Deutschland driftet auseinander – Stadt und Land auf verschiedenen Wegen

Unsere Kolumne zu Politik, Themen des ländlichen Raumes und der Jagd

Liebe Leserin, lieber Leser!
Viele in Deutschland haben sich am Montag mit den Ergebnissen der Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und zum Abgeordnetenhaus in Berlin vor Augen selbige gleich erst einmal gerieben. Zum großen Aufwachen gehört die verbreitete Sorge, dass diese Republik eine andere werden könnte. Die Koordinaten verschieben sich: nach Sachsen-Anhalt auch in Mecklenburg-Vorpommern radikal nach rechts, in Berlin nach links. Das zeigt Wirkung im Bund und international. Die Parteien der Mitte und damit die Koalition von Union und SPD schütteln sich und sind erst einmal zu dem Schluss gekommen, die Reformpolitik vielleicht ein wenig zu korrigieren, aber im Grundsatz am Vereinbarten und am Spitzenpersonal festzuhalten. In unserer Wochenkolumne orakeln wir nicht mit, wie es weitergehen könnte, sondern gehen auf Spurensuche im Wahlverhalten. Die Erkenntnis: Die Gesellschaft driftet weiter auseinander. Von den politischen Leiden kommen wir dann im Folgenden mit Blick auf die ländlichen Regionen auch zu den Freuden des Herbstes. Die Oktober- und Wiesenfeste überschwemmen das Land bis in den hohen Norden. Im Süden bleibt es dabei: Sie haben auch etwas mit Politik zu tun. Schließlich befassen wir uns mit dem Rotwild. In den Revieren hat die Brunft begonnen, die unsere Hochwildjäger in ihren Revieren in den Bann zieht. Und in den Nationalparks gilt das für viele Naturbeobachter, die das Schauspiel der Hirsche akustisch und optisch immer wieder erleben wollen.
Nach den Wahlen ist wieder einmal vor den Wahlen. In gut einem halben Jahr stehen nach diesen Katastrophen-Ergebnissen für die politische Mitte bereits drei weitere Abstimmungen in den Terminkalendern. Bis dahin wollen sich CDU und SPD so geschüttelt haben, dass dann am 18. April Anke Rehlinger im Saarland und Daniel Günther in Schleswig-Holstein sowie eine Woche später Hendrik Wüst nicht mehr so um ihre Ämter zittern müssen, wie es jetzt gerade in Magdeburg, Schwerin und Berlin war. Stabilität und Stärke in der Mitte bleiben für die einen in Deutschland ein Wunschtraum. Die anderen wollen das Gegenteil, wie der stürmische Aufwind an den politischen Rändern belegt.
Wer tiefer in die Wahlergebnisse blickt, erkennt ein weiteres Zeichen für die Auseinanderentwicklung in zwei Anspruchsgesellschaften. Dabei spielt „Wer wohnt und lebt wo“ eine entscheidende Rolle. Der Soziologe Ansgar Hudde ist bereits 2025 in seiner Untersuchung „Wo wir wie wählen“ (Campus Verlag) der Frage nachgegangen, wie weit sich Deutschland politisch auseinandergelebt hat. Seine Fragestellung lautet: „Grenzen sich Anhänger unterschiedlicher politischer Gruppen auch räumlich vermehrt voneinander ab?“ In seiner Untersuchung hat der Autor auch unter Einschluss der Ergebnisse der letzten Bundestagswahl bereits 2025 vier Wahlmuster in Deutschland identifiziert. Er ordnet sie so ein: das „politische Typischdeutschland in westdeutschen Klein- und Mittelstädten“, das „Konservative-Wahlmuster“ im ländlichen Bayern, das „AfD-trifft-Linke-Wahlmuster“ in Ostdeutschland jenseits der Großstädte sowie das „Grün-links-Wahlmuster“ in den zentrumsnahen Vierteln von Metropolen und Universitätsstädten. Ich vermute, Hudde wird seine Analyse nach den letzten drei Landtagswahlen dieses Monats in derselben Richtung – nur verstärkt im Trend – fortschreiben müssen. Stadt und Land sowie Ost und West driften weiter auseinander. Und das mit regionalen Gewichtsverschiebungen zwischen Union und AfD auf der einen sowie SPD, Grünen, der Linken und BSW auf der anderen Seite unserer Gesellschaft.
