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  • Wenn der Landwirt nicht mehr weiter weiß

    Baden-Württemberg setzt im Internet auf Hilfsangebote, bevor Winzer und Bauern in Not geraten Symbolbild: KI-Foto ChatGPT Da kommt oft eine Menge an Belastung zusammen: Schätzungen zufolge ist jeder vierte bis fünfte Landwirt von starker Überarbeitung oder einem Burnout bedroht. Unbestritten ist: Psychische Belastungen in der grünen Branche nehmen durch Dauerdruck, Bürokratie und mangelnde Anerkennung massiv zu. Dafür gibt es viele Gründe. Tiere und Ländereien kennen keine Wochenenden oder echten Urlaub. Die Arbeit ist oft ein nicht abschaltbarer Lebensstil. Hinzu kommen Existenzängste durch Struktur- und Klimawandel, schwankende Preise, starre Vorgaben sowie eine erdrückende Bürokratie und ausufernde Dokumentationspflichten. Nicht zuletzt aber leiden viele Landwirte und ihre Familien unter mangelnder gesellschaftlicher Wertschätzung. Der Spagat zwischen Forderungen nach billigen Lebensmitteln, dennoch scheinbar unaufhaltsam steigenden Endverbraucherpreisen und Kritik an Produktionsweisen erzeugt Frust – zum Beispiel im Zuge der Diskussion um Tierwohl, Antibiotika- und Pflanzenschutzmitteleinsatz. Vielen Landwirten fehlt es so an einer positiven Rückmeldung für ihre Arbeit, die wie bei anderen Berufen auch ein wichtiger Aspekt für Arbeitszufriedenheit ist. Schon vor zehn Jahren hatte die Agrarwissenschaftlerin Vanessa Hoffmann im Rahmen einer Bachelorarbeit Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern agrarsozialer Sicherungssysteme, der Wissenschaft und der landwirtschaftlichen Beratungspraxis durchgeführt. Fazit: Die wirtschaftlich schwierige Lage vieler Landwirte wurde als die häufigste Ursache für Burnout angeführt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Niedrige Preise und hohe Schuldenlasten führen weiter dazu, dass Betriebe in finanzielle Not geraten. Häufig wird zudem die enge Verflechtung von Beruf und Familie als Ursache genannt. Bei einem intakten familiären Zusammenhalt kann die Familie zwar ein Rückhalt sein, um Krisen im Betrieb abzufedern. Bei familiären Problemen aber führt sie zu einer Doppelbelastung sowie zu körperlichen und seelischen Überlastungsreaktionen. Wachsende Herausforderungen in den Betrieben Das Land Baden-Württemberg tut daher gut daran, den Blick nicht nur auf die harten ökonomischen Fakten zu werfen, sondern den einzelnen Landwirt und Winzer (auch diese klimabedingt zunehmend in Existenzängste abdriftende Berufsgruppe wird mitbetreut) als Mensch in den Mittelpunkt zu stellen. Denn die Herausforderungen, die jeden Tag von Seiten der Politik, des Handels, aber auch der Gesellschaft an die rund 37.000 bäuerlichen Betriebe im Land gestellt werden, werden immer größer. Herausforderungen, auf die viele Landwirte wie andere Unternehmer auch alleine keine Antwort mehr finden. Es ist einen Versuch wert, wenn das Landwirtschaftsministerium deshalb Unterstützer nennt (www.inverantwortung.de), die mit Rat und Tat zur Seite stehen, um Wege aufzuzeigen und gemeinsam Herausforderungen zu lösen. Ein zweiter wichtiger Bereich sind Vertrauenspersonen, die als unabhängige Ansprechpartner bei den Bauern- und Weinbauverbänden angesiedelt sind. Das Angebot lautet: Einfach mal jemanden zum Reden zu finden, der zuhört, weiterhilft, das womöglich richtige Unterstützungsangebot kennt. Dieses Frühwarnsystem soll in der Fläche ein Netzwerk aufbauen, um durch rechtzeitige Hilfe und Hilfsangebote dafür zu sorgen, dass es zu Notsituationen gar nicht erst kommt. Die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau hat dazu eine Krisenhotline eingerichtet: Telefon 0561 785-10101 (24 Stunden und sieben Tage die Woche). Das alles ist gut gemeint. Ob das Angebot wirklich auf fruchtbaren Boden fällt, ist noch nicht gewiss. Einen Versuch wert ist es allemal. Es wäre sicher aber mindestens genauso hilfreich, wenn die Politik durch spürbaren Bürokratieabbau und klarere Subventionsregeln sowie kluge Einflussnahme auf Preiskartelle oder eine Eingrenzung der Brüsseler Regelungswut ihren ureigenen Beitrag leisten würde, um den landwirtschaftlichen Betrieben und Winzern sichere und auskömmliche Zukunftsperspektiven zu bieten.

  • Den Blick nach vorn richten

    Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und auf die Politik Liebe Leserinnen, liebe Leser! In unserer Wochenkolumne befassen wir uns mit dem Tag der Deutschen Einheit und den politischen Konsequenzen aus den Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Ein weiteres Thema ist das Verhältnis von Klimawandel und Landwirtschaft mit seinen möglichen Auswirkungen auch auf die Verbraucherpreise. Experten warnen bereits, dass das nächste Inflationsproblem nicht an einem Ölterminal beginnen könnte, sondern auf einem Feld, das wegen zu großer Hitze keine Ernte mehr hervorbringt. Zum Schluss unserer Kolumne blicken wir in Richtung Schweiz, wo das Parlament jetzt einen anderen Umgang mit der wachsenden Wolfspopulation beschlossen hat. An diesem Samstag ist Tag der Deutschen Einheit. Doch viele Bürger sind nicht in der Stimmung zu großen Feiern. Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern herrscht in der Politik, aber auch in Teilen der Bevölkerung eine seltsame Mischung aus Frustration, Nervosität und fast schon verzweifelter Suche nach Patentrezepten, um die blaue Welle einzudämmen. Und dass die extreme Linke in Berlin – überschattet von Vorwürfen wegen Antisemitismus und Kontakten zu kriminellen Clans – künftig die Hauptstadt regieren könnte, ist ein weiteres Alarmzeichen. Vor diesem Hintergrund tut es gut, einmal innezuhalten und sich über die großen Errungenschaften durch die deutsche Vereinigung zu freuen. Denn die SED-Diktatur war nun wahrlich keine Gesellschaft, der man politisch eine Träne nachweinen sollte. Ungeachtet vieler Unzulänglichkeiten und großer Herausforderungen: Wir leben aktuell in Deutschland in Demokratie und Freiheit. Das sollten wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Wahlerfolg für Unabhängige Auch die blaue Welle ist zu stoppen, wenn die anderen Parteien ihre Hausaufgaben richtig machen. So hat sich jüngst bei den Kommunalwahlen in Niedersachsen einmal mehr gezeigt, dass die Mehrheit der Bürger Seriosität und Sachverstand im Zweifel höher einschätzen als bloße politische Wunschvorstellungen oder gar rückwärtsgewandte Träumereien. Keine Experimente – so könnte etwa der Ausgang der Stichwahlen in meinem Heimatkreis beschrieben werden. Neue hauptamtliche Landrätin ist hier die bisherige Stellvertreterin des scheidenden Amtsinhabers geworden. Sie setzte sich als unabhängige Kandidatin in der Stichwahl mit 60 Prozent der Stimmen gegen einen durchaus respektablen Konkurrenten der SPD durch. Der dritte, ebenfalls respektable Bewerber aus der CDU war bereits im ersten Durchgang gescheitert. Auch bei den anderen Stichwahlen um Rathäuser und Landratsposten im Flächenland Niedersachsen gingen Mitglieder der AfD und der Linken leer aus. Zum Spendenformular Die Parteien der Berliner Koalition sollten diese Ergebnisse als Ansporn nehmen, sich nicht länger in interne politische Grabenkämpfe zu begeben. Vor allem Mecklenburg-Vorpommerns SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig geht hier mit ungutem Beispiel voran, wenn sie immer wieder öffentlich Front gegen Reformpläne und Vorhaben macht, die der Kanzler und die beiden SPD-Parteivorsitzenden miteinander verabredet hatten. Dass sich das Kabinett am Mittwoch dann doch noch auf eine Pflegereform geeinigt hat, ist immerhin ein Hoffnungszeichen. Es muss in der Koalition und damit bei der Modernisierung des Landes endlich vorangehen, allen politischen Querschüssen zum Trotz. Entscheidend ist, dass diese Regierung gemeinsam Kurs hält und Deutschland wieder langfristig zukunftsfähiger macht. Anders gesagt: Es muss sich vieles verändern, damit die Grundfesten unserer Demokratie und unseres Wohlstandes bewahrt bleiben können. Experten warnen vor steigenden Kosten Ein Beispiel von vielen betrifft das Verhältnis von Klimawandel und Landwirtschaft. Davon ist als erstes der ländliche Raum betroffen, aber darüber hinaus auch jeder Einzelne als Verbraucher. Mein Freund Dr. Johann „Hans“ Schreiner, ein Umwelt- und Klimaexperte, wies mich in diesem Zusammenhang auf eine Studie des internationalen Beratungsunternehmens Oxford Economics hin, wonach extreme Hitzewellen mittlerweile eine größere Bedrohung für die Lebensmittelpreise als geopolitische Konflikte seien. Während sich Kriege etwa mit Verzögerung auf die Düngemittelkosten auswirken, hätten wiederkehrende Wetterextreme direkte Auswirkungen auf die Erträge und würden die weltweiten Nahrungsmittelreserve schmälern, heißt es dort. Dies führe mittlerweile zu höheren Kosten für Verbraucher und möglicherweise zu unerschwinglichen Lebensmitteln für die Ärmsten der Welt. Oxford Economics geht davon aus, dass das Wetter die Lebensmittelinflation im Jahr 2027 stärker beeinflussen wird als der nachlassende Kriegsschock um die Straße von Hormus. Oder zugespitzt formuliert: Das nächste Inflationsproblem könnte nicht an einem Ölterminal beginnen, sondern auf einem Feld, das zu heiß wurde, um eine Ernte hervorzubringen. Ob die Experten mit Blick auf das kommende Jahr Recht behalten, sei mal dahingestellt. Doch ernst nehmen sollte man solche Warnungen schon. Der Klimawandel löst auf vielen Höfen vielfach auch Ängste aus. Nach einer Studie in Baden-Württemberg kommt bei den Landwirten und deren Familien dort oft eine Menge an Belastung zusammen: Schätzungen zufolge ist jeder vierte bis fünfte Landwirt von starker Überarbeitung oder einem Burnout bedroht. Darüber berichtet unser Autor Wolfgang Molitor in der kommenden Woche in unserem Blog natur+mensch. Und er schildert, was das Landwirtschaftsministerium unternimmt, um zu beraten und zu helfen. Ein Frühwarnsystem soll in der Fläche ein Netzwerk aufbauen, um rechtzeitig dafür sorgen zu können, dass es in den Betrieben von Bauern und Winzern zu solchen Notsituationen gar nicht erst kommt. Schweizer wollen Obergrenze für Wolfspopulation Ein ganz anderes Thema. Vorige Woche war ich in der Schweiz – ein schönes Land mit beindruckenden Kulturstätten, bewährter Demokratie und einer grandiosen Natur. Beim Blick in dortigen Medien kommt einem als Deutschem vieles bekannt vor, etwa die Diskussion in der Eidgenossenschaft über die zunehmende Ausbreitung von Wölfen. So hat das Parlament in Bern jetzt beschlossen, dass der Bund eine Obergrenze für die Zahl der Wölfe in der Schweiz festlegen solle. Wird diese überschritten, sollen einzelne Tiere oder ganze Rudel erlegt werden. Dies gilt auch für den Fall, dass sie keine unmittelbare Gefahr darstellen oder Schäden verursacht haben. Der Bundesrat, das heißt die Regierung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, muss nun eine entsprechende Vorlage ausarbeiten. Festgelegt werden soll die neue Obergrenze in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Kantonen. Es würden dann regionale Richtwerte gelten. Der zuständige Bundesrat – sprich Minister – Albert Rösti lobte den Vorstoß des Parlaments. Eine Obergrenze für die Zahl der Wölfe diene nicht nur den Nutz- und Wildtieren, sondern auch der Verbiss nehme ab. Die Schäden würden zwar zurückgehen, so Rösti, aber diese müssten noch weiter reduziert werden. Die Obergrenze sei ein Mittel dafür. Rösti kündigte an, die Obergrenze in einem Gesetz festlegen zu wollen. Damit wird ein Referendum möglich, sodass am Ende wohl eine Volksabstimmung zu diesem Thema stattfinden dürfte, zumal die neu beschlossenen Möglichkeiten bei verschiedenen Umweltorganisationen auf heftige Kritik stoßen. Beobachter sagen deshalb einen emotionalen Abstimmungskampf voraus. Ich bin gespannt, wie das Ganze ausgeht. Denn eine generelle Obergrenze für die Zahl der Wölfe, wie sie in der Schweiz diskutiert wird, könnte auch für Deutschland ein vernünftiger Lösungsweg sein. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und einen gelungenen Start in eine für Sie positive Woche. Mit besten Grüßen Ihr Jürgen Wermser Koordination und Redaktionsleitung

