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- Aus dem Paradies vertrieben – Jäger sind keine Phantasten
Von der Antike bis zur Urbanisierung, von der höfischen Angelegenheit zu aktuellen gesellschaftlichen Konflikten: Jagd und Jäger, Wild und Wald im Spiegel der Literatur im jeweiligen Zeitgeist und der Wirklichkeit. Eine Serie für „ natur + mensch “ Teil 1 und Teil 2 unserer Serie Mit der Aufklärung hat sich der Blick auf die Welt geändert. Die bürgerliche Gesellschaft mit ihren sozialen Verwerfungen und Konflikten rückt zunehmend in das Zentrum der Betrachtung. So zielt auch August Wilhelm Ifflands Stück „Die Jäger. Ein ländliches Sittengemälde“ (1785) mit seiner Kritik am Luxus und der Verkennung natürlicher Lebensrhythmen auf das Gute. Im Mittelpunkt des Geschehens steht die Familie des Oberförsters Gottfried Warberger zu Weißenburg. Sie ist der Inbegriff der Redlichkeit auf allen Ebenen. Das Stück wurde im ganzen deutschen Sprachraum erfolgreich, nachdem Goethe es zur Neueröffnung des Weimarer Hoftheaters 1791 gewählt hatte. Goethe selbst setzt diese Stoßrichtung fort mit seiner Erzählung „Novelle“ (1828). Er hatte sie bereits 1797 unter dem Titel „Die Jagd“ entworfen. Dort geht es um eine ganz neue Art zu jagen: Die Geschichte geht nicht vom Beutemachen aus, sondern von der Erziehung des jungen Jägers zu Selbstbeherrschung und Identifikation mit dem Jagdobjekt. Trieb und Verstand, Instinkt und Wille werden harmonisiert. Dieses Ideal ist nun das höhere Jagdziel, das noch heute in mancher (Jung-)Jäger-Belehrung als Ethos anklingt. Dem entspricht, dass der Leser der Grimmschen, aber auch anderer Märchen sehr selten erfährt, welchem Wild der Jäger nachstellt. Joseph von Eichendorff formuliert es euphorisch: „Aus der Büchse sprühend Funken! Immer höher schwillt die Brust! Wild und Jäger todestrunken. In die grüne Nacht versunken – O du schöne Jägerslust!“ In den Sagen und Märchen ist das Tier nur wichtig, wenn es Ungeheuer oder andere Plagen sind, die die Menschen bedrohen und die die Jagenden bezwingen. Dass sie dabei auch fantastische, geheimnisvolle oder gar zauberhafte Waffen wie einen schwarzen Spieß oder eine Windbüchse einsetzen, niemals vorbei und sogar um die Ecke schießen können, gehört eben zur Welt der Märchen – oder anders gesagt in das weite Feld des Jägerlateins. Verwundbarkeit von Flora und Fauna nicht ausblenden Doch Jäger sind keine Phantasten. Aber in der weiteren Historie ist ihr sozialer Abstieg unaufhaltsam, sowohl in der literarischen als auch in der realen Welt. Anette von Droste-Hülshoff weiß um 1840 in ihrem Gedicht „Am Turm“ immerhin noch eine klare Rangfolge zu benennen: „Wär´ ich ein Jäger auf freier Flur, ein Stück nur von einem Soldaten, wär ich ein Mann doch mindestens nur, …“ Jäger ist also immer noch mehr als Mann oder Soldat. Er ist das Sinnbild des selbstbestimmten Menschen. Doch damit ist es an der Wende zum 20. Jahrhundert ebenso vorbei wie mit dem empathischen Einssein des Menschen mit der Natur. Der bekannte Jäger-Schriftsteller Hermann Löns beschwört zwar noch die Jagd als Heimat und Erfüllung der Sehnsucht nach Authentizität. Zugleich kann er sich der kühlen naturwissenschaftlichen Rationalität nicht mehr entziehen und die Verwundbarkeit von Flora und Fauna nicht ausblenden. Er wird zum frühen Verfechter des Naturschutzes und zugleich zum Vorläufer all jener, die bis heute die Hege als Auftrag verstehen, in einer vom Menschen gestalteten Umwelt dem Wild und seinem Lebensraum zum Recht zu verhelfen. Dieter Stahmann, ehemaliger Vorsitzender des Forums lebendige Jagdkultur, hat in seinem Beitrag „Den Worten auf der Spur“ im Sonderheft „Die Jagd“ der Zeitschrift WILD UND HUND diesen Zweispalt beschrieben. Nach dem Abbruch des Biologie-Studiums lehnt Löns „in seinen späteren Jahren sogar die Darwin´sche Evolutionstheorie ab, weil er sich seine Wunder der Natur nicht durch abstraktes Denken zerstören lassen wollte“. Löns begreift dabei den Menschen als elementaren Bestandteil der Natur, nicht als Fremdkörper. Immer diese grässlichen Jagdgeschichten Der aus einem Försterhaushalt stammende Ludwig Thoma, der zunächst selbst den Beruf des Vaters ergreifen wollte und Jäger war, kann selbst in seinem literarischen Werk die Kluft nicht mehr überwinden. „Nein! Dass der gemütliche Nachmittag so gestört werden musste! Immer diese grässlichen Jagdgeschichten!“, heißt es in der 1921 veröffentlichten Erzählung „Der Jagerloisl. Eine Tegernseer Geschichte“. So klagt die aus der Weltstadt Berlin stammende (zugereiste) selbstbewusste Henny Fehse. Für sie und ihre Familie ist der Titelheld längst nicht mehr der Vornehme, sondern er verkörpert das „Derbe“. Sie spricht gar davon, es gehe zu „wie bei den Wilden“. Der Loisl aber vertritt eine Passion, die Henny nie nachvollziehen kann: „i red von der richtigen Jagerei, net vom Umanandschieß’n und Schind’n und Umbringa, was Haar und Federn hat“. So sehr Thoma auch den bodenständigen jungen Mann als Naturideal glorifiziert, so sehr kann er den gesellschaftlichen Gegenentwurf des urbanen Bürgertums nicht mehr ausblenden. Damit deutet sich zugleich die Wandlung von Natur und der damit verbundenen Jagd als Zentrum des Seins zum Abseitigen, Hinterwäldlerischen an, das sogar im Exzess der zügellosen Sportjagd enden kann. Die ganz überwiegende Mehrheit der aufgeklärten Menschen hat sich heute ganz und gar von der romantischen Sichtweise entfernt. Eine emphatische literarische Naturbeschreibung und Jagdschilderung nehmen sie als Kitsch wahr. Und sie ist es wohl auch, solange sie vordergründig und allein schwärmerisch bleibt. Eine Ursache mag sein, dass die Autoren die Jagd kaum noch in Kategorien und Begriffen vermitteln können, die eine breite Öffentlichkeit versteht – sei es aus schriftstellerischem Mangel oder weil es Verständnis-Defizite auf Seiten der Leser gibt. Zu konstatieren bleibt allemal: Jäger und Nichtjäger sprechen nicht – oder nicht mehr – dieselbe Sprache. Ab dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wird dieser Themenbereich deshalb literarisch immer schwerer darstellbar, bis er ab den 1970er Jahren nahezu obsolet wird. Teil 1 und Teil 2 unserer Serie
- Aus Liebe zum eigenen Dorf
Dorfkümmerer – das klingt nach betreutem Landleben. Tatsächlich sind die Frauen und Männer vielerorts Helfer in Alltagsfragen. Und ihre Zahl wächst Demografischer Wandel, Wegzug, schlechte Verkehrsanbindung, geschlossene Läden – auf dem Land herrscht auch bei gutem Wetter nicht nur eitel Sonnenschein. Die täglichen Dinge wie der notwendige Arztbesuch oder Einkauf, die Angst vor Einsamkeit oder der unerfüllte Wunsch nach einem Treffpunkt für die Kinder des Ortes können Themen sein, die Dorfkümmerer aktiv werden lassen. Gerade in östlichen Bundesländern wie Brandenburg und Thüringen oder auch im Norden in Schleswig-Holstein hat man gute Erfahrung mit diesem System der Hilfe zur Selbsthilfe gemacht. Andernorts wie zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern oder Niedersachsen sind geschulte Dorfmoderatorinnen und -moderatoren im Einsatz. Ob Kümmerer oder Moderator – ihr Kernziel ist durchaus ähnlich: Sie alle wollen das Leben auf dem Land, im weit abgelegenen Ortsteil einer Kleinstadt oder einem Dorf einfacher und besser machen. „Ich kümmere mich darum“ – ein Satz, den man häufig hört. Doch wer dieses Versprechen gibt, muss zuhören, anpacken und wissen, wie er ein Problem oder eine Aufgabe löst. Gerade in Thüringen hat man offenbar so gute Erfahrungen mit dem Dorfkümmerer gemacht, dass sich die Zahl der aktiven und festen Ansprechpartner binnen zwei Jahren auf 70 verdoppelt hat. Ein Auslöser ist das Landesprogramm „Solidarisches Zusammenleben der Generationen“. Es besteht auf verschiedenen Bausteinen. Zu ihnen gehört das Kümmerer-Modell, das auf dem Land immer mehr Schule macht und – auch das ist wichtig – auf einem soliden finanziellen Fundament steht. Thüringen hat in diesem Jahr rund 16 Millionen Euro im Haushalt für das Landesprogramm bereitgestellt. Dorfkümmerer als Gewinn für den ländlichen Raum Aus diesem Topf bedienen sich Kreise und Kommunen. Im Landkreis Gotha zum Beispiel, wo Dorfkümmerer seit 2021 tätig sind, stehen 150.000 Euro bereit. „Die Dorfkümmerinnen und Dorfkümmerer sind ein Gewinn für den ländlichen Raum“, sagt Landrat Onno Eckert. „Sie sind wichtige Ansprechpartnerinnen und -partner für alle Generationen und gestalten das Dorfleben aktiv mit.“ Gute und richtige Lösungen finden – so verstehen viele Dorfkümmerer, die ehrenamtlich oder im Rahmen einer Aushilfstätigkeit aktiv sind, ihre Aufgabe. Sie kennen Ansprechpartner und Akteure vor Ort, verfügen meist über gute Netzwerke und scheuen nicht den Kontakt zu Behörden oder Organisationen. Konkret kann es so aussehen, dass sie Fahrdienste zum Nachbarort organisieren, Treffen für jung und alt vorbereiten und durchführen, in manchen kleinen Streitfällen vermitteln oder Behördenschreiben übersetzen. Bei den Treffen der Kümmerer, die nicht allein agieren müssen, machen viele Beispiele aus der Praxis die Runde. Dorfgemeinschaften brauchen heutzutage Unterstützung In der Akademie für ländliche Räume Schleswig-Holstein e.V. in Flintbek trafen sich erst kürzlich die Dorfkümmerer des Landes zum Austausch. Auch bei dieser Tagung wurde deutlich, dass die damit einhergehende Stärkung des ländlichen Raums auf ganz verschiedenen und den örtlichen Gegebenheiten angepassten Wegen erfolgt. Dorfgemeinschaften brauchen heutzutage eindeutig Unterstützung. Denn alte und tragfähige Strukturen, die jahrzehntelang ein Garant für ein gutes Leben auf dem Dorf waren, brechen immer mehr weg. Vereine finden wenig Nachwuchs, Junge gehen, Alte bleiben. Dass heute in vielen kleinen Orten und Siedlungen Dorfkümmerer und Dorfmoderatoren aktiv sind, ist auf jeden Fall zu begrüßen. Denn es braucht Personen, die sich darum bemühen, die eigene Gemeinde generationenübergreifend zukunftsfähig und lebendig zu halten oder dorthin zu entwickeln.
