Wechsel auf dem Land und in der Jagd
- Jürgen Wermser

- vor 58 Minuten
- 5 Min. Lesezeit
Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick auf den ländlichen Raum und die Bundespolitik

Liebe Leserinnen und Leser,
in unserem Wochenkommentar gehen wir auf die zuletzt stark gestiegenen Preise für Benzin und Diesel mit Blick auf den ländlichen Raum ein und wenden uns danach jagdlichen Themen zu. Stichworte sind Jagd auf Wölfe, Schonzeit-Änderungen beim Rehwild sowie die Winterfütterung von Rotwild, über die in Bayern ein heftiger Streit entbrannt ist. Ferner befassen wir uns mit der morgigen Landtagswahl in Baden-Württemberg und schauen voraus auf die rheinland-pfälzische Landtagswahl am 22. März, wo die CDU für den Fall eines Wahlsiegs bekräftigt hat, das heftig umstrittene Jagdgesetz zurückzunehmen.
Unser Blog beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Themen des ländlichen Raumes. Doch so ganz kommen auch wir an den kriegerischen Ereignissen am Persischen Golf nicht vorbei. Dafür sind die politischen und ökonomischen Auswirkungen zu groß. Schon jetzt spüren die Menschen an den Tankstellen, dass die Preise für Benzin und Diesel drastisch gestiegen sind. Gerade für viele Bewohner des ländlichen Raums kann dies zu einem ernsten Problem werden. Denn jenseits der Metropolen sind Menschen zwingend auf ein Auto angewiesen, um zur Arbeit, zum Arzt, zum Einkaufen und zu vielen anderen Notwendigkeiten des täglichen Lebens zu kommen.
Der von Berliner Politikern so gern gepriesene öffentliche Nahverkehr mag in Hamburg, Düsseldorf oder München eine praktikable Alternative sein. In den Dörfern und kleinen Städten der großen Flächenländer stehen solche Möglichkeiten leider kaum oder gar nicht in angemessener Form bereit. Deshalb ist der Preis für Benzin und Diesel gerade „auf dem Land“ politisch so brisant. Kein Wunder also, dass Politiker und Verbraucher auf die jüngsten Preissprünge mit Argusaugen schauen. Geht hier alles mit rechten Dingen zu oder wollen einige Konzerne die vermeintlich günstige Gelegenheit nutzen, um sich unangemessene Zusatzgewinne zu verschaffen?
Abzocke an den Zapfsäulen?
Abzocke an den Zapfsäulen wäre gerade vor den wichtigen Landtags- und Kommunalwahlen in diesem Jahr politischer Sprengstoff. Zu Recht haben daher die Bundesminister für Finanzen sowie Wirtschaft jetzt schnell reagiert und eine gründliche Überprüfung des Preisgebarens durch das Bundeskartellamt angekündigt. Gleichwohl sollte sich niemand allzu große Hoffnung machen. Wenn der Krieg am Golf nicht in absehbarer Zeit beendet wird, dürften die Energiemärkte in Turbulenzen bleiben, was auch vielen landwirtschaftlichen Betrieben große Probleme bereiten dürfte.
Erfreulich ist dagegen die Nachricht aus Berlin, dass der Bundestag endlich die Jagd auf Wölfe erlaubt hat. Vor allem Problemwölfe, die Nutztiere gerissen haben, werden so leichter erlegt werden können. In Deutschland wurden zuletzt nach Behördenangaben mehr als 1.600 Wölfe gezählt, vor allem im Norden der Republik. Die Bundesländer sollen deshalb die Jagd in jenen Regionen erlauben dürfen, wo der langfristige Fortbestand von Wölfen gesichert sein dürfte. Als Jagdzeitraum ist dann der 1. Juli bis 31. Oktober vorgesehen. Außerdem hat der Bundestag beschlossen, dass Wölfe unabhängig von Erhaltungszustand und Jagdzeit erlegt werden dürfen, wenn sie Weidetiere getötet oder verletzt haben. Während der Deutsche Jagdverband (DJV) die Regelung begrüßt, ruft der Naturschutzbund Nabu die Bundesländer auf, das Gesetz im Bundesrat zu stoppen. Man kann nur hoffen, dass dieser Appell der Artenschützer in der Länderkammer ohne Wirkung bleibt.
Frühere Jagd auf Rehwild sinnvoll?
Derweil ist in der Natur bereits der Frühling zu erahnen. Mit der Sonne lässt sich auch das Rehwild wieder mehr in der Feldflur sehen. Wenn der bayerische Landtag das neue Jagdgesetz wie vorgesehen am 19. März verabschiedet, wird unsere kleinste Hirschart im südlichsten Bundesland schon knapp einen Monat später bejagt werden können. Wie in etlichen anderen Bundesländern soll die Schonzeit auch in Bayern früher enden. Damit verbunden ist die Hoffnung auf höhere Strecken und einen größeren Anteil weiblichen Wildes daran. Der Landesjagdverband sieht die Reaktion auf den immer früheren Vegetationsbeginn mit Hinweis auf jagdethische Aspekte kritisch. In einem Blog-Beitrag wird unser Autor Christoph Boll in der kommenden Woche darauf eingehen und über eine Studie aus den Landesforsten Rheinland-Pfalz berichten. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die April-Jagd auf Rehe unter dem Strich nichts bringt. Die Höhe der Jahresstrecke und deren Zusammensetzung nach Geschlechtern nämlich ändere sich nicht. Die Autoren folgern, der Jagderfolg werde „von anderen, stabileren Faktoren beeinflusst“. Einer dieser Faktoren seien die Jäger selbst als „kompensatorischer Effekt“. „Offenbar jagt man aufgrund begrenzter Ressourcen wie beispielsweise Zeit, Geld oder Lust, auch wenn mehr Jagdtage zur Verfügung stehen, nicht unbedingt mehr.“ Deshalb müsse „für eine Weiterentwicklung des Jagdmanagements das (Jagd)verhalten der Jägerinnen und Jäger mehr in den Blick genommen werden“, lautet das Fazit.
