Der Kretschmann-Klon – imitierend wie irritierend
- Wolfgang Molitor
- vor 3 Minuten
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In Baden-Württemberg lässt sich die CDU von Cem Özdemir überrumpeln – und verspielt so leichtsinnig den sicher geglaubten Sieg. Das wird auch in die ländlichen Räume wirken

Schaut man am Morgen nach dieser absonderlichen Landtagswahl auf die Wahlkreiskarte Baden-Württembergs, wird jeder, der bis dahin noch nichts vom Ausgang des Rennens gehört hatte, nur zu einem Schluss kommen können. Der heißt: Die CDU hat die Wahl gewonnen. Und das nicht mal so knapp. Denn die Karte ist fast durchgehend schwarz gefärbt – bei den 70 Kreisen, wo die CDU-Direktkandidaten bei den Erststimmen 56 Mal vorn lagen, auch bei der erkennbaren Mehrheit der Zweitstimmen-Gebiete mit CDU-Vorsprung. Was also ist da an diesem Weltfrauentag-Sonntag im Südwesten passiert, dass die Grünen das Amt des Ministerpräsidenten allmählich als politischen Erbhof feiern können?
Viel zu lange hatte in den schwarzen Reihen die überhebliche Selbstgefälligkeit in der trägen Gewissheit grassiert, allein der Abgang Winfried Kretschmanns von der politischen Landesbühne würde nach 15 Jahren reichen, die matt wie artig ertragene grüne Regentschaft zu beenden. Selbst ein unerfahrener, wenngleich mit jugendlichem Appeal auftretender Spitzenkandidat würde den Rückfall in die ein halbes Vor-Kretschmann-Jahrhundert dauernde und bis dahin für selbstverständlich gehaltene schwarze Regierungsnormalität nicht gefährden können.
Pustekuchen! Denn die Grünen wollten gar nicht Grüne sein, sondern als Badener und Württemberger punkten. Mit Cem Özdemir ging, bis in den schwäbischen Dialekt hinein, imitierend wie irritierend, ein gefärbter Kretschmann-Klon ins Rennen, setzte auf seine unbestreitbar größere politische Erfahrung und einen für Manuel Hagel von Beginn an unerreichbaren Bekanntheitsgrad. Dass er sich im Schlussspurt mit Salven aus dem grünen Social-Media-Topf flankieren ließ, war der Tiefpunkt in seinem ansonsten brav geführten Wahlkampf. Von der SPD hat Özdemir siegen gelernt. 1985 erzielte diese in NRW unter Johannes Rau mit 52,1 Prozent das beste Ergebnis ihrer Geschichte, was nicht zuletzt auf die Kampagne „Wir in Nordrhein-Westfalen“ zurückging, in der die Genossen auf Plakaten ihr Parteilogo verschwiegen und so die Wahl – wie Özdemir 40 Jahre später – erfolgreich zu einer Oberbürgermeisterwahl mit vorrangig ins Zentrum gestellten Persönlichkeitsfacetten umfunktionierten.
So kam es zu einem Zweikampf, in dem Hagel von Woche zu Woche seinen komfortablen Vorsprung, der zu Jahresbeginn in den Umfragen noch bei rund sieben Prozent lag, schier unaufhaltsam verspielte. Dass die SPD in diesem Zweikampf fast aus dem Landtag geflogen wäre, die FDP und die Linke es erst gar nicht schafften, darf wohl als Kollateralschaden eines Wettlaufs gewertet werden, in dem Inhalte weitestgehend keine Rolle mehr spielten, abgeschlagen in der zweiten Reihe landeten oder sich auf Seiten der CDU nur als Plus bei den Direktkandidaten niederschlugen. Özdemir gegen Hagel – so hieß das Motto. Nicht Grün gegen Schwarz.
Warum auch? Seit zehn Jahren funktioniert der grün-schwarze Kretschmann-Kuschelkurs weitestgehend konfliktfrei. Dass sich unter Özdemir, dessen Fraktion trotz des hauchdünnen Prozent-Vorsprungs im neuen Landtag nur gleich groß wie die der CDU sein wird, daran etwas ändern wird, steht nicht zu vermuten. Ganz nach dem Motto des letzten deutschen Kaisers, der 1914 keine Parteien mehr kennen wollte, sondern nur Deutsche. Özdemir kennt, eine Nummer kleiner, eben nur Baden-Württemberger.
Was das für die kommenden fünf Jahre bedeutet? Der hinderliche grüne Einfluss auf Prioritäten der Verkehrspolitik oder der grüne Regulierungsdrang in Sachen Wirtschaft und Landwirtschaft wird bleiben, zumal Özdemirs Fraktion in großen Teilen kaum mit den politischen Aussagen ihres künftigen Ministerpräsidenten in Einklang zu bringen sein dürfte. Das wird sich auf die Regie der grün gefärbten Politik gerade für die ländlichen Regionen und Belange auswirken.
Ob die CDU als gleichgroßer Junior da gegenhalten will, ist so klar nicht. Ob sie einen Streit um das bisher grün besetzte Amt des Landtagspräsidenten riskieren will, wenn Özdemir Ministerpräsident ist, auch nicht. Und so zieht die grün-schwarze Karawane wohl weiter konfliktscheu durch Baden-Württemberg. Mäandernd, wie überall.






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