Vermüllung der Landschaft ist ein gesellschaftliches Problem
- Christoph Boll

- vor 45 Minuten
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Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Das Abfallaufkommen steigt stetig. Ein gehöriger Teil des Mülls landet in der Natur. Das ist nicht nur ein ästhetisches Problem, sondern birgt Gefahren für die Umwelt und das Wild

In Deutschland fallen jährlich etwa 400 Millionen Tonnen Abfall an, knapp zehn Prozent davon sind Haushaltsabfälle. Pro Kopf waren es 2024 etwa 452 Kilogramm. Verpackungsmüll liegt bei rund 215 Kilogramm pro Einwohner. Das ist einer der höchsten Werte in der EU. Etwa 300.000 Tonnen Müll geraten in Deutschland laut einer Studie des Umweltbundesamts jedes Jahr in die Natur. Dieser sogenannte wilde Müll sieht nicht nur unschön aus, sondern schafft weitergehende Umweltprobleme. Das Grundwasser wird verunreinigt. Mikroplastik gelangt bis in die Meere.
Natürlich gibt es das Problem auch in geschlossenen Ortschaften, in Stadtparks sowie an Grünstreifen, Straßenböschungen und Autobahnauffahrten. In erster Linie aber trifft es die offene Landschaft, also den ländlichen Raum. Bauschutt oder Elektroschrott landen illegal im Wald, ebenso ausgediente Autoreifen oder Folien aus der Landwirtschaft. Besonders betroffen sind beliebte Picknickplätze an Gewässern, Waldränder und landwirtschaftliche Flächen. Klassische Verbotsschilder schaffen ebenso wenig Abhilfe wie das Aufstellen von Abfallbehältern. Der Müll findet sich bis hinauf in abgelegene Bereiche der Berge. Spaziergänger, Wanderer und Radfahrer können zwar volle Getränkeflaschen und -dosen mit in die Natur tragen. Ist der Durst jedoch gelöscht, wird das Behältnis zu schwer, um es mit nach Hause zu nehmen.
Vom ausgespuckten Kaugummi über die achtlos weggeworfene Zigarettenkippe bis zu Fast-Food-Verpackungen und Pizza-Kartons – Abfallfachleute haben für die Vermüllung der Landschaft den englischen Begriff des „Littering“ ins Deutsche übernommen. Er beschreibt ein gesellschaftliches Phänomen und Problem, das sich zunächst auf Kleingegenstände wie Papiertaschentücher, Kaffeebecher, Plastiktüten und Bonbonpapiere bezieht, die achtlos aus dem Autofenster geworfen, im Vorbeigehen fallen oder nach der Rast liegen gelassen werden. Doch die illegale Entsorgung geht weit darüber hinaus, denn auch Elektroschrott, kaputte Campingstühle oder ganze Lkw-Ladungen Bauschutt landen in der Landschaft.
Fehlendes Problembewusstsein
Viele Verursacher verfahren nach der Devise „Ex und hopp“, aus den Augen, aus dem Sinn. Sie nehmen ihr Verhalten nicht als Problem wahr. Egal aber, ob das wilde Entsorgen aus Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit, Ignoranz oder Unwissenheit geschieht, es ist stets ein Verstoß gegen die Pflicht zur ordnungsgemäßen Abfallbeseitigung nach dem Kreislaufwirtschaftsgesetz. Es handelt sich also zumindest um eine Ordnungswidrigkeit, je nach Schwere des Delikts aber gegebenenfalls auch um eine Straftat.
Denn die Folgen von Littering sind gravierend. Zunächst geht es für die meisten Menschen um einen Wohlfühlfaktor. Sie möchten einfach nicht im Dreck leben und wünschen sich Sauberkeit auch in der Landschaft. Darüber hinaus gefährdet Littering Tiere und Pflanzen. Wild, etwa Damwild, äst Folienreste, verfängt sich in Litzen, tritt in Scherben oder Getränkedosen und verletzt sich dabei. Viele Abfälle verrotten nur langsam oder gar nicht. Andere setzen Schadstoffe frei. So verunreinigt eine einzige Zigarettenkippe 40 bis 60 Liter Grundwasser. Irgendwann kommt das Gift also zum Menschen zurück. Andererseits werden wertvolle Rohstoffe, die durch ein Recycling zurückgewonnen werden können, unwiederbringlich der Kreislaufwirtschaft entzogen.
Gemeinsam gegen den Müll
Nicht zuletzt kostet die Vermüllung viel Geld. Deshalb beschäftigen manche Städte sogenannte „Müllsheriffs“. Sie sollen Verursacher ermitteln. Bleiben die aber unbekannt, geht die Verpflichtung zur Beseitigung auf den öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträger – die Abfallwirtschaft – über. Dahinter stehen stets die Kommunen, die für Reinigung, Präventionsmaßnahmen und Aufklärungskampagnen tief in die Tasche greifen müssen. Es kostet also unser aller Geld. Deshalb sind auch alle betroffen und gleichermaßen für die Umwelt verantwortlich.
Diese Sichtweise setzt sich immer mehr durch: Überall im Land kämpfen nicht nur kommunale Reinigungskräfte gegen den Abfall in der Natur, sondern auch Freiwillige. Kommunen rufen auf zum City-Putz, zu Dreck-weg-Tagen, zur Besenparty oder zur Aktion Saubere Landschaft und Einzelpersonen, Vereine, Nachbarschaften und Schulklassen kommen zur gemeinsamen Putzaktion. „Sauberhafte Landschaft“ heißt sie seit zwölf Jahren in den 16 Mitgliedskommunen des hessischen Müllabfuhrzweckverbandes Biedenkopf. Dort sind vor knapp einem Jahr „rund 4.000 freiwillige Helfer überall im Verbandsgebiet ausgeschwärmt, um sich der kleinen und großen Umweltsünden ihrer Mitmenschen anzunehmen“, so der Verband. Solche Aktionen mögen als der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein oder Sisyphos-Arbeit anmuten. Aber sie tragen dazu bei, das öffentliche Bewusstsein zu schärfen.
Nicht zuletzt engagieren sich viele Jäger, oft koordiniert durch Hegeringe, bei derartigen Säuberungen. Sind sie es doch, die den Unrat auch in den entlegensten Ecken der Reviere finden. Dieses Engagement ist ein meistens unbeachteter Beitrag zum Natur- und Umweltschutz, der weit über den jagdlichen Auftrag hinausgeht.






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