Brunftzeiten und Größenverhältnisse eher selten ist. Dafür spreche auch eine Studie aus Oberfranken und der Oberpfalz. Sie zeige, dass dort trotz stetiger und zahlreicher Zuwanderung des Sikawildes aus einer böhmischen Population nur verhältnismäßig wenig Hybriden nachgewiesen wurden. Der DJV räumt ein, die Entstehung neuer Sikahirschpopulationen oder gar eine Aussetzung von Sikawild müsse zwar verhindert und bei Bedarf der lokale Sikahirschbestand entnommen werden, weil im Zweifel einer gesunden Rothirschpopulation der Vorzug zu geben sei. Allerdings könne die Hybridisierung durch eine fachgerechte jagdliche Bewirtschaftung von Sika- und Rothirschpopulationen reduziert werden. Der CIC fordert zudem die Überprüfung der EU-Risikoanalyse, die Rücknahme der Einstufung als invasive Art sowie „einen wissenschaftlich fundierten und differenzierten Umgang mit dem Sikawild, ohne jagd- und forstpolitische Hintergründe“. Hans Martin Lösch, Leiter der deutschen CIC-Delegation, hält sogar die Einstufung der Sikas als invasive Art für fachlich falsch und sieht dementsprechend keinen akuten Handlungsbedarf. „Sika ist eine faszinierende Wildart, die gerade dort, wo die Lebensräume zu klein strukturiert für Rotwild sind, eine Bereicherung für unsere Reviere ist und dabei durchaus auch die ökologische Funktion von Rotwild dort erfüllen kann“, so seine Einschätzung.

  • Steinfelder Kreis 2026: Wie zukunftsfähig ist die waidgerechte Jagd?

    Rund 40 Teilnehmer diskutierten in Kloster Steinfeld über Jagdethik, Wildtiermanagement und die Rolle der Jagd im Naturschutz Kloster Steinfeld (Foto: Wolkenkratzer, Kloster Steinfeld 004-, CC BY-SA 4.0) Der Steinfelder Kreis ist ein loser Verbund von Vereinen und Einzelpersonen, der sich jährlich zu aktuellen Entwicklungen der waidgerechten Jagd austauscht. Diese Themen werden dabei an Zielen, Rahmenbedingungen, verbreiteter Praxis und vor allem an der Jagdethik gespiegelt. Das jüngste Treffen fand jetzt mit rund 40 Teilnehmern in Kloster Steinfeld in der Eifel statt. In einer abwechslungsreichen Mischung aus Vorträgen und Diskussionen kamen unterschiedliche Aspekte zur Sprache. Grundsatzfragen statt Routine Schon die Titel der Vorträge zeigten, dass die Referenten die Diskussion bewusst suchten. Dr. Christine Miller, Vorsitzende von Wildes Bayern e. V., fragte ganz direkt: „Ist die Jagd noch auf dem richtigen Weg?“ Günther von Jagow, Fachanwalt für Jagdrecht, wagte unter dem Titel „Andeutungen für eine zukunftsfähige Jagd“ einen Blick nach vorn. Einen praxisnahen Punkt setzte Florian Krumpen, Fachgebietsleiter Biotop- und Wildtiermanagement im Nationalparkforstamt Eifel, der aus der Region über das Wildtiermanagement im Nationalpark Eifel berichtete. Naturschutz nur mit Wild, nicht ohne Als eine Quintessenz wurde vor allem in den Ausführungen von Christine Miller herausgearbeitet, dass bei allen Aktivitäten im derzeitigen Spannungsfeld die Zusammenhänge und insbesondere die Unterschiede zwischen Wildtiermanagement, Jagd und Schädlingsbekämpfung zu bedenken sind. Zeitgemäße Jagd sei demnach eine gleichermaßen sinnvolle wie effiziente Kombination aus Naturschutz und Wildtiermanagement. Naturschutz in den angestrebten natürlichen Biotopen könne es dabei nur mit Wild geben, nicht ohne. Drei Säulen für eine zukunftsfähige Jagd In die gleiche Richtung gingen die Überlegungen von Günther von Jagow. Für eine zukunftsfähige Jagd seien drei Säulen ausschlaggebend: Waidgerechtigkeit, Hege und das Reviersystem. Als vierter Punkt komme die Vertretung der Jägerschaft in der Öffentlichkeit und in Gesetzgebungsverfahren hinzu. Genau dies würden auf absehbare Zeit die erfolgsentscheidenden Faktoren für die Jagd in Deutschland sein. Hieran gelte es im Sinne der Jagd und des Wildes intensiv zu arbeiten. Internationaler Austausch und ein Buch über Ethik und Töten Abgerundet wurde die Veranstaltung durch zwei Ergänzungen. Jost Springensguth von der Stiftung natur+mensch informierte ausführlich über ein geplantes Projekt, an dem mehrere Kooperationspartner beteiligt sind, darunter die Stiftung. Je sechs Jägerinnen und Jäger aus Deutschland und Borneo sollen sich gegenseitig besuchen und sich über jagdliche Themen und Traditionen austauschen. Das Projekt soll medial wie künstlerisch begleitet werden. Es geht um am Ende vergleichbare Werte, die unabhängig voneinander über Generationen weitergegeben wurden – und Sinnstiftungen wie Waidgerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Aufgaben der Jagd und mit ihnen verbundene Verpflichtungen gegenüber den jeweiligen Gesellschaften. Volker Seifert berichtete über ein Buchprojekt zu Ethik, Tod und Töten, an dem er derzeit intensiv arbeitet, und zitierte Passagen aus dem ersten Kapitel. Ein Gedanke darin: In unserer arbeitsteiligen Kulturgesellschaft ist der Tod zur Voraussetzung des Konsums geworden, ohne dass der Konsument ihm begegnen muss. Impulse, die mehr Gehör verdienen Eröffnet worden war die Veranstaltung mit einer ausführlichen und tiefgründigen Begrüßung durch Dr. Jörn Weymann (Verein Hirsch-gerechter Jäger). Den Schlusspunkt setzten nicht minder nachdenkenswerte Ausführungen von Wildmeister Dieter Bertram, der das Treffen für das Forum lebendige Jagdkultur e. V. gemeinsam mit Volker Seifert organisiert hatte. Aus Sicht der Teilnehmer war es erneut eine lohnende Veranstaltung, von der jeder neue Informationen, Anregungen und Kontakte mitnehmen konnte. Zu wünschen wäre, dass diese Impulse künftig deutlich breitere Kreise erreichen und mehr Adressaten in der jagdlichen Szene finden.

