April-Jagd auf Rehwild ist umstritten
- Christoph Boll

- vor 50 Minuten
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In Bayern wird aktuell die Ausdehnung der Jagdzeit auf Rehwild diskutiert. Damit verbunden ist die Hoffnung, leichter und mehr Strecke machen zu können. Eine Studie aus Rheinland-Pfalz aber bestreitet diese Möglichkeit

Am 19. März soll der Bayerische Landtag über die Änderung des Landesjagdgesetzes entscheiden. Vorgesehen ist unter anderem, mit der Rehwild-Jagd bereits am 16. April zu beginnen. Ältere Jäger erinnern sich noch an die Zeit, als die Jagd auf Böcke und Schmalrehe am 16. Mai aufging. Dann wurde der Termin auf den 1. Mai vorgezogen. 2013 war Sachsen das erste Bundesland, das Mitte April startete. Es folgten Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Inzwischen heißt es in insgesamt acht Bundesländern bereits im April „Feuer frei“, in einigen wie etwa Hessen schon ab 1. April. In Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen gibt es ähnliche Überlegungen. Bayern ist also keineswegs alleine, sondern folgt einem Trend.
Der Landesjagdverband aber hält dagegen. Er hat den vorliegenden Gesetzesentwurf für „nicht zustimmungsfähig“ erklärt. Neben seiner Sorge vor wachsender Bürokratie sieht er vor allem die geplanten Jagdzeitverlängerungen – auch für den Dachs ist eine solche vorgesehen – kritisch und wirft die Frage der Jagdethik auf. Die Jagd im April betreffe beim Rehwild die sensible Phase kurz vor dem Setzgeschäft, so die Mahnung.
Als Reaktion kündigte der Verband an, in seinen offiziellen Jagdzeit-Übersichten künftig deutlich zwischen gesetzlichen Regelungen und waidmännisch vertretbaren Empfehlungen zu differenzieren. Deutlich werden soll dadurch, dass nicht jede vom Gesetzgeber eingeräumte zulässige Jagdzeit zwangsläufig übereinstimmt mit dem ethischen Selbstverständnis einer verantwortungsvollen, tierschutzgerechten Jagdausübung.
Jenseits der jagdethischen Frage ist aber immer wieder auch der praktische Vorteil einer früheren Rehwild-Bejagung umstritten. Befürworter sehen darin eine notwendige Reaktion auf den Klimawandel, der unstrittig die Vegetation früher beginnen lässt. Besonders im Wald sind Rehe deshalb im Mai kaum noch zu sehen. Durch einen früheren Jagdbeginn soll daher eine effiziente Jagdphase besser ausgenutzt werden. Besonders der Forst verbindet damit vielfach die Hoffnung, auf diese Weise die Jahresjagdstrecke an Rehen unter dem Strich summarisch zu erhöhen. Außerdem sähen es viele gerne, wenn damit zugleich der Anteil der Zuwachsträger, also der weiblichen Stücke, an der Strecke gesteigert würde. Schließlich sind Schmalrehe im zeitigen Frühjahr besser anzusprechen als im weiteren Jahresverlauf.
Studie bringt ernüchternde Ergebnisse
Landesforsten Rheinland-Pfalz hat diese Argumente während dreier Jagdjahre ab 2020/2021 überprüft. Auf insgesamt 160.000 Hektar Staatswald wurden die Effekte bei der Einzeljagd auf Rehe ermittelt, indem die Ergebnisse mit und ohne Apriljagd verglichen wurden. Das bereits im offiziellen Mitteilungsblatt des Landesjagdverbandes Rheinland-Pfalz veröffentlichte Ergebnis ist ernüchternd: Es lässt sich kein signifikanter Vorteil durch die Apriljagd nachweisen.
Auf der Einzeljagd werden rund 70 Prozent aller Rehe erlegt. In dem dreijährigen Untersuchungszeitraum waren es 12.618 Rehe in Forstrevieren mit Apriljagd. In Forstrevieren, in denen die Jagd erst im Mai begann, kamen 16.046 Rehe zur Strecke. Die Revierleitungen stellten zudem für eine Effizienzmessung fast 207.000 Meldungen zu Ansitzaktivitäten zur Verfügung, forstrevierweise und monatsscharf. Um Langzeiteffekte zu erkennen, stellte die Regiejagdverwaltung zudem für alle Schalenwild-Erlegungen aus den vergangenen zwölf Jahren die Angaben von Ort, Zeit, Jagdart, Altersklasse und Geschlecht bereit.
Die Auswertung ergab, dass der Jagderfolg im Frühjahr trotz eines von Jahr zu Jahr stark schwankenden Vegetationsbeginns kaum variierte. Es gab also keine Korrelation zwischen Jagderfolg und Vegetationsbeginn. Auch eine Auswirkung der Apriljagd auf die Höhe und Zusammensetzung der Rehwildstrecke ließ sich nicht erkennen. Der Schmalreh-Anteil lag gleichermaßen bei rund 19 Prozent. Der April erwies sich mit einer Effizienz von 21 Prozent analog zum Mai als sehr effizienter Jagdmonat. Wo es im April bereits Erlegungen gab, machten sie in den drei Versuchsjahren neun Prozent der Rehjahresstrecke aus. Diesen Vorsprung holten die „Mai-Reviere“ jedoch innerhalb des Jahres wieder auf.
Jäger sind „kompensatorischer Effekt“
Die Autoren der Studie kommen zu dem Ergebnis, mehr als von einer früheren Jagdzeit werde der Jagderfolg „von anderen, stabileren Faktoren beeinflusst“. Als einen dieser Faktoren sehen sie in Übereinstimmung mit einer dänischen Studie die Jäger selbst und sprechen von einem „kompensatorischen Effekt“. „Offenbar jagt man aufgrund begrenzter Ressourcen wie beispielsweise Zeit, Geld oder Lust, auch wenn mehr Jagdtage zur Verfügung stehen, nicht unbedingt mehr.“ Deshalb müsse „für eine Weiterentwicklung des Jagdmanagements das (Jagd)verhalten der Jägerinnen und Jäger mehr in den Blick genommen werden“.
Die mit einer Vorverlegung des Jagdbeginns verbundenen Erwartungen seien wohl zu hoch, lautet die Bilanz. Zudem bringe eine Ausdehnung der Jagdzeit mehr Störphasen für das Wild, was mehr Wildschäden nach sich ziehen könne. Der Gedanke, dass im Gegenzug zu einem früheren Jagdbeginn auch ein früheres Ende der Jagdzeit festgelegt werden könnte, taucht hingegen nicht auf. Als Optimierungsmöglichkeiten werden vielmehr vorgeschlagen, bestehende effiziente Jagdphasen wie den September verstärkt zu nutzen und die Strecken der Drückjagden zu steigern.






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