Farbe im Wald ist die stille Forst-Sprache
- Christoph Boll

- vor 1 Tag
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Farbige Markierungen an Bäumen sind Kommunikationsmittel zwischen Förstern und Waldarbeitern. Sie dienen der Bestandspflege und -entwicklung. Damit werden stabile Waldstrukturen geschaffen

Wer an heißen Sommertagen im Wald einen Spaziergang macht, kann dessen kühlenden Effekt hautnah spüren. Bis zu sechs Grad Celsius kann der Temperaturunterschied zwischen Wald und der brütenden Hitze in der Stadt betragen. Abhängig von der vorherrschenden Baumart fällt der Kühleffekt stärker oder geringer aus. In intakten Mischwäldern ist er am deutlichsten erlebbar.
Aufmerksame Beobachter werden den Wald nicht nur als kühlende Oase erleben, sondern an den Bäumen auch zahlreiche farbige Markierungen entdecken, darunter Ringe, Kreuze, Punkte, Zahlen oder Pfeile. Für den Außenstehenden mögen sie mysteriös wirken. Sie gehören zur Nutzfunktion des Waldes, der längst nicht mehr rein naturbelassen ist, sondern Rohstofflieferant für Holz, eines der nachhaltigsten Produkte. Die farbigen Symbole an den Stämmen tragen dazu bei, es sicher, effizient und schonend zu gewinnen. Sie sind quasi die Sprache des Forstes zur Holzgewinnung und Bestandspflege. Es geht unter anderem darum, Lebensräume zu erhalten und die Wälder widerstandsfähiger gegen Stürme und den Klimawandel zu machen.
Denken und planen mit langem Zeithorizont
Die moderne Forstwirtschaft denkt in langen Zeitintervallen. Ein Baum, der heute gepflanzt wird, erreicht erst in einem Jahrhundert oder noch viel später die Erntereife. Immer wieder aber muss gestaltend in die Zukunft des Waldes eingegriffen werden. Fachleute bezeichnen die Pflegemaßnahmen, bei denen auch Bäume entnommen werden, als Durchforstung. Dabei werden Exemplare minderer Qualität gefällt oder sie müssen weichen, weil sie weniger vital sind als ihre direkten Nachbarn. Das stärkt die verbleibenden Bäume und trägt zu einem stabileren Wald bei. Weil besonders hochwertige Bäume in ihrem Wachstum gefördert werden, lässt sich perspektivisch auch mehr Geld durch die Holzvermarktung erwirtschaften.
In Mischwäldern geht es zudem darum, die Konkurrenz zwischen unterschiedlichen Baumarten zu beeinflussen, weil sonst eine überlegene Baumart die andere verdrängt. Soll eine in der Konkurrenz unterlegene Baumart weiter in der Mischung erhalten bleiben, müssen dafür Konkurrenten entnommen werden. Verschiedene Arten der Durchforstung werden unterschieden. Bei Niederdurchforstung werden primär Bäume entnommen, die in der Konkurrenz ohnehin unterlegen sind. Bei der Hochdurchforstung müssen Bäume weichen, die in der Höhe überragen, aber eine geringere Holzqualität als ihre Nachbarbäume aufweisen. In den vergangenen Jahren stark an Popularität gewonnen hat die Z-Baum-Durchforstung als Sonderform der Hochdurchforstung. Dabei steht Z-Baum für Zukunftsbaum. Das ist ein besonders hochwertiges Exemplar, das sein ganzes Leben lang konsequent gefördert wird.
Kein einheitliches Markierungssystem

Die Waldflächen werden jedoch meistens nur alle paar Jahre begangen, und auch gearbeitet wird dort nicht ständig. Deshalb ist es sinnvoll, einmal festgelegte Maßnahmen so zu markieren, dass sie auch Jahre später ohne großen Aufwand auffindbar und verständlich sind. Genutzt wird dazu umweltfreundliche Sprühfarbe (Langzeitfarbe) mit hoher Leuchtkraft. Wie immer sprechen aber nicht alle Menschen dieselbe Sprache. Anders gesagt: Beim Auszeichnen gibt es wie bei vielen anderen gestalterischen Tätigkeiten immer mehr als eine Lösung. Von einem bundeseinheitlichen System sind wir weit entfernt. Jeder Revierleiter kann seine eigenen Zeichen nutzen und seine Lieblingsfarben einsetzen. Der eine greift zu Rot, der nächste zu Blau, mancher zu Gelb, Weiß geht auch, aber nicht auf Birken. Entscheidend ist nur, dass die Zeichen möglichst aus allen Richtungen sichtbar sind und dass diejenigen, an die sich die Zeichen richten, diese auch richtig verstehen.
Mit neuen Ansätzen und Methoden der Waldpflege sind in den vergangenen Jahrhunderten auch immer wieder neue Auszeichnungen entstanden. Wenngleich je nach Region, Forst und Bewirtschaftung die Forstzeichen unterschiedliche Bedeutungen haben können, gibt es aber keine babylonische Sprachverwirrung. Denn es haben sich etliche Standards entwickelt. Habitat-, Biotop- oder Spechtbäume sind ökologisch wertvoll und mit einem großen H oder einem stilisierten Specht gekennzeichnet oder einer Wellenlinie. Bäume, die entnommen werden sollen, bekommen einen Punkt, ein Kreuz oder einen Schrägstrich. Zukunfts- oder Zielbäume tragen ein Z oder eine umlaufende Kreis-Markierung. Waagerechte Doppelstriche weisen auf eine Rückegasse hin. Grenzsteine und -verläufe, Eckpunkte, Arbeitsrichtungen und Polterflächen, auf denen das geerntete Holz gesammelt wird, sind ebenfalls an forstlichen Markierungen zu erkennen. Sollen diese korrigiert werden, werden sie häufig mit einer Schlangenlinie übermalt oder mit schwarzer Farbe unkenntlich gemacht.
Verwechslungsgefahr mit Zeichen für Wanderer und Jagd

Aber nicht alle Zeichen im Wald sind forstlicher Natur. Auch regionale und überregionale Wanderwege werden oft auf Bäumen ausgewiesen. Oft findet sich auch eine Entfernungsangabe zur nächsten Hütte oder zum Etappenziel. Ein Ausrufezeichen warnt gelegentlich vor steilen Passagen oder Gefahrenstellen. Drei übereinanderliegende Ringe – häufig weiß, rot, weiß – kennzeichnen mancherorts Fernwanderwege oder besondere Routen. Eine Verwechslungsgefahr kann aber auch mit jagdlichen Hinweisen bestehen. So gibt es im Schussfeld eines Hochsitzes manchmal Hinweise, die die Entfernung bis zu der jagdlichen Einrichtung angeben.
Wenn der Förster einen Baum mit einem Ausrufezeichen kennzeichnet, geht von dem Baum eine Gefahr aus. Vor einer Durchforstung mahnt er so die Forstarbeiter zu besonderer Vorsicht. Ist gleich eine ganze Baumgruppe mit Ausrufezeichen markiert, die Bäume scheinen ansonsten aber kerngesund, handelt es sich fast immer um einen jagdlichen Gefahrenbereich. Die Ausrufezeichen kennzeichnen eine Zone, in die auf keinen Fall geschossen werden darf. Vielleicht befindet sich in dieser Richtung bereits der nächste Ansitz, es fehlt ein sicherer Kugelfang oder das Wild kann nicht sauber angesprochen werden, weil keine freie Schussbahn gegeben ist.






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