  • Wie die AfD auf dem Lande wirbt und ihre Programmatik zur Jagd

    Das Wachstum der AfD ist ablesbar an den Ergebnissen der letzten Landtagswahlen, in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Sie erschreckt viele Menschen und verbreitet aber Hoffnung auf dem Lande. Jäger sollten hier genau hinschauen Symbolbild: KI-Foto ChatGPT Das Verhältnis zwischen Jägerschaft wie auch vielen anderen Landnutzern und der AfD ist ambivalent. Offene Sympathiebekundungen gibt es kaum. Wohl auch, um die blaue Welle nicht weiter wachsen zu lassen, oder aus Sorge, bei den anderen Parteien in Ungnade zu fallen. Andererseits haben Vertreter der AfD-Landtagsfraktion etwa auf den Landesjägertagen in Thüringen seit Jahren ganz selbstverständlich die Gelegenheit, wie die anderen Parteien ihre Positionierung zur Jagd in ausführlichen Grußworten darzulegen. Nicht selten gibt es dafür unverhohlenen Beifall auf offener Bühne. Entspricht doch das Gesagte meist vielen Wünschen und Erwartungen der Zuhörerschaft – sei es aus Überzeugung oder aus wahltaktischen Überlegungen. Auch in der Landtagsarbeit ist die AfD oft dicht an den Positionen der Jägerschaft und zielt auf deren Nerv. Bislang ist das in fast allen Bundesländern wie auch auf Bundesebene wohlfeil. Doch nun steht die Partei in Sachsen-Anhalt vor einer möglichen Regierungsbildung, dürfte wohl zumindest den Ministerpräsidenten stellen. In Mecklenburg-Vorpommern ist sie stärkste Kraft geworden. Dies ist zwar vor allem, aber bei weitem nicht nur ein Trend in den östlichen Bundesländern. Im bevölkerungs- und jägerreichen Nordrhein-Westfalen, das im April kommenden Jahres einen neuen Landtag wählt, liegt die AfD in jüngsten Umfragen zur Landespolitik hinter der CDU. Bei der Sonntagsfrage zur Bundestagswahl inzwischen aber knapp auf Platz 1. Weil Jagdpolitik in erster Linie Ländersache ist, ist es spätestens jetzt an der Zeit, den Blauen auf den Zahn zu fühlen. Hat sie mit Lippenbekenntnissen den Jägern nur nach dem Munde geredet? Wahlprogramm teilweise vielversprechend und wenig konkret Das Wahlprogramm in Sachsen-Anhalt liest sich gleichermaßen vielversprechend wie nichtssagend. „Die Jagd ist Ausdruck des Verständnisses unserer Umwelt als Kulturlandschaft, also der durch den Menschen gehegten, gepflegten und gestalteten Natur. Deshalb bekennen wir uns ausdrücklich zur Jagd und lehnen jeden Versuch, die Jagd in Misskredit zu bringen oder in Frage zu stellen, ab“, heißt es wenig konkret. Dabei soll am Bewährten festgehalten werden. „Die Festlegung von Strecken zu den verschiedenen Wildarten ist beizubehalten, unter der Prämisse, dass Tiere und Wälder zusammen gedacht werden müssen.“ Das ist im Kern das altbekannte Bekenntnis zu „Wald mit Wild“. Wie das konkret aussehen kann, bleibt offen, etwa wenn es um die Wiederaufforstung des in Sachsen-Anhalt liegenden Harzteils geht, der durch Klimawandel und Borkenkäfer massiv geschädigt ist. Die Maßnahmen sollen im Einklang mit dem Wild erfolgen und „der Wald als Lebensraum für Pflanzen und Tiere“ erhalten bleiben, heißt es pauschal. Von konkreten Lösungsansätzen ist das weit entfernt. Kein Wort zu Bejagungsstrategien und Waldbaukonzepten. Einen kleinen Schritt weiter sind da schon die Parteifreunde in Mecklenburg-Vorpommern, die in ihrem Wahlprogramm die Jagd als „aktiven Natur- und Tierschutz“ definieren. Neben der „traditionellsten Form der Fleischgewinnung“ sei die Jagd „ein wichtiges Instrument, um naturnahe, standortgerechte Wälder zu etablieren und unsere vielfältige heimische Flora und Fauna zu erhalten“. Dazu soll am Instrument der Abschusspläne festgehalten werden, in Kombination mit einer engen Kommunikation von Grundbesitzern und Jägern sowie der Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse, „etwa durch Verbissgutachten und die Bewertung von Schälschäden“. Auch in Sachsen-Anhalt sollen Abschusspläne nicht obsolet werden. Ein anderer Aspekt aber dürfte Grundeigentümer, Bewirtschafter und Jäger weit mehr alarmieren: Die AfD möchte Hand ans deutsche Reviersystem legen. „Das gesamte System der Jagdgenossenschaften und Jagdpachten muss dringend reformiert und vereinfacht werden, damit diese Genossenschaften auch in Zukunft ihrem Hege- und Pflegeauftrag nachkommen können“, formuliert die Partei ihr Ziel. Welche Punkte wie geändert werden sollen, wird jedoch nicht mitgeteilt. Hand soll ans Reviersystem gelegt werden Klarer sind hingegen die Vorstellungen zum Waffenrecht. Vielleicht nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass ihren Mitgliedern mancherorts wegen rechtsextremistischer Tendenzen der Partei die waffenrechtliche Zuverlässigkeit abgesprochen wird. So ist die Linie unmissverständlich: „Wir werden eine weitere Verschärfung des Waffenrechts mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln verhindern.“ Zwar sei ein strenges Waffenrecht prinzipiell zu befürworten, „allerdings ist das deutsche Waffenrecht in einigen Bereichen überstreng“, so das Urteil. Man wolle „eine Reform des deutschen Waffenrechts im Sinne einer Vereinfachung und Konzentration auf scharfe Waffen“. Für die Jagd will die AfD „die Hilfsmittelfreiheit fördern: Der Einsatz von montierten Nachtsichtgeräten und Schalldämpfern darf kein Tabu sein, sondern muss erlaubt sein.“ Ebenso eindeutig ist in Sachsen-Anhalt die AfD-Haltung zum Wolf: „Die vom Wolf verursachten Kosten laufen aus dem Ruder. Erstattungen von Rissen, Förderung von Schutzmaßnahmen und das Wolfskompetenzzentrum (WZI) behindern die Tierhaltung. Die Population ist mittlerweile so groß, dass die Tiere in den Lebensraum der Menschen eindringen und die Gefahr besteht, dass Menschen zur Beute werden. Daher werden wir das umstrittene Wolfskompetenzzentrum abschaffen und die Population gezielt regulieren“, heißt es im Wahlprogramm. Unkenntnis der Gesetzeslage Die Kollegen in Mecklenburg-Vorpommern propagieren ebenfalls eine „klare Bestandsbegrenzung“ und die „kurzfristige“ Entnahme von Wolfshybriden. Eher von Unkenntnis der Rechtslage zeugt die mit Blick auf den Wolf erhobene Forderung: „Jagdausübungsberechtigte und Landnutzer sind hier von Wildschadensausgleichs- und Haftungsverpflichtungen freizustellen.“ Denn wildschadenersatzpflichtig sind laut Bundesjagdgesetz ausschließlich Schäden durch Schalenwild, Kaninchen und Fasanen, nicht jedoch solche durch Isegrim. Am weitesten geht übrigens die AfD in Rheinland-Pfalz, wenn es um den Umgang mit dem Wolf geht. Vor dem Hintergrund der für das kommende Jahr geplanten Novellierung des Landesjagdgesetzes fordert die Landtagsfraktion die Einführung konkreter Jagd- und Schonzeiten für die im Land vorkommende Wolfspopulation mit 13 adulten Tieren. Um den Schutz von Nutztieren zu gewährleisten, plädiert der Abgeordnete Bernhard Cürten für eine ganzjährige Bejagung von umherziehenden Jungwölfen sowie für zeitlich begrenzte Abschussgenehmigungen von sogenannten Problemwölfen zwischen November und Februar. Außerdem möchte die Fraktion Graureiher, Kormorane und Goldschakale in das Jagdrecht aufnehmen, um Schäden in der Teichwirtschaft vorzubeugen und die Ausbreitung neuer Arten wissenschaftlich zu begleiten.

