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- Wilderei (Teil 1): Unwissenheit schützt nicht vor Strafe
Die Motive für Wilderei sind vielfältig. Viele Täter wissen nicht, dass das strafbar ist. Wir beginnen heute eine dreiteilige Serie über Geschichte und Wissenswertes zu diesem Thema. Sie erscheint in diesem Blog jeweils am Donnerstag KI-Foto: ChatGPT Erst vor kurzem wurden Fälle von Wilderei in Bayern bekannt. Ende Juni war in Petersdorf im Landkreis Aichach-Friedberg ein totes Reh gefunden worden. Die Pressestelle des Polizeipräsidiums Schwaben Nord gab bekannt, es sei „unsachgemäß durch einen bislang unbekannten Täter erlegt“ worden. Einen knappen Monat später tauchte wenige Kilometer entfernt in einem Grünstreifen bei Rehling ein weiteres geschossenes Reh auf. Das Tier ist laut Polizei „durch einen unbekannten Schützen erlegt und am Tatort liegen gelassen“ worden. Der Abschuss durch einen Jagdausübungsberechtigten könne ausgeschlossen werden. Im Jahr 2025 gab es in Deutschland insgesamt 3.261 Fälle von Wilderei. Davon entfielen 2.178 Straftaten auf den Bereich der Fischwilderei, also illegales Angeln, und 1.083 Fälle auf den Bereich der Jagdwilderei. Die meisten Vorkommnisse ereignen sich in Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Niedersachsen. Dabei gilt: Je dünner eine Gegend besiedelt ist, desto mehr wird gewildert. Denn die soziale Kontrolle und damit die Gefahr der Entdeckung ist dort gering. Die Aufklärungsquote liegt nur bei rund 30 Prozent. Sie dürfte, gemessen an den tatsächlichen Fällen, sogar noch deutlich niedriger liegen. Denn Experten und Naturschutzverbände gehen von einer hohen Dunkelziffer aus, weil viele Delikte im Dunkel des Waldes unentdeckt bleiben. Die Motive der Wilderer sind unterschiedlich: Viele wollen das Wildbret verkaufen oder selbst verzehren. Ein Reh kann bei guter Verarbeitung zwischen 100 und 200 Euro einbringen. Andere Täter sind auf Trophäen aus oder werden von reiner Jagdlust getrieben. Auch Menschen, die nicht zur Waffe greifen, können sich der Wilderei schuldig machen. Denn vielen ist nicht bewusst, dass Wild zwar zunächst einmal herrenlos ist, ein totes Stück gleichwohl nicht einfach mitgenommen werden darf. Unfallwild gehört dem Revierinhaber Das gilt auch für Wild, das einem vor das Auto gelaufen oder geflogen ist. Wer das tot neben seinem Wagen liegende Reh oder Wildschwein im Kofferraum verschwinden lässt, um einen leckeren Sonntagsbraten zu haben, macht sich strafbar. Er begeht Jagdwilderei. Das gilt für alle dem Jagdrecht unterliegenden Arten, also von Kaninchen und Hase über Ringeltaube, Fasan, Ente und Gans bis zum Hirsch. Auch Teile jedes Wildes – etwa Geweih, Knochen und Federn – unterliegen dem Jagdrecht. Wer also im Wald die prächtige Geweihstange eines Hirsches findet und sie als Wandschmuck mit nach Hause nimmt, begeht Wilderei im Sinne des Gesetzes. Ausgenommen von diesem Vorwurf ist die Tötung von Wild aus Gründen des Tierschutzes. Liegt das schwer verletzte Reh etwa neben dem Auto, darf eine Person mit den dazu nötigen Kenntnissen und Fähigkeiten das Notstandsrecht wahrnehmen und es von seinen Leiden erlösen. Allerdings darf sie sich den Tierkörper nicht aneignen. Dieser ist Eigentum des Revierinhabers. Vergehen gibt es weltweit Die Ertappten erwartet eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren – und seit geraumer Zeit auch der Führerscheinentzug. Wer die Tat gar gewerbs- oder gewohnheitsmäßig begangen hat, in der Nacht, in der Schonzeit sowie unter Anwendung von Schlingen oder anderen nicht waidmännischen Methoden oder zusammen mit mehreren bewaffneten Komplizen gewildert hat, der wandert bis zu fünf Jahre ins Gefängnis. Denn ein solches Vorgehen gilt als besonders schweres Delikt. In früheren Zeiten nahmen die Strafen für Wilderei schnell deutlich rigorosere Ausmaße an und konnten bei Wiederholungstätern auch bis zur Zwangsarbeit auf einer Galeere oder gar zur Todesstrafe reichen. Auch im internationalen Vergleich sind die heutigen Strafen in Deutschland durchaus moderat. In einigen Ländern wird Wilderei sehr viel härter bestraft. In Kenia wurde sogar in Erwägung gezogen, die Todesstrafe gegen Wilderer zu verhängen, obwohl es dort seit 1987 einen Hinrichtungsstopp für zum Tode verurteilte Verbrecher gibt. Hintergrund ist, dass gewerbsmäßige Wilderei weltweit den Bestand vieler Tierarten gefährdet und insbesondere in Entwicklungsländern auch Nationalparks unter den Verbrechern leiden. Manche Wilderer geht es dabei darum, rituell oder kulturell bedeutsame Körperteile zu erbeuten, etwa Tigerfelle, Nashorn-Hörner oder das Elfenbein der Elefantenstoßzähne. Andere Wilderer, oft sind es Ortsansässige, jagen aus finanziellen Gründen.
- Rechtsgutachten sieht Freiwilligkeitsversprechen gebrochen
Nach einem von Bauernverband, Waldeigentümern und Familienbetrieben Land und Forst beauftragten Gutachten führt die EU-Wiederherstellungsverordnung zu massiven Beschränkungen in der Flächenbearbeitung für Land- und Forstwirtschaft Foto: Thomas Riess / pixelio.de Das im August 2024 in Kraft getretene EU-Gesetz „Nature Restauration Law“ bleibt umstritten. Dabei handelt es sich um das von Anfang an unter anderem von Landnutzern bekämpfte Renaturierungsgesetz. Es wird im politischen Sprachgebrauch auch als „Wiederherstellungsverordnung“ (WVO) bezeichnet. Die Folge des damaligen europäischen Parlamentsbeschlusses sind erwartete Einschränkungen unter anderem für die Besitzer von bisher von ihnen genutzten Moor- und Waldflächen, die jetzt erfasst werden sollen. Einbezogen ist die Nutzung von Fluss- und Meeresflächen. Die konkrete Ausweisung wird national auf Regierungsebene festgelegt. Bis 2030 soll das nach dem EU-Gesetz auf 20 Prozent der national ausgewiesenen Flächen umgesetzt werden. Dies erfolgt aktuell durch den sogenannten Wiederherstellungsplan, der konkret ausweisen soll, welche Moore, Flüsse oder Wälder hier in Deutschland betroffen sind. Die Bundesregierung strebt dabei das Prinzip der Freiwilligkeit an. Dieses Verfahren hat Bauernverband, Waldeigentümer und Familienbetriebe Land und Forst auf den Plan gerufen. Sie haben dazu die Anwaltskanzlei HSA Rechtsanwälte mit einem Gutachten beauftragt. Die auf Umwelt- und Planungsrecht spezialisierten Potsdamer Juristen sollten die vorgesehenen bundesrechtlichen Maßnahmen auf die Einhaltung des Prinzips „Freiwillig und Kooperativ“ rechtlich beurteilen. Die Auftraggeber haben jetzt die Ergebnisse in Berlin vorgelegt. Danach kommt das Rechtsgutachten zu einem gegenteiligen Befund: Die Umsetzung berge erhebliche rechtliche Unsicherheiten und dürfte zu deutlichen Einschränkungen in der Flächenbewirtschaftung führen. Freiwilligkeit nur auf dem Papier Kernaussage des Gutachtens: Die in der WVO angelegten und aktuell bundesrechtlich vorgesehenen Umsetzungsinstrumente beschränken sich nicht auf freiwillige, kooperative Maßnahmen. Die Verpflichtungen zur Verbesserung und Nichtverschlechterung von Wiederherstellungsflächen aus Artikel 4 der Verordnung weisen deutliche Parallelen zu den Verschlechterungsverboten der FFH-Richtlinie auf. Das bedeutet in der Praxis: Bindungswirkungen bei Vorhabenzulassung und Flächennutzung entstehen, auch ohne dass formale Schutzgebietskategorien bestehen. Gutachter Dr. Konrad Asemissen bringt es auf den Punkt: „Entgegen der politischen Zusage zur Wahrung der Freiwilligkeit ist durch die WVO mit Einschränkungen bei der Flächenbewirtschaftung zu rechnen.