  • Frostige Zeiten und Hoffen auf Neuanfang

    Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd Liebe Leserinnen, liebe Leser! In unserer Wochenkolumne beschäftigen wir uns zunächst mit dem Rücktritt von Bärbel Bas als Sozialministerin und den möglichen Auswirkungen auf die Berliner Koalition. Anschließend blicken wir nach Niedersachsen, wo die dortige Landesregierung die Landwirte besser vor finanzkräftigen Spekulanten schützen will, die Äcker und andere Agrarflächen aufkaufen. Auch andere Sorgen treiben die Bauern momentan angesichts des sehr warmen und trockenen Sommers um. So fällt dieses Jahr die Weinernte deutlich schlechter aus. In Bayern suchte derweil die Polizei mit viel Aufwand nach einem mutmaßlichen Puma, den ein Jäger auf seiner Wildkamera entdeckt haben wollte. Nicht einem einzelnen Tier, sondern einer ganzen Hirsch-Art soll – wenn es nach der EU geht – in der Treib- und Drückjagdsaison der Garaus gemacht werden. Es geht um Sika, die auch in Deutschland in freier Natur leben. Die Berliner Koalition hat schon diverse Krisen durchlebt. Doch was diese Woche in der Hauptstadt geschah, hat eine neue Dimension. Dabei geht es nicht nur um den Rücktritt einer einzelnen Ministerin. Letztlich ist jede Person beruflich ersetzbar. Doch die Umstände, insbesondere die politische Begleitmusik, sind schon alarmierend. Der Ton zwischen SPD und Union, die eigentlich vertrauensvoll in der Regierung zusammenarbeiten sollten, war scharf bis hin zu gezielt verletzend. Führende Sozialdemokraten attackierten die CDU in einer Weise, wie man sie sonst nicht einmal von Oppositionsseite hört. Dabei blieb für Beobachter unklar, womit die unsäglichen Attacken eigentlich konkret begründet waren. Die häufig angeführte Erklärung, die Ministerin sei in einer für sie familiär äußerst belasteten Situation zu unzumutbarer Eile gedrängt worden, wirkt jedenfalls nicht überzeugend. Denn bei allem menschlichen Verständnis für die persönliche Lage und Trauer von Bärbel Bas: Ein Ministerium mit vielen Beamten muss in einer solchen Situation nicht de facto die Arbeit an zentralen Reformen der Regierung und des Landes einstellen. Hinzu kommt, dass die Sozialdemokratin auch zuvor nicht gerade durch besonderen Einsatz für dieses zentrale Reformvorhaben aufgefallen ist. Der eisige Ton, mit dem etwa Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig die Union kritisierte, sollte alarmieren. Setzt sich dieser Konflikt- und Konfrontationskurs in der SPD durch, stehen die derzeitige Parteiführung und die Koalition insgesamt auf verlorenem Posten. Die politischen und wirtschaftlichen Folgen für das Land könnten fatal sein. Zwei Streitigkeiten beigelegt Doch jede Krise bietet auch die Chance für einen Neuanfang. Optimistisch stimmt, dass Union und SPD trotz der jüngsten Turbulenzen in dieser Woche ihren Streit über den Arbeitsauftrag für die geplante Pflegekommission beigelegt haben. Auch bei der von Land- und Ernährungswirtschaft kritisierten und vom Finanzminister betriebenen Zuckersteuer gab es eine Einigung im Kabinett. Hier sieht der Kompromiss eine zweistufige Steuer und Ausnahmen für kleinere Hersteller vor. Beide Einigungen sind gewiss noch kein Durchbruch für die Zusammenarbeit der Koalition insgesamt. Aber vielleicht zeigen sie, dass man den Ernst der Lage endlich erkannt hat. Ich würde es mir wünschen. Doch genug der unerquicklichen Berliner Luft und wenden wir uns dem ländlichen Raum zu. Auch hier tut sich einiges. In Niedersachsen etwa will die dortige Landesregierung die Landwirtschaft besser vor finanzkräftigen Spekulanten schützen, die Äcker und andere Agrarflächen aufkaufen, was deren Kosten immer weiter in die Höhe treibt. Kleinere und mittlere bäuerliche Betriebe können sich gegen solch zahlungsstarke Konkurrenz kaum noch wehren, was den Trend zum Höfesterben fördert. Dabei sind lokal verwurzelte Bauern auf ihren Höfen für das soziale Leben auf dem Land ein wichtiger Bestandteil. Hier gehört es zum guten Ton, sich in den freiwilligen Feuerwehren oder in den zahlreichen örtlichen Vereinen zu engagieren, was externe Investoren wohl kaum leisten wollen und können. Künftig können in Niedersachsen die zuständigen Behörden einen Landkauf untersagen, wenn der Preis mehr als 35 Prozent über dem üblichen Marktwert liegt. Ob dieser Ansatz ausreicht, muss sich erst einmal in der Praxis zeigen. Ein Patentrezept ist er sicherlich nicht. Sorgen bei Bauern und Winzern Der Landwirtschaft muss daher auch auf andere Weise geholfen werden, ihre wichtigen Aufgaben im Bereich Ernährungssicherheit sowie Umwelt- und Naturschutz zu erfüllen. All dies wird in Zeiten des Klimawandels und gestiegener Energiepreise nicht einfacher, wie viele einzelne Beispiele zeigen. So klagen aktuell etwa die Bauern in Brandenburg angesichts der Dürre über eine schlechte Kartoffelernte. Nach vorläufigen Zahlen des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg werden die Brandenburger Bauern in diesem Jahr voraussichtlich fast 90.000 Tonnen weniger Kartoffeln einfahren als im vergangenen Jahr. Bundesweit werden Kartoffeln mittlerweile deutlich teurer: Im September mussten die Verbraucher laut Statistischem Bundesamt bereits 11,3 Prozent mehr bezahlen als im Vorjahresmonat. Zum Spendenformular Auch die Weinlese fällt für dieses Jahr deutlich schlechter aus. Das Deutsche Weininstitut (DWI) geht in einer ersten Prognose davon aus, dass der Ertrag rund 20 Prozent unter dem zehnjährigen Durchschnitt liegt und damit so niedrig wie zuletzt im Jahr 2010 sein wird. DWI-Sprecher Ernst Büscher berichtet, dass viele Trauben bei dem extrem trockenen und sonnenreichen Sommer klein geblieben seien. Doch es gibt laut Büscher auch etwas Positives: „Die Winzerinnen und Winzer gehen zwar von vergleichsweise kleinen Gesamtmengen, aber von Spitzenqualitäten aus.“ Die Ertragslagen würden innerhalb der Regionen je nach Alter der Reben und Wasserspeicherkraft der Böden sehr stark variieren. Puma in Bayern gesichtet? Ein ganz anderes Thema beschäftigt momentan die Bürger im bayerischen Notzinger Moos. Dort im Landkreis Erding sucht die Polizei seit einer Woche nach einem mutmaßlichen Puma, den ein Jäger auf seiner Wildkamera gefilmt hatte. Experten sichteten die Aufnahmen, doch waren sich nicht einig, um welches Tier es sich tatsächlich handelt. Manche meinten, es sei eine heimische Wildkatze. Andere, es könne durchaus auch ein Puma sein. Wie dem auch sei: Das Tier ist bislang trotz Einsatzes von Hubschrauber und Reiterstaffel unauffindbar und ein Puma wird auch nirgendwo vermisst. Gleichwohl bleibt in der Region ein Gefühl der Unsicherheit, wie wir es in anderem Zusammenhang vielerorts auch wegen der wachsenden Wolfspopulation kennen. Derweil steht die Treib- und Drückjagdsaison unmittelbar bevor und der EU wäre es wohl am liebsten, wenn dabei möglichst viel Sikawild erlegt wird. Denn sie hat die seit rund 130 Jahren in Deutschland lebende und ursprünglich aus Ostasien stammende Hirschart per Verordnung zur invasiven Art erklärt. Damit darf sie ab August kommenden Jahres nicht mehr in Gattern gehalten werden. Den in freier Natur lebenden Sika droht der Totalabschuss. Doch inzwischen formiert sich Widerstand, wie unser Autor Christoph Boll in der kommenden Woche in einem Blog-Beitrag aufzeigt. Der aus dem Hochsauerlandkreis stammende Europaabgeordnete Peter Liese, umweltpolitischer Sprecher der EVP-Fraktion in Brüssel, fordert Ausnahmegenehmigungen, die Österreich bereits beantragt hat. Darüber hinaus hat ein „Bündnis zur Rettung des Sikawildes“ im Internet eine Petition zur Rettung dieser Hirschart bei uns gestartet. Beide zielen auf das Gehegewild, während der Deutsche Jagdverband (DJV) und der Internationale Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC) mit Blick auf die bundesweiten Wildpopulationen die Rücknahme der Einstufung als invasive Art fordern und überzeugt sind, die ohnehin geringe Gefahr der Hybridisierung mit Rotwild lasse sich durch eine fachgerechte jagdliche Bewirtschaftung weiter reduzieren. Nicht um das Sikawild, wohl aber generell um Ethik der Waidleute, die Entwicklung zum Wildtiermanagement und die Rolle der Jagd im Naturschutz ging es bei einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung des Steinfelder Kreises in dieser Woche. Im namensgebenden Kloster in der Eifel kamen Mitglieder des Vereins lebendige Jagdkultur sowie Fachreferenten zu diesem Themenkomplex Anfang der Woche zusammen. Gerd Schumacher war unter den Teilnehmern und berichtet im nächsten Artikel unseres Blogs natur+mensch. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und eine gute, für Sie positive Woche Ihr Jürgen Wermser Koordination und Redaktionsleitung

  • Krabbenfischer beklagen „desaströse Lage“

    Kaum Bestände in der Nordsee und hohe Kosten: Ein Großteil der Kutter bleibt schon seit Monaten in ihren Häfen Foto: Frank Radel / pixelio.de Die schleswig-holsteinische Krabbenfischerei steckt mitten in einer existenzbedrohenden Krise. An der Küste zwischen Elbmündung und dem dänischen Grenzgewässer sind die Bestände ausgegangen. Als Hauptursache nennt der Fischereiverband eine hohe Zahl von Wittlingen, von denen die Krabben gefressen werden. Dadurch sind die Krustentiere „so gut wie verschwunden“, wie es in der Branche heißt. Der Großteil der Krabbenkutter bleibt schon seit mehreren Monaten in den Häfen. Dazu verschärfen hohe Betriebskosten die Lage. Allein die stark gestiegenen Dieselpreise lassen kaum noch das Auslaufen der Kutter zu. In den Häfen von Büsum, Husum oder Friedrichskoog, allesamt Hochburgen der Krabbenfischerei, wird es eng. Kutter neben Kutter, es gibt kaum noch freie Anlegekapazitäten. Einige wenige Kutter steuern mittlerweile niedersächsische Gewässer an, um überhaupt fischen zu können und die Netze teilweise zu füllen. Konsumverzicht bei fallenden Preisen Als nahezu grotesk stellt sich die Preissituation für die Delikatesse dar. Die Marktpreise sind in den Keller gerutscht, weil kaum noch jemand Krabben kauft. Jan Möller, Vorsitzender der Sparte See- und Krabbenfischerei im Fischereiverband Schleswig-Holstein, führt dies auf den allgemeinen Konsumrückgang in der Bevölkerung zurück. „Zu Zeiten, in denen das Geld bei vielen Menschen knapp ist, wird zunehmend auf den Kauf dieser Delikatesse verzichtet, auch bei fallenden Preisen“, sagte Möller den „Husumer Nachrichten“. Im Vergleich: Während das Krabbenbrötchen noch im Sommer 2025 rund 15 Euro kostete, wird es jetzt zu Preisen zwischen 7,20 und 11,50 Euro angeboten. Und doch bleibt der Handel zumeist darauf sitzen. In dieser verzwickten Situation werden nach Hochrechnung des Verbandes bis Ende 2026 hohe Verluste geschrieben. Den Fischern bleibt allenfalls die Hoffnung, dass die aus der Familie der Dorsche stammenden Wittlinge wieder abziehen und die Krabben in heimische Gewässer zurückkehren. Und doch werden am kommenden Wochenende (17. und 18. Oktober) die „Husumer Krabbentage“ mit Krabbenpul-Meisterschaft und diversen Kochshows gefeiert. Zum großen Volksfest sollen mehrere Tausende von Besuchern kommen. So wie in den Vorjahren. Es muss angesichts der leeren Netze allerdings davon ausgegangen werden, dass die im Angebot stehenden Krabben nicht direkt vor der nordfriesischen Küste gefangen wurden.

