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- Schulterschluss im ländlichen Raum
In den grünen Bereich im ursprünglichen Sinn kommt Bewegung – politisch und gesellschaftlich Enger Schulterschluss war das immer wieder beschworene Stichwort bei den Präsentationen und Gesprächen auf der gerade zu Ende gegangenen Grünen Woche in Berlin. Dort waren natürlich alle Interessenverbände des ländlichen Raumes nicht nur vertreten, sondern in den Spitzen sichtbar und betont gesprächsoffen. Bestes Beispiel war der Parlamentarische Abend des Deutschen Jagdverbandes (DJV) mit dem Deutschen Schützenbund (DSB) und dem Deutschen Forstwirtschaftsrat (DFWR). Was verbindet da? Es geht um gesellschaftliche Akzeptanz und den Umgang mit dem gesetzlichen Veränderungsdrang, dem sich aktuell die Betroffenen dieser Bereiche ausgesetzt sehen. Die Waffengesetzgebung ist ein ständiges Thema. Die Jagdgesetzgebung entfernt sich bundesweit – auch durch verschiedene Landesregierungen betrieben – immer weiter von Prinzipien der Waidgerechtigkeit, wie sie unsere Jagd über Generationen mit einem großen Anteil an Eigenverantwortung für die Natur geprägt hat. Und ein Entwurf für ein neues Waldgesetz mit angedachten staatlichen Neuordnungen auch für den privat betriebenen Forst mit weitgehenden Auflagen und Sanktionsüberlegungen kursiert in den Ampel-Ministerien Umwelt und Landwirtschaft. Fakten als Diskussionsgrundlagen: Es muss mehr erklärt werden Immer wieder war in den Gesprächen oder bei Statements auf Veranstaltungen zu hören, dass der ländliche Raum nicht mehr, sondern weniger bürokratische Auflagen oder gesetzliche Regelungen braucht. Was stimmt, ist die wachsende Notwendigkeit, der Politik und der Gesellschaft mehr zu erklären, Fakten als Diskussionsgrundlagen zu betonen und überhaupt bei widerstreitenden Interessen ins Gespräch zu kommen. So bezeichnete die Messe in Berlin selbst die Grüne Woche als „Dialogplattform Nummer eins für Politik und Branche“. Das scheint in diesem Jahr trotz aller politischer und medialer Auseinandersetzungen besser funktioniert zu haben als in früheren Jahren. In erster Linie standen gerade nach der Aktionswoche der Bauern natürlich die Land- und Ernährungswirtschaft besonders im Mittelpunkt. Gleichzeitig geht es um geradezu natürliche Zusammenhänge damit und das, was alle Landnutzer und alle Menschen auf dem Lande mit ihren Zukunftssorgen bewegt. Wo immer man auch die Grenze des „Städtischen“ oder „Ländlichen“ in Bevölkerungszahlen zieht: Weit mehr als die Hälfte unserer Bevölkerung ist dem ländlichen Raum zuzuordnen. Und die Themen, die in diesem Zusammenhang aktuell gesetzt wurden, werden fortgeschrieben. Die Bauern lassen nicht locker und setzen ihre Proteste in Einzelaktionen fort. Solange die Bundesregierung nicht einlenkt, rollen offensichtlich die Demotrecker, wie auch nach der offiziellen Aktionswoche des Bauernverbandes in Berlin zu erleben war. Gestern fuhren in Hamburg über 500 landwirtschaftliche Fahrzeuge aus verschiedenen Richtungen über fünf Hauptrouten in die Innenstadt. Ihr Demonstrationsmotto auf einer Kundgebung am Bahnhof Dammtor: „Gegen Steuer und Bürokratiewahn“. Unruhe im ländlichen Raum auch in Frankreich In unserem Blog haben wir schon thematisiert, dass die Unruhe im ländlichen Raum offensichtlich auch in anderen Länder Europas zunehmend zum Thema wird. Wir hatten unlängst auf Frankreich als geistige Heimat der Bauernproteste hingewiesen, indem wir auf „natur+mensch“ dazu die „Countryside Alliance“ in Großbritannien zitiert haben. Gestern war die Meldung zu lesen, dass 15.000 Polizisten die „Belagerung“ von Paris durch Bauern verhindern sollen. Sie sollen sicherstellen, dass die französische Hauptstadt, die Flughäfen und der Großmarkt Rungis erreichbar bleiben. Auch dort geht es nach der Rücknahme von Agrardiesel-Kürzungen weiter gegen „zu viel Bürokratie, sinkende Einnahmen und komplexe europäische Umweltauflagen“. Auslöser war dasselbe Thema wie in Berlin: der subventionierte Sprit zum Ackern.
- Zollfreiheit mit Nebenwirkungen: Geflügel zu Dumpingpreisen
Der ukrainischen Wirtschaft muss geholfen werden. Dennoch ist es keine gute Politik, wenn die EU die Zollfreiheit auch auf alle Agrarprodukte um ein Jahr verlängern will Die EU-Kommission wird in den nächsten Tagen vorschlagen, dass die Ukraine weiterhin Zollfreiheit bei Exporten in die EU in Anspruch nehmen kann. Damit soll die Wirtschaft des Landes, das seit zwei Jahren von Russland mit einem brutalen Angriffskrieg überzogen wird, entlastet werden. Die Zollfreiheit, die Anfang Juni auslaufen würde, soll zunächst um ein Jahr verlängert werden. Die Entscheidung ist auf der einen Seite nachvollziehbar. So leistet die EU neben den Waffenlieferungen und den finanziellen Unterstützungen auch über die Zollfreiheit einen Beitrag, damit sich das vom Krieg geschundene Land gegen den Aggressor aus dem Osten wehren kann. Je länger aber die Zollfreiheit gewährt wird, umso größer werden strukturelle Verwerfungen dieser Maßnahme vor allem im Bereich der landwirtschaftlichen Produkte. Die ukrainische Landwirtschaft wird auch von großen Unternehmen geprägt. Nicht wenige der Betriebe, die über unvorstellbar große Flächen verfügen, sind in der Hand von Anteilseignern und Besitzern aus dem Ausland. Gerade die großen Agrarkonzerne finden in der Ukraine gute Investitionsbedingungen vor. Die Löhne sind deutlich niedriger als in der EU. Da die Agrarflächen groß sind, ergeben sich Skaleneffekte. So hatte die ukrainische Landwirtschaft bereits vor dem russischen Angriff beträchtliche Anteile am Weltmarkt. Dies gilt vor allem für Getreide. Die Gewährung der Zollfreiheit in der EU hat dazu geführt, dass die ukrainischen Getreidehändler zunehmend Mais, Sonnenblumensaaten, Gerste und Weizen in den angrenzenden fünf EU-Ländern verkauft haben: Slowakei, Polen, Rumänien, Bulgarien und Ungarn. Die Bauern in den betroffenen EU-Ländern haben seitdem mit massivem Preisdruck zu kämpfen. Zollfreiheit wirkt wie eine Subvention: Es gibt eben auch unerwünschte Effekte. Hier heißt das: International aufgestellte Agrarunternehmer, die bereits in der Ukraine aktiv sind, verlagern nun gezielt Investitionen in das Kriegsland und weiten die Produktion bei weiteren Produkten aus. So etwa jetzt bei Zucker, Geflügel- und Schweinefleisch. Sie handeln betriebswirtschaftlich sinnvoll, weil die Konditionen in der Ukraine nicht nur wegen der Löhne attraktiver sind. Kontrollen