Ein starker ländlicher Raum nützt allen
- Jürgen Wermser

- vor 12 Minuten
- 4 Min. Lesezeit
Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und auf die Bundespolitik

Liebe Leserinnen und Leser,
wir befassen uns dieses Mal in unserem Wochenkommentar mit dem Treffen von Gewerkschaften und Arbeitgebern mit der Koalitionsspitze im Kanzleramt und den damit verbundenen Hoffnungen auf eine neue Konzertierte Aktion. Hintergrund ist die schwierige wirtschaftliche Lage nicht nur im Agrarbereich, wo die Erzeugerpreise erneut stark gesunken sind. In diesem Zusammenhang geht es auch um die allgemeinpolitische Bedeutung der Landwirtschaft, die größer ist als ihr Anteil am Bruttosozialprodukt. Weitere Themen sind notwendige Fortschritte bei der Digitalisierung, die auch der Jagd zugutekommen können, sowie der teils bedrohliche Zustand des Waldes, insbesondere in Brandenburg.
Endlich wird in Berlin wieder mit- und nicht übereinander geredet. Das Treffen der Spitzen der Koalition mit Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften scheint in konstruktiver Atmosphäre verlaufen zu sein. Alle Seiten waren sich offenbar einig, dass wir mehr Wachstum und umfassende Strukturreformen in vielen Bereichen brauchen. Das mag wie eine Selbstverständlichkeit klingen. Doch nach den heftigen, teils persönlich verletzenden Auseinandersetzungen der vergangenen Wochen und Monate ist das schon ein Fortschritt – Stichworte sind Auftritte des Kanzlers bei den Gewerkschaften und der Sozialministerin bei den Arbeitgebern.
Letztlich können Koalition und Sozialpartner das Land nur gemeinsam nach vorne bringen. Dass so etwas bei gutem Willen und etwas Mut möglich ist, hat schon vor über 50 Jahren der seinerzeitige Wirtschaftsminister Karl Schiller mit der Konzentrierten Aktion bewiesen. Dieses Erfolgsmodell ist keineswegs veraltet. Es könnte zur Blaupause für Deutschlands Weg aus der aktuellen Krise werden.
Viel zu lange gewartet
So weit, so gut. Skeptisch stimmt allerdings, dass dieser Weg erst nach einem Jahr Regierungsarbeit und erst kurz vor der angekündigten Präsentation umfassenderer Reformkonzepte zur Sozialpolitik beschritten wird. Anders gesagt: Weshalb hat die Regierung nicht von Anfang an versucht, den Schulterschluss mit den Sozialpartnern zu suchen und die überfälligen Reformen in einem möglichst breiten Konsens anzugehen?
Es wäre zu wünschen, dass die jetzt vereinbarten Folgetreffen zügig und substantiell verlaufen. Angesichts der ideologisch teils stark aufgeladenen Streitthemen ist dies allerdings eine eher vage Hoffnung. Dabei wächst der Druck. Die Wachstumsaussichten für dieses Jahr sind weiterhin bescheiden. Der nicht nur von der Koalition erhoffte Stimmungsumschwung ist bislang ausgeblieben. Manche setzen nun auf positive Auswirkungen durch die beginnende Fußballweltmeisterschaft, andere auf Effekte durch Investitionen aus dem Sondervermögen. Beides mag hilfreich sein, aber richtig überzeugend klingt das nicht. Es wirkt eher wie das sprichwörtliche Pfeifen im Wald.
Auch im ländlichen Raum drohen sich die wirtschaftlichen Probleme zu verschärfen. Dies gilt nicht zuletzt für den Agrarbereich. So hat sich laut Statistischem Bundesamt der Preisverfall für Landwirte im April beschleunigt. Die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte sanken danach um 12,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Dies sei der stärkste Rückgang seit elf Jahren, hieß es in Wiesbaden. Im März dieses Jahres hatte das Minus noch bei 8,8 Prozent gelegen. Niemand kann sicher vorhersagen, ob und gegebenenfalls wie lange diese bedenkliche Entwicklung anhält. Aber sie zeigt einmal mehr, dass die Verhältnisse auch im ländlichen Bereich fragil geworden sind. Umso wichtiger ist ein verlässlicher Kurs mit einer klaren Perspektive, die von Politik, Betrieben und Beschäftigten gleichermaßen akzeptiert wird.
