top of page

Überlegungen für eine Reform der Jagdausbildung

  • Autorenbild: Christoph Boll
    Christoph Boll
  • vor 1 Stunde
  • 4 Min. Lesezeit

Jagdunfälle bei Nacht und Entgleisungen in den sozialen Medien befeuern eine Diskussion über die Ausbildung junger Jäger. Noch schwelt die Debatte im Verborgenen. Der LJV Thüringen veröffentlicht erste Überlegungen


Beitrag anhören (MP3-Audio)

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Der Wunsch, den Jagdschein zu erlangen, ist nicht nur ungebrochen. Die Jagdschulen boomen und die Zahl der Aspiranten steigt. Fast 470.000 Jagdscheininhaber gibt es derzeit bundesweit. Mehr als ein Viertel der heutigen Jagdscheinanwärter hatte vor der Ausbildung keinerlei jagdliche Vorerfahrung, viele kommen inzwischen aus Städten. So beschrieb der Deutsche Jagdverband (DJV) auf der Messe Jagd & Hund in Dortmund die gegenwärtige Situation.


Der Verband und seine Landesgliederungen freuen sich natürlich über die seit Jahren kontinuierlich steigenden Zahlen unter dem Aspekt eines möglichst großen gesellschaftspolitischen Einflusses der Jagd. Sie müssen aber auch zur Kenntnis nehmen, dass das, was da an Quantität wächst, dem Renommee des Waidwerks durch oft mangelnde Qualität schadet. Fehlabschüsse von Wild sind das eine. Aber auch Haustiere wie Schafe, Ziegen, Kühe und Pferde liegen von Kugeln getroffen auf den Wiesen. Zumeist geschieht dies durch Schüsse, die während des Nachtansitzes abgegeben werden. Auch Menschen wurden auf diese Weise verletzt und sogar getötet. Solche Vorkommnisse nehmen seit der Legalisierung von Infrarot- und Wärmebild-Vorsatzgeräten vor rund sechs Jahren zu.


Nicht zuletzt ein jüngst in den sozialen Medien erschienener Film hat bereits zuvor gärende Überlegungen zu einer Reform der Jungjäger-Ausbildung befeuert. Dabei ist unbestritten, dass sich die Jagdausbildung in Deutschland stark geändert hat. Erfolgte sie vor wenigen Jahrzehnten noch fast ausschließlich in etwa halbjährigen Kursen der LJV-Kreisgruppen, führen heute vermehrt kommerzielle Anbieter wenige Wochen lange Intensiv- und Kompaktkurse durch. Das Gelernte wird oft nicht im Langzeitgedächtnis gespeichert, sondern nur bis zur Prüfung und danach wieder vergessen, so lautet häufig die Kritik.


Reaktion auf Fehlabschüsse und Entgleisungen


Im Bemühen um Besserung scheinen sich die Protagonisten nun gegenseitig überbieten zu wollen mit ihren Vorschlägen. Verbindliche Ethik-Seminare sind nur ein Aspekt, der hinter vorgehaltener Hand in den Raum gestellt wird. Der LJV Schleswig-Holstein hat in der vergangenen Woche mit ausdrücklichem Hinweis auf den steigenden Nachwuchs ein dreitägiges „Praxisseminar Junge Jagd“ angekündigt. In Kooperation mit den Landesforsten soll Jungjägerinnen und Jungjäger „ein breites Programm aus praktischer Jagdausübung und fachlichem Austausch mit Wald- und Jagdprofis“ geboten werden: Morgen- und Abendansitze unter realen Bedingungen, die Schlüsselrolle der Jagd für einen artenreichen Wald, Wildbiologie für die Praxis, Versorgen und Verarbeiten des Wildes gehören ebenso zum Praxisseminar wie Workshops zum sicheren Ansprechen des Wildes, zum Verhalten vor und nach dem Schuss mit einem bestätigten Schweißhundführer und zur Beurteilung bedenklicher Merkmale. Das Paket wird als Angebot zur freiwilligen Weiterbildung verstanden.