“ Verschärft wird die Rechtsunsicherheit durch die Vermengung mit dem Entwurf des Gesetzes zur Stärkung der Natürlichen Infrastruktur (NatInfG). Die dort vorgesehene Schaffung der Kulisse „Natürliche Infrastruktur“ lässt nach Einschätzung der Gutachter weitere ordnungsrechtliche Beschränkungen erwarten. Bereits laufende Förderprogramme in Gefahr Besonders brisant: Der Nationale Wiederherstellungsplan (NWP) führt bereits laufende Förderprogramme wie das „Klimaangepasste Waldmanagement“ explizit als Wiederherstellungsmaßnahmen auf. Das Gutachten warnt, dass Flächen, auf denen diese Programme umgesetzt werden, dadurch faktisch zu Wiederherstellungsflächen im Sinne der Verordnung werden könnten. Förderflächen würden so ohne klare Rechtsgrundlage umdeklariert. Hinzu kommt ein handfester Zielkonflikt: Der klimawandelangepasste Waldumbau erfordert regelmäßig das Anpflanzen bisher nicht vorhandener Baumarten. Die WVO hält jedoch an statischen Referenzzuständen historischer Lebensraumtypen fest und bietet keine Möglichkeit, die Ziele an klimawandelbedingte Veränderungen anzupassen. Das Gutachten sieht hier gesetzgeberischen Handlungsbedarf, damit die Ziele der Verordnung unter den Bedingungen des Klimawandels überhaupt erreichbar werden. Der Staat als Akteur auf dem Flächenmarkt Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die finanzielle Dimension. Die Ausweitung von Ersatzgeldleistungen führt dazu, dass die öffentliche Hand mehr Möglichkeiten zur eigenständigen Maßnahmenumsetzung erhält. Das Gutachten warnt konkret davor, dass dadurch freiwillige Maßnahmen von Flächeneigentümern und -bewirtschaftern verdrängt werden könnten. Der Staat wird durch den Zuwachs finanzieller Mittel aus Kompensationszahlungen zu einem zunehmend potenten Akteur auf dem Flächenmarkt. Kritik an fehlender Transparenz Auch bei Beteiligung und Transparenz attestiert die Studie erhebliche Defizite. Bislang ist nicht offengelegt, wie die konkrete Festlegung der Wiederherstellungsflächen und -maßnahmen in Deutschland erfolgen soll. Eine Rechtsgrundlage für die eigentlich erforderliche Ermittlung und Kartierung land- und forstwirtschaftlicher Flächen besteht nach Einschätzung der Gutachter derzeit nicht. Verbände fordern Umsetzungsstopp Bei der Vorstellung des Gutachtens wurde die Kritik der Verbände deutlich. DBV-Präsident Joachim Rukwied erklärte: „Das Gutachten entlarvt die politischen Zusagen einer freiwilligen Umsetzung der Naturwiederherstellungsverordnung als offenkundig unredlich und irreführend und untermauert damit die Kritik des Berufsstandes. Die WVO zusammen mit dem ‚Natürliche Infrastrukturgesetz‘ zerstört den bisher sehr erfolgreichen kooperativen Naturschutz.“ Seine Forderung ist eindeutig: Die nationale Umsetzung müsse ausgesetzt und die Verordnung auf europäischer Ebene grundsätzlich überarbeitet werden. Max von Elverfeldt, Vorsitzender der Familienbetriebe Land und Forst, mahnt einen Perspektivwechsel an: „Die Umweltpolitik muss die Flächenbewirtschafter beziehungsweise Flächeneigentümer als Partner begreifen. Wer sein Heil in schleichenden Nutzungsbeschränkungen oder einer faktischen Stilllegung land- und forstwirtschaftlicher Flächen sucht, wird Schiffbruch erleiden.“ Der Präsident der Waldeigentümer (AGDW), Prof. Andreas Bitter, verweist auf die aktuelle Dringlichkeit: „Die Bundesregierung spricht angesichts der Folgen von Trockenheit und Dürre für die diesjährige Ernte selbst von einer ‚Krise nationaler Tragweite‘. Vor dem Hintergrund dieser bereits heute massiven Auswirkungen des Klimawandels ist es umso irritierender, wenn der Staat mit der WVO an statischen Referenzen in Form der Lebensraumtypen festhält.“ Die Verordnung müsse an die Realität des Klimawandels angepasst werden und den klimaangepassten Waldumbau fördern, statt ihn auszubremsen. Vorschlag: Gleichrang für Ernährungssicherung Das Gutachten schlägt konkret vor, den Ausnahmevorschriften im Naturschutzrecht auch die gemeinwohlbezogenen Funktionen der Land- und Forstwirtschaft gleichzustellen, also Ernährungssicherung, Rohstoffsicherung und den Erhalt der Kulturlandschaft. Ähnlich wie es bereits für die Landesverteidigung geregelt ist. Denn die Einstufung von Naturschutzbelangen als „überragendes öffentliches Interesse“ führt nach Einschätzung der Gutachter faktisch zu einer Verkürzung der einzelfallbezogenen Abwägung zulasten landwirtschaftlicher Bewirtschaftungsinteressen, auch wenn die grundgesetzlich geschützten Eigentumsrechte formal nicht ausgehebelt werden.
- Landwirte im Norden erhöhen den Druck auf die Agrarpolitik
Eine junge Landwirtschaftsministerin kommt bei den Landwirten an: Beifall auf dem Landesbauerntag in Schleswig-Holstein. Und sie will sich für eine erleichterte Jagd auf Problemwölfe stark machen Landwirtschaftsministerin Cornelia Schmachtenberg (Foto: © Frank Peter) Die Landwirte in Schleswig-Holstein erhöhen ihren Druck auf die Agrarpolitik in Berlin und Brüssel. In den meisten Bereichen, so bei der Schweinehaltung, bei den Milchpreisen und im Ackerbau, machen auskömmliche Erträge und Erlöse zu schaffen. Auf dem Landesbauerntag in Rendsburg wurden jetzt Forderungen nach einer „verlässlichen Politik“ laut. Die von der CDU geführte Landesregierung solle „nicht für jeden Kompromiss“ dem grünen Koalitionspartner „Danke“ sagen, sondern den Ton angeben, forderte Schleswig-Holsteins Bauernpräsident Klaus-Peter Lucht vor über 500 Landwirten. Die Spitze richtete sich auch gegen Umweltminister Tobias Goldschmidt, zu dessen Ressort die Zuständigkeit für Umwelt und Natur gehören. Es geht dabei um gegensätzliche Interessen, zum Beispiel bei der Wiedervernässung von Moorböden. Betroffene Landwirte befürchten dadurch den Verlust wertvoller Acker- und Grünlandflächen sowie die Gefährdung ihrer wirtschaftlichen Existenz. Anders sehen die Bauern die Ministerin Cornelia Schmachtenberg von der CDU – zuständig für Landwirtschaft und ländliche Räume – eher an ihrer Seite. Der Landesbauerntag, der traditionell im Rahmen der Agrarmesse Norla am Ufer des Nord-Ostsee-Kanals stattfindet, verzeichnete weitaus mehr Besucher als in den Vorjahren. Das hat auch mit dem ersten Auftritt der Agrarministerin im Kieler Kabinett zu tun, die seit November letzten Jahres im Amt ist. Die 35-jährige CDU-Politikerin erhielt für ihren couragierten Redebeitrag langanhaltenden Beifall. Dabei ging es auch um ein neues Perspektivpapier zum Erhalt einer starken Nutztierhaltung. Viehhaltung und zuvorderst Milchkühe seien das Rückgrat der Landwirtschaft in Schleswig-Holstein. „Wir müssen dieses Papier in den nächsten Monaten mit Leben erfüllen“, betonte die junge Ministerin. Schmachtenberg zog die Bauern in ihren Bann. Ihr sei bewusst, dass es „keine großartige Zeit für die Landwirte ist“. Und doch arbeite sie mit all ihren Möglichkeiten dafür, „dass es Sie auch weiterhin in großer Zahl gibt und wir nicht von Importen abhängig werden“. Dies sagte sie auch angesichts niedriger Milchmargen und Ernteerträgen, die fortgesetzt rückläufig seien. Managementplan zur Verringerung von Fraßschäden durch Wildgänse Zudem will sich Schmachtenberg für eine erleichterte Jagd auf Problemwölfe stark machen. Dies sei aber nicht im Alleingang möglich, „da müssen meine Kolleginnen und Kollegen bundesweit schon mitmachen“. Derzeit entsteht in Schmachtenbergs Ministerium ein Managementplan. Übertragen werden soll dieses Verfahren auch auf die rastenden Wildgänse, die vor allem entlang der Westküste für eklatante Fraßschäden sorgen. Der Bauernverband im Norden ist Initiator des vor kurzem geschlossenen „Aktionsbündnisses für ländliche Räume“. Sieben einflussreiche Organisationen, darunter auch der Unternehmensverband Nord, sind mit von der Partie. Jetzt will auch noch der Gemeindetag dazustoßen. Die Landespolitik müsse mehr für den ländlichen Raum tun, „leben da doch bei uns rund 70 Prozent der Bevölkerung“, sagte Bauernchef Lucht und fügte hinzu: „Wir werden in den nächsten Wochen mehr Druck ausüben. Wollen wir doch sichtbar machen, welche Parteien etwas für uns tun und welche nicht.“
- Dürre, Wolf und Wahlkampf: Das Land in Sorge
Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd Liebe Leserin, lieber Leser! In Berlin ist bis auf die Zuordnung der kriegerischen Leipzig-Drohnen und innenpolitisch bis auf das Interview-Geplänkel nicht viel passiert. Die Reformpläne werden wie angekündigt erst einmal durchs Kabinett ins Parlament gebracht. Dort fallen dann auch die finalen Entscheidungen. Man kann nur hoffen, dass unser Land nicht destabilisiert wird. Bis nach den Wahlsonntagen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und fürs Berliner Abgeordnetenhaus bleibt die große Politik in Wartestellung. Als Erstes blickt alles wie das Kaninchen auf die Schlange nach Magdeburg, wo am Sonntag final ausgezählt wird. Und darauf, wie weit die Prognosen mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Weiter beschäftigen wir uns mit den Folgen des Hitze- und Dürresommers. Für die Landwirtschaft erkennt jetzt der zuständige Minister Alois Rainer (CSU) mit der erwarteten Ernte eine „Krise von nationaler Tragweite“. Und mit Rückblick auf die Brände, die uns im August bewegt haben, hat die Debatte darüber Fahrt aufgenommen, was man für die Zukunft daraus lernen muss. Es geht um Konsequenzen mit Vermeidungsstrategien, die Ausstattung der Einsatzkräfte und den schon lange diskutierten Waldumbau. Weiter lässt uns das Thema Wolf nicht los, solange die Häufigkeit von Schäden durch Risse von Weidetieren nicht abnimmt. Da spielen auch die Gerichte eine Rolle. Am Donnerstag hat der Bundeskanzler seinen zweiten Wahlkampfausflug nach Sachsen-Anhalt unternommen. Wenn früher bei der CDU vor Landtagswahlen auf den Plakaten „Der Kanzler kommt“ stand, kamen auch die Massen. Auch in den seit der Wende so bezeichneten „neuen Bundesländern“. Als Helmut Kohl im März 1990 uns Berichterstatter zu seiner Kundgebung nach Leipzig einlud, prognostizierte er, dass es so große CDU-Veranstaltungen wohl künftig nicht mehr gebe. Beeindruckt erinnere ich mich an seine Wahlkampfrede wenige Tage vor der ersten freien Volkskammerwahl der DDR, die den Weg zur deutschen Wiedervereinigung endgültig ebnete. Auf den damaligen Karl-Marx-Platz und heutigen Augustusplatz kamen seinerzeit offiziell geschätzt 300.000 Menschen. Sie hatten Hoffnung. Wahlkampf in einem Land mit wenig spürbarer Hoffnung Nicht nur dort in Sachsen und dem benachbarten Bindestrich-Land mit dem zweiten Wortteil Anhalt ist heute wenig Hoffnung zu spüren. Der gerade amtierende Kanzler und CDU-Vorsitzende wird im Wahlkampf eher versteckt. So wirkten seine Ausflüge erst an die Mecklenburger Küste und dann nach Quedlinburg. Am Donnerstag dieser Woche fuhr Merz noch einmal nach Leuna. Sein Wahlkampfbeitrag fand praktisch unter Ausschluss von Wählerinnen und Wählern statt. Ursprünglich geplante Großveranstaltungen wurden abgesagt. Für eine Volkspartei kann's das nicht sein. Es mag auch fadenscheinige Gründe für das Maß der Ablehnung eines Kanzlers dort geben. Jedenfalls hat er uns nicht in die Krise hineingeführt, aus der er das Land nun herausbringen will. Wahlforscher bestätigen übrigens, dass mit Dissens und Streit in den eigenen Reihen einer Partei keine Wahl zu gewinnen ist. Oder lehrt uns die Kampagne des AfD-Ministerpräsidenten-Kandidaten Ulrich Siegmund mit seinem „Heile-Welt-Wahlkampf“ jetzt etwas anderes? Was versprochen wird und was gehalten werden kann Das sogenannte Regierungsprogramm der AfD klingt für den ländlichen Raum verführerisch mit Stichworten wie Schulschließungsstopp, ÖPNV-Garantie und bevorzugtem Ausbau bzw. Sanierung von Land- und Dorfstraßen. Die geforderte Abkehr von der EU-Agrarpolitik ist ein weiteres Versprechen, das an die Grenzen der Finanzierbarkeit und Kompetenz einer Landesregierung stößt. Die zugesagte Abschaffung des Wolfskompetenzzentrums und eine „aktive Reduzierung der Wolfspopulation“ werden vielleicht mehr Stimmen auf dem Lande bringen, aber beim Versuch der Umsetzung wohl an der zwischen Bund und Ländern korrespondierenden Jagdgesetzgebung scheitern. Überhaupt: Politikwissenschaftler und Verfassungsrechtler kommentieren überwiegend, dass viele Pläne der AfD im ländlichen Raum an rechtlichen, finanziellen oder föderalen Grenzen scheitern. Der erhoffte Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten, Siegmund, mag zwar eine Regierungsmannschaft zusammenbringen, die dem ländlichen Raum zugetan ist, aber deren fachlicher Sachverstand und Durchsetzungskraft lösen Zweifel aus. Jedenfalls finden sich da Namen auf der kursierenden Kabinettsliste, die mehr für Filz als für Kompetenz stehen. Zum Spendenformular Erfahrene Beobachter, die seit langem Wahlkämpfe in den Ländern verfolgen, erkennen hier – vor allem befeuert von der AfD – neue Maßstäbe der Emotionalisierung. Was in früheren Kampagnen SMS-Ketten mit begrenzter Wirkung waren, ist heute der Mix von Social-Media-Kanälen in einer neuen Wucht mit wirkungsstarken Influencern und erfahrenen digitalen Netzwerkern. Dazu kommen die von wem auch immer fürs Netz imitierten Seiten der Regionalmedien mit gefälschten Umfrageprognosen, angeblichen Manipulationen bei Wahlzetteln in Pflegeheimen oder Videos über Auszählungsbetrug. Am Ende werden wir sehen, wie sich der vom MDR gemeldete Run auf die Briefwahl auswirkt, die Rechtspopulisten nach amerikanischem Muster wohl grundsätzlich ein Dorn im Auge ist. Wir werden sehen, ob es überhaupt zu einer regierungsfähigen Mehrheit kommt. Und wie schwierig es ist, in einer polarisierten Gesellschaft mit einer Zersplitterung von Meinungen und Parteien zu einer handlungsfähigen Regierung zu kommen. Die Fünf-Prozent-Hürde wird wohl ein entscheidender Teil des Wahlergebnisses werden. Die Krise in der Agrarwirtschaft verschärft sich dramatisch Auch in diesem Bundesland wird dann am Ende wieder darauf gewartet, was aus Berlin kommt. Die aktuelle Krise der Agrarwirtschaft wird vor allem dort sichtbar, wo Agrarunternehmen als Kapitalgesellschaften organisiert sind. Das ist insbesondere in Ostdeutschland der Fall. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer spricht jetzt mit Blick auf den Dürre-Sommer von erwarteten dramatischen Ausfällen und von einer weiteren Existenzgefährdung vieler landwirtschaftlicher Betriebe. Und das in nationaler Tragweite. So kündigte er diese Woche Hilfen an. Dabei ist unverändert der Haushaltsgürtel in seinem Haus eng geschnallt. Dem Bauernverband reichen die angekündigten Hilfen nicht aus. Er blickt bereits weiter nach vorn. Seine Generalsekretärin Stefanie Schnabel mahnt mehr Unterstützung auch deshalb an, weil in vielen Betrieben die liquiden Mittel ausgehen, um bereits die nächste Ernte zu sichern. Es geht um Düngemittelhilfen und die Finanzierung der arbeitsaufwendigen Aussaat für morgen. Wenn es um den Wolf geht, entscheiden am Ende weiter Gerichte Zu übertragen sind die Dürre-Folgen natürlich auch auf die Weidewirtschaft, wo das Futter knapp wird. Das gesellt sich zu einem bereits seit langem diskutierten Problem. Wir sprechen von den Schäden durch Wolfsrisse, die in Einzelfällen existenzgefährdende Ausmaße angenommen haben. In diesem Zusammenhang haben wir uns bereits mehrfach unter verschiedenen Aspekten auch mit den Organisationen und Vereinen beschäftigt, die sich im Lande mit großer Wirkung um den Erhalt der Wolfspopulation sorgen. Im Kreis Olpe, so wurde vor einiger Zeit gemeldet, wird weiter ein Wolf geschützt, der erneut Schäden unter Tieren und damit auch Leid für die Tierhalter durch seine Risse angerichtet hat. Karl-Heinz Busen, ehemaliger jagd- und waldpolitischer Sprecher der (im Bundestag nicht mehr verbliebenen) FDP-Fraktion, hat dieses Thema in einem jetzt erst veröffentlichten Leserbrief in einer Regionalzeitung aufgegriffen. Er reagierte auf eine Meldung über die Entscheidungen des Verwaltungsgerichtes Arnsberg und folgend des OVG Münster. Danach wurde die Jagdgenehmigung der örtlichen Behörde unanfechtbar aufgehoben. Beschwerde eingelegt hatte eine hessische „Naturschutzinitiative“ – wie übrigens im Sommer letzten Jahres beim OVG Schleswig-Holstein. Dort blieb nach Weidetierrissen ein auf die Insel Sylt zugewanderter Goldschakal weiter unter Schutz. Busen schrieb zu dem Vorgang in Olpe: „Dass solche Naturschutzinitiativen Klagen einreichen, ist klar; damit halten Sie Ihr Geschäftsmodell aufrecht. Von der Angst und dem Leid der gerissenen Tiere und der Weidetierhalter sind sie weit entfernt. Dass Gerichte allerdings den erklärten Willen des Gesetzgebers wenig beachten – sogar torpedieren –, ist eine neue Qualität.“ Dies bestätigt für mich, dass bisher die in einzelnen Ländern ergänzende Gesetzgebung zum Bundesrecht offensichtlich nicht wasserdicht ist und gerichtlich anfechtbar bleibt. Das führt dann zum Ergebnis, dass je nach Koalition auf Landesebene der jeweils niedrigste gemeinsame Nenner im Vollzug genommen wird. Die zitierten Beispiele kommen übrigens aus Ländern mit schwarz-grünen Koalitionen. Daraus lernen wir: Das Leben auf dem Lande mit der Natur und deren Entwicklung hat sehr viel mit Gesetz und Recht zu tun. Deshalb beschäftigen wir von natur+mensch uns regelmäßig mit solchen Vorgängen. Mit dieser nachdenklichen Bemerkung in meiner Kolumne verabschiede ich mich diesmal in ein hoffentlich auch für Sie gutes Wochenende. Mit besten Grüßen Ihr Jost Springensguth Redaktionsleitung und Koordination
- Was kommt nach dem Brandsommer?
