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Kadaver sind Hotspots des Lebens

  • Autorenbild: Christoph Boll
    Christoph Boll
  • vor 4 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Wildtierkadaver sind Hotspots der Biodiversität. Sie spielen eine besondere Rolle in ökologischen Prozessen. Das ist ein erstes Ergebnis eines bundesweiten Forschungsprojektes in den Nationalparken


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KI-Bild: ChatGPT
KI-Bild: ChatGPT

Tote Tiere werden eigentlich nie offen in der Natur liegen gelassen. Unfallwild, natürlich verendete Tiere bis hin zum gestrandeten Meeressäuger oder die Jagdbeute werden ganz selbstverständlich entfernt. Selbst in Nationalparks mit dem Ziel des Prozessschutzes war das bewusste Belassen oder gar Anreichern von Aas in der Fläche bislang kaum im Schutzgebietsmanagement vorgesehen. Folglich ist wenig über die Wirkung solcher Maßnahmen auf allgemeine ökologische Prozesse im Kadaverumfeld und deren potenzielle Verwendung als Ökosystemindikatoren bekannt. Das will das vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) geförderte Projekt „Belassen von Wildtierkadavern in der Landschaft – Erprobung am Beispiel der Nationalparke“ ändern.

Unter der federführenden Trägerschaft der Universität Würzburg wird fünf Jahre lang – von Oktober 2022 bis Mitte 2027 – die versteckte Biodiversität am Kadaver in 15 deutschen Großschutzgebieten erforscht. Die Projektgebiete reichen von den Alpen über die Mittelgebirge bis zum Wattenmeer. Dabei wurden zunächst große Aasfresser mittels Fotofallen, Insekten mittels Bodenfallen und Pilze und Bakterien durch Maulschleimhautabstriche erfasst. Ein zweiter Schwerpunkt nahm drei Winter lang größere Aasfresser wie Kolkraben, Großmöwen, Seeadler und Luchse in den Blick. Zudem werden drei Jahre lang jeweils acht natürlich verendete oder bei Wildunfällen tödlich verunglückte und nicht mehr für den menschlichen Verzehr geeignete Rehkadaver an zufälligen Plätzen auf den Flächen der Schutzgebiete belassen. Analysiert werden die optimalen Bedingungen des Aasangebots, um die Auswirkungen auf die Kadaververwerter schutzgebietsübergreifend zu optimieren.


Mag ein totes Reh im Wald für Spaziergänger und Wanderer auch vorrangig ein irritierender Anblick sein, so ist es für die Forscher ein Fenster in einen Lebensraum, der sonst kaum sichtbar ist. Denn an toter Biomasse zeigt sich der Kreislauf des Lebens wie in Zeitraffer: Was bei einem abgestorbenen Baum Jahrzehnte dauert, geschieht dort in wenigen Wochen. Das ermöglicht den Wissenschaftlern zu verstehen, wie komplex das Zusammenspiel aller Organismen ist und welche Bedeutung große tote Tiere für die Biodiversität in den Schutzgebieten haben.


Kreislauf des Lebens in Zeitraffer


Inzwischen liegen erste Ergebnisse vor, die das BfN unter dem Titel „Kadaverökologie in den deutschen Nationalparks – Erste Erkenntnisse aus drei Jahren Feldarbeit“ in einer Broschüre präsentiert. Allein im Nationalpark Harz entstanden mehr als 325.000 Fotos und über 15.500 Videos. Sie belegen, dass Aas ein wichtiger Nährstofflieferant ist. Im Schnitt fressen etwa sechs verschiedene Arten an einem Kadaver, darunter Wildschweine, Füchse, Luchse und Wölfe, aber auch Raben, Marder und Greifvögel. Selbst bis zu Mäusen und Gartenschläfern reicht die Palette der aufgenommenen Aasnutzer. Insgesamt 35 Tierarten wurden an den insgesamt 46 ausgelegten Kadavern beobachtet.


Aber nicht nur Säugetiere nutzen das Angebot. Mehr als 250 Käferarten an den Kadavern wurden alleine im Harz ermittelt. An einem einzigen Reh- oder Rothirschkadaver können sich im Sommer zigtausende Fliegenmaden und Käferlarven entwickeln. Diese dienen anderen räuberischen Insekten oder Vögeln als Nahrung. Die schlüpfenden fertigen Fliegen und Käfer sind wiederum eine wichtige Beute für andere Vögel oder auch Fledermäuse. Das zeigt: An und um einem sich zersetzenden Wildtierkadaver entsteht eine vielfältige Lebens- und Nutzergemeinschaft. In ihr profitieren auch unscheinbare und unerwartete Organismen wie die Nacktschnecken. Als einer der letzten Kadaverbesucher nagen sie zur Nährstoffaufnahme die Knochenhaut ab.


Aas ist in der Natur unverzichtbar


Auch Bodenproben und Abstriche vom Aas wurden genommen, um die mikrobielle Gemeinschaft molekularbiologisch zu bestimmen. Bezieht man die Analyseergebnisse ein, wird das Artenspektrum noch vielfältiger. So wurden im Nationalpark Bayerischer Wald 1.820 Bakterien- und 3.726 Pilzarten an der toten tierischen Biomasse nachgewiesen. Außerdem waren es 17 Wirbeltierarten, darunter Seeadler, Rotmilan und Wildkatze sowie 92 Käferarten, darunter der extrem seltene Scheinstutzkäfer, 97 Zweiflügelarten. Insgesamt zählten die Forscher rund 6.000 Arten.


Unter dem Strich kommen sie zu der Folgerung: Ein Kadaver ist wie Totholz ein Biodiversitätshotspot. Aas gehört deshalb in die Natur und ist als wichtiger Bestandteil natürlicher Kreisläufe letztlich unverzichtbar. Damit sind tote Tiere weit mehr als unansehnliche Biomasse – sie sind im ewigen Kreislauf des Lebens unverzichtbare Bestandteile funktionierender Ökosysteme.

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