  • Gegen eine genetische Verarmung unseres Rotwildes

    Durch die sogenannte Verinselung der einzelnen Vorkommen in allen Teilen der Bundesrepublik schreitet die genetische Verarmung des Rotwildes voran. Dem soll eine auch wirksamere Vernetzung der Lebensräume entgegenwirken Foto: Lviatour, Cervus elaphus Luc Viatour 6, CC BY-SA 3.0 Die Rotwildbrunft ist jetzt Anfang Oktober weitgehend abgeklungen und hat die Grundlage für den nächsten Nachwuchs-Jahrgang beim König der Wälder gelegt. Sie ist eines der imposantesten Naturschauspiele, die wir in Deutschland jährlich zu Herbstbeginn erleben können. Das laute Röhren der Hirsche täuscht aber auch oft darüber hinweg, dass es seiner Art nicht wirklich gut geht. Durch Verinselung der einzelnen Rotwild-Vorkommen mit etwa 250.000 Tieren in allen Teilen der Bundesrepublik schreiten die genetische Verarmung und damit der Verlust der Anpassungsfähigkeit rasant voran. Diese Erkenntnis hat sich in den vergangenen Jahren weitgehend durchgesetzt. Langsam reift auch der Wille, übers Lamentieren hinaus und zu konkreten Lösungen zu kommen, die Jagdpraktiker schon länger fordern. Sie müssen allerdings die Politik und die Forstpartie dafür gewinnen. Eine Aufgabe, die nicht einfach ist. Denn unser größtes Landsäugetier verbeißt nun mal gerne junge Bäume. Es folgt damit seiner Biologie, wird deshalb aber im Bemühen um die Schaffung klimastabiler Wälder allzu oft in erster Linie als Problem, denn als Bereicherung gesehen. Lebensräume nach Gesetzen und Verordnungen Dabei lebt das Tier des Jahres 2026, der Rothirsch, nur auf etwa 25 Prozent der Fläche Deutschlands. Grund dafür sind nicht in erster Linie die speziellen Lebensraumbedürfnisse des Rotwildes, sondern Gesetze und Verordnungen. Sie sperren das scheue Rotwild in Reservate, sogenannte Bewirtschaftungsbezirke, ein und fordern für alle außerhalb liegenden Bereiche den Totalabschuss. Ein unrühmliches Beispiel dafür ist Bayern, wo der Rothirsch sogar nur auf 14 Prozent der Landesfläche geduldet wird. Dort gibt es mit Hubert Aiwanger, dem Vorsitzenden der Freien Wähler, zwar einen aktiven Jäger, der als stellvertretender Ministerpräsident auch für das Jagdwesen zuständig ist. Doch mit der von ihm verantworteten Novelle des Landesjagdgesetzes im März dieses Jahres hat sich nichts daran geändert, dass es in der entsprechenden Ausführungsverordnung heißt: „Reviere außerhalb der Rotwildbezirke sind rotwildfrei zu machen und zu halten.“ Eine Studie der TU München hat vor kurzem nachgewiesen, dass bereits deutliche Anzeichen genetischer Verarmung und Inzucht das Ergebnis dieser Haltung sind. Reservate als Lebensraum Dem entgegenzuwirken, war das Ziel des 12. Rotwildsymposiums der Deutschen Wildtier Stiftung. In der Hamburger HafenCity haben 150 hochrangige Fachleute aus Wissenschaft, Politik, Verwaltung, Justiz, Jagd und Großschutzgebieten um Lösungsvorschläge gerungen. Als Ergebnis fordert der Ausrichter der Tagung neue Trittstein-Vorkommen für den Rothirsch. Denn neben Grünbrücken und Wanderkorridoren brauche es neue Vorkommen, um die bestehenden Rothirsch-Lebensräume besser miteinander zu vernetzen. Schon kleine Trittstein-Vorkommen – etwa auf Liegenschaften der öffentlichen Hand – könnten den genetischen Austausch zwischen den Teilpopulationen sichern und damit den langfristigen Bestand der Art in Deutschland stärken, so die Argumentation. Bedeutung des Rotwildes für viele ökologische Funktionen Die Referentinnen und Referenten des Symposiums waren sich nach Angaben der Ausrichter einig, dass Rothirsche eine große Bedeutung für viele Prozesse des Ökosystems haben. Mit klaren Worten wird der Finger in die Wunde gelegt: „Zum Beispiel verbreiten die Tiere Pflanzensamen über viele Kilometer und dienen selbst unzähligen anderen Tierarten als Nahrung – vom Aaskäfer bis zum Wolf. Doch statt die ökologischen Funktionen des Rothirschs anzuerkennen, sehen viele Landnutzer von Wald und Flur oft nur das Risiko von Wildschäden durch einen großen Pflanzenfresser. Deshalb ist die Verbreitung der Art in Deutschland so stark eingeschränkt, obwohl ausreichend potenzielle Lebensräume vorhanden wären. Der Mensch muss nur zulassen, dass der Rothirsch sie wieder besiedeln darf.“ Einen konkreten Schritt weiter ist man in den Bemühungen, die ihren Ausgangspunkt im Sommer 2025 in der Forderung regionaler Jägervereinigungen und Hegegemeinschaften nach einer dreiländerübergreifenden XXL-Rotwildregion hatten. Sie sollte Hessen, Thüringen und Bayern verbinden (Rhön, Spessart, Thüringer Wald, Haßberge). Letztlich jedoch wurde in diesem Sommer nur ein Wanderkorridor zwischen den Haßbergen und dem südlichen Thüringer Wald beschlossen. Der angedachten großen Lösung standen unterschiedliche gesetzliche Grundlagen in den Bundesländern entgegen. Bayern und Thüringen erzielten auf ministerieller Ebene dazu eine schnelle bilaterale Einigung. Hessen jedoch hat andere behördliche Vorgaben. So wird dort bereits ein eigenes großflächiges forst- und jagdwirtschaftliches Lebensraumkonzept wie das Forum Rotwild Werra-Fulda verfolgt. Dabei zielt die hessische Jagdpolitik darauf, die Rotwildgebiete innerhalb des eigenen Bundeslandes besser zu vernetzen oder langfristig aufzulösen, anstatt sich am Korridorsystem der Nachbarländer zu beteiligen. Letztlich wäre die Anbindung Hessens, insbesondere in Richtung Rhön/Spessart, wegen extrem stark belasteter Verkehrsstraßen und einer großflächigen Zersiedelung biologisch und baulich auch deutlich schwieriger zu verwirklichen als der direkte Grenzkorridor zwischen Südthüringen und Franken. 4:1-Regelung ist wesentlicher Baustein Ein wesentlicher Baustein der bilateralen Vereinbarung, den die bayerische Seite ausdrücklich anerkannt hat, ist die in der Ausführungsverordnung zum Thüringer Jagdgesetz verankerte 4:1-Regelung. Sie fordert das Abschussverhältnis von vier Stück weiblichem zu einem Stück männlichem Rotwild außerhalb der Einstandsgebiete. Damit wird der Abschuss stark auf das weibliche Wild gelenkt. Das verhindert einerseits, dass sich neue Standpopulationen etablieren – und lässt andererseits wandernde Hirsche durchziehen. Der Korridor bleibt damit passierbar, ohne dass die Fläche flächendeckend zum Rotwildgebiet wird. Grenzübergreifendes Projekt nur ein Anfang Der Beschluss ist ein Rahmen, keine fertige Regelung. Die konkrete Ausgestaltung und räumliche Festlegung des Korridors übernehmen die unteren Jagdbehörden in Bayern und Thüringen. Die Umsetzung erfolgt anschließend über Hegeringe und Revierinhaber. Der Wanderkorridor bedeutet auch nicht, dass Rotwild dort ganzjährig geschont ist oder das Gebiet zum Rotwildgebiet wird. Es gelten vielmehr weiterhin die jeweiligen Landesregelungen, Jagd- und Schonzeiten sowie die behördlich festgesetzte Abschussplanung. Das grenzübergreifende Projekt ist also noch nicht fertig, sondern ein Anfang. An dem ist auch die Überlegung aus München bemerkenswert, Bayern sei bereit, bestehende Vorgaben im Umgang mit dem Rotwild weiterzuentwickeln und an wildbiologische Erkenntnisse anzupassen. Angesichts der langjährigen äußerst restriktiven Rotwildpolitik ist das eine Ankündigung, die Hoffnung macht, dass auch in fernerer Zukunft das Schauspiel der Rotwildbrunft dort noch erlebbar sein wird.