  • Mehr Fruchtsäule als Bierkrug

    Das Landwirtschaftliche Hauptfest in Stuttgart erinnert alle vier Jahre neben dem Wasen-Rummel daran, wie wichtig und leistungsstark die rund 37.000 bäuerlichen Betriebe in Baden-Württemberg sind Foto: in.Stuttgart Veranstaltungsgesellschaft mbH & Co. KG Ein Bierkrug? Von wegen! Nicht der Maßkrug ist das Wahrzeichen des nach dem Münchner Oktoberfest weltweit zweitgrößten Volksfestes in Stuttgart, dem Cannstatter Wasen, sondern die Fruchtsäule. Sie kündet, mit Obst, Gemüse und Blumen geschmückt, vom Ursprung des Festes als Erntedankfest. Was alle vier Jahre auch dem letzten bierseligen Besucher klar macht: Die Landwirtschaft und das Volksfest gehören zusammen. Das Landwirtschaftliche Hauptfest ist Süddeutschlands größte Fachmesse für Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft und damit alle vier Jahre eine Woche lang der größte Bauernhof des Landes. Gut 600 Aussteller informieren über ihre Angebote in acht Messehallen und sechs Zelten mit 600 Tieren. Voraussichtlich rund 200.000 Besucher – Fachpublikum, Familien oder interessierte Verbraucher – werden bis zum 4. Oktober mehr über moderne Landwirtschaft, Tierhaltung und Ernährung kennenlernen. Der Ursprung geht auf ein „Jahr ohne Sommer“ mit einer Hungersnot zurück Als „Landwirthschaftliches Fest zu Kannstadt“ wurde das LWH am 28. September 1818 von König Wilhelm I. und Königin Katharina ins Leben gerufen. Nach langen Hungerjahren war das der Ursprung des Cannstatter Volksfestes. Ursache für das „Jahr ohne Sommer“ war der vor allem im Nordosten Amerikas wie im Westen und Süden Europas mit Ernteausfällen und einer Hungersnot einhergehende Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815. Das ungewöhnlich kalte Jahr 1816 wurde als das Elendsjahr „Achtzehnhundertunderfroren“ berüchtigt. Im Königreich Württemberg ging die Ernte im Sommer 1816 im Vergleich zum langjährigen Mittel um 16 Prozent zurück. Von einer Hungersnot ist heute nicht mehr die Rede. Aber der Klimawandel setzt ähnlich besorgniserregende Akzente, wenn es um die Zukunft der Landwirtschaft geht. Die Erntebilanz 2026 für Baden-Württemberg verzeichnet infolge des extrem heißen und trockenen Sommers erhebliche Einbußen. Beim Winterweizen liegen sie rund 8,2 Prozent unter dem langjährigen Mittel, bei der Sommergerste etwa 9,7 Prozent darunter. Beim Winterraps liegt der Rückgang bei 10,3 Prozent, beim Hafer sogar bei 19,4 Prozent. Tierhalter leiden und Obstbauern mit Kirschanbau jubeln Besonders Tierhalter leiden unter starkem Grünfutter- und Maisausfall, auch wenn das Land fünf Millionen Euro an Futtermittelhilfen bereitstellt. Anhaltender Wassermangel setzte zudem Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben stark zu. Regional kamen Hagel und Unwetter dazu. Nur die Obstbauern in Baden-Württemberg, das mit 2600 Hektar die größten Anbauflächen für deutsche Süßkirschen hat, jubeln: Mit 48.500 Tonnen Süß- und Sauerkirschen lag die Erntemenge um 7,8 Prozent über dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre. „An zahlreichen Standorten werden die Folgen noch weit über dieses Jahr hinaus zu spüren sein“, sagt DBV-Präsident Joachim Rukwied, der auch den Landesbauernverband in Baden-Württemberg anführt. Ihm gehören rund 30.000 Mitglieder an. Die 36.888 landwirtschaftlichen Betriebe haben im Lande eine durchschnittliche Größe von 37,5 Hektar. Nach dem Hitzesommer setzt die grün-schwarze Landesregierung deshalb auf verstärkte Maßnahmen zur Vorsorge gegen Dürre. Mit im Schnitt mehr als 38 Tagen über 30 Grad und 45 Prozent weniger Niederschlag im Sommer habe das Jahr 2026 den bisherigen Rekordsommer 2003 deutlich übertroffen, heißt es vom Staatsministerium. Um künftigen Trockenperioden entgegenzuwirken, soll die Speicherfähigkeit der Böden erhöht werden. Das soll unter anderem durch eine bodenschonende Bewirtschaftung und den Rückbau von Drainagen erfolgen. Außerdem soll eine Flurneuordnung, die systematisch auf Wasserbarrieren wie Hecken, Wäldchen und Grünlandstreifen setzt, helfen, damit Wasser nicht schnell abfließt, sondern nachhaltig im Boden versickert. Wissenswertes über das Wild im Wald und auf den Feldern Der Landesjagdverband BW ist mit einem Messestand im „Kleintierzelt“ vertreten und informiert in diesen Tagen über Wild, Jagd und Natur. Schwerpunkt ist das Thema „Wild-Wald-Bewusstsein“. Ebenfalls ist der große Lernort-Natur-Anhänger des LJV mit einer Vielzahl an Präparaten vor Ort. So können vor allem auch kleine Messegäste Wissenswertes über das Wild im Wald und auf den Feldern erfahren. Die Landwirtschaft nutzt die spätsommerlichen Tage auf dem Wasen, um Selbstbewusstsein zu zeigen und zugleich Hilferufe abzusetzen. Vor allem aber will man den Besuchern zeigen, wie vielfältig gearbeitet wird, ohne die Tradition aus den Augen zu verlieren. Beim Festumzug waren deshalb 4000 Teilnehmer mit 60 Festwagen und über 100 Pferden, Eseln, Schweinen und Ziegen mit von der Partie, um den Beweis für eine umweltverantwortliche und leistungsstarke Landwirtschaft anzutreten. Dass so etwas auch Öko-Fanatiker nutzen, ist verbissene Routine. Die Gemeinderatsfraktion Linke/SÖS/Tierschutz (die politisch schon aus dem legendären Weltweihnachtszirkus ein besseres Artisten-Varieté ohne Tiere gemacht hat) hatte einen Antrag eingereicht, dass der Umzug künftig ohne Tiere stattfinden muss. Noch ohne Erfolg, weil er erst nach dem Umzug behandelt wird. In vier Jahren wird man dann sehen, ob eine starke, verantwortungsbewusste, ausreichend ertragreiche Landwirtschaft und das bierselige Volksfest weiter perfekt zueinander passen.

