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Wilderei (Teil 3): Kriminelle als vermeintliche Helden

Autorenbild: Christoph Boll
Christoph Boll
vor 1 Tag
4 Min. Lesezeit

In der langen Tradition der Wilderei werden die Täter vielfach idealisiert oder romantisiert. Das mündete in der Mitte des 20. Jahrhunderts im Kitsch und in den Klischees der Heimatfilme. Das bekannteste Beispiel ist Georg Jennerwein


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Georg Jennerwein (Foto: Wikipedia)
Georg Jennerwein (Foto: Wikipedia)

Sie schlugen der staatlichen Obrigkeit ein Schnippchen und begehrten gegen sie auf, weil diese die Jagd als adeliges Privileg ausschließlich für sich beanspruchte. Das erbeutete Fleisch ernährte zugleich die Familie oder konnte verkauft werden. So hatte der Spessarter Erzwilderer Johann Adam Hasenstab einen gut gehenden Wildbrethandel bis Frankfurt.


Das alles trug dazu bei, dass die Wilderer in den Augen der armen Landbevölkerung schnell zu Helden mutierten. Besonders die Wilderer aus feudalen Jagdgebieten wie dem Spessart wurden schon früh von der Bevölkerung heroisiert. Das verstärkte sich noch während der französischen Besatzungszeit unter Napoleon.


Wildererromantik in gefährlichen Bergregionen


Im Alpenraum entwickelte sich im 19. Jahrhundert geradezu eine Wildererromantik. Sie speist sich daraus, dass es beim Wildern wie beim Jagen in den gefährlichen Bergregionen sowohl äußerst gute Ortskenntnisse als auch obendrein besondere Kühnheit und Naturverständnis braucht. Zu einer Zeit, in der Bergsteigen als alpiner Sport noch völlig unbekannt war, beherrschten also die Gebirgsjäger und -wilderer hohe bergsteigerische Fähigkeiten. Etliche heutige Gebirgswanderwege haben ihren Ursprung als Jägerpfade. Besonders im bayerisch-österreichischen Grenzraum waren Wilderer meistens zugleich Schmuggler. Sie bewegten sich auf sogenannten Wildererpfaden, die oft ausgetretene Wildwechsel waren.


Die tollkühnen Burschen und die wilde Bergwelt verschmelzen im Zuge der Romantik Anfang des 19. Jahrhunderts zunehmend zu einem Motiv in Kunst und Literatur. In dieser Entwicklung werden die Gebirgs-Wildschützen zunehmend zu „natürlichen Helden“. Der Endpunkt dieser Sicht ist in den vor rund 70 Jahren entstandenen Heimatfilmen erreicht, in der die Auseinandersetzung zwischen Wilderer und Obrigkeit zu Kitsch und Klischee verkommt.


Etliche der realen Vorbilder waren immerhin berühmt, einige sogar legendär geworden: Hans Eidig (Lüneburger Heide), Hasen-Ahlers (Oldenburger Land), Hermann Klostermann (Eggegebirge, Sauerland), der Lexengangerl (Oberpfalz), Matthias Klostermayr, bekannt als der „bayerische Hiasl“, der im 18. Jahrhundert eine berüchtigte Wildererbande im Grenzraum zwischen Bayern und Schwaben anführte und schließlich hingerichtet wurde. Der genannte Hermann Klostermann, der zudem auch als „Teutoburgerwald-Wilderer“ aus Westfalen bekannt war, hielt die Obrigkeit über Jahre hinweg in Atem. In der Bevölkerung galt er als schlau und ungreifbar.


Legende über Bayern hinaus


Der bekannteste von allen aber ist sicher Georg Jennerwein, der „Girgl von Schliers“. Er wurde zur Legende weit über Bayern hinaus und seine Wilderei zum Aufbegehren gegen die Obrigkeit stilisiert. Die bis in die Gegenwart geschaffenen zahlreichen Romane, Filme und Theaterstücke mit ihm als Protagonisten haben ihren Ursprung in dem zum Volkslied gewordenen „Jennerwein oder Auf den Bergen wohnt die Freiheit“. Darin wird der Protagonist zum Volkshelden verklärt, der später sogar mit Robin Hood verglichen wurde, obwohl nirgends überliefert ist, dass er seine Beute jemals mit Bedürftigen geteilt hat.



Wie nicht wenigen Wilderern, die von Forstbeamten des Landesherren gejagt und noch vor dem eigentlichen Ergreifen getötet wurden, erging es auch dem Holzarbeiter Jennerwein. Am 6. November 1877 hat er sich noch vor Tagesanbruch in einem Graben zur Jagd auf Gämsen in Position gebracht. Dort kommt es der Sage nach zu einem unverhofften Zusammentreffen mit dem Jagdgehilfen Pföderl. Der wirbt nicht nur um dieselbe Frau wie der „Weiberheld, Raufbold und Wirtshausbruder“ Jennerwein, sondern ist der Überlieferung nach von diesem bei einem Holzhackerball provoziert worden. Er strich dem Konkurrenten vor allen Anwesenden mit seinem Gamsbart quer über das Gesicht und sagte: „Siehgst Pföderl, söllers Kraut wachst in dein Garten, aber brocka tua’s i!“ (Siehst du Pföderl, solches Kraut wächst in deinem Garten, aber ich pflücke es!)


Drastische Strafen für die Täter


Als die beiden sich dann unvermittelt in der Natur treffen, springt Jennerwein angeblich im Reflex zurück und dreht sich dabei um. Ebenfalls im Reflex schießt Pföderl, trifft den Wilderer in den Rücken und läuft in seiner Panik zurück ins Forsthaus. Eine andere These besagt: Pföderl ist nach einem Gespräch mit Forstwart Mayr, „dessen Inhalt nie bekannt wurde“, zu Jennerwein zurückgekehrt, um mit seinem Gewehr mindestens einen Schuss in dessen Kopf abzugeben und somit einen Selbstmord Jennerweins vorzutäuschen. Letztlich wird der Tote zum Idol, nach dem sich Schützenvereine benennen und dessen angebliches Grab jährlich Hunderte von Verehrern besuchen.



Wilderei wurde von Beginn an drastisch bestraft, um sie im Keim zu ersticken. Damit erlangte sie quasi die Qualität eines politischen Verbrechens. Öffentliche Demütigung, Zwangsarbeit oder sogar die Todesstrafe drohten den Erwischten. Es gab aber auch Zeiten, in denen der Staat nachsichtig war. So galten Wilderer, die mit der Kugel jagten, beim Militär als ideale Scharfschützen. Das führte dazu, dass mit Georg Mühlberger und Georg Herrnbreiter zwei der bekanntesten deutschen Scharfschützen des Ersten Weltkriegs Wilderer waren. Beiden wurde trotz ihrer kriminellen Vergangenheit als Wilderer die Bayerische Tapferkeitsmedaille, die höchste Tapferkeitsauszeichnung Bayerns für Nicht-Offiziere, verliehen. Herrnreiter erhielt zudem das Eiserne Kreuz zweiter Klasse.


In der Zeit des Nationalsozialismus plante man Anfang 1940 die Aufstellung von geschlossenen Scharfschützen-Kompanien mit Integration sämtlicher Wilderer. Durch entsprechende militärische Leistungen sollten sie so ihre Strafe im Fronteinsatz abbüßen. Dazu kam es zwar nicht, im Mai 1940 wurde das „Wilddiebkommando Oranienburg“ aufgestellt. Es ging in das SS-Sonderkommando Dirlewanger über, in dem 250 Wilderer neben gewöhnlichen Kriminellen und Berufsverbrechern waren.

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