Wenn Wald oder Flächen brennen und was danach kommt. Konsequenzen und was besser gemacht werden kann – damit sind jetzt Brandbekämpfer und Betroffene beschäftigt. Warum Totholz zur Falle wird und die Jagd zur Zukunft unserer Landschaften gehört Foto: geralt Der verheerende Moor- und Flächenbrand hat einen ökologischen Totalschaden im Hohen Venn hinterlassen. Er hat über fast 3.500 Hektar Moor- und Heidelandschaft im deutsch-belgischen Grenzgebiet vernichtet, darunter Lebensraum des stark gefährdeten Birkhuhns. Weil es sich um Hochmoor handelt, brennt es seit dem 14. August in einzelnen unterirdischen Glutnestern möglicherweise immer noch. Was sich da teils metertief unter der Oberfläche entzündet hat, bedeutet für die Einsatzkräfte nach den extrem schweren Löscharbeiten weiter höchste Wachsamkeit. Das Feuer hat sich erstmals tief in die bis zu sechs Meter dicke, ausgetrocknete Torfschicht gefressen. Der nach der Hitzeperiode erhoffte wochenlange Dauerregen ist zudem bisher ausgeblieben. Was hier verloren gegangen ist, ist nicht einfach nur Fläche. Das Hohe Venn beherbergt eines der letzten Rückzugsgebiete des Birkhuhns, einer Rauhfußhuhn-Art, für deren Wiederansiedlung ein Forschungsteam der Universität Lüttich seit 2017 mit ausgesetzten Tieren aus Schweden arbeitet. Auch seltene Moorpflanzen wie Sonnentau und Wollgras sowie die charakteristische Torfmoosschicht, die pro Millimeter rund ein Jahr zum Wachsen braucht, sind jedenfalls kurzfristig kaum zu ersetzen. Der Brand des jahrhundertealten Torfs hat übrigens massive Mengen CO₂ freigesetzt, wodurch das Moor von einem wichtigen Kohlenstoffspeicher zur Emissionsquelle wurde. Das ist auch ein Aspekt im Rahmen der Klimadebatte, die nach diesen heißen Wochen geführt wird – eine Randbemerkung im Großen und Ganzen. Ballung der Brandereignisse im südwestlichen Nordrhein-Westfalen Trockenheit, Sommerhitze, anfachende Winde haben – oft ausgelöst durch Unachtsamkeit von Menschen oder gar Brandstiftung – in mehreren Regionen Deutschlands zu Wald- und Flächenbränden geführt. Meistbeachtet war auch bundesweit der größte Waldbrand in der Geschichte Nordrhein-Westfalens: ebenfalls im August im Hürtgenwald, wo nahezu 400 Hektar Forstfläche erfasst wurden. Er liegt im nordöstlichen Teil der Rureifel und gehört südwestlich von Aachen großräumig zum Naturpark Hohes Venn-Eifel. Moor- und Waldbrände flammten unabhängig voneinander damit in näherer Nachbarschaft auf. Im Hürtgenwald kam zur Brandbekämpfung die extreme Belastung durch Blindgänger, Minen und Phosphorbomben hinzu. Das ist eine Hinterlassenschaft des Zweiten Weltkrieges, mit der der Kampfmittelräumdienst schon seit langem beschäftigt ist und die die wirtschaftliche Nutzung bereits erheblich beeinträchtigt. Das Bundesland hat schnelle Konsequenzen für die Einsatzkräfte in der Brandbekämpfung gezogen. Die traditionelle Ausrüstung, die stark auf den städtischen Innenbrand ausgelegt ist, reicht für diese lang andauernden Vegetationsbrände unter extremen Klimabedingungen nicht mehr aus. So stellen sich jetzt die kommunalen Feuerwehren in Beschaffung und Taktik grundlegend um. Beschafft werden aktuell bereits landesweit geländegängige, wattfähige Großfahrzeuge. Sie transportieren rund 3.000 Liter Löschwasser in unwegsames Gelände und verfügen über grobstollige Bereifung sowie feuerfeste Ummantelungen der Versorgungsleitungen. Vermehrt sollen Quads zum Einsatz kommen. Sie dienen zum schnellen Materialtransport, zur Erkundung oder zum Verlegen von leichten Schläuchen auf engen Waldwegen. Weitere Lehren nach Hitze und Bränden zum Waldumbau Die Konsequenz ist paradox: Waldbrände beschleunigen die Notwendigkeit des Waldumbaus, den sie gleichzeitig erschweren. Monokulturen aus Fichten und Kiefern erweisen sich als hochentzündlich und werden durch Großbrände häufig vollständig vernichtet. Das zwingt Waldbesitzer, den Übergang zu widerstandsfähigeren Strukturen unmittelbar einzuleiten. Gleichzeitig setzen brennende Wälder schlagartig enorme Mengen Kohlenstoff frei und kippen von CO₂-Speichern zu CO₂-Quellen, wie bereits am Beispiel des Venn-Brandes geschildert. Das macht den Waldumbau nach Angaben von Fachleuten zu einer zwingenden Klimaschutzmaßnahme. Auf verbrannten Flächen ist die Naturverjüngung jedoch oft erschwert, weil die Böden durch die Hitze verkrustet und geschädigt sind. Künstliche Nachpflanzungen werden notwendig, sind aber selbst wieder anfällig für die nächste Dürre. Ein Teufelskreis, aus dem sich die Forstwirtschaft nur mit gezielten Maßnahmen befreien kann. Brandenburg als Blaupause eines strukturellen Problems Was im Hohen Venn ein akutes Ereignis ist, lässt sich in Brandenburg seit Jahren als schleichendes Muster beobachten. Das Bundesland gilt als das mit dem höchsten Waldbrandrisiko Deutschlands. Die EU stuft Brandenburg diesbezüglich auf einer Stufe mit Spanien und Griechenland ein. Der Grund: Rund 70 Prozent der Wälder bestehen noch immer aus Kiefern-Monokulturen. Was echte Feuerresilienz braucht Tief wurzelnde Laubbäume wie Traubeneichen, Buchen oder Spitzahorn speichern mehr Feuchtigkeit, erzeugen ein kühleres Waldinnenklima und sind deutlich schwerer entzündlich als Nadelholz. In besonders gefährdeten Regionen kommen gezielt angelegte Waldbrandriegel hinzu, 100 bis 300 Meter breite Barrieren aus feuerhemmenden Laubgehölzen, die die unkontrollierte Ausbreitung von Feuern stoppen sollen. Auch strukturelle Vielfalt spielt eine Rolle: Ungleichaltrige mehrstufige Bestände schützen den Waldboden durch ihr dichtes Kronendach besser vor Austrocknung als gleichaltrige Plantagen. Der Fall zeigt exemplarisch, wovor Waldforscher seit Jahren warnen: Wo sich selbst überlassene Wälder Totholz anhäufen und Wildbestände den Umbau zu Mischwald verhindern, entsteht eine gefährliche Kombination. Ein Blick nach Brandenburg zeigt, wie festgefahren die Debatte ist. Totholz: Zwischen Ökologie und Brandbeschleuniger Ein Aspekt der Debatte wird oft übersehen: die Rolle von Totholz in sich selbst überlassenen Wäldern. Das Konzept, Wälder weitgehend der Natur zu überlassen, wie es etwa der Förster und Autor Peter Wohlleben popularisiert hat, gilt vielen als ökologisch wertvoll. Liegendes Totholz kann tatsächlich Feuchtigkeit speichern und bietet zahllosen Arten Lebensraum. Dieser Effekt endet in einer Hitzeperiode, wie wir sie gerade erlebt haben. In Zeiten extremer Trockenheit kippt diese ökologische Rechnung. Trockenes Totholz, insbesondere dünne Äste und Reisig, wird bei Hitze zu leicht entzündlichem Brennmaterial. Große, liegende Stämme brennen zudem sehr lange und erzeugen eine extreme Hitze, die den Boden nachhaltig schädigt. Was in normalen Jahren ein ökologischer Gewinn ist, wird in Dürresommern zur Brandlast, die ein Feuer erst richtig anfacht. Die andere Seite bei Starkregenereignissen haben wir z. B. an der Ahr und teilweise der Mosel erlebt. Wenn Totholzhaufen über die Zuflüsse in die aufnehmenden Fließgewässer gelangen, führt es am Ende vor Brücken zu Staubildungen mit folgenden Überschwemmungen. Wald mit Wild statt Wald vor Wild Auf Bundesebene ist die Verbindung zwischen Jagd und Waldumbau längst als politisches Thema angekommen. Manuela Rottmann, damalige Staatssekretärin im Bundeslandwirtschaftsministerium, brachte es auf den Punkt: „Man kann keine Diskussion um den Waldumbau in der Klimakatastrophe führen, ohne das Thema Jagd mit einzubringen.“ Auch der damalige Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir hatte sich öffentlich für mehr Jagd ausgesprochen, um die notwendige Anpassung der Wildbestände zu erreichen. Anpassung ist dabei ein dehnbarer Begriff. Umstritten bleibt dabei das Maß. Es gibt einen wenig offen ausgetragenen Streit zwischen Schlagwörtern wie „Wald ohne Wild“ oder „Wald mit Wild“. Genau an diesem Punkt setzt das Projekt „Wald mit Wild“ der Stiftung natur+mensch an. Die Stiftung sieht in der Reaktivierung historischer und der Schaffung neuer Waldnutzungsformen Wege, wirtschaftlich erfolgreiche Forstwirtschaft und jagdliche Nutzung miteinander zu verbinden. Das sollte beides verbinden, statt gegeneinander auszuspielen. Der Ansatz widerspricht dabei ausdrücklich der Vorstellung, dass sich selbst überlassene Natur automatisch der Artenvielfalt dient. Die Erfahrung zeige, so die Stiftung, dass sich in unberührten Systemen oft die stärksten Arten durchsetzen, nicht die vielfältigsten. Konkret bedeutet das: rechtzeitige Entnahme und Vermarktung von Holz vor dem natürlichen Absterben, verbunden mit Naturverjüngung durch eigene Mast. Gleichzeitig soll dem Wild durch gezielte Ablenkungsmaßnahmen ausreichend Lebensraum erhalten bleiben, ohne dass der Waldumbau darunter leidet. Das Gegenmodell sieht die Stiftung im mit öffentlichen Zuschüssen betriebenen, naturbelassenen Wald, der große Mengen Totholz hinterlässt, mit allen Konsequenzen, die sich gerade in Dürresommern zeigen.