  • Deutschland driftet auseinander – Stadt und Land auf verschiedenen Wegen

    Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd Liebe Leserin, lieber Leser! Viele in Deutschland haben sich am Montag mit den Ergebnissen der Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und zum Abgeordnetenhaus in Berlin vor Augen selbige gleich erst einmal gerieben. Zum großen Aufwachen gehört die verbreitete Sorge, dass diese Republik eine andere werden könnte. Die Koordinaten verschieben sich: nach Sachsen-Anhalt auch in Mecklenburg-Vorpommern radikal nach rechts, in Berlin nach links. Das zeigt Wirkung im Bund und international. Die Parteien der Mitte und damit die Koalition von Union und SPD schütteln sich und sind erst einmal zu dem Schluss gekommen, die Reformpolitik vielleicht ein wenig zu korrigieren, aber im Grundsatz am Vereinbarten und am Spitzenpersonal festzuhalten. In unserer Wochenkolumne orakeln wir nicht mit, wie es weitergehen könnte, sondern gehen auf Spurensuche im Wahlverhalten. Die Erkenntnis: Die Gesellschaft driftet weiter auseinander. Von den politischen Leiden kommen wir dann im Folgenden mit Blick auf die ländlichen Regionen auch zu den Freuden des Herbstes. Die Oktober- und Wiesenfeste überschwemmen das Land bis in den hohen Norden. Im Süden bleibt es dabei: Sie haben auch etwas mit Politik zu tun. Schließlich befassen wir uns mit dem Rotwild. In den Revieren hat die Brunft begonnen, die unsere Hochwildjäger in ihren Revieren in den Bann zieht. Und in den Nationalparks gilt das für viele Naturbeobachter, die das Schauspiel der Hirsche akustisch und optisch immer wieder erleben wollen. Nach den Wahlen ist wieder einmal vor den Wahlen. In gut einem halben Jahr stehen nach diesen Katastrophen-Ergebnissen für die politische Mitte bereits drei weitere Abstimmungen in den Terminkalendern. Bis dahin wollen sich CDU und SPD so geschüttelt haben, dass dann am 18. April Anke Rehlinger im Saarland und Daniel Günther in Schleswig-Holstein sowie eine Woche später Hendrik Wüst nicht mehr so um ihre Ämter zittern müssen, wie es jetzt gerade in Magdeburg, Schwerin und Berlin war. Stabilität und Stärke in der Mitte bleiben für die einen in Deutschland ein Wunschtraum. Die anderen wollen das Gegenteil, wie der stürmische Aufwind an den politischen Rändern belegt. Wer tiefer in die Wahlergebnisse blickt, erkennt ein weiteres Zeichen für die Auseinanderentwicklung in zwei Anspruchsgesellschaften. Dabei spielt „Wer wohnt und lebt wo“ eine entscheidende Rolle. Der Soziologe Ansgar Hudde ist bereits 2025 in seiner Untersuchung „Wo wir wie wählen“ (Campus Verlag) der Frage nachgegangen, wie weit sich Deutschland politisch auseinandergelebt hat. Seine Fragestellung lautet: „Grenzen sich Anhänger unterschiedlicher politischer Gruppen auch räumlich vermehrt voneinander ab?“ In seiner Untersuchung hat der Autor auch unter Einschluss der Ergebnisse der letzten Bundestagswahl bereits 2025 vier Wahlmuster in Deutschland identifiziert. Er ordnet sie so ein: das „politische Typischdeutschland in westdeutschen Klein- und Mittelstädten“, das „Konservative-Wahlmuster“ im ländlichen Bayern, das „AfD-trifft-Linke-Wahlmuster“ in Ostdeutschland jenseits der Großstädte sowie das „Grün-links-Wahlmuster“ in den zentrumsnahen Vierteln von Metropolen und Universitätsstädten. Ich vermute, Hudde wird seine Analyse nach den letzten drei Landtagswahlen dieses Monats in derselben Richtung – nur verstärkt im Trend – fortschreiben müssen. Stadt und Land sowie Ost und West driften weiter auseinander. Und das mit regionalen Gewichtsverschiebungen zwischen Union und AfD auf der einen sowie SPD, Grünen, der Linken und BSW auf der anderen Seite unserer Gesellschaft. Weitere Polarisierung zwischen Stadt und Land Jedenfalls steht nach den letzten beiden Wahlsonntagen jetzt schon fest: Das Verhalten zwischen Stadt und Land zeigt bei den Abstimmungen eine weiter verschärfte Polarisierung. Alltagsthemen zeigen sich in den Wohnorten mit ihren unterschiedlichen Infrastrukturen und Fragestellungen als Faktoren für Parteipräferenzen. Die AfD hat massiv in Regionen mit geringer Einwohnerdichte zugenommen; vorherrschend sind hier offensichtlich ländliche Zukunftsängste. Die CDU ist in diesen Wahlbezirken abnehmend sichtbar und wird nach der Wählerbewegung durch weitere Abwanderung von der AfD bedrängt, die zudem viele bisherige Nichtwähler mobilisieren konnte. Die SPD verliert in angestammten städtischen Milieus und hält dort vorwiegend ältere Stammwähler und erschließt wenig Jüngere. Die Kernunterstützung von Grünen und mehr noch von den Linken ist überwiegend in städtischen Milieus zu verorten. In Berlin dominiert die Linke das Stadtzentrum. Nach übereinstimmenden Untersuchungen und veröffentlichten Wählerwanderungen ist damit festzuhalten: Stadt und Land fallen weiter auseinander. Den Kanzler einfach loszuwerden, ist auch keine Lösung… Wir sind abseits vieler Wahlanalysen und Kommentare dort, womit wir uns in diesem Blog im Grundsatz beschäftigen. Welches Gewicht hat der ländliche Raum aktuell und in Zukunft in der deutschen Politik? Das wird sichtbar: Wenn weitaus mehr als die Hälfte der Menschen in den ländlichen Regionen leben und arbeiten, sind sie von Strukturen abhängig, deren Ursprung und Gewichte in der Politik zu finden sind. An Tagen wie am letzten Sonntag in Mecklenburg-Vorpommern spielt damit die Betrachtung, wie auf dem Lande gewählt wurde, eine besondere Rolle. Da soll ja, wie schon in Sachsen-Anhalt zuvor, das Gefühl, „abgehängt zu sein“, den Ausschlag gegeben haben. Der Unmut wurde in der Medienresonanz vielfach an der Person des Kanzlers festgemacht. Das ist wohl zu einfach gedacht. Der nicht gerade der Union zuzuordnende ZDF-Moderator Markus Lanz hat das mit dieser Frage anders ausgedrückt: „Ist es in Ordnung, wie die Politik, die eigene Partei, auch die mediale Öffentlichkeit gerade mit Friedrich Merz umgeht? Als würde es ausreichen, einfach diesen ungeliebten Kanzler irgendwie loszuwerden, und dann sind alle Probleme gelöst.“ Auf diese Idee scheinen im Laufe der Woche auch andere in der Union, aber auch in der SPD gekommen zu sein. Die Koalitionsspitzen im Bund geben sich alle Mühe, den Laden zusammenzuhalten. Ob das gelingt, ist eine andere Frage und wird sich wohl noch im Laufe dieses Jahres entscheiden. Berlin hat mit der Wahl zum Abgeordnetenhaus dagegen gezeigt, dass vollkommen andere Ansprüche der Menschen die Wahl entschieden haben. Das kann man am Thema Mieten- und Enteignungswahlkampf festmachen. Zum Spendenformular Der überwiegende Teil der Geschlossenheitsappelle dieser Tage richtet sich an die politisch Handelnden. Was fehlt, ist auch mehr gesellschaftliche Geschlossenheit. Die jüngsten Wahlergebnisse zeigen in eine andere Richtung: Das ist der Trend zu mehr Eigensinn statt Gemeinsinn. Nicht nur der Aschermittwoch ist politisch, sondern auch die Wies´n-Feste Es ist jetzt aber nicht nur die Zeit, Trübsal zu blasen und Zukunftsängste zu schüren. Es darf auch gefeiert werden. Das zeigt sich im Herbst, wenn nicht nur in München Millionen vom Oktoberfest angezogen werden. Überall im und vor allem auf dem Lande heißt es „O´zapft is“. Das gilt selbst im hohen Norden, wenn etwa in Flensburg am 9. Oktober nach bayerischem Vorbild das erste Fass dort angestochen wird, wo sonst die Handball-Bundesliga in der „Hölle des Nordens“ tobt. Die Originale der sogenannten Wiesenfeste finden eher im Süden statt. Und das abseits vom Münchner Spektakel, wo erstmals ein grüner Oberbürgermeister dem schwarzen Landesvater nach dem Anstich die erste Maß in die Hand zu drücken hatte. Söder machte gute Miene zu seinem üblichen Mini-Schluck aus großem Glas. Das andere Signal: Diese Feste sind politisch. Legendär ist da der Gillamoos im niederbayerischen Abensberg, wo während des Jahrmarktes montagsmorgens in verschiedenen Festzelten Politprominenz aller nennenswerten Parteien Massen anzieht. Das liegt gerade hinter und der Cannstatter Wasen in Stuttgart vor uns – mit einem anderen Veranstaltungsformat: Angedockt ist dort das traditionelle „Landwirtschaftliche Hauptfest“. In diesem Jahr findet die 102. Ausgabe dieser größten Fachmesse für Landwirtschaft, Forst und Ernährungswirtschaft statt. Diese Tradition einer grünen Messe mit Kongressformaten geht auf das Jahr 1818 zurück. Die Jagd gehört zum ländlichen Raum und ist natürlich dabei. Der LJV Baden-Württemberg wird auf seinem Messestand über Wild, Jagd und Natur informieren. Schwerpunkt soll das Thema „Wald-Wild-Bewusstsein“ sein. Unser Autor Wolfgang Molitor wird das in unserem Blog zum Anlass nehmen, mal darauf zu schauen, wie sich die schwarz-grüne Landesregierung zu diesen Themen positioniert. Das besondere Naturschauspiel des Herbstes ist die Hirschbrunft Begonnen hat die Brunftzeit des Rotwildes. Nicht nur für unsere Jägerinnen und Jäger gehört dieses Naturschauspiel zu den Höhepunkten eines Jagdjahres, das übrigens im April beginnt. Viele Naturfreunde informieren sich, wo sie das besondere Verhalten dieser beeindruckenden Wildart in der Brunftzeit September/Oktober aus der Distanz verfolgen können. Die männlichen Hirsche stoßen weithin hörbare Rufe (tiefes Röhren) aus und starke Hirsche sammeln Rudel von weiblichen Tieren (Kahlwild), um sich gegen Rivalen in heftigen Kämpfen durchzusetzen. Am besten informiert man sich bei den Nationalparkverwaltungen, die auch auf Verhaltensregeln aufmerksam machen. Dazu gehören Wegegebot mit zum Teil ausgewiesenen Wanderwegen und Aussichtsplattformen. Beispiele sind die Dreiborner Hochfläche im Nationalpark Eifel, im thüringischen Hainich, der Nationalpark Harz mit geführten Hörplätzen sowie der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft mit Plattformen auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Im Süden finden besondere Exkursionen im Nationalpark Schwarzwald statt. Lebensräume und Verbreitung des Rotwildes machen auch Sorgen Dass unser Rotwild nur auf etwa 25 Prozent der Fläche in Deutschland vorkommt, ist nicht naturgegeben, sondern geht auf Gesetze und Verordnungen zurück. Vor allem in den südlichen Bundesländern ist die Beschränkung auf festgelegte Rotwildbezirke zu spüren. Nur dort wird diese imposante Wildart „geduldet“. Das Bayerische Jagdgesetz schreibt beispielsweise vor, dass Reviere außerhalb der Rotwildbezirke „rotwildfrei zu machen und zu halten“ sind. So beschränken sich die Lebensräume im Freistaat auf nur 14 Prozent der Landesfläche. Die Deutsche Wildtierstiftung fordert wie viele Fachleute, die ausgewiesenen Lebensräume besser zu vernetzen. Es geht für diese wanderfreudige Tierart darum, über größere Distanzen den genetischen Austausch zwischen Teilpopulationen zu ermöglichen. Grünbrücken, Wanderkorridore und sogenannte Trittstein-Vorkommen auf öffentlichen Liegenschaften könnten das fördern. Hier gilt es, die Politik zu überzeugen, für mehr potenzielle Lebensräume zu sorgen, die dann auch vernetzt werden sollten. Dieses Thema mit vorbildlichen Maßnahmen in Schleswig-Holstein haben wir anhand von Forschungen und Lösungen in unserem Blog bereits mehrfach behandelt. Politische Lösungen sind also möglich. Nach ihrem Rotwild-Symposium bilanzierte vor kurzem die Wildtierstiftung: Rothirsche haben eine große Bedeutung für viele Prozesse des Ökosystems. Beklagt wird, dass viele Landnutzer von Wald und Flur oft nur das Risiko von Wildschäden sehen, statt die ökologischen Funktionen des Rotwildes anzuerkennen. Mit diesen natürlichen jahreszeitlichen Bezügen wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ein gutes Wochenende – vielleicht mit Naturerlebnissen in Ihren nächsten Ausflugsplänen. Ihr Jost Springensguth Redaktionsleitung / Koordination

