Search this site
644 Ergebnisse gefunden mit einer leeren Suche
- Nachtsichttechnik als Fluch und Segen
Nachtsichtgeräte gehören längst zum jagdlichen Alltag. Der Einsatz der modernen Technik bleibt jedoch umstritten. Jagdliche Auffassungen stehen sich unversöhnlich gegenüber Wärmebild-Vorsatzgerät, montiert auf eine Repetierbüchse (Foto: Christoph Boll) Naturforscher, das Militär, die Polizei, Sicherheitsdienste und auch Privatpersonen nutzen Nachtsichtgeräte. Doch nirgendwo sind sie so umstritten wie bei der Jagd. Längst werden mehr Wildschweine in stockfinsterer Nacht erlegt als in den Vollmondphasen. Für die Inhaber von Feldrevieren oder zumindest großen Wiesen und Ackerflächen sind Infrarot- und Wärmebildgeräte ein Segen. Denn vielfach hat der landwirtschaftliche Kulturpflanzenanbau über Jahre stark zugenommen. Das Schwarzwild hat sich enorm vermehrt. Jagd- und Freizeitdruck in den Revieren sind größer geworden. Das Wild hat seinen Lebenszyklus den veränderten Bedingungen angepasst, die Äsungs- und Wechselaktivitäten in die tiefe Nacht verlegt. Auch wenn das nicht überall gleichermaßen gilt, so haben sich doch flächendeckend die Wechselbeziehungen zwischen Landwirtschaft, Wild und Mensch verändert. Enorme Vorteile bietet schon die Möglichkeit, Wild bei Nacht zu beobachten und über weite Entfernung zu erkennen. So lässt sich der Wildbestand im Revier viel besser einschätzen. Beim nächtlichen Ansitz, etwa an der Kirrung, war früher im Zwielicht des Mondes allenfalls die Wildart richtig anzusprechen. Nur Vollmond und sternenklarer Himmel, am besten in Verbindung mit einer guten Schneedecke, boten nahezu optimale Sichtbedingungen. Oft aber war im trüben Zwielicht auch mit einem guten Zielfernrohr kaum auszumachen, wo vorne und hinten des Stückes ist. Es kam vermehrt zu Schüssen mittendrauf oder zu sogenannten Paketschüssen, also zu Schüssen, bei denen mehrere Tiere unerkannt hintereinander standen. Restlichtverstärker und Wärmebildgeräte als Vorteil Heute hingegen erlauben sowohl Restlichtverstärker als auch Wärmebildgeräte, Details zu erkennen und jedes einzelne Stück sicher anzusprechen. Ein Überläuferkeiler ist damit beispielsweise an Gewaff, Widerrist, Pürzel und Quaste klar identifizierbar und von einer Bache zu unterscheiden. Deutlich weniger führende Muttertiere werden erlegt. Im Feld sind zudem Entfernungen deutlich besser einzuschätzen. Unter dem Strich bedeutet das: Waidgerechtes Jagen, für das der saubere und schnellstmöglich tödliche Schuss unerlässlich ist, wird bei Nacht mit moderner Technik erleichtert und in manchen Bereichen überhaupt erst möglich. Auch das nächtliche Finden eines erlegten Stückes, das noch eine Todesflucht gemacht hat, ist leichter. Mit einem leistungsstarken Nachtsichtgerät wird Schweiß am Anschuss sichtbar, dieser dadurch leichter auffindbar. Oft kann der Schweißspur gefolgt werden und das verendete Stück ist selbst durch Bewuchs und bei schlechtem Wetter auch in größerer Entfernung zu sehen. Der Schütze kann also selbst noch in der Nacht das Stück bergen und muss nicht am nächsten Morgen einen Schweißhundführer um die Nachsuche bitten oder mit dem eigenen Vierbeiner ans Werk gehen. Viel wertvolles Wildbret wird gerettet, weil es nicht verhitzt. Aber wie so häufig gibt es auch den unvernünftigen oder sogar unverantwortlichen Umgang mit der modernen Technik. Da gibt es durchaus Jäger, die sie nicht nur nutzen, um auf Sauen oder Raubwild anzulegen. Auch Reh, Hirsch und Muffel ereilt die Kugel zu nachtschlafender Stunde. Befürchtungen vermehrter nichtlegaler Verwendung gehen einher mit der heftigen Kritik von Traditionalisten. Sie befürchten den Niedergang von jagdlichen Sitten und Moral und bringen die Verwendung von Nachtsichttechnik in Verbindung mit militärischen Einsatzgrundsätzen. Da ist dann schnell vom „Teufelszeug“ die Rede. „ Teufelszeug“ und sachliche Kritik Auch wer in seiner Kritik nicht so weit geht und meint, Jagd und Jäger müssen aus den Veränderungen nur das Beste machen, erkennt zumeist, dass der Fortschritt zumindest kritisch reflektiert werden sollte. So meinte der damalige Hauptgeschäftsführer des Landesjagdverbandes Baden-Württemberg, Dr. Erhard Jauch, mit den Nachtsichtgeräten verbunden sei ein „weiterer Dammbruch“. Das stimme ihn nachdenklich und er ergänzte: „Ich bin kein Technikverächter – aber: Die Grenzen werden immer mehr verschoben.“ Sehr substanzielle Bedenken kommen aus dem Lager der Nachsuchenführer, die vor allzu viel Technikgläubigkeit warnen. Denn selbst ein großer Fleck Lungenschweiß ist im hohen Gras kaum zu detektieren. Und bereits bei etwas höherem Bewuchs, in Gräben oder hinter Wurzeltellern lassen sich allein mit einer Wärmebildkamera selbst größere Wildkörper nicht finden. Kaum auszumachen ist, ob die Profis zu mehr oder weniger Einsätzen gerufen werden. Sehr wohl hat sich das Einsatzspektrum verschoben. Sie registrieren, dass zu oft vermeintlich tote Stücke angegangen werden, die dann doch noch hoch werden. Statt das Wild in Ruhe sterben zu lassen und es am nächsten Tag einzusammeln, komme es zu einer langen Nachsuche. Wobei insgesamt offenbar besonders die langen Totsuchen mit Leber- und Waidwundtreffern weitgehend weggefallen sind. Gerade diese Arbeiten aber sind in regelmäßigen Abständen nötig, damit ein junger Hund und sein Führer zu einem leistungsstarken, erfahrenen Team heranreifen. Dadurch wächst die Gefahr, dass Gespanne mit den vermehrt bleibenden Kontrollsuchen sowie schweren Einsätzen bei Gebrech- und Laufschüssen überfordert sind. Denn sie erfordern den firmen Hund. Nicht wenige Schweißhundeführer stellen fest, dass mit technischer Unterstützung vermehrt Wild angepirscht und vom Zielstock aus beschossen wird. Die Schussabgabe ist dann deutlich schwieriger als von einem Hochsitz mit fester Auflage für das Gewehr. Dadurch habe sich der vermeintliche „Streukreis“ deutlich erweitert und es komme häufiger zu Krell- und Gebrechschüssen sowie sonstigen Randtreffern, so das Fazit. Es geht also darum, die eigene Verantwortung und Grenzen der Schießfertigkeit zu erkennen.
