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Zweifelhafter Einfluss der Influencer

  • Autorenbild: Christoph Boll
    Christoph Boll
  • vor 1 Stunde
  • 4 Min. Lesezeit

Auch Jagd wird in den sozialen Netzwerken längst gewerblich vermarktet. Das polarisiert nicht nur, sondern geschieht oft genug mit mehr als zweifelhaften Inhalten. So entsteht vielfach auch ein fatales Bild vom Waidwerk


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Symbolbild: ChatGPT
Symbolbild: ChatGPT

Influencer – manche halten das inzwischen für einen Beruf. Um ihn auszuüben, muss man nichts gelernt haben. Auf dem Feld der Jagd reicht als einzige Expertise die bestandene Jägerprüfung. Meistens kommt noch eine gewisse Schießfertigkeit hinzu, was aber nicht zwingend ausschließlich jagdliche Qualifikation ist. Schließlich lässt sich das Treffvermögen am Schießstand auf der Kirmes ebenso gut dokumentieren wie auf Facebook, YouTube, TikTok und Instagram.


Weit darüber hinaus reicht die Sach- und Fachkenntnis derjenigen, die angeblich die Jagd auf zeitgenössische, moderne Weise darstellen möchten, auch nicht hinaus. Journalistische Kompetenz ist Fehlanzeige und Revierarbeiten, Wildbretverarbeitung und jagdliches Brauchtum spielen in den einschlägigen Filmen so gut wie keine Rolle. Mit dem Handwerk der Jagd haben sie daher wenig bis nichts zu tun. Waidwerk wird reduziert auf die Frage „How to kill Bill“ (Wie ich Bill töte). Wobei Bill hier als Synonym für jede mögliche Wildart gilt.


Auf die Spitze getrieben wurde das schon vor gut anderthalb Jahrzehnten in den legendären „Schwarzwildfieber“-Filmen. Im Minutentakt ließ Franz-Albrecht Oettingen-Spielberg die Sauen rollieren. Er wurde zum Idol einer großen Fangemeinde, während Kritiker derartige Filme seither als Jagdpornos bezeichnen. Fehlender Kugelfang und die Unmöglichkeit, das auf der Drückjagd anwechselnde Reh als Bock oder Ricke anzusprechen, spielen allzu oft längst keine Rolle mehr. Hauptsache, es knallt.


Geändert hat sich seither nur, dass Oettingen-Spielberg von den zweifelhaften cineastischen Werken nicht leben wollte und es wirtschaftlich schon gar nicht musste. Ganz anders vielfach die heutigen Protagonisten, meist junge Männer. So wie die Jagd insgesamt immer weiblicher wird, finden sich im Metier zunehmend aber auch mehr junge Frauen, neudeutsch als Huntresses bezeichnet.


Vorwurf der Schleichwerbung


Allen gemeinsam ist die oft peinliche Art und Weise, mit der auch für den größten Schrott geworben wird. Offensiv geschieht das selten. In einer Mischung aus Eitelkeit und Egoismus werden Hersteller-Namen auffällig platziert und die Kamera schwenkt wie zufällig über Waffen, Munitionsverpackungen, Optik, Bekleidung und andere Ausrüstung. Nicht umsonst wird den Influencern immer wieder die Verbreitung von Schleichwerbung vorgeworfen.


Die Wirtschaft hat das Influencer-Wesen schon vor fast 20 Jahren als Marketing-Instrument entdeckt. Personen mit möglichst großer Präsenz und Reichweite in den sozialen Medien sollen als Markenbotschafter dienen und den Absatz steigern. Dieser Ansatz folgt den Ergebnissen mehrerer Studien, die belegen, dass durch das gezielte Ansprechen und Instrumentalisieren einflussreicher Einzelpersonen ein breiteres Publikum erreicht wird als mit herkömmlichen, weit und beliebig gestreuten Werbemaßnahmen. Der Maßstab für den Wert des Influencers (Einflüsterers) als Multiplikator und Meinungsführer der jungen Generation ist deshalb die Zahl seiner Freunde, also der Follower, die mit ihm in den sozialen Medien vernetzt sind. Um die hochzuschrauben, braucht es eine möglichst große Glaubwürdigkeit.