  • Ein Zuhause mit Hund und Revierbezug für Jägersenioren?

    Gemeinsam statt einsam: Ein Bauingenieur aus Nordhessen plant eine Seniorenwohnanlage für Jäger im Alter. Eine Projektidee mit Jagdschule, Bio-Bauernhof und Pflegeeinrichtung Grafik: Projekt JAGDHEIM 3.0 Für viele Jäger endet mit dem Alter nicht nur die Zeit im Revier. Wer in eine Senioreneinrichtung zieht, muss nach Einschätzung des Initiators oft auch den Jagdhund abgeben, weil nur wenige Häuser Hunde gestatten. Hier setzt die Projektidee „Lebensraum JAGDHEIM – Gemeinsam statt Einsam“ an. Dahinter steht der Bauingenieur Rüdiger Löwenstein aus Wolfhagen-Niederelsungen im Landkreis Kassel. Er beschreibt sein Vorhaben als reine Privatinitiative ohne Eigennutzinteresse. Einsamkeit im Alter als Ausgangspunkt Löwenstein verweist auf das Einsamkeitsbarometer des Bundesfamilienministeriums, das Ende Mai 2024 erstmals vorgestellt wurde. Die zeigt, dass Einsamkeit mehrere Millionen Menschen in Deutschland betrifft. Am stärksten sind Menschen über 75 Jahre betroffen, während der Pandemie waren es aber auch junge Erwachsene. Zwischen Stadt und Land stellt die Studie kaum Unterschiede fest. Der Initiator sieht das Thema auch unter den rund 460.000 Jagdscheininhabern in Deutschland und richtet sich an Senior-Jäger und Naturliebhaber. Drei Neubauten, ein Konzept Nach Löwensteins Überlegung soll ein JAGDHEIM am Südhang des Frauenbergs im hessischen Niederelsungen entstehen. Den Kern bildet eine dreigeschossige, barrierefreie Wohnanlage mit Fachwerkfassade. Geplant sind 84 Wohneinheiten zwischen 30 und 50 Quadratmetern für 93 Personen, dazu eine Wohnung zum Probewohnen. Vorgesehen sind unter anderem ein Café- und Restaurantbetrieb, ein Hallenbad, eine Bowlingbahn, ein Weinkeller und ein Laser-Schießkino mit Waffenkammer. Die Bewohner sollen nach der Projektplanung ihren eigenen Haushalt führen können und im Rahmen des betreuten Wohnens bei Bedarf Betreuung und Pflege abrufen. In die Anlage integriert ist eine Land-Jagdschule mit Wald-Akademie. Sie soll Jungjäger, angehende Berufs- und Revierjäger, Jagdaufseher- und Falkner-Anwärter sowie künftige Natur- und Waldführer ausbilden. Auch der Austausch zwischen Jungjägern und erfahrenen Senior-Jägern ist ausdrücklich gewünscht. Hund und Mitmachen als Leitgedanken „Jagd ohne Hund ist Schund“, heißt es unter Jägern. Das JAGDHEIM sieht deshalb ausdrücklich die Haltung von Haustieren vor. Dazu gehören eine Hundewaschanlage und eine Jagdhundeschule mit Pension auf dem Bauernhof. Wer seinen Hund nicht mehr selbst versorgen kann, soll Unterstützung durch die Hausgemeinschaft erhalten. Bedarfsumfrage vor der weiteren Planungsphase Das Vorhaben ist bislang ohne Investor und Betreiber. Ein Investitionsvolumen nennt die Langbeschreibung nicht. Der Initiator betont selbst, es sei „noch nichts in Stein gemeißelt“. Ihm geht es zunächst erst einmal um eine Idee und ihre Machbarkeit durch Nachfrage. Um das Interesse zu messen, hat Löwenstein gemeinsam mit der Plattform LamaPoll eine Umfrage zur Altersvorsorge entwickelt. Sie fragt unter anderem nach den Wohnvorstellungen im Rentenalter, der Haltung zum Konzept, der Bedeutung der Hundehaltung und den Erwartungen an die Ausstattung. Abgefragt wird auch das monatliche Budget für ein All-inclusive-Konzept mit Wohnraum, Vollverpflegung und Grundbetreuung. Zur Auswahl stehen etwa bis 2.500 Euro für ein Appartement mit rund 32 Quadratmetern oder bis 3.200 Euro für rund 52 Quadratmeter. Die Angaben zur Person sind freiwillig. Informationen zum Konzept und Kontakt: https://jagdheim.de/