- Ein erfahrener Pragmatiker aus Friesland regiert jetzt Niedersachsen
Der bisherige Wirtschaftsminister Olaf Lies hat in Hannover den langjährigen Ministerpräsidenten Stephan Weil abgelöst. Lies ist ein Kenner des ländlichen Raumes und setzt vor allem auf Kontinuität Ministerpräsident Olaf Lies (Foto: Niedersächsische Staatskanzlei/Henning Scheffen) Der Wechsel in Hannover verlief reibungslos: Nach zwölf Jahren unter Stephan Weil als Ministerpräsident regiert nun sein Parteifreund Olaf Lies das acht Millionen Einwohner zählende Niedersachsen, Deutschlands zweitgrößtes Flächenland. Im ersten Wahlgang erhielt Lies 80 von 143 Stimmen und damit die volle Unterstützung von SPD und Grünen. Die größte Oppositionspartei CDU wäre chancenlos gewesen und stellte erst gar nicht einen Gegenkandidaten auf. „Selbstbewusst und beliebt, aber auch amtsmüde“, beschrieb das niedersächsische Politikjournal „Rundblick“ vor einigen Wochen den scheidenden Ministerpräsidenten. Behutsam, nachdenklich und umsichtig führte Weil die Landesregierung und strebte nach Harmonie. Daher applaudierten bei seinem Abschied im Landtag auch CDU-Politiker mit Standing Ovations; nur die AfD blieb sitzen. Seinem Nachfolger Lies verschafft Weil jetzt die Chance, sich bis zur Landtagswahl 2027 an der Spitze der rotgrünen Koalition einen Amtsbonus zu erarbeiten. Bis dahin wird der Schönheitsfehler vergessen sein, mit dem der Wechsel verbunden war: Weil hatte bei der Landtagswahl 2022 zugesagt, bis zum Ende der Wahlperiode im Amt zu bleiben und diese Aussage noch im Juli 2024 bekräftigt. Nun begründete der 66-Jährige seinen vorzeitigen Rückzug mit dem Alter, schwindender Energie und Schlafstörungen. Weils einstiger Rivale Lies verfügt über langjährige Erfahrung als Wirtschaftsminister und kämpfte in dieser Funktion unter anderem für den Erhalt der Papenburger Meyer-Werft. Der Elektroingenieur wirkt pragmatisch und zupackend, er geht auf Menschen zu. Lies kommt aus Friesland nahe der Nordseeküste und kennt daher auch die Probleme des ländlichen Raums. Innerparteilich ist er beliebt: Mit einem Ergebnis von 96,4 Prozent der Stimmen wurde er zum Landesvorsitzenden der SPD gewählt. CDU hofft auf einen Machtwechsel in zwei Jahren Der CDU Niedersachsen fällt es schwer, sich gegen den erfahrenen und bekannten Landespolitiker zu profilieren, zumal ihr selbst eine charismatische Führungsfigur fehlt. Nach heutigem Stand dürfte den Christdemokraten in zwei Jahren kein Machtwechsel gelingen. Zu fest sitzen die Sozialdemokraten in ihrem Stammland im Sattel. Spitzenpolitiker aus Niedersachsen hat die SPD reichlich: Von hier stammen, um nur einige zu nennen, auch die Bundesminister Lars Klingbeil und Boris Pistorius, SPD-Fraktionschef Matthias Miersch und die ehemaligen Bundesminister Sigmar Gabriel und Hubertus Heil. Inhaltlich setzt Lies weitgehend auf Kontinuität. Im NDR-Interview nannte der neue Ministerpräsident lediglich die Digitalisierung als Schwerpunkt. Ein Symbol der Erneuerung ist allerdings die überfällige Auflösung des 2017 geschaffenen Europaministeriums. Konkrete neue Ankündigungen blieben in seiner Regierungserklärung weitgehend aus. Die Landesregierung wolle sich weiter um die Regionen kümmern, die vom Arbeitsplatzabbau betroffen sind, bekamen die Abgeordneten zu hören. Und Allgemeinplätze wie „Wir werden uns weiter für Bildung engagieren“ oder, dass die wichtige Arbeit der Landwirtinnen und Landwirte klare und verlässliche Rahmenbedingungen verdiene. Für ein regional differenziertes Bestandsmanagement des Wolfes Froh zeigte sich der neue Ministerpräsident über die jüngste Entscheidung von EU-Kommission und EU-Parlament bei der FFH-Richtlinie zum Wolf . „Wir werden die neuen Möglichkeiten für ein regional differenziertes Bestandsmanagement des Wolfes konsequent nutzen“, kündigte Lies an. „Darauf werden wir uns jetzt schon gemeinsam mit Landwirtinnen und Landwirten, Jägerschaft, Kommunen und Naturschutzverbänden vorbereiten.“ Ziel müsse es sein, den Weidetierhaltern die notwendige Sicherheit zu geben. Zur Gesundheitsversorgung sagte Lies in seiner Regierungserklärung lediglich, sie stehe unter Druck, „insbesondere im ländlichen Raum“. Wichtig sei ihm die Notfall-Versorgung. „Das ist mein Hauptanliegen im Hinblick auf die Neuordnung der Krankenhauslandschaft.“ Man darf gespannt sein, wie er dies umsetzen wird. Scharfe Worte fand die CDU für die Regierungserklärung: „Stillstand unter neuem Namen.“ Tatsächlich muss die rot-grüne Koalition noch einige Hausaufgaben erledigen: bei der Unterrichtsversorgung und den Kitas, bei der wirtschaftlichen Entwicklung, vor allem in der Autobranche, bei der Infrastruktur und im Wohnungsbau. Gleichzeitig ist die Union gefragt, überzeugende personelle wie inhaltliche Alternativen für Niedersachsen anzubieten.
- Koalition muss schnell Antworten geben
Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und auf die Bundespolitik Liebe Leserinnen und Leser, in unserem Wochenkommentar befassen wir uns mit der Rückkehr des politischen Alltags in Berlin, den anhaltenden Auseinandersetzungen um ein neues Landesjagdgesetz in Rheinland-Pfalz sowie der Lage der deutschen Imker, insbesondere der Berufsimker, anlässlich des von der UNO ausgerufenen Weltbienentags. Ferner geht es um zwei Themen, die gerade für die Jäger unter uns wichtig sind: die Förderung von Artenvielfalt auch in Gegenden mit intensiver Landwirtschaft sowie die Diskussion über den jagdlichen Einsatz von Nachtsichtgeräten. In der Bundespolitik kehrt nach den Aufregungen des Wahlkampfs und der Regierungsbildung allmählich der politische Alltag ein. Die Ministerinnen und Minister arbeiten sich ebenso wie der Kanzler in ihre jeweiligen neuen Aufgabenbereiche ein. Die Opposition sucht nach passenden Angriffsflächen gegen die Regierungspolitik. Für die Bürger heißt diese Konstellation am Anfang einer Legislaturperiode: abwarten und den Verantwortlichen in Berlin einen begrenzten Vertrauensvorschuss gewähren, damit am Ende tatsächlich vernünftige Entscheidungen und nicht nur mediale Schnellschüsse herauskommen. Doch so wichtig und notwendig eine solche Zeit des sachlichen Einarbeitens auch ist: Viele Probleme sind derart drängend, dass zumindest vorläufige Antworten der Regierenden unabweisbar sind. Das betrifft neben der Migration, der inneren und äußeren Sicherheit vor allem die Stärkung der Wirtschaft. In dieser Woche hat der zuständige Sachverständigenrat, die sogenannten „Wirtschaftsweisen“, die trüben Aussichten für Deutschland bestätigt. Es droht wieder ein Jahr der Stagnation. Die von Friedrich Merz und seiner Koalition versprochene Aufbruchsstimmung lässt in den Betrieben noch auf sich warten. Kein Wunder, denn die Rahmenbedingungen sind alles andere als einfach: Unsicherheit wegen des Ukrainekrieges und vor allem die unberechenbare Zollpolitik des neuen amerikanischen Präsidenten. Hinzu kommen verkrustete Strukturen in der hiesigen Bürokratie, zu lange Genehmigungsverfahren und andere vom Staat selbst verursachte Hemmnisse. Nicht zuletzt im ländlichen Raum, wo viele Menschen gerne „einfach mal anpacken“ wollen, gelten solche Bedingungen als Gräuel. Statt diesen leistungsbereiten Bürgern weiter Hemmnisse in den Weg zu legen, sollte die neue Regierung zügig umsteuern und – wie versprochen – auf mehr Eigeninitiative und Eigenverantwortung setzen. Kritik und Ärger unter Naturnutzern Nicht nur auf Bundes-, sondern auch auf Länderebene finden sich reichlich Regelungen, mit denen die Menschen gerade im ländlichen Raum hadern. So sorgt etwa der Entwurf des neuen Landesjagdgesetzes in Rheinland-Pfalz weiterhin für Kritik und Ärger unter Naturnutzern, speziell Jägern. Die von Ministerin Eder geplanten Änderungen führen dazu, dass die ökonomische Nutzung des Waldes auf Kosten der ökologischen Rolle von Wildtieren in den Vordergrund gerückt wird. Der im Entwurf vorgesehene verstärkte Abschuss von wiederkäuendem Schalenwild wie Reh- und Rotwild sei weder tierschutzgerecht noch ökologisch zielführend, heißt es dazu jüngst in einem offenen Brief des zweiten Vorsitzenden von WaldMitWild Deutschland e.V., Volker Wengenroth, an Ministerin Eder. Die Nahrungskette werde durch eine übermäßig erhöhte Jagd auf diese Wildtiere zerstört, was zu erheblichen Schäden im Ökosystem führe: „Reh- und Rotwild erfüllen eine wichtige Funktion in unseren Wäldern und gehören als Teil der natürlichen Artenvielfalt untrennbar zu unseren heimischen Landschaften.“ Wengenroth verweist in diesem Zusammenhang auch auf Artikel 20a des Grundgesetzes, der den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen sowie der Tiere als Staatsziel ausdrücklich definiert. Dies umfasse auch lebende Tiere und deren Habitate, die durch ein unausgewogenes Wildtiermanagement massiv gefährdet würden. Einher geht diese Kritik am Entwurf des neuen Landesjagdgesetzes mit einem konkreten und aus meiner Sicht vernünftigen Vorschlag an Ministerin Eder: „Insbesondere in den Staatswäldern sollte nicht ausschließlich auf Nutzholzaufforstung gesetzt werden. Wir fordern, diese Flächen naturnah und wildgerecht zu gestalten – etwa durch die Wiederaufforstung mit standortangepassten Wildobstbäumen. Diese bieten nicht nur ökologische Vielfalt, sondern stellen auch eine wertvolle Nahrungsquelle für Wildtiere dar – von Reh- und Rotwild über Hasen bis zu Vögeln und Insekten.