- Doppelte Ernte: Solarstrom auf dem Acker
Agri-PV kombiniert Stromerzeugung und landwirtschaftliche Produktion. Für die Landwirte bringt die Technik eine zusätzliche Einnahmequelle und weitere Vorteile. Doch es gibt auch Nachteile Oben wird Strom produziert, unten Obst angebaut oder Wein, Hopfen, Getreide, Kartoffeln. Agri-PV (PV für Photovoltaik) macht es möglich. Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine innovative Technik, bei der die Erzeugung von Solarstrom mit Landwirtschaft verknüpft wird – eine effiziente Doppelnutzung. Bauern profitieren von einer zusätzlichen Einkommensquelle und tragen gleichzeitig zur Energiewende bei. Eine Win-win-Situation. Die Photovoltaik-Module werden bei Agri-PV je nach Kultur bodennah oder sogar vier, fünf, sechs Meter auf Ständern über der Erde aufgestellt, sodass Trecker oder Mähdrescher darunter durchfahren können. Diverse Konstruktionen sind möglich, zum Beispiel senkrecht aufgestellte Solarmodule, die in zwei Richtungen Sonnenstrahlen aufnehmen – das Fachwort dafür lautet bifazial (es bedeutet „zweigesichtig“). Oder Solarmodule, die sich mit dem Lauf der Sonne drehen, sogenannte getrackte Anlagen. Sie bringen einen höheren Ertrag als fest installierte Module. Es müssen mindestens zwei Drittel der landwirtschaftlichen Ernte im Vergleich zur vorherigen Nutzung ohne Anlage erzielt werden. Schutz vor Frost, Hagel, Starkregen Der Vorteil von Agri-PV angesichts der knappen, umkämpften Ressource Land: Anders als bei den Photovoltaik-Freiflächenanlagen, die stärker in die Umwelt eingreifen und Ackerfläche vernichten, können Landwirte weiter säen und ernten und die Anbauflächen für die Herstellung von Lebensmitteln nutzen. Ein anderer Vorteil: Wenn die nächste Generation das Grundstück erbt, spart sie Erbschaftssteuer, weil die Grundstücke weiterhin als landwirtschaftliche Flächen eingestuft werden. Solarmodule können zugleich vor Starkregen, Frost und Hagel schützen. Und Erfahrungen zeigen, dass sich in regenarmen Zeiten ein höherer Ertrag bei Feldfrüchten wie Winterweizen und Hafer erzielen lässt, weil weniger Wasser verdunstet. Klingt alles erst einmal vielversprechend. Aber auch wenn die Vorteile überwiegen, bringt Agri-PV im Ackerbau und Gartenbau Nachteile mit sich. So verändern die Anlagen das Landschaftsbild. Im Vergleich zu Freiflächenanlagen sind sie häufig teurer, und sie liefern weniger Strom pro Fläche. Dass die Module Schatten werfen, kann sich negativ auf den Ertrag der Ernte auswirken. Dies führt zum Beispiel dazu, dass Körner nicht richtig reifen oder Äpfel eine andere Farbe annehmen. Mais, eine der am häufigsten angebauten Nutzpflanzen, erweist sich als nur bedingt geeignet: Die Pflanzen wachsen zu hoch. Und nicht immer passen die breiten, modernen Maschinen durch die Reihen zwischen den Solarmodulen. Hier gilt es, noch weitere Erfahrungen zu sammeln. Maximal 15 Prozent Flächenverlust Mit der Optimierung der Anlagen und generell mit den Herausforderungen befassen sich Forscher des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. Der Gründervater Adolf Goetzberger hatte schon 1981 die Idee der doppelten Ernte. Heute erstellen die Wissenschaftler landwirtschaftliche und technische Analysen, begleiten Pilotprojekte und bewerten die Agri-PV-Anlagen mit Blick auf mögliche Umweltrisiken und Wettbewerbsfähigkeit. Zusammen mit der Universität Hohenheim, dem Deutschen Institut für Normung und weiteren Wissenschaftlern hat das Fraunhofer-ISE die DIN-Spezifikation DIN SPEC 91434 entwickelt – und so Qualitätskriterien festgelegt. So darf etwa der Flächenverlust durch die Installation bei einer Bewirtschaftung unter der Agri-PV-Anlage maximal zehn Prozent betragen und bei einer Bewirtschaftung dazwischen höchstens 15 Prozent. „ Vier Prozent der Ackerflächen würden reichen“ Das Fraunhofer-Institut sieht in Agri-PV große Chancen: „Nur rund vier Prozent der deutschen Agrarflächen würden ausreichen, um mit hoch aufgeständerter Agri-PV bilanziell den gesamten aktuellen Strombedarf in Deutschland zu decken“, heißt es in einem Leitfaden . Doch um hier weiterzukommen, ist die Akzeptanz der Anlagen entscheidend. Zwingend erforderlich ist es daher, dass Bürgerinnen und Bürger frühzeitig eingebunden und umfassend informiert werden. Die erste kommerzielle Agri-PV-Großanlage – eine getrackte Anlage – hat Anfang August Baden-Württembergs Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) eingeweiht. In Schlier bei Ravensburg wird an drei Standorten auf 14 Hektar Ackerfläche Strom aus der Energie der Sonne erzeugt. Jedes Jahr soll diese riesige Anlage etwa 14 Millionen Kilowattstunden Strom liefern – und sie soll weiteren Großanlagen als Vorbild dienen.
