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  • AutorenbildChristoph Boll

Kupierte Jagdhunde sind mopsfidel

Falsch verstandene Tierliebe bei geplanter Gesetzesänderung im Bundesrat


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Kupierter Jagdhund
Foto: Christoph Boll

97 Seiten umfassen die Ideen und weiteren Akzente des Agrarausschusses im Bundesrat für ein neues Tierschutzgesetz. Darunter ist die Verschlimmbesserung, die Ausnahmegenehmigung für Jagdhunde vom Kupierverbot abzuschaffen. Im Gesetzesentwurf, den die Bundesregierung am 24. Mai beschlossen hat, war davon noch nicht die Rede. Seinen Beitrag dazu hatte nicht zuletzt Bundesfinanzminister Christian Lindner geleistet. Er hatte das Papier aus dem Hause des zuständigen grünen Landwirtschaftsministers Cem Özdemir lange blockiert mit dem Hinweis, er wolle an der bewährten Regelung festhalten, die das Kürzen der Schwänze von Jagdhunden erlaubt.


Als Jäger weiß Lindner in dem Punkt, wovon er spricht. Fraglich ist aber, ob der gegenteilige Vorstoß falsch verstandener Tierliebe noch wieder eingefangen werden kann, wenn der Bundesrat an diesem 5. Juli auf Basis der Empfehlungen des Agrarausschusses über eine Stellungnahme zum Gesetzentwurf berät. Dazu kann sich dann die Bundesregierung äußern, bevor der Bundestag die Gesetzesänderung abschließend berät. Zu oft nämlich folgt die Debatte den mit heißem Herzen, aber wenig kynologischem Sachverstand vorgetragenen Äußerungen vermeintlicher Tierfreunde.


In Deutschland gilt das grundsätzliche Kupierverbot seit 1987 (Ohren) und 1998 (Schwanz). Ausnahmen sind Amputationen aus medizinischer Indikation, etwa bei Tumoren oder Schwanzabriss. Diese Vorgabe gilt auch dann, wenn der Eingriff in Ländern vorgenommen wird, wo dies noch erlaubt ist. Denn wer seinen Hund nur deshalb kurzfristig ins Ausland bringt, um die hiesigen Vorschriften zu umgehen, macht sich strafbar.


Gleichwohl sieht man in Deutschland immer noch Vierbeiner mit kupierten Ohren oder Schwänzen, teils weil die Eigentümer das Gesetz umgehen, teils weil sie die Welpen in diesem Zustand direkt bei einem ausländischen Züchter kaufen. Sie nutzen die schizophrene Situation aus, dass zwar die böse Tat verboten, der Verkauf und die Haltung kupierter Tiere aber grundsätzlich legal ist. Um dem im Rahmen der eigenen Möglichkeiten entgegenzuwirken, gilt beim Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) seit 2002 ein Ausstellungsverbot für Hunde aus dem In- und Ausland, deren Ohren nach dem 1. Januar 1987 kupiert wurden oder deren Rute nach dem 1. Juni 1998 amputiert wurde.


Gefahr schwerster Verletzungen


Im Gegensatz zu allen Maßnahmen, die ausschließlich einem verschrobenen Schönheitsideal folgen, erkennt das Tierschutzgesetz bislang in Paragraph 6 ausdrücklich das präventive Schwanzkürzen im Welpenalter bei bestimmten Jagdhunderassen als vernünftigen Grund an. Es dient nämlich dem Gesundheitsschutz. Ein Verbot wäre deshalb kontraproduktiv für das Tierwohl. Denn im Einsatz, der auch dem aus Gründen des Klimaschutzes erforderlichen Waldumbau und der Seuchenprävention dient, sind die vierbeinigen Jagdhelfer in unwegsamem Gelände unterwegs. Umgestürzte Bäume, Brombeeren- und Schwarzdorn-Dickichte oder Schilf können bei langer Rute zu schwersten Verletzungen führen. Die Folgen sind erhebliche Schmerzen und Leiden, die zu einer Amputation im Erwachsenenalter zwingen können.


Dagegen ist Kupieren von Jagdhunden innerhalb der ersten drei Lebenstage unproblematisch. Eine innerartliche Kommunikation ist auch mit kupierter Rute zweifelsfrei möglich. Kupierte Hundewelpen dürfen selbstverständlich nur an Jagdscheininhaber abgegeben werden. Der Deutsche Jagdverband (DJV) und der Jagdgebrauchshundverband (JGHV) verweisen zudem darauf, dass es entgegen den Ausführungen in der Begründung des Agrarausschusses im Bundesrat in den Ländern, in denen ein Kupierverbot besteht, es nachweislich tierschutzrelevante Probleme gibt, wenn Jagdarten angewendet werden, die mit deutschen Verhältnissen vergleichbar sind.


Jäger hängen an ihren vierbeinigen Begleitern nicht weniger als andere Menschen. Jagdhunde unterscheiden sich aber von Haus-, Hof- und Schoßhunden in einem wesentlichen Punkt: Ihre Zucht, Abrichtung und Haltung folgt nicht einem Schönheitsideal, sondern einem Zweck. Im übertragenen Sinne gilt die Designmaxime „form follows function“. Missachten kann diese Notwendigkeit nur, wer dem Tier keine dienende Rolle zuweist außer der, das eigene Wohlbefinden zu befriedigen.


Besser um Qualzuchten kümmern


Wer dem besten Freund des Menschen etwas Gutes tun will, sollte sich um die Qualzuchten von Mops, Französischer und Englischer Bulldogge, Malteser, Shi Tzu, Pekinese und Boxer kümmern. Aus falsch verstandener Ästhetik erfreuen sich diese rund- oder kurzköpfigen Rassen aktuell immer größerer Beliebtheit. Die Hunde bezahlen den Modespleen ihrer Halter mit massiven Gesundheitsproblemen, der sogenannten Brachyzephalie. Dabei handelt es um eine unnatürliche Verengung der oberen Atemwege. Ursache ist die zu kurze und deformierte Nase, die eine zu enge Nasenöffnung und das zu lange Gaumensegel bedingen. Diese Tiere hecheln oft, können schlecht bis gar nicht durch die Nase atmen und sind nicht belastbar. Sie können wegen des Sauerstoffmangels bei körperlicher Anstrengung, Stress oder Wärme und manchmal auch ohne besonderen Anlass ohnmächtig werden und umfallen. Je kürzer die Nase, desto größer die Atemnot. Mopsfidel sind diese Rassen im Gegensatz zu kupierten Jagdhunden längst nicht mehr.

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