Weitere Polarisierung zwischen Stadt und Land
Jedenfalls steht nach den letzten beiden Wahlsonntagen jetzt schon fest: Das Verhalten zwischen Stadt und Land zeigt bei den Abstimmungen eine weiter verschärfte Polarisierung. Alltagsthemen zeigen sich in den Wohnorten mit ihren unterschiedlichen Infrastrukturen und Fragestellungen als Faktoren für Parteipräferenzen. Die AfD hat massiv in Regionen mit geringer Einwohnerdichte zugenommen; vorherrschend sind hier offensichtlich ländliche Zukunftsängste. Die CDU ist in diesen Wahlbezirken abnehmend sichtbar und wird nach der Wählerbewegung durch weitere Abwanderung von der AfD bedrängt, die zudem viele bisherige Nichtwähler mobilisieren konnte. Die SPD verliert in angestammten städtischen Milieus und hält dort vorwiegend ältere Stammwähler und erschließt wenig Jüngere. Die Kernunterstützung von Grünen und mehr noch von den Linken ist überwiegend in städtischen Milieus zu verorten. In Berlin dominiert die Linke das Stadtzentrum. Nach übereinstimmenden Untersuchungen und veröffentlichten Wählerwanderungen ist damit festzuhalten: Stadt und Land fallen weiter auseinander.
Den Kanzler einfach loszuwerden, ist auch keine Lösung…
Wir sind abseits vieler Wahlanalysen und Kommentare dort, womit wir uns in diesem Blog im Grundsatz beschäftigen. Welches Gewicht hat der ländliche Raum aktuell und in Zukunft in der deutschen Politik? Das wird sichtbar: Wenn weitaus mehr als die Hälfte der Menschen in den ländlichen Regionen leben und arbeiten, sind sie von Strukturen abhängig, deren Ursprung und Gewichte in der Politik zu finden sind. An Tagen wie am letzten Sonntag in Mecklenburg-Vorpommern spielt damit die Betrachtung, wie auf dem Lande gewählt wurde, eine besondere Rolle. Da soll ja, wie schon in Sachsen-Anhalt zuvor, das Gefühl, „abgehängt zu sein“, den Ausschlag gegeben haben. Der Unmut wurde in der Medienresonanz vielfach an der Person des Kanzlers festgemacht. Das ist wohl zu einfach gedacht. Der nicht gerade der Union zuzuordnende ZDF-Moderator Markus Lanz hat das mit dieser Frage anders ausgedrückt: „Ist es in Ordnung, wie die Politik, die eigene Partei, auch die mediale Öffentlichkeit gerade mit Friedrich Merz umgeht? Als würde es ausreichen, einfach diesen ungeliebten Kanzler irgendwie loszuwerden, und dann sind alle Probleme gelöst.“ Auf diese Idee scheinen im Laufe der Woche auch andere in der Union, aber auch in der SPD gekommen zu sein. Die Koalitionsspitzen im Bund geben sich alle Mühe, den Laden zusammenzuhalten. Ob das gelingt, ist eine andere Frage und wird sich wohl noch im Laufe dieses Jahres entscheiden.
Berlin hat mit der Wahl zum Abgeordnetenhaus dagegen gezeigt, dass vollkommen andere Ansprüche der Menschen die Wahl entschieden haben. Das kann man am Thema Mieten- und Enteignungswahlkampf festmachen.
Der überwiegende Teil der Geschlossenheitsappelle dieser Tage richtet sich an die politisch Handelnden. Was fehlt, ist auch mehr gesellschaftliche Geschlossenheit. Die jüngsten Wahlergebnisse zeigen in eine andere Richtung: Das ist der Trend zu mehr Eigensinn statt Gemeinsinn.