zunehmend laxer In der EU müssen die Unternehmen die hohen Umweltstandards der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) einhalten, auch beim Tierwohl gelten strengere Vorschriften. An der Grenze werden allenfalls stichprobenartig phytosanitäre Kontrollen vorgenommen. Das heißt, die Produkte werden auf Rückstände von Pflanzenschutzmitteln geprüft. Und auch diese Kontrollen sind, wie in Brüssel zu hören ist, zuletzt immer laxer ausgefallen. Die Behörden drücken bewusst ein Auge zu. Damit sind ukrainische Agrarunternehmen im Binnenmarkt deutlich wettbewerbsfähiger als EU-Unternehmen. Auch bei Geflügel, Schweinefleisch und Zucker ist wegen des größeren Angebotes ein Preisverfall in der EU zu beobachten. Die EU-Anrainer der Ukraine hatten sich bereits gewehrt. Zunächst mit Billigung der Kommission und seit Herbst ohne Billigung haben sie Importverbote für Getreide aus der Ukraine erlassen. In Polen und Rumänien gibt es bereits Bauernproteste. Sie richten sich auch gegen die ukrainischen Importe zu Dumpingpreisen. Zunehmend gibt es auch Widerstände gegen die Zollfreiheit aus den Regierungen von weiter westlich gelegenen EU-Ländern. Etwa aus Paris. Die Kommission verspricht zwar, dass sie „Vorsichtsmaßnahmen“ zum Schutz gegen den Preisverfall ergreifen will. Doch die pauschale Zollfreiheit soll weitergelten. Das wäre falsch. Die Kommission sollte stattdessen Zollkontingente für alle Agrarprodukte einführen, die anfällig sind für Marktverzerrungen. Etwa bei Geflügel sind die Margen deutlich höher als bei Getreide. Die EU kann kein Interesse daran haben, Anreize zu setzen für die Ansiedlung exportorientierter Geflügelgroßbetriebe im Nachbar- und Beitrittsland. Damit unterliefe Brüssel die eigenen Ziele in der Landwirtschaftspolitik. Niemand rechnet mit einem baldigen Ende des Krieges. Daher sind Kommission und Co-Gesetzgeber dringend gefordert, sich in der Handelspolitik mit der Ukraine von schlechten Provisorien zu verabschieden und für Regeln zu sorgen, die auch den Interessen der Bauern und Verbraucher in der EU entsprechen.
- Jochen Borchert: Ampel ist weiter uneins
Der frühere Landwirtschaftsminister glaubt nicht, dass die Bundesregierung in den drängenden Fragen der Agrarpolitik zu vernünftigen Ergebnissen kommen wird Tierwohlcent, Bürokratieabbau, ökologische und ökonomische Modernisierung, Entwicklung alternativer Antriebe für landwirtschaftliches Gerät, Gesprächs- und Verhandlungsrunden – die Ampel gibt sich nach außen den Anschein, als würde sie die harsche Kritik aus der Landwirtschaft und dem ländlichen Raum endlich ernst nehmen. Doch wer den von der Koalition erdachten Entschließungsantrag „Landwirtschaft in Deutschland im Dialog zukunftsfähig gestalten“ liest, findet kaum mehr als einen bekannten Fragenkatalog. Alter Wein in neuen Schläuchen, denn die großen Themen und Herausforderungen sind hinlänglich bekannt. Es hapert vielmehr an der Bereitschaft, sie anzupacken und dabei gute und praxisnahe Lösungsvorschläge einzubeziehen. Zum Beispiel die bereits 2020 formulierten Empfehlungen und Finanzierungsmodelle der Borchert-Kommission. Das „Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung“, wie das Gremium offiziell hieß, hatte im vergangenen Sommer entnervt und enttäuscht die Arbeit eingestellt. Ein letzter Auslöser für diesen Schritt war die fehlende Bereitschaft der Regierung, langfristig ausreichend Gelder für den Umbau der Tierhaltung einzuplanen. Und auf diesem Feld sieht Jochen Borchert, wie er in einem Gespräch mit unserem Politblog erklärte, bislang weiterhin keinerlei Bewegung. Vor allem nicht bei der FDP. Zwar gebe es hin und wieder anderslautende Äußerungen aus der Partei, aber Finanzminister Christian Lindner sei von seiner Linie, keine neuen Steuern und Abgaben und keine Steuererhöhungen zuzulassen, nicht abgerückt. „Damit gibt es keine öffentliche Finanzierung der Transformation der Nutztierhaltung“, so Borchert. Kritik an Özdemir-Vorschlag Den Vorschlag von Landwirtschaftsminister Cem Özdemir, einen Tierwohlcent einzuführen, sieht der frühere Chef des Ministeriums kritisch. „Mit einem geringen Aufschlag würde man zunächst nur die Schweinehaltung umstellen können, aber das wäre alles nicht langfristig genug“, spricht Jochen Borchert ein Hauptproblem an. Schon die eine Milliarde Euro, die im Haushalt vorgesehen sei, würde nicht die notwendige Planungssicherheit für die Betriebe bieten. Denn diese Summe sei auf mehrere Jahre verteilt – am Ende enthalte der Topf nur noch wenige Millionen pro Jahr. Bei der Abgabe sei es ähnlich. Borchert: „Es wird kein Landwirt Millionen investieren, wenn er nicht die Sicherheit hat, dass die Rahmenbedingungen und die Finanzierungsdinge langfristig laufen.“ Während FDP und Grüne uneins sind, erkennt Borchert in der SPD-Fraktion eine Mehrheit, die bereit wäre, den Weg mitzugehen. Der Druck aus den Bundesländern und von den SPD-Ministerpräsidenten, die fast einstimmig für eine Ausweitung der Förderung seien, sei in Berlin angekommen. Glasklar sei die Position der CDU/CSU, die wegen der nationalen Alleingänge wie beim Agrardiesel die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft in Gefahr sieht. Investitionen auf den Höfen sind dramatisch zurückgegangen Ob es der Ampel bis zum Sommer in Verhandlungen gelingen wird, zumindest eine gemeinsame Linie zu erarbeiten, bezweifelt Jochen Borchert. Wenn es Ergebnisse geben sollte, müssten diese auch noch in Gesetze gegossen werden. Erst dann herrsche Klarheit. „So lange nur gesagt wird: ,Wir machen das‘, so lange werden die Bauern nicht investieren.“ In den vergangenen zwei Jahren seien die Investitionen auf den Höfen bereits dramatisch zurückgegangen. „Viele junge Landwirte, die vor der Hofübernahme stehen, fragen sich zurzeit, ob es Sinn macht, die Nachfolge anzutreten“, weiß der frühere Minister. Erträge aus der Nutztierhaltung seien für den Bestand gerade nicht allzu großer Höfe enorm wichtig. Auch wenn die Regierung ihre Sparbeschlüsse bisher in Gänze nicht zurückgenommen hat, die Bauernproteste hatten zumindest einen wichtigen Effekt: In der Gesellschaft wird viel intensiver als in der Vergangenheit über die Landwirtschaft und die großen Herausforderungen gesprochen. Jochen Borchert: „Die Landwirtschaft ist ein Thema. Und es gibt viel Verständnis für die Proteste.“ Auch die Widersprüche zwischen politischen Forderungen und der Alltagspraxis und Wirklichkeit kämen vermehrt zur Sprache.
