Politische Sommerpause? Die Herausforderungen bleiben
- Jost Springensguth
- vor 8 Stunden
- 6 Min. Lesezeit
Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd

Liebe Leserin, lieber Leser!
Der Bundeskanzler will sich zum Ende der Legislaturperiode am Ergebnis seiner Kanzlerschaft messen lassen. Dazu gehört, dass er sich in einen Widerspruch seiner Aussagen über die Schuldenbremse zwischen damals (Opposition) und heute begeben hat. Seine Bemerkung dazu, als er sich vor der Hauptstadtpresse in die parlamentarische Sommerpause verabschiedete: „Ich gebe zu, das ist eine erhebliche Belastung meiner persönlichen Glaubwürdigkeit.“ Und schlechte Umfrageergebnisse sehe er als Ansporn. Gleichwohl wächst nach dem Kabinettsbeschluss über den Bundeshaushalt 2027 in den Reihen der Union der Unmut über neue Schulden und die folgende Zinsbelastung. Finanzminister und Kanzler werden über die Sommerferien einiges aushalten müssen. Noch schwächere Umfrageergebnisse für die SPD nach dem jüngsten ZDF-Politbarometer und die neue Glaubwürdigkeitslücke, die der CDU/CSU-Fraktionschef Jens Spahn zum Thema Leihmutterschaft unerwartet aufgerissen hat, sorgen für wachsende Unruhe in den jeweils eigenen Reihen. Apropos Sommerpause: Wie auch andere Medienformate lassen wir es mit diesem wöchentlichen Newsletter bis Anfang September etwas langsamer angehen. Sie erhalten ihn vorübergehend jeden zweiten Samstag – also am 1., 15. und 29. August und ab September wieder wie gewohnt. In unserem Blog erscheinen unsere journalistischen Beiträge weiter wie gewohnt zu den ebenso gewohnten Themen unter www.blog-natur-und-mensch.de: in Bezug zum ländlichen Raum, zu Natur und Jagd, auch mit ihren politischen und gesellschaftlichen Aspekten.
In die Meldungen und Berichte über die Finanz- und Wirtschaftspolitik mischen sich besorgte Stimmen aus dem Lande. Während Bundeskanzler Merz in seiner Sommerpressekonferenz das unveränderte Ziel der Rückkehr Deutschlands zu einer „wettbewerbsfähigen Wirtschaft“ betont, warnen andere. Aus dem Mittelstand kommt die Meldung, dass dort die Investitionsbereitschaft der Unternehmen auf den tiefsten Stand seit über 30 Jahren gesunken ist. Als Hauptgründe nennt der Genossenschaftsverbund der DZ und der Raiffeisenbanken unter anderem eine schwache Nachfrage und steigende Kosten. Und immer wieder ist zu hören, dass die Belastungen durch bürokratische Auflagen eine Wiederbelebung bremsen. Genau dieses Thema hat die Koalition ebenfalls in dieser Woche angefasst. So hat die „Anti-Bürokratie-Ministerrunde“ eine Streichliste vorgelegt, von der sich der Kanzler und sein Digitalminister viel versprechen. Sie enthält unter anderem weniger Melde- und Dokumentationspflichten – übrigens auch für Landwirte, Tierärzte und Tierhalter. Bei Infrastrukturprojekten soll es weniger Einzelprüfungen geben, auch wenn es um die Umweltverträglichkeit geht. Ein Reizwort der Woche bleibt das Thema Minijobs. Sie sind derzeit (noch) steuerlich und in der Sozialversicherungspflicht niedrig pauschaliert. Das betrifft fast acht Millionen gering Beschäftigte und deren Arbeitgeber. Und nicht nur den Dienstleistungsbereich mit Einzelhandel und Gastgewerbe, sondern auch überall diejenigen, wo es um Erntehilfe geht. Der Deutsche Bauernverband (DBV) wendet sich deshalb gegen die Abschaffung beitragsfreier Minijobs im Zuge einer Rentenreform. DBV-Präsident Rukwied warnt gegenüber der Rheinischen Post vor Einschränkungen bei geringfügiger Beschäftigung: „Das wäre ein harter Schlag und würde bei vielen Betrieben die Existenzkrise verschärfen.“
Schicksal des berühmten Buckelwals lässt uns nicht los
Kommen wir noch einmal auf ein anderes Thema zurück. Viele von uns erinnern sich an das Aufsehen um den verendeten Buckelwal mit dem Kosenamen Timmy. Das Leiden dieses einzelnen Exemplars unter den geschätzt über 100.000 Artgenossen, die in den Weltmeeren leben, wurde zum Boulevardthema Nummer eins. Die Dänen sehen das etwas anders. Uns erreichten die Geschichten teilweise im Live-Stream über das schließlich vor der dänischen Insel Anholt verendete Tier in allen nur denkbaren Details. In einer von der Bild angetriebenen Medienlandschaft landete das Szenario bei uns nahezu allen. Und nun auch auf der Bühne. So inszeniert jetzt das Hamburger Ernst-Deutsch-Theater die Wal-Rettungsversuche als moderne Passionsgeschichte. „Das ist geschmacklos“, findet unser Autor Christian Urlage. In unserem Blog geht er in der nächsten Woche auf diese satirische Übertragung des Kreuzigungstodes in ein Theaterstück kritisch ein.
