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Widerstand gegen das EU-Aus für das Sikawild

Autorenbild: Christoph Boll
Christoph Boll
vor 11 Minuten
3 Min. Lesezeit

Dem seit rund 130 Jahren hier lebenden Sikawild droht das Aus. Die EU hat das ursprünglich aus Japan stammende Wild zur invasiven Art erklärt. Zunächst darf die Hirschart nicht mehr in Gattern gehalten werden. In freier Natur droht der Totalabschuss


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Die aus Ostasien stammende Hirschart wurde erstmals Ende des 19. Jahrhunderts für Wildparks nach Deutschland eingeführt, ist also seit mehr als einem Jahrhundert hier etabliert. Die hiesigen Wildpopulationen, die auch jagdlich genutzt werden, sind vor allem Nachfahren von Exemplaren, die aus Gehegen ausgebrochen sind. Nennenswert ist der Bestand in Schleswig-Holstein östlich der A7 zwischen Rendsburg und Flensburg. Außerdem gibt es Vorkommen in Hessen, in Baden-Württemberg am Hochrhein und im Südschwarzwald sowie in Brandenburg und Bayern. Die größte freilebende Sikapopulation in Deutschland besteht in Nordrhein-Westfalen im Arnsberger Wald mit etwa 4000 Exemplaren.


Ziel ist aber nicht nur, die Ausbreitung in freier Wildbahn zu verhindern und letztlich die regionale Ausrottung. Geplant ist auch ein EU-weites Haltungsverbot. Es sind also neben Revierinhabern auch Gehegewildhalter und Tierparks betroffen. Für sie gilt EU-weit, dass sie bis August kommenden Jahres ihre Tiere vollständig abschaffen beziehungsweise töten müssen. Viele von ihnen haben aber im Laufe der Zeit erheblich Zeit und Geld in wertvolle Zuchttierbestände, Gehege und Infrastruktur investiert. Ihnen droht also neben der emotionalen Betroffenheit auch ein wirtschaftlicher Verlust, was auch auf Jagdrechtsinhaber zutrifft, wenn sie ihre Reviere verpachten möchten.


Die EU hat inzwischen 114 Tier- und Pflanzenarten als invasiv gelistet. Mit ihnen – ganz gleich, ob Waschbär, Nilgans oder Nutria – werden reflexartig wirtschaftliche Schäden und die Beeinträchtigung heimischer Arten und Biotope verbunden. In diesem Sinn argumentiert auch die EU mit der Sorge, Sika könnten aus Gehegen ausbrechen und sich mit dem heimischen Rotwild paaren – mit der Folge einer Durchmischung, zumal es bereits nachgewiesene Hybride gibt. Die Gegenseite hingegen ist überzeugt, die Rückkehr des Wolfs habe die Wildhalter in den vergangenen Jahren gezwungen, ihre Gehege wolfsabweisend zu gestalten. Wenn jetzt kein Wolf mehr in das Gehege hineinkomme, dürften die Sikas kaum herauskommen, heißt es.


Widerstand formiert sich


Inzwischen formiert sich deshalb Widerstand gegen die EU-Verordnung. Der aus Meschede im Hochsauerlandkreis stammende Europaabgeordnete Peter Liese, umweltpolitischer Sprecher der EVP-Fraktion in Brüssel, fordert, die möglichen Ausnahmegenehmigungen „großzügig anzuwenden“. Er hat deshalb Briefe an NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen, Bundesumweltminister Carsten Schneider und die EU-Kommission geschrieben. „Grundsätzlich müssen alle Maßnahmen verhältnismäßig sein, das gilt auch in diesem Fall. Das Problem ist das Sikawild in freier Wildbahn, und hierauf muss man die Anstrengung zur Regulierung konzentrieren“, argumentiert Liese.


Einen Schritt weiter ist Österreich. Dessen Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig hat am 30. September 2026 den Antrag für eine Ausnahmegenehmigung für landwirtschaftliche Betriebe zur Haltung von Sikawild bei der Europäischen Kommission eingebracht. „Damit setzen wir uns für Rechtssicherheit für die betroffenen Familienbetriebe, für regionale Wertschöpfung und für den Erhalt dieses wichtigen Betriebszweigs in Österreich ein“, wird Totschnig in einer Pressemeldung zitiert.


Immerhin aber ist Liese in Südwestfalen kein Einzelkämpfer. Die Westfalenpost titelte am 7. Oktober: „CDU und Grüne wollen das Sika-Wild im Sauerland retten“. Nach Lieses eigenen Angaben haben sowohl Gorißen als auch Vertreter des federführenden Umweltministeriums ebenfalls ihre Bereitschaft signalisiert, einen entsprechenden Antrag zu stellen. Darüber hinaus hat ein „Bündnis zur Rettung des Sikawildes“ im Internet die Petition „Save Sika“ gestartet. Sie hat inzwischen knapp 17.000 verifizierte Unterschriften. Die Initiatoren bemängeln, die Listung basiere auf einer aus heutiger Sicht unzureichenden wissenschaftlichen Grundlage. Zudem kritisieren sie die fehlende Differenzierung zwischen Gehege- und freilebendem Wild.


Zweifel an fachlicher Einstufung


Letzteres möchten auch der Deutsche Jagdverband (DJV) und der Internationale Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC) bewahren. Beide verweisen darauf, dass die Wahrscheinlichkeit einer Hybridisierung von Rot- und dem deutlich kleineren Sikawild zwar theoretisch möglich, aber in der Praxis aufgrund der unterschiedlichen Brunftzeiten und Größenverhältnisse eher selten ist. Dafür spreche auch eine Studie aus Oberfranken und der Oberpfalz. Sie zeige, dass dort trotz stetiger und zahlreicher Zuwanderung des Sikawildes aus einer böhmischen Population nur verhältnismäßig wenig Hybriden nachgewiesen wurden.


Der DJV räumt ein, die Entstehung neuer Sikahirschpopulationen oder gar eine Aussetzung von Sikawild müsse zwar verhindert und bei Bedarf der lokale Sikahirschbestand entnommen werden, weil im Zweifel einer gesunden Rothirschpopulation der Vorzug zu geben sei. Allerdings könne die Hybridisierung durch eine fachgerechte jagdliche Bewirtschaftung von Sika- und Rothirschpopulationen reduziert werden.


Der CIC fordert zudem die Überprüfung der EU-Risikoanalyse, die Rücknahme der Einstufung als invasive Art sowie „einen wissenschaftlich fundierten und differenzierten Umgang mit dem Sikawild, ohne jagd- und forstpolitische Hintergründe“. Hans Martin Lösch, Leiter der deutschen CIC-Delegation, hält sogar die Einstufung der Sikas als invasive Art für fachlich falsch und sieht dementsprechend keinen akuten Handlungsbedarf. „Sika ist eine faszinierende Wildart, die gerade dort, wo die Lebensräume zu klein strukturiert für Rotwild sind, eine Bereicherung für unsere Reviere ist und dabei durchaus auch die ökologische Funktion von Rotwild dort erfüllen kann“, so seine Einschätzung.

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