- Muskelmasse statt Speckgürtel
Das Zukunftsforum „Land.Schöpft.Wert“ stellt die richtigen Fragen, die Antworten aber muss der ländliche Raum selber geben Man mag zu den Bauernprotesten stehen, wie man will, mag sie kraftmeiernd und überzogen oder überfällig und angemessen nennen, eines aber hat der spektakuläre bundesweite Trecker-Protest erreicht: den ländlichen Raum abseits von der Debatte über die Agrardieselsteuer für die ganze Bevölkerung als einen Lebensraum wahrnehmbarer zu machen, um den sich Bürger und Politik mehr kümmern müssen. Im Großen wie im Kleinen. „Land.Schöpft.Wert“ heißt das Zukunftsforum Ländliche Entwicklung des Bundeslandwirtschaftsministeriums, das dieser Tage zum 17. Mal stattfindet. Es ist nicht abwegig zu bilanzieren: In den zurückliegenden Jahren (unter wechselnder politischer Verantwortung) waren es in der Regel schöne Worte statt zukunftsfester Taten, die den ländlichen Raum mehr mit Sympathie ruhigstellen sollten als mit nachhaltigen Konzepten zu stärken. Dabei ist dieser Raum, schon von der Wortwahl her gegenüber den auftrumpfenden Interessen von Großstädten nachgeordnet, ein wichtiger Lebensraum, wirtschaftlich und identitätsstiftend. Letzteres, auch das gehört dazu, hier und da mit wachsenden, die Demokratie gefährdenden Wahrnehmungsproblemen. 91 Prozent der Bundesrepublik sind sehr oder überwiegend ländlich geprägt. 57 Prozent der Bevölkerung leben in diesem Raum mit seinem überwiegenden Anteil von Handwerk, Industrie und Dienstleistungen. 46 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden im ländlichen Raum erwirtschaftet. Nein, dieser Raum ist nicht der larmoyante Speckgürtel von Großstädten, sondern die pulsierende Muskelmasse der deutschen Wirtschaft. Wertschöpfung als Generalthema Das Zukunftsforum wird jedes Jahr unter ein Generalthema gestellt. In diesem Jahr heißt es „Regionale Wertschöpfung in ländlichen Räumen“. Die zentrale Frage lautet: Wie kann man wirtschaftlichen Mehrwert innerhalb einer bestimmten Region schaffen? Die Antworten bleiben eher unverbindlich. Viele wirken verstaubt. Es geht unter anderem um die Erzeugung lokaler Produkte, die Förderung von lokalem Unternehmertum, die Kooperation zwischen lokalen Firmen und Institutionen sowie um die Schaffung von Arbeitsplätzen in der Region. Nichts Neues. Die 30 gut nachgefragten Foren zeigen: Der ländliche Raum stellt die gleichen Fragen wie viele Ballungsräume auch. Und er hat flächendeckend, weil kleinteilig organisiert, noch immer keine allgemeingültige Antwort parat. Bund und Land müssen ihrer Verantwortung im Großen gerecht werden – beim Wohnungsbau, bei Schulen und Krankenhäusern, vor allem bei einer alltagstauglichen Infrastruktur. Das fällt ihnen schon schwer genug. Die Foren-Themen zeigen aber auch den großen Anteil von Eigeninitiative, ohne die es im ländlichen Raum nicht geht. Auch deshalb, weil in vielen Rathäusern und Gemeinderäten aus parteipolitischer Sicht und falsch verstandenem Konkurrenzkampf Schwerpunkte und Prioritäten unterschiedlich (und nicht selten fahrlässig verbohrt) gesetzt werden. Vom Straßenbau bis zur Ansiedlung neuer Gewerbegebiete. „Land.Schöpft.Wert“: Es ist gut, wenn sich der ländliche Raum seiner eigenen Wirtschaftskraft und seiner gesellschaftlich sinnstiftenden Bedeutung stärker bewusst wird. Wenn er fordert, von der großen Politik ernster als bisher genommen zu werden. Fest steht aber auch: Entschlossen gehandelt werden muss vor Ort. In Baden-Württemberg werden am 9. Juni neue Kommunalparlamente gewählt. Ob nicht nur die Parteien, sondern auch die Bürger diese Herausforderung annehmen, müssen Wahlbeteiligung und Wahlergebnisse zeigen.