  • Wilderei (Teil 3): Kriminelle als vermeintliche Helden

    In der langen Tradition der Wilderei werden die Täter vielfach idealisiert oder romantisiert. Das mündete in der Mitte des 20. Jahrhunderts im Kitsch und in den Klischees der Heimatfilme. Das bekannteste Beispiel ist Georg Jennerwein Georg Jennerwein (Foto: Wikipedia) Sie schlugen der staatlichen Obrigkeit ein Schnippchen und begehrten gegen sie auf, weil diese die Jagd als adeliges Privileg ausschließlich für sich beanspruchte. Das erbeutete Fleisch ernährte zugleich die Familie oder konnte verkauft werden. So hatte der Spessarter Erzwilderer Johann Adam Hasenstab einen gut gehenden Wildbrethandel bis Frankfurt. Das alles trug dazu bei, dass die Wilderer in den Augen der armen Landbevölkerung schnell zu Helden mutierten. Besonders die Wilderer aus feudalen Jagdgebieten wie dem Spessart wurden schon früh von der Bevölkerung heroisiert. Das verstärkte sich noch während der französischen Besatzungszeit unter Napoleon. Wildererromantik in gefährlichen Bergregionen Im Alpenraum entwickelte sich im 19. Jahrhundert geradezu eine Wildererromantik. Sie speist sich daraus, dass es beim Wildern wie beim Jagen in den gefährlichen Bergregionen sowohl äußerst gute Ortskenntnisse als auch obendrein besondere Kühnheit und Naturverständnis braucht. Zu einer Zeit, in der Bergsteigen als alpiner Sport noch völlig unbekannt war, beherrschten also die Gebirgsjäger und -wilderer hohe bergsteigerische Fähigkeiten. Etliche heutige Gebirgswanderwege haben ihren Ursprung als Jägerpfade. Besonders im bayerisch-österreichischen Grenzraum waren Wilderer meistens zugleich Schmuggler. Sie bewegten sich auf sogenannten Wildererpfaden, die oft ausgetretene Wildwechsel waren. Die tollkühnen Burschen und die wilde Bergwelt verschmelzen im Zuge der Romantik Anfang des 19. Jahrhunderts zunehmend zu einem Motiv in Kunst und Literatur. In dieser Entwicklung werden die Gebirgs-Wildschützen zunehmend zu „natürlichen Helden“. Der Endpunkt dieser Sicht ist in den vor rund 70 Jahren entstandenen Heimatfilmen erreicht, in der die Auseinandersetzung zwischen Wilderer und Obrigkeit zu Kitsch und Klischee verkommt. Etliche der realen Vorbilder waren immerhin berühmt, einige sogar legendär geworden: Hans Eidig (Lüneburger Heide), Hasen-Ahlers (Oldenburger Land), Hermann Klostermann (Eggegebirge, Sauerland), der Lexengangerl (Oberpfalz), Matthias Klostermayr, bekannt als der „bayerische Hiasl“, der im 18. Jahrhundert eine berüchtigte Wildererbande im Grenzraum zwischen Bayern und Schwaben anführte und schließlich hingerichtet wurde. Der genannte Hermann Klostermann, der zudem auch als „Teutoburgerwald-Wilderer“ aus Westfalen bekannt war, hielt die Obrigkeit über Jahre hinweg in Atem. In der Bevölkerung galt er als schlau und ungreifbar. Legende über Bayern hinaus Der bekannteste von allen aber ist sicher Georg Jennerwein, der „Girgl von Schliers“. Er wurde zur Legende weit über Bayern hinaus und seine Wilderei zum Aufbegehren gegen die Obrigkeit stilisiert. Die bis in die Gegenwart geschaffenen zahlreichen Romane, Filme und Theaterstücke mit ihm als Protagonisten haben ihren Ursprung in dem zum Volkslied gewordenen „Jennerwein oder Auf den Bergen wohnt die Freiheit“. Darin wird der Protagonist zum Volkshelden verklärt, der später sogar mit Robin Hood verglichen wurde, obwohl nirgends überliefert ist, dass er seine Beute jemals mit Bedürftigen geteilt hat. Wie nicht wenigen Wilderern, die von Forstbeamten des Landesherren gejagt und noch vor dem eigentlichen Ergreifen getötet wurden, erging es auch dem Holzarbeiter Jennerwein. Am 6. November 1877 hat er sich noch vor Tagesanbruch in einem Graben zur Jagd auf Gämsen in Position gebracht. Dort kommt es der Sage nach zu einem unverhofften Zusammentreffen mit dem Jagdgehilfen Pföderl. Der wirbt nicht nur um dieselbe Frau wie der „Weiberheld, Raufbold und Wirtshausbruder“ Jennerwein, sondern ist der Überlieferung nach von diesem bei einem Holzhackerball provoziert worden. Er strich dem Konkurrenten vor allen Anwesenden mit seinem Gamsbart quer über das Gesicht und sagte: „Siehgst Pföderl, söllers Kraut wachst in dein Garten, aber brocka tua’s i!“ (Siehst du Pföderl, solches Kraut wächst in deinem Garten, aber ich pflücke es!) Drastische Strafen für die Täter Als die beiden sich dann unvermittelt in der Natur treffen, springt Jennerwein angeblich im Reflex zurück und dreht sich dabei um. Ebenfalls im Reflex schießt Pföderl, trifft den Wilderer in den Rücken und läuft in seiner Panik zurück ins Forsthaus. Eine andere These besagt: Pföderl ist nach einem Gespräch mit Forstwart Mayr, „dessen Inhalt nie bekannt wurde“, zu Jennerwein zurückgekehrt, um mit seinem Gewehr mindestens einen Schuss in dessen Kopf abzugeben und somit einen Selbstmord Jennerweins vorzutäuschen. Letztlich wird der Tote zum Idol, nach dem sich Schützenvereine benennen und dessen angebliches Grab jährlich Hunderte von Verehrern besuchen. Wilderei wurde von Beginn an drastisch bestraft, um sie im Keim zu ersticken. Damit erlangte sie quasi die Qualität eines politischen Verbrechens. Öffentliche Demütigung, Zwangsarbeit oder sogar die Todesstrafe drohten den Erwischten. Es gab aber auch Zeiten, in denen der Staat nachsichtig war. So galten Wilderer, die mit der Kugel jagten, beim Militär als ideale Scharfschützen. Das führte dazu, dass mit Georg Mühlberger und Georg Herrnbreiter zwei der bekanntesten deutschen Scharfschützen des Ersten Weltkriegs Wilderer waren. Beiden wurde trotz ihrer kriminellen Vergangenheit als Wilderer die Bayerische Tapferkeitsmedaille, die höchste Tapferkeitsauszeichnung Bayerns für Nicht-Offiziere, verliehen. Herrnreiter erhielt zudem das Eiserne Kreuz zweiter Klasse. In der Zeit des Nationalsozialismus plante man Anfang 1940 die Aufstellung von geschlossenen Scharfschützen-Kompanien mit Integration sämtlicher Wilderer. Durch entsprechende militärische Leistungen sollten sie so ihre Strafe im Fronteinsatz abbüßen. Dazu kam es zwar nicht, im Mai 1940 wurde das „Wilddiebkommando Oranienburg“ aufgestellt. Es ging in das SS-Sonderkommando Dirlewanger über, in dem 250 Wilderer neben gewöhnlichen Kriminellen und Berufsverbrechern waren.

  • „Die dicken Knollen fehlen“

    Die Hitze und Trockenheit der vergangenen Monate machen auch vor der Deutschen liebsten Knolle nicht halt – das ist die Kartoffel. Sie bereitet vielen Landwirten inzwischen Probleme Foto: Dieter Schütz / pixelio.de Die Deutschen lieben ihre Kartoffel. Ob als Beilage für ein Mittagessen, ob als Zutat für den beliebten Salat oder als Grundlage für die Pommes im Schnellrestaurant oder tiefgefroren – Kartoffeln sind eine unverzichtbare Grundlage für das Essen hierzulande. Seit Jahrhunderten gehören sie in Deutschland zum kulinarischen Establishment. Aber natürlich hat die Hitze und Trockenheit der vergangenen Monate bundesweit auch bei der Kartoffel für erhebliche Einbußen bei der Ernte gesorgt. Vor allem im Vergleich zum Vorjahr, als fast eine Rekordernte hierzulande verzeichnet werden konnte, müssen sich die Landwirte und die Verbraucher auf einen schmaleren Ertrag einstellen. Ob die Kartoffel auch teurer wird, ist noch nicht abzusehen. Festzustehen scheint, dass auch die Pommes durch das mengenmäßigere Angebot kleiner im Tiefkühlbeutel werden. Einige Bauern steigen auf den klimaresistenten Sojaanbau um „Natürlich haben die hohen Temperaturen auch bei uns im Osten Deutschlands den Pflanzen zugesetzt“, berichtet die Geschäftsführerin des sächsischen Kartoffelverbandes, Ariane Weiß, in einer Stellungnahme. „Bei Temperaturen über 30 Grad wächst die Kartoffelpflanze natürlich nicht weiter. Die dicken Knollen fehlen“, erklärt Weiß. Schon in den vergangenen Jahren führten Klimaveränderungen, hohe Temperaturen und aufeinanderfolgende Hitzeperioden dazu, dass viele Kartoffelbauern umgestiegen sind und zum Beispiel die klimaresistentere Soja-Pflanze anbauen. Eines steht jedenfalls fest: „Wir werden keine gute Ernte erleben.“ Nicht nur Sachsen leidet. Auch aus anderen – westlichen – Bundesländern werden ähnliche Probleme gemeldet: So rechnen auch die Kartoffelbauern in Bayern mit kleineren Knollen sowie deutlichen Ertrags- und Qualitätseinbußen. Zudem setzten regionaler Hagel und Pflanzenkrankheiten den Pflanzen zu. Regionale Nachfrage schwächelt Dazu kommen auch hier der verschärfte Preiskampf im Lebensmittelhandel und die anhaltende Krise in der Gastronomie. „Hier fehlt eindeutig die Nachfrage, vor allem im Direktverkauf und auf regionaler Ebene“, sagt ein Insider. Der Hofverkauf, auf den viele Landwirte verstärkt setzen, könne diese Rückgänge nicht auffangen. Konsequenz: Die Anbaufläche für Kartoffeln wird in vielen Ländern immer kleiner. Wieder ein Blick nach Sachsen: Wurden in dem östlichen Bundesland im Jahr 2025 noch auf etwa 5.600 Hektar Kartoffeln angebaut, sind es dieses Jahr laut Landesamt für Statistik in Dresden nur noch 4.700 Hektar – ein Minus von mehr als 16 Prozent. Auch die Zeit für die Ernte werde durch die Wetterturbulenzen aber immer knapper: Das Gros der Erdäpfel wird eigentlich ab Mitte August bis Anfang Oktober vom Feld geholt. Dieses Jahr sei das nicht möglich gewesen: Der Boden war aufgrund der Hitzewelle im Juli und August zu stark ausgetrocknet. Deswegen habe sich die Haupternte verzögert – bundesweit. Weltmärkte unter Druck Wie sich das geringere Angebot an heimischen Kartoffeln auf die Preise für Verbraucher auswirkt, ist unklar. Auf den Weltmärkten beobachten Analysten aktuell einen Preisverfall der Erzeugerpreise für die deutsche Landwirtschaft. Die Erzeugerpreise für Agrarprodukte sanken um 13,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, wie das Statistische Bundesamt jetzt mitteilte. Im Mai und Juni hatte es mit minus 13,9 Prozent die stärksten Rückgänge seit mehr als elf Jahren gegeben. Besonders deutlich fielen im Juli die Preise für Kartoffeln: Sie gaben um 45,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat nach. Inwieweit sich das auch auf die Preise für Kunden im Supermarkt auswirkt, ist aber unklar. Bei der Preiskalkulation spielen nämlich noch weitere Punkte wie Transport, Handel und gestiegene Kosten für Mitarbeiter und Energie eine erhebliche Rolle. Und die dürften die Preise nicht weiter sinken lassen – auch wenn die heimischen Landwirte davon allerdings nichts spüren werden.

