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Zwischen Verteilungskämpfen, Jagdstreit und gelebter Tradition

Autorenbild: Jost Springensguth
Jost Springensguth
vor 3 Minuten
6 Min. Lesezeit

Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd



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Liebe Leserin, lieber Leser!


Die Woche des Bundestags war sitzungsfrei. Dafür kamen auf Fach- und Länderebene die Ministerpräsidenten zusammen. Und es tagten die Verkehrsminister. Bei beiden Konferenzen ging es wieder um Verteilungskämpfe. So gehen auch wir im Folgenden auf die Frage ein, wer die Anbindung der ländlichen Räume und die steigenden Kosten im Schienenverkehr bezahlt. Da spielen die Ministerpräsidenten der CDU gegenüber dem Bund eine besondere Rolle. Die SPD ist gleichzeitig weiter auf Identitäts- und Personalsuche für ihre Spitze. In dieser Wochenkolumne blicken wir dann aktuell wieder einmal auf Rheinland-Pfalz, wo die neue Regierung das noch nicht in Kraft getretene Landesjagdgesetz der alten Koalition wieder auf die Tagesordnung gesetzt hat. Es soll möglichst schnell zum alten vorgesehenen Stichtag am 1. April wirksam werden. Für die neue Präsidentin des Landesjagdverbandes, Gitta Greif-Werner, reicht der aktuelle Kabinettsbeschluss nicht aus. Er sei eher eine Korrektur statt Kurswechsel. Schließlich weisen wir in dieser Kolumne darauf hin, dass die Zeit der traditionellen Hubertusmessen gekommen ist. Sie sind eindrucksvoll und symbolisieren den Respekt vor der Schöpfung.


Diese Woche war nicht nur von politischen Sorgen oder weiteren offenen Streitereien geprägt. In Berlin herrscht innenpolitisch mit Blick auf das Rote Rathaus und nach Magdeburg so etwas wie ein angespanntes Abwarten. Die Konjunkturprognosen hellen sich derweil etwas auf. Der Arbeitskreis Steuerschätzung prognostiziert dem Bundesfinanzminister leicht mehr als die geplanten Steuereinnahmen für dieses und das nächste Jahr. Für die Zeit danach soll es nach dieser Vorhersage ebenfalls etwas besser aussehen, doch sicher ist der Blick auf die Jahre nach 2028 nicht. Beide Regierungsparteien haben unverändert Klärungsbedarf im Inneren. Die SPD ringt nicht nur mit einer personellen Neuaufstellung nach dem Rücktritt von Bärbel Bas. Er löst auch programmatische Debatten mit Blick auf den wirtschaftlichen Strukturwandel von großen zu kleineren industriellen Einheiten mit der Rolle von Start-up-Unternehmen aus. Eine andere Personalentscheidung wird bald fallen: Äußerungen von CSU-Chef Söder signalisieren, dass besonders in der Union hinter verschlossenen Türen die Debatte über die Nachfolge des Bundespräsidenten an Dynamik gewinnt. Der CSU-Chef will seine ehemalige Landwirtschaftsministerin und aktuelle Landtagspräsidentin Ilse Aigner auf der Kandidatenliste an die Spitze schieben. Für den ländlichen Raum ist der offene Vorschlag aus München vielleicht keine schlechte Wahl. Mal sehen, was wir dazu noch vom laufenden CSU-Parteitag hören.


Der Einzelne erwartet staatliche Großzügigkeit


Das Wirtschaftswachstum steht für den Kanzler oben auf der Agenda. In unserer postindustriellen Zeit mit dem Fortschreiten der Automatisierung (und KI jetzt allemal) ist Wachstum nicht mehr wie selbstverständlich an das Ziel „Wohlstand für alle“ gekoppelt. Diese These vertritt nachvollziehbar der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Daron Acemoğlu in seinem neuen Buch „Das liberale Versprechen“. Es geht darin um den Wählerboom, wie ihn Rechtspopulisten in den USA und bei uns in Europa auslösen. Übereinstimmend wecken deren Programmatik und Aussagen in Wahlkämpfen eine staatliche Großzügigkeit gegenüber dem Einzelnen. Dies führt zu gesellschaftlichen Spaltungen unterschiedlicher Ausprägung.