- Über die verschiedenen Lebensstrategien unseres Wildes
In der Natur gibt es die Spezialisten und die flexiblen Generalisten, Arten mit hoher und andere mit niedriger Reproduktionsrate. Sie alle haben sehr unterschiedliche Lebensstrategien, sind aber gleichermaßen erfolgreich Foto: Ibefisch / pixelio.de Wir kennen das von unseren Hunden. Die Erdhunde bei der Baujagd und mehr noch die Schweißhunde auf der Rotfährte erfüllen ihre Aufgabe mit beispielloser Bravour. Das Einsatzspektrum aber ist eng begrenzt. Deutlich breiter ist das Aufgabenfeld unserer Vollgebrauchshunde, der sogenannten Vorsteher. Mal abgesehen davon, dass sie schon wegen ihrer Größe für die Arbeit unter der Erde nicht geeignet sind, decken sie einen großen Teil der jagdlichen Aufgaben ab. Sie suchen im Feld, stöbern im Wald, apportieren erlegtes Wild und arbeiten ausdauernd im Wasser. Sie sind sogar auf der Schweißfährte einsetzbar. Spätestens aber, wenn eine komplizierte Nachsuche ansteht, möglicherweise mit einer Hetze, ruft der verantwortungsbewusste Waidmann den Spezialisten. Dieser ist nicht der bessere Hund, auch wenn böse Zungen sagen, der Generalist könne alles, aber nichts richtig. Das ist biologisch betrachtet falsch. Der Spezialist ist dank jahrhundertelanger Leistungszucht nur besser für diesen besonderen Einsatzzweck geeignet. Darin liegt aber auch eine Gefahr. Entfällt aus welchem Grund auch immer die eine Aufgabe des Spezialisten, verliert er seine besondere Daseinsberechtigung. Jede Art hat ihre ökologische Nische Was an diesem Beispiel an verschiedenen Rassen innerhalb einer Art erkennbar ist, gilt auch für die Lebensstrategien verschiedener Arten. Jede hat ihre ökologische Nische. Das ist kein Ort oder Lebensraum im Revier, sondern das gesamte Geflecht aus Beziehungen und Wechselwirkungen der jeweiligen Art und ihrer Umwelt. Da sind zum einen die unbelebten Faktoren wie Feuchtigkeit und Bodenbeschaffenheit, Licht und Temperatur und zum anderen die belebten Faktoren. Dazu zählen die Beute und die Fressfeinde ebenso wie Parasiten und Konkurrenten. Das alles zusammen ergibt einen optimalen Lebensraum, die sogenannte Fundamentalnische. Er ist aber nur theoretischer Natur. Denn der tatsächliche Bereich, den eine Art in der Natur einnimmt, die Realnische, ist fast immer kleiner. In ihr lebt, überlebt die Art und pflanzt sich fort. In diesen Nischen gibt es zwei sehr verschiedene Strategien, die Generalisten und die Spezialisten. Unterschiedliche Anpassungsfähigkeit Grundsätzlich gilt: Je enger die Nische, desto höher spezialisiert ist die Art und desto gefährdeter ist sie in ihrer Existenz, wenn die Nische sich negativ verändert. Ist ein eng begrenztes Nahrungsspektrum nicht mehr vorhanden oder tritt ein gravierender Wandel des Biotops ein, gerät die zuvor außerordentlich erfolgreiche Art in arge Bedrängnis. Man denke an Luchs und Wildkatze, Fischotter und Raufußhühner. Ganz anders die Generalisten mit ihrer hohen Anpassungsfähigkeit. Fuchs, Marder, Waschbär und Wildschwein haben ein breites Nahrungsspektrum und sind sehr flexibel in der Habitatwahl. Sie kommen auch in einem urbanen Bereich klar. Sie können unterschiedlichste Ressourcen nutzen. Dass sie auch im menschlichen Umfeld gut leben können, heißt aber nicht, dass Generalisten automatisch Kulturfolger und Spezialisten zwangsläufig Kulturflüchter sind. Das sind zwei völlig getrennte Aspekte, das eine ist die ökologische Nische, das andere der Blick auf das Verhältnis des Wildtiers zum Menschen. Jede Lebensstrategie hat ihre Daseinsberechtigung. Es geht nicht um besser oder schlechter aus anthropogener Sicht. Das Maß der Dinge ist vielmehr allein die Sicherung des Überlebens der Art, also der Reproduktionserfolg. In der einen Nische ist die sogenannte r-Strategie hilfreich, in der anderen die K-Strategie. Bei der ersten gibt es viele Nachkommen, die nur wenig Brutpflege erhalten und nur eine kurze Lebenserwartung haben. Neben Mäusen und Insekten gilt das auch für den Feldhasen. Der Reproduktionserfolg entscheidet Wenn wir nun nach der Getreideernte viele Hasen auf den Stoppeln sehen, ist das noch längst kein sicherer Beleg für hohe Besätze und eine gute Jagdstrecke zum Jahresausklang. Ein nasser Herbst, viele Fressfeinde oder Krankheiten dezimieren den zuvor zahlreich auf die Welt gebrachten Nachwuchs. Immerhin kann eine Häsin pro Jahr rund zehn Junge gebären, deren Lebensraum sich nicht zuletzt durch die landwirtschaftliche Bearbeitung nahezu täglich grundlegend ändern kann. Über die Masse, kurze Trag- und Aufzuchtzeiten sowie frühe Geschlechtsreife und schnelle Fortpflanzung versuchen also Arten mit r-Strategie ihr Überleben zu sichern. Ihr Vorkommen unterliegt starken Schwankungen, kann in einem Jahr mit guten Bedingungen auch äußerst hoch sein. Ganz anders Bären oder unser Rotwild, die typische Vertreter der K-Strategie sind. Da geht es nicht um Masse, sondern um Klasse. Sie bringen nur wenige Junge zur Welt und investieren viel Zeit in eine intensive Brut- und Sozialpflege. Entsprechend eng ist die Bindung zwischen Muttertier und Nachwuchs, dessen Überlebenschance so erhöht wird. Zugleich wachsen die Bestände vergleichsweise langsam und sind eher stabil. Andererseits können größere Verluste nur schwer ausgeglichen werden. Bei aller Rubrizierung der Lebensstrategien von Tieren gilt es zu bedenken, dass es keine starren Grenzen gibt. Kein reines Schwarz oder Weiß, sondern oft ist es ein mehr oder weniger helles Grau. Denn es überleben auch Tiere, die Merkmale beider Strategien kombinieren, etwa mittlere Wurfgröße gepaart mit ausgeprägter, aber zeitlich begrenzter Brutpflege. Will sagen: Es gibt viele Übergänge und Mischformen, die aber fast immer zumindest tendenziell dem einen oder anderen Idealtyp zugeordnet werden können.
- Kanzler und Kabinett müssen Kurs halten
Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und auf die Bundespolitik Liebe Leserinnen und Leser! In unserer Wochenkolumne blicken wir zunächst auf die Kabinettsklausur in Schloss Neuhardenberg, wo sich Kanzler und Minister bemerkenswert einig und engagiert zeigten, trotz vielfältiger Kritik am vereinbarten Reformkurs festzuhalten. Wie tragfähig dies am Ende ist, bleibt vor dem Hintergrund der bevorstehenden Wahl in Sachsen-Anhalt allerdings offen. Ein Thema, das die Menschen gerade im ländlichen Raum momentan stark bewegt, ist die anhaltende Hitze verbunden mit der Gefahr von Waldbränden. Was solch verheerende Feuer für Mensch und Natur bedeuten können, zeigten jüngst die Ereignisse im nordrhein-westfälischen Hürtgenwald und im ostbelgischen Hohen Venn. Damit beschäftigen wir uns ausführlich in unserem Blog und beleuchten dabei auch die vielfältigen Möglichkeiten von Prävention – von Waldumbau bis hin zu speziellen Verhaltensregeln für Jäger. Gespannt blickt man in Berlin und im Rest der Republik auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am nächsten Wochenende. Dort könnte die AfD erstmals die absolute Mehrheit und damit das Amt des Regierungschefs erringen. Für die gesamte Republik und nicht zuletzt für die schwarz-rote Koalition in Berlin wäre dies ein tiefer Einschnitt. Entsprechend nervös sind die Spitzen von Union und SPD. Hier drohen Zerreißproben bis hin zu möglichen Führungswechseln. Vor diesem schwierigen Hintergrund ist es umso bemerkenswerter, wie vergleichsweise harmonisch und zielorientiert die jüngste Kabinettsklausur in Schloss Neuhardenberg verlief. Man verbreitete Zuversicht und bestätigte die großen Reformvorhaben, nicht zuletzt beim wichtigen Thema Rente. Das gilt auch für das Treffen der Fraktionsspitzen der Koalition am Donnerstag und Freitag in Münster mit demonstrativen Fotomotiven der Harmonie und Geschlossenheit von Frei (CDU), Miersch (SPD) und Hoffmann (CSU). Ohne die Zustimmung mit der Regierungsmehrheit im Parlament sind die geplanten Reformen nicht umzusetzen. Friedrich Merz stellte sich in Schloss Neuhardenberg klar gegen die Forderung von drei CDU-Ministerpräsidenten, an der Rente mit 63 festzuhalten. Für Merz birgt diese Konfrontation angesichts bevorstehender Wahlen in Ostdeutschland einige Risiken. Gleichwohl verdient er dafür Anerkennung. Nur wenn die Koalition als Ganzes den großen Wurf bei den Sozialreformen wagt, kann sie am Ende Erfolg haben. Insofern war das Treffen in Neuhardenberg für die Koalition, aber auch für den Kanzler persönlich ein Erfolg. Ob dieser Erfolg tragfähig ist, wird sich in den kommenden Wochen und Monaten zeigen, wenn die Wahlergebnisse in Ostdeutschland vorliegen und die geplante Rentenreform in den Gesetzgebungsprozess kommt. Vom Kanzler wird Klartext erwartet Von Merz wird jetzt in der entscheidenden Phase der Koalition Klartext erwartet – im Reden und vor allem auch im Handeln. Dass der Kanzler so etwas grundsätzlich kann, hat er Anfang der Woche bei einem Besuch im nordrhein-westfälischen Hürtgenwald gezeigt. Merz war zuvor vielfach kritisiert worden, weil er seinen Urlaub angesichts der Brände nicht abbrach und sich im Krisengebiet zeigte. Entsprechend unfreundlich verlief auch der Empfang im Hürtgenwald, als er von Anwohnern ausgepfiffen wurde. Merz ließ sich davon erfreulicherweise nicht beeindrucken. Er sprach von einer bewussten Entscheidung. Sein Ziel sei es gewesen, dass die Einsatzkräfte in Ruhe ihren Job machen könnten. Genau dies