  • Wahlschock, Reformstau und die Sorgen auf dem Land

    Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd Liebe Leserin, lieber Leser! Sachsen-Anhalt und die Kommunalwahl in Niedersachsen liegen hinter und Mecklenburg-Vorpommern sowie die Entscheidung über die Landes- und Stadtpolitik Berlins vor uns. Die politische Schockstarre in unseren Regierungsparteien muss sich nach diesem nun erneut anstehenden Wahlwochenende lösen – wie auch immer. Die gerade weit verbreitete Kritik konzentriert sich auf den Kanzler und CDU-Vorsitzenden – manchmal so, als hätten die SPD und ihre Granden nichts damit zu tun. Hoffnungsträgerin dort ist jetzt Manuela Schwesig. Sie setzt alles daran, von Platz zwei in ihren Umfragen am Wahlsonntag auf eins nach den Auszählungen zu rücken. Das Szenario der Septemberwahlen vermittelt den Eindruck, dass es weniger um die auch für unsere Themen wichtige Landespolitik geht, sondern um die Reformpolitik in der Koalition unter dem Druck der nun einmal stark gewordenen AfD. Sie fährt ihre Erfolge auf dem Lande ein, wo wir andere Sorgen und Wünsche haben, die nun einmal nicht oben auf der politischen Agenda stehen. Schlechte Erntebilanzen und sinkende Preise verschärfen den Druck in der Agrarwirtschaft. Wir blicken in dieser Wochenkolumne weiter auf die durch Hitze und Trockenheit nun drohende Verschärfung der Schäden in unseren Wäldern. Letztlich füge ich noch eine Praxiserfahrung zum viel zitierten Wolfsmanagement an. „Alles, was wir verlangen, ist, dass die Regierung die Bedürfnisse der ländlichen Gemeinden anerkennt und mit ihnen arbeitet und nicht gegen sie.“ Das habe ich nach dem unspektakulären Regierungswechsel in Großbritannien in einem Kommentar aus dem ländlichen Raum dort gelesen. So etwas wäre für uns in der Realität des Parlaments- und Regierungsviertels entlang der Spree auch mal ein guter Hinweis. Derweil fällt alle Welt bei uns über den Kanzler her, obwohl fast alle wissen, dass wir mit unseren Finanz- und Demografiedaten im Reformstau stecken und raus müssen. Bei den Lösungsperspektiven habe ich den Eindruck, dass es verbreitet erst einmal um den Erhalt dessen geht, was man selbst hat. Das gilt für die Parteien und ihre Personen in Funktionen allemal. CDU-Ministerpräsidenten demonstrieren Solidarität Nach dem beklagten Solidaritätsmangel am Abend der Sachsen-Anhalt-Wahl gibt es seit Mittwoch eine Demonstration des Rückhalts durch die CDU-Ministerpräsidenten: „Gemeinsam mit dem Bundeskanzler“ heißt die gemeinsame Erklärung, die Merz gilt. Zusammen mit dem Präsidium seiner Partei will er „seine“ Länderchefs nun am Sonntag um sich scharen. Alle Szenarien in der Berliner Politik- und Journalistenblase drehen sich darum, wie lange der Kanzler durchhält. Personalwechsel – so ist die verbreitete Erkenntnis – führen nicht aus der Krise. Geschlossenheit und Stabilität sind in der politischen Mitte angesagt. Übrigens redet in Berlin kaum jemand offen über eine andere Alternative: Nämlich das, was Angela Merkel unter Druck 2018 vorgemacht hat: Man kann auch auf den Parteivorsitz verzichten und (erst einmal) Kanzler bleiben; und weiter das regeln, was notwendig ist. Ein kleines Zwischenhoch hat für die Parteien der Mitte in dieser angespannten Situation die Kommunalwahl in Niedersachsen gebracht. Mit Schrammen bleibt die CDU dort mit gut 27 Prozent vorn, gefolgt von der SPD mit 24,6. Die AfD hat sich mit fast 16 Prozent verdreifacht. Gerade auf dem Lande zeigt sich aber, dass sie 258 ihrer in Räten und Kreistagen gewonnenen Sitze nicht besetzen kann. So viel zum Thema Lieferqualität, wenn's dann um die praktische Politik geht. Mit schrägen oder skandalösen Lebensbiografien in Regierungsämter Nicht zu unterschätzen: Was sich seit dem Auftritt der AfD-Landtagsfraktion in Sachsen-Anhalt in Köpfe aus dem „Political-Correctness-Lager“ einprägt, gehört zu den Gründen der Distanz, die die politische Mitte zeigt. Wenn, wie in Magdeburg geschehen, gewählte Abgeordnete mit schrägen oder skandalösen Lebensbiografien in Regierungsämter drängen, kann das, was man über sie hört oder liest, auch anders wirken. Nichtwähler, die mit dem Schlicht-Argument „Da oben muss sich was ändern“ und allein aus Protest gegen „Wer weiß nicht was“ plötzlich gewählt haben, sehen sich eher bestätigt. Da stört es viele nicht, dass der designierte Ministerpräsident erst einmal selbst seine möglichen Steigbügelhalter vom BSW provoziert. Jedenfalls gilt das für Siegmunds Ansicht, dass die Ansiedlung von Rüstungsproduktion auch notwendig sei, um von dort für eine spätere Remigrations- und Abschiebeoffensive entsprechende Hilfsmittel aus der Waffenproduktion zu erhalten. Vielleicht finden es jetzt auch manche gut, dass Brüllen, feixendes Klatschen und Johlen als neuer Stil in die Arbeit von Parlamenten einziehen. „Die bewegen da oben doch was“, ist dann als Stimmung in den unseligen Straßenumfragen in den inzwischen üblichen Einspielern von Tagesschau und Heute zu hören. Mal sehen, wie die Folgewirkung am Sonntag in Mecklenburg-Vorpommern und bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus ausfällt. Als Erwartung aus dem Regierungsviertel ist zu hören, dass eine neue Erzählung helfen soll. Das ist allenfalls ein abgedroschenes Rezept im bekannten „Politsprech“, wonach man die Politik nicht ändern, sondern sie nur besser erklären muss. „Vollzugshinweis Wolf an JAB“ Apropos Verständlichkeit. Wenigstens unsere Finanzämter bemühen sich gerade um eine verständliche Behördensprache. Sie sollen nun aus 730 Textbausteinen ihre künftige Amtspost formulieren, wenn’s um Steuern geht. Das „Leibnitz-Institut für Deutsche Sprache“ soll so der Finanzverwaltung mit wissenschaftlichem Beistand auf die Sprünge helfen. Das sollten sich vielleicht manche Verantwortliche für die Kommunikation in Rathäusern oder Ministerien mal zu eigen machen. Jüngst ist mir ein Hinweis meiner Kreisjägerschaft als Weiterleitung eines achtseitigen Briefes des zuständigen Landesressorts für Landwirtschaft und Forsten aus Düsseldorf ins Postfach gerutscht. Betreffzeile: „Vollzugshinweis Wolf an JAB“. Gemeint bin ich am Ende als Jagdausübungsberechtigter in NRW. Hier gibt es im Rahmen der „konkurrierenden Gesetzgebung des Bundes“ im aktuellen Jagdrecht des Landes (noch?) keine gesetzlichen Wolfsregelungen. Wenn mir nach diesem komplizierten Schreiben dann im Revier ein Wolf als nach dem Bundesjagdgesetz „jagdbare Wildart begegnet“, muss ich schon viel an Vorschriften begreifen und wissen, bis ich dann vielleicht was tun könnte. Dazu gibt es die zitierten Vollzugshinweise auf acht Seiten im „Behörden-Juristen-Deutsch“. Sie sind kaum für alle Revierinhaber verständlich – dafür aber juristisch verbindlich. Auf solche Regelungen sollten wir später einmal im Ländervergleich in unserem Blog natur+mensch genauer eingehen. Erst einmal gilt unter den Vorgaben zur „Entnahme schadstiftender Wölfe“ ein solches Textbeispiel: „Zu § 22d Absatz 3 Satz 2 bis 5 BJagdG) Ist ein Schaden an einem nicht wildlebenden Tier eingetreten, so ist gemäß Satz 2 zur Abwendung der in Satz 1 Nummer 1 genannten Schäden die Jagd auf den Wolf auch ohne Genehmigung der zuständigen Behörde zulässig, wenn ein von der zuständigen Behörde oder dem Land bestellter Sachverständiger für Wolfsrisse festgestellt hat, dass der Schaden 1. von einem Wolf verursacht worden ist und 2. trotz zumutbar ergriffener Herdenschutzmaßnahmen, die geeignet sind, Tiere vor Angriffen durch den Wolf zu schützen, eingetreten ist.“ Viele unserer Jägerinnen und Jäger bzw. Revierinhaber werden damit ratlos zurückgelassen. Und betroffenen Weidetierhaltern ist bei solchen Praxisvorgaben erst mal kaum zu helfen … Was nach dem Hitzesommer für unsere Laubwälder zu erwarten ist Nach der historisch extremen Trockenperiode und den Hitzewellen dieses Sommers gibt es für Laubwälder schlimme Prognosen. Sie könnten die Borkenkäferfolgen noch übersteigen. Seit diesem Sommer sorgen wir uns noch mehr um viele Laubwälder in Deutschland. Sie stehen wohl vor gravierenden Schäden. Hinter uns liegen im Juni, Juli und August Rekordtemperaturen bei weit unterdurchschnittlichen Niederschlagsmengen – natürlich mit ihren regionalen Unterschieden. Neben den bekannt beklagten Ernteausfällen in der Landwirtschaft trifft es damit auch erneut unsere Wälder. Und das bei ihren ohnehin geschwächten Beständen nach den verschiedenen Dürrejahren 2018 bis 2023. So sagen uns jetzt Forstexperten unserer Stiftung und Waldökologen eine neue Welle des Baumsterbens und der Kronenverlichtung in unseren Laubwäldern voraus. Das trifft insbesondere die Eifel, den Hunsrück und den Taunus. Auch aus Thüringen haben wir bereits entsprechende Hinweise bekommen. Zum Spendenformular Verschärft wird die Situation durch aktuelle Prognosen für Forstflächen mit teilweise bereits vorhandenen extremen Pflegerückständen. Schwer getroffen sind neben Nadelhölzern zunächst Weichlaubhölzer wie Birke, Eberesche und Weide, aber auch die Leitarten wie Ahorn und ganz besonders die Rotbuche. Insbesondere in Buchenbeständen werden die Hitze- und Trockenfolgen zu weiteren massiven Schäden führen. Wenn es bei einem Baum im vollen Safttrieb plötzlich zu einem Abriss der Wassersäule kommt, führt das zum plötzlichen Trocknen des Laubes. Dieser Fluss ist übrigens im Normalfall mit einem Stethoskop aus unserem natur+mensch-Waldrucksack zu hören, wenn es an den Stamm gehalten wird. Die mangelnde Wasserzufuhr nimmt dem Baum die Chance, überhaupt eine Knospe fürs kommende Jahr auszubilden. Das Holz wird dann damit großflächig nahezu verloren sein – nicht nur für die weitere Bewirtschaftung der Flächen, sondern auch mit Folgen für den wirtschaftlichen Nutzen. Neben mit der Zeit auflaufenden Ertragsausfällen erwarten dann Experten weitere Folgeprobleme. So unter anderem Gefahren für Forstmitarbeiter bei ihrer Arbeit durch herabfallende Äste und brechende Baumkronen. Für Besitzer und Fachleute bleibt die Frage, wie lange bei absterbenden Bäumen das Holz wirtschaftlich verwertbar sein wird. Das kennen wir aus den Erfahrungen mit den Folgen des Borkenkäferbefalls. Für unsere Projektarbeit „Wald mit Wild“ bestätigt das die Notwendigkeit, hier nicht nachzulassen. Sie ist teilweise entstanden aus Erfahrungen und Schlüssen nach verschiedenen Naturkatastrophen, die Wald-Fluss-Regionen erfasst haben. Unsere Stiftung natur+mensch beteiligt sich seit Langem an den daraus folgenden gesellschaftlichen, politischen und fachlichen Diskussionen. Es geht auch um die Lebensräume vieler Arten – letztlich auch unseres Wildes. Im Blog natur+mensch empfehlen wir die nächsten Beiträge über den Kartoffelmarkt nach der Trockenperiode und die nächste Folge unserer Serie über Wilderer. Mit diesen weiteren Lesetipps wünsche ich ein angenehmes und gutes Wochenende. Mit besten Grüßen Ihr Jost Springensguth Koordination und Redaktionsleitung