  • Dicke Bretter in Berlin, offene Fragen auf dem Land

    Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd Liebe Leserin, lieber Leser! Es bleibt erst einmal dabei, was sich nach den Landtagswahlen schon andeutete: Für die Koalition werden bei der Umsetzung der vereinbarten Reformziele die Bretter, die zu bohren sind, immer dicker. Da prallen nicht nur zwischen Union und SPD in vielen Details unterschiedliche Vorstellungen aufeinander, sondern auch in der Bevölkerung. Jedenfalls gehen nach dem jüngsten ZDF-Politbarometer für 30 Prozent der Befragten die geplanten Reformen in die richtige Richtung und für 59 Prozent in die falsche. Während die SPD nach den herben Wahlverlusten fundamentale Änderungen am geplanten Wirtschafts- und Sozialpaket fordert, beharrt die nicht minder gebeutelte Union auf dem vereinbarten Sparkurs. Das macht es den schwarz-roten Spitzen um Merz und Klingbeil immer schwerer, sich mit ihrem Einigungswillen in den eigenen Reihen durchzusetzen. Dazu blickt man im Regierungsviertel zunehmend nervös darauf, was sich in den Landesparlamenten sowie bei den anstehenden Sondierungen und anschließenden Koalitionsverhandlungen tut. Derweil richten sich aus unseren ländlichen Räumen weiter kritische Blicke auf die EU. Das Parlament hat nun in Straßburg den Prozess eingeleitet, der das Ende der Jagd mit Bleischrot verbindlich einläutet. Das wird für uns weiter ein Thema. Ferner geht es erneut um die Folgen der sogenannten EU-Entwaldungsverordnung. Dann beschäftigen wir uns damit, was gegen die genetische Verarmung unseres Rotwildes unternommen werden kann. Schließlich folgt zum Schluss dieser Kolumne etwas Wohltuendes: Hinweise auf kulinarische Gaumenfreuden und darauf, wo es Leckeres aus heimischen Revieren gibt. In Teilen vielversprechend und nichtssagend Nach der konstituierenden Sitzung des Landtags in Magdeburg und vor der Ministerpräsidentenwahl in dem bisher als „Land der Frühaufsteher“ bekannten mitteldeutschen Bundesland müssen wir uns erst einmal schütteln. Was passiert da mit unserer Demokratie auf der mittleren föderalen Ebene zwischen Bund und Kommunen? So werden wir uns in dieser Kolumne und in unserem Blog künftig noch etwas stärker mit der Landespolitik beschäftigen. Hier fallen viele Entscheidungen, die den ländlichen Raum unmittelbar betreffen. Aktuell muss es nach den Wahlergebnissen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und auch Berlin unterschiedliche Erwartungen an Verbesserungen gegeben haben. Sonst wäre nicht so gewählt worden, wie jetzt nun einmal gewählt wurde. Tobias Rausch ist somit seit Dienstag Landtagspräsident in Magdeburg – der erste Landtagspräsident aus den Reihen der AfD. Nun sollte er sich in einer anderen Rolle zeigen als bisher. Wird er dieser Aufgabe in seinem neuen Amt gerecht? In dieser Funktion hat Rausch die Rechte aller Parlamentarier überparteilich und ausgleichend zu wahren. Als AfD-Stratege und weiterhin Generalsekretär seines Landesverbandes sind allerdings eher Interessenkonflikte zu erwarten. Bei Zwischenrufen und anschließenden Ordnungsrufen liegen Abgeordnete der AfD nicht nur im Bundestag an der Spitze. Wie wird er damit umgehen? Weiterhin wird nach den mindestens vier Abtrünnigen aus den anderen Fraktionen gesucht, die den Parlamentspräsidenten in geheimer Abstimmung mitgewählt haben müssen. Rausch behauptet, dass nicht nur seine Wahl, sondern auch die anstehende Wahl Siegmunds zum Ministerpräsidenten angeblich mit vier Abgeordneten aus der CDU vereinbart sei. Wenn das so kommt, bleibt es mir ein Rätsel, wie auf dieser Grundlage in den nächsten Jahren eine gestaltende Landespolitik entstehen soll. Der Sitzungsalltag findet dann überwiegend in offenen Abstimmungen statt. Zum Spendenformular Die erste angekündigte Sondersitzung auf Antrag der AfD und des BSW zum Thema Ukraine hat zunächst wenig damit zu tun, was das Land betrifft. Wenn wir dann aus dem AfD-Wahlprogramm ableiten, was gerade für den ländlichen Raum versprochen wurde, stellt sich zwangsläufig die Frage, wer die Zeche zahlen soll. In einem Blogbeitrag haben wir uns bereits vor gut einer Woche mit Blick auf das zu erwartende Regierungshandeln befasst: in Teilen „vielversprechend und nichtssagend“. Koalitionsvertrag diszipliniert im Bund, aber nicht in den Ländern Bei all den Auseinandersetzungen und gegenseitigen Verdächtigungen herrscht im Bund eine allgemeine Schockstarre über die Folgen der Landtagswahlen. Der Koalitionsvertrag sieht vor, dass eine Zusammenarbeit mit „verfassungsfeindlichen“ und „demokratiefeindlichen“ Parteien ausgeschlossen ist. Mit diesem Thema treibt die SPD mit Blick auf Magdeburg die CDU und umgekehrt zu den Sondierungen zur angestrebten Koalitionsbildung im Berliner Roten Rathaus, das dann im Inneren dunkelrot wird. All das hat wohl auch den Koalitionsausschuss diszipliniert, der in dieser Woche am Abend des Tages der Routine-Kabinettssitzung im Kanzleramt tagte. Was dort gesagt und beschlossen wurde, war auch am Tag danach weder zu hören noch zu lesen. Die Haltung gegenüber der Regierung der Mitte bleibt im Volke skeptisch. Das belegt das jüngste ZDF-Politbarometer mit überwiegend kritischer Haltung zu den anstehenden Reformen. Zustimmung oder Ablehnung haben da offensichtlich viel mit den jeweils eigenen Befindlichkeiten oder Betroffenheiten zu tun. Wer das Politbarometer nicht gesehen hat, kann die Ergebnisse hier nachlesen. EU-Entwaldungsverordnung bleibt ein Ärgernis Trotz angespannter Stimmung in der Koalition wurde vorher im Kanzleramt die Alltagsarbeit fortgesetzt. So hat das Kabinett am Mittwoch unter anderem beschlossen, den Straßenbau künftig verstärkt mit privatem Kapital zu finanzieren und eine „Allgemeine Verwaltungsvorschrift“ ohne Debatte zu verabschieden. Es ging formal um Vereinfachungen bei der Umsetzung von EU-Vorgaben für kleinere Land- und Forstbetriebe. Damit wurde das nationale Durchführungsgesetz zur EU-Verordnung für entwaldungsfreie Produkte auf den Weg gebracht. Es soll den Handel mit Rohstoffen und Erzeugnissen, die mit Entwaldung in Verbindung stehen, regulieren. Das ist bei uns unverändert umstritten. Dazu hat der Verband der Familienbetriebe Land und Forst anlässlich der Kabinettssitzung erneut angemahnt, verbindliche Regeln und langfristige Planungssicherheit nicht in der zitierten Verwaltungsvorschrift zu regeln, sondern in einem nationalen Durchführungsgesetz abzusichern. Dieser Appell geht nun an den Bundestag, wo weitere Ausschussberatungen und ein abschließender Beschluss zu erwarten sind. Worum es da genau geht, haben wir schon ausführlich behandelt. Ziel ist letztlich der Abbau von Bürokratie bei gleichzeitiger gesetzlicher Rechtssicherheit statt einer „Entlastung auf Widerruf“. Denn: Eine solche Entlastung kann später jederzeit auf Verwaltungsebene zurückgenommen werden. Maßnahmen gegen die genetische Verarmung des Rotwildes Bleiben wir im Wald. Da ist unser Rotwild überwiegend zu Hause. Unser Autor Christoph Boll hat sich schon mehrfach mit den Lebensraumbedürfnissen dieser königlichen Art befasst, die alljährlich zur Brunftzeit für imposante Naturschauspiele sorgt. Er wird das auch in seinem nächsten Blogbeitrag kommende Woche wieder tun. Es geht um die genetische Verarmung des Rotwildes – und was dagegen getan werden sollte. Das auch für Naturfreunde abseits der Jagd beeindruckende Röhren der Hirsche kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es dieser Art hierzulande nicht wirklich gut geht. In allen Teilen der Bundesrepublik schreiten die genetische Verarmung und damit der Verlust der Anpassungsfähigkeit rasant voran. Das Problem: Unser größtes Landsäugetier verbeißt nun mal gerne junge Bäume und gilt in der Forstwirtschaft beim Waldumbau als Störfaktor. Andererseits sind dem Rothirsch ökologische Funktionen zuzuordnen, die offensichtlich zu wenig Anerkennung finden. Fachleute, die sich beim jüngsten Rotwildsymposium der Deutschen Wildtierstiftung ausgetauscht haben, sind sich darin einig, dass mehr Wanderkorridore für die Hirsche geschaffen werden müssen. Warum das sinnvoll ist, hat Christoph Boll für uns schon an Beispielen in unserem Blog „natur+mensch“ beschrieben. Zum Herbst gehören die vielen Wildwochen auf den Speisekarten Man mag´s kaum glauben: Dort, wo einst Industrie, Kohle und Stahl alles dominierten, eröffnete letzte Woche Oberbürgermeister Kufen in Essen die Messe „Essen erntet“. Sie brachte ländliches Flair ins urban geprägte Leben der Metropole im Ballungsraum Ruhr. „Essen erntet“ trug so dazu bei, die Verbindung zwischen Stadt und Land zu stärken und damit auch ein Anliegen von „natur+mensch“ zu fördern. Die Aussteller präsentierten im Grugapark Themen wie Landwirtschaft, Jagd, Imkerei, Fischerei sowie die Vielfalt regionaler Lebensmittel. Den Großstadtmenschen dort wurden nicht nur authentische Eindrücke aus der näheren Natur vermittelt, sondern auch das, was sie mit ihren Produkten an Genüssen bietet. Die Kreisjägerschaft informierte über „Leckeres aus heimischen Revieren“. Bevor von St. Martin bis Weihnachten der Gänsebraten die regionalen Speisekarten dominiert, ist nun überall im Land die Zeit der Wildwochen angebrochen. Auf diesen nachhaltigen Genuss weise ich gerade zu Beginn der Gesellschaftsjagden gern wieder einmal hin. „Wildfleisch ist ein wichtiger Baustein einer gesunden Ernährung.“ So habe ich in einem früheren Beitrag für unsere Stiftung den Mediziner Prof. Dr. Claus Spieker zitiert, was ich jetzt wiederhole: „Wildfleisch ist hochwertig, enthält wertvolles Eiweiß, wichtige Spurenelemente sowie verschiedene Vitamine in hoher Konzentration.“ Wo Wildwochen stattfinden, lässt sich regional leicht im Netz herausfinden: vom Dorf Mecklenburg über die Fisch- und Wildwochen in Thüringen, den Bad Mergentheimer Genuss-Herbst und die Hochschwarzwälder Wildwochen, bis hin zu den Wildwochen-Speisekarten der Kreisjägervereinigung Göppingen am westlichen Bodensee oder zum Bühnenprogramm im Norden: „Traditionelles zu Wald, Wild und Jagd“ auf Usedom. Hier steht Minister Till Backhaus (angefragt) noch auf dem Programm… Mit dieser Zufallsauswahl zum Googeln verabschiede ich mich in ein vielleicht einmal besonders genussreiches Wochenende. Ihr Jost Springensguth Redaktionsleitung / Koordination