erwarten die Bürger von einem Regierungschef: weniger Show, mehr Substanz. Der örtliche Landrat stimmte Merz hier ausdrücklich zu. Und besonders treffend brachte es ein Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Hürtgenwald auf den Punkt, als es sich gegenüber dem WDR empört über die Buhrufe und Pfiffe zeigte: „Diejenigen, die rufen und pfeifen, sollten die negative Energie in eine positive umwandeln und Mitglied bei der Feuerwehr oder beim THW werden“, so der Feuerwehrmann. Recht hat er. Ohne Ehrenamtliche geht nichts Ohne das große Engagement und den Einsatz der vielen ehrenamtlichen Helfer wäre die Brandbekämpfung in Deutschland ebenso wenig möglich wie viele andere Dienste für das Gemeinwohl. Der häufig zitierte Spruch „Was nichts kostet, ist nichts wert“ stellt die Dinge an dieser Stelle auf den Kopf. Ehrenamtliche leisten „für nichts“ etwas ungemein Wertvolles. Ohne sie würde das Land an wichtigen Stellen auseinanderbrechen. Dafür verdienen sie unser aller Dank und Respekt sowie jede mögliche Form an Solidarität. Der kürzliche Einsatz der Feuerwehren im Hürtgenwald war wegen der Dimension des Feuers besonders spektakulär. Entsprechend groß war die öffentliche Aufmerksamkeit bis hin zum Besuch und den Dankesbekundungen des Kanzlers. Ebenso wichtig sind aber auch die vielen kleinen Einsätze, die die Freiwilligen absolvieren, um noch Schlimmeres zu vermeiden. Gerade auf dem Land ist dieses Engagement extrem wichtig. Ein kleines Beispiel unter vielen: Kürzlich kam es in meiner Heimat zu einem Brand einer Ballenpresse. Durch Trockenheit und leichten Wind entwickelte sich das Feuer in Richtung eines angrenzenden Waldes und der nahe gelegenen Heidefläche. Schnell brannten drei Hektar Stoppelfeld mit Strohballen und Presse sowie 2000 Quadratmeter Wald. Zusammen mit Freiwilligen Feuerwehren aus fünf angrenzenden Ortschaften und einigen Landwirten konnte der Brand schnell unter Kontrolle gebracht werden. So soll es sein. Nicht lange reden, sondern zügig mit anpacken – eine Devise, die im ländlichen Raum vielerorts gerne gehört und beherzigt wird. Auch die Berliner Politik sollte sich bei ihren Reformvorhaben häufiger mal darauf besinnen. Folgen für Tier- und Pflanzenwelt Bei all den spektakulären Bildern über Waldbrände geht oft unter, wie verheerend solche Ereignisse für die betroffene Tier- und Pflanzenwelt sein können. Beispiel ostbelgische Hohe Venn, wo kürzlich mehr als 3000 Hektar Hochmoor- und Heidefläche brannten. Das Hohe Venn gilt nicht nur als Heimat für größeres Wild wie Hirsche und Rehe, sondern auch für Wildkatzen, das seltene Birkhuhn und für teils sehr seltene Schmetterlings- und Libellenarten. Deren weiteres Schicksal ist jetzt ungewiss. Zum Spendenformular Umso wichtiger ist Prävention. Dazu gehört auch der Waldumbau. Die vielerorts immer noch dominierenden Kiefern brennen sehr stark. Fachleute sind sich einig, dass das Pflanzen von Laubbäumen die Wucht des Feuers in einem Nadelwald deutlich senken kann. Es kommt hier auf die richtige Mischung an. Besonders gut sind in diesem Zusammenhang Eichen, aber auch andere Arten wie Buchen. Mischwälder kühlen zudem den Boden, fördern die Grundwasseranreicherung, überstehen Stürme besser und sind widerstandsfähiger gegenüber Schädlingen. Dass sich Wild dort gerne aufhält, sollte Jäger und andere Naturfreunde zusätzlich freuen. Denn beides gehört nun mal gleichberechtigt zusammen: Wald und Wild. Auch für Jäger gibt es wichtige Regeln, wie sie sich in Zeiten drohender Waldbrände im Revier verhalten sollten. Dazu gehört, niemals Autos über trockenem Gras oder Laub abzustellen, denn heiße Auspuffteile können die Vegetation leicht entzünden. Außerdem: konsequenter Verzicht auf Tabakwaren im Wald bei Trockenheit. Pirsch- und Waldwege sollte man keinesfalls mit dem Ansitzmobil blockieren, damit Feuerwehr und Rettungskräfte freie Fahrt haben. Rauchentwicklung oder Brände sind sofort an die Notrufnummer 112 zu melden. Tiere mit unterschiedlichen Lebensstrategien, Zum Schluss noch ein Ausblick auf die kommende Woche: Unser Newsletter erscheint ab kommendem Samstag nach den Sommerferien wieder wöchentlich. Unsere Blogbeiträge mit Themen rund um die Jagd und den ländlichen Raum setzen wir regelmäßig mit jeweils neuen Artikeln fort. Am Dienstag wird unser Christoph Boll das komplexe Beziehungsgeflecht beleuchten, in dem Wildtiere ihren Bestand sichern. Jede Art hat ihre ökologische Nische, aber nicht jede Art passt in jede Nische. In der Natur gibt es die Spezialisten und die flexiblen Generalisten, Arten mit hoher und andere mit niedriger Reproduktionsrate. Hier Luchs und Wildkatze, dort Fuchs und Waschbär oder eben Feldhase und Rothirsch. Sie alle haben sehr unterschiedliche Lebensstrategien, sind aber gleichermaßen erfolgreich. Dabei wird auch deutlich werden, dass es bei der Betrachtung nicht um die menschlichen Kategorien und Bewertungen von besser oder schlechter geht, sondern allein um die Überlebenssicherung der jeweiligen Art. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und einen gelungenen Start in eine für Sie positive Woche. Mit besten Grüßen Ihr Jürgen Wermser Koordination und Redaktionsleitung
- Heimat erlebt ein Comeback und hat einen enormen Wert
Im zuständigen Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat sind die Vorbereitungen für eine neue Heimatpolitik weit gediehen. Ressortchef Alois Rainer hat jetzt eine Heimat-Agenda präsentiert Foto: Oliver Mohr / pixelio.de Die Heimat erlebt ein Comeback. Selbst in großstädtischen Vierteln, wo der Zeitgeist das Wort Heimat lange Zeit vermieden oder ins negative Licht gerückt hat, wird heute anders darüber gedacht. Rund acht von zehn Menschen in Deutschland haben laut Umfragen sogar ein positives Heimatgefühl, wobei dabei Familie, soziale Nähe und Gemeinschaft einen sehr hohen Stellenwert einnehmen. Kürzlich hat Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer als zuständiger Ressortchef eine Heimat-Agenda präsentiert. Laut Ministerium der „Kompass für eine moderne Heimatpolitik“. Eine Betonung liegt auf dem Wort modern. Denn mit Heimattümelei hat der politische Ansatz nur wenig zu tun. Unter dem Titel „Miteinander ist es Heimat“ beschreibt die im Netz abrufbare Agenda das Leitbild einer Heimatpolitik, die regionale Kultur, gesellschaftlichen Zusammenhalt und eine starke Wirtschaft miteinander verbinden und die Menschen vor Ort in den Mittelpunkt stellen will. Alois Rainer verbindet die Agenda mit einem wichtigen Versprechen: Er will, dass Politik sich noch stärker an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort ausrichtet. „Denn hier ist Heimat, hier sind die Menschen zu Hause und genau hier setzen wir an.“ Zwischen Gefühl und Lebenswirklichkeit Herbert Grönemeyers „Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl“ trifft nicht die Lebenswirklichkeit der Deutschen. Für sie ist Heimat zu einem großen Teil Lebensort, oft auch der Geburtsort. Das Herz schlägt schneller, wenn man die Heimat zum Beispiel nach einer längeren Abwesenheit wieder erreicht. Die Verortung spielt bei der Heimatpolitik eine große Rolle, denn so verlässt sie rasch das Abstrakte und wird konkret. In Projekten, Maßnahmen, im Ehrenamt und Miteinander wird Heimat sichtbar. Alois Rainer erklärte bei der Vorstellung der Agenda: „Heimatpolitik ist kein Nice-to-have. Sie entscheidet, wie gut Zusammenhalt, gleichwertige Lebensverhältnisse und wirtschaftliche Stärke in Deutschland konkret vorangebracht werden können.“ Heimat sei immer dann am stärksten, wenn Menschen ganz konkret erleben, dass sie Dinge so gestalten können, wie sie es selbst vor Ort brauchen. Heimat sei Teamplay in Reinform. „Wir wollen vor Ort mehr Freiräume schaffen, unnötige Bürokratie abbauen und Entscheidungen dort ermöglichen, wo sie wirken. Das zentrale Versprechen der Agenda sind die Heimat-Dialoge. Wir gehen dorthin, wo man uns braucht, etablieren verbindliche Formate und gehen dann direkt in die Umsetzung. Heimat gehört denjenigen, die sich um das Miteinander kümmern.“ Vielfalt und Weltoffenheit in den ländlichen Regionen Regionale Perspektiven, Lebens- und Sichtweisen sowie Traditionen dürfen dabei keine untergeordnete Rolle spielen. Gerade in den ländlichen Regionen, wo die Mehrheit der Menschen in Deutschland zu Hause ist, wird darauf bei aller Vielfalt und Weltoffenheit Wert gelegt. In dem im vergangenen Jahr erschienenen „Heimatspiegel Bayern“, herausgegeben vom Bayerischen Staatsministerium der Finanzen und für Heimat, finden sich viele Zitate, die darauf abheben. „Die regionalen Unterschiede sowohl im Landschaftsbild und der Gastronomie sowie die außergewöhnliche Baukultur machen Bayern besonders lebenswert“, wird dort zum Beispiel eine 54-jährige Frau aus Oberfranken zitiert. Wie geht es nun auf Bundesebene weiter? Das Ministerium verfügt über eine eigene Heimatabteilung und entsprechendes Fachwissen. Ein Heimat-Report und ein Landatlas sollen Erkenntnisse darüber liefern, was Menschen in ihrer Heimat bewegt und wo konkreter Handlungsbedarf besteht. Man will sich mehr um regionale Wertschöpfungsketten kümmern. Menschen und Initiativen, die sich in besonderer Weise für ihre Heimat und das gesellschaftliche Miteinander engagieren, will das Ministerium mit einem „Bundespreis Heimat“ auszeichnen.
- Wird der deutsche Obstbau zum Auslaufmodell?