  • „Erklärung von Werl“ fordert Klimaschutz durch aktive Waldbewirtschaftung

    Der Waldbauernverband NRW positioniert sich klar gegen weitere Flächenstilllegungen und einen neuen Nationalpark. Unterstützung erhält er dabei von prominenter wissenschaftlicher Seite Foto: Heinrich Linse / pixelio.de Beim Waldbauerntag in Werl stellte jetzt Verbandsvorsitzender Eberhard Freiherr von Wrede die „Erklärung von Werl“ vor, ein klares Bekenntnis zur aktiven Waldbewirtschaftung als Klimaschutzinstrument. „Wir wollen mit dieser Erklärung einen Impuls für eine sachorientierte Klimaschutzpolitik setzen, die aktive Waldbewirtschaftung, regionale Holzverwendung und nachhaltiges Bauen stärker zusammendenkt“, so von Wrede. Waldpflege als gesamtgesellschaftliche Aufgabe Nordrhein-Westfalen ist mit über zwei Dritteln Privatwaldanteil zugleich das bevölkerungsreichste Bundesland. Die Erklärung stellt klar: Die Waldschäden der vergangenen Jahre seien keine betrieblichen Fehlplanungen, sondern Folge der Extremwetterereignisse des Klimawandels. Deshalb müsse der Umbau zu klimadynamischen Waldbeständen dauerhaft und in ausreichender Höhe von der Gesellschaft mitgetragen werden. Von Wrede: „Die Waldbesitzenden stehen dazu bereit. Doch ihnen darf diese Aufgabe nicht alleine aufgebürdet werden.“ Holzbau als unterschätzter Klimahebel Einen zweiten Schwerpunkt setzt die Erklärung beim Bauen mit Holz. NRW gilt als eines der Schlusslichter beim Holzbau, trotz großen Potenzials. Der Verband fordert daher den Abbau von Hemmnissen sowie eine schnellere Weiterentwicklung von Forschung, Normung und technischen Voraussetzungen für den Einsatz von Holz als Baustoff, gerade auch für Baumarten, die durch den Klimawandel künftig an Bedeutung gewinnen. Klare Absage an neue Flächenstilllegungen Konsequent leitet der Verband daraus seine Kernforderung ab: keine weiteren Flächenstilllegungen in NRW. Nur aktive Waldbewirtschaftung sichere einen dauerhaft hohen Holzzuwachs und damit stetige Kohlenstoffeinlagerung, ermögliche zugleich Waldumbau und Waldbrandprävention. Da nachhaltig bewirtschaftete Wälder bereits einen wichtigen Beitrag zu Biodiversität und Artenschutz leisteten, sei die Nicht-Nutzung von Wäldern aus Naturschutzgründen in der Regel nicht erforderlich. Der Waldbauernverband spricht sich vor diesem Hintergrund auch gegen die Ausweisung eines weiteren Nationalparks in NRW aus. Ergänzend fordert der Verband, die Nutzung von Holz zur dauerhaften CO₂-Speicherung, etwa über Pflanzenkohle, sowie zur Energiegewinnung als „technische Klimaschutzmaßnahmen“ weiter auszubauen. Prominente Rückendeckung von Klimaforscher Schellnhuber Gastredner Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber, Generaldirektor des International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA), stützte die Positionen der Waldbauern mit deutlichen Worten: „Beim Klimaschutz ist der wichtigste Faktor die gebaute Umwelt, rund 40 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen stammen aus dem Bauen, dem Betreiben und Abreißen von Gebäuden, und hier gibt es die hervorragende Möglichkeit, aus einer CO₂-Quelle eine CO₂-Senke zu machen.“ Die wichtigsten Maßnahmen gegen den fortschreitenden Klimawandel seien, abgesehen von der dringend nötigen Reduzierung fossiler Emissionen, eine nachhaltige Forstwirtschaft mit konsequentem Waldumbau sowie eine biobasierte Bauwirtschaft. Der Waldbauernverband NRW vertritt die Interessen von über 150.000 privaten Waldbesitzern im Land.

  • Wilderei (Teil 2): Zur Geschichte gehört ein Kampf gegen Obrigkeit

    Wilderer waren fast immer gleichermaßen skrupellos gegenüber Mensch und Tier. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn ihre Taten aus einem Widerstand gegen die Obrigkeiten entstanden sind KI-Foto: ChatGPT Ursprünglich durfte jedermann jagen. Dieses Recht war auch bis weit ins Mittelalter unstrittig. So konnte jeder Freie, in erster Linie die Bauern, auf die Pirsch gehen, um seinen Viehbestand oder seinen Grund vor Wildschaden zu schützen oder um sich Wildbret als Nahrung zu verschaffen. Allerdings wurde dieses Recht mit der immer weiter steigenden Abhängigkeit der Bauern von ihren Landesherren sowie der steigenden Inbesitznahme von freien Ländereien durch den Adel zunehmend ausgehöhlt. Als der Adel dann noch begann, das Waidwerk als eine sportliche Herausforderung und als vergnüglichen Zeitvertreib zu verstehen, wurde den Bürgern schließlich das Jagdrecht entzogen. Verstöße standen fortan unter Strafe. Zugleich nahmen Ernteschäden durch Wildverbiss zu. Es kam sogar zu ganzen Ernteausfällen, verursacht durch Flurschäden adliger Jagdgesellschaften, die rücksichtslos und ohne Anspruch auf Entschädigung für die Betroffenen über die Felder stürmten. Die Empörung im einfachen Volk wuchs mit den Schäden. Schwarzgeher zogen im Dunkeln los Den Schutz, die Pflege sowie die Überwachung der Jagdreviere übertrugen die Landesherren an Forstbeamte oder andere legitimierte Personen. Alle anderen Jäger waren dadurch illegal geworden und wurden fortan je nach Region Wilderer, Wildschütz oder Schwarzgeher genannt. Die letzte Bezeichnung zielt darauf ab, dass die Täter sich das Gesicht schwärzten und im Dunklen loszogen. Heute ist das längst nicht mehr üblich. Viel eher wird versucht, mit Restlichtverstärkern oder Nachtzielgeräten und Schalldämpfern aus dem Autofenster heraus illegal Beute zu machen. Auch in Österreich reicht die Geschichte der Wilderei etliche Jahrhunderte zurück. Besonders in den Alpenregionen und dem Salzkammergut entwickelte sich eine ausgeprägte, oft romantisierte Wildererkultur. Bekannte Fälle sind in jüngerer Vergangenheit der Tod von Pius Walder im Jahr 1982 und die sogenannte Wildererschlacht von Molln am 14. März 1919. Vor dem Hintergrund des allgemeinen Hungers als Folge des Ersten Weltkrieges wurden am Bahnhof von Grünburg einige verhaftete Wilderer – unblutig, aber mit Gewalt – aus den Händen der Gendamerie befreit. Am Abend desselben Tages kamen in einem Mollner Gasthof bei dem Versuch der Gendarmerie, Wilderer festzunehmen, drei unbewaffnete Wilderer und ein Gendarm ums Leben. Ein weiterer Wilderer wurde in seinem Haus beim Versuch der Festnahme mit dem Bajonett erstochen. Museen dokumentieren Kitsch und Klischees Das Wilderer Museum Molln spricht von einer „regionalen Tragödie“ und einem Wildererdrama. Es hat die Ereignisse aufbereitet und in seine Präsentation der Geschichte der Wilderei vom Mittelalter bis heute integriert. Das Museum übernahm 2022 die Bestände des aufgelösten Wilderermuseums St. Pankraz, das auch die kitschige Wildererromantik, die in Heimatfilmen, Romanen und Liedern vermittelt wird, dokumentiert hat. Thematisch gleich gibt es in Deutschland die Wilderermuseen im thüringischen Gehlberg und in Schmiedefeld am Rennsteig. Vor allem in Österreich und Bayern wird zwischen Wilderer und Wildschütz unterschieden. Der vermeintlich „waidgerechte“ Kugelwilderer wird dort als Wildschütz bezeichnet und nicht als Wilderer. In diesem Zusammenhang meint Waidgerechtigkeit, dass die Schonzeiten beachtet und auch keine führenden Muttertiere erlegt werden. Den Tätern wurde oft eine unstillbare Jagdleidenschaft nachgesagt, um ihr Verhalten im öffentlichen Ansehen zu entschuldigen. Diese Verklärung findet sich bis in die Heimatfilme der 1950er-Jahre. Selbst als im März vergangenen Jahres Felix Laubhuber im Alter von 87 Jahren starb, war die mediale Berichterstattung sehr ambivalent. In der Süddeutschen Zeitung hieß es, den Verstorbenen bei seinem Spitznamen nennend: „Und das mit der Romantik ist eh endgültig vorbei – jetzt, wo der Fex tot ist, der für viele Menschen im Chiemgau der mutmaßlich letzte ‚König der Wilderer‘ gewesen ist.“ „Waidgerechte“ Wilderer sind absolute Ausnahmen Die Ausnahmen der waidgerechten Wildschützen mag es gegeben haben. Der Regelfall jedoch waren die Schlingensteller und Aasjäger, in deren Tradition auch die heutigen Wilddiebe stehen, die es meistens auf die Trophäe abgesehen haben. Denn bis in die Gegenwart hat sich nichts daran geändert, dass sie sich nicht um das manchmal tagelange Leiden der in der Schlinge gefangenen Kreatur kümmern. Wenn sie Waffen benutzen, dann häufig unzulängliche Kleinkalibergewehre, damit der Schussknall nicht so weit zu hören ist. Und aus Angst vor Entdeckung wird auch das krank geschossen flüchtende Wild nicht nachgesucht. Aber auch der angeblich waidgerechte Wilderer zeigte oft sein wahres Gesicht als schlichter Krimineller, wenn er gestellt wurde. Von der Skrupellosigkeit, die auch vor Mord nicht zurückschreckt, zeugen die Gräber zahlreicher erschossener Förster und Jagdaufseher. Bis in die jüngste Zeit hat sich daran nichts grundsätzlich geändert, wie 2022 die Ermordung zweier Polizisten im rheinland-pfälzischen Landkreis Kusel belegte. Zwei Männer gaben bei einer Verkehrskontrolle die tödlichen Schüsse auf die Beamten ab, um nicht als gewerbliche Wilderer entdeckt zu werden. Der Haupttäter wurde wegen Mordes verurteilt, der geständige Kronzeuge nur wegen Beihilfe zur Wilderei.