- Ein weiterer Schlag gegen den ländlichen Raum
Jetzt sind die Fischer an der Reihe – Bund plant drastische Kürzungen Nach den teilweisen Rückziehern gegenüber der Landwirtschaft nimmt die Bundesregierung nun die Fischereibetriebe ins Visier. Die Mittel sollen um rund 84 Prozent gekürzt werden. Die Küstenfischer sind außer sich. Die Branche stehe vor dem Ruin, heißt es. Ihnen fehlt die Lobby der Landwirte. Deutschlands Fischer kämpfen seit Jahren ums Überleben. Das machen sie ziemlich allein. Ihre Proteste haben nicht den Wumms der Bauernschaft, sie bleiben zumeist ungehört. Es ist ja auch leichter, mit dem Trecker gen Berlin zu fahren als auf einem alten Kahn die Bundeshauptstadt auf dem Wasserweg zu erreichen. Und doch verstärkten Hunderte von Fischer die Landwirte kürzlich bei ihrer Abschluss-Demo in Berlin. Die Kutter- und Küstenfischer hatten sich mit den Bauern und Spediteuren solidarisch erklärt. Haben sie doch allen Grund zum Protest. Die Bundesregierung will Fischereien die Ausgleichszahlungen für zukünftig wegfallende Fanggebiete angesichts von Windkraftflächen in Nord- und Ostsee kürzen. Statt 670 Millionen Euro soll die notleidende Fischerei-Branche nur noch 134 Millionen Euro erhalten. Nach der Ankündigung der Bundesregierung, einen Teil der bäuerlichen Subventionskürzungen im Agrarbereich zurückzunehmen, vermuten die Fischer einen Zusammenhang. „Die Haushaltslücke soll mit den Mitteln geschlossen werden, die für uns vorgesehen waren“, kritisiert der Fischerei-Verbandsvorsitzende Dirk Sander. Mit veralteten Kähnen Mit der Ausgleichszahlung für die Offshore-Flächen sollten eigentlich die Flotten modernisiert werden. Was auch dringend notwendig ist, schippern die Fischer zumeist mit veralteten Kähnen über Nord- und Ostsee. Jetzt aber ist dies nicht mehr möglich. Die Fischerei liegt am Boden der Meere. In Schleswig-Holstein wird die Küstenfischerei und Kleine Hochseefischerei von 758 Fischern im Haupt- und Nebenerwerb mit 486 Fischkuttern und offenen Booten ausgeübt. Bei den jüngsten Protesten im Hafen von Büsum klagten Fischerinnen und Fischer ihr Leid. Es werde befürchtet, dass die 670 Millionen Euro Ausgleichszahlungen an die Landwirtschaft gehen sollen, um die Bäuerinnen und Bauern zu beruhigen – und so Fischerei und Landwirtschaft gegeneinander ausgespielt werden soll. „Bei uns macht sich Untergangsstimmung breit“, heißt es in den Nordsee-Häfen von Friedrichskoog, Büsum, Husum und auch an der Ostsee in Eckernförde, Kappeln, auf Fehmarn oder an der Küste von Mecklenburg-Vorpommern. In jedem Jahr gehen 15 Fischer in den Ruhestand und nur zwei bis drei Jungfischer kommen nach. Viele von ihnen sind auf 60 bis 70 Jahre alten Kuttern unterwegs. Eine Umrüstung auf Elektromotoren, wie von den Grünen gefordert, ist für die alten Schiffe nicht sinnvoll. „Im Schnitt fehlen den Betrieben rund 150.000 Euro im Jahresumsatz, um weitermachen zu können“, sagt Lorenz Marckwardt vom Landesfischereiverband Schleswig-Holstein. Es muss in Ausbildung investiert werden Die Branche benötigt Modernisierung, es muss in die Ausbildung investiert werden. Nur mit neuen Schiffen und mit einer Wiederbelebung der Fangquote gibt es für die Fischerei eine Zukunft. Andernfalls – so die Befürchtung – stirbt der Beruf an deutschen Küsten aus. Schon heute liegt die Zahl der importierten Fische aus Skandinavien und den Niederlanden über den Fängen in deutschen Gewässern. Was auch zu höheren Preisen führt.
- Das Waldgesetz, die nächste Kampfansage
Der Entwurf fürs neue Bundeswaldgesetz hat das Zeug, den ländlichen Raum endgültig in Rage zu bringen Noch sind die Traktor-Demos gegen die Agrarpolitik nicht vorbei, da zündet die Bundesregierung die nächste „Bombe“. Die Novelle zum Bundeswaldgesetz bietet alle Komponenten für Aufregung und Proteste: neue Straftatbestände und Eingriffe ins Eigentumsrecht der Waldbesitzer. Vor allem aber jede Menge Ideologie mit der Handschrift des NABU. Also von jenem Verband, der seine eigenen Naturschutzflächen nicht in den Griff bekommt. Aber als heimliche Hausmacht in den Bundesministerien der Grünen gilt. Wehe dem Waldbesitzer, der zum Beispiel die Wurzelstöcke gefällter oder sonst gefallener Bäume nicht nach den neuen Regeln versorgt. Hierzu soll es künftig sogar einen Straftatbestand geben. Wer Waldbau weiter nach eigener Erfahrung und Gutdünken betreibt, riskiert Bußgeld in noch nicht endgültig festgelegter Höhe. Originalton der beteiligten Öko-Verbände: „Das Fundament der anpassungsfähigen forstlichen Governance bilden die zwingend erforderlichen, sanktionsbewährten rechtlichen Mindeststandards der Waldbewirtschaftung, die sich aus der Gemeinwohlverpflichtung des Eigentums ergeben.