Nicht nur der Aschermittwoch ist politisch, sondern auch die Wies´n-Feste
Es ist jetzt aber nicht nur die Zeit, Trübsal zu blasen und Zukunftsängste zu schüren. Es darf auch gefeiert werden. Das zeigt sich im Herbst, wenn nicht nur in München Millionen vom Oktoberfest angezogen werden. Überall im und vor allem auf dem Lande heißt es „O´zapft is“. Das gilt selbst im hohen Norden, wenn etwa in Flensburg am 9. Oktober nach bayerischem Vorbild das erste Fass dort angestochen wird, wo sonst die Handball-Bundesliga in der „Hölle des Nordens“ tobt. Die Originale der sogenannten Wiesenfeste finden eher im Süden statt. Und das abseits vom Münchner Spektakel, wo erstmals ein grüner Oberbürgermeister dem schwarzen Landesvater nach dem Anstich die erste Maß in die Hand zu drücken hatte. Söder machte gute Miene zu seinem üblichen Mini-Schluck aus großem Glas. Das andere Signal: Diese Feste sind politisch. Legendär ist da der Gillamoos im niederbayerischen Abensberg, wo während des Jahrmarktes montagsmorgens in verschiedenen Festzelten Politprominenz aller nennenswerten Parteien Massen anzieht. Das liegt gerade hinter und der Cannstatter Wasen in Stuttgart vor uns – mit einem anderen Veranstaltungsformat: Angedockt ist dort das traditionelle „Landwirtschaftliche Hauptfest“. In diesem Jahr findet die 102. Ausgabe dieser größten Fachmesse für Landwirtschaft, Forst und Ernährungswirtschaft statt. Diese Tradition einer grünen Messe mit Kongressformaten geht auf das Jahr 1818 zurück. Die Jagd gehört zum ländlichen Raum und ist natürlich dabei. Der LJV Baden-Württemberg wird auf seinem Messestand über Wild, Jagd und Natur informieren. Schwerpunkt soll das Thema „Wald-Wild-Bewusstsein“ sein. Unser Autor Wolfgang Molitor wird das in unserem Blog zum Anlass nehmen, mal darauf zu schauen, wie sich die schwarz-grüne Landesregierung zu diesen Themen positioniert.
Das besondere Naturschauspiel des Herbstes ist die Hirschbrunft
Begonnen hat die Brunftzeit des Rotwildes. Nicht nur für unsere Jägerinnen und Jäger gehört dieses Naturschauspiel zu den Höhepunkten eines Jagdjahres, das übrigens im April beginnt. Viele Naturfreunde informieren sich, wo sie das besondere Verhalten dieser beeindruckenden Wildart in der Brunftzeit September/Oktober aus der Distanz verfolgen können. Die männlichen Hirsche stoßen weithin hörbare Rufe (tiefes Röhren) aus und starke Hirsche sammeln Rudel von weiblichen Tieren (Kahlwild), um sich gegen Rivalen in heftigen Kämpfen durchzusetzen. Am besten informiert man sich bei den Nationalparkverwaltungen, die auch auf Verhaltensregeln aufmerksam machen. Dazu gehören Wegegebot mit zum Teil ausgewiesenen Wanderwegen und Aussichtsplattformen. Beispiele sind die Dreiborner Hochfläche im Nationalpark Eifel, im thüringischen Hainich, der Nationalpark Harz mit geführten Hörplätzen sowie der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft mit Plattformen auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Im Süden finden besondere Exkursionen im Nationalpark Schwarzwald statt.
Lebensräume und Verbreitung des Rotwildes machen auch Sorgen
Dass unser Rotwild nur auf etwa 25 Prozent der Fläche in Deutschland vorkommt, ist nicht naturgegeben, sondern geht auf Gesetze und Verordnungen zurück. Vor allem in den südlichen Bundesländern ist die Beschränkung auf festgelegte Rotwildbezirke zu spüren. Nur dort wird diese imposante Wildart „geduldet“. Das Bayerische Jagdgesetz schreibt beispielsweise vor, dass Reviere außerhalb der Rotwildbezirke „rotwildfrei zu machen und zu halten“ sind. So beschränken sich die Lebensräume im Freistaat auf nur 14 Prozent der Landesfläche. Die Deutsche Wildtierstiftung fordert wie viele Fachleute, die ausgewiesenen Lebensräume besser zu vernetzen. Es geht für diese wanderfreudige Tierart darum, über größere Distanzen den genetischen Austausch zwischen Teilpopulationen zu ermöglichen. Grünbrücken, Wanderkorridore und sogenannte Trittstein-Vorkommen auf öffentlichen Liegenschaften könnten das fördern. Hier gilt es, die Politik zu überzeugen, für mehr potenzielle Lebensräume zu sorgen, die dann auch vernetzt werden sollten. Dieses Thema mit vorbildlichen Maßnahmen in Schleswig-Holstein haben wir anhand von Forschungen und Lösungen in unserem Blog bereits mehrfach behandelt. Politische Lösungen sind also möglich. Nach ihrem Rotwild-Symposium bilanzierte vor kurzem die Wildtierstiftung: Rothirsche haben eine große Bedeutung für viele Prozesse des Ökosystems. Beklagt wird, dass viele Landnutzer von Wald und Flur oft nur das Risiko von Wildschäden sehen, statt die ökologischen Funktionen des Rotwildes anzuerkennen.
Mit diesen natürlichen jahreszeitlichen Bezügen wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ein gutes Wochenende – vielleicht mit Naturerlebnissen in Ihren nächsten Ausflugsplänen.
Ihr Jost Springensguth
Redaktionsleitung / Koordination







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