“ Apropos Insekten. Deren Bestäubungsleistungen für die Natur und für landwirtschaftliche Flächen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Daran erinnerte in dieser Woche der von den Vereinten Nationen ausgerufene Weltbienentag. Er wird traditionell am 20. Mai gefeiert und betont die immense Bedeutung der Bienen für Ökosysteme und Ernährungssicherheit. Imker sorgen hierzulande nicht nur für die Produktion von heimischem Honig, sondern mit ihren Bienen auch für die zuverlässige Bestäubung von vielen Obst- und Gemüsesorten in der Landwirtschaft. Dabei ist der Honigmarkt gerade massiv bedroht. Große Mengen an verfälschtem Honig werden hauptsächlich über Importe oft zu Dumpingpreisen auf dem Markt angeboten . Nicht zuletzt für professionelle Imker kann dies zu einem existenziellen Problem werden – mit weitreichenden Folgen. Denn Berufs- und Erwerbsimker machen nach Verbandsangaben zwar nur rund vier Prozent aller deutschen Imker aus, sie produzieren dabei aber 60 Prozent des gesamten heimischen Honigertrags . Werden sie von Markt gedrängt, dann gehen sehr große Mengen an Bienenvölkern und damit Bestäubungsleistung für die Bauern verloren. Mit Insekten viel Geld sparen? Doch es gibt auch Insekten, die eine andere, ganz unmittelbare ökonomische Bedeutung im Agrarbereich bekommen können. Darauf weist unser Autor Christian Urlage in seinem geplanten Beitrag „Insekten als Tierfutter?“ hin, den Sie in der kommenden Woche in unserem Blog lesen können. Konkret geht es um die Schwarze Soldatenfliege. Da Eiweißfuttermittel teurer werden, rücken die hochwertigen Insektenproteine laut Urlage zunehmend in den Fokus der Wissenschaft und der Tierhalter, zum Beispiel zur Fütterung von Schweinen. Das Interesse scheint sehr groß zu sein. So musste ein Unternehmen, das auf die Schwarze Soldatenfliege setzt, sogar schon ein kleines Besucherzentrum einrichten, um im vergangenen Jahr mehr als 900 Gäste aus 26 Nationen zu betreuen, die sich über das Start-Up im Landkreis Cloppenburg informieren wollten. Foto: WFranz Doch zurück zum Thema Jagd. Erfreulich für Jäger, aber nicht nur für sie, sind erste Zwischenergebnisse eines länderübergreifenden Projekts namens Wilde Feldflur aus dem Erfurter Becken, über das der Deutsche Jagdverband jetzt berichtet hat . Hier bestätigt sich, dass die Artenvielfalt auch in Gegenden mit intensiver Landwirtschaft gefördert werden kann. Möglich machen dies lebensraumverbessernde Maßnahmen für Leitarten wie Feldhase, Feldhamster und Rebhuhn sowie gleichzeitig die Bejagung von räuberischen Arten, insbesondere Fuchs und Waschbär. In dem betreffenden Projektgebiet hat sich die Zahl der Feldhasen innerhalb von drei Jahren verdoppelt, der Bestand an Rebhühnern ist in dieser Zeit um die Hälfte angestiegen. Eine zentrale Forderung an die Politik, die sich schon jetzt aus dem Projekt ableiten lässt, ist das generelle Bekenntnis zur Jagd auf alle Beutegreifer, inklusive Fangjagd. Auch sollten die Ausgleichszahlungen für freiwillige Naturschutzmaßnahmen für Landwirte mindestens kostendeckend sein. Zum Schluss möchte ich Sie, liebe Leserin und lieber Leser, noch auf ein anderes, für Jäger wichtiges Thema hinweisen: die Verwendung von Nachtsichtgeräten. Sie gehören längst zum jagdlichen Alltag. Der Einsatz der modernen Technik bleibt jedoch umstritten. Die Bewertung als Mittel zur Reduzierung von Wildschäden und die Befürchtung des Verfalls jagdlicher Sitten stehen sich unversöhnlich gegenüber. Was dem einen als neutrales Werkzeug gilt, ist den anderen – zumeist Traditionalisten – „Teufelszeug“. Unser Autor Christoph Boll beleuchtet das Thema in der kommenden Woche in einem Blog-Beitrag. Er zeigt dabei auf, dass es neben den Extrempositionen auch eine sachlich-kritische Auseinandersetzung mit jagdlicher Infrarot- und Wärmebildtechnik aus dem Lager der Schweißhundeführer gibt. Letztlich geht es also nicht um Fluch oder Segen, sondern um einen verantwortungsvollen Umgang mit moderner Technik und die Erkenntnis der eigenen Schießfertigkeit. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und eine gute, für Sie positive Woche. Mit den besten Grüßen Ihr Jürgen Wermser Redaktionsleitung/Koordination
- Das Land braucht mehr Zuversicht
Deutschland mangelt es an Zuversicht. Ein Dauerzustand? Nein, sagen die Wegbereiter einer Initiative, die auf stärkeren Zusammenhalt setzt. Mit dabei ist der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV) Foto: phfilipposarci „Wir fahren das Land vor die Wand, wenn wir weiter so machen wie bisher.“ Laut einer Studie, die „Rheingold Salon“, ein renommiertes Kölner Marktforschungsunternehmen, mit den Medienorganisationen „#UseTheNews“ und „Initiative 18“ erstellt hat, stimmen dem Satz aktuell 78 Prozent (!) der Menschen in Deutschland zu. Ein Alarmsignal. Viele Befragte gaben in der bundesweit durchgeführten Untersuchung an, sich vom System und der Politik alleingelassen zu fühlen. Die wirtschaftliche und politische Lage wird von ihnen negativ beurteilt, etablierte Medien werden abgelehnt. Die schlecht eingestufte Gesamtlage und der Vertrauensverlust in die Institutionen der Gemeinschaft führen laut Untersuchung zu einem Rückzug in das persönliche familiäre Umfeld. „Hier richten sich die Menschen möglichst gut ein“, erklären die Studienmacher. Wenn man die Ergebnisse liest, kann man zu dem Schluss kommen, dass unsere Gesellschaft neben einer besseren und erfolgreichen Politik auch dringend ein Coaching benötigt. Denn im Laufe der Jahre scheint bei vielen aus unterschiedlichsten Gründen die innere Überzeugung verloren gegangen, schwierige oder herausfordernde Situationen aus eigener Kraft heraus gut meistern zu können. Fachleute sprechen von einem Mangel an „Selbstwirksamkeit“. Wenn aktuell 50 Prozent glauben, dass sie auf sich allein gestellt sind und nichts bewirken können, muss man sich über die Zuversicht-Krise in Deutschland nicht wundern. Hohe Bereitschaft, sich zu engagieren Bild: UseTheNews gGmbH / Illustration: Mo Büdinger Das jetzt gestartete „Projekt Zuversicht“ kann allerdings darauf aufbauen, dass viele Menschen im Land Gemeinschaft erfahren und 65 Prozent bereit wären, sich in Projekten zu engagieren. „Menschen, die eine Form von sinnstiftender Gemeinschaft gefunden haben, sind glücklich darüber und können Zuversicht entwickeln. Sie berichten von Zusammenhalt im Heimatverein, in der Theatergruppe, im Ehrenamt und vielem mehr“, lautet ein Ergebnis der auch tiefenpsychologisch durchgeführten Untersuchung und Befragung von über 2000 Personen. Der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV), der bereits vorher mit „Rheingold Salon“ zusammengearbeitet hat, sieht in puncto Zuversicht eine Vorbildfunktion des ländlichen Raums. Hubertus Beringmeier, Präsident des WLV, weist darauf hin, dass es dort bereits viele Projekte und Konzepte gibt, durch die der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt wird. „Hier ist insbesondere das Engagement in Vereinen und Politik und durch gemeinschaftliche Projekte – etwa im Bereich der Bäuerlichen Bürgerwindparks zur Mitgestaltung der Energiewende oder durch kooperative Ansätze im Naturschutz – zu nennen“, so Beringmeier. Oft seien die Bauernfamilien direkt daran beteiligt. Dazu passt ein Ergebnis der Studie: „Gemeinschaft kann am besten vor Ort aufgebaut und gesellschaftliche Spaltung so abgebaut werden.“ Im Laufe des Projekts, das durch Verbände, Unternehmen, Medienhäuser und Vermarkter unterstützt wird, sollen in den kommenden Wochen Konzepte entwickelt werden. Man will Wege aufzeigen, wie es gelingen kann, das von den Menschen „herbeigesehnte Gemeinschafts- und Wirksamkeitsgefühl wieder entstehen zu lassen“. Mitwirken werden daran Nachwuchskräfte und Vertreter und Vertreterinnen aus der Kreativwirtschaft, aus dem Bereich des Journalismus und der Politik. Man darf gespannt sein, zu welchen Ergebnissen die verschiedenen Arbeitsgruppen kommen werden. Wenn dadurch die weit verbreitete Schwarzmalerei gemindert und Engagement geweckt werden könnte, wäre dies schon ein Erfolg. Von heute auf morgen wird es nicht gehen. Der WLV hat mit dem inzwischen bei allen Landesbauernverbänden und beim Deutschen Bauernverband (DBV) angesiedelten Projekt „Zukunfts-Bauer“ 2021 den Anstoß gegeben, vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen neue Formen der Kommunikation zu entwickeln, die Wagenburgen zu verlassen und an einem Zukunftsbild für die Landwirtschaft zu arbeiten. Aus dem Projekt ist nach dem Sprint beim Start längst ein Dauerläufer geworden.
