Die Leistungsschau unterm Funkturm vor dem 100. Geburtstag
- Wolfgang Kleideiter

- vor 2 Tagen
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Die Grüne Woche feiert bald den 100. Geburtstag. Von einer lokalen Warenschau hat sie sich zur Weltmesse für Landwirtschaft, Ernährung und Gartenbau gemausert. Da ist nicht nur ein Ständchen, sondern auch ein Blick zurück fällig

Ohne Hans-Jürgen von Hake gäbe es die Grüne Woche nicht. Der Adelssprössling aus Brandenburg arbeitete in den Goldenen Zwanzigern im Berliner Fremdenverkehrsamt. Nicht nur ihm fiel auf, dass die Wintertagung der 1885 von Max Eyth in Berlin gegründeten Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) stets Hersteller von Produkten für Landwirtschaft und Jagd anlockte. Ob am Kaiserdamm oder andernorts in Charlottenburg – wenn sich die grünen Lodenmäntel im Stadtbild häuften, gingen die Aussteller in Position. Von Hake, so ist überliefert, hatte die Idee, aus dem „wilden“ Handel eine Ausstellung zu formen. Gesagt, getan: 1926 wurde die DLG-Tagung erstmals von einer Messe begleitet. Und weil‘s so gut passte, gaben ihr die Berliner Zeitungen den Namen „Grüne Woche“.
Bis heute steht dieser Begriff für Leistung und Innovation, Begegnung und Austausch. 50.000 Menschen strömten schon 1926 zu ersten Messe unterm Funkturm, um die Vielfalt in der Landwirtschaft zu bestaunen und regionale Produkte zu kosten. Dass sich daraus eine Leitmesse und Dialogplattform für die nationale und internationale Agrarpolitik entwickeln würde, hat Hans-Jürgen von Hake sicher nicht geahnt.
Heute trifft man im Januar an den Messetagen in Berlin auf Nahrungs- und Genussmittelangebote aus aller Welt, regionale Spezialitäten aus deutschen Landen, ein breites Kongressprogramm und die Leistungsschauen aus Landwirtschaft und Gartenbau. Wer einmal wissen will, welche Potenziale die internationale Ernährungswirtschaft hat, muss zur Grünen Woche fahren. Sie ist globale Handelsplattform und gleichzeitig ein „Testmarkt“, denn hier wird auch über die Ernährung in der Zukunft gesprochen.
Die Jagd ist vom ersten Tag an dabei
Auch wenn es sich bei einigen eingebürgert hat, vor den Messetoren zu demonstrieren, drinnen werden vom 16. bis zum 25. Januar 2026 Akzente in Sachen moderner Landwirtschaft, Innovation, Nachhaltigkeit und alternativer Ernährungsformen gesetzt. Die Jagd ist vom ersten Tag an auf der Grünen Woche vertreten, informiert über Natur- und Artenschutz und die Notwendigkeiten der Jagd.
Die Grüne Woche etablierte sich sehr schnell. Ältere Berliner und Brandenburger können sich noch gut an die ersten Messejahre erinnern. Auf Bildern aus dieser Zeit sieht man vier Meter hohe „Erdbearbeitungsmaschinen“ oder riesige Geräte, mit denen es möglich war, 5000 Eier auf einmal für über ein Jahr frisch zu halten. Menschen drängten sich auf Tierschauen, bestaunten Flachsspinnerinnen aus dem Spreewald oder edle Jagdzimmer.
Ab 1933 formten die Nationalsozialisten die Grüne Woche ideologisch um, instrumentalisierten sie für die verwerfliche Blut-und-Boden-Ideologie. Die Berliner Messe wurde bis zum Kriegsbeginn 1939 zu einer bloßen Propagandaschau der Machthaber.
1948 kehrte die Grüne Woche zurück und fand ab 1951 im jährlichen Rhythmus statt. In den 1960er Jahren wuchs die Anzahl internationaler Aussteller mehr und mehr an. Durch die deutsche Wiedervereinigung und die Öffnung des Ostblocks erlebte die Messe in den 1990er Jahren nochmals einen Zuwachs. Und weil es immer internationaler zuging, bekam die Grüne Woche ab 2005 jeweils ein „Partnerland“.
Seit 2009 mit internationalem Agrarministergipfel
Seit 2008 findet anlässlich der Grünen Woche fast zeitgleich in Berlin die Welternährungskonferenz „Global Forum for Food and Agriculture“ statt, seit 2009 verbunden mit einem internationalen Agrarministergipfel. Das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat wiederum bietet seit 2008 mit dem „Zukunftsforum Ländliche Entwicklung“ eine Plattform für den Austausch darüber an, wie ländliche Räume attraktiv und zukunftsfähig gestaltet werden können.
Die Grüne Woche hat Anziehungskraft und Ausstrahlung, aber sie lebt auch mit den Gegebenheiten der jeweiligen Zeit. Russland, einst einer der großen Aussteller, ist schon seit Jahren wegen des Angriffs auf die Ukraine nicht mehr in Berlin vertreten. 2021 und 2022 zwängte die Covid-Pandemie die Messe in das Korsett einer rein digitalen Veranstaltung. Und im Frühjahr dieses Jahres sorgten Fälle von Maul- und Klauenseuche dafür, dass keine Rinder, Schafe und Ziegen unterm Funkturm zu sehen waren.
Dass die Grüne Woche über das 100-Jährige hinaus eine Zukunft hat, ist indes sicher. Der Hauptstadt beschert sie durch die Ausgaben der Besucher und Aussteller einen Kaufkraftzufluss von mehr als 150 Millionen Euro. Und im Messe-Logo, das von Anfang an zwei stilisierte Gerstenhalme zeigte, stehen die Linien heute für die Begriffe Entwicklung, Wachstum, Bewegung und Begegnung.






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