Die deutschen Obstbauern erleben harte Zeiten. Das liegt aber nicht nur an der dramatischen Dürre dieses Sommers. Ein Mahnschreiben ging an die Koalition Foto: Petra Dirscherl / pixelio.de Die deutschen Obstbauern schlagen Alarm. Hohe Arbeitskosten, klimatische Veränderungen und ein hoher Importdruck sorgen dafür, dass immer mehr Betriebe in ganz Deutschland aufgeben müssen. Neben dem Verlust von Arbeitsplätzen steht die wirtschaftliche Existenz vieler – oft über Generationen geführter – landwirtschaftlicher Betriebe auf dem Spiel. Die Fahrt zu den Apfelplantagen ist nicht weit. Philip Dellbrügge fährt seine Besucher mit seinem Bulli zu den gepflegten Baumreihen, die mit Äpfeln gut vollhängen. „Unsere Bewässerungsanlage hat sich natürlich in den letzten trockenen Monaten bewährt“, sagt der Mann, der den Betrieb in Westfalen in der dritten Generation führt. Deswegen ist die Ernte von Äpfeln recht gut. Neben Äpfeln baut der Betrieb Dellbrügge Erdbeeren, Pflaumen, Beeren und andere Obstsorten an. Die hohen Investitionen der letzten Jahre haben sich für den Betrieb gelohnt. Deutsche Betriebe geben auf Doch wie alle seine Berufskollegen denkt der Landwirt darüber nach, seine Anbauflächen zu verkleinern. In Zahlen: In den Jahren zwischen 2017 bis 2022 sank zum Beispiel die Zahl der Betriebe, die in Deutschland Süßkirschen angebaut und geerntet haben, von 4090 auf 3500. Auch bei den Apfel-Betrieben ist nach Angaben des Landesverbandes Obstbau in Westfalen-Lippe ein Rückgang um zwölf Prozent zu verzeichnen. Neben den Auswirkungen auf die Betriebe warnen Experten vor einem sinkenden Selbstversorgungsgrad auch beim Obst in und für Deutschland. So liegt die durchschnittliche Produktionsmenge aller deutschen Betriebe mit 157.137 Tonnen nur die Hälfte über der Menge, die aus dem Ausland in deutsche Supermarktregale kommt. Auch der Deutschen liebstes Obst – die Erdbeere – kommt schon heute zu gleichen Teilen aus dem In- und Ausland. Himbeeren aus Marokko Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Zum einen ist der Importdruck enorm groß. Obst aus Spanien, Polen, Italien, Griechenland oder Marokko wird unter deutlich niedrigeren Lohnkosten produziert als in Deutschland. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel beschafft europaweit. Dabei richten sich die Einkäufer des Handels fast ausschließlich nach dem Preis. In Zahlen: Eine 125-Gramm-Schale Himbeeren aus Marokko gibt es schon für 1,99 Euro. Das kommt aber nicht von ungefähr: Neben dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, die in Deutschland niemals eine Zulassung bekommen würden, spielen dabei die Lohnkosten eine erhebliche Rolle. Ein Saisonarbeiter auf einem Himbeerfeld in Marokko verdient zehn Euro – am Tag. „Damit kann und will kein deutscher Obstanbaubetrieb mithalten“, sagt ein Sprecher der Landwirtschaftskammer. Grund genug, dass die Verbände der Obstbaubetriebe aus ganz Deutschland einen mahnenden Brief an die Berliner Koalition geschrieben haben. Dabei stehen vor allem die hohen Lohnkosten in Deutschland im Fokus. „Viele arbeitsintensive Kulturen wie Obst, Gemüse und Wein sind in hohem Maße von Handarbeit abhängig. Eine weitergehende Mechanisierung oder Technisierung ist in vielen Bereichen derzeit nicht möglich“, schreiben die Verbände. Gleichzeitig machten Lohnkosten bis zu 60 Prozent der gesamten Produktionskosten aus. Debatte um gesetzlichen Mindestlohn Damit rückt natürlich auch der Mindestlohn in den Fokus. Schon heute werden 90 Prozent des Obstes, des Gemüses und des Weins von ausländischen Erntehelfern geerntet. Deswegen lautet die Forderung der Obstbauverbände: „Wir brauchen einen moderaten Abschlag vom gesetzlichen Mindestlohn in Höhe von 20 Prozent für landwirtschaftliche Saisonarbeitskräfte. Dabei soll ein Mindestlohn von 13,90 Euro pro Stunde nicht unterschritten werden.“ Dieser Abschlag soll für alle Saisonarbeitskräfte gelten, unabhängig davon, ob sie sozialversicherungspflichtig oder im Rahmen kurzfristiger Beschäftigung (90-Tage-Regelung) tätig sind, so die Verbände. Ob und inwieweit diese Forderung nun in die Tat umgesetzt wird, ist aber höchst fraglich. In der fragilen Regierungskoalition dürfte für diesen Vorstoß bei der kriselnden SPD wenig bis keine Gegenliebe vorhanden sein – und die Union dürfte ebenfalls wenig Interesse haben, aus Rücksicht auf den deutschen Obstanbau einen neuerlichen Koalitionskrach zu riskieren.
- Ermittlung eines Hundewertes ist kompliziert
Immer wieder kommt ein Hund durch die Schuld oder das Versagen anderer Menschen zu Tode. Häufig ist der Ärger vorprogrammiert, wenn es um den Schadensersatz geht. Die Ermittlung des Hundewertes ist kompliziert Auch Warnschilder können nicht verhindern, dass es am Rande von Jagden zu Verkehrsunfällen mit Hunden kommt. (KI-Foto: ChatGPT) Es ist nie Vorsatz, passiert aber immer mal wieder: Ein Geschoss trifft einen Hund, sei es der Vierbeiner eines Mitjägers, sei es das Haustier eines Spaziergängers. Mal hat sich der Schuss unbeabsichtigt gelöst, mal gibt es einen Abpraller oder Querschläger. Aber auch fehlerhafte tierärztliche Behandlung, ein Verkehrsunfall oder der Angriff durch einen anderen Hund kann der Grund sein für schwerwiegende Schäden oder den Tod eines Hundes. Die Ursachen und Geschehnisse sind tragisch genug. Das Mitgefühl ist dem betroffenen Tierhalter sicher. Ganz schnell stellt sich dann auch die Frage nach dem Schadensersatz, den der Unglücksschütze bzw. seine Haftpflichtversicherung zu zahlen hat. Denn das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) sagt zwar, dass Tiere keine Sachen und durch besondere Gesetze geschützt sind. Allerdings gelten in Fragen des Schadenersatzes die gleichen Vorgaben wie für andere Gegenstände. Der Halter bekommt zwar seinen vierbeinigen Gefährten nicht zurück. Aber der Unglücksschütze, dessen Kugel den Vierbeiner getötet hat, schuldet ihm zumindest einen Zeitwertersatz, also einen angemessenen Geldbetrag. Anspruch eines Geschädigten An diesem Punkt beginnen oft Auseinandersetzungen und Schuldzuweisungen zwischen dem Hundeführer oder -besitzer und dem Schadensverursacher. Rechtsanwälte schicken wechselweise Briefe und nicht selten endet der Streit in gerichtlichen Auseinandersetzungen. Der gesetzliche Grundsatz ist klar: Der Geschädigte hat Anspruch, dass durch die Zahlung ein Zustand herzustellen ist, der dem vorherigen gleicht. Er muss sich also einen vergleichbaren Hund kaufen können. Welchen Wert aber hatte der getötete Vierbeiner, sei er schlichter Begleithund, ausgebildeter Blindenführ- oder Lawinensuchhund, Hüte-, Schutz- oder Jagdhund im tatsächlichen Einsatz gewesen? Es gilt also, den Markt- oder Wiederbeschaffungswert zu ermitteln. Ein Anhaltspunkt kann die Frage sein, welcher Verkaufspreis für den Vierbeiner vor seinem Tod zu erzielen gewesen wäre. Natürlich sind angefallene Tierarztkosten sowie Kosten für die Anschaffung eines gleichwertigen neuen Welpen zu erstatten. Geht es um einen getöteten Hund, werden darüber hinaus meist nur die Kosten für die einfache Beseitigung oder eine einfache Übergabe ersetzt. Den Wunsch nach Finanzierung kostspieliger Sonderwünsche wie Einäscherungen im Tierkrematorium durch den Schädiger lehnen die Gerichte in aller Regel ab. Immer eine individuelle Berechnung Zumindest für Jagdhunde gibt es bei der Wertermittlung keine festen Pauschalen oder standardisierten Werte. Jeder Hund muss individuell betrachtet werden. Der Jagdgebrauchshundverband (JGHV) hat als Dachverband der Zucht- und Prüfungsvereine spezialisierte Sachverständige benannt, die den materiellen Sachwert sowie den jagdlichen Gebrauchswert bei Schäden oder Tod eines Hundes als Jagdhelfer berechnen. Sie erstellen gerichtsfeste Expertisen und ziehen dazu verschiedene Kriterien heran. Dazu gehören die Rasse des Hundes, sein Alter, Gesundheitsstand und Ausbildungsstand, Anzahl und Ergebnisse von Zuchteinsätzen sowie die Kosten für die jagdliche Ausbildung. Erste Orientierungswerte in diesem Vergleichswertverfahren gibt bereits der einschlägige Anzeigenmarkt für die jeweilige Jagdhundrasse. Aus dem Welpenpreis sowie den weiteren Anschaffungs- und nachgewiesenen Aufzuchtkosten, zu denen Futter, Tierarzt und Ausbildung zählen, lässt sich ein Grundwert errechnen. Hinzu kommt der Gebrauchswert, in den die Ergebnisse abgelegter Prüfungen und die Zuchteignung einfließen. Während der Wert der meisten Gegenstände ab dem Moment der Anschaffung sinkt, ist dies bei einem Tier umgekehrt. Der Wert des Welpen steigt mit dem Fortschritt seiner Ausbildung und den Nachweisen seiner Qualifikation. Erst wenn der Zenit der Leistungsfähigkeit überschritten ist, reduziert sich der Wert wieder. Der materielle Schaden kann daher immens sein, wenn ein hochqualifizierter Hund in der Blüte seines Lebens getötet wird. In vielen Fällen wird jedoch ein Mitverschulden des Halters berücksichtigt werden müssen, sei es, weil der vierbeinige Jagdhelfer im Einsatz keine Warnweste trug, weil er in der Nähe einer vielbefahrenen Straße frei laufen gelassen oder in der Nähe anderer Hunde nicht festgehalten wurde. Schmerzensgeld ist ausgeschlossen Der Hund gilt als der beste Freund des Menschen. Diese enge Beziehung führt dazu, dass Herrchen oder Frauchen bei Verletzung, Krankheit oder Tod des Haustiers nahezu ebenso leiden, als sei ein Familienmitglied betroffen. Im juristischen Bereich jedoch besteht ein großer Unterschied. Wie sehr der Besitzer mit seinem Vierbeiner auch mitleidet, selbst wenn er nachhaltig traumatisiert wird, gibt es für die seelische Belastung kein Schmerzensgeld. Das hat der Bundesgerichtshof (BGH) 2012 endgültig entschieden, als es um den Tod eines Junghundes ging, der von einem Traktor überfahren worden war. Die Besitzerin erlitt daraufhin eine schwere depressive Erkrankung mit entsprechender ärztlicher Behandlung sowie Medikamentierung. Sie forderte deshalb neben dem materiellen Schadensersatz ein Schmerzensgeld für die seelischen Qualen. Derartige Beeinträchtigungen mögen zwar als schwerwiegend empfunden werden und noch so verständlich sein, begründen allerdings keinen Schmerzensgeldanspruch, weil sie zum allgemeinen Lebensrisiko gehören, so das höchstrichterliche Urteil. Das ist übrigens in der Schweiz ganz anders. Dort bezeichnet im Haftpflichtrecht der Affektionswert den rein emotionalen Wert, den der Halter oder seine Angehörigen einem Heimtier beimessen. Wird der Hund verletzt oder getötet, darf das Gericht diesen Gefühlswert bei der Schadensbemessung berücksichtigen, wodurch der Ersatz den reinen Marktwert übersteigen kann. Schließlich kann auch ein für wenig Geld erworbener Mischlingshund für den Halter von großer emotionaler Bedeutung sein.