Knappheit löst Verunsicherung aus
Eine Stärkung des ländlichen Raumes und damit auch der landwirtschaftlichen Betriebe dient nicht nur den unmittelbar Betroffenen. Hier geht es auch um Staat und Gesellschaft insgesamt. So zeigt jetzt eine wissenschaftliche Studie, wie sich Klimawandel, Krieg und Krisen durch die soziale Wirkung gefühlter Lebensmittelknappheit gegenseitig verstärken können. „Oft reicht schon das Gefühl einer Knappheit, um Verunsicherung auszulösen“, konstatiert laut Süddeutscher Zeitung der Agrarexperte Christoph Gornott, der an der Universität Kassel und am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung tätig ist. Es gebe eben auch so etwas wie einen emotionalen Wert von Lebensmitteln – und der werde oft unterschätzt. Dem kann man nur zustimmen. Die Landwirtschaft und der Agrarsektor sind viel wichtiger, als ihr Anteil am Bruttosozialprodukt vermuten lässt. Die Politik wäre deshalb unter dem Stichwort Resilienz gut beraten, bei der sogenannten „Zeitenwende“ beide Bereiche stärker im Blick zu behalten. Auch sie sollten im weiteren Sinne zur Sicherheitspolitik gezählt werden.
Die Modernisierung des Landes muss schnell erfolgen, damit die Bürger erste Fortschritte spüren. Digitalminister Karsten Wildberger nennt ein Ziel: das Rahmede-Tempo. Gemeint ist hier der Wiederaufbau der gesprengten Rahmede-Talbrücke bei Lüdenscheid. Dieser dauerte nur zwei Jahre, während bislang bei ähnlichen Projekten zumeist zwischen acht und zehn Jahre bis zur Fertigstellung vergingen. Man darf gespannt sein, ab wann die versprochenen Effekte der Digitalisierung für alle Bürger erkennbar werden. Entscheidend bleibt letztlich, was im Alltag tatsächlich hilfreich ist. Die Möglichkeiten scheinen hier nahezu unbegrenzt. Selbst in der Jagd sind Effekte positiv spürbar, wie Sie gestern in unserem Blog über ein Rotwildprojekt aus Schleswig-Holstein lesen konnten. Die dort beschriebene Kombination von künstlicher Intelligenz und klassischer Jagdwirtschaft könnte bahnbrechend für die Wildtierforschung sein. Denn Markierungen und Besenderungen verlieren ihre Bedeutung, wenn sich einzelne Tiere ohne menschliche Eingriffe verlässlich erkennen lassen. Den Beitrag kann ich Ihnen zur Lektüre nur empfehlen.
Zustand des Waldes immer schlimmer
Zum Schluss noch ein Hinweis auf unseren Blog in der kommenden Woche, der zumindest indirekt auch mit dem Thema Jagd zu tun hat. Es geht um den Zustand des Waldes. Dieser wird besonders in Brandenburg immer schlimmer. In der grünen Lunge Ostdeutschlands weisen nur noch acht Prozent der Bäume keine Schäden auf. Dabei setzen die privaten Wald- und Forsteigentümer jetzt auf eine fair ausgerichtete Förderpolitik durch das Land Brandenburg. Ziel sei es, den Waldumbau flächendeckend zu beschleunigen und die Widerstandsfähigkeit der Wälder gegenüber Klimarisiken zu erhöhen. Ob die privaten Wald- und Forsteigentümer damit durchdringen, ist unklar, wie unser Autor Frank Polke in seinem Beitrag schreiben wird.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und einen gelungenen Start in eine für Sie positive Woche.
Mit besten Grüßen
Ihr Jürgen Wermser
Koordination/Redaktionsleitung







Kommentare