top of page
  • Michael Lehner

Genossenschaftsidee im Aufwind

Wie sich die Selbsthilfe im ländlichen Raum erfolgreich gegen Bürokratie und Konzerne zur Wehr setzt: Beispiel Bayern


Beitrag anhören (MP3-Audio)

Genossenschaftsverband Bayern
Foto: GVB/Lennart Preiss

Bayerns Genossenschaften behaupten sich in schwierigem Umfeld. Die mittlerweile über 1000 Selbsthilfe-Unternehmen im Freistaat steigerten im Krisenjahr 2023 ihre Umsätze um gut eine halbe Milliarde Euro auf 16,6 Milliarden Euro. Geld, das in den Regionen bleibt und zugleich der Marktmacht großer Konzerne Grenzen setzt. Zumal bei landwirtschaftlichen Produkten, zunehmend aber auch auf dem Sektor der erneuerbaren Energien.

 

Mittlerweile gibt es in Bayern 329 Energiegenossenschaften, die ihren Umsatz binnen Jahresfrist von 378,7 auf 457 Millionen Euro und damit um 20,7 Prozent gesteigert haben. Nebenbei ein stattlicher Beitrag zur Energiewende. Und eine neue Einkommensquelle für den ländlichen Raum. Gregor Scheller, Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB): „Die Energiewende und der Umstieg auf regionale, dezentrale und regenerative Versorgung gewinnt zunehmend an Schwung. Mit ihrer unmittelbaren Bürgerbeteiligung profitieren die Genossenschaftsmitglieder von dieser Entwicklung.“

 

Gerade wenn es um Photovoltaik und Windräder geht, gewinnt die Idee des „Gemeinsam sind wir stark“ auch im großstädtischen Umfeld Anhänger. Im Münchner Süden zum Beispiel gehen Genossenschaftsanteile für Energieanlagen weg wie warme Semmeln. Was auch die Proteste im Genehmigungsverfahren deutlich reduziert. Die norddeutsche Erfahrung, dass erneuerbare Energien an Akzeptanz gewinnen, wenn sie sich auf dem eigenen Konto rechnen, setzt sich offenbar auch in Bayern durch. 

 

Neues Geschäftsfeld der Dorf-Geldhäuser

 

Genauso spannend: Die Genossenschaftsbanken haben die Energiewende als neues Geschäftsfeld entdeckt – und als attraktives Instrument der regionalen Wertschöpfung, von der die Anteilseigner direkt profitieren. Sogar aufs Land gezogene Großstädter, die vorher allenfalls den „Raiffeisen-Smoking“ belächelten, entdecken die Vorzüge der Dorf-Geldhäuser mit ihrer Kundennähe, die wie nebenbei auch zu hoher Krisenfestigkeit beiträgt.

 

Zur Erinnerung: Alles begann im Jahr 1848 mit dem „Flammersfelder Hilfsvereins zur Unterstützung unbemittelter Landwirte“, etwas später mit der Rheinischen Landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank. Der ins Rheinische gezogene Franke Friedrich Wilhelm Raiffeisen erfand den „Grünen Kredit“ und die Einkaufsgenossenschaft, zumal für Dünger und Saatgut, bald auch zur gemeinsamen Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte. Mittlerweile gibt es sogar genossenschaftlich organisierte IT-Unternehmen als Antwort auf die Bedeutung der Computertechnik und des Internets für Landwirtschaft und ländlichen Raum.

 

Aber gerade im klassischen Umfeld sieht sich die Genossenschaftsidee mit wachsenden Gefahren konfrontiert. In der aktuellen Jahresbilanz des Genossenschaftsverbands hat das Thema breiten Raum: „Vorgaben zu Flächenstilllegungen oder Fruchtwechsel greifen erheblich in die Entscheidungs- und Einnahmemöglichkeiten der landwirtschaftlichen Betriebe ein. Dies beschleunigt den Strukturwandel immer mehr.“ Und: „Immer mehr Regulierung und sich ständig ändernde Vorschriften führen dazu, dass sich Landwirtschaft in Deutschland immer weniger lohnt. In Folge steigen Auslandsimporte von Lebensmitteln, deren Qualität nicht im gleichen Maßstab gewährleistet werden kann.“

 

Wenn deutschlandweit jeden Tag vier bäuerliche Familienbetriebe aufgeben, sei es an der Zeit, diesen Strukturwandel aufzuhalten: „Wer die kleinteilige Landwirtschaft und die regionale Versorgung mit wertvollen Lebensmitteln will, muss dafür auch die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen.“ Beispielhaft seien da die bäuerlichen Genossenschaftsmolkereien und ihr Versuch, der Einkaufsmacht der Discounter Grenzen zu setzen, die zunehmend auf anonyme Eigenmarken setzen. Längst gehen die Milcherzeugerpreise so nach kurzzeitiger Erholung wieder in den Keller. Während Genossenschaften versuchen, ihren Milchprodukten mit Werbekampagnen zu eigener Marktmacht zu verhelfen.

Commentaires


bottom of page