- Heulen für und wider den Wolf – mit und ohne Sachkenntnis
Es ist absehbar, dass in Deutschland Wölfe in größerer Zahl gejagt werden dürfen. Wahllos aber wird das nicht geschehen. Denn der günstige Erhaltungszustand der Art muss erhalten bleiben. Doch auch dieser Kompromiss bleibt umstritten Foto: ginger1967 / pixelio.de Seit eine Herabstufung des Schutzstatus für den Wolf absehbar war, hat die Diskussion darüber in den sozialen Medien darüber massiv an Schärfe zugelegt. Gegenseitige Beschimpfungen als „Wolfshasser“ und „Wolfskuscheler“ gehören dabei noch zu den moderateren verbalen Entgleisungen. Hier diejenigen, denen jeder Isegrim ein Gräuel ist. Dort jene, denen es gar nicht genug von der Spezies Canis lupus geben kann. Allen gemeinsam ist allzu oft das Fehlen von Sach- und Fachkenntnissen. So geht es weniger um Fakten als um Emotionen und das Heulen für und wider Isegrim ist oft lauter, als es das Objekt des Streites zu heulen vermag. Bevor sich jedoch in Deutschland am Umgang mit dem Wolf etwas ändern kann, muss der Rat der Europäischen Union, der sogenannte Ministerrat, dem die Fachminister der Mitgliedsstaaten angehören, ebenfalls der Anpassung an die Berner Konvention zustimmen. Erst dann ist der Status des Großprädators in der EU in der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie von „streng geschützt“ auf „geschützt“ geändert. Nachdem das Parlament in Brüssel bereits mit großer Mehrheit so entschieden hat, zweifelt niemand, dass es so kommen wird. Damit besteht dann für die Mitgliedsstaaten mehr Spielraum beim Management von Wolfspopulationen. Denn der Wolf ist zwar bereits in Sachsen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern im Jagdrecht, muss dort allerdings ganzjährig geschont werden. Gleichwohl drängen die Landesjagdverbände in weiteren Bundesländern, den Wolf möglichst schnell ins Jagdrecht aufzunehmen, zuletzt vor zehn Tagen in Thüringen auf dem Landesjägertag. Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) beteuerte dort, die Brombeer-Koalition wolle die Balance in der Natur auf diesem Feld wieder herstellen und wolle „alles dafür tun, dass der Wolf zeitnah ins Jagdrecht kommt“. Dies soll geschehen, wenn auf Bundesebene der günstige Erhaltungszustand von Isegrim festgestellt ist, präzisierte Tilo Kummer (BSW) später. Ansonsten schaffe man nur eine zusätzliche Hürde, wenn ein Wolf entnommen werden soll und statt bislang einer Ausnahmegenehmigung nach Naturschutzrecht eine weitere nach Jagdrecht erwirkt werden müsse. „ Vorbeugenden Herdenschutz durch Abschuss sichern“ Auch Bauernverbände, Landnutzer- und Weidetierhalterverbände haben am 15. Mai anlässlich der Frühjahrs-Umweltministerkonferenz im saarländischen Orscholz in einer gemeinsamen Erklärung gefordert, eine Regulierung des Wolfsbestandes in Deutschland endlich auf den Weg zu bringen. Sie sehen die Haltung von Schafen, Ziegen, Rindern, Pferden und Gehegewild auf der Weide zunehmend vom Grundsatz her infrage gestellt. Herdenschutzmaßnahmen allein reichen nicht aus, um eine Koexistenz zu erreichen, heißt es in dem Papier. Es brauche neben den Schutz mit Zäunen und Herdenschutzhunden „auch einen vorbeugenden Herdenschutz durch Abschuss von Wölfen“. Die Verbände fordern dazu die „Festlegung eines Akzeptanzbestandes von 500 bis max. 1.000 Wölfen als nationalen Beitrag Deutschlands zum Erhaltungszustand der Wolfspopulation in Europa als Grundlage für das Bestandsmanagement“. Ob solche Zahlen eine realistische Zielmarke sind, scheint fraglich. Denn klar ist, dass der Wolf eine geschützte Art bleibt und die EU-Mitgliedstaaten darauf achten müssen, dass der günstige Erhaltungszustand gewahrt bleibt. Isegrim wird also sicher nicht pauschal zum Abschuss freigegeben. Schnelle Übernahme der EU-Entscheidungen Bevor aber überhaupt über eine Bejagung in größerem Umfang nachgedacht werden kann, muss die Bundesregierung den günstigen Erhaltungszustand des Wolfes nach Brüssel melden und das Naturschutz- und Jagdrecht ändern. Immerhin hat die neue Bundesregierung im Koalitionsvertrag festgeschrieben, dass die Entscheidung auf EU-Ebene unverzüglich in deutsches Recht übernommen werden soll. Der Deutsche Jagdverband (DJV) sieht in der sich abzeichnenden Lösung einen „Meilenstein hin zu einem effektiven Wolfsmanagement, mit dem Konflikten im ländlichen Raum begegnet werden kann“. Ziel ist ein regional differenziertes Management des Großprädators. Das heißt, es wird auch Bereiche Deutschlands geben, in dem er nicht oder nur dann bejagt wird, wenn er durch größere Schäden an Weidetieren auffällig wird. Doch auch dann wird nicht beliebig in die Rudel hineingeschossen und deren Struktur zerstört werden dürfen, wie DJV-Präsident Helmut Dammann-Tamke auf dem thüringischen Landesjägertag betonte. Sinnvoll sei vielmehr, bei Problemwölfen alle Welpen des entsprechenden Rudels zu erlegen, weil diese die Jagdstrategie der Elterntiere übernehmen. Einen Vorschlag für eine entsprechende Jagdzeit hat Dammann-Tamke auch bereits: 1. August bis 31. Oktober. Dann sei der Nachwuchs noch sicher als solcher zu identifizieren. Später im Jahr werde das wegen des gewachsenen Winterfells immer schwieriger.
- Erste Duftmarken der SPD in der Regierungsarbeit
Welche Rolle spielen die Themen des ländlichen Raumes im Einflussbereich des Koalitionspartners SPD? Bisher sind nur wenig Duftmarken gesetzt. Lars Klingbeil konzentriert sich erst einmal auf seine Rolle. Erste Eindrücke Lars Klingbeil (Foto: Sandra Krafft) Im Berliner Regierungsviertel wird derzeit viel geredet, werden Gerüchte herumgereicht und manchmal wird auch bösartiger Spott verbreitet, wenn es um die Rolle der SPD geht. Bis auf den Ausflug des neuen Umweltministers Carsten Schneider zum Niedrigwasser führenden Rhein bei Bonn und damit zum Thema Trockenheit zeichnen sich bisher wenig Konturen zur Regierungsarbeit des kleineren Koalitionspartners SPD ab. Für den ländlichen Raum allemal. Beobachter und Medien der Bundespressekonferenz konzentrieren sich erst mal auf die Rolle von Lars Klingbeil , wie er sich im Finanzministerium aufstellt und auch in seiner Partei für die Zukunft einrichtet. Für das Bundesministerium für Finanzen, nur einen Kilometer vom Kanzleramt und vom Bundestag entfernt, hat die Hauptstadtpresse einen neuen Namen erfunden: Nordkorea-Ministerium. Nicht gerade schmeichelhaft für die innere und fachliche Verfasstheit des Ministeriums, auch wenn über die Finanzen des kommunistischen Hardcorelandes Nordkorea wenig bis gar nichts bekannt ist. „Es geht auch nicht um die Finanzlage, sondern um die wahnsinnige Machtfülle des neuen Ministers“, erklärt ein Insider mit spöttischem Ton. Der neue Minister heißt Lars Klingbeil. Und der hat offensichtlich als SPD-Finanzminister eine Machtfülle angefüllt, die bisher weder seinen ehrwürdigen Vorgängern im Ministerium (Steinbrück, Schäuble, Eichel) noch den sehr vielen Vorgängern auf dem Posten des SPD-Chefs zugefallen war. Wobei zugefallen die falsche Beschreibung ist. Klingbeil hat sie sich erarbeitet. Gelernt hat er das Machtspiel bei keinem geringeren als dem Alt-Kanzler Gerhard Schröder, als dessen Büroleiter zwischen 2001 und 2003 Klingbeil vieles, wenn nicht alles gelernt hat. Schröder als Lehrmeister Mindestens genauso wichtig für Klingbeils frühe Karriere war und ist die Niedersachsen-Connection. Er baute Kontakte auf zu Garrelt Duin, zu Frank-Walter Steinmeier, zu Hubertus Heil. Irgendwann wurde Klingbeil Bezirksvorsitzender, sicherte sich ab 2009 auch ein Mandat für den Bundestag. Sein persönliches Netzwerk, unter anderem zum einstigen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz und zu Steffen Meyer, bislang Leiter des Referats Strategisches Zentrum der SPD und jetzt stellvertretender Regierungssprecher, sicherte seine Macht. Vor acht Jahren der Wechsel von der Parteilinken zum Seeheimer Kreis. Sein Meisterstück: Nach den für die SPD verheerend verlaufenden Wahlen 2021 und 2025 kletterte Klingbeil weiter nach oben. Bisherige Krönung: Klingbeil gelang es, allein die unbeliebte Saskia Esken für die Niederlage der SPD bei der letzten Bundestagswahl verantwortlich aussehen zu lassen. Während Esken mit dem Trostpflaster Ausschussvorsitz Bildung im Bundestag abgefunden wird, stieg Klingbeil zum SPD-Chef und Finanzminister auf. Doch jetzt könnte die Luft dünn werden. Fachlich wird selbst der selbstbewusste Niedersachse nicht von sich behaupten, viel Ahnung von Finanzwissenschaft oder gar Finanzpolitik zu haben. Konsequenz: Auch wenn Klingbeil von einigen Fachleuten aus der Scholz-Zeit im Ministerium unterstützt wird, sind die Zweifel groß, ob Klingbeil dieser Aufgabe wirklich gewachsen ist. Dabei ist die Dimension groß: Auf seinem Schreibtisch liegt nicht nur die politische Verantwortung für die Verwaltung des 500-Milliarden-Sonderschuldentops für die Verteidigung und die Infrastruktur, sondern er verfügt auch über eine Vetomacht gegenüber den anderen Ministern im Kabinett. Das sichert einen Informationsvorsprung, sogar vor dem Bundeskanzler. Doch Klingbeil, und genau dies zeichnet ihn aus, hat bereits im Verlauf der Koalitionsverhandlungen bewiesen, dass er sich schnell in Details und Fakten einarbeiten kann. Oder die richtigen Berater um sich hat, die ihn vorbereiten und auf deren Expertise er vertrauen kann und vertraut. Themen des ländlichen Raums werden hier weniger auf dem Radarschirm sein, werden wohl nur dann wieder bedeutsam, wenn sich das Auseinanderklaffen der Lebenswelten Stadt und ländlicher Raum in Wahlerfolge für die rechtsextreme AfD niederschlagen wird. Flasbarth als Fachmann zurückgekehrt Die SPD dürfte bei der Bearbeitung der Themen Umwelt- und Naturschutz auf den neuen Minister Carsten Schneider setzen. Der ehemalige Ostbeauftragte stammt aus Thüringen, gilt als pragmatisch, ist eng mit Klingbeil befreundet. Bei seiner ersten Reise an den Rhein sprach sich Schneider angesichts des Niedrigwassers im Mai für Renaturisierung von Flüssen und ihrer Umgebung aus. Er klang dabei wohltuend pragmatisch, anders als seine Vorgängerin Steffi Lemke von den Grünen . Doch fachlich ist der 49-Jährige bisher in den Bereichen Jagd und Natur wenig aufgefallen. Sorge bereitet die Tatsache, dass der langjährige Staatssekretär Jochen Flasbarth (62) ins Umweltministerium zurückkehrt ist und dort wohl einer der mächtigsten Berater von Schneider wird. Flasbarth gilt als Ideologe und war vor seiner Zeit in verschiedenen Ministerien Präsident des Umweltbundesamtes und des Naturschutzbundes. Andere SPD-Minister dürften in ihren Häusern wenig bis keine Berührungspunkte zu den Themen ländlicher Raum, Forstwirtschaft oder gar Jagd haben. Burgfrieden in Gefahr Doch zurück zu Klingbeil. Viele in der SPD beäugen mit Argusaugen die Machtfülle des neuen Vorsitzenden. Zwar hat er seinen Vertrauten Matthias Miersch – natürlich auch aus Niedersachsen – an die Spitze der Fraktion wählen lassen. Und er hat einen neuen, jungen Generalsekretär als Parteimanager berufen. Aber sowohl Tim Klüssendorf (33 Jahre alt) als auch Miersch gehören eindeutig dem linken Flügel der Partei an – genauso wie Bärbel Bas. Die ehemalige Bundestagspräsidentin und jetzige Arbeits- und Sozialministerin stammt aus Duisburg, hat ihre Karriere stets in engster Abstimmung mit den Gewerkschaften und den linken Parteikreisen in NRW gepflegt und gehegt. Ob das Trio Miersch, Klüssendorf und Bas dem neuen Vizekanzler und SPD-Chef auch in Krisenzeiten folgen wird, bleibt abzuwarten. Die erste Bewährungsprobe wird bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und vor allem in Baden-Württemberg kommen.