- Tauziehen um den Haushalt – Faeser in der Kritik – Sorgen wegen Schweinepest
Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und zurück auf diese Woche Liebe Leserinnen und Leser, in diesem Wochenkommentar lesen Sie etwas zum verlängerten Tauziehen um den neuen Bundeshaushalt. Es wurde gestern mit „Umschichtung von Geldern für die Deutsche Bahn“ beendet. Das Procedere vorher war ein weiterer Beitrag zu Zweifeln an der Ampelkoalition, wie uns unter anderem das ZDF-Politbarometer belegt. Mit dem vorläufigen Scheitern der Innenministerin vor dem Bundesverwaltungsgericht bei ihrem versuchten Verbot eines rechtsextremen Magazins sowie ihren geplanten Änderungen am Waffengesetz zieht Nancy Faeser zunehmend Kritik auf sich. Mehr als nur Sorgen macht weiter die zunehmende Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest. Üblicherweise dient eine Sommerpause dazu, sich zu erholen und neue Kraft für die bevorstehenden Aufgaben zu tanken. Das gilt auch für Politiker in der sitzungsfreien Zeit des Bundestags. Doch in Berlin scheint man derzeit vor allem damit beschäftigt, die Sommerzeit mit einem quälenden Weiter-so zu füllen. Man nehme nur den leidigen Haushaltsstreit. Von der vor wenigen Wochen groß verkündeten Einigung und neuen Harmonie ist zwischenzeitlich wenig geblieben – so wenigstens der auch von den Ampelparteien nach Kräften vermittelte Eindruck in der Öffentlichkeit. Die gestern kurz vor Toresschluss gefundene Lösung steht deswegen unter dem Verdacht, schon bald wieder nur noch Makulatur zu sein. Wie die trotzdem verbliebene Lücke am Ende noch geschlossen wird, bleibt vage: Die Regierung setzt auf eine Lösung im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung. So jedenfalls heißt es offiziell. Damit hat das Parlament eine Vorlage, die Fragen weiter offenlässt. Regierungspolitiker haben sich bisher mit wechselseitigen Etatwünschen überzogen und teils beißende Kritik am jeweiligen Koalitionspartner geübt – so als säße man nicht gemeinsam am Kabinettstisch, sondern auf den Oppositionsbänken. Das ist fatal, denn ein solcher Streit ist lähmend und stellt allen Beteiligten ein schlechtes Zeugnis aus. Denn die Aufgabe einer Regierung ist nicht, alles besser zu wissen, sondern möglichst viel besser zu machen. Anders gesagt: Weniger streiten, mehr handeln . Doch davon kann bei der Ampel in ihrem aktuellen Zustand und trotz der Einigung gestern nun wirklich keine Rede sein. Ein besonders betrübliches Schauspiel bietet wieder einmal die Bundesinnenministerin. So hat das Bundesverwaltungsgericht jetzt Nancy Faesers Verbot des rechtsextremen Magazins „compact“ vorerst teilweise aufgehoben. Das ist eine böse Schlappe für die SPD-Ministerin. Denn so politisch skandalös und verabscheuungswürdig das AfD-nahe Blatt auch sein mag, von einer Bundesministerin muss man gerade in solch brisanten Fällen ein rechtskonformes, kluges und kühles Vorgehen erwarten. Der Kampf gegen rechtsextreme Umtriebe sollte von allen demokratischen Kräften energisch geführt werden. Aber gerade Amtsinhaber dürfen dabei niemals das politische Augenmaß verlieren. Verschärfung des Waffenrechts Ein vergleichbares Muster zeichnet sich bei der von Faeser geplanten Verschärfung des Waffenrechts ab. Nach den Vorstellungen der SPD-Ministerin sollen Messer künftig nur noch mit einer Klingenlänge von sechs Zentimetern statt bisher zwölf Zentimetern mitgeführt werden dürfen. Das ist Aktionismus und stellt nicht zuletzt Jäger unter einen öffentlichen Generalverdacht. Zwar ist auch hier das Motiv der Ministerin grundsätzlich nachvollziehbar: Gewalt und Kriminalität gerade in Großstädten weiter einzudämmen. Aber für eine grundlegende Änderung müsste die SPD-Politikerin andere Maßnahmen vorantreiben: eine bessere Jugend- und Integrationsarbeit vor allem in sozialen Brennpunkten, mehr Polizeikontrollen, die Justiz-, Sicherheits- und Waffenbehörden personell und materiell besser ausstatten und vieles mehr. All dies ist teuer und im politischen Alltag nur mühsam zu bewältigen. Gleichwohl gehört das Bohren solch politisch dicker Bretter zu den Pflichten einer Ministerin. Kein Wunder, dass die Kritik an dem von Faeser geplanten Messerverbot heftig ausfällt. So erklärte etwa Marc Henrichmann, in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zuständiger Berichterstatter für das Waffenrecht, dies sei ein faktenferner Vorstoß. Er schaffe lediglich ein falsches Gefühl von Sicherheit , ohne die tatsächliche Gefährdungslage zu verbessern. Wer eine Gewalttat plane, werde sich auch zukünftig nicht an Regeln halten. Individuelle und kontrollierbare Waffenverbote für Straftäter, Gefährder und Extremisten seien der Schlüssel für echte Sicherheit, so Henrichmann. Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann kritisierte die von Faeser geplanten Messerverbote als „Symbolpolitik“. Die Zunahme an Messerdelikten in den vergangenen Jahren sei besorgniserregend. Aber das Tragen von Messern sei jetzt schon nur sehr eingeschränkt erlaubt. Die Tötung eines Polizisten auf dem Marktplatz in Mannheim etwa wurde „mit einem Messer verübt, dessen Mitführung schon nach geltendem Recht verboten war und ist“, betonte der CSU-Politiker. Gesellschaftlicher Werteverfall Die Messerkriminalität ist vor dem Hintergrund einer zunehmenden Gewaltbereitschaft in Teilen der Bevölkerung zu sehen. Man denke nur an die skandalösen Attacken gegen Rettungs- und Einsatzkräfte bei Unfällen oder Naturkatastrophen. Wer anderen Menschen hilft, sollte eigentlich Respekt und Dankbarkeit erwarten. Stattdessen werden sie selbst Opfer von Gewalt. Plakativer können Verrohung und gesellschaftlicher Werteverfall kaum sichtbar werden. Selbst die niedergelassenen Ärzte haben jetzt wegen zunehmender Gewalt von Patienten die Politik um Hilfe gerufen. Aggressives Verhalten, verbale Bedrohung bis hin zu Tätlichkeiten seien ein wachsendes Problem in Arztpraxen, berichtete der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung KBV, Andreas Gassen, in einem NOZ-Interview. Bundesjustizminister Marco Buschmann reagierte mittlerweile und sagte, man wolle klären, ob das geplante Gesetz zum besseren Schutz von Einsatz- und Rettungskräften, etwa in Notaufnahmen, auch auf Arztpraxen ausgeweitet werden könne. So weit, so gut. Doch hätte man da als Minister nicht von selbst mehr Initiative zeigen und ein Zeichen für alle Helfer – auch die ehrenamtlichen – setzen können? Wieder einmal drohen hier von Seiten der Koalition politisch halbe Sachen. Vor diesem Hintergrund ist allzu verständlich, dass die Bürger der Koalition momentan ein schlechtes Zeugnis ausstellen. So sagten 58 Prozent der Befragten im jüngsten ZDF-Politbarometer, dass Bundeskanzler Olaf Scholz seine Arbeit nicht gut mache und es ihm an Führungsstärke fehlen. Für 62 Prozent leistet die Ampel schlechte Arbeit. Diese schlechten Werte sind ein Problem für den Kanzler und für alle Koalitionsparteien. Vor allem aber sind sie ein drastischer Hinweis auf die Zustände in unserem Land. Vieles geht nicht richtig voran, von der Digitalisierung über die Verbesserung der Infrastruktur bis hin zu einer Belebung der wirtschaftlichen Dynamik – von einer effizienten und sozial ausgewogenen Energiewende ganz zu schweigen. Schuld an den Streitigkeiten, insbesondere über den Bundeshaushalt, ist für 35 Prozent der Befragten hauptsächlich die FDP, während hier 13 Prozent die Grünen und sieben Prozent die SPD nennen. 35 Prozent meinen laut ZDF-Politbarometer, alle Ampelpartner seien gleichermaßen verantwortlich. Egal, wer hier letztlich Recht hat: Es bleibt das Bild einer uneinigen Regierung, die stark mit sich selbst beschäftigt ist, statt den Blick nach vorn auf gemeinsame Lösungsansätze zu richten. Augenscheinlich wird von den Koalitionären vorrangig versucht, sich parteipolitisch für die kommenden Landtagswahlen und insbesondere für die Bundestagswahl im September 2025 zu profilieren. Dass Robert Habeck jetzt erstmals öffentlich sein Interesse an der Kanzlerkandidatur der Grünen bekundet hat, passt in dieses Bild. Ob der Begriff Kanzlerkandidatur allerdings bei einer Partei wie den Grünen passend wirkt, die im aktuellen ZDF-Politbarometer in der Sonntagsfrage auf nur 13 Prozent kommen, ist eine andere Frage. Gefährliche Tierseuche breitet sich aus Zum Schluss noch ein ganz anderes Thema, das im ländlichen Raum, insbesondere in Schweinemastbetrieben und in der Jagd besonders große Sorgen auslöst: die zunehmende Ausbreitung der Afrikanische Schweinepest. Seit Juni hatten sich die Fälle der gefährlichen Tierseuche in Hessen gehäuft. Jetzt ist auch erstmals ein infiziertes Wildschwein in Baden-Württemberg tot aufgefunden worden. Um den Fundort bei Hemsbach herrscht in einer 15-Kilometer-Zone Jagdverbot , um die Wildschweine nicht aufzuschrecken. Außerhalb gibt es eine Zone, in der umso intensiver gejagt wird, damit kranke Tiere möglichst keine Artgenossen mehr finden, die sie anstecken können. In Hessen hatten sich acht Hausschweine in unterschiedlichen Betrieben mit dem Virus infiziert. Die Folgen für die betroffenen Landwirte sind fatal. Aus den Sperrbezirken nehmen Schlachthöfe zum Teil auch gesunde Tiere nicht ab. Am Ende führt die Entwicklung zu massenhaft behördlich veranlassten Tötungen. Das kann für betroffene Betriebe zu wachsender Existenzgefährdung führen. Lassen Sie uns hoffen, dass sich die Lage nicht weiter zuspitzt. Ihnen, liebe Leser und Leserinnen, wünsche ich eine gute, positive Woche und verbleibe mit den besten Grüßen Ihr Jürgen Wermser, Redaktionsleitung/Koordination