“ Waldbauern sollen Arten und Sorten ihrer Forstpflanzen nicht mehr nach eigenem Gusto und eigener Expertise bestimmen, sondern verpflichtende Beratung einholen. Logisch gegen Bezahlung und – im Zweifel – von staatlicher Seite. Die Forstpartie bekommt also mehr Einfluss und Betretungsrechte. Was nicht zuletzt schlimme Erinnerungen an Versuche weckt, die Jagdgesetze – wie in Rheinland-Pfalz eben im Prozess des Scheiterns – im Sinne einer Jäger-Minderheit umzukrempeln. Anweisung als altes Prinzip: Mehr Bäume pflanzen als ernten Abschaffen wollen die Reformer im Gegenzug den Begriff der „guten waldbaulichen Praxis‟. Und es ist ihnen kaum Erwähnung wert, dass das Prinzip der Nachhaltigkeit im Waldbau eine deutsche Erfindung ist: Hans Carl von Carlowitz, königlich-polnischer und kurfürstlich-sächsischer Kammer- und Bergrat, schrieb mit der „Sylvicultura oeconomica“ die erste Anweisung, mehr Bäume zu pflanzen als zu ernten. Ein Meilenstein über Europa hinaus und Grundlage des Zusammenwirkens von Ökonomie und Ökologie im Forst. Die auf Spendengenerierung spezialisierten Waldretter von NABU, Deutscher Umwelthilfe und WWF sind mit solcher Tradition nicht zufrieden. Das aktuelle Bundeswaldgesetz von 1975 kenne „keine Klimakrise und kein Artensterben‟. Es schaffe „nicht den notwendigen Rahmen, deutsche Wälder gegen die zunehmenden Extremwetter anzupassen und gegen die steigende Holznachfrage zu wappnen‟. Damit wird klar, dass es auch um weitere Eingriffe in Eigentumsrechte geht. Denn neben der Jagdpacht ist der Holzverkauf die einzig nennenswerte Einnahmequelle der Waldbesitzer. Dass Teile der Bundesregierung zugleich den vermehrten Einsatz des umweltfreundlichen Baustoffs Holz propagieren, ist nicht der einzige Stolperstein im Gesetzentwurf. Forstwirtschaftliche Erkenntnisse wie der Nachweis, dass junger Wald weit mehr Schadstoffe bindet als altehrwürdige Baumriesen, werden schlichtweg ignoriert. Dafür gilt die höchst umstrittene These, dass Bäume besser als Totholz verrotten als verbrannt zu werden. Und am Ende lauert womöglich noch der Wolf, dessen vermeintlich segensreicher Einfluss auf den Waldzustand durch Forscher der schwedischen Forst-Universität (SLU) eben erst eindrucksvoll widerlegt wird. „Allenfalls Diskussionsgrundlage mit handwerklichen Mängeln“ Die betroffenen Waldeigentümer nennen den zwischen Bundeslandwirtschafts- und Bundesumweltministerium abgestimmten Entwurf eine „allenfalls erste Diskussionsgrundlage mit vielen handwerklichen Mängeln“. „Unsere Mitgliedschaft lehnt den Entwurf in Gänze ab“, sagt Präsident Professor Andreas Bitter von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände e.V. Entsetzt hätten die privaten Waldbesitzer in Deutschland zur Kenntnis nehmen müssen, dass die Holzproduktion im Entwurf als nachrangig betrachtet wird. „Dies wird der Rolle von Wald und Holz als oft einzige Erlösquelle der Forstbetriebe und als Wirtschaftsfaktor mit einer Wertschöpfung von fast 60 Milliarden Euro gerade im ländlichen Raum nicht gerecht.“ Der Entwurf zeichne sich an vielen Stellen durch „große Praxisferne“ aus, etwa bei der starren Beschränkung, dass zwischen Rückegassen mindestens 40 Meter Abstand eingehalten werden müssen. Die bereits erwähnten Straftatbestände führen laut Professor Bitter „zu einer tiefen Verunsicherung von Menschen, die sich mit Herzblut und großem Engagement für den Wald einsetzen, ihn häufig seit vielen Generationen pflegen, damit der Gesellschaft den wunderbaren Rohstoff Holz zur Verfügung stellen und wegen der Klimakrise ohnehin vor kaum zu bewältigenden Herausforderungen stehen.“ Vernichtend ist auch der Tenor des Rechtsgutachtens, das die Verbände bei der auf Verfassungs- und Umweltrecht spezialisierten Kanzlei Dombert in Potsdam beauftragt. Immerhin gibt es Schätzungen, dass von dem geplanten Gesetz rund elf Millionen Hektar Wald und 750.000 private Waldbetriebe betroffen sind. Rechtsgutachter Tobias Roß nennt den Gesetzentwurf „verfassungswidrig“ und „auch inhaltlich misslungen“. Die vorgesehene Beschränkung der Baumartenwahl, die Herabstufung der Holzproduktion und die Begrenzung anderer waldbaulich-betrieblicher Freiheiten seien Eingriffe in die Grundrechte des Eigentums (Art. 14 GG) und der Berufsfreiheit (Art. 12 GG). Die neu eingeführten Strafvorschriften wertet der Jurist als Verstoß gegen das Bestimmtheitsgebot und den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz: „Die Strafvorschriften schießen weit über das Ziel hinaus.“ Die in diversen Neuregelungen zum Ausdruck kommende Nachrangigkeit der Holzproduktion gegenüber Klimaschutz und Biodiversität sei verfassungswidrig. „Neuordnung nicht erforderlich und unverhältnismäßig“ AGDW-Präsident Prof. Andreas Bitter ergänzte: „Der Walderhalt ist erstes Ziel aller waldbäuerlichen Anstrengungen, denn nur in einem stabilen Wald sind die Holzproduktion sowie alle anderen Ökosystemleistungen gesichert. Die Neuordnung der Waldfunktionen ist nicht erforderlich und unverhältnismäßig.“ Auch die erstmals in einem Bundeswaldgesetz vorgesehenen Straftatbestände wie die Störung der „Stille des Waldes“ im Wald seien der Versuch, Verhaltensweisen zu kriminalisieren, „die unter keinem denkbaren Gesichtspunkt strafwürdig sind“. Max von Elverfeld, der Vorsitzende der „Familienbetriebe Land und Forst“, sagte dazu bereits in einem Zeitungsinterview, dass die gegenüber dem derzeit geltenden Bundeswaldgesetz geplanten neuen Straftatbestände und Bußgeldvorschriften Ausdruck eines tiefen Misstrauens gegenüber den Forstleuten vor Ort seien. „Die Androhung von Freiheitsstrafen setzt Waldbesitzer mit Kriminellen, die Einziehung von Tatmitteln Motorsägen mit Tatwaffen gleich.“ „Nicht Naturschutz- und Waldbehörden sind die besten Waldbewirtschafter, sondern eigenverantwortliche Waldbesitzer, die auf Bioökonomie setzen“, sagte Prof. Andreas Bitter. Max von Elverfeldt nennt den Gesetzentwurf gar „ein Demotivationsprogramm für Waldbesitzer“, er werde „den Waldumbau eher verhindern als beschleunigen“.
- Transformation des Wohnens: Wer soll das noch bezahlen?