- Unser Blick auf den Start der Regierung und auf jagdliche Themen mit politischem Hintergrund
Liebe Leserin, lieber Leser, die Woche haben wir im ganzen Land natürlich gespannt verfolgt, wie der neue Bundeskanzler nach den außenpolitischen Aufschlägen in Paris, Warschau, Brüssel und seinem ersten Trump-Telefonkontakt in sein Amt dann auch innenpolitisch gestartet ist. Darauf gehen wir in unserer Wochenkolumne ebenso ein wie auf berechtigte Proteste gegen Pläne der Mainzer Landesregierung und ihre Ziele bei der Novellierung des Jagdgesetzes. Sie gehen zu Lasten unseres Wildes. Zwangsabschuss zur Waldentwicklung lautet dort das Stichwort. In Kiel wird dagegen geplant, wie man unserem Wild gewohnte Wege bei Zerschneidung der Lebensräume erhalten kann. „Wildwegeplan“ lautet das Vorhaben. Letztlich werfen wir einen kritischen Blick auf Schlagzeilen, die den Umgang mit Hunden betreffen. Zum Start in seine neue Aufgabe haben wir einen verändert auftretenden Friedrich Merz mit anderer Tonalität erlebt. Seine erste Regierungserklärung am Mittwoch vor dem Parlament als Bundeskanzler und TV-Auftritte wie etwa bei Maybrit Illner zeigten Züge des Ausgleichs und der Gelassenheit . Die oft polarisierende Oppositionsrolle und den Wahlkampfmodus hat Merz weit hinter sich gelassen. Der Stolperstart ist kaum noch ein Thema. Verbindendes zwischen Union und SPD stellt er in verbindlichen Tönen voran. Erste kleine Scharmützel innerhalb der Koalition wie z.B. nach Äußerungen von Bas, Miersch oder auch Wadephul zu Renten, Taurus oder Nato-Finanzierung versucht er zu neutralisieren. Die enge Abstimmung zwischen ihm und Klingbeil scheint in der immer wieder betont „guten Arbeitsatmosphäre“ unverändert von Irritationen auch in den ersten Tagen einer veränderten Migrationspolitik zu gelingen. Zu seinem Einstieg legt der Kanzler allerdings die Latte mit politischen Lieferterminen wieder sehr hoch. So etwa mit der Ankündigung: „Schon im Sommer sollen die Bürgerinnen und Bürger spüren, dass es vorangeht“. Mal sehen, wer das im Kabinett so alles beherzigt. Was gehört noch zu den erhofften Veränderungen? Schon mehrfach haben wir in unserem Blog und diesen Wochenkommentaren darauf hingewiesen, dass wir die Politik aus der Interessenlage des ländlichen Raumes beobachten und kommentieren. Das verbreiten wir mit unserem Absender „Stiftung natur+mensch“, weil sich der ländliche Raum nun einmal in vielfältigen gesetzlichen Abhängigkeiten entwickelt. Naturschutz, Klima, Wald, Forst, Landwirtschaft, ländliche Heimat und auch Jagd gehören selten zu den großen Themen der Tagespolitik. Da fällt schon auf, wenn der neue Bundeskanzler in seiner ersten Regierungserklärung betont: „Meine Heimat liegt im sogenannten ländlichen Raum in Deutschland. Die Erhaltung dieses Raumes, seiner Kultur und seiner Lebensweise ist mir sehr wichtig. Ganz zentral ist dabei die Sicherung einer vielfältigen, leistungsstarken und nachhaltigen Land- und Forstwirtschaft. Auch in diesem Bereich sind die Herausforderungen immens – vom Klimawandel über die fortschreitende Technisierung bis zum Fachkräftemangel und der überbordenden Bürokratie.“ In der Wahrnehmung der Medienwirklichkeit gehörten diese Sätze in der Berichterstattung über seine Regierungserklärung eher zum Kleingedruckten. Bemerkenswert ist weiter seine Ergänzung, dass seine Regierung diese Herausforderungen angehen müsse. „ Denn nur wenn es unseren land-, forst- und ernährungswirtschaftlichen Betrieben in all ihrer Vielfalt gut geht, gibt es eine verlässliche regionale Wertschöpfung und weiterhin eine verlässliche Versorgung der Verbraucherinnen und Verbraucher überall in Deutschland mit gesunden Lebensmitteln.“ Damit das gelinge, brauche es auch hier einen Politikwechsel. Merz will weg von immer kleineren Stellschräubchen und dem Prinzip Misstrauen. Und er will den Land- und Forstwirten vertrauen, weil sie selbst am besten wüssten, wie sie ihre Betriebe erfolgreich führen. Kurswende in der Agrarpolitik mit kritischer Begleitmusik Der erste und fast einstündige Redeaufschlag des neuen Bundeskanzlers war also nicht nur von versöhnlichen Tönen geprägt. Er vermittelte auch einen Eindruck nach dem Motto „Wir packen es jetzt an“ . Weite Teile der Innenpolitik scheint Friedrich Merz dann hauptsächlich eher seinen Fachministerinnen und -ministern im Kabinett zu überlassen . Nicht jeder von ihnen meldet sich gleich in den ersten Tagen zu Wort. Vor allem die Quereinsteiger(innen) scheinen sich zunächst in ihre Ressorts einzuarbeiten, die sie zu führen haben, und ihre Stäbe aufzubauen. Das gilt auch für Alois Rainer, den neuen Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat. Von ihm wurde erst mal bekannt, was über seine Haltung zu Fleisch und Wurst überall reflexartig zitiert und im übertragenen Sinne durch den Fleischwolf gedreht wurde. Kritiker meldeten sich zu Wort und wagten Prognose wie z.B. zu den Themen Tierwohl und Ausgewogenheit von Ernährung. „Das lässt für die kommenden vier Jahre nichts Gutes ahnen.“ So formulierte ein Kommentator der Süddeutschen Zeitung unter der Eingangsfrage, wem das nützen solle, wenn Rainer noch vor seiner Amtseinführung eine Lanze fürs Fleisch breche. Damit werden schon erste Konfliktlinien sichtbar, mit denen der neue Landwirtschaftsminister künftig zu rechnen hat. In seiner ersten Rede vor dem Bundestag umriss Rainer dann, wie er seinen Kurswechsel in der Agrarpolitik anstrebe. Dabei überraschte nicht, dass er als erste Maßnahmen die Wiedereinführung der Agrardieselrückvergütung einleiten wolle. Das werde die Betriebe „sofort entlasten“ . Wer Tiere versorge oder Felder bestelle, brauche Freiräume statt Formulare. Zum Bürokratieabbau will er bestehende Maßnahmen überprüfen und neue Vorschläge erarbeiten. So will Rainer für eine spürbare Entlastung bei Berichts- und Dokumentationspflichten sorgen. Das passt dann zu unserem Beitrag von Ludwig Hintjens „Mehr Zeit für Acker und Stall“ über den von EU-Kommissar Christophe Hansen eingeleiteten Bürokratieabbau auf europäischer Ebene. Weiter Proteste gegen ein neues Jagdgesetz in Rheinland-Pfalz Wie sehr gerade die Jagd von politischen Richtungsentscheidungen abhängt, erleben wir immer wieder auf Landesebene, wenn Hand an die Jagdgesetze gelegt wird. Aktuell geht es in Rheinland-Pfalz darum, dass trotz erheblicher Proteste der Jägerschaft Umweltministerin Katrin Eder (Grüne) an ihrem Gesetzentwurf festhält, der in einem der strittigsten Kernpunkte das Prinzip „Wald vor Wild“ vor „Wald und Wild“ setzt. Der Landesjagdverband stellt fest, dass das Gesetzesvorhaben insbesondere dem Grundkonzept folge, die private Jägerschaft in Rheinland-Pfalz durch behördlichen Druck zu immer höheren Abschüssen zu zwingen. Aus der Sicht des LJV, auch als anerkanntem Naturschutzverband, sei der damit einhergehende Kniefall vor wirtschaftlichen Interessen untragbar. „Lassen Sie sich nicht blenden: Es geht nicht um einen wie auch immer gearteten Klimawald. Es geht um wirtschaftliche Profite zu Lasten der Wildtiere“ , so formulierte es Verbandspräsident Dieter Mahr. Seit Sommer vorletzten Jahres gibt es Gespräche und Auseinandersetzungen in der Jägerschaft mit der dort zuständigen Ministerin über verschiedene geplante Änderungen in der Jagdgesetzgebung. Nach Angaben des Verbandes ist das Ministerium bereits durch fachliche Einwände zu weitreichenden Korrekturen gezwungen worden. Als diese Woche der finale Entwurf Eders nach Beschluss des Mainzer Ministerrats in den Landtag eingebracht wurde, kam es erneut zu heftigen Protesten aus der Jägerschaft. Im Prinzip soll es darum gehen, den Waldumbau mit drastischen Eingriffen