Warum das Land aufgewertet werden muss – ein lesenswerter Appell
- Christian Urlage
- vor 1 Tag
- 3 Min. Lesezeit
Der Journalist Andreas Möller analysiert in seinem Buch „Die Unterschätzten“ den Gegensatz zwischen Dorf- und Stadtbewohnern – vor allem aus dem Blick eines Landwirts aus Mecklenburg

Wohlstand und Demokratie entscheiden sich auf dem Land, wo mehr als die Hälfte der Deutschen leben. Diese These vertritt der Journalist und Technikhistoriker Andreas Möller in seinem lesenswerten Buch „Die Unterschätzten“. Der in Rostock geborene und in Berlin lebende Autor hat viele Gespräche mit Hendrik geführt, einem Landwirt aus Mecklenburg, den er seit Kindertagen kennt. Hendrik bewirtschaftet einen großen Hof in der Nähe von Güstrow. Mit seinen Einblicken bringt Möller eine ungewohnte Perspektive in die Debatte über Stadt und Land ein. Sie fußen auf den Erfahrungen eines nordostdeutschen Bauern, der stärker als Stadtbewohner die Folgen von Regulierungen, Verordnungen und Gesetzen der Europäischen Union und des Bundes spürt.
Möller zeigt, warum Bauern mit ihren Treckern protestieren und warum sich viele Landbewohner von der Politik entfernen: Sie halten Entscheidungen in Berlin und Brüssel für weltfremd. Sie wünschen sich mehr Respekt – für ihre Arbeit, die Lebensmittel sichert, und für ein Leben mit Herausforderungen, die Menschen in der Stadt oft nur erahnen können. Und je weniger man dort die Arbeitsbedingungen kennt, umso mehr schwindet die gesellschaftliche Wertschätzung. So entsteht bei den Landwirten das Gefühl, dass ihre Sorgen und Nöte kaum Gehör finden. Viele fühlen sich vielfach als Buhmänner, verantwortlich gemacht für Fleischskandale, die Klimakrise und das Insektensterben. Wer von seinen Erträgen lebt, sieht die Dinge anders – etwa wenn die Schilf-Glasflügelzikade die Ernte dezimiert.
Vertrauen in die Unionsparteien ist kontinuierlich geschwunden
Der Frust zeigt sich bei den Bauern auch daran, dass ihr Vertrauen in CDU und CSU kontinuierlich gesunken ist: 2013 wählten sie noch zu 74 Prozent die Union, 2017 waren es 61 Prozent, 2021 lediglich 45 Prozent. Die AfD punktet auf dem Land, weil sie die Proteste aufgreift und präsent ist. Die Grünen gelten dagegen als Partei der Städter, deren Politiker selten in den Dörfern auftauchen.
Gleichzeitig wird es für Landwirte immer schwieriger, in der Politik Gehör zu finden: Im Deutschen Bundestag sitzen nur noch vier Bauern unter 630 Abgeordneten, dazu ein Forstwirt und zwei Fleischermeister. Um 1900 arbeitete noch jeder zweite Deutsche in der Landwirtschaft, heute sind es weniger als zwei Prozent.
Andere Perspektiven auf die Energiewende und den Umgang mit dem Wolf
Möller beleuchtet auch andere Perspektiven, etwa auf die Energiewende und den Umgang mit dem Wolf. Landwirte ruinieren ihre Böden schon aus Eigeninteresse nicht, sondern bewirtschaften sie verantwortungsvoll. Doch sie müssen trotz Preisdrucks durch den Handel, trotz Bürokratie ökonomisch überleben. „Hat halt seinen Preis, wenn die Ställe anders aussehen sollen, größer und luftiger, wie man es sich als Besucher auf dem Dorf vorstellt“, zitiert der Autor seinen Gesprächspartner. Auch bei der Energiewende, die auf dem Land mit Windrädern, Biomasse und Solaranlagen umgesetzt wird, sehen Dorfbewohner vieles anders als Städter.
Das gilt auch für den Wolf, der nicht allein Schafe reißt, sondern auch viele Tausend Stück Schalenwild, Rehe und Wildschweine, vor allem aber Dam- und Rotwild. „So wird in Jägerkreisen berichtet, dass beim Damwild in weiten Teilen Niedersachsens und Brandenburgs ab Herbst kaum noch Kälber beziehungsweise Lämmer existieren, beim Muffelwild auch nicht“, schreibt Möller. Zusätzlich dringe der Wolf in Offenställe ein, die in der Rinderhaltung im Osten stark verbreitet seien.
Das Land als Standort von „Hidden Champions“
Möller schreibt jedoch nicht nur über Misstrauen, sondern auch über die Chancen. Das Land sei keineswegs wirtschaftlich rückständig, sondern Standort von „Hidden Champions“, von mittelständischen Unternehmen, die in engen Nischenmärkten Europa- oder gar Weltmarktführer sind, aber öffentlich kaum bekannt. In Zeiten angespannter Lieferketten gewinne eine verlässliche heimische Produktion in intakten Gemeinschaften an Bedeutung. Daher wird nach Ansicht des Autors das bisher unterschätzte Land eine größere Rolle spielen.
Bemerkenswert ist Möllers Vermutung, dass es den Bauern bei ihren Protesten gegen die Abschaffung der Steuerrückerstattung für Agrardiesel weniger ums Geld ging. Vielmehr hätten sie ein kampagnenfähiges, öffentlichkeitswirksames Thema gesucht. Ein allgemeines Unwohlsein, Kritik an einer abwertenden Sprache oder an erlebten Vorurteilen hätten in den Medien jedoch kaum Resonanz gefunden.
Es ist ein erfreuliches, faktenbasiertes Buch, das Verständnis weckt und sich gegen eine Ignoranz wendet, die vor allem den politischen Rändern nützt. „Der gefühlte Zustand der Wirtschaft hat am Ende Auswirkungen auf die Zustimmung zur Demokratie, in Dörfern und Städten gleichermaßen“, schreibt Möller. Man kann diesem Werk eine weite Verbreitung wünschen, auch wenn die Sprache noch klarer hätte sein können.
Andreas Möller: „Die Unterschätzten – Warum sich unsere Zukunft auf dem Land entscheidet“, Verlag Rowohlt Berlin, 208 Seiten, 24 Euro.






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