Glaubwürdigkeit entscheidet


Wie es um die manchmal bestellt ist und wie schnell sie zerstört ist, hat in den vergangenen Wochen ein Fall gezeigt, der in den einschlägigen Kreisen hohe Wellen schlug und Hunde- und Jagdverbände zu Stellungnahmen veranlasste. Ein junger Mann hatte einen Film veröffentlicht von einer der letzten Drückjagden der Saison. Seinen Angaben nach kam zu ihm ein Hund, der „immer wieder rumgekläfft“ und sich auch nicht entfernt habe, nachdem er ihn angerüdet habe, „er soll sich hier vom Acker machen“, und er „ihn getreten“ habe.


Letztlich bleibt der Hund, auch nachdem der Jäger ihn ein Stück weggetragen hat – schließlich habe der Vierbeiner sich in seiner Schussschneise befunden –, etwa 2,5 Stunden bei eisigen Temperaturen auf dem Boden und zeitweise in einer Pfütze liegen. Der Filmer spricht von einer „Vollkatastrophe“ und dem „schlechtesten Jagdhund der Welt“.


Wie es um seinen menschlichen Charakter und seine jagdliche Expertise bestellt ist, erfährt der Influencer in den mannigfachen Reaktionen, die auch von Jagd- und Hundeverbänden kommen. Die zitierfähigen reichen vom Vorwurf der Ignoranz und Überheblichkeit, eines egoistischen, unentschuldbaren Verhaltens sowie eines Verstoßes gegen den Tierschutz bis zu der Feststellung, es gebe einfach zu viele „Möchtegern-Jäger“, denen es ausschließlich darum gehe, Beute zu machen. Ein Kommentator wertet den Film als Beispiel dafür, „wie schnell das mit Influencern nach hinten losgehen kann und wozu offenbar das Streben nach ‚Klickzahlen‘ führt“. Helmut Dammann-Tamke, Präsident des Deutschen Jagdverbandes (DJV), wertet den Vorfall als Beleg dafür, dass für die Jagd in Deutschland die Frage nach ihren ethischen Grundsätzen einer „selbstkritischen Überprüfung“ bedarf.


Präsidentin des LJV NRW bezieht Stellung


Die Präsidentin des Landesjagdverbandes NRW, Nicole Heitzig, greift dieses Thema ebenfalls aus gegebenem Anlass in der aktuellen Ausgabe der LJV-Zeitschrift Rheinisch-Westfälischer Jäger auf. Zum Teil anonym produzierte Videos, die das waidgerechte Verhalten der Jägerschaft pauschal infrage stellen, rückten nach ihren Worten besonders junge Jägerinnen und Jäger in ein falsches Licht. Sie ruft daher dringend dazu auf, der Jagd schädliche Videos nicht zu teilen. Im Zweifel könnte auch vom Verband geprüft werden, ob in solchen Fällen mögliche rechtliche Schritte einzuleiten seien. Sie kündigt außerdem an, die Themen Ethik bei und nach der Jagd, Waidgerechtigkeit, Umgang mit erlegtem Wild, Verstöße gegen Sicherheitsregeln, Einsatz von Nachtziel- und Drohnentechnik sowie den Umgang mit Inhalten in sozialen Medien zum Anlass zu nehmen, entsprechende Handlungsempfehlungen weiterzuentwickeln. Heitzig ruft die Jägerschaft zu einer freiwilligen Selbstkontrolle mit der Frage auf, „ob ich Inhalte weiterleite, wenn in Videos fragwürdiger Herkunft erkennbar ist, einzelnen Personen oder der Jagd insgesamt zu schaden“.

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