Das Leben in der Stadt ist ein wahrhaft teures Vergnügen. Jeder Vierte muss dort schon über 40 Prozent des Nettohaushaltseinkommens für das Wohnen ausgeben Die Zeit der neuen Preisrekorde ist offenbar nicht vorbei. Zwar gab es zwischendurch Anzeichen, dass sich Miet- und Kaufpreise auf dem Immobilienmarkt wegen der veränderten Zinslage wieder etwas beruhigen könnten, doch auf die Metropolen trifft dies nicht zu. Hier geht es auch im neuen Jahr weiter munter aufwärts. Die jüngsten Horror-Schlagzeilen lieferte München bei der Vorstellung des neuen Mietspiegels. Die durchschnittliche ortsübliche Nettomiete an der Isar liegt nun bei 14,58 Euro pro Quadratmeter. 2021 waren es 12,05 Euro – eine Steigerung um 21 Prozent. Der Deutsche Mieterbund spricht von einem „Schock“. Was bedeutet diese alarmierende Entwicklung einerseits für die Innenstädte und andererseits für den ländlichen Raum? Näheres dazu hat kürzlich die Technische Universität Darmstadt mit Unterstützung der Baufi24 Baufinanzierungs AG ermittelt. In Rahmen eines mehrteiligen Forschungsprogramms, das sich mit der „Transformation des Wohnens in Deutschland“ befasst, stellten die Verfasser der Studie eine deutliche Überbelastung der Mieter in den Städten fest. 40 Prozent vom Netto fürs Wohnen ist schlichtweg zu teuer 25 Prozent der Haushalte gaben dort bei einer Befragung an, dass sie 40 Prozent und mehr vom Nettoeinkommen für das Wohnen bezahlen müssen. Ab diesem Niveau, so die Darmstädter Wissenschaftler, gelten Haushalte als „überbelastet“. Das Wohnen ist schlichtweg zu teuer und stellt immer mehr Menschen in der Stadt vor die entscheidende Frage, ob sie sich dies auf Dauer noch leisten können oder wollen. Die Preisentwicklung auf dem Immobilienmarkt hat um den ländlichen Raum zwar keinen Bogen geschlagen, doch hier liegt die Quote der Überbelastung nicht bei 25, sondern deutlich darunter – bei zehn Prozent. Wer auf dem Dorf, am Stadtrand, in der Kleinstadt oder mitten im Grünen lebt, muss weit weniger für das Wohnen bezahlen. Entsprechend ist dort auch der Wert der Wohnzufriedenheit mit 76 Prozent ausgesprochen hoch. Innenstädte haben nicht nur, aber besonders wegen der Kostenexplosion an Attraktivität verloren, heißt es in einer Mitteilung zur Studie „Stadt-Land-Vorstadt. Wie die Neubewertung der Urbanität das Wohnen verändert“. Während in den ländlichen Regionen eine große Zufriedenheit mit der Wohnsituation vorherrscht, nimmt die Unzufriedenheit zu, je näher man dem Zentrum kommt. 38 Prozent der Bewohner in Citylagen sind laut der Befragung unglücklich mit ihrer Wohnsituation. Sprich: Sie tragen sich mit dem Gedanken, sich aus den zentralen Lagen zurückzuziehen. Ländliche Räume in der Planung stärker berücksichtigen Studienleiter Dr. Andreas Pfnür, Professor am Fachgebiet Immobilienwirtschaft und Baubetriebswirtschaftslehre an der Technischen Universität Darmstadt, sieht die Politik gefordert. Denn 43 Prozent der deutschen Haushalte dächten darüber nach, in den nächsten Jahren umzuziehen. Gleichzeitig beklagten aber 61 Prozent dieser Menschen, dass es für sie kaum passende alternative Wohnflächen gebe. Es bedürfe daher neuer Lösungen für den aktuellen Immobilienbestand. Hürden müssten dringend abgebaut werden. Pfnür rät der Politik, auch die ländlichen Räume bei der Frage des Wohnens stärker zu berücksichtigen. „Der Zuzug von Menschen in periphere Gebiete kann für eine Abkühlung der heiß gelaufenen innerstädtischen Immobilienmärkte sorgen“, sagt der Experte für Immobilienwirtschaft. Beim Mieterbund waren die jüngsten Mietspiegel-Werte erneut ein Anlass, die Bundesregierung aufzufordern, endlich alles für die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum zu tun. Doch das ist schwierig, weil andererseits die Kosten für die Erstellung des neuen Wohnraums explodieren. Der Spitzenverband der deutschen Immobilienwirtschaft ZIA betonte in diesen Tagen, dass die Baukosten in Deutschland wegen staatlicher Vorgaben so hoch wie in keinem anderen Land seien. Es fehlten schon heute um eine halbe Million Wohnungen, bis zum Jahr 2027 könnten es bis zu 830.000 sein. Bis es zu einer Entspannung kommt, werden die Preise zweifellos weiter klettern. Angespanntester Mietmarkt Deutschlands ist laut ImmoScout24 Berlin. Bei Neubauwohnungen hat der Quadratmeterpreis in der Hauptstadt mittlerweile 19,45 Euro erreicht. In ländlichen Regionen sind dagegen vielfach noch Preise von unter zehn Euro üblich.
- Verbesserungen für Hausärzte: Sinnvoll und dringend nötig
Gesundheitsminister Lauterbach hat weniger Bürokratie und ein Ende der Budgetierung angekündigt. Damit bessern sich Arbeitsbedingungen, doch die Unterversorgung bleibt Lokführer, Landwirte und auch die Landärzte haben in jüngster Zeit protestiert, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Bei den Hausärzten, zu denen ja viele Landärzte gehören, gab es immerhin ein Ergebnis nach dem Krisengipfel mit Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach in der vergangenen Woche: Das „Maßnahmenpaket zur Stärkung der ambulanten ärztlichen Versorgung“, wie es offiziell heißt. Das ist erst einmal gut so, auch für die Patientinnen und Patienten. Denn die Hausärzte haben eine zentrale Bedeutung für das Gesundheitswesen. Erst recht in dünn besiedelten Regionen, in denen die Wege zum nächsten Krankenhaus immer länger werden. Zum Maßnahmenpaket gehört, dass die Obergrenzen bei der Bezahlung, also der Budgetierung der ärztlichen Honorare, aufgehoben werden sollen. Bisher hatten viele Hausärzte und Hausärztinnen oft noch vor Monatsende ihr Behandlungsbudget ausgeschöpft. Daher konnten sie für weitere Patientinnen und Patienten nicht mehr bezahlt werden. Das Ende der Budgetierung stand schon im Koalitionsvertrag Ganz überraschend kommt die Entscheidung Lauterbachs nicht, denn der Gesundheitsminister setzt damit jetzt lediglich um, was die Ampel bereits in ihrem am 7. Dezember 2021 unterzeichneten Koalitionsvertrag beschlossen hat. Wie sich die Streichung der Budgetierung auswirkt, ist allerdings unklar – Lauterbach selbst rechnet mit Mehrkosten in dreistelliger Millionenhöhe für die gesetzlichen Krankenkassen. Das könnte langfristig steigende Zusatzbeiträge für die Beitragszahler bedeuten. Lange war die Obergrenze ein Streitpunkt zwischen Medizinern und Kassen; sie wurde eingeführt, um die Kosten der ärztlichen Versorgung zu begrenzen. Die Kassen hatten Bedenken, dass Patientinnen und Patienten unnötige Leistungen angeboten bekommen würden. Doch diese Befürchtung ist aktuell nicht mehr realistisch in Zeiten überfüllter Wartezimmer. Hilfreiche Schritte zum Abbau von Bürokratie Sinnvoll sind auch Schritte zum Bürokratieabbau, etwa der Wechsel von der Quartalspauschale für Erwachsene mit chronischen Erkrankungen und ständigem Bedarf an Arzneimitteln hin zu einer jährlichen Versorgungspauschale. Auch die Förderung von Hausbesuchen bei einer Mindestzahl an Versicherten ist ein hilfreicher Schritt, ebenso die telefonisch mögliche Rezeptverlängerung und Krankschreibung. Das gilt auch für die Zulassung der Telemedizin und die Einführung bei Bagatellgrenzen, bis zu denen es keine Wirtschaftlichkeitsprüfung geben soll. So müssen sich die Praxen vielfach nicht mehr mit leidigen Regress-Fällen herumplagen. Wenn Lauterbach diese Maßnahmen tatsächlich umsetzt, trägt das zu weniger Bürokratie bei und ermöglicht den stark belasteten Hausärztinnen und Hausärzten, sich stärker auf die medizinische Behandlung zu konzentrieren. Es sind erste Schritte, um ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern. Das ist auch dringend nötig, denn seit langem wird beklagt, dass die Grundversorgung gefährdet ist. Zum Beispiel in Niedersachsen: 17 unbesetzte Hausarztpraxen gibt es in den Kreisstädten Meppen und Syke, jeweils 15 in Cloppenburg und Nordhorn – landesweit sind es insgesamt 523 unbesetzte Landarzt-Sitze, wie die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen kürzlich mitteilte. Das heißt für die Patienten: Sie müssen längere Wartezeiten und längere Anfahrtswege in Kauf nehmen. Um dem viel und schon lange beklagten Mangel an Medizinern in der Fläche zu begegnen, ist Nachwuchsförderung dringend nötig. Die Landarztquote, die alle Bundesländer auf verschiedene Art und Weise eingeführt haben, ist der richtige Schritt. Aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass sie sich erst langfristig auswirkt. Und dass gleichzeitig in den nächsten Jahren zahlreiche Ärzte der geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen werden. Daher ist es angebracht, die Zahl der Studienplätze im Fach Medizin deutlich zu erhöhen.