  • Wenn der Landwirt nicht mehr weiter weiß

    Baden-Württemberg setzt im Internet auf Hilfsangebote, bevor Winzer und Bauern in Not geraten Symbolbild: KI-Foto ChatGPT Da kommt oft eine Menge an Belastung zusammen: Schätzungen zufolge ist jeder vierte bis fünfte Landwirt von starker Überarbeitung oder einem Burnout bedroht. Unbestritten ist: Psychische Belastungen in der grünen Branche nehmen durch Dauerdruck, Bürokratie und mangelnde Anerkennung massiv zu. Dafür gibt es viele Gründe. Tiere und Ländereien kennen keine Wochenenden oder echten Urlaub. Die Arbeit ist oft ein nicht abschaltbarer Lebensstil. Hinzu kommen Existenzängste durch Struktur- und Klimawandel, schwankende Preise, starre Vorgaben sowie eine erdrückende Bürokratie und ausufernde Dokumentationspflichten. Nicht zuletzt aber leiden viele Landwirte und ihre Familien unter mangelnder gesellschaftlicher Wertschätzung. Der Spagat zwischen Forderungen nach billigen Lebensmitteln, dennoch scheinbar unaufhaltsam steigenden Endverbraucherpreisen und Kritik an Produktionsweisen erzeugt Frust – zum Beispiel im Zuge der Diskussion um Tierwohl, Antibiotika- und Pflanzenschutzmitteleinsatz. Vielen Landwirten fehlt es so an einer positiven Rückmeldung für ihre Arbeit, die wie bei anderen Berufen auch ein wichtiger Aspekt für Arbeitszufriedenheit ist. Schon vor zehn Jahren hatte die Agrarwissenschaftlerin Vanessa Hoffmann im Rahmen einer Bachelorarbeit Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern agrarsozialer Sicherungssysteme, der Wissenschaft und der landwirtschaftlichen Beratungspraxis durchgeführt. Fazit: Die wirtschaftlich schwierige Lage vieler Landwirte wurde als die häufigste Ursache für Burnout angeführt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Niedrige Preise und hohe Schuldenlasten führen weiter dazu, dass Betriebe in finanzielle Not geraten. Häufig wird zudem die enge Verflechtung von Beruf und Familie als Ursache genannt. Bei einem intakten familiären Zusammenhalt kann die Familie zwar ein Rückhalt sein, um Krisen im Betrieb abzufedern. Bei familiären Problemen aber führt sie zu einer Doppelbelastung sowie zu körperlichen und seelischen Überlastungsreaktionen. Wachsende Herausforderungen in den Betrieben Das Land Baden-Württemberg tut daher gut daran, den Blick nicht nur auf die harten ökonomischen Fakten zu werfen, sondern den einzelnen Landwirt und Winzer (auch diese klimabedingt zunehmend in Existenzängste abdriftende Berufsgruppe wird mitbetreut) als Mensch in den Mittelpunkt zu stellen. Denn die Herausforderungen, die jeden Tag von Seiten der Politik, des Handels, aber auch der Gesellschaft an die rund 37.000 bäuerlichen Betriebe im Land gestellt werden, werden immer größer. Herausforderungen, auf die viele Landwirte wie andere Unternehmer auch alleine keine Antwort mehr finden. Es ist einen Versuch wert, wenn das Landwirtschaftsministerium deshalb Unterstützer nennt (www.inverantwortung.de), die mit Rat und Tat zur Seite stehen, um Wege aufzuzeigen und gemeinsam Herausforderungen zu lösen. Ein zweiter wichtiger Bereich sind Vertrauenspersonen, die als unabhängige Ansprechpartner bei den Bauern- und Weinbauverbänden angesiedelt sind. Das Angebot lautet: Einfach mal jemanden zum Reden zu finden, der zuhört, weiterhilft, das womöglich richtige Unterstützungsangebot kennt. Dieses Frühwarnsystem soll in der Fläche ein Netzwerk aufbauen, um durch rechtzeitige Hilfe und Hilfsangebote dafür zu sorgen, dass es zu Notsituationen gar nicht erst kommt. Die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau hat dazu eine Krisenhotline eingerichtet: Telefon 0561 785-10101 (24 Stunden und sieben Tage die Woche). Das alles ist gut gemeint. Ob das Angebot wirklich auf fruchtbaren Boden fällt, ist noch nicht gewiss. Einen Versuch wert ist es allemal. Es wäre sicher aber mindestens genauso hilfreich, wenn die Politik durch spürbaren Bürokratieabbau und klarere Subventionsregeln sowie kluge Einflussnahme auf Preiskartelle oder eine Eingrenzung der Brüsseler Regelungswut ihren ureigenen Beitrag leisten würde, um den landwirtschaftlichen Betrieben und Winzern sichere und auskömmliche Zukunftsperspektiven zu bieten.

  • Den Blick nach vorn richten

    Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und auf die Politik Liebe Leserinnen, liebe Leser! In unserer Wochenkolumne befassen wir uns mit dem Tag der Deutschen Einheit und den politischen Konsequenzen aus den Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Ein weiteres Thema ist das Verhältnis von Klimawandel und Landwirtschaft mit seinen möglichen Auswirkungen auch auf die Verbraucherpreise. Experten warnen bereits, dass das nächste Inflationsproblem nicht an einem Ölterminal beginnen könnte, sondern auf einem Feld, das wegen zu großer Hitze keine Ernte mehr hervorbringt. Zum Schluss unserer Kolumne blicken wir in Richtung Schweiz, wo das Parlament jetzt einen anderen Umgang mit der wachsenden Wolfspopulation beschlossen hat. An diesem Samstag ist Tag der Deutschen Einheit. Doch viele Bürger sind nicht in der Stimmung zu großen Feiern. Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern herrscht in der Politik, aber auch in Teilen der Bevölkerung eine seltsame Mischung aus Frustration, Nervosität und fast schon verzweifelter Suche nach Patentrezepten, um die blaue Welle einzudämmen. Und dass die extreme Linke in Berlin – überschattet von Vorwürfen wegen Antisemitismus und Kontakten zu kriminellen Clans – künftig die Hauptstadt regieren könnte, ist ein weiteres Alarmzeichen. Vor diesem Hintergrund tut es gut, einmal innezuhalten und sich über die großen Errungenschaften durch die deutsche Vereinigung zu freuen. Denn die SED-Diktatur war nun wahrlich keine Gesellschaft, der man politisch eine Träne nachweinen sollte. Ungeachtet vieler Unzulänglichkeiten und großer Herausforderungen: Wir leben aktuell in Deutschland in Demokratie und Freiheit. Das sollten wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Wahlerfolg für Unabhängige Auch die blaue Welle ist zu stoppen, wenn die anderen Parteien ihre Hausaufgaben richtig machen. So hat sich jüngst bei den Kommunalwahlen in Niedersachsen einmal mehr gezeigt, dass die Mehrheit der Bürger Seriosität und Sachverstand im Zweifel höher einschätzen als bloße politische Wunschvorstellungen oder gar rückwärtsgewandte Träumereien. Keine Experimente – so könnte etwa der Ausgang der Stichwahlen in meinem Heimatkreis beschrieben werden. Neue hauptamtliche Landrätin ist hier die bisherige Stellvertreterin des scheidenden Amtsinhabers geworden. Sie setzte sich als unabhängige Kandidatin in der Stichwahl mit 60 Prozent der Stimmen gegen einen durchaus respektablen Konkurrenten der SPD durch. Der dritte, ebenfalls respektable Bewerber aus der CDU war bereits im ersten Durchgang gescheitert. Auch bei den anderen Stichwahlen um Rathäuser und Landratsposten im Flächenland Niedersachsen gingen Mitglieder der AfD und der Linken leer aus. Zum Spendenformular Die Parteien der Berliner Koalition sollten diese Ergebnisse als Ansporn nehmen, sich nicht länger in interne politische Grabenkämpfe zu begeben. Vor allem Mecklenburg-Vorpommerns SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig geht hier mit ungutem Beispiel voran, wenn sie immer wieder öffentlich Front gegen Reformpläne und Vorhaben macht, die der Kanzler und die beiden SPD-Parteivorsitzenden miteinander verabredet hatten. Dass sich das Kabinett am Mittwoch dann doch noch auf eine Pflegereform geeinigt hat, ist immerhin ein Hoffnungszeichen. Es muss in der Koalition und damit bei der Modernisierung des Landes endlich vorangehen, allen politischen Querschüssen zum Trotz. Entscheidend ist, dass diese Regierung gemeinsam Kurs hält und Deutschland wieder langfristig zukunftsfähiger macht. Anders gesagt: Es muss sich vieles verändern, damit die Grundfesten unserer Demokratie und unseres Wohlstandes bewahrt bleiben können. Experten warnen vor steigenden Kosten Ein Beispiel von vielen betrifft das Verhältnis von Klimawandel und Landwirtschaft. Davon ist als erstes der ländliche Raum betroffen, aber darüber hinaus auch jeder Einzelne als Verbraucher. Mein Freund Dr. Johann „Hans“ Schreiner, ein Umwelt- und Klimaexperte, wies mich in diesem Zusammenhang auf eine Studie des internationalen Beratungsunternehmens Oxford Economics hin, wonach extreme Hitzewellen mittlerweile eine größere Bedrohung für die Lebensmittelpreise als geopolitische Konflikte seien. Während sich Kriege etwa mit Verzögerung auf die Düngemittelkosten auswirken, hätten wiederkehrende Wetterextreme direkte Auswirkungen auf die Erträge und würden die weltweiten Nahrungsmittelreserve schmälern, heißt es dort. Dies führe mittlerweile zu höheren Kosten für Verbraucher und möglicherweise zu unerschwinglichen Lebensmitteln für die Ärmsten der Welt. Oxford Economics geht davon aus, dass das Wetter die Lebensmittelinflation im Jahr 2027 stärker beeinflussen wird als der nachlassende Kriegsschock um die Straße von Hormus. Oder zugespitzt formuliert: Das nächste Inflationsproblem könnte nicht an einem Ölterminal beginnen, sondern auf einem Feld, das zu heiß wurde, um eine Ernte hervorzubringen. Ob die Experten mit Blick auf das kommende Jahr Recht behalten, sei mal dahingestellt. Doch ernst nehmen sollte man solche Warnungen schon. Der Klimawandel löst auf vielen Höfen vielfach auch Ängste aus. Nach einer Studie in Baden-Württemberg kommt bei den Landwirten und deren Familien dort oft eine Menge an Belastung zusammen: Schätzungen zufolge ist jeder vierte bis fünfte Landwirt von starker Überarbeitung oder einem Burnout bedroht. Darüber berichtet unser Autor Wolfgang Molitor in der kommenden Woche in unserem Blog natur+mensch. Und er schildert, was das Landwirtschaftsministerium unternimmt, um zu beraten und zu helfen. Ein Frühwarnsystem soll in der Fläche ein Netzwerk aufbauen, um rechtzeitig dafür sorgen zu können, dass es in den Betrieben von Bauern und Winzern zu solchen Notsituationen gar nicht erst kommt. Schweizer wollen Obergrenze für Wolfspopulation Ein ganz anderes Thema. Vorige Woche war ich in der Schweiz – ein schönes Land mit beindruckenden Kulturstätten, bewährter Demokratie und einer grandiosen Natur. Beim Blick in dortigen Medien kommt einem als Deutschem vieles bekannt vor, etwa die Diskussion in der Eidgenossenschaft über die zunehmende Ausbreitung von Wölfen. So hat das Parlament in Bern jetzt beschlossen, dass der Bund eine Obergrenze für die Zahl der Wölfe in der Schweiz festlegen solle. Wird diese überschritten, sollen einzelne Tiere oder ganze Rudel erlegt werden. Dies gilt auch für den Fall, dass sie keine unmittelbare Gefahr darstellen oder Schäden verursacht haben. Der Bundesrat, das heißt die Regierung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, muss nun eine entsprechende Vorlage ausarbeiten. Festgelegt werden soll die neue Obergrenze in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Kantonen. Es würden dann regionale Richtwerte gelten. Der zuständige Bundesrat – sprich Minister – Albert Rösti lobte den Vorstoß des Parlaments. Eine Obergrenze für die Zahl der Wölfe diene nicht nur den Nutz- und Wildtieren, sondern auch der Verbiss nehme ab. Die Schäden würden zwar zurückgehen, so Rösti, aber diese müssten noch weiter reduziert werden. Die Obergrenze sei ein Mittel dafür. Rösti kündigte an, die Obergrenze in einem Gesetz festlegen zu wollen. Damit wird ein Referendum möglich, sodass am Ende wohl eine Volksabstimmung zu diesem Thema stattfinden dürfte, zumal die neu beschlossenen Möglichkeiten bei verschiedenen Umweltorganisationen auf heftige Kritik stoßen. Beobachter sagen deshalb einen emotionalen Abstimmungskampf voraus. Ich bin gespannt, wie das Ganze ausgeht. Denn eine generelle Obergrenze für die Zahl der Wölfe, wie sie in der Schweiz diskutiert wird, könnte auch für Deutschland ein vernünftiger Lösungsweg sein. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und einen gelungenen Start in eine für Sie positive Woche. Mit besten Grüßen Ihr Jürgen Wermser Koordination und Redaktionsleitung

