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Alarm bei den Kartoffel- und Gemüsebauern

  • Ludwig Hintjens
  • 7. Aug.
  • 3 Min. Lesezeit

Ein wenige Millimeter großes Insekt, die Schilf-Glasflügelzikade, breitet sich unkontrolliert in Deutschland aus und lässt Hackfrüchte ungenießbar werden. Was die EU jetzt tun muss


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Schilf-Glasflügelzikade
Foto: Christian Lang

Ein neuer Schädling gefährdet massiv den Anbau von Kartoffeln und anderen Hackfrüchten. Rote Bete sind ebenso betroffen wie Möhren, Zwiebeln und Spargel. Zuerst sind die von ihm übertragenen Pflanzenkrankheiten bei Zuckerrüben im Südwesten aufgetreten. Die Rede ist von der Schilf-Glasflügelzikade. Es ist unglaublich: Das Insekt, das gerade schlimme Befürchtungen und möglicherweise riesige Schäden auslöst, steht immer noch auf der Roten Liste der bedrohten Arten.


Christian Lang, Geschäftsführer des Verbandes der Hessisch-Pfälzischen Zuckerrübenanbauer, ist derjenige in Deutschland, der am frühesten die Gefahr erkannt hat. „Die Zikade unterscheidet sich von allen anderen Schädlingen dadurch, dass sie von der Wirtspflanze im Schilf auf Kulturpflanzen übergesprungen ist.“ Lang, der in Worms einen Think Tank mit 15 Experten zur Erforschung der Zikade aufgebaut hat, war es, der als erster das Andocken des Insekts bei Kartoffeln beobachtet hat. „Ständig kommen neue Wirtspflanzen hinzu, wir haben gerade den Hinweis auf Hopfen bekommen.“


Die Zikade saugt an den Blättern und im Nymphenstadium an den Wurzeln der Wirtspflanzen und überträgt dabei mindestens sieben Bakterien. Zwei Bakterien davon machen die Pflanzen krank. Kartoffeln und Rote Bete werden gummiartig, bei Zuckerrüben fällt der Zuckeranteil. Die Schäden waren bereits 2023 groß. 60.000 von 390.000 Hektar Anbaufläche bei der Zuckerrübe waren 2023 betroffen. Der angerichtete Schaden wird auf 65 Millionen Euro geschätzt – und das ohne den Schaden in der weiteren Verarbeitung. Ohne Gegenmaßnahmen, so die Schätzung, würde der Schaden der Branche auf 422 Millionen Euro steigen. Bei Kartoffeln waren 2023 erst 8000 Hektar betroffen, der Schaden wurde auf bis zu 42 Millionen Euro geschätzt. Deutschland ist das Kartoffelland Nummer eins in Europa mit einem Pro-Kopf-Verzehr von 56 Kilogramm im Jahr und einer Anbaufläche von 220.000 Hektar.


Vor einer Pandemie auf den Äckern?


Das Insekt ist über Burgund zunächst in die Heilbronner Ecke zugewandert. Von dort breitet es sich aus: eine Pandemie auf Äckern? Es wird vermutet, dass der Klimawandel seine Ausbreitung begünstigt. In diesem Jahr gibt es erstmals ein bundesweites Monitoring. Die Ergebnisse werden Mitte August erwartet. Bislang gibt es kein wirksames Gegenmittel. Seit diesem Jahr sind vier Pflanzenschutzmittel per Notfallzulassung erlaubt worden. Den Garaus macht man damit dem Insekt aber nicht. Dafür ist es zu mobil, zu reproduktiv erfolgreich. Wirksam ist allein die Schwarzbrache, weil dann im Winter die Nymphen im Boden verhungern. Doch die Schwarzbrache ist für Bauern mit wirtschaftlichen Einbußen verbunden.


Der Fall der Zikade legt offen, dass bei der Regulierung des Pflanzenschutzes in Europa viel im Argen ist. Seit 2019 wurde kein einziges neues Pflanzenschutzmittel mehr in der EU zugelassen. Mehr als 70 Wirkstoffe sind in dieser Zeit weggefallen.


Pflanzenschutzmittel: Zu anspruchsvolle Zulassungsverfahren


Die Industrie habe sich abgewendet von Europa, beklagen Ackerbauern. Die Anforderungen in den Zulassungsverfahren seien zu anspruchsvoll. Zudem bestehe die große Gefahr, dass Umweltverbände Kampagnen gegen neue Mittel aufsetzen und diese dadurch für den globalen Absatz kaputt machen. Der Vize des Agrarausschusses im Europaparlament, Norbert Lins (CDU), hat Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen per Brief aufgefordert, im Zuge des Bürokratieabbaus auch bei den Zulassungsverfahren Ballast abzuwerfen.


Die Industrie sollte zum einen Motivation haben, ein spezifisches Pflanzenschutzmittel zu entwickeln. Auf Sicht von zehn bis 20 Jahren führt kein Weg an der Züchtung von Arten vorbei, denen die Bakterien nichts anhaben können. Damit es schneller geht als bei den klassischen Züchtungsmethoden wären die neuen genomischen Techniken (NGT) hilfreich. Dabei wird etwa mit der Genschere CRISPR/Cas die DNA verändert. Die EU-Kommission hat einen Vorschlag zur Zulassung der NGT gemacht. Die Verhandlungen zwischen Mitgliedstaaten und Europaparlament sind aber festgefahren. Europa lähmt sich durch die einseitig umweltorientierte Politik selbst. Wir brauchen die Möglichkeit zu innovativem Pflanzenschutz und die neuen genomischen Techniken.


Die Zikade hat das Potenzial, den Anbau von Gemüsen und Kartoffeln in Deutschland unmöglich zu machen und die nachgelagerte Industrie zu zerstören, etwa Zucker- und Pommes-Frites-Fabriken. Die Ernährungssicherheit und -autonomie der Europäer steht auf dem Spiel.

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