- Mächtig Rückenwind fürs Landvolk
Der Bauernprotest ist zum Misstrauensvotum gegen die realitätsferne Politik des linken Flügels der Ampel-Koalition gewachsen 70 Prozent der Menschen unterstützen die Traktor-Sternfahrten. Im Gegensatz zu den Aktionen der Klima-Kleber nimmt auch das Großstadt-Publikum den Stau auf den Straßen ziemlich gelassen hin. Ganze Berufsgruppen schließen sich dem zivilen Ungehorsam an. Wer immer dachte, dass die Grausamkeiten gegen die Landwirtschaft allenfalls kalkulierbare Schäden an der ohnehin lädierten Regierungsmehrheit anrichten, hat sich bitter getäuscht. Das gilt nicht nur für realitätsferne Politiker in Regierungen und Parlamenten. Sondern auch für Kommentatoren, die – wie man so schön sagt – keine Ahnung haben von Ackerbau und Viehzucht. Aber davon jede Menge. Ahnungslos wird vielfach eine kurzfristige Erholung der landwirtschaftlichen Erzeugerpreise zum Geldsegen für alle Bauern umgedichtet. Obwohl zum Beispiel die Milch-Erlöse längst wieder am ruinösen Tiefpunkt sind. Die Frage, warum immer noch massenhaft Höfe schließen, obwohl dort angeblich prächtig verdient wird, bleibt regelmäßig unbeantwortet. Hof-Einkommen werden nicht auf die Personen umgerechnet, die tatsächlich für die Erträge arbeiten. Von den Alten, die mithelfen bis zur „Kinderarbeit“ bei der Ernte in den Sommerferien. Dass Bauern keinen Anspruch hätten, das oft millionenschwere Kapital zu verzinsen, das in den Betrieben steckt, ist ohnehin gängige Großstadt-Meinung. Dazu kommt die politische Rosstäuscherei wegen der Subventionen, die in Wahrheit meist nur Ausgleich für Zugeständnisse an den Zeitgeist sind. Etwa der Verzicht auf die Bewirtschaftung fruchtbarer Flächen. In Wahrheit wird die Agrarproduktion seit vielen Jahrzehnten schon als Experimentierfeld einer mühsam getarnten Planwirtschaft missbraucht. Und der Bauernstand gerade so bei Laune gehalten, dass die Versorgungssicherheit nicht in Gefahr gerät. Für Billig-Preise sorgt die ungebremste Marktmacht weniger Handelsketten. Keine Regierungskonstellation, die sich nicht darauf verlässt, dass der Lebensmitteleinkauf immer weniger vom Einkommen beansprucht. Zuständigkeit fürs kollektiv gute Gewissen abgewälzt Wer die Materie auch nur ein wenig kennt, muss wissen, dass im Subventionsdickicht vor allem Großbetriebe profitieren. Also jene „Agrarfabriken“, die der urbanen Linken sonst so sehr zuwider sind. Und die doch herhalten müssen, um einem ganzen Berufsstand Tierquälerei und Umwelt-Frevel anzulasten. Während der Politik zugleich klar ist, dass sich Normalverdiener Tierwohl und Bio kaum noch leisten können. Auch die Zuständigkeit fürs kollektiv gute Gewissen wird dennoch gern aufs Landvolk abgewälzt. Im schlimmsten Fall hilft der Import von Billig-Lebensmitteln aus Ländern, die es mit der Korrektheit in Öko-Fragen so ernst nicht nehmen. Dass der Unmut neuerdings auf Bevölkerungsgruppen übergreift, die von solcher Agrarpolitik nicht direkt betroffen sind, hat Logik. Die Instinktlosigkeiten betreffen nämlich längst nicht nur die Landwirtschaft. Viele Tagträume der Regierung schaden dem gesamten ländlichen Raum. Vom Rückzug der Eisenbahn aus der Fläche über das Kliniksterben bis zum Bildungsnotstand, der auch dem großstädtischen Mehrbedarf an Schulpersonal geschuldet ist. Ob sich der in Großindustrie-Projekte verliebte Bundeswirtschaftsminister noch unters Volk traut, ist in dieser Gemengelage eher eine Frage für den Boulevard. Weit mehr interessiert, ob Herr Habeck verstehen wird, dass die Menschen momentan andere Sorgen haben als die Anschaffung von Wärmepumpen, für die der „Grüne Strom“ noch sehr lange bei weitem nicht reichen wird. Weit eher geht es den Leuten – schlicht gesagt – um die Wurst. Und um den Wunsch nach Bodenhaftung einer Regierung, die endlich aufhören muss, dem rechten Rand Steilvorlagen zu liefern.
- Alles neu macht der Mai?