Hinter der ganzen Thematik über den Umgang mit diesem medienträchtigen Schicksal steht gerade in urban geprägten Gesellschaften die oft spaltend gestellte Frage: „Verletzte Wildtiere retten oder in Ruhe lassen“. Bemerkenswerte Antworten sind mir in einem Zeitungsinterview aufgefallen und kommen aus dem eher dörflichen Bereich und dem Ort Klein Offenseth – Sparringshoop. Dieser Ortsname ist mir in Schleswig-Holstein bisher noch nicht ins Bewusstsein gekommen, obwohl ich das Land zwischen den Meeren gut kenne. Ich habe dort lange gewohnt und journalistisch gearbeitet. Meine Ortskenntnis hat sich kürzlich durch einen bemerkenswerten Text erweitert, auf den ich beim Blättern in einer Zeitung der Verlagsgruppe SHZ gestoßen bin. Katharina Erdmann wird zitiert, die mit ihrem Mann dort bei Elmshorn ein Wildtier- und Artenschutzzentrum unterhält und sehr genau unterscheidet, wann man Wildtiere retten soll und wann nicht. Auf eine entsprechende Frage antwortete sie: „Wir hören immer mal wieder Skepsis heraus: Warum macht ihr das überhaupt? Das ist doch Natur. Das stimmt auch manchmal. Letztens rief ein Mann an, der uns einen kleinen Feldhasen bringen wollte, den er zuvor einem Bussard entrissen hatte. Da habe ich gesagt: Moment mal. Der Hase ist schwer verletzt und wird es wohl nicht schaffen. Und dem Bussard wurde das Butterbrot weggenommen, und er hat wahrscheinlich auch gerade Jungtiere. Es ist nun mal Natur, dass Tiere andere Tiere fressen. Was maßen wir uns an, einzugreifen, nur weil wir es nicht ertragen können.“ Sie unterscheidet offensichtlich bewusst, wann sie helfen sollte oder wann nicht. Ihre Bemerkung dazu: „Wenn Menschen selbst noch nie mit einem Wildtier in Not konfrontiert waren, fragen sie eher, warum man eine Wildtierstation überhaupt braucht. Aber wenn sie ein verletztes Tier erleben, wird großes Emotionspotenzial frei.“
Beim Lesen ihrer Motivation verstehe ich den geschilderten Unterschied zwischen natürlichen oder zivilisatorischen, also menschengemachten Gründen zur Aufnahme verletzter Wildtiere. So ordnet sie auch die Behandlung des vor Poel zunächst gestrandeten und dann verendeten Buckelwals anders ein als viele: „Und dann sollten wir Menschen schon in irgendeiner Form handeln. Im Zweifel kann das auch bedeuten, das Tier einzuschläfern. Man muss aber sagen, dass das bei so einem großen Tier alles andere als schön aussieht. Das macht auch was mit den Verantwortlichen, die sich davor scheuen, so eine harte Entscheidung zu fällen, weil es dann mit Sicherheit einen Shitstorm auf Social Media gäbe. Da muss man sich als Gesellschaft fragen: Warum sind wir nicht bereit, so unschöne Bilder auszuhalten? Oft wird hier mit zweierlei Maß gemessen.“ Dem ist kaum etwas hinzuzufügen.