und hohem Abschusszwang wegen befürchteter Wildschäden zu betreiben. Auf einem Plakat der Jäger stand „Wir sind nicht Ihre Auftragskiller“. Das zielt auf angestrebte Abschuss-Vorgaben mit angedrohten Zwangsmaßnahmen ab, wenn ein „Mindestabschussplan“ nicht umgesetzt werden sollte. Wir werden auch dort die jagdpolitische Entwicklung weiterverfolgen. Dass der Waldumbau im Einklang mit ausgewogen kontrollierten Wildbeständen gelingen kann, bleibt Thema unserer Stiftung . Wildwegeplan als erster Schritt gegen Zerschneidung von Lebensräumen In anderen Bundesländern hat die Politik auch einen anderen Blick auf unser Wild . Im Herbst letzten Jahres hat unser Autor Christoph Boll in unserem Blog über die Dokumentation von Rotwildwanderungen in Norddeutschland berichtet. Danach legte ein 18-Ender vom zehnten Kopf 70 Kilometer zurück, um in der Segeberger Heide an der Brunft teilzunehmen und dann wieder heimzukehren in das Naturschutzgebiet Duvenstedter Brook am nördlichen Hamburger Stadtrand. Die Zerschneidung von Lebensraum durch Siedlungen und Verkehrswege etwa bei Rothirschen führt bekanntlich vermehrt zu Missbildungen durch Inzucht. Daher kommt die berechtigte Forderung aus der Jagd an die Politik, für mehr Wanderkorridore und Querungshilfen über Verkehrswege in Deutschland zu sorgen. In Kiel hat jetzt das Landwirtschaftsministerium in der schwarz-grünen Landesregierung begonnen, einen Wildwegeplan für Schleswig-Holstein zu entwickeln. Ziel ist eine nachhaltige und tierschutzgerechte Koexistenz von Wildtieren und uns Menschen. Es gehe nicht nur ums Rotwild, sondern um alle relevanten Wildtierarten, die von den Maßnahmen mit Querungshilfen profitieren können. Das ist aus meiner Sicht ein gutes Beispiel für eine Politik mit einem ausgewogenen Interessenausgleich zwischen Gesellschaft und Jagd. Immer wieder Schlagzeilen und Aufregungen zum Thema Hund Umgang und Erlebnisse mit Hunden sind für viele Menschen immer wieder ein großes Thema. Das weckt in der Regel bzw. je nach Fall Emotionen und auch aufgeregte Reaktionen. Da reißt ein Jagdhund eine Katze und häufiger ein von der Leine gelassener Haushund ein Reh. Gleich mehrere Artikel von der bekannt größten Boulevardzeitung bis zu verschiedenen Lokalausgaben eher ländlicher Titel sind mir in den letzten Tagen in die Augen gesprungen. Das fing an mit der Bild-Schlagzeile aus Thüringen „Jagdhund zerfleischt Katze, Jäger schaut zu“ . Grundlage der Berichte dazu ist ein gepostetes Video. Die Polizei ermittelt gegen den 64-jährigen Hundehalter wegen „Vergehen gegen das Tierschutzgesetz“. Bei Peta ist es dann ein „mutmaßlicher Jäger“. Natürlich müssen Hunde grundsätzlich gut sozialisiert oder gehorsam sein . Der biologische Trieb wird bei allen Hunden durch Ausbildung und Erziehung in richtige Bahnen gelenkt, wie das offensichtlich in diesem zitierten Beispiel missraten ist. Halter haben dafür zu sorgen, dass sie mit ihren Hunden Regeln beachten und die Tiere unter Kontrolle halten. Wenn das in Ausnahmefällen – und die sind es – nicht geschieht, so rechtfertigt es übrigens nicht, solche Schlagzeilen zu formulieren. Sogenannte Tierrechtsorganisationen greifen solche Vorfälle gern auf, um dann im Netz etwa so reißerisch zu formulieren, wie die zitierte Schlagzeile. Sie ist eine Steilvorlage etwa für diese Bemerkung, die Peta in ihre Meldung über denselben Vorfall einbaut: „ Was sich in den Wäldern zuträgt, wo die Wildtiere den Sadisten wehrlos ausgeliefert sind, mag man sich kaum ausmalen. Es sind keine Einzelfälle, daher muss die Hobbyjagd endlich verboten werden“. Diffamierender geht’s wohl nicht! Geht auch anders: Hund und Katze können auch aneinander gewöhnt werden. Natürlich sollte, nein muss, jeder Halter für gute Ausbildung und Kontrolle sorgen. So hat er Verantwortung zu tragen. Das gilt übrigens auch für die Haltung von Katzen. Der Konflikt von Tieren untereinander ist biologisch bedingt. Das beobachten wir immer wieder in Stadtparks oder in Feld und Flur. Wenn es um unser aller aktuelles Wetterproblem geht, kann man in dieser Woche übrigens am besten aus dem Tagespiegel-Checkpoint aus der Hauptstadt zitieren: „In Berlin ist nicht nur der Humor trocken , sondern seit Wochen auch der Boden. Fehlende Niederschläge erhöhen weiterhin die Waldbrandgefahr und gefährden außerdem die Versorgung junger Pflanzen und sogar tiefwurzelnder Bäume. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ruft nun Bürgerinnen und Bürger auf, das Stadtgrün zu gießen .“ Das geht auf dem Lande und in unseren Wäldern in der Regel nicht und wir können nur die Daumen drücken, dass sich das Problem zeitnah überall vom Himmel aus löst und wir vor einer weiter nachhaltig wirkenden Trockenheit wie 2020 verschont bleiben. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gutes Wochenende. Ihr Jost Springensguth Redaktionsleitung / Koordination
- Kleines Spinnentier birgt große Gefahren
Die Zecke ist ein unscheinbares kleines Tier. Ihr Biss aber kann massive gesundheitliche Folgen haben. Es drohen Borreliose und FSME Foto: Dieter Schütz / pixelio.de Mit zunehmenden Außentemperaturen verstärken Zecken ihre Aktivitäten. Damit steigt das Risiko, von den kleinen Blutsaugern befallen zu werden, für alle, die sich viel im Freien aufhalten. Das sind in erster Linie Jäger, Förster, Land- und Waldarbeiter und Spaziergänger in Wald und Feld. Je mehr sie sich abseits befestigter Wege bewegen oder gar durch Unterholz und Wiesen streifen, desto gefährdeter sind sie. Denn Zecken können die Erreger der Borreliose und der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und damit gefährliche Krankheiten übertragen. Für 2025 wird wieder ein zeckenreiches Jahr erwartet. Denn durch die warmen Winter sind die Spinnentiere inzwischen ganzjährig aktiv. Die Folge ist, dass bereits kurz nach dem Jahreswechsel die ersten FSME-Fälle gemeldet wurden. Bei der FSME kann es zu Entzündungen des Gehirns, der Hirnhaut oder des Rückenmarks kommen. Für rund ein Prozent der Patienten endet die Krankheit tödlich. Ist sie erst einmal ausgebrochen, können nur die Symptome therapiert werden. Eine Lyme-Borreliose, die die Haut, das Nervensystem, die Gelenke und das Herz betreffen kann, wird am häufigsten zuerst als Wanderröte von mindestens fünf Zentimeter Durchmesser um den Zeckenstich sichtbar. Diese Wanderröte kann atypisch verlaufen oder streuen. Dazu können verschiedene unspezifische Symptome auftreten. Beide Krankheiten werden durch den Gemeinen Holzbock, der in der Regel ab Frühjahr bis etwa Oktober, dank des Klimawandels aber inzwischen fast ganzjährig aktiv ist und von Flensburg bis Konstanz vorkommt. Daneben gibt es die Auwaldzecke. Sie kann Babesien auf den Hund übertragen und ist zwar den ganzen Winter aktiv, kommt aber in Deutschland nur punktuell vor. Sie befällt den Menschen selten und bedeutet deshalb für ihn ein geringeres Risiko. Entscheidend für das Risiko einer Krankheitsübertragung ist der Anteil infizierter Zecken. In Deutschland tragen mancherorts bis zu einem Drittel der Zecken Borrelien in sich. Seit einigen Jahren schon sehen die Forschenden einen Rhythmus mit hohen Erkrankungszahlen in jedem zweiten Jahr statt wie früher in jedem dritten Jahr. Mittlerweile sei ein deutlich ansteigender Trend erkennbar, betont die Parasitologin Prof. Dr. Mackenstedt: „Seit 2017 steigen die Fallzahlen kontinuierlich an.