  • Wie die AfD auf dem Lande wirbt und ihre Programmatik zur Jagd

    Das Wachstum der AfD ist ablesbar an den Ergebnissen der letzten Landtagswahlen, in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Sie erschreckt viele Menschen und verbreitet aber Hoffnung auf dem Lande. Jäger sollten hier genau hinschauen Symbolbild: KI-Foto ChatGPT Das Verhältnis zwischen Jägerschaft wie auch vielen anderen Landnutzern und der AfD ist ambivalent. Offene Sympathiebekundungen gibt es kaum. Wohl auch, um die blaue Welle nicht weiter wachsen zu lassen, oder aus Sorge, bei den anderen Parteien in Ungnade zu fallen. Andererseits haben Vertreter der AfD-Landtagsfraktion etwa auf den Landesjägertagen in Thüringen seit Jahren ganz selbstverständlich die Gelegenheit, wie die anderen Parteien ihre Positionierung zur Jagd in ausführlichen Grußworten darzulegen. Nicht selten gibt es dafür unverhohlenen Beifall auf offener Bühne. Entspricht doch das Gesagte meist vielen Wünschen und Erwartungen der Zuhörerschaft – sei es aus Überzeugung oder aus wahltaktischen Überlegungen. Auch in der Landtagsarbeit ist die AfD oft dicht an den Positionen der Jägerschaft und zielt auf deren Nerv. Bislang ist das in fast allen Bundesländern wie auch auf Bundesebene wohlfeil. Doch nun steht die Partei in Sachsen-Anhalt vor einer möglichen Regierungsbildung, dürfte wohl zumindest den Ministerpräsidenten stellen. In Mecklenburg-Vorpommern ist sie stärkste Kraft geworden. Dies ist zwar vor allem, aber bei weitem nicht nur ein Trend in den östlichen Bundesländern. Im bevölkerungs- und jägerreichen Nordrhein-Westfalen, das im April kommenden Jahres einen neuen Landtag wählt, liegt die AfD in jüngsten Umfragen zur Landespolitik hinter der CDU. Bei der Sonntagsfrage zur Bundestagswahl inzwischen aber knapp auf Platz 1. Weil Jagdpolitik in erster Linie Ländersache ist, ist es spätestens jetzt an der Zeit, den Blauen auf den Zahn zu fühlen. Hat sie mit Lippenbekenntnissen den Jägern nur nach dem Munde geredet? Wahlprogramm teilweise vielversprechend und wenig konkret Das Wahlprogramm in Sachsen-Anhalt liest sich gleichermaßen vielversprechend wie nichtssagend. „Die Jagd ist Ausdruck des Verständnisses unserer Umwelt als Kulturlandschaft, also der durch den Menschen gehegten, gepflegten und gestalteten Natur. Deshalb bekennen wir uns ausdrücklich zur Jagd und lehnen jeden Versuch, die Jagd in Misskredit zu bringen oder in Frage zu stellen, ab“, heißt es wenig konkret. Dabei soll am Bewährten festgehalten werden. „Die Festlegung von Strecken zu den verschiedenen Wildarten ist beizubehalten, unter der Prämisse, dass Tiere und Wälder zusammen gedacht werden müssen.“ Das ist im Kern das altbekannte Bekenntnis zu „Wald mit Wild“. Wie das konkret aussehen kann, bleibt offen, etwa wenn es um die Wiederaufforstung des in Sachsen-Anhalt liegenden Harzteils geht, der durch Klimawandel und Borkenkäfer massiv geschädigt ist. Die Maßnahmen sollen im Einklang mit dem Wild erfolgen und „der Wald als Lebensraum für Pflanzen und Tiere“ erhalten bleiben, heißt es pauschal. Von konkreten Lösungsansätzen ist das weit entfernt. Kein Wort zu Bejagungsstrategien und Waldbaukonzepten. Einen kleinen Schritt weiter sind da schon die Parteifreunde in Mecklenburg-Vorpommern, die in ihrem Wahlprogramm die Jagd als „aktiven Natur- und Tierschutz“ definieren. Neben der „traditionellsten Form der Fleischgewinnung“ sei die Jagd „ein wichtiges Instrument, um naturnahe, standortgerechte Wälder zu etablieren und unsere vielfältige heimische Flora und Fauna zu erhalten“. Dazu soll am Instrument der Abschusspläne festgehalten werden, in Kombination mit einer engen Kommunikation von Grundbesitzern und Jägern sowie der Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse, „etwa durch Verbissgutachten und die Bewertung von Schälschäden“. Auch in Sachsen-Anhalt sollen Abschusspläne nicht obsolet werden. Ein anderer Aspekt aber dürfte Grundeigentümer, Bewirtschafter und Jäger weit mehr alarmieren: Die AfD möchte Hand ans deutsche Reviersystem legen. „Das gesamte System der Jagdgenossenschaften und Jagdpachten muss dringend reformiert und vereinfacht werden, damit diese Genossenschaften auch in Zukunft ihrem Hege- und Pflegeauftrag nachkommen können“, formuliert die Partei ihr Ziel. Welche Punkte wie geändert werden sollen, wird jedoch nicht mitgeteilt. Hand soll ans Reviersystem gelegt werden Klarer sind hingegen die Vorstellungen zum Waffenrecht. Vielleicht nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass ihren Mitgliedern mancherorts wegen rechtsextremistischer Tendenzen der Partei die waffenrechtliche Zuverlässigkeit abgesprochen wird. So ist die Linie unmissverständlich: „Wir werden eine weitere Verschärfung des Waffenrechts mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln verhindern.“ Zwar sei ein strenges Waffenrecht prinzipiell zu befürworten, „allerdings ist das deutsche Waffenrecht in einigen Bereichen überstreng“, so das Urteil. Man wolle „eine Reform des deutschen Waffenrechts im Sinne einer Vereinfachung und Konzentration auf scharfe Waffen“. Für die Jagd will die AfD „die Hilfsmittelfreiheit fördern: Der Einsatz von montierten Nachtsichtgeräten und Schalldämpfern darf kein Tabu sein, sondern muss erlaubt sein.“ Ebenso eindeutig ist in Sachsen-Anhalt die AfD-Haltung zum Wolf: „Die vom Wolf verursachten Kosten laufen aus dem Ruder. Erstattungen von Rissen, Förderung von Schutzmaßnahmen und das Wolfskompetenzzentrum (WZI) behindern die Tierhaltung. Die Population ist mittlerweile so groß, dass die Tiere in den Lebensraum der Menschen eindringen und die Gefahr besteht, dass Menschen zur Beute werden. Daher werden wir das umstrittene Wolfskompetenzzentrum abschaffen und die Population gezielt regulieren“, heißt es im Wahlprogramm. Unkenntnis der Gesetzeslage Die Kollegen in Mecklenburg-Vorpommern propagieren ebenfalls eine „klare Bestandsbegrenzung“ und die „kurzfristige“ Entnahme von Wolfshybriden. Eher von Unkenntnis der Rechtslage zeugt die mit Blick auf den Wolf erhobene Forderung: „Jagdausübungsberechtigte und Landnutzer sind hier von Wildschadensausgleichs- und Haftungsverpflichtungen freizustellen.“ Denn wildschadenersatzpflichtig sind laut Bundesjagdgesetz ausschließlich Schäden durch Schalenwild, Kaninchen und Fasanen, nicht jedoch solche durch Isegrim. Am weitesten geht übrigens die AfD in Rheinland-Pfalz, wenn es um den Umgang mit dem Wolf geht. Vor dem Hintergrund der für das kommende Jahr geplanten Novellierung des Landesjagdgesetzes fordert die Landtagsfraktion die Einführung konkreter Jagd- und Schonzeiten für die im Land vorkommende Wolfspopulation mit 13 adulten Tieren. Um den Schutz von Nutztieren zu gewährleisten, plädiert der Abgeordnete Bernhard Cürten für eine ganzjährige Bejagung von umherziehenden Jungwölfen sowie für zeitlich begrenzte Abschussgenehmigungen von sogenannten Problemwölfen zwischen November und Februar. Außerdem möchte die Fraktion Graureiher, Kormorane und Goldschakale in das Jagdrecht aufnehmen, um Schäden in der Teichwirtschaft vorzubeugen und die Ausbreitung neuer Arten wissenschaftlich zu begleiten.

