top of page

Jagdverbände auf neuen Wegen

  • Autorenbild: Christoph Boll
    Christoph Boll
  • vor 5 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Vier Landesjagdverbände (LJV) haben kürzlich neue Präsidien gewählt. Zwei Mal wurden Präsidenten abgewählt. Zwei Mal kamen Frauen an die Verbandsspitze. Das zeigt einen kaum bemerkten Veränderungsprozess


Beitrag anhören (MP3-Audio)

Foto: JessicaBerger
Foto: JessicaBerger

Jagd ist höchst politisch, wenn auch nicht vordergründig parteipolitisch. Immer geht es neben dem verbandsinternen Führungsstil auch um die gesellschaftliche Ausrichtung des Waidwerks. Sie wird an Personen festgemacht, muss aber auch in die Zeit passen. Ein Jägerpräsident, der den Deutschen Jagdverband (DJV) oder einen LJV mit einer solchen Mischung aus Charme, Witz, Taktik und großem Selbstbewusstsein führt wie Constantin Freiherr Heereman dies in Nordrhein-Westfalen 28 Jahre lang tat, ist heute unvorstellbar. Das dürfte einer der Gründe sein, warum kaum ein oberster Repräsentant der Jägerschaft auf Landesebene in der heutigen schnelllebigen Zeit mehr als zwei Wahlperioden absolviert.


In den Debatten geht es fast immer um die innerverbandliche Führung und die Reaktion auf jagdpolitische Entwicklungen bis hin zu neuen Landesjagdgesetzen. Hinzu kommt ein immer schnellerer gesellschaftlicher Wandel, angesichts dessen es wie ein Anachronismus anmutet, dass erst jetzt nach Nicole Heitzig in NRW mit Dorothee Giffey in Hamburg die zweite Frau zur Präsidentin eines LJV gewählt wurde. Wenige Tage später folgte in Rheinland-Pfalz mit Dr. Gitta Greif-Werner die dritte. Sie setzte sich auf dem Landesjägertag nach einer hitzigen Debatte in der Wahl gegen Amtsinhaber Dieter Mahr durch.


Vertrauensvolles Miteinander und konstruktive Ideen“


Greif-Werner hatte angekündigt, im Falle ihrer Wahl die Funktionsträger im Verband deutlich stärker einzubeziehen. Denn nur im vertrauensvollen Miteinander erwüchsen konstruktive Ideen. Das durfte durchaus als Kritik an Mahr verstanden werden. Auch inhaltlich setzte sie sich klar vom Amtsinhaber ab und gab sich kämpferisch. Mit dem neuen rheinland-pfälzischen Jagdgesetz habe es im vergangenen Jahr unter Federführung der grünen Umweltministerin Katrin Eder einen Dammbruch gegeben – weg vom Wild hin zum reinen Waldschutz mit faktischer Enteignung der Jagdgenossen und „Deklassierung“ der Landwirte zu „Grundeigentümern zweiter Klasse“. Alles, was rechtlich und politisch korrigiert werden könne, müsse angegangen werden.


Die fachlichen und politischen Argumente ließen sich auch so interpretieren, dass der Amtsinhaber nicht richtig für die Sache von Jagd, Jägern und Grundbesitzern gekämpft habe. Der Attackierte kündigte zwar auf dem Landesjägertag noch an, im Falle einer Wiederwahl einen besseren Zugang zum Präsidium schaffen zu wollen. Doch weder das noch die Unterstützung seiner Verteidiger bewahrten ihn vor der Abwahl.