Noch ein kleiner Hinweis: Das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) fördert auch dieses Jahr wieder die Anschaffung von Drohnen zur Rehkitzrettung. 2,1 Millionen Euro stehen hierfür zur Verfügung. Drohnen mit Wärmebildtechnik stellen aktuell die effektivste und zeitsparendste Möglichkeit zur Wildtierrettung dar.
Streit um die „Könige der Wälder“
Zu den besonders eindrucksvollen Wildtieren in Deutschland gehört zweifelsohne das Rotwild. Hirsche können eine Schulterhöhe von 1,60 Meter erreichen und vier bis fünf Zentner wiegen. In Bayern ist nun ein heftiger Streit über die Winterfütterung dieser „Könige der Wälder“ entbrannt. Der stellvertretende Ministerpräsident und für die Jagd zuständige Minister Hubert Aiwanger von den Freien Wählern, der selbst leidenschaftlicher Jäger ist, möchte, dass vom 1. November bis Ende April die Winterfütterung „ordnungsgemäß ist und nicht infrage gestellt werden kann“. Die entsprechende Verordnung soll ab dem nächsten Winter gelten.
Hintergrund ist ein Streit in einem Jagdrevier am Tegernsee. Dort gibt es nach Überzeugung einiger Waldbesitzer viel zu viel Rotwild. Die Fraßschäden an den Wäldern hätten ein nicht länger hinnehmbares Ausmaß erreicht. Im Rottach-Egener Jagdrevier wurde deshalb die Winterfütterung eingestellt und eine scharfe Jagd ausgerufen. Minister Aiwanger kritisierte den Vorgang laut Süddeutscher Zeitung als „beschämend und peinlich“. In Rottach-Egern „fehle offenbar der gesunde Menschenverstand, so zu handeln, wie es Natur und Tierwelt erfordern“. Aiwanger lässt deshalb ein Fütterungskonzept vorbereiten, das in der Notzeit funktioniert – und zwar überall in den bayerischen Bergen. Rotwild zieht seit Jahrhunderten von dort in flachere Gebiete, was jedoch für die Tiere wegen zunehmender Zersiedlung immer schwieriger wird. Deshalb muss im Winter zugefüttert werden, so die Meinung von Jägern. Auch Minister Aiwanger sieht es so: „Entweder wir wollen das Rotwild im Berg erhalten, dann müssen wir es vernünftig futtern. Oder wir müssen es eliminieren – dann müssen wir ihm das Futter entziehen.“
Spannung vor Landtagswahl
Zurück zur Politik. Gespannt blicken Politiker und Bürger auf die an diesem Sonntag stattfindenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg. Nach letzten Umfragen liefern sich CDU und Grüne ein Kopf-an-Kopf-Rennen um Platz eins und damit den Anspruch, den künftigen Ministerpräsidenten zu stellen. Unser Autor Wolfgang Molitor wird den Ausgang der Wahl in Baden-Württemberg kommende Woche mit Blick auf den ländlichen Raum näher beleuchten.
Das Stuttgarter Wahlergebnis könnte auch die Stimmung und damit Kompromissbereitschaft innerhalb der Berliner Koalition beeinflussen, zumal schon am 22. März in Rheinland-Pfalz erneut eine wichtige Landtagswahl stattfindet. Dort hatte unter anderem die Verabschiedung eines neuen Jagdgesetzes für großen Unmut gesorgt. Während die Mainzer Ampelparteien an dem von ihnen verabschiedeten Gesetz festhalten wollen, hat die rheinland-pfälzische CDU in den Wahlprüfsteinen des Landesjagdverbands (LJV) noch einmal bekräftigt, dass sie das Gesetz zurücknehmen wird, wenn sie den Ministerpräsidenten stellt.
Die entscheidende Passage der Stellungnahme der CDU, die in der Märzausgabe der LJV-Verbandszeitschrift „Jagd und Jäger“ veröffentlicht, wurde, lautet: „Für die CDU Rheinland-Pfalz war und ist klar: Das Landesjagdgesetz wurde ohne Rücksicht auf Praktikabilität und Akzeptanz und entgegen den Warnungen und Protesten aus der Jägerschaft von der Ampelregierung durchgesetzt und ist in der jetzigen Form nicht praktikabel. Das Wildtiermanagement muss sich an regionalen Gegebenheiten orientieren, nicht an ideologischen Vorgaben. Wir werden das Gesetz deshalb im engen Austausch mit der Jägerschaft korrigieren, ideologisch motivierte Regelungen und Entscheidungen zurücknehmen oder entsprechend anpassen und die berechtigten Interessen aller Akteure zusammenbringen.“ An dieser Festlegung wird sich die CDU im Falle eines Wahlsiegs messen lassen müssen.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und einen gelungenen Start in eine für Sie positive Woche.
Mit besten Grüßen
Ihr Jürgen Wermser
Koordination/Redaktionsleitung







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