- Wenn die Weltkriegsgranate hochgeht
Bei Hitze und Trockenheit wird es gefährlich. Bomben aus dem Weltkrieg oder den Beständen der heute nicht mehr existierenden Armeen können explodieren, wenn es im Wald oder auf dem Feld brennt. Mit schweren Folgen für Mensch und Natur In Granzin probt man jetzt schon mal den Ernstfall. Der gut 100 Einwohner zählende Ort im Müritz-Nationalpark liegt ganz nahe an einem Manövergelände, auf dem bis Anfang der 1990er Jahre Panzer und Angriffswagen der damaligen Sowjetarmee den Dritten Weltkrieg geprobt haben. Mit dem Fall der Mauer und dem Abzug der damals noch sowjetischen Truppen blieben auch in dem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern tonnenweise Munition, Bomben und chemische Kampfstoffe einfach neben Bäumen und im Erdreich liegen. Fängt es – wie 2019 und 2022 – in den Wäldern an zu brennen , werden all diese Risiken im Erdreich scharf. Und genau auf diese Gefahr wollen sich die Behörden im Landkreis Ludwigslust-Parchim jetzt mit einer Probeevakuierung besser vorbereiten. Vor allem geht es darum, Menschen, die sich nicht mehr selbst aus der Gefahrenzone bringen können oder wollen, schnell in Sicherheit zu bringen. Dafür müssen Abläufe besser koordiniert werden. Altlasten aus der Geschichte Dabei ist das kleine Dorf Granzin wahrlich kein Einzelfall. In Deutschland liegen 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges noch immer Millionen Blindgänger und militärisches Material in der Erde. In Ost und West, in den Bergen, in den Städten, in der Ostsee. Besonders viel Gefahrenmaterial findet man im Großraum Berlin, in Brandenburg und teilweise in Mecklenburg-Vorpommern. Denn dort fanden in den Jahren Ende 1944 und Mai 1945 die schwersten Bodenkämpfe zwischen Deutschen und Russen statt. Und all diese Regionen waren nach dem 8. Mai 1945 bevorzugte Übungsgebiete der Roten Armee und der Nationalen Volksarmee der DDR. Es wurde 40 Jahre geschossen und gebombt, Granaten und Kampfstoffe wurden ausprobiert – ohne Verantwortung für das, was mit den Flächen passierte und welches Erbe man der Generation danach hinterließ. Private Waldeigentümer gab es nicht, ökologische Interessen durften noch nicht einmal artikuliert werden angesichts der ruhmreichen Sowjetarmee und ihrer Vasallen-Streitkräfte. Bei den als Rüstungsaltlasten bezeichneten Grundstücken handelt es sich laut Definition um Altstandorte und Altablagerungen, auf denen Explosivstoffe, Brand- und Rauchstoffe, chemische Kampfmittel, Produktionsrückstände entwickelt, erprobt, hergestellt, verarbeitet, gelagert oder vernichtet wurden. Grund genug für das Land Mecklenburg-Vorpommern, die etwa 10.000 Hektar hochgradig belasteten Waldflächen in 20 Jahren von allen militärischen Altlasten räumen zu wollen. Nach dem Abzug der Roten Armee in den frühen 90er Jahren und der Auflösung der Nationalen Volksarmee wurden die Flächen und Liegenschaften dort einfach aufgegeben. „Das Maximale war ein Zaun, den die dort aufgestellt haben“, sagt ein Kenner der Materie. Karten oder weitergehende Informationen, wo denn die teilweise noch immer scharfe Übungsmunition liegt, gab und gibt es nur in Ausnahmefällen. Privaten Waldbauern, die zum Teil aus dem Westen wieder in ihre Heimat zurückkehrten und ihr Eigentum auch zurückerlangten, hatten ebenso wie die staatliche Forstverwaltung oft überhaupt keinen Überblick über die bestehenden und gefährlichen Altlasten. Es gilt die höchste Gefahrenstufe Fast genau vor zwei Jahren erfuhren diese Altlasten kurz neue mediale Aufmerksamkeit. Im feinen Berliner Grunewald erschwerten im Erdreich liegende Weltkriegsbomben und Granaten das Löschen eines Waldbrandes in der Hauptstadt. Feuerwehr und Kampfmittelräumdienst waren tagelang im Großeinsatz, die Tagesschau berichtete live, die Liveticker glühten. Detonationen waren sogar bis Berlin-Mitte zu hören – dementsprechend fielen das Medienecho und das Gruseln der Hauptstadtpresse auch groß aus. So viel Medienecho erfahren die anderen ländlichen Regionen nicht: Im Hitzesommer 2019 brannte es auch in der direkten Nähe des ehemaligen Truppenübungsplatzes bei Lübtheen. Noch 20 Jahre nach dem Abzug der Militärs gilt die höchste Gefahrenklasse 4. Besonders problematisch: Nach Angaben des Landkreises Ludwigslust-Parchim liegen auf dem rund 4100 Hektar großen Übungsplatz Kampfmittel in unbekannten Mengen und teilweise unbekannter Art. Unzählige Granaten und Munition explodierten. Die Brandbekämpfung war lebensgefährlich. Nur vom Rand und in sicherer Entfernung sowie aus der Luft konnten die Brandherde bekämpft werden, mehrere Ortschaften in unmittelbarer Nähe des Feuers mussten damals evakuiert werden. Auch rund um den früheren Truppenübungsplatz Granzin liegen mehrere Dörfer innerhalb des Sicherheitsgürtels von 1.000 Metern, die im Brandfall ebenfalls geräumt werden müssen. Darauf will man jetzt mindestens in Granzin besser vorbereitet sein.
- Green Deal ist Geschichte
Jetzt propagiert Ursula von der Leyen den „clean industrial deal“: Was der Paradigmenwechsel in der EU-Landwirtschaftspolitik konkret für die Bauern bedeutet Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will sich in den nächsten fünf Jahren in der Landwirtschaftspolitik vor allem um die Anpassung an den Klimawandel kümmern. Während im vergangenen Mandat auch in der Agrarpolitik der Klima- und der Artenschutz im Zentrum von Vorschlägen ihrer Kommission standen, soll es nun darum gehen, die Landwirtschaft und die Lebensmittel produzierende Branche in einem umfassenden Sinn widerstandsfähiger zu machen. Der Paradigmenwechsel wird nicht allen gefallen. Vor allem nicht den Umweltlobbyisten, die in den vergangenen fünf Jahren des Green Deal und eines ihren Argumenten besonders zugeneigten Kommissionsvizes Frans Timmermans viele Verbote und restriktive Maßnahmen durchsetzen konnten. Der Green Deal ist Geschichte, jetzt ist der „clean industrial deal“ (sauberer industrieller Deal) angesagt, wie die bisherige und künftige Kommissionspräsidentin in ihren Leitlinien schreibt. Was können Bauern und Lebensmittelindustrie konkret von Brüssel erwarten? Die EU dürfte, von der Leyen hat dies in ihrer Rede am 18. Juli bereits angekündigt, Zuschüsse zu Ernteausfallversicherungen zahlen. Wenn also Starkregen, Blitzeis oder Dürre die Ernte verhageln, dann soll der finanzielle Schaden den Bauern von einer Versicherung ausgeglichen werden. In Italien etwa wird dieses Modell bereits seit Jahren mit Erfolg praktiziert. Auch im Südwesten Deutschlands gibt es erste Erfahrungen. Von Israel lernen Gerade im Mittelmeerraum hat sich die Wasserknappheit schon dramatisch verschärft. In vielen Regionen in der südlichen EU stellt man sich bereits die Frage, ob wegen chronischen Wassermangels der Anbau von Feldfrüchten und Sonderkulturen perspektivisch ganz ausfallen muss. Die Kommission will bald eine Strategie zur Sicherung der Wasservorräte vorlegen. Hier könnte Europa von Israel lernen: Dort wird das Wasser für die prosperierende Landwirtschaft in Meerentsalzungsanlagen gewonnen. Zunächst fließt es durch die Haushalte, um nach der Aufbereitung als Brauchwasser auf den Feldern wiederverwendet zu werden. Extreme Wetterbedingungen setzen die Pflanzen unter zusätzlichen Stress, sodass der Schädlingsdruck zunimmt. Das bedeutet, dass die Pflanzen besser gegen vermehrt auftretende Schädlinge und Krankheiten geschützt werden müssen. Von der Kommission wird erwartet, dass sie einen neuen Aufschlag im Pflanzenschutzrecht macht. Zulassungen neuer Wirkstoffe sowie Wiederzulassung bewährter Mittel müssen schneller und unbürokratischer vonstattengehen. Zudem muss sichergestellt werden, dass in ein und derselben Regelungszone auch die gleichen Mittel zugelassen sind. Bislang kann davon nicht die Rede sein. Daher haben die Bauern in der EU auch nicht die gleichen Wettbewerbsbedingungen. Dies gilt im Übrigen nicht nur für den Pflanzenschutz: Auch beim Tierwohl sattelt etwa die Bundesregierung regelmäßig drauf, weswegen Tierhaltung in Deutschland und Tierhaltung in Südosteuropa nicht vergleichbar sind. Wenn es um Resilienz für die Landwirtschaft geht, dann muss dies Folgen für die EU-Handelspolitik haben. Dann darf der Markt für Produkte aus dem Mercosur-Raum oder aus der Ukraine nur dann geöffnet sein, wenn die Anforderungen vergleichbar sind. Und auch beim Artenschutz muss die Kommission handeln und einen neuen Vorschlag für die Vogelschutz- sowie die FFH-Artenschutzrichtlinie vorlegen. Nicht nur Dürren und Extremwetterereignisse setzen den Ernten und Viehbeständen zu, sondern auch einige ehemals vom Aussterben bedrohte Tierarten, die sich inzwischen gut entwickelt haben. Bislang stand der Wolf im Mittelpunkt dieser Debatten. Doch auch Bär, Biber sowie Vogelarten wie Gänse, Saatkrähe und Kormorane sind im Begriff zur Plage zu werden.