  • Mehr Fruchtsäule als Bierkrug

    Das Landwirtschaftliche Hauptfest in Stuttgart erinnert alle vier Jahre neben dem Wasen-Rummel daran, wie wichtig und leistungsstark die rund 37.000 bäuerlichen Betriebe in Baden-Württemberg sind Foto: in.Stuttgart Veranstaltungsgesellschaft mbH & Co. KG Ein Bierkrug? Von wegen! Nicht der Maßkrug ist das Wahrzeichen des nach dem Münchner Oktoberfest weltweit zweitgrößten Volksfestes in Stuttgart, dem Cannstatter Wasen, sondern die Fruchtsäule. Sie kündet, mit Obst, Gemüse und Blumen geschmückt, vom Ursprung des Festes als Erntedankfest. Was alle vier Jahre auch dem letzten bierseligen Besucher klar macht: Die Landwirtschaft und das Volksfest gehören zusammen. Das Landwirtschaftliche Hauptfest ist Süddeutschlands größte Fachmesse für Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft und damit alle vier Jahre eine Woche lang der größte Bauernhof des Landes. Gut 600 Aussteller informieren über ihre Angebote in acht Messehallen und sechs Zelten mit 600 Tieren. Voraussichtlich rund 200.000 Besucher – Fachpublikum, Familien oder interessierte Verbraucher – werden bis zum 4. Oktober mehr über moderne Landwirtschaft, Tierhaltung und Ernährung kennenlernen. Der Ursprung geht auf ein „Jahr ohne Sommer“ mit einer Hungersnot zurück Als „Landwirthschaftliches Fest zu Kannstadt“ wurde das LWH am 28. September 1818 von König Wilhelm I. und Königin Katharina ins Leben gerufen. Nach langen Hungerjahren war das der Ursprung des Cannstatter Volksfestes. Ursache für das „Jahr ohne Sommer“ war der vor allem im Nordosten Amerikas wie im Westen und Süden Europas mit Ernteausfällen und einer Hungersnot einhergehende Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815. Das ungewöhnlich kalte Jahr 1816 wurde als das Elendsjahr „Achtzehnhundertunderfroren“ berüchtigt. Im Königreich Württemberg ging die Ernte im Sommer 1816 im Vergleich zum langjährigen Mittel um 16 Prozent zurück. Von einer Hungersnot ist heute nicht mehr die Rede. Aber der Klimawandel setzt ähnlich besorgniserregende Akzente, wenn es um die Zukunft der Landwirtschaft geht. Die Erntebilanz 2026 für Baden-Württemberg verzeichnet infolge des extrem heißen und trockenen Sommers erhebliche Einbußen. Beim Winterweizen liegen sie rund 8,2 Prozent unter dem langjährigen Mittel, bei der Sommergerste etwa 9,7 Prozent darunter. Beim Winterraps liegt der Rückgang bei 10,3 Prozent, beim Hafer sogar bei 19,4 Prozent. Tierhalter leiden und Obstbauern mit Kirschanbau jubeln Besonders Tierhalter leiden unter starkem Grünfutter- und Maisausfall, auch wenn das Land fünf Millionen Euro an Futtermittelhilfen bereitstellt. Anhaltender Wassermangel setzte zudem Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben stark zu. Regional kamen Hagel und Unwetter dazu. Nur die Obstbauern in Baden-Württemberg, das mit 2600 Hektar die größten Anbauflächen für deutsche Süßkirschen hat, jubeln: Mit 48.500 Tonnen Süß- und Sauerkirschen lag die Erntemenge um 7,8 Prozent über dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre. „An zahlreichen Standorten werden die Folgen noch weit über dieses Jahr hinaus zu spüren sein“, sagt DBV-Präsident Joachim Rukwied, der auch den Landesbauernverband in Baden-Württemberg anführt. Ihm gehören rund 30.000 Mitglieder an. Die 36.888 landwirtschaftlichen Betriebe haben im Lande eine durchschnittliche Größe von 37,5 Hektar. Nach dem Hitzesommer setzt die grün-schwarze Landesregierung deshalb auf verstärkte Maßnahmen zur Vorsorge gegen Dürre. Mit im Schnitt mehr als 38 Tagen über 30 Grad und 45 Prozent weniger Niederschlag im Sommer habe das Jahr 2026 den bisherigen Rekordsommer 2003 deutlich übertroffen, heißt es vom Staatsministerium. Um künftigen Trockenperioden entgegenzuwirken, soll die Speicherfähigkeit der Böden erhöht werden. Das soll unter anderem durch eine bodenschonende Bewirtschaftung und den Rückbau von Drainagen erfolgen. Außerdem soll eine Flurneuordnung, die systematisch auf Wasserbarrieren wie Hecken, Wäldchen und Grünlandstreifen setzt, helfen, damit Wasser nicht schnell abfließt, sondern nachhaltig im Boden versickert. Wissenswertes über das Wild im Wald und auf den Feldern Der Landesjagdverband BW ist mit einem Messestand im „Kleintierzelt“ vertreten und informiert in diesen Tagen über Wild, Jagd und Natur. Schwerpunkt ist das Thema „Wild-Wald-Bewusstsein“. Ebenfalls ist der große Lernort-Natur-Anhänger des LJV mit einer Vielzahl an Präparaten vor Ort. So können vor allem auch kleine Messegäste Wissenswertes über das Wild im Wald und auf den Feldern erfahren. Die Landwirtschaft nutzt die spätsommerlichen Tage auf dem Wasen, um Selbstbewusstsein zu zeigen und zugleich Hilferufe abzusetzen. Vor allem aber will man den Besuchern zeigen, wie vielfältig gearbeitet wird, ohne die Tradition aus den Augen zu verlieren. Beim Festumzug waren deshalb 4000 Teilnehmer mit 60 Festwagen und über 100 Pferden, Eseln, Schweinen und Ziegen mit von der Partie, um den Beweis für eine umweltverantwortliche und leistungsstarke Landwirtschaft anzutreten. Dass so etwas auch Öko-Fanatiker nutzen, ist verbissene Routine. Die Gemeinderatsfraktion Linke/SÖS/Tierschutz (die politisch schon aus dem legendären Weltweihnachtszirkus ein besseres Artisten-Varieté ohne Tiere gemacht hat) hatte einen Antrag eingereicht, dass der Umzug künftig ohne Tiere stattfinden muss. Noch ohne Erfolg, weil er erst nach dem Umzug behandelt wird. In vier Jahren wird man dann sehen, ob eine starke, verantwortungsbewusste, ausreichend ertragreiche Landwirtschaft und das bierselige Volksfest weiter perfekt zueinander passen.

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