An neuen Jagdgesetzen gescheitert


Im Ergebnis gleich ging es Ernst Weidenbusch in Bayern, dessen LJV als einziger in den 16 Bundesländern seit 2009 nicht mehr Teil des DJV ist. Da half auch nicht, dass vor der eigentlichen Wahl der Landeswirtschafts- und Jagdminister Hubert Aiwanger von den Freien Wählern im Beisein von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer zur Einheit aufrief und appellierte, man solle lieber mit- anstelle übereinander reden. Die ministerielle Mahnung erfolgte vor dem Hintergrund jahrelanger verbandsinterner Querelen und Machtkämpfe, teilweise bis hinunter auf die regionale und lokale Ebene. Das hatte bereits gut zwei Jahre nach Weidenbuschs Amtsantritt im März 2023 zu einem Abwahlantrag geführt, der damals allerdings scheiterte. Der ehemalige CSU-Landtagsabgeordnete war auf seine Kritiker zugegangen, hatte eingeräumt, der LJV gebe durch die Streitereien in der Öffentlichkeit ein „katastrophales Bild“ ab, und Besserung durch das Ausräumen bestehender Unstimmigkeiten und Missverständnisse gelobt. Die Beschwichtigungen fruchteten jedoch nicht. Die teils heftige Kritik an Weidenbusch verstummte nicht. Sie kam nicht allein von Jägern, sondern auch von Behörden und Ministerien. Der Unmut über Weidenbuschs autoritären Führungsstil wuchs im Verband kontinuierlich.


Mehr konkrete und nachvollziehbare Transparenz“


Das führte dazu, dass sich Anfang des Jahres der 48-jährige Augsburger Unternehmer Hubert Stärker zur Gegenkandidatur entschied. Er präsentierte sich als Teamplayer und Mann der Basis – mit dem Versprechen, mehr konkrete und nachvollziehbare Transparenz herzustellen. Er versprach zudem einen respektvollen Dialog zwischen den Kreisgruppen, den hauptamtlichen Mitarbeitern und dem Präsidium. „Ich stehe für die konservative Mitte, es sollte keine Extreme geben.“


Auch und schon gar nicht in der Jagd, lautete Stärkers Credo. Entsprechend stehe er auch für Wald mit Wild, was im Gegensatz zur bayerischen Jagdpolitik steht, die der Losung „Wald vor Wild“ folgt. Um das höchste Amt in der bayerischen Jägerschaft beworben hat sich der mit knapp 52 Prozent gewählte neue Präsident nach eigenen Worten, weil er sich nicht mehr von der vorherigen Führung vertreten gesehen habe.


Mitglieder nicht eingebunden


Die Debatte um den Vorrang von Wald oder Wild hatte bereits Thomas Nießen in Mecklenburg-Vorpommern die Präsidentschaft gekostet. Ende 2023 legte er das Amt nieder oder wurde nach anderer Sichtweise herausgedrängt, nachdem mehrere Kreisverbände ihm vorgeworfen hatten, sein Ehrenamt missbraucht und gegen Positionen der Jägerschaft in Mecklenburg-Vorpommern gestimmt zu haben. Im Kern ging es dabei um die zunächst von Nießen und dem LJV mitgetragene Änderung des Jagdgesetzes mit einer Mindestabschussregelung für Rot- und Damwild, ohne Begrenzung nach oben. Kritiker sahen die Gefahr, dass Tierarten dann in ganzen Regionen ausgemerzt werden könnten. In der Folge gab es dann noch den Rücktritt eines Vizepräsidenten und den gescheiterten Abwahlversuch eines weiteren Vizepräsidenten, bevor der zunächst kooptierte und dann gewählte Präsident Florian Asche sich seit 2024 bemühen konnte, den Verband in ruhigeres Fahrwasser zu bringen.


Gemessen daran verlief der Landesjägertag 2026 in Schleswig-Holstein geradezu ruhig. Nachdem Präsident Wolfgang Heins sich nicht erneut zur Wahl stellte, tauschte der LJV sein Präsidium per Ämtertausch quasi durch. Er bestätigt damit den vorgegebenen Kurs der vorherigen Versammlung. Man darf gespannt sein, ob es in Thüringen Ende Mai genauso glatt läuft. Dort tritt Ludwig Gunstheimer zwar ohne Gegenkandidaten wieder an. Aber in den vergangenen zwei Jahren blies ihm mächtig der Gegenwind ins Gesicht, als sich in der Diskussion über höhere Mitgliedsbeiträge tiefe innerverbandliche Gräben auftaten. Gunstheimer kritisierte daraufhin die verbandsinterne Kommunikation der Kreisvorstände.

Kommentare


bottom of page