- Sagenhaft edel – „Der gelernte Jäger“
Von der Antike bis zur Urbanisierung, von der höfischen Angelegenheit zu aktuellen gesellschaftlichen Konflikten: Jagd und Jäger, Wild und Wald im Spiegel der Literatur im jeweiligen Zeitgeist und der Wirklichkeit. Eine Serie für „ natur + mensch “ Teil 1 unserer Serie finden Sie hier . Ein Jäger muss kein Prinz sein, um eine Prinzessin zu heiraten. Das lehrt die Geschichte „Der gelernte Jäger“. Sie gehört zu jenen mehr als 200 Sagen und Märchen, die die Brüder Grimm zu Beginn des 19. Jahrhunderts gesammelt haben. Wie der Bayerische Landesjagdverband festgestellt hat, kommen in fast der Hälfte von ihnen die Themenbereiche Natur, Wild und Wald, Jagd und Jäger vor. Da es stets mittelalterliche Geschichten sind, ist der gesellschaftlichen Realität jener Zeit folgend der König der Eigentümer des Waldes und folglich der Herr der Jagd. Waidwerk ist also immer höfische Angelegenheit. Und es führt durchaus häufiger zur Heirat. So findet der König oder der Prinz als angehender König in den Märchen „Brüderchen und Schwesterchen“, „Die sechs Schwäne“ und „Allerleirauh“ auf der Jagd seine zukünftige Frau. Jagd ist der standesgemäße Rahmen für lebenswichtige und staatstragende Entscheidungen. Als Spiegel gesellschaftlicher Wirklichkeit sind Sagen, Fabeln und Märchen besonders nah an der Masse der Bevölkerung. Auch wenn die Brüder Grimm vor der Veröffentlichung die Märchen in unterschiedlichem Maße überarbeitet und stilistisch geformt haben, darf unterstellt werden, dass aus ihnen in gehörigem Umfang der Volksmund spricht. Für den ist durchaus möglich, dass der Jäger eine Prinzessin heiratet, wie er es im Märchen „Der singende Knochen“ vermag. Dabei erklärt nicht allein die Befreiung des Landes von einem Ungeheuer – in diesem Fall einem großen Wildschwein – den sagenhaften gesellschaftlichen Aufstieg. „Der gelernte Jäger“ übt mit der Tat nicht nur ein königliches Privileg aus, sondern er wird nach dem Tod des Herrschers sogar dessen Nachfolger. Ritterlichkeit und Waidgerechtigkeit gehen Hand in Hand Der Jäger ist also sowohl als Ehemann der Königstochter als auch auf dem Thron standesgemäß. Und das, obwohl er doch eigentlich nur Teil des Hofgesindes ist. Ihn adelt seine Profession, das edle Waidwerk. Es ist ein hohes Amt und beansprucht höchste Ehre. Im Märchen sind deshalb Jäger nahezu immer Menschen mit aufrechter, ehrlicher Gesinnung. So folgt der Jäger auch nicht dem Befehl, Schneewittchen zu töten, sondern hat Mitleid und lässt sie im Wald frei. Ritterlichkeit und Waidgerechtigkeit gehen Hand in Hand. Beide entspringen einer inneren, einer seelischen Haltung. Sie ist die Basis eines sittlichen Standards, der einen gesellschaftlichen Kodex normiert. Wie das Turnier der Ritter folgt auch die Jagd festen Regeln. Wer die rechte innere Haltung nicht hat, gleichwohl aber jagt oder sich als Jäger ausgibt, ist ein gemeiner Schuft, ein mieser Charakter. Dazu zählt der Rattenfänger von Hameln, der die Kinder im Jägerkleid entführt. In späterer Zeit kann sogar der die Obrigkeit vertretende Berufsjäger der Schuft sein, wenn er zum Handlanger der Repression wird. Es kommt in diesem Fall also zur verkehrten Welt, in der sogar der Wilderer – zum Freischützen mutiert – das Gute repräsentiert. Das Lied vom Georg Jennerwein belegt dies beispielhaft. Noch Marie von Ebner-Eschenbachs 1883 veröffentlichte Geschichte vom Krambambuli hatte die gegensätzliche Sichtweise. Selbst der leibhaftige Teufel kann sich wie in Jeremias Gotthelfs Novelle „Die schwarze Spinne“ (1842) als Jäger verkleiden. Selbst der böse Wolf hat menschliche Züge Auch der verbrecherische Koch geht im Märchen „Die Nelke“ auf die Jagd „wie ein vornehmer Mann“, der er aber eben nicht ist. Er verstellt sich also, wenn er jagt, maßt sich eine innere Haltung an, die ihm nicht eigen ist. Wer sich unberechtigt den Jagdrock anzieht, muss entlarvt werden. Weil die Jagd in dieser Weltsicht – anders als heute – immer eine Männerdomäne ist, gilt das selbst für die Frau mit den besten Motiven. Das zeigt die Geschlechterprobe im Märchen „Die zwölf Jäger“. Dem entsprechen die damals bekannten Grundlinien des Jagdmotivs in der deutschen Literatur: Jagd als Privileg der männlich dominierten oberen Gesellschaftsschichten, Empathie mit den notleidenden Tieren, Anthropologisierung der Tiere selbst durch Übertragung. Im Märchen hat eben selbst der böse Wolf menschliche Züge. Er personifiziert wie in „Rotkäppchen“ und „Der Wolf und die sieben Geißlein“ das Niederträchtige und Hinterhältige. Dem tritt der Jäger in seiner Beschützerrolle entgegen. Folglich ist nur konsequent und gerecht, dass der Jäger kommt, den Wolf, der Rotkäppchen gefressen hat, aufschneidet und auf diese Weise die Wendung zum Guten bringt. Da passt ins romantische Bild, dass auch die Diskussion jener Zeit um den Berufsstand des Jägers diesen in besonderer gesellschaftlicher Verantwortung sah. Nachdem schon Heinrich Wilhelm Döbels „Neueröffnete Jäger-Practica“ (1750) sich mit der Basis der Jägerausbildung beschäftigt hatte, schlug Johann Jacob Büchtings „Kurzgefaßter Entwurf der Jägerey“ (1756, 1768, 1814) einen neuen Ausbildungsstandard vor. In der von ihm verfassten Einleitung betont der Hallenser Mathematiker Johann Joachim Lange die moralische Verpflichtung des Jägers, der sachverständig, treu, einfühlsam, standhaft und in Gerichtsfällen verschwiegen zu sein habe. Teil 3 lesen Sie am kommenden Mittwoch in unserem Blog.
- Gesellschaftlicher Zusammenhalt lässt sich nicht kaufen
Anders als rot-grüne Politiker behaupten, hängt gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht von der Höhe der Sozialausgaben ab. Mindestens ebenso wichtig ist, dass Steuer- und Beitragszahler das Gefühl haben, sie würden fair behandelt – fairer als zurzeit Als Fortschrittskoalition waren sie angetreten. Knapp drei Jahre später bilden SPD, Grüne und FDP ein Verteidigungsbündnis. Die Freien Demokraten präsentieren sich als die Kraft, die bei den Staatsfinanzen noch Schlimmeres verhindert. SPD und Grüne wiederum verteidigen Seit‘ an Seit‘ den immer stärker ausufernden Sozialstaat. Doch streiten sie nicht nur für mehr Geld für tatsächlich oder vermeintlich Bedürftige. Sie versuchen das auf eine höhere Ebene zu heben: Sie verteidigen den „gesellschaftlichen Zusammenhalt“. Der Kanzler hat schon von Tag eins an die „You never walk alone“-Hymne angestimmt. Das soll ihn volkstümlich erscheinen lassen und den Menschen das wohlige Gefühl vermitteln, der gute Vater Staat nehme ihnen die größten Risiken und Bürden ab. Bei seiner Sommer-Pressekonferenz nannte er „technologische Modernisierung, Fortschritt, Wachstum und gesellschaftlichen Zusammenhalt" als die drängenden Aufgaben. Der Begriff „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ fehlt auch in keiner Stellungnahme von rot-grünen Politikern, wenn sie die These vertreten, die Sozialausgaben müssten bei der Suche nach den fehlenden Milliarden im Bundeshaushalt 2025 tabu sein. Einsparungen dürften auf keinen Fall „zu Lasten des sozialen Zusammenhaltes" gehen, betonen die Grünen-Fraktionsvorsitzende Britta Haßelmann und ihr Vize Andreas Audretsch vor jedem Mikrofon und jeder Kamera. Das klingt so, als habe gesellschaftlicher Zusammenhalt ein Preisschild, als könne man das, was früher Solidarität genannt wurde, kaufen. Mehr Sozialausgaben denn je Wenn dem so wäre, müsste der gesellschaftliche Zusammenhalt bei uns Jahr für Jahr größer geworden sein. Denn die Summe aller Sozialausgaben steigt und steigt. 2023 erreichte sie mit 1,25 Billionen Euro einen neuen Höchststand. 2020 waren es 1,12 Billionen gewesen, im Jahr 2010 erst 0,77 Billionen. Damit entsprechen die Aufwendungen gut 30 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Leistung. Wenn also 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Gesundheit, Renten oder die Grundsicherung ausgegeben werden, kann man dem Staat nicht vorwerfen, er lasse sich den gesellschaftlichen Zusammenhalt nichts kosten. Auch die Behauptung vom angeblichen „Kaputtsparen“ wird durch diese Zahlen widerlegt. Nein, gesellschaftlicher Zusammenhalt lässt sich nicht kaufen. Natürlich wäre er gefährdet, wenn ein großer Teil der Bevölkerung in bitterer Armut verharren müsste. Davon kann in der Bundesrepublik keine Rede sein. Zu einem vernünftigen Miteinander der Menschen gehört freilich mehr als ein spendabler Staat. Eine freiheitliche Gesellschaft funktioniert nur dann, wenn jeder seinen Teil dazu beiträgt – materiell wie immateriell. Die politische Mitte schrumpft So zeichnete sich das politische Leben bei uns viele Jahrzehnte lang durch einen Konsens der wichtigsten Parteien aus – die Gemeinsamkeit der Demokraten. Für Union, SPD, FDP und später auch für die Grünen stand fest, dass mit Radikalen – linken wie rechten – kein Staat zu machen ist. Das führte dazu, dass von den Rändern keine Gefahr drohte. Doch die politische Mitte schrumpft. Dazu hat in den 2000er-Jahren