Das zitierte liberale Versprechen macht auch vor dem ländlichen Raum und seiner Wirtschaft nicht halt. Wo es viel Fläche bei wenig dort lebenden und arbeitenden Menschen gibt, wird es für alle nun einmal teuer. Das Grundgesetz verlangt bei uns „gleichwertige Lebensverhältnisse“. Zu diesem Staatsziel als Leitmotiv sind Bund und Länder etwa für die Versorgung mit Schulen, medizinischen Leistungen, Digitalisierung und Verkehr verpflichtet. Beispiel Bahn: Kommunen und Länder arbeiten an der Reaktivierung von Strecken; gleichzeitig schlagen die Verkehrsminister Alarm, dass der bestehende Regionalverkehr bald nicht mehr finanzierbar ist. Aus solchen Debatten ohne erwartbare Ergebnisse wachsen Unmut, Unruhe und Abwendung in unterschiedlichen Formen – in Berlin anders als in Sachsen-Anhalt.


Verkehrsfinanzierung als latent unlösbares Problem


Bleiben wir bei der Finanzierung der Verkehrsanbindungen, die für den ländlichen Raum im Streit zwischen Bund und Ländern ein latent unlösbares Thema zu sein scheinen. Die Tickets werden teurer und die Fahrpläne ausgedünnt. Vor der beeindruckenden Kulisse eines Märchenschlosses haben sich Verkehrsminister von Bund und Ländern in dieser Woche wieder erfolglos daran abgearbeitet, die steigenden Kosten für das Schienennetz in einer fairen Lastenteilung in den Griff zu bekommen. Ein Vorschlag aus Schleswig-Holstein blieb auf dem Abstellgleis. Claus Rude Madsen: „Wir verpassen die einmalige Chance, bei historisch hohen Spritpreisen mehr Menschen vom Auto auf die Schiene zu bringen.“ Auch bei diesem Thema kommt die EU wieder ins Spiel. Nach Feststellung des Europäischen Gerichtshofs verstößt die gesetzlich festgelegte Begrenzung der Trassenpreiserhöhungen im Nahverkehr gegen eine EU-Richtlinie.


Es gibt weiteres, was auf dieser Ebene entschieden wird und bei uns die Gemüter bewegt. Das Europäische Parlament hat den Weg für ein europaweites Verbot von Bleischrot bei der Jagd sowie beim jagdlichen und sportlichen Schießen freigemacht. Die Verordnung kann nach der vorgesehenen siebenjährigen Übergangsfrist in Kraft treten. Die beschlossene Regelung beschränkt sich auf Bleischrot. Das Verbot, über das unser Autor Christoph Boll in der kommenden Woche in einem Blog-Beitrag berichtet, betrifft nicht Büchsengeschosse und Flintenlaufgeschosse. Außerdem sind einige Ausnahmeregelungen vorgesehen.


Jagd gehört zum Menschen und zur Natur – mit oft lautstarken Ausnahmen


In dieser Woche haben wir uns in unserem Blog auch damit beschäftigt, was uns Jägern Werte wie Waidgerechtigkeit und Tierschutz bedeuten. Und dass die Jagd im Sinne des Wortes „natürlich“ von jeher zum Menschen und zur Natur gehört, wird von einem großen Teil der Gesellschaft als selbstverständlich empfunden. 77 Prozent der Deutschen halten die Jagd in der heutigen Zeit für notwendig (Untersuchung DJV/Civis). Demgegenüber lehnt eine kleinere, aber offensichtlich medienstarke gesellschaftliche Minderheit die Jagd ab. Immer wieder führt die Frage, warum die Jagd überhaupt ausgeübt werden muss, zu Widersprüchen und Auseinandersetzungen. Dass das als Waidwerk bezeichnete Tun der Jägerinnen und Jäger mehr als nur das Töten von Wildtieren ist, wollen die gut organisierten und lautstarken Gegner nach aller eigenen Erfahrung nicht hören.

 


Was macht Jagd? Sie ist einfach mehr als die Beschaffung eines wertvollen Lebensmittels in nennenswerten Mengen. Auch dazu gibt es schon bemerkenswerte statistische Zahlen. Allein durch die Bejagung der Rehe kommen bei einer Strecke von 1,3 Millionen erlegten Stücken weit über neun Millionen Kilogramm bestes Biofleisch in die Küchen. Beim Rotwild liegt die Jahresjagdstrecke bei über 75.000 mit gut vier Millionen Kilogramm reinem Wildbret. Wofür sorgen die Jäger noch? Dazu gehört etwa die Bestandsregulierung zur wald- und feldverträglichen Arterhaltung. Sie ist zur Eindämmung von Tierseuchen unverzichtbar. Jäger pflegen und bauen Biotope mit Millionen an Finanz- und Sachleistungen auf. Und auch das haben Statistiker errechnet: Im Durchschnitt verbringt ein Jäger 41 Stunden pro Monat im Revier. Vielleicht helfen auch mal solche Zahlen mit den oft wiederholten Argumenten gegen Vorurteile für noch mehr Verständnis in geselligen oder in politisch diskutierenden Kreisen – vielleicht sogar am Stammtisch.