- „Zukunft wächst auf dem Land“
Breites Aktionsbündnis Ländliche Räume in Schleswig-Holstein – mit Bauernverband, Unternehmensverband Nord, Landfrauen und Landjugend, Familienbetrieben Land und Forst sowie Verbänden der Waldbesitzer und Lohnunternehmer Foto: Iris Clasen / pixelio.de Mit einem außergewöhnlichen Bündnis wollen in Schleswig-Holstein sieben einflussreiche Verbände den ländlichen Raum stärken. Zugleich üben die führenden Vertreter aus Bauernverband, Unternehmensverbänden, Land und Forstwirtschaft, Landfrauen, Landjugend, Waldbesitzer und Lohnunternehmer heftige Kritik an der gegenwärtigen Kieler Koalition von CDU und Grünen. Mit dem Aktionsbündnis „bündeln sieben führende Verbände ihre Kräfte“, sagte der Bauernpräsident des Landes, Klaus-Peter Lucht, bei der Auftakt-Pressekonferenz der Initiative im Obstbaubetrieb Gut Warleberg Mitten Im Lande am Nord-Ostsee-Kanal. Er fügte hinzu, man wolle gemeinsam die Interessen der Menschen und Betriebe auf dem Land stärker in den Mittelpunkt der politischen Debatte rücken, „denn Zukunft wächst auf dem Land“. So spricht der Präsident des Bauernverbandes von einem „katastrophalen Zustand im Umweltministerium“, das von den Grünen geführt wird. Seine Kritik wird von den anderen Verbänden geteilt und unterstützt. Rund 70 Prozent der Menschen in Schleswig-Holstein leben nicht in den größeren Städten. In dieser Formation hat das Aktions-Bündnis bundesweit eine besondere Rolle eingenommen. Für besondere Aufmerksamkeit sorgt das Mitwirken der Vereinigung der Unternehmensverbände Hamburg und Schleswig-Holstein (UV Nord). Hierzu gehören 107 Wirtschafts- und Arbeitgeberverbände in Hamburg und Schleswig-Holstein. Sie vertreten die Interessen von mehr als 66.000 Unternehmen mit rund 1,75 Millionen Beschäftigten. Insofern handelt es sich um eine großangelegte Unterstützungsaktion seitens des mächtigen Wirtschaftsverbandes im Norden. Unternehmerverband: Ländliche Räume kein Nebenschauplatz UV-Nord-Hauptgeschäftsführer Michael-Thomas Fröhlich: „Wer über die Zukunft Schleswig-Holsteins spricht, darf die ländlichen Räume nicht als Nebenschauplatz betrachten. Hier werden Lebensmittel produziert, Arbeitsplätze geschaffen, Wertschöpfung gesichert und Gemeinschaft gelebt.“ Einig sind sich die sieben Verbände in Hinblick auf die Koalition und insbesondere auf die Politik der Grünen im Lande: „Kein verlässlicher Partner, komplette Verweigerungshaltung gegenüber dem ländlichen Raum und moderner Landwirtschaft.“ Auch in dieser Analyse spielen sich die sieben Verbände die Bälle zu. Es fehle an Verlässlichkeit. Bauern-Präsident Lucht holt weiter aus: „Die Grünen laufen nur mit dem Thema Klimawandel durchs Land, drohen mit Verordnungs-Gesetzen. Wir aber wollen den freien Dialog“, stellte Lucht klar und fügte hinzu: „Wir vertrauen dieser Umweltpolitik nicht mehr.“ Auch CDU-Ministerpräsident Daniel Günther wird nicht verschont. „Günther hatte Angst vor einer Opposition aus SPD und Grünen, für das Land wäre eine Koalition mit FDP und SSW (Südschleswigscher Wählerbund) besser gewesen.“ Auch dieser Meinung schloss sich das Gremium an. Man wolle zusammen dem ländlichen Raum mit Blick auf die Landtagswahlen im nächsten Frühjahr „eine klare Stimme geben“, wie es heißt. Gemeinsam wartet man im Norden mit Spannung auf die Rede von Günther am 4. September auf dem Landesbauerntag im Rahmen der Agrarmesse „Norla“ in Rendsburg.
- Der Soja-Trend erreicht die Felder
Es wird immer heißer – und vor allem fehlt im Frühling der Niederschlag. Nicht nur in Sachsen setzen die Landwirte deswegen verstärkt auf den Soja-Anbau Foto: AnRo0002/Wikipedia Das Angebot im Supermarkt ist riesig – und auch die Nachfrage wächst. Lebensmittel wie Soja-Milch, Protein-Produkte wie Joghurt oder Käse erfreuen sich großer Beliebtheit. Während importierte Soja-Bohnen fast ausschließlich als Futtermittel dienen, wird in Deutschland angebautes Soja vor allem direkt für Lebensmittel verwendet. Insbesondere Tofu, Soja-Drinks und andere pflanzliche Produkte stammen häufig aus regionaler Erzeugung. Über den Einsatz genveränderter Pflanzen herrscht in Deutschland und Europa – anders als in den USA – kein Konsens, die Debatte darüber beschäftigt vor allem die europäische Ebene. Angesichts dieser steigenden Nachfrage und des Klimawandels erkennen heimische Landwirte in Deutschland aber die Chancen, die sich aus dem Anbau der Soja-Bohne auch in Deutschland ergeben. Ganz weit vorn sind bei dem Soja-Trend die Landwirte aus Sachsen. Nach Angaben des sächsischen Bauernverbandes ist allein die Anbaufläche im Freistaat mit 2.600 Hektar im Vergleich zum Jahr 2025 um 40 Prozent gestiegen. „Sie ist einer der Gewinner des Klimawandels. Diese Frucht hat angesichts der sich verändernden klimatischen Bedingungen Zukunft“, meint Torsten Krawczyk, Präsident des sächsischen Landesbauernverbandes. Soja trotzt der Trockenheit Die Soja-Bohne ist im Vergleich zu anderen Sorten extrem hitzebeständig, benötigt weniger Wasser und trotzt auch der zunehmenden Frühjahrstrockenheit. Ein Vorteil der Hülsenfrucht, die in Deutschland noch immer ein Nischenprodukt landwirtschaftlicher Erzeugung ist, ist die Tatsache, dass sie später als die Erbse oder der Raps blüht und reift. Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Preise für Soja-Bohnen sind aufgrund der starken Nachfrage nach Protein stabil. Die größten Produzenten von Soja sind aktuell Brasilien, Argentinien und die USA. Soja benötigt eine Mindestdurchschnittstemperatur von 9,5 °C. Regionen südlich des Mains (besonders in Unterfranken und in Nieder- und Oberbayern) oder in Sachsen bieten die besten Bedingungen. Die Aussaat erfolgt in der Regel ab Mitte April, sobald der Boden warm genug ist. Die Ernte findet meist von Mitte September bis Anfang Oktober statt. Der Ertrag liegt in der Praxis bei etwa 35 bis 45 Dezitonnen pro Hektar (dt/ha), wobei die Bohnen oft getrocknet werden müssen. Sollte sich der Anbau von Soja in Deutschland weiter ausbreiten, könnte dies auch ein Beitrag zum Klimaschutz sein. Suche nach neuen Ertragsquellen auf trockeneren Böden Wie wichtig die Suche nach neuen Ertragsquellen und Anbausorten ist, macht ein Blick in die aktuellen Erntezahlen deutlich. Nach offiziellen Angaben des Statistischen Bundesamtes ernten die landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland in diesem Jahr voraussichtlich 11,3 Prozent weniger Erdbeeren als im Vorjahr. Das ist die niedrigste Erdbeerernte im Freiland seit dem Jahr 1995. Ein Grund für die sinkende Erntemenge ist die weiter zurückgehende Anbaufläche: Sie nahm im Vergleich zum Vorjahr um 2,9 Prozent auf 7830 Hektar ab. Die größte Erntemenge wird mit 18.100 Tonnen in Niedersachsen erwartet. Das ist ein Minus von 18 Prozent. Darauf folgt Nordrhein-Westfalen mit einer geschätzten Erntemenge von 14.600 Tonnen (minus 13,4 Prozent) und Baden-Württemberg mit 13.500 Tonnen (plus 6,8 Prozent). Eine abnehmende Erntemenge erwartet das Bundesamt auch beim Spargel und geht von 100.300 Tonnen und damit 3,4 Prozent weniger als 2025 aus. Endgültige Ergebnisse auch zur Erdbeerernte etwa in Gewächshäusern veröffentlicht das Statistische Bundesamt aber erst im Frühjahr 2027.