zunächst die Westausdehnung der ehemaligen SED beigetragen, ein Jahrzehnt später dann die in Teilen rechtsextreme AfD. Das neue „Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW)“ trägt das seine dazu bei, die politische Polarisierung zu verschärfen. Politisch ist der Zusammenhalt im Sinne einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft geringer als noch im ersten Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung. Das zeigt sich auch an der stark rückläufigen Bereitschaft zum politischen Engagement. Ebenfalls zusammengehalten wird eine Gesellschaft durch das Engagement möglichst vieler Bürger in so unterschiedlichen Organisationen wie Kirchen oder Gewerkschaften, Sport- oder Musikvereinen, in bürgerschaftlichen Initiativen aller Art. Hier sieht es vielfach noch immer besser aus als im politischen Bereich. Doch ist die Bereitschaft, sich ehrenamtlich für die Gemeinschaft einzusetzen, überall rückläufig. Stark ansteigend ist hingegen die Tendenz zum negativen Engagement. Ganz selten streiten Bürgerinitiativen für ein positives Ziel, das sie sich gesetzt haben. In der Regel agieren solche, oft spontane Zusammenschlüsse gegen das, was demokratisch legitimierte Gremien beschlossen haben. Es wird kräftig umverteilt – von oben nach unten Jenseits eines möglich großen Vorrats an gemeinsamen Wertvorstellungen setzt gesellschaftlicher Zusammenhalt voraus, dass die Bürger dem Staate geben, was des Staates ist. Mit Gesetzen allein lässt sich eine eher auf Konsens denn auf ständigen Konflikt ausgerichtete Gesellschaft nicht erreichen. Dazu bedarf es der Einstellung des Einzelnen, seinen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Das heißt ganz schlicht: Regeln und Gesetze einhalten, seine Steuern und Abgaben zahlen, nicht schwarz arbeiten und auch selbst keine Schwarzarbeiter beschäftigen, keine staatlichen Leistungen erschleichen – weder Subventionen noch Transferzahlungen. Politiker aus dem linken Spektrum fordern stets mehr Solidarität. Das verstehen sie und ihre medialen Claqueure rein materiell: Die „Reichen“ müssten mehr – noch viel mehr – abgeben zugunsten derer, die weniger haben. Linksgrüne Solidarität besteht aus einem großzügigen Sozialstaat und möglichst einschneidender Umverteilung. Nun wird hierzulande bereits kräftig umverteilt. Die oberen 15 Prozent der Steuerpflichtigen mit Jahreseinkünften von 86.000 Euro und mehr zahlen 66 Prozent des Gesamtaufkommens an der Lohn- und Einkommensteuer. Natürlich nicht freiwillig, denn die ständig eingeforderte Solidarität wird ja vom Staat erzwungen. Gleichwohl: Es wird kräftig umverteilt – und zwar von oben nach unten. Solidarität ist keine Einbahnstraße Diese Form der Zwangs-Solidarität trägt zweifellos zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Doch ist Solidarität keine Einbahnstraße. Wer – aus welchen Gründen auch immer – ganz oder teilweise auf Kosten des Staates, also der Steuerzahler lebt, kann das nicht als Freifahrtschein für ein von anderen bezahltes Leben betrachten. Solidarisches Handeln verlangt von allen, ihren Beitrag zu leisten. Der muss darin bestehen, dass sich niemand auf Dauer im staatlichen Fürsorgesystem einrichtet. Konkret: Der Bezug von Bürgergeld entbindet die Nutznießer dieser Transferleistung nicht von einem eigenen Solidaritäts-Beitrag: dem Bemühen, finanziell so schnell wie möglich wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Genau diese Vorstellung läuft den Intentionen von Rot-Grün zuwider. Nicht der selbständige, sein Leben gestaltende Bürger ist ihr Ideal, sondern der Sozialstaats-Untertan. Der nimmt entgegen, was Vater Staat ihm auf Kosten der arbeitenden Mehrheit gewährt – und zeigt sich am Wahltag dankbar, indem er das Kreuz an der richtigen Stelle macht. Das Bürgergeld, als nahezu bedingungsloses „Grundeinkommen light“ konzipiert, entspricht dieser Vorstellung. Schon die Wortwahl soll signalisieren, dass Bürgergeld und Bürgerrechte zwei Seiten derselben Medaille sind. Der betreute Mensch als linksgrünes Ideal Die Grünen als Partei des gehobenen Mittelstandes treffen damit den gutmenschlichen Nerv vieler ihrer Wähler. Die SPD hat dagegen Pech. Ihre Kernklientel, die Facharbeiter und Angestellten, haben keine Lust, sich mit denen – finanziell – zu solidarisieren, die sich in ihrer Rolle als „Angestellte“ des Sozialsystems ganz gut eingerichtet haben. Das bekommen die Genossen bei jeder Wahl schmerzhaft zu spüren. Wenn mehr Arbeiter bei der AfD ihr Kreuz machen als bei der „Arbeiterpartei“ SPD, müssten die Genossen eigentlich merken, dass sie mehr falsch als richtig machen. Machen wir uns nichts vor: Mit strengeren Regeln für den Bürgergeldbezug und härteren Sanktionen für Bezieher, die sich trickreich um eine reguläre Arbeit drücken, lassen sich die Haushaltsprobleme nicht lösen. Aber ein Wechsel vom Bürgergeld zu einem neuen „Hartz V“ könnte bei den Finanziers des Sozialstaates, also der arbeitenden Mitte, dem Gefühl entgegenwirken, der Fiskus schaue bei den Steuerzahlern genauer hin als der Sozialstaat bei der Verteilung von gut 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nach teilweise sehr fragwürdigen Kriterien. Gesellschaftlicher Zusammenhalt hängt nicht von der Höhe des Sozialetats ab. Mindestens ebenso wichtig ist, dass Steuer- und Beitragszahler das Gefühl haben, sie würden fair behandelt – zumindest fairer als zurzeit. Unser Gastautor Dr. Hugo Müller-Vogg, ehemaliger F.A.Z.-Herausgeber, zählt zu den erfahrenen Beobachtern des Berliner Politikbetriebes. Als Publizist und Autor zahlreicher Bücher analysiert und kommentiert er Politik und Gesellschaft. www.hugo-mueller-vogg.de und www.facebook.com/mueller-vogg
- Neue Töne im TV-Märchenwald
Zur besten Sendezeit im Ersten: „Zurück zur Natur“ ist kein Patentrezept im Klimawandel Naturfilm mal anders: Keine Märchen vom Wolf, der angeblich die Jagd ersetzen könnte. Keine längst widerlegten Thesen von der Artenvielfalt in sich selbst überlassenen Wäldern. Dafür klare Bekenntnisse zum Nutzen der Weidewirtschaft und zur Existenzberechtigung pflanzenfressender Wildtiere bis hin zum Bison und den Auerochsen. Diesen Montag zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr im Ersten zeigt der Münchner Tierfilmer Jan Haft den zweiten Teil seines Plädoyers zur Versöhnung mit einer von Menschen geprägten Natur (die erste Folge gibt es hier in der Mediathek ). Da lacht nicht nur das Jäger-Herz: Mit bemerkenswerter Sensibilität für die kleinen Wunder der Schöpfung spannt der studierte Biologe Haft den Bogen vom Glühwürmchen über den ausgerotteten Auerochsen bis zur Almwirtschaft. Kulturlandschaft, wie der Mensch sie kennt und liebt, braucht nicht nur den dichten Wald, sondern auch die freien Flächen. Und die entstehen nur, wenn wir Hirsch und Reh leben lassen und das liebe Vieh nicht in den Stall verbannen. Logisch, private Waldbesitzer wie die Fürsten zu Oettingen-Spielberg bieten schon seit Jahrzehnten Wetten an, die an der Artenvielfalt im verantwortungsbewusst gepflegten Wirtschaftswald kaum Zweifel lassen. Einzelne Fachleute wie der Bundesförster Ulrich Maushake führen vor, dass Wald und Schalenwild miteinander gedeihen, wenn wir den Wiederkäuern Ruhe und Freiflächen gönnen. Und in Bayern freunden sich sogar Teile der Grünen mit dem Gedanken an, eine ausufernde Wolfspopulation als Bedrohung für Weidewirtschaft und Artenvielfalt zu begreifen. Öko-Theorien im Medienrummel Nur bis in die Massenmedien dringen solche Wahrheiten nur selten vor. Zumal Talkshows geraten nach wie vor zu Märchenstunde. Zum Beispiel mit längst widerlegten Erzählungen, wie ausgewilderte Wölfe den Wald im amerikanischen Yellowstone-Nationalpark gerettet hätten. Während schwedische Naturschützer massiven Artenschwund in den Wolfsregionen beklagen, seit dort die Weidetierhalter aufgeben. Öko-Theorien, die den Menschen (und die Landwirtschaft) nicht von vorneherein verdammen, tun sich schwer im Medienrummel. Zumal Großstadt-Menschen Natur-Gesetze wie das vom Fressen und Gefressenwerden nur höchst ungern akzeptieren. Und Wahrheiten wie jene gerne ignorieren, dass auch Ackerbau und Wirtschaftswald die Kohlendioxid-Bilanz eindeutig verbessern. Jan Haft lässt auch Rechnungen zu Wort kommen, die den Mainstream hinterfragen: Etwa die Faustregel, dass 1000 Kilo Wiederkäuer-Dung 100 Kilo Insekten schaffen und damit bedrohte Arten ernähren – von den Fröschen bis zu den Störchen, die von Fröschen leben. Und der Natur ist es dabei offensichtlich egal, ob der Mist von Milchkühen, Rothirschen oder wilden Büffeln stammt. Wie nebenbei erfährt der geneigte Zuschauer (und die Zuschauerin), dass auch der hochgelobte Laubwald in Reinkultur seine Schattenseiten hat. Im Sinn des Wortes, weil die dichten Sommerkronen dem Unterholz und seinen Lebensgemeinschaften das Licht zum Wachsen wegnehmen. So ein Plädoyer fürs gesunde Mittelmaß war überfällig in Zeiten aufgeregter Debatten um die Zukunft von Wald und Forstwirtschaft.
