top of page

Was kommt nach dem Brandsommer?

  • natur+mensch – JS
  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Wenn Wald oder Flächen brennen und was danach kommt. Konsequenzen und was besser gemacht werden kann – damit sind jetzt Brandbekämpfer und Betroffene beschäftigt. Warum Totholz zur Falle wird und die Jagd zur Zukunft unserer Landschaften gehört


Beitrag anhören (MP3-Audio)

Foto: geralt
Foto: geralt

Der verheerende Moor- und Flächenbrand hat einen ökologischen Totalschaden im Hohen Venn hinterlassen. Er hat über fast 3.500 Hektar Moor- und Heidelandschaft im deutsch-belgischen Grenzgebiet vernichtet, darunter Lebensraum des stark gefährdeten Birkhuhns. Weil es sich um Hochmoor handelt, brennt es seit dem 14. August in einzelnen unterirdischen Glutnestern möglicherweise immer noch. Was sich da teils metertief unter der Oberfläche entzündet hat, bedeutet für die Einsatzkräfte nach den extrem schweren Löscharbeiten weiter höchste Wachsamkeit. Das Feuer hat sich erstmals tief in die bis zu sechs Meter dicke, ausgetrocknete Torfschicht gefressen. Der nach der Hitzeperiode erhoffte wochenlange Dauerregen ist zudem bisher ausgeblieben.


Was hier verloren gegangen ist, ist nicht einfach nur Fläche. Das Hohe Venn beherbergt eines der letzten Rückzugsgebiete des Birkhuhns, einer Rauhfußhuhn-Art, für deren Wiederansiedlung ein Forschungsteam der Universität Lüttich seit 2017 mit ausgesetzten Tieren aus Schweden arbeitet. Auch seltene Moorpflanzen wie Sonnentau und Wollgras sowie die charakteristische Torfmoosschicht, die pro Millimeter rund ein Jahr zum Wachsen braucht, sind jedenfalls kurzfristig kaum zu ersetzen. Der Brand des jahrhundertealten Torfs hat übrigens massive Mengen CO₂ freigesetzt, wodurch das Moor von einem wichtigen Kohlenstoffspeicher zur Emissionsquelle wurde. Das ist auch ein Aspekt im Rahmen der Klimadebatte, die nach diesen heißen Wochen geführt wird – eine Randbemerkung im Großen und Ganzen.


Ballung der Brandereignisse im südwestlichen Nordrhein-Westfalen


Trockenheit, Sommerhitze, anfachende Winde haben – oft ausgelöst durch Unachtsamkeit von Menschen oder gar Brandstiftung – in mehreren Regionen Deutschlands zu Wald- und Flächenbränden geführt. Meistbeachtet war auch bundesweit der größte Waldbrand in der Geschichte Nordrhein-Westfalens: ebenfalls im August im Hürtgenwald, wo nahezu 400 Hektar Forstfläche erfasst wurden. Er liegt im nordöstlichen Teil der Rureifel und gehört südwestlich von Aachen großräumig zum Naturpark Hohes Venn-Eifel. Moor- und Waldbrände flammten unabhängig voneinander damit in näherer Nachbarschaft auf. Im Hürtgenwald kam zur Brandbekämpfung die extreme Belastung durch Blindgänger, Minen und Phosphorbomben hinzu. Das ist eine Hinterlassenschaft des Zweiten Weltkrieges, mit der der Kampfmittelräumdienst schon seit langem beschäftigt ist und die die wirtschaftliche Nutzung bereits erheblich beeinträchtigt.


Das Bundesland hat schnelle Konsequenzen für die Einsatzkräfte in der Brandbekämpfung gezogen. Die traditionelle Ausrüstung, die stark auf den städtischen Innenbrand ausgelegt ist, reicht für diese lang andauernden Vegetationsbrände unter extremen Klimabedingungen nicht mehr aus. So stellen sich jetzt die kommunalen Feuerwehren in Beschaffung und Taktik grundlegend um. Beschafft werden aktuell bereits landesweit geländegängige, wattfähige Großfahrzeuge. Sie transportieren rund 3.000 Liter Löschwasser in unwegsames Gelände und verfügen über grobstollige Bereifung sowie feuerfeste Ummantelungen der Versorgungsleitungen. Vermehrt sollen Quads zum Einsatz kommen. Sie dienen zum schnellen Materialtransport, zur Erkundung oder zum Verlegen von leichten Schläuchen auf engen Waldwegen.


Weitere Lehren nach Hitze und Bränden zum Waldumbau


Die Konsequenz ist paradox: Waldbrände beschleunigen die Notwendigkeit des Waldumbaus, den sie gleichzeitig erschweren. Monokulturen aus Fichten und Kiefern erweisen sich als hochentzündlich und werden durch Großbrände häufig vollständig vernichtet. Das zwingt Waldbesitzer, den Übergang zu widerstandsfähigeren Strukturen unmittelbar einzuleiten. Gleichzeitig setzen brennende Wälder schlagartig enorme Mengen Kohlenstoff frei und kippen von CO₂-Speichern zu CO₂-Quellen, wie bereits am Beispiel des Venn-Brandes geschildert. Das macht den Waldumbau nach Angaben von Fachleuten zu einer zwingenden Klimaschutzmaßnahme. Auf verbrannten Flächen ist die Naturverjüngung jedoch oft erschwert, weil die Böden durch die Hitze verkrustet und geschädigt sind. Künstliche Nachpflanzungen werden notwendig, sind aber selbst wieder anfällig für die nächste Dürre. Ein Teufelskreis, aus dem sich die Forstwirtschaft nur mit gezielten Maßnahmen befreien kann.