In Rheinland-Pfalz bewegt sich was


Bei der Jagd und Themen des Naturschutzes und des Waldes sind wir immer nah an der Politik. Ein aktuelles Beispiel liefert uns jetzt wieder Rheinland-Pfalz. Dort hat sich die letzte Ampelregierung der Bundesrepublik mit einem umstrittenen Landesjagdgesetz verabschiedet. Entstanden ist es 2025 unter grüner Federführung. Jetzt soll es von der neuen Landesregierung aus CDU und SPD novelliert werden. Eine volle Rolle rückwärts ist das wohl noch nicht. Für den Landesjagdverband, der sich ebenfalls eine neue Führung unter der nun amtierenden Präsidentin Dr. Gitta Greif-Werner gegeben hat, bedeutet der vom Kabinett bereits im August beschlossene Entwurf eher eine Korrektur als ein Kurswechsel. In der Verbandszeitschrift Jagd & Jäger schreibt sie dazu: „Dass nun tatsächlich Änderungen vorgenommen werden, ist richtig und verdient Anerkennung. Zuständigkeiten werden teilweise zurück in die Fläche verlagert, einzelne bürokratische Belastungen korrigiert.“ Das seien wichtige Schritte. „Aber sie reichen bei weitem nicht.“ Was sich gesetzlich und in Verordnungen ändern soll und was noch umstritten bleibt, behandeln wir ebenfalls zeitnah in einem Blog-Beitrag.


Zeit der Hubertusmessen von der kleinen Gemeinde bis in einige Kathedralen


Es geht um die Verantwortung des Menschen für die Natur, verbunden mit Waidgerechtigkeit und Respekt vor der Schöpfung. Auf das Thema Jagdethik komme ich noch einmal zum Schluss dieser Wochenkolumne zurück. Sie wird durch die vielen Hubertusmessen, zu denen überall im Lande meist die katholischen Kirchen einladen, auch für die breite Öffentlichkeit zu einem sichtbaren Thema. Die Zeit ist dazu jetzt zum November gekommen. Vielen Jägerinnen und Jägern dienen die Messen nicht nur zum Waidwerk, sondern auch zur inneren Einkehr. Sie werden zusammen mit den Jägerschaften vor Ort gestaltet. Der Altarraum wird klassisch mit Tannengrün, Laubzweigen und herbstlicher Naturdekoration geschmückt. Neben der Orgel bestimmen Jagdhörner die musikalische Begleitung. Mitglieder der Jägerschaften übernehmen oft Altardienste und Lesungen. Anschließend laden vielfach Gemeinden zusammen mit ihnen zum „Schüsseltreiben“ auf dem Kirchplatz mit Wildbratwurst oder -gulasch ein. Diese herbstliche Tradition prägt vielerorts Dörfer und Gemeinden in den ländlichen Regionen. Hier öffnet sich die Jagd im feierlichen Rahmen den Ortsgesellschaften. Die Hubertusmessen gelten über Generationen symbolhaft als Bestandteil des abendländischen und christlich geprägten Wertesystems. Besonders eindrucksvoll sind diese Gottesdienste in großen Kathedralen. Vielen in Erinnerung ist die Hubertusmesse anlässlich des Bundesjägertages im Juni letzten Jahres im Kölner Dom. Anderswo wird jetzt wieder in mehreren bedeutenden Großkirchen dazu eingeladen. Wie alle Termine sind Hubertusmessen im Internet leicht und ortsnah zu finden. Hier eine kleine, nicht vollständige Auswahl als Empfehlung: Kaiserdom Sankt Bartholomäus in Frankfurt, Dom zu Speyer, Dom St. Viktor in Xanten, Mariendom Freising, Sankt Peter in Heppenheim oder das Freiburger Münster.


Neben diesem Newsletter und den Artikeln zum Themenbereich „Ländlicher Raum“ im Blog noch ein kleiner Hinweis auf andere Aktivitäten unserer Stiftung natur+mensch. Die Sparkassenstiftung Cuxhaven übergibt bereits seit 2016 jährlich gemeinsam mit der dortigen Jägerschaft einen natur+mensch-Waldrucksack im Rahmen eines Wald-Erlebnistages an eine Grundschule. In diesem Jahr erhielt ihn die Grundschule Abendrothschule im Rahmen eines Programms mit einer kindgerechten „Waldrallye“.


Mit diesem kleinen Hinweis und den Empfehlungen zu den Hubertusmessen verabschiede ich mich für diese Woche


Mit besten Grüßen

Ihr Jost Springensguth

Koordination und Redaktionsleitung

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