- Von Landtagswahlkämpfen, dem Zustand unserer Wälder und Besonderheiten der Olympischen Spiele
Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und zurück auf diese Woche Liebe Leserinnen und Leser, bei der Betrachtung dieser Woche schlagen wir wieder einen größeren Bogen von den aktuellen Ereignissen in Berlin bis zu den Themen, die wir mit beim Blick auf die ländlichen Regionen erfassen und zusammenfassen: Haushalt, Landtagwahlkämpfe und der Zustand unserer Wälder beschäftigen uns genauso wie Besonderheiten der Olympischen Spiele. Wir erinnern uns an den ehrgeizigen Schlussspurt des Ampeltrios Scholz-Lindner-Habeck, um vor der parlamentarischen Sommerpause den Etatentwurf als Regierungsbeschluss an das Parlament zu übergeben. Jetzt hat der Finanzminister mit neuen verfassungsrechtlichen Zweifeln dem Kanzler den Sommerurlaub vermiest . Seine Zustimmung in der finalen Einigung, die da noch offene Etatlücke mit einer Darlehnslösung zu schließen, hat Christian Lindner im Alleingang über das ZDF-Sommerinterview bekanntlich zurückgezogen. „ Das passiert mir kein zweites Mal “, sagte er mit Blick auf sein Scheitern vor dem Bundesverfassungsgericht Ende letzten Jahres und bezog sich auf zwei aktuelle wissenschaftliche Bewertungen. Mit dieser Äußerung erregte er die urlaubenden Gemüter, und die SPD schäumt von der Spitze her. Für die SPD-Co-Vorsitzende Esken ist damit „die Grenze des Erträglichen in einer Koalition “ überschritten. Und für Fraktionschef Rolf Mützenich ein „ einmaliger Vorgang “ im Verhältnis von Regierung und Parlament. Der Kanzler ließ aus seinem Urlaub vermelden, dass er die Bedenken seines Finanzministers nicht teile. Der habe das aktuelle Gutachten zum Regierungsentwurf für den Bundeshaushalt „grundfalsch aufgefasst“. Da kann man jetzt auch auf die Ebene von Namensvettern gehen. Der Verfassungsrechtler Rupert Scholz (mit bekanntermaßen CDU-Vergangenheit im Kabinett) meint, Olaf Scholz blende die Verfassungswirklichkeit aus. Die Union wirft der SPD fortgesetzte Haushaltstricksereien vor. Wem sollen wir nun noch glauben? Mit dem Versuch eines „Basta“ des Kanzlers zu Lindners Bockigkeit nagt dieser Zwist weiter am Fundament der Koalition . Mal sehen, wie sich das nach der parlamentarischen Pause in Berlin fortsetzt. Schaffen Scholz und Lindner es, diesen Etatkonflikt noch einmal intern zu regeln, hält die Ampel brüchig weiter. Wird er offen ausgetragen, kann Merz sein bekannt gewordenes Trainingsprogramm für einen vorgezogenen Wahlkampf im Konrad-Adenauer-Haus scharf schalten. Wenn dann Kubicki noch skandiert, wie ernst es um die Koalition steht, lässt das im Regierungsviertel doch wohl einen heißen Herbst erwarten. Nach dem Politbarometer , das gestern die ARD veröffentlichte, scheint die Union bei der Sonntagsfrage oberhalb von 30 Prozent langsam weiter zuzunehmen. Ihre 32 Prozent sind in Summe gleich mit den Werten von SPD, Grünen und FDP. Bei der mutmaßlichen Haushaltslücke geht es übrigens um die Finanzierung notwendiger Investitionen in die Deutsche Bahn und unsere Autobahnen . Damit also um unsere Verkehrsinfrastruktur und unter anderem auch um eine bessere Anbindung bzw. Erreichbarkeit abgehängter Regionen. Bei den ganzen Sommerinterviews unserer politischen Spitzen haben wir übrigens praktisch nichts über die Anliegen und Bedarfe in den ländlichen Regionen gehört. Sorgen und Nöte der ländlichen Regionen als Wahlkampfthemen Richten wir einmal den Blick auf den September mit den anstehenden Landtagswahlen im Osten der Republik. Im überwiegend ländlich geprägten Brandenburg tingelt beispielsweise Jan Redmann von Dorf zu Dorf, um am 22. September die CDU so stark zu machen, dass er Dietmar Woidke von der SPD als Ministerpräsident ablösen kann. Redmann ist als 44-jähriger Politiker jung und mit Blick auf die Stimmungslage im Bund nicht chancenlos. Dabei muss er den Makel eines bekannt gewordenen Führerscheinentzugs wegstecken. Das scheint im Wahlkampf im Gegensatz zu seinen Themen eine eher untergeordnete Rolle zu spielen. Er redet mit Landwirten, über Mobilfunklöcher, unbesetzte Stellen in einer der wenigen Landmetzgereien, Entfernungen zu Ärzten, Schulen und Behörden. Und wie schwierig oder auch mühselig es ist, dort zu leben, wo es schön ist, aber auch manchmal exotisch rückständig: Wir reden vom Spreewald, wo der Fährmann mit dem „Staken“ in den Händen Touristen auf seinem Kahn übers Wasser schiebt. Dort gibt es Zukunftsängste, die kaum bekannt sind: Was ist, wenn mit dem Grundwasser aus dem stillgelegten Braunkohlebergbau künstliche Seen gespeist werden und nicht mehr die Spree? Das hatten wir schon als Thema in unserem Blog. Über den Wald mit seinen Kontroversen Allein dieses Bundesland hat über 1,1 Millionen Hektar Wald. Das sind 37 Prozent der Landesfläche. Der Waldbesitzerverband thematisiert dort auch im Wahlkampf die „Zukunftsorientierte Landnutzung“, wobei der Wald mit den bekannten Kontroversen über seine Bewirtschaftung eine besondere Rolle spielt – wie überall bei uns. Am Montagabend sendet die ARD den zweiten Teil des Filmbeitrags „ Erlebnis Erde : Unsere Wälder “. Unser Autor Michael Lehner hat sich den ersten Teil angesehen und einen Kommentar dazu geschrieben, der am Montag bei uns zu lesen ist. Sein Eindruck über das TV-Stück : „Naturfilm mal anders: Keine Märchen vom Wolf, der angeblich die Jagd ersetzen könnte. Keine längst widerlegten Thesen von der Artenvielfalt in sich selbst überlassenen Wäldern. Dafür klare Bekenntnisse zum Nutzen. “ Wir freuen uns auf den zweiten Teil. „ Was einmal in die Hose gegangen ist …“ In der abgelaufenen Woche war auch durch die Fernsehübertragungen die ganze Welt fasziniert von Olympia , von der einzigartigen Stimmung in Paris und den spektakulären und zum Teil hauchdünnen Entscheidungen um Gold, Silber und Bronze. Versailles, wenige Kilometer abseits vom Wettkampfzentrum Paris, war für den ländlich verorteten Sport Reiten dabei etwas Besonderes. Deutsche Reiterinnen und Reiter haben mit ihren Pferden Millionen in den Bann gezogen, wie vor dieser Schlosskulisse dort Mensch und Pferd jeweils eins werden und nach jahrelang harter Arbeit mit Spitzenleistungen punktgenau zum Olympiasieg reiten: Drei Gold-Erfolge konnten wir dort zählen. Zum Sport gehören auch die Pechvögel, die vorn nicht dabei sein durften. Der bekannte Fachkommentator für „Hippologische Vollgenüsse“, Carsten Sostmeier, drückte die Chancenlosigkeit nach einem Springfehler in Qualifikation oder dem ersten Umlauf so aus: „Was einmal in die Hose gegangen ist, kann nicht mehr geradegebügelt werden. “ Olympia stellt mit seinen Milliarden-TV-Reichweiten Sportarten in den Blickpunkt, die sonst eher im Schatten von Großereignissen mit Spitzenleistungen glänzen. Selbst bei diesem Weltfest des Sports musste man dann schon in die Live-Streams gehen, wenn man das sportliche Trap- oder Skeetschießen wenigstens am Bildschirm miterleben wollte. Tim Bonner, dessen Newsletter von der britischen Countryside Alliance zu meiner regelmäßigen Lektüre zählt, hat diese Disziplinen mit Faszination beobachtet und in beeindruckender Weise beschrieben. Er schwärmt natürlich für einen britischen Olympiasieger: Nathan Hales hat in dieser Woche mit 48 von 50 Trap-Treffern einen olympischen Rekord aufgestellt. Die beiden olympischen Schrotflintenwettbewerbe – Olympisches Trap und Olympisches Skeet – sind Disziplinen, die sich über die ganze Welt erstrecken – etwa von Malta über Taiwan bis nach Neuseeland. Die internationale Anziehungskraft des Flintenschießens wurde dann übrigens noch bei den Damen durch den Olympiasieg von Adriana Ruano Oliva aus Guatemala unterstrichen. „Diese Leistungen machen das Schießen für viele normal, die sonst nicht damit in Berührung kommen.“ Das sportliche Trapschießen ist seit 1900 olympisch und somit eine der ältesten Disziplinen. Die Deutschen haben übrigens auch schon ihren Beitrag geleistet: Der Pfarrkirchener Konrad Wirnhier hat 1972 in München im Skeet die Goldmedaille geholt. Da ist also wieder Nachholbedarf unter den immerhin 1,3 Millionen Sportschützen in Deutschland . Ihr Verhalten ist nach meiner Auffassung übrigens besser als ihr Ruf. So hoffen wir nicht nur in dieser Disziplin auf die nächsten Olympischen Spiele in Los Angeles. Zuvor wünsche ich Ihnen auch im Namen unserer Redaktion ein schönes Wochenende – vielleicht nicht nur vor dem TV zum Olympia-Finale, sondern auch in der freien Natur Ihr Jost Springensguth Redaktionskoordination von „natur+mensch“