“ Unterschiedliche Meldepflichten Für die Borreliose gibt es keine Meldepflicht nach dem Infektionsschutzgesetz. In Bayern, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen besteht jedoch eine Meldepflicht auf der Basis von Länderverordnungen. Hingegen ist die FSME bundesweit anzeigepflichtig. Insgesamt 686 FSME-Fälle verzeichnete das Robert-Koch-Institut im vergangenen Jahr in Deutschland. Das ist nach dem Rekord im Jahr 2020 mit 718 Fällen das Jahr mit den zweithöchsten Fallzahlen. Etwa 80 Prozent der Fälle fanden sich in Süddeutschland. So meldete Baden-Württemberg 226 Fälle, Bayern 311. Meldungen lagen aus allen Bundesländern vor bis auf Hamburg und Schleswig-Holstein. Wissenschaftler folgern, dass das Risiko einer FSME-Infektion inzwischen in ganz Deutschland besteht. Auch wenn nördlich der Mittelgebirge das Risiko deutlich niedriger ist, zeigt auch dort ein ansteigender Trend. Dementsprechend haben auch Sachsen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin Höchststände für das Jahr 2024 Höchstwerte bei den Erkrankungen gemeldet. Das Robert-Koch-Institut führt eine regelmäßig aktualisierte Übersicht der FSME-Risikogebiete. Darin waren zu Jahresbeginn 2025 183 Land- und Stadtkreise verzeichnet. Sie liegen ganz überwiegend in Bayern und Baden-Württemberg sowie im Süden von Hessen, Thüringen und Sachsen. Auch in Landkreisen, die nach Definition des Robert-Koch-Instituts nicht als Risikogebiete gelten, wurden für 2024 Fälle gemeldet. Doch nicht alle FSME-Infektionen werden auch erkannt, wie Forscher ermittelt haben. Eine Zecke nimmt in ihrem Leben nur drei Blutmahlzeiten zu sich, dabei kann sie sich infizieren oder Erreger weitergeben. Sie setzt sich besonders gern in dünnhäutigen, feuchten und gut durchbluteten Körperregionen fest. Beim Menschen finden sich die Blutsauger deshalb überwiegend in den Kniekehlen sowie im Bauch- und Brustbereich. Bei Kindern sitzen sie gern am Kopf, im Nacken oder am Haaransatz. Das Absuchen des Körpers sollte deshalb nach einem Aufenthalt in der Natur zur Routine gehören. Prävention ist erstes Gebot Ansonsten ist Prävention das erste Gebot. Das gilt für Zwei- und Vierbeiner. Wer auf Wegen bleibt und den Kontakt mit der Vegetation am Rand meidet, schützt sich. Denn die Blutsauger krabbeln bevorzugt in Bodennähe auf einer Höhe von 30 bis 60 Zentimetern in der niedrigen Vegetation, an Grashalmspitzen oder Ästchen von Sträuchern. Sie fühlen sich nicht nur im Wald wohl, sondern auch im städtischen Grün, etwa in Stadtparks, Biergärten oder dem heimischen Garten. Außerdem gibt es Abwehrstoffe, die es in Sprayform und als Lotion zu kaufen gibt und die vor Zeckenstichen schützen. Für Jäger werden spezielle Textilien angeboten, die mit Akariziden imprägniert sind. Sie töten Zecken bei Kontakt ab. Der gleiche Wirkstoff ist erhältlich für Hunde als Spot-On für Nacken und Kruppe. Zudem gibt es Kautabletten für Hunde, die rund drei Monate wirken. Spot-Ons hingegen müssen einmal im Monat aufgetragen werden und verlieren schnell ihre Wirkung, wenn der Vierbeiner viel im Wasser schwimmt. Sticht eine Zecke dennoch, muss sie entfernt werden. Dafür kann man eine feine Pinzette nutzen oder sogenannte Zeckenkarten oder -zangen. Mit diesen Werkzeugen in Form eines Kuhfußes lassen sich Zecken heraushebeln. Zum Entfernen von Nymphen, also dem zweiten Jugendstadium der Zecke, gibt es spezielle, sehr feine Schlingen, die wie ein Fadeneinfädler aussehen. Danach die Bissstelle desinfizieren. Den besten Schutz jedoch verspricht eine Impfung, zu der die meisten Mediziner angesichts der aktuellen Entwicklungen raten. Für Jäger erfreulich ist, dass eine infizierte Zecke, die an einem Reh oder einem domestizierten Wiederkäuer wie einem Rind parasitiert, ihre infektiöse Fracht verliert. Nach der Blutmahlzeit sind keine Lyme-Borrelien mehr nachweisbar. Warum das so ist, weiß die Wissenschaft bisher nicht. Wiederkäuer wie Rehe können sich auch nicht mit Borrelien infizieren. Von Zecken, die vom erlegten Reh- oder Rotwild ablassen, dürfte deshalb keine Gefahr ausgehen.
- Mehr Zeit für Acker und Stall
Agrarkommissar Hansen will überflüssige Bürokratie für die Bauern abschaffen. Die EU-Kommission versteht ihren Vorstoß auch als Reaktion auf die Bauernproteste im vergangenen Jahr Foto: Franz26 Junge Menschen mit dem Berufswunsch Landwirt wollen in der Natur und mit Tieren arbeiten, nicht stundenlang am PC sitzen und Formulare ausfüllen. Zudem raubt die Bürokratie Zeit. Zeit, die Bauern besser auf dem Acker oder im Stall verbringen würden. Daher ist es richtig, wenn die EU-Kommission nun überflüssige Berichtspflichten auch in der Landwirtschaft abbaut. Agrarkommissar Christophe Hansen will seinen Vorschlag dafür auch als Reaktion auf die Bauernproteste in mehreren EU-Ländern im Herbst verstanden wissen. Die Kommission forstet die Vorschriften für die Wirtschaft in vielen Branchen auf. Im EU-Jargon hat sich für die Sammelgesetze, mit denen bestehende Verordnungen und delegierte Rechtsakte der EU entschlackt werden, der Begriff Omnibus-Gesetz eingebürgert. Der Agrar-Omnibus ist bereits der dritte Vorschlag der Kommission zur Regelvereinfachung. Damit will die Behörde unter der Leitung von Ursula von der Leyen die Beziehungen zwischen Europa und den Unternehmen aufbessern. Es ist beachtlich, was der Luxemburger Agrarkommissar in der Sache vorschlägt. Er setzt sich damit gegen Bedenkenträger in seiner Beamtenschaft hinweg. Die hatte im Vorfeld der Verkündung ihre Vorbehalte lanciert und bemängelt, dass etwa mehr Kontrollen auf den Höfen auch eine abschreckende Wirkung gegen Regelverstöße bedeuteten. Hansen schlägt nun vor, dass es künftig nur noch einen Vor-Ort-Kontroll-Termin im Jahr je Hof geben soll. Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) soll zudem weiter von den Umwelt- und Klimagesetzen der EU entkoppelt werden. Bisher müssen die 27 Mitgliedstaaten im Laufe der Förderperiode der GAP, neue Umwelt- und Klimagesetze in ihre nationalen Strategiepläne einarbeiten. Allerdings: Die jetzige GAP-Förderperiode läuft ohnehin nur noch bis 2027. Bis dahin ist nicht mehr mit substanziellen Klima- und Umweltgesetzen zu rechnen, die Folgen für die Agrarpolitik haben könnten. Mehr Spielraum für eigene Entscheidungen Der Acker-Omnibus setzt zudem an der sogenannten Konditionalität an. Das sind Bedingungen, die die Landwirte erfüllen müssen, um an die Direktzahlungen der EU zu kommen. Hier will Hansen den Bauern mehr Spielraum für eigene Entscheidungen geben. Sie sollen künftig mehr Dauergrünland als Acker nutzen können. Hier geht es um Kriterien zur „Erhaltung von Flächen in einem guten landwirtschaftlichen und ökologischen Zustand“ (GLÖZ). Die Mitgliedstaaten könnten den Umbruch von bis zu zehn Prozent des bestehenden Dauergrünlands erlauben. Dies wäre eine Verdoppelung gegenüber der bisherigen Rechtslage. Weitere Entlastungen sollen für Biohöfe und sehr kleine Höfe kommen. Allerdings bietet Deutschland die Pauschalzahlungen für Kleinerzeuger gar nicht an, die nun erhöht werden sollen. Dies betrifft aber deutsche Höfe: Öko-Bauern sollen von mehreren GLÖZ-Standards ausgenommen werden. Der Agrarexperte der CDU/CSU-Abgeordneten im Europaparlament, Norbert Lins, lobt den Vorschlag. „Die GAP muss flexibler in ihrer Umsetzung und bauernfreundlicher werden.“ Er fordert, dass das Parlament den Hansen-Vorschlag im Dringlichkeitsverfahren behandelt. Das geht schneller, weil dabei in den betroffenen Ausschüssen nicht mehr Positionen des Parlaments bestimmt und abgestimmt werden müssen. „Die Maßnahmen werden nur für die nächsten zwei Jahre gelten, bis die neue GAP eingeführt wird.“ Damit ist eine zweite Erwartung des Abgeordneten aus Baden-Württemberg auch klar: Bei der nächsten GAP, die bis zum Sommer vorgestellt werden soll, muss der Bürokratieabbau weiter gehen.
- Was tun, wenn zu viele Waschbären seltene heimische Tierarten bedrohen?
