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Erdmandelgras: Vom Randproblem zur Flächenplage

  • natur+mensch
  • vor 18 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit

Von unter 100 Hektar in den 1990er-Jahren auf 300.000 Hektar bundesweit im Jahr 2025: Das Erdmandelgras breitet sich dramatisch aus. Es stellt die Landwirte vor eine Herausforderung, für die es keine einfache Lösung gibt


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Erdmandelgras (Foto: Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes NRW)
Erdmandelgras (Foto: Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes NRW)

Wer ein unbekanntes Gras auf dem Feld entdeckt, sollte es anfassen. Fühlt es sich hart, kantig und schilfartig an, könnte es sich um Erdmandelgras handeln. Das charakteristische V-förmige Blatt und der dreikantige, knotenlose Stängel machen die Pflanze bei näherer Betrachtung erkennbar. Blüten erscheinen gelblich-braun, die Samen sind kaum einen Millimeter groß. Was unscheinbar wirkt, ist in der Praxis einer der gefürchtetsten Schädlinge im Ackerbau: Im weltweiten Ranking der problematischsten Ungräser gehört das Erdmandelgras zu den Top 20.


Die Zahlen zeigen, wie dramatisch die Lage geworden ist. In den frühen 1990er-Jahren waren in Deutschland weniger als 100 Hektar betroffen. 2020 lag die bundesweite Befallsfläche noch bei rund 20.000 Hektar. Für 2025 wird sie bereits auf über 300.000 Hektar geschätzt. In Niedersachsen allein hat sich die befallene Fläche zwischen 2021 und 2024 von rund 10.000 bis 12.000 Hektar auf etwa 200.000 Hektar fast verzwanzigfacht.


Vor-Ort-Termin zur Demonstration über den Umgang mit Erdmandelgras


Welche Maßnahmen zur Eindämmung und Prävention zur Verfügung stehen und wie betroffene Betriebe reagieren müssen, stellten in dieser Woche NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen und Karl Werring, Präsident der Landwirtschaftskammer NRW, gemeinsam mit dem Präsidenten des Rheinischen Landwirtschafts-Verbands, Erich Gussen, und dem Vize-Präsidenten des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands, Michael Uckelmann, bei einem Vor-Ort-Termin auf einem Versuchsfeld der Landwirtschaftskammer im westfälischen Dülmen vor.


Ministerin Silke Gorißen: „Beim invasiven Erdmandelgras gilt: Früherkennung und konsequente Maschinenhygiene sind die wirksamsten Maßnahmen. Noch stehen wir an einem Punkt, an dem wir durch frühes Erkennen und konsequentes Handeln größere Schäden in der Landwirtschaft begrenzen können. Genau deshalb ist es so wichtig, dass wir vor den Gefahren von Erdmandelgras für unsere hochwertige landwirtschaftliche Produktion Schutzmaßnahmen vorstellen.“


Die Biologie erklärt die Hartnäckigkeit


Wer das Erdmandelgras bekämpfen will, muss seine Vermehrungsstrategie verstehen. Die aus Ostafrika stammende Pflanze reproduziert sich auf drei Wegen gleichzeitig: unterirdisch über Rhizome, die bis zu 60 Zentimeter lang werden, über Knöllchen, sogenannte Erdmandeln mit einem Durchmesser von 10 bis 15 Millimetern, und oberirdisch über Samenbildung ab August. Vögel nehmen die Samen auf und verbreiten sie über ihre Ausscheidungen weiter.


Sie informierten beim Vor-Ort-Termin (v. l. n. r.): Bernhard Wiesmann (LWK NRW), Georg Silkenbömer (Kreislandwirt Kreis Coesfeld), Erich Gussen (Präsident des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes), Ministerin Silke Gorißen, Karl Werring (Präsident der Landwirtschaftskammer NRW), Wilhelm Korth MdL und Michael Uckelmann (Vize-Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes). (Foto: Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes NRW)
Sie informierten beim Vor-Ort-Termin (v. l. n. r.): Bernhard Wiesmann (LWK NRW), Georg Silkenbömer (Kreislandwirt Kreis Coesfeld), Erich Gussen (Präsident des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes), Ministerin Silke Gorißen, Karl Werring (Präsident der Landwirtschaftskammer NRW), Wilhelm Korth MdL und Michael Uckelmann (Vize-Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes). (Foto: Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes NRW)

Die eigentliche Gefahr steckt in den Mandeln. Jedes einzelne Knöllchen ist bis zu sechs Jahre lang keimfähig und überlebt Temperaturen bis zu minus 15 Grad Celsius. Aus einer einzigen Erdmandel können innerhalb weniger Wochen zahlreiche Tochterpflanzen entstehen. Die rechnerisch ermittelte Vermehrungsrate liegt bei 1:700. Wer das nicht früh stoppt, kämpft bald gegen eine Armee.


Ertragsverluste bis 25 Prozent


Das Erdmandelgras konkurriert direkt mit der Kulturpflanze um Nährstoffe, Wasser und Licht. In Hackfrüchten wie Mais oder Rüben können die Ertragsverluste bis zu 25 Prozent betragen. Im Getreideanbau sieht die Lage günstiger aus: Dort ist der Konkurrenzdruck durch die dichten Bestände groß genug, um das Erdmandelgras weitgehend zu unterdrücken. Für stark betroffene Regionen mit engen Mais-Fruchtfolgen ist das aber nur bedingt eine Lösung.


Chemie hilft nur begrenzt


Ein Herbizid, das die Erdmandeln im Boden wirklich erreicht, existiert nach wie vor nicht. Verfügbare Wirkstoffe erfassen den oberirdischen Aufwuchs zuverlässig, lassen die Knöllchen im Boden jedoch weitgehend unberührt. Diese überdauern, vermehren sich exponentiell und treiben im nächsten Jahr erneut aus. Mehrspritzig eingesetzte Herbizide im Mais, kombiniert mit Splittingverfahren, erzielen laut Fachquellen einen Wirkungsgrad von 80 bis 90 Prozent, sind aber keine dauerhafte Lösung. Bayer CropScience hat für die Maissaison 2026 eine Notfallzulassung für das Mittel MaisTer power nach Artikel 53 der EU-Zulassungsverordnung erwirkt, um späte Behandlungsmöglichkeiten zu schaffen.


Was wirklich hilft


Langfristig führt nach aktuellem Kenntnisstand kein Weg an einer geänderten Fruchtfolge vorbei. Wintergetreide beschattet die Fläche und unterdrückt das Auflaufen des Erdmandelgrases wirkungsvoll. Zwischenfruchtanbau, Fruchtfolgewechsel und mechanische Maßnahmen wie flaches Fräsen oder Grubbern bis maximal zehn Zentimeter Tiefe unterstützen die Eindämmung. Eine mechanische Schwarzbrache muss über zwei bis drei Jahre fortgeführt werden, um eine spürbare Wirkung zu erzielen.


Entscheidend bleibt die Feldhygiene. Das Erdmandelgras verschleppt sich über Erde an Maschinen, Schuhwerk, Drainagearbeiten und Überschwemmungen. Alle Geräte müssen nach dem Einsatz auf befallenen Flächen vor Ort gereinigt werden. Befallene Flächen sollten immer zuletzt bearbeitet und beerntet werden. Bei überbetrieblichem Maschineneinsatz und Lohnunternehmern ist besondere Vorsicht geboten.


Wer noch keine befallenen Flächen hat, sollte jetzt handeln: Die Einschleppung zu verhindern, ist erheblich einfacher als die spätere Bekämpfung. Das Erdmandelgras ist gekommen, um zu bleiben.

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