Weit darüber hinaus geht der LJV Thüringen. Dessen Spitze sieht in mangelnder Ausbildung und Erfahrung die „eigentliche Wurzel“ für die Zunahme von Jagdunfällen bei Nacht. Letztlich sei nicht die Nachtjagdtechnik die Ursache, sondern die steigende Zahl von Jagdscheininhabern, „die zwar die Prüfung bestehen, aber kaum praktische Erfahrung mitbringen“, schreibt der stellvertretende Geschäftsführer Silvio Anders in der jüngsten Ausgabe der Verbandszeitschrift. Weil eine „Kultur der Verantwortung“ Regeln, Praxis und Haltung brauche, schlägt der LJV vor, der bestandenen Jägerprüfung solle eine „verbindliche Praxiszeit“ nach dem Lehrprinz-Modell folgen.


Rückkehr zum Lehrprinz-Modell


„Wir unterstützen die Debatte um ein System, in dem Intensivkurse (gemeint: zur Erlangung des Jagdscheins) nur noch zulässig sind, wenn danach eine verpflichtende Praxisphase folgt“, schreibt Anders. Dazu gehört die Begleitung durch einen erfahrenen Mentor für zwölf bis 24 Monate, in denen Praxiseinsätze bei Ansitz, Pirsch, Revierarbeiten, Nachsuche-Begleitung und Wildversorgung ebenso dokumentiert werden müssen wie „klare Module zur Waffenhandhabung, Sicherheit, Kugelfang, Nachtjagd“.


Der Begriff des Lehrprinz reicht zurück bis ins 17. Jahrhundert. Er bezeichnete früher einen Lehrmeister, vor allem in der Forstwirtschaft. Daran erinnert auch das im Jahr 1900 erschienene Buch von Oberländer: „Der Lehrprinz. Ein Führer für angehende Jäger mit besonderer Berücksichtigung der Interessen des Revierinhabers und Jagdverwalters“. In späteren Auflagen wurde aus dem „Führer für angehende Jäger“ im Untertitel ein „Lehrbuch der heutigen Jagdwissenschaft“.


Bis in die 1970er Jahre war der Lehrprinz nach Angaben des gleichnamigen Jagdvereins eine feste Institution. „Um ein Jagdrevier von einer Jagdgenossenschaft zu pachten, mussten Jäger nach Ablegen der Jagdscheinprüfung und Erwerb des Jagdscheins noch eine dreijährige weiterführende Ausbildung bei einem Lehrprinzen nachweisen. Heute müssen Jäger nur drei Jahre einen Jagdschein haben, der Nachweis der Weiterbildung wird nicht mehr verlangt.“ Seit den 1990er Jahren gibt es das symbiotische Verhältnis nicht mehr, in dem der eine Praxiserfahrung vermittelt und der andere dafür kostenlose Hilfe im Revier leistet. Das ist nicht zuletzt einem gesellschaftlichen Wandel geschuldet, der von den jungen Eleven berufliche Mobilität und verstärkten partnerschaftlichen Einsatz in der Familie fordert.


Entwertung heutiger Prüfung


Fraglich scheint deshalb, ob eine Rückkehr überhaupt möglich ist. Sicher dürfte sie die Zahl des jagdlichen Nachwuchses schrumpfen lassen. Und ebenso sicher ist das verpflichtende zweistufige Modell eine Entwertung der heutigen Jagdscheinprüfung. Es wäre der nächste Schritt auf einem Weg, der bereits eingeschlagen wurde mit verpflichtenden Seminaren zur Ausübung der Fallenjagd und dem für die Entnahme von Trichinenproben erforderlichen zusätzlichen „Nachweis der kundigen Person“.

Der LJV Thüringen aber sattelt noch weiter auf. Er fordert zudem eine zertifizierte und jährlich auffrischbare Zusatzausbildung für Nachtjagd und Wärmebild als Pflicht. Darüber hinaus sollen Leitlinien formuliert werden, die die Waidgerechtigkeit gegenüber der technischen Machbarkeit priorisieren. Der Verband plädiert zudem für freiwillige „Revier-Ruhefenster“ und einen Wandel der Jagdkultur, hin zur Belohnung von Verantwortung, die in der Ausbildung beginne.

Kommentare


bottom of page