Wird der deutsche Obstbau zum Auslaufmodell?
- Frank Polke

- vor 11 Minuten
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Die deutschen Obstbauern erleben harte Zeiten. Das liegt aber nicht nur an der dramatischen Dürre dieses Sommers. Ein Mahnschreiben ging an die Koalition

Die deutschen Obstbauern schlagen Alarm. Hohe Arbeitskosten, klimatische Veränderungen und ein hoher Importdruck sorgen dafür, dass immer mehr Betriebe in ganz Deutschland aufgeben müssen. Neben dem Verlust von Arbeitsplätzen steht die wirtschaftliche Existenz vieler – oft über Generationen geführter – landwirtschaftlicher Betriebe auf dem Spiel.
Die Fahrt zu den Apfelplantagen ist nicht weit. Philip Dellbrügge fährt seine Besucher mit seinem Bulli zu den gepflegten Baumreihen, die mit Äpfeln gut vollhängen. „Unsere Bewässerungsanlage hat sich natürlich in den letzten trockenen Monaten bewährt“, sagt der Mann, der den Betrieb in Westfalen in der dritten Generation führt. Deswegen ist die Ernte von Äpfeln recht gut. Neben Äpfeln baut der Betrieb Dellbrügge Erdbeeren, Pflaumen, Beeren und andere Obstsorten an. Die hohen Investitionen der letzten Jahre haben sich für den Betrieb gelohnt.
Deutsche Betriebe geben auf
Doch wie alle seine Berufskollegen denkt der Landwirt darüber nach, seine Anbauflächen zu verkleinern. In Zahlen: In den Jahren zwischen 2017 bis 2022 sank zum Beispiel die Zahl der Betriebe, die in Deutschland Süßkirschen angebaut und geerntet haben, von 4090 auf 3500. Auch bei den Apfel-Betrieben ist nach Angaben des Landesverbandes Obstbau in Westfalen-Lippe ein Rückgang um zwölf Prozent zu verzeichnen. Neben den Auswirkungen auf die Betriebe warnen Experten vor einem sinkenden Selbstversorgungsgrad auch beim Obst in und für Deutschland. So liegt die durchschnittliche Produktionsmenge aller deutschen Betriebe mit 157.137 Tonnen nur die Hälfte über der Menge, die aus dem Ausland in deutsche Supermarktregale kommt. Auch der Deutschen liebstes Obst – die Erdbeere – kommt schon heute zu gleichen Teilen aus dem In- und Ausland.
Himbeeren aus Marokko
Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Zum einen ist der Importdruck enorm groß. Obst aus Spanien, Polen, Italien, Griechenland oder Marokko wird unter deutlich niedrigeren Lohnkosten produziert als in Deutschland. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel beschafft europaweit. Dabei richten sich die Einkäufer des Handels fast ausschließlich nach dem Preis. In Zahlen: Eine 125-Gramm-Schale Himbeeren aus Marokko gibt es schon für 1,99 Euro. Das kommt aber nicht von ungefähr: Neben dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, die in Deutschland niemals eine Zulassung bekommen würden, spielen dabei die Lohnkosten eine erhebliche Rolle. Ein Saisonarbeiter auf einem Himbeerfeld in Marokko verdient zehn Euro – am Tag. „Damit kann und will kein deutscher Obstanbaubetrieb mithalten“, sagt ein Sprecher der Landwirtschaftskammer.
Grund genug, dass die Verbände der Obstbaubetriebe aus ganz Deutschland einen mahnenden Brief an die Berliner Koalition geschrieben haben. Dabei stehen vor allem die hohen Lohnkosten in Deutschland im Fokus. „Viele arbeitsintensive Kulturen wie Obst, Gemüse und Wein sind in hohem Maße von Handarbeit abhängig. Eine weitergehende Mechanisierung oder Technisierung ist in vielen Bereichen derzeit nicht möglich“, schreiben die Verbände. Gleichzeitig machten Lohnkosten bis zu 60 Prozent der gesamten Produktionskosten aus.
Debatte um gesetzlichen Mindestlohn
Damit rückt natürlich auch der Mindestlohn in den Fokus. Schon heute werden 90 Prozent des Obstes, des Gemüses und des Weins von ausländischen Erntehelfern geerntet. Deswegen lautet die Forderung der Obstbauverbände: „Wir brauchen einen moderaten Abschlag vom gesetzlichen Mindestlohn in Höhe von 20 Prozent für landwirtschaftliche Saisonarbeitskräfte. Dabei soll ein Mindestlohn von 13,90 Euro pro Stunde nicht unterschritten werden.“ Dieser Abschlag soll für alle Saisonarbeitskräfte gelten, unabhängig davon, ob sie sozialversicherungspflichtig oder im Rahmen kurzfristiger Beschäftigung (90-Tage-Regelung) tätig sind, so die Verbände. Ob und inwieweit diese Forderung nun in die Tat umgesetzt wird, ist aber höchst fraglich. In der fragilen Regierungskoalition dürfte für diesen Vorstoß bei der kriselnden SPD wenig bis keine Gegenliebe vorhanden sein – und die Union dürfte ebenfalls wenig Interesse haben, aus Rücksicht auf den deutschen Obstanbau einen neuerlichen Koalitionskrach zu riskieren.






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