Mit der Gen-Schere gegen die Hitze
- Frank Polke

- vor 1 Stunde
- 2 Min. Lesezeit
Die Hitze des Juni 2026 zeigt es: Der Klimawandel verändert die Landwirtschaft. Die EU will den Bauern jetzt mehr Freiheit beim Einsatz von Gentechnik erlauben. Nicht allen gefällt das

Im Juni gab es bundesweit neue Hitzerekorde, die brennende Sonne und Trockenheit werden zur neuerlichen Belastung für die anstehenden Ernten nicht nur im Osten, sondern bundesweit. Schon in den vergangenen Jahren hatten Getreide- und Obstbauern in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt einen größeren Teil ihrer Ernten verloren. Auch die Forstwirtschaft in Brandenburg und in Sachsen sieht sich im Jahr 2026 erneut extremen Hitzebelastungen ausgesetzt.
Hoffnung macht vielen Landwirten jetzt eine Entscheidung des EU-Parlaments in Straßburg. Das Europäische Parlament machte den Weg für neue Regeln für sogenannte neue genomische Techniken (NGT) wie die Gen-Schere CRISPR/Cas frei. Konkret ist CRISPR/Cas (oft als „Gen-Schere“ bezeichnet) eine revolutionäre molekularbiologische Methode des Genome Editing. Sie ermöglicht es, das Erbgut (DNA) nahezu aller Lebewesen präzise, kostengünstig und einfach zu zerschneiden, um Gene auszuschalten, zu verändern oder neue Erbinformationen einzufügen. Bezogen auf die Landwirtschaft bedeutet dies, dass trockenheitsresistente Weizensorten oder Pflanzen, die mit weniger Pflanzenschutzmitteln auskommen, nun schneller zugelassen werden und dann auf den Feldern angebaut werden können.
Deutschland hat sich auf EU-Ebene im Rat enthalten
Gentechnik, in Deutschland und in vielen anderen europäischen Ländern ein umstrittenes Thema. Die jetzt beschlossenen Änderungen wurden bereits von den EU-Staaten bestätigt und sollen voraussichtlich ab Mitte 2028 angewendet werden. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hatte die Einigung auf EU-Ebene im Dezember als schweren Fehler bezeichnet. Bei der Abstimmung darüber im Rat enthielt sich Deutschland im April entsprechend. Die Mehrheit kam dann auch von anderen europäischen Ländern.
Die Reaktionen auf Landesebene fallen in der Bundesrepublik aber durchaus unterschiedlich aus. So sieht zum Beispiel der Landesbauernverband Sachsen-Anhalt nach dem Beschluss nun eine stärkere Chance, neue Züchtungsmethoden einzusetzen, um Kulturpflanzen schneller an den vorhandenen Klimawandel anzupassen. „Gerade für die Landwirtschaft in Sachsen-Anhalt, die regelmäßig von Trockenperioden und Wetterextremen betroffen ist, können neue Züchtungsmethoden dazu beitragen, widerstandsfähigere Sorten mit stabileren Erträgen zu entwickeln“, teilte der Verband gegenüber dem Landesdienst von dpa in Magdeburg mit. Auch andere Landwirtschaftsverbände begrüßen den Schritt aus Straßburg.
Wissenschaft sieht Fortschritte
Auch das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben sieht nach der Freigabe der Gen-Schere CRISPR/Cas mehr Chancen als Risiken. Es gehe jetzt um Präzision und Geschwindigkeit bei der Züchtung in Form des Einsatzes der neuen genomischen Techniken (NGT). Dies sei wichtig im Hinblick auf die Geschwindigkeit des Klimawandels und die Vorgaben, weniger Agrochemikalien einzusetzen, teilte das angesehene Leibniz-Institut in einer Erklärung mit.
Auch die Biotech-Branche sieht den Beschluss positiv: „Genau diese Lösungen werden gebraucht, wenn Landwirtschaft auch unter schwierigeren Bedingungen verlässlich produzieren soll“, erklärte der Geschäftsführer des Biotechnologie-Verbands DIB, Ricardo Gent. Er forderte, die EU-Regeln „ohne neue bürokratische Hürden“ in Deutschland umzusetzen.
Umweltschützer lehnen Freigabe ab
Ganz anders fallen die Reaktionen bei den Umweltschützern aus. „Als Verbraucher haben wir das Recht zu wissen, was auf unserem Teller liegt. Auch Menschen, die in Zucht-, Landwirtschafts- oder Verarbeitungsbetrieben arbeiten – egal ob konventionell oder biologisch –, müssen das Recht und die Möglichkeit haben, auch in Zukunft gentechnikfrei zu erzeugen“, erklärte Annemarie Volling vom Umweltdachverband Deutscher Naturschutzring. Zugleich forderte sie klare Haftungsregelungen nach dem Verursacherprinzip. „Wer auf neue Gentechniken setzt, muss auch für Schäden an der Umwelt, bei Menschen oder Tieren oder für wirtschaftliche Schäden aufkommen.“






Kommentare