Brandenburg als Blaupause eines strukturellen Problems


Was im Hohen Venn ein akutes Ereignis ist, lässt sich in Brandenburg seit Jahren als schleichendes Muster beobachten. Das Bundesland gilt als das mit dem höchsten Waldbrandrisiko Deutschlands. Die EU stuft Brandenburg diesbezüglich auf einer Stufe mit Spanien und Griechenland ein. Der Grund: Rund 70 Prozent der Wälder bestehen noch immer aus Kiefern-Monokulturen.


Was echte Feuerresilienz braucht


Tief wurzelnde Laubbäume wie Traubeneichen, Buchen oder Spitzahorn speichern mehr Feuchtigkeit, erzeugen ein kühleres Waldinnenklima und sind deutlich schwerer entzündlich als Nadelholz. In besonders gefährdeten Regionen kommen gezielt angelegte Waldbrandriegel hinzu, 100 bis 300 Meter breite Barrieren aus feuerhemmenden Laubgehölzen, die die unkontrollierte Ausbreitung von Feuern stoppen sollen. Auch strukturelle Vielfalt spielt eine Rolle: Ungleichaltrige mehrstufige Bestände schützen den Waldboden durch ihr dichtes Kronendach besser vor Austrocknung als gleichaltrige Plantagen.


Der Fall zeigt exemplarisch, wovor Waldforscher seit Jahren warnen: Wo sich selbst überlassene Wälder Totholz anhäufen und Wildbestände den Umbau zu Mischwald verhindern, entsteht eine gefährliche Kombination. Ein Blick nach Brandenburg zeigt, wie festgefahren die Debatte ist.


Totholz: Zwischen Ökologie und Brandbeschleuniger


Ein Aspekt der Debatte wird oft übersehen: die Rolle von Totholz in sich selbst überlassenen Wäldern. Das Konzept, Wälder weitgehend der Natur zu überlassen, wie es etwa der Förster und Autor Peter Wohlleben popularisiert hat, gilt vielen als ökologisch wertvoll. Liegendes Totholz kann tatsächlich Feuchtigkeit speichern und bietet zahllosen Arten Lebensraum. Dieser Effekt endet in einer Hitzeperiode, wie wir sie gerade erlebt haben.


In Zeiten extremer Trockenheit kippt diese ökologische Rechnung. Trockenes Totholz, insbesondere dünne Äste und Reisig, wird bei Hitze zu leicht entzündlichem Brennmaterial. Große, liegende Stämme brennen zudem sehr lange und erzeugen eine extreme Hitze, die den Boden nachhaltig schädigt. Was in normalen Jahren ein ökologischer Gewinn ist, wird in Dürresommern zur Brandlast, die ein Feuer erst richtig anfacht. Die andere Seite bei Starkregenereignissen haben wir z. B. an der Ahr und teilweise der Mosel erlebt. Wenn Totholzhaufen über die Zuflüsse in die aufnehmenden Fließgewässer gelangen, führt es am Ende vor Brücken zu Staubildungen mit folgenden Überschwemmungen.


Wald mit Wild statt Wald vor Wild


Auf Bundesebene ist die Verbindung zwischen Jagd und Waldumbau längst als politisches Thema angekommen. Manuela Rottmann, damalige Staatssekretärin im Bundeslandwirtschaftsministerium, brachte es auf den Punkt: „Man kann keine Diskussion um den Waldumbau in der Klimakatastrophe führen, ohne das Thema Jagd mit einzubringen.“ Auch der damalige Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir hatte sich öffentlich für mehr Jagd ausgesprochen, um die notwendige Anpassung der Wildbestände zu erreichen. Anpassung ist dabei ein dehnbarer Begriff. Umstritten bleibt dabei das Maß. Es gibt einen wenig offen ausgetragenen Streit zwischen Schlagwörtern wie „Wald ohne Wild“ oder „Wald mit Wild“.


Genau an diesem Punkt setzt das Projekt „Wald mit Wild“ der Stiftung natur+mensch an. Die Stiftung sieht in der Reaktivierung historischer und der Schaffung neuer Waldnutzungsformen Wege, wirtschaftlich erfolgreiche Forstwirtschaft und jagdliche Nutzung miteinander zu verbinden. Das sollte beides verbinden, statt gegeneinander auszuspielen. Der Ansatz widerspricht dabei ausdrücklich der Vorstellung, dass sich selbst überlassene Natur automatisch der Artenvielfalt dient. Die Erfahrung zeige, so die Stiftung, dass sich in unberührten Systemen oft die stärksten Arten durchsetzen, nicht die vielfältigsten.


Konkret bedeutet das: rechtzeitige Entnahme und Vermarktung von Holz vor dem natürlichen Absterben, verbunden mit Naturverjüngung durch eigene Mast. Gleichzeitig soll dem Wild durch gezielte Ablenkungsmaßnahmen ausreichend Lebensraum erhalten bleiben, ohne dass der Waldumbau darunter leidet. Das Gegenmodell sieht die Stiftung im mit öffentlichen Zuschüssen betriebenen, naturbelassenen Wald, der große Mengen Totholz hinterlässt, mit allen Konsequenzen, die sich gerade in Dürresommern zeigen.

Kommentare


bottom of page