Mehr Fruchtsäule als Bierkrug
Das Landwirtschaftliche Hauptfest in Stuttgart erinnert alle vier Jahre neben dem Wasen-Rummel daran, wie wichtig und leistungsstark die rund 37.000 bäuerlichen Betriebe in Baden-Württemberg sind

Ein Bierkrug? Von wegen! Nicht der Maßkrug ist das Wahrzeichen des nach dem Münchner Oktoberfest weltweit zweitgrößten Volksfestes in Stuttgart, dem Cannstatter Wasen, sondern die Fruchtsäule. Sie kündet, mit Obst, Gemüse und Blumen geschmückt, vom Ursprung des Festes als Erntedankfest. Was alle vier Jahre auch dem letzten bierseligen Besucher klar macht: Die Landwirtschaft und das Volksfest gehören zusammen.
Das Landwirtschaftliche Hauptfest ist Süddeutschlands größte Fachmesse für Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft und damit alle vier Jahre eine Woche lang der größte Bauernhof des Landes. Gut 600 Aussteller informieren über ihre Angebote in acht Messehallen und sechs Zelten mit 600 Tieren. Voraussichtlich rund 200.000 Besucher – Fachpublikum, Familien oder interessierte Verbraucher – werden bis zum 4. Oktober mehr über moderne Landwirtschaft, Tierhaltung und Ernährung kennenlernen.
Der Ursprung geht auf ein „Jahr ohne Sommer“ mit einer Hungersnot zurück
Als „Landwirthschaftliches Fest zu Kannstadt“ wurde das LWH am 28. September 1818 von König Wilhelm I. und Königin Katharina ins Leben gerufen. Nach langen Hungerjahren war das der Ursprung des Cannstatter Volksfestes. Ursache für das „Jahr ohne Sommer“ war der vor allem im Nordosten Amerikas wie im Westen und Süden Europas mit Ernteausfällen und einer Hungersnot einhergehende Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815. Das ungewöhnlich kalte Jahr 1816 wurde als das Elendsjahr „Achtzehnhundertunderfroren“ berüchtigt. Im Königreich Württemberg ging die Ernte im Sommer 1816 im Vergleich zum langjährigen Mittel um 16 Prozent zurück.
Von einer Hungersnot ist heute nicht mehr die Rede. Aber der Klimawandel setzt ähnlich besorgniserregende Akzente, wenn es um die Zukunft der Landwirtschaft geht. Die Erntebilanz 2026 für Baden-Württemberg verzeichnet infolge des extrem heißen und trockenen Sommers erhebliche Einbußen. Beim Winterweizen liegen sie rund 8,2 Prozent unter dem langjährigen Mittel, bei der Sommergerste etwa 9,7 Prozent darunter. Beim Winterraps liegt der Rückgang bei 10,3 Prozent, beim Hafer sogar bei 19,4 Prozent.
Tierhalter leiden und Obstbauern mit Kirschanbau jubeln
Besonders Tierhalter leiden unter starkem Grünfutter- und Maisausfall, auch wenn das Land fünf Millionen Euro an Futtermittelhilfen bereitstellt. Anhaltender Wassermangel setzte zudem Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben stark zu. Regional kamen Hagel und Unwetter dazu. Nur die Obstbauern in Baden-Württemberg, das mit 2600 Hektar die größten Anbauflächen für deutsche Süßkirschen hat, jubeln: Mit 48.500 Tonnen Süß- und Sauerkirschen lag die Erntemenge um 7,8 Prozent über dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre. „An zahlreichen Standorten werden die Folgen noch weit über dieses Jahr hinaus zu spüren sein“, sagt DBV-Präsident Joachim Rukwied, der auch den Landesbauernverband in Baden-Württemberg anführt. Ihm gehören rund 30.000 Mitglieder an. Die 36.888 landwirtschaftlichen Betriebe haben im Lande eine durchschnittliche Größe von 37,5 Hektar.
Nach dem Hitzesommer setzt die grün-schwarze Landesregierung deshalb auf verstärkte Maßnahmen zur Vorsorge gegen Dürre. Mit im Schnitt mehr als 38 Tagen über 30 Grad und 45 Prozent weniger Niederschlag im Sommer habe das Jahr 2026 den bisherigen Rekordsommer 2003 deutlich übertroffen, heißt es vom Staatsministerium. Um künftigen Trockenperioden entgegenzuwirken, soll die Speicherfähigkeit der Böden erhöht werden. Das soll unter anderem durch eine bodenschonende Bewirtschaftung und den Rückbau von Drainagen erfolgen. Außerdem soll eine Flurneuordnung, die systematisch auf Wasserbarrieren wie Hecken, Wäldchen und Grünlandstreifen setzt, helfen, damit Wasser nicht schnell abfließt, sondern nachhaltig im Boden versickert.
Wissenswertes über das Wild im Wald und auf den Feldern
Der Landesjagdverband BW ist mit einem Messestand im „Kleintierzelt“ vertreten und informiert in diesen Tagen über Wild, Jagd und Natur. Schwerpunkt ist das Thema „Wild-Wald-Bewusstsein“. Ebenfalls ist der große Lernort-Natur-Anhänger des LJV mit einer Vielzahl an Präparaten vor Ort. So können vor allem auch kleine Messegäste Wissenswertes über das Wild im Wald und auf den Feldern erfahren.
Die Landwirtschaft nutzt die spätsommerlichen Tage auf dem Wasen, um Selbstbewusstsein zu zeigen und zugleich Hilferufe abzusetzen. Vor allem aber will man den Besuchern zeigen, wie vielfältig gearbeitet wird, ohne die Tradition aus den Augen zu verlieren. Beim Festumzug waren deshalb 4000 Teilnehmer mit 60 Festwagen und über 100 Pferden, Eseln, Schweinen und Ziegen mit von der Partie, um den Beweis für eine umweltverantwortliche und leistungsstarke Landwirtschaft anzutreten.
Dass so etwas auch Öko-Fanatiker nutzen, ist verbissene Routine. Die Gemeinderatsfraktion Linke/SÖS/Tierschutz (die politisch schon aus dem legendären Weltweihnachtszirkus ein besseres Artisten-Varieté ohne Tiere gemacht hat) hatte einen Antrag eingereicht, dass der Umzug künftig ohne Tiere stattfinden muss. Noch ohne Erfolg, weil er erst nach dem Umzug behandelt wird. In vier Jahren wird man dann sehen, ob eine starke, verantwortungsbewusste, ausreichend ertragreiche Landwirtschaft und das bierselige Volksfest weiter perfekt zueinander passen.






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