Waschbären sind niedliche Tiere, aber auch Nesträuber. Ihre rasante Verbreitung bedroht einheimische Arten. Zu ihrem Schutz müssen Jäger eingreifen Foto: Michael Woita / pixelio.de Waschbären sehen possierlich aus mit ihren geringelten Schwänzen, der schwarzen Gesichtsmaske, dem gräulichen Fell und der buckeligen Körperhaltung beim Laufen. Wegen des Pelzes wurden die Tiere seit den 1920er Jahren aus Nordamerika nach Deutschland gebracht, sie zählen also zu den invasiven, gebietsfremden Arten, auch Neozoen genannt. Ausgewachsene Waschbären sind etwa 70 Zentimeter lang, wiegen sechs bis zehn Kilogramm und können 16 Jahre alt werden. Zunächst lebten sie in Deutschland hauptsächlich in Pelzfarmen. Einige Waschbären wurden ausgesetzt, andere entkamen der Gefangenschaft. Da sie anpassungsfähig sind, können sie hierzulande gut überleben – im Wald, an Bächen oder Seen, aber auch in der Stadt. Sie schwimmen und klettern und sind überwiegend nachtaktiv. In Mitteleuropa haben sie kaum Feinde, abgesehen vom Straßenverkehr. In den vergangenen Jahren hat sich der Bestand daher rasant vermehrt, wie der Deutsche Jagdverband (DJV) in einer Pressemitteilung feststellt. Für das Jahr 2023 haben 69 Prozent aller Jagdreviere ein Vorkommen festgestellt – erheblich mehr als 2011. Sie plündern Nester von Greif- und Singvögeln In der bundesweiten Jagdstatistik ist die Zahl von Waschbären laut DJV von 2011 bis 2023 um das Dreifache auf 203.306 gestiegen. Schwerpunkte hat der Waschbär demnach in Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Aber die Tiere breiten sich auch in Niedersachsen vom Osten des Landes in Richtung Westen aus. Eine Zunahme der Population wird ebenfalls in Baden-Württemberg registriert. In den Bundesländern mit dem höchsten gemeldeten Vorkommen hat der Waschbär laut Jagdverband mittlerweile sogar den Rotfuchs in der Statistik überholt. So fotogen Waschbären auch aussehen – sie bedrohen die biologische Vielfalt. Die Räuber auf vier Pfoten sind bei ihrer Nahrung vielseitig: Sie fressen kleine Fische, Echsen und Mäuse, aber auch Obst und Nüsse, Essensreste im Müll und Fallobst. Eine Gefahr bilden sie für Amphibien wie Kröten, Frösche oder Molche, vor allem während der Paarungszeit. Sie plündern die Nester von Greif- und Singvögeln, und zwar beim Kiebitz am Boden ebenso wie auf Bäumen beim Gelege von Rotmilanen, da sie gut klettern können. Waschbären haben es darüber hinaus auf die Eier von Rebhühnern, Fasanen und Rotkehlchen abgesehen. Der NABU hält eine Bejagung nur im Einzelfall für sinnvoll Was also tun, um gefährdete heimische Vogel- und Amphibienarten vor dem Aussterben zu schützen? Hier gehen die Meinungen weit auseinander. Der Naturschutzbund (NABU) hält eine Bejagung oder einen Fang dieser Nesträuber höchstens im Einzelfall für sinnvoll und eine friedliche Koexistenz für möglich. Der NABU lehnt die Bejagung mit dem Argument ab, dass Waschbären Verluste der Population durch eine vermehrte Fortpflanzungsrate ausgleichen könnten. Zudem würden bei einem Tiermanagement neue Kleinbären aus umliegenden Gebieten nachrücken. Für wichtiger hält es der NABU, geeignete Lebensräume für Amphibien und Vögel zur Verfügung zu stellen. Wildbiologen wie Egbert Strauß, der bei der Landesjägerschaft Niedersachsen angestellt war und jetzt im Ruhestand ist, sehen das anders. Ebenso der DJV, der eine staatlich unterstützte Fangjagd mit teuren Lebendfallen für notwendig hält und dazu ein klares Bekenntnis von der Politik fordert. Es geht den Jägern keineswegs darum, die Waschbären auszurotten, wie der NABU befürchtet. Sondern darum, ihre Zahl zu verkleinern, um die Bedrohung der hiesigen Tierwelt zu verringern. Denn was würde ohne ein Eingreifen passieren? „Man kann den Waschbären auch laufen lassen“, wird der Jägermeister der Stadt Osnabrück, Jürgen Lambrecht, in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ zitiert. „Aber dann hören wir morgens und abends keine Vögel mehr.“
- Von Worthülsen und toten Tieren
Der Landesjagdverband Rheinland-Pfalz hat mit einer Protestaktion auf dem Landesparteitag der Grünen in Idar-Oberstein mit erheblichem Unmut auf den Entwurf eines neuen Jagdgesetzes reagiert Foto: Rainer Sturm / pixelio.de Über 100 Jägerinnen und Jäger zeigten auf, was der von Ministerin Katrin Eder beschworene Waldumbau in der Realität bedeutet: mehr tote Tiere. Der anerkannte Naturschutzverband beklagt, dass die Jäger mit behördlichem Zwang zu immer höheren Abschüssen gezwungen werden sollen. „Wir halten es für völlig verfehlt, dass man weder den berechtigten Lebensraumansprüchen der Wildtiere noch den aktuellen wildbiologischen Erkenntnissen auch nur ansatzweise Beachtung schenkt“, erklärt Sarah Wirtz, die stellvertretende Geschäftsführerin und Naturschutzreferentin des Verbandes. Dass ausgerechnet eine grüne Partei für immer höhere Abschussquoten eintrete, ist für die promovierte Biogeografin ein nicht auflösbarer Widerspruch. Auch werde man dem eigenen Anspruch hinsichtlich eines modernen Jagdgesetzes aufseiten des grünen Ministeriums nicht gerecht. Schon heute werden in Rheinland-Pfalz über 100.000 Rehe pro Jahr geschossen, Tendenz steigend. Eine Verbesserung der Wildschadenssituation ist trotzdem nur bedingt zu beobachten, weil der dadurch ausgelöste Jagddruck und andere Störungen die Wildtiere in die Wälder treiben, wo sie dann an frischen Knospen fressen. Für den 20.000 Mitglieder starken Jagdverband belegen die Abschusszahlen vor allem, dass die Jägerschaft in Rheinland-Pfalz schon heute ihrer Verantwortung für die Wälder gerecht wird. Es drohe aber eine unverhältnismäßige Bevorzugung von wirtschaftlichen Interessen. „Der Klimawandel und der tatsächlich notwendige Waldumbau werden vorgeschoben, um finanzielle Interessen zu verschleiern. Ein Klimawald braucht keine gerade gewachsenen Wirtschaftsbäume, die Sägewerke schon“, erläutert Sarah Wirtz die in ihren Augen unehrliche Diskussion. Der Verband verkenne hierbei nicht, dass es berechtigte Nutzungsinteressen der Eigentümer gibt. Aber es müsse eben alles in der Waage bleiben. „Für einen Totalabschuss aufgrund behördlicher Zwangsmaßnahmen stehen wir nicht zur Verfügung. Heute nicht und in Zukunft auch nicht. Immerhin machen wir das alles in unserer Freizeit in den Revieren, die wir mit unserem Geld anpachten und in denen wir Jägerinnen und Jäger in der Regel auch für alle Wildschäden aufkommen müssen.“ Bereits zuvor hatte der Präsident des Verbandes entschiedenen Widerstand gegen das Gesetzesvorhaben angekündigt.
- Der unbequeme Populist
Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann lehnt kurz vor seinem 77. Geburtstag eine Rente mit 63 ab und fordert von den Bürgern mehr Arbeit, um in Krisenzeiten den Wohlstand zu bewahren Winfried Kretschmann (Foto: gruene-bw.de) O, was muss das schön sein. Wenn man nicht mehr gewählt werden will oder muss. Insofern warten auf Winfried Kretschmann noch ein paar entspannte Monate. Im kommenden März läuft die Amtszeit des baden-württembergischen Regierungschefs aus. Nach dann 15 Jahren, in denen dem Öko-Konservativen die Herzen im Land zugeflogen sind. Weit weg von grünem Übereifer, in deutlicher Distanz zu parteipolitischen Wendungen, mit großem Abstand zu windigen Gesten und wolkigen Worten. Im Südwesten wählten viele nicht grün, sondern Kretschmann. Warum dieser Ego-Trip bisher so gut gelang, hat der alte Mann aus der Villa Reitzenstein unlängst im Fernseh-Talk mit Markus Lanz erneut unter Beweis gestellt. Wie soll man Kretschmanns weit von grünem Wunschdenken entfernte Vorstellungen nennen? Vielleicht so: unbequemen Populismus. Am 17. Mai wird der Über-den-Wolken-Grüne 77 und sagt von sich, er arbeite noch immer zwölf Stunden am Tag. Dass er die Regelung, mit 63 in Rente gehen zu können, da für leistungsfern hält, ist folgerichtig. Dass ihm zur Verdi-Forderung nach drei Tagen mehr Jahresurlaub nichts einfällt, auch. Kaum einem anderen Bundesland droht mehr Wohlstandsverlust als Baden-Württemberg. Flächendeckend. Der rasante Absturz der Automobilproduktion macht auch Kretschmann Angst. Der Gewinneinbruch bei Mercedes um 43 Prozent bewege ihn mehr als das Ja der SPD zum Koalitionsvertrag, sagt er. Denn der ist längst nur ein Problem unter vielen. Pläne für einen Stellenabbau liegen nicht nur bei Porsche (um 4000), bei ZF in Friedrichshafen (um 14.000), bei Daimler (um 10.000) und Bosch (um 12.000) in den Schubladen. Es geht also um das Rückgrat der heimischen, im globalen Wettbewerb zurückfallenden Wirtschaft, nicht zuletzt, weil viele oft im ländlichen Raum angesiedelte kleine und mittlere Zuliefererfirmen, die selbst gar keine Autos bauen, von der Automobilindustrie abhängig sind. Kretschmann sagt es klar. „Das macht was mit meiner Region, wenn man merkt, es kriselt, und die gehen in die Knie.“ Wirtschaftliche Sorgen münden auch in Baden-Württemberg nicht selten in politische Irrungen. Immer weit weg von Berlin Für viele im Südwesten ist Wohlstand eine Selbstverständlichkeit. Wer will Kretschmann da widersprechen, wenn er einen Mentalitätsschub fordert, einen Leistungsruck, damit „die Leute aufwachen“. Wenn er vielen Bürgern vorhält, trotz sich verändernden Zeiten den Staat noch immer als Supermarkt zu betrachten, „der tolle Angebote machen kann, die man dann quasi zu Billigpreisen holen kann“. Dass auch die Ampel-Grünen keine wirklichen Vorschläge gemacht haben, wie die Sozialbeiträge nach unten korrigiert werden könnten oder in der Rente eine echte Reform möglich wäre, räumt Kretschmann offen ein. „In der Frage ist nichts gelaufen, das kann man nicht bestreiten.“ In Stuttgart war Kretschmann immer weit weg von Berlin. So kann also einer reden, der alle großen Herausforderungen nicht mehr selbst schultern muss. Dem schon bald weder Gewerkschaften noch eine linke Parteibasis im Nacken sitzen. Der mit 77 glaubt, existenzielle Krisen wie früher mit mehr Arbeit zu entschärfen. Und dem es in den letzten 15 Jahren ziemlich leicht gefallen ist, sein Bundesland – zuletzt mit einem penetrant pflegeleichten schwarzen Junior – recht saturiert undramatisch zu regieren, weil es unterm Strich nie an ausreichend Geld gemangelt hatte. Viele Bürger werden Kretschmanns Forderungen deshalb zustimmen – solange sie nicht selbst betroffen sein werden. Den Ruf des Ministerpräsidenten werden viele gerne hören. Auf ihn hören allerdings werden wohl nur wenige. Am wenigsten seine eigene Partei.