- „Frost hat die Ernte vernichtet“
Noch liegen keine offiziellen Zahlen vor. Aber die ersten Meldungen aus den Ländern zeigen, dass die deutschen Landwirte mit einer höchst unterschiedlichen Ernte rechnen müssen. Regional und je nach Anbauart Glück oder Pech kann von wenigen Metern abhängen. Esther Wernien, Agrarwissenschaftlerin beim hessischen Landwirtschaftsverband, bringt es auf den Punkt. „Das Entscheidende ist, ob man in diesem Frühling noch einmal kräftigen Frost abbekommen hat. Oder ob man eben keinen Frost abbekommen hat und Glück gehabt hat." Teilweise kann die Ernte schon innerhalb eines Dorfes höchst unterschiedlich ausfallen. „Manche Betriebe werden eine recht normale Ernte haben, bei anderen kann der Frost zum Totalausfall führen“, erklärt Esther Wernien die Situation, die nicht für Hessen prägend ist. Auch in anderen Regionen ist das Bild ähnlich. Die Lage entscheidet über Ernte und Umsatz, über Gewinn oder Totalausfall. Das Hauptproblem für viele Betriebe sei der späte Frost Ende April gewesen mit Temperaturen von bis zu minus sieben Grad. Einen Unterschied macht etwa, ob die Obst-Bäume in Senken mit einem kühleren Mikroklima stehen oder weiter oberhalb. In den leichten Senken habe es große Schäden gegeben, „teils hängt dort kaum ein Apfel am Baum". Die schwersten Ernteausfälle drohen dabei den Obst- und Gemüsebauern im Osten. In Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg berichten Betriebe vereinzelt von Ausfällen von bis zu 90 Prozent. Auch die Weinbauern in der Region stehen vielerorts vor dem Nichts. Für die Verbraucher schlägt sich das zunächst in höheren Preisen nieder, die im Supermarkt für Obst und Gemüse zu zahlen sind. Dort verdrängen Importe aus Chile, China oder Südtirol die heimischen Waren immer mehr. Verbraucher, die heimische Äpfel oder Birnen kaufen wollen, erhalten aktuell wenig bis nichts. „Wir haben nichts“, sagt ein Hof in Rathenow in Brandenburg. „Und das wird sich nicht so schnell ändern.“ Getreideernte zufriedenstellend Offiziell wird der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, die Bilanz für das Wirtschaftsjahr 23/24 erst in einigen Tagen bekannt geben. Dabei machen die ersten Meldungen aus den Ländern, die hier ausgewertet worden sind, beim Getreide durchaus Hoffnung. So haben zum Beispiel die Landwirte in Schleswig-Holstein bislang eine etwas größere Getreideernte eingefahren als im Vorjahr. Wie das Statistikamt in Kiel in dieser Woche bekannt gab, konnten die Landwirte im Norden ersten Schätzungen zufolge rund 2,2 Millionen Tonnen Getreide ernten – eine Steigerung der Erträge um ein Prozent. Im langjährigen Durchschnitt fällt die Ernte aber um fünf Prozent geringer aus. Ein Grund: Auch in Schleswig-Holstein geht die Fläche zurück, auf der Landwirte Getreide anbauen können und wollen. Rückgänge bei der Anbaufläche und dem Ernteertrag gab es bei Roggen, Winterweizen und Winterraps. Gleichzeitig aber steigt der Ertrag pro Hektar von 75 Dezitonnen im Vorjahr auf 82 Dezitonnen – auch durch den Einsatz neuer Technik und Verbesserung der Anbau- und Erntemethoden. Kampf gegen strengere Auflagen Doch genau diesem verantwortungsvollen Einsatz neuer Technik steht die heimische Politik entgegen. „Wir kämpfen zum Beispiel bei der aktuellen Rapsernte mit zunehmenden Beschränkungen im Pflanzenschutz“, sagt Karsten Trunk, Bauernpräsident von Mecklenburg-Vorpommern. „Unseren Bauern stehen immer weniger geeignete Spritzmittel zur Verfügung.“ Deutschland gehe auch in diesem konkreten Fall über Vorgaben der EU hinaus. Brüssel habe zum Beispiel die geplante Verordnung zur nachhaltigen Verwendung von Pflanzenschutzmitteln zurückgezogen, Deutschland nicht. „Deutschland steht einmal mehr auf der Bremse und bedroht mit dem ‚Zukunftsprogramm Pflanzenschutz‘ zunehmend den Anbau von Getreide und Ölfrüchten in Deutschland“, kritisierte Trunk. Landwirte brauchten wie auch Ärzte in der Humanmedizin aber eine breite Palette von Wirkstoffen, um ihre Ernte einfahren zu können. Genau dieses Vorgehen der in Berlin regierenden Ampel-Koalition bringt die Landwirte – landesweit sind beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern etwa 21.000 Menschen in der Land- und Ernährungswirtschaft beschäftigt, weitere 14.000 in Verarbeitungsbetrieben – auf die Palme. Beobachter gehen deswegen davon aus, dass die Protestwelle vom Frühling bald wieder aufleben könnte .
- Erste Planungssicherheit für 2025
Es bleibt ein zähes Verfahren: Kurz vor Torschluss – die Herbstaussaat steht bevor – haben sich Berlin und die EU auf die Regelungen zum Fruchtwechsel auf den Ackerflächen verständigt Landwirte müssen bei der Betriebsführung nicht nur Fruchtfolgen mit all ihrer Komplexität und Vielschichtigkeit berücksichtigen, sondern dabei auch die GAP-Standards zu einem guten landwirtschaftlichen und ökologischen Zustand von Flächen – in diesem Fall GLÖZ 7 – mit in die Planung einbauen. Andernfalls, so will es die gemeinsame Agrarpolitik der EU, fließen keine Gelder. Umso größer war die Verärgerung darüber, dass bis Ende Juli die genauen Spielregeln für deutsche Landwirte nicht klar waren. Beginnt doch nach den anstrengenden Erntewochen unter anderem mit der Saatbestellung die Vorbereitung der wichtigen Herbstaussaat. Je nach Witterung und Region kann diese schon früh im Jahr erfolgen. Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, drückte deshalb zurecht aufs Tempo. Denn während andere EU-Länder schon Regelungen vereinbart hatten, konnte das Bundeslandwirtschaftsministerium noch nichts Konkretes vorweisen. Krüsken wörtlich: „Während die EU bereits im Mai erste Signale in Richtung Vereinfachung und mehr Praktikabilität gesetzt hat, debattiert die Bundesregierung bis dato weiter mit der EU-Kommission und den Ländern über die Einzelheiten für die praktische Umsetzung der GAP ab nächstem Jahr. Es fehlen noch wichtige Signale in Richtung Regelungsklarheit, Planbarkeit und Rechtssicherheit für die verbleibende GAP-Förderperiode bis 2027.“ Nun gibt es zumindest in der Fruchtwechselfrage ein Ende der Hängepartie. Der GAP-Strategieplan 2025 des BMEL ist in Brüssel eingetroffen, und die jüngsten von vielen Gesprächen haben zu ersten Entscheidungen geführt. Zwar ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, aber es sieht nach einer Zustimmung der EU und der späteren Umsetzung durch den Bund aus. Es fehlen die letzten Schritte Am 30. Juli gab das Landwirtschaftsministerium offiziell bekannt, dass man versprochene Vereinfachungen bei der EU-Agrarförderung in den Verhandlungen mit der EU-Kommission erreicht habe. Die letzten Schritte zur Entbürokratisierung ist man in Brüssel allerdings wohl nicht mitgegangen. Aber die Betriebe können nun ihre Anbauentscheidungen für das Antragsjahr 2025 treffen. Und es dürfte ihnen etwas einfacher als zuvor fallen. So müssen zum Beispiel in drei Jahren – für das Antragsjahr 2025 ist dies der Zeitraum 2023 bis 2025 – auf jedem Schlag der Ackerflächen zwar mindestens zwei Hauptkulturen angebaut werden. Auf maximal zwei Drittel der Ackerflächen kann aber zwei Jahre hintereinander dieselbe Hauptkultur angebaut werden. Zuletzt war es noch so, dass auf zwei Dritteln der Fläche des betrieblichen Ackerlandes die Fruchtwechsel erfolgen musste. In diesem Punkt gibt es also eine Vereinfachung. Ökobetriebe erfüllen die Fruchtwechselvorgaben aufgrund ihrer Anbaurichtlinien automatisch. Betriebe mit bis zu 10,0 Hektar Ackerfläche sowie Betriebe mit hohem Grünland- bzw. Dauergrünlandanteil (über 75 Prozent) bleiben auch weiterhin von den Vorgaben ausgenommen. Und sicher ist nunmehr auch, dass die deutschen Landwirte ab 2025 nicht mehr verpflichtet sind, vier Prozent ihrer Ackerfläche stillzulegen. Sie müssen diese Pflichtbrache auch nicht durch Hülsenfrüchte oder Zwischenfrüchte ersetzen. In den Jagdrevieren wird das natürlich nicht so gern gesehen. Dabei geht es um Flächen, die auch als Kinderstube für Niederwild gelten. Auch nach dieser Vorentscheidung gibt es aber viele weitere Reglungen, Vorschriften und Ausnahmen. Ohne Bürokratie geht es in Europa beim Thema Boden nicht.