  • Immer schlechtere Stimmung in der Landwirtschaft

    Wer die Lage der Landwirtschaft allein an den Erntezahlen festmacht, springt zu kurz. Hitze- und Dürrefolgen lassen sich ausgleichen. Viel gravierender und teilweise existenzbedrohend sind weiterhin die Rahmenbedingungen Foto: NoName_13 Die landwirtschaftlichen Familienbetriebe sollen alles gleichzeitig schaffen: Mitten im Klimawandel gesunde Lebensmittel produzieren, hohe Energie- und Düngemittelkosten verkraften, die Biodiversität schützen, das Auf und Ab der Märkte tragen und Strukturbrüche überstehen. Dass dies nicht funktionieren kann, liegt auf der Hand. Nach wie vor geben pro Jahr bundesweit tausende Betriebe auf. Oft unverschuldet, weil sie mit den vielen Herausforderungen allein nicht mehr fertig werden können. Deutlich wird das zum Beispiel bei der Erntebilanz des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands. Auf einem Milchviehhof in Bad Berleburg sprach Hubertus Beringmeier, Präsident des WLV, abseits der saisonalen Ertragszahlen die Schwierigkeiten an, die der Ackerbau hat, um in einer Zeit der klimatischen Veränderungen zu produzieren. Ohne effektiven Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und gezielter Düngung geht es laut Beringmeier nicht. Deutlich kritisierte er pauschale Verbote. Es müsse darum gehen, den Einsatz weiter zu optimieren und neue Wirkstoffe zu entwickeln, um Resistenzen vorzubeugen. Die Vermeidung von Resistenzen gegenüber Pflanzenschutzmitteln ist längst eine der Hauptherausforderungen im Pflanzenschutz. Anhörung in Berlin zur Düngeverordnung und zum Düngegesetz Auch die Düngeverordnung und das Düngegesetz, zu denen der Ausschuss für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat des Bundestags erst vor wenigen Tagen in Berlin eine öffentliche Anhörung durchgeführt hat, sprach der WLV-Präsident an. Mit Blick auf die diskutierten Regelungen zur Düngeverordnung setzt er auf das Prinzip der Verursachergerechtigkeit. „Pauschale Verbote und flächendeckende Restriktionen, die auch Betriebe treffen, die nachweislich gewässerschonend und ordnungsgemäß wirtschaften, lehne ich ab.“ Hintergrund ist, dass das Düngerecht in den letzten Jahren von der Politik mehrfach geändert wurde und weitreichende Verschärfungen für die Bewirtschaftung gelten. Dass der Gewässerschutz Vorrang hat, sehen auch die Landwirte. Sie brauchen aber eine bedarfsgerechte Düngung, um die Grundlage für viele unserer Lebensmittel zu erzeugen. In Westfalen-Lippe werden nach aktuellen Daten über 930.000 Hektar Fläche landwirtschaftlich genutzt. Bei drei Vierteln handelt es sich um Ackerfläche, bei einem Viertel um Grünland. Noch gibt es über 23.000 Betriebe. Landwirte erwarten noch ungünstigere Preisentwicklung Existenzbedrohend ist laut WLV wegen der prekären Marktlage und der Strukturveränderungen inzwischen in weiten Teilen die Situation in der Ferkelerzeugung und Schweinehaltung. Ursächlich dafür seien eine ruinöse Preispolitik sowie der Rückgriff auf Importware. Beringmeier: „Der gewünschte Umbau der Tierhaltung hin zu höheren Haltungsformen wird von der Branche grundsätzlich mitgetragen. Fakt ist aber: Der Auszahlungspreis ist viel zu gering, um überhaupt kostendeckend zu arbeiten. Wir brauchen jetzt konkrete und wirksame Sofortmaßnahmen, faire Wettbewerbsbedingungen und verlässliche politische Rahmenbedingungen.“ Kein Wunder, dass die Stimmungslage in der Landwirtschaft im Rentenbank-Agrarbarometer 2026 als „überwiegend gedrückt“ beschrieben wird. Die schlechte Stimmung zieht sich nach der Erhebung aus dem Juli dieses Jahres durch alle Bereiche – Milchvieh- und Rinderhaltung, Schweine- und Geflügelhaltung sowie Ackerbau. Negative Einschätzungen für die nächsten zwei bis drei Jahre beruhen auf der Erwartung ungünstiger Preisentwicklungen und der Agrarpolitik.

  • Ein schlichtes „Weiter so“ wird nicht reichen

    Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und auf die Politik Liebe Leserinnen und Leser! In unserer Wochenkolumne befassen wir uns mit dem Wahlausgang in Sachsen-Anhalt und den bundespolitischen Konsequenzen. Allerdings nur kurz. Schwerpunkte bilden gemäß der Zielsetzung unseres Blogs die Landwirtschaft und vor allem die Jagd. Dabei stehen im Mittelpunkt die vorläufigen Erntebilanzen, das Verhältnis zwischen Politik und Bauern speziell im Norden sowie mit Fokus auf die Jagd das Bundeslagebild Waffenkriminalität. Außerdem geben wir einen Ausblick auf mehrere Blogbeiträge zur Bedeutung und Geschichte von Wilderei. Politisch gab es in dieser Woche praktisch nur ein Thema: die Wahl in Sachsen-Anhalt. Dazu ist jede Menge gesendet, geschrieben und gesagt worden. Deshalb kann und möchte ich mich hier kurzfassen und auf den Kanzler verweisen, zumal es in diesem Blog vornehmlich um den ländlichen Raum gehen soll. Völlig zu Recht hat Friedrich Merz im Bundestag betont, was eine Verwirklichung der AfD-Politik bedeuten würde: „Wenn alle arbeitenden Menschen mit Migrationshintergrund Deutschland verlassen müssten, dann kann das Handwerk in Deutschland nicht mehr arbeiten, dann arbeitet kein einziges Pflegeheim mehr, dann arbeitet kein einziges Krankenhaus in Deutschland mehr, dann ist keine einzige Gaststätte mehr zu betreiben in Deutschland.“ Umso dringender muss die schwarz-rote Regierung den Bürgern ein überzeugendes und vor allem verständliches Gegenmodell präsentieren. Merz und andere Koalitionspolitiker haben selbst dieses Kommunikationsdefizit eingeräumt. Man darf gespannt sein, ob und wie sie es in den kommenden Wochen und Monaten beheben wollen. Ein bloßes „Weiter so“ wird jedenfalls nicht reichen. Das hat die Wahl in Sachsen-Anhalt gezeigt. Alles blickt nun auf die kurz bevorstehenden Wahlen zum Schweriner Landtag und zum Berliner Abgeordnetenhaus. Danach müssen auch im Bund die Weichen für die großen Reformvorhaben verbindlich gestellt werden. Seit dem Wahltag in Sachsen-Anhalt ist dies noch um einiges schwieriger und konfliktträchtiger geworden. Bauern ziehen Erntebilanz Konzentrieren wir uns jetzt erst einmal wieder auf den ländlichen Raum. Dort ist die Zeit der Erntebilanzen durch den Deutschen Bauernverband, die zuständigen Minister für Landwirtschaft und Ernährung sowie – mit den entsprechenden regionalen Unterschieden – die Landesbauernverbände. Es geht jeweils um bereits dokumentierte und noch prognostizierte Ernteergebnisse. Dabei wird in der Regel auch auf die Entwicklungen auf den Agrarmärkten sowie die agrarpolitische Situation eingegangen. Wir nehmen im Kreis der Autoren unseres Blogs natur+mensch Gelegenheit, über Ergebnisse von verschiedenen Veranstaltungsformaten im Norden, Westen und Südwesten zu berichten. In dieser Woche hat bereits Jürgen Muhl aus Schleswig-Holstein über den Druck von dort aus auf die Agrarpolitik berichtet. Hierbei ging es auch um das Nebeneinander der in der Kieler schwarz-grünen Koalition parteipolitisch unterschiedlich besetzten Ressorts mit Zuständigkeiten für Umwelt und Landwirtschaft sowie das jeweilige Verhältnis zum regionalen Bauernverband. Während der grüne Kieler Umweltminister immer wieder attackiert wird, erfreut sich die junge Landwirtschaftsministerin Cornelia Schmachtenberg zunehmender Beliebtheit. Vielleicht hat dazu auch beigetragen, dass sie ein Durchhaltevermögen hat wie einst der legendäre Präsident des Deutschen Bauern- und anschließend des Jagdverbandes, Constantin Heereman von Zuydtwyck. Jedenfalls blieb die CDU-Politikerin beim Verbandsempfang des Bauernverbandes zur Agrarmesse Norla in Rendsburg so lange anwesend, bis die letzten Gäste den Saal räumten. Unter Bauern dort oben im Norden heißt das schon was … Zum Spendenformular Das Format einer Pressekonferenz zu Erntebilanz und Agrarpolitik hat gestern der Westfälische Bauernverband genutzt. Ob es da auch Bezüge zu einer ebenfalls schwarz-grünen Landespolitik oder nur zum Bund gegeben hat, wird unser Autor Wolfgang Kleideiter am Dienstag analysieren. Und in Baden-Württemberg beobachtet für uns Wolfgang Molitor die grün-schwarze Regierungspolitik unter Cem Özdemir. Dort steht in diesem Jahr wieder das 102. Landwirtschaftliche Hauptfest an, das alle vier Jahre parallel zum Cannstatter Wasen ausgetragen wird. Auch dazu lädt der regionale Bauernverband zum Monatswechsel ein. Darüber werden wir dann ebenfalls berichten. Gefahr durch illegalen Waffenbesitz Gewiss, die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse und damit die Herausforderungen werden zunehmend komplexer. Umso wichtiger, dass die Regierenden zumindest dort für Klarheit sorgen, wo dies problemlos möglich sein sollte. Denn sonst wächst die Kluft und damit das Unverständnis zwischen „denen da oben“ und den Menschen vor Ort weiter. Ein Beispiel von vielen ist in diesem Zusammenhang das Waffenrecht. Besonders nach schweren Straftaten gibt es darüber immer wieder emotionale Debatten, was angesichts des verursachten menschlichen Leids zwar nachvollziehbar ist. Das Problem ist allerdings, dass eine Verschärfung etwa zu Lasten von Jägern oder Sportschützen am Kern der Sache vorbeigeht. Im Grunde ist es eine für Politiker bequeme Scheindebatte, weil damit von der notwendigen, allerdings teuren Verstärkung des Polizeiapparats abgelenkt wird. Denn völlig zurecht stellt der Deutsche Jagdverband in diesem Zusammenhang fest, dass das Bundeslagebild keine Hinweise darauf liefert, „dass die Anzahl rechtmäßig besessener Jagdwaffen einen erkennbaren Einfluss auf die Waffenkriminalität hätte. Vielmehr liegen die sicherheitsrelevanten Schwerpunkte bei illegalem Besitz, illegalem Handel und organisierter Kriminalität.“ Bezeichnend ist zudem, dass die polizeiliche Kriminalstatistik keine Unterschiede zwischen legalen und illegalen Schusswaffen bei Straftaten macht. Da kann man nur mit dem Kopf schütteln. Wollen die für die Sicherheit Verantwortlichen und die Befürworter einer Gesetzesverschärfung denn nicht einmal nicht wissen, auf welcher faktischen Grundlage sie eigentlich reden? Da kann man nur sagen: Hier muss die Diskussion wieder vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Wilderer lassen Tiere leiden Zum Schluss möchte ich Sie noch gerne auf eine interessante kleine Artikelserie aufmerksam machen, in der sich unser Autor Christoph Boll mit dem Thema Wilderei beschäftigt. In dieser Woche konnten Sie in unserem Blog bereits einen Beitrag mit der Überschrift „Wilderei: Unwissenheit schützt nicht vor Strafe“ lesen. In der kommenden Woche blickt unser Autor in seinem Blogbeitrag zurück in die jüngere Geschichte, als Wilderer gleichermaßen skrupellos gegenüber Mensch und Tier agierten. An diesem Verhalten habe sich für heute nichts geändert, schreibt er. Waidgerechte Wildschützen mag es zwar vereinzelt gegeben haben. Doch in der Regel haben sie sich nicht um das manchmal tagelange Leiden der in der Schlinge gefangenen Kreatur gekümmert. Oder es wurden unzulängliche Kleinkalibergewehre benutzt, damit der Schall nicht so weit zu hören war. Und aus Angst vor Entdeckung wird auch das krank geschossene flüchtende Wild nicht nachgesucht. Zudem wurden viele Förster und Jagdaufseher bei ihren Versuchen getötet, die kriminellen Wilderer zu stellen. Im abschließenden Beitrag „Kriminelle als vermeintliche Helden“ geht es um die häufige Idealisierung und Romantisierung von Wilderei. Diese mündet in der Mitte des 20. Jahrhunderts im Kitsch und den Klischees der Heimatfilme. Das bekannteste Beispiel, von dem Christoph Boll berichtet, ist der Fall Georg Jennerwein, der zum Volkshelden verklärt und manchmal sogar mit Robin Hood verglichen wurde. Diesen Blogbeitrag werden wir dann in der übernächsten Woche veröffentlichen. Ich wünsche Ihnen nun ein schönes Wochenende und einen gelungenen Start in eine für Sie positive Woche. Mit besten Grüßen Ihr Jürgen Wermser Koordination und Redaktionsleitung

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