Das Thema Natur treibt viele Verbände, Vereine oder Stiftungen an
Bleiben wir beim Umgang mit unserer Natur. Ihr widmen sich mit teilweise unterschiedlichen Sichtweisen Verbände, Vereine, Stiftungen mit ihren unterschiedlichen Strukturen – ehrenamtlich oder professionell. Die „Stiftung natur+mensch“ geWasshört dazu. Sie beteiligt sich neben ihrer ehrenamtlichen Organisation und naturpädagogischen Arbeit hinaus über den Blog und diesen Newsletter mit professionellen journalistischen Beiträgen an den Debatten über politische, gesellschaftliche und fachliche Themen. Sie liegen im Spannungsbogen zwischen ländlichen Strukturen mit der Naturentwicklung und -nutzung sowie Zusammenhängen von Jagd, Landwirtschaft und Forst, Wohnen und Wirtschaft im ländlichen Raum. Dort leben je nach verwendeter Definition 57 Prozent der Bevölkerung. Diese Gebiete umfassen etwa 91 Prozent der Gesamtfläche des Bundesgebietes. Wenn man ins politische Berlin schaut, kommen die entsprechenden Befindlichkeiten für mich dort irgendwie zu kurz. Nahezu alles, was Natur, die Umwelt und ihre Nutzung betrifft, wird gesetzlich und behördlich geregelt. Wenn es also darum geht, gehört Lobby-Arbeit wie in allen politischen Feldern überall dazu.
Dazu passt ein Beitrag, den unser Autor Christoph Boll nächste Woche in unserem Blog in diese Zeit und Zusammenhänge setzt: Zur Jahresmitte sind die Landesjägertage und der Bundesjägertag gelaufen und soweit anstehend auch die nötigen Wahlen des jagdlichen Spitzenpersonals. Das ist ausnahmslos in ehrenamtlichen Präsidien tätig. Im Gegensatz dazu steht die Organisationsstruktur vieler anderer Umwelt- und Naturschutzverbände mit hauptamtlichen Präsidenten/Vorständen. Da stellt sich angesichts immer schärferer gesellschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen um das Waidwerk die Frage nach der zukunftsfähigen Struktur der jagdlichen Interessenvertretung. Dazu macht sich unser Autor Gedanken und zieht Vergleiche zu anderen anerkannten Naturschutzverbänden.
Überall wird das Wasser knapp
Trockenheit ist in diesen Tagen überall ein Thema. Trockene Forsten mit Waldbrandgefahr, wasserarme Flüsse und sinkende Grundwasserspiegel zeigen bereits Wirkung. Behörden verfügen Verbote von Wasserentnahmen aus Flüssen und Bächen. Das trifft Landwirtschaft und Gartenbau besonders. Wer mal auf das Rasensprengen verzichtet, kann sicher sein, dass die Fläche wieder grün wird, wenn Feuchtigkeit zurückkehrt. Fauna und Flora leiden. Anhaltende Trockenheit und Hitze setzen gerade auch heimische Wildtiere stark unter Stress. Besonders Vögel, Igel und Insekten leiden unter dem Mangel an natürlichen Wasserstellen. Während große Säugetiere wie Rehe oder Wildschweine weite Strecken zurücklegen können, sind Kleintiere dringend auf flache Wasserschalen im Garten angewiesen. Das alles gehört im weiteren Sinne zum „Lernort Natur“. So heißt die große Verbandsinitiative der Jäger. Zu deren 35-jährigem Jubiläum hat der Landesjagdverband NRW eine Projektwoche in allen Teilen des Landes mit Rollenden Waldschulen, Besuchen von Einrichtungen aller Art (vom Kindergarten bis zum Seniorenheim), Exkursionen, lokalen Projekttagen hinter sich. Dazu gratulieren wir herzlich als „Stiftung natur+mensch“ und als lokal sowie ergänzend wirkende Partner mit unserem naturpädagogischen Waldrucksack. Mit Förderern bieten wir ihn zusätzlich Grundschulen und Kindergärten an. So wurden jüngst mit dem Rotary Club in Hamm-Mark allein 17 Grundschulen in der Stadt damit ausgestattet. Es kann gar nicht genug Angebote geben, wenn es um die Vermittlung von Fakten und Zusammenhängen in der Natur geht.
Hiermit verabschiede ich mich heute mit den besten Wünschen für erholsame Sommerferien (im Süden etwas später), in denen wohl viele unserer Leserinnen und Leser die Natur anderswo als gewohnt erleben.
Ihr
Jost Springensguth
Redaktionsleitung / Koordination