Der Ampel-Referentenentwurf des Waldgesetzes und das Jagdgesetz werden kontrovers diskutiert. Wir beschreiben, was sich im Wald gerade aktuell tut und getan wird Der Frühling schreitet mit großen Schritten voran: Überall sprießt das Grün, die Vegetation erwacht, und eine neue Generation Wildtiere kommt zur Welt. In unseren heimischen Wäldern ist von Frühjahrsmüdigkeit keine Spur zu sehen – auch nicht in Bezug auf die Waldbewirtschaftung. Die Trockenheitsjahre seit 2018 haben zu einer flächendeckenden Käferkalamität geführt, wodurch auf etwa 500.000 Hektar buchstäblich kein Baum mehr steht. Waldbesitzerinnen und -besitzer stehen vor der Herausforderung, mit diesen in dramatischer Weise veränderten Waldbildern umzugehen. Diese Fläche in einen klimaresilienten Wald umzugestalten, erfordert eine gründliche Analyse der Ausgangssituation, einschließlich des Bodens, sowie eine sorgfältige Auswahl zukünftiger Baumarten. Die Monate April und Mai markieren eine geschäftige Zeit in der Forstwirtschaft, wenn sich die Natur langsam vom Winter erholt und der Frühling seine volle Pracht entfaltet. In diesen Monaten stehen verschiedene Aufgaben an, um die Gesundheit und Produktivität der Wälder zu erhalten und zu fördern: Von der Pflanzung neuer Bäume bis hin zur Schädlingsbekämpfung haben Forstwirtschaftlerinnen und Forstwirtschaftler alle Hände voll zu tun, um die natürlichen Ressourcen nachhaltig zu nutzen und zu schützen. Pflanzarbeiten erfordern präzises Handwerk Eine der wichtigsten Aufgaben im Frühling ist die Pflanzung und Anpflanzung neuer Bäume. Dies ist entscheidend, um entstandene Lücken im Bestand aufzufüllen und die Waldverjüngung voranzutreiben. Forstwirtschaftliche Betriebe planen sorgfältig die Auswahl der Baumarten, um die Vielfalt des Waldes zu erhalten und den klimatischen Bedingungen gerecht zu werden. Die Pflanzarbeiten erfordern präzises Handwerk und sind oft eine Gemeinschaftsanstrengung, bei der viele Hände helfen, junge Setzlinge in den Boden zu bringen. Junge Bäume benötigen während des Frühjahrs besondere Aufmerksamkeit und Pflege. Dazu gehören Maßnahmen wie das Entfernen von Konkurrenzvegetation, das Anbringen von Schutzvorrichtungen gegen Wildverbiss und das Bewässern bei Trockenheit. Diese Maßnahmen sind entscheidend, um das Wachstum und die Überlebensrate der jungen Bäume zu fördern und sicherzustellen, dass sie sich zu gesunden, starken Beständen entwickeln. Mit dem Frühling erwachen auch verschiedene Schädlinge und Krankheiten zum Leben, die den Wald bedrohen können. Forstwirtschaftlerinnen und Forstwirtschaftler müssen daher wachsam sein und Maßnahmen zur Bekämpfung oder Prävention ergreifen, um die Gesundheit der Wälder zu schützen. Dies kann die Anwendung von Insektiziden, das Entfernen befallener Bäume oder andere Methoden zur Schädlingsbekämpfung umfassen. Wenn die Bedingungen günstig sind, werden im Frühjahr auch Holzernte- und Rückearbeiten fortgesetzt. Dies umfasst das Fällen von Bäumen, das Zerkleinern von Holz und den Transport aus dem Wald. Aufgrund des nassen und warmen Winters sind vielerorts noch Arbeiten abzuschließen. Kontrollen zur Verkehrssicherheit Zusätzlich zu diesen Aufgaben müssen auch Maßnahmen zur Verkehrssicherheit ergriffen werden. Dazu gehört vor allem die Kontrolle von Bäumen an Straßen und Wegen, um die Sicherheit von Waldbesuchern und angrenzenden Verkehrswegen sicherzustellen. Neben diesen spezifischen Aufgaben umfasst die Arbeit in der Forstwirtschaft im Frühjahr auch allgemeine Waldpflege- und Managementaktivitäten. Diese bestehen unter anderem in dem Überwachen des Zustands des Waldes, der Aufnahme von Bestandsdaten, der Planung zukünftiger Maßnahmen und der Kommunikation mit anderen Interessengruppen wie Naturschutzorganisationen und Gemeinden. Aber auch ein Austausch mit den Jägerinnen und Jägern ist enorm wichtig! Mit Aufgang der Bockjagd sollte eine Absprache zwischen Jagd und Forst stattfinden, um ein gemeinsames Konzept zur Wildbewirtschaftung vor den Herausforderungen des Waldumbaus zu entwickeln. Hier können gemeinsame Waldbegänge das gegenseitige Verständnis fördern und einen gemeinsamen Weg in der Bewirtschaftung der Natur ebnen. Insgesamt stellen die Monate April und Mai also keineswegs eine Zeit zum Ausruhen dar und bringen eine Vielzahl von Aufgaben und Herausforderungen mit sich. Durch sorgfältige Planung, präzise Durchführung und engagierte Zusammenarbeit können Försterinnen und Förster durch aktive Bewirtschaftung dazu beitragen, die Gesundheit und Nachhaltigkeit unserer Wälder zu erhalten und zu fördern. Unser Gastautor Torben Hammer, studierter Forstwissenschaftler, berät private Forstbetriebe hinsichtlich innovativer Waldbewirtschaftungen und Märkte.
- „Bei einem Glyphosat-Verbot würde ich roden“
Zwei Europaabgeordnete erfahren, dass die Bauern erleichtert sind über die Entlastungen aus Brüssel und wo ihnen noch immer der Schuh drückt Mit überraschend großer Mehrheit (430 Ja; 130 Nein) hat das Europaparlament vor wenigen Tagen deutliche Änderungen in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) angenommen. Drei Umweltauflagen wurden entschärft, die die Landwirte erfüllen müssen, um die Direktzahlungen zu bekommen. Diese Erleichterungen für die Bauern bei den sogenannten Standards für den „guten landwirtschaftlichen und ökologischen Zustand“ der Flächen (GLÖZ) treten noch vor der Europawahl in Kraft. Vom Tisch ist damit etwa die Auflage, vier Prozent der Ackerfläche brach liegen zu lassen. Diese Maßnahme im Zeichen des Klimaschutzes hatte die Bauern besonders empört, sie empfanden sie als Enteignung durch die EU. Nur 24 Stunden nachdem das Europaparlament grünes Licht gegeben hat, besuchen Norbert Lins, Chef des EU-Agrarausschusses, und der Binnenmarktexperte Andreas Schwab (beide CDU) landwirtschaftliche Betriebe. In der Ortenau – der Landkreis liegt wenige Kilometer vom EU-Parlament in Straßburg entfernt und zieht wegen seiner idyllischen und vom Weinbau geprägten Landschaft viele Touristen an – diskutierten die beiden deutschen CDU-Abgeordneten die jüngsten Beschlüsse mit betroffenen Landwirten und Winzern. Stephan Danner, Geschäftsführer der Winzer-Genossenschaft Durbach, ist besonders erleichtert, dass die Arbeiten an der Pestizidverordnung (SUR) von der EU-Kommission auf Eis gelegt wurden. „Wenn die SUR gekommen wäre, hätte dies die Stilllegung von etwa ein Drittel unserer Anbaufläche bedeutet.“ Der ursprüngliche Plan, der auf das Konto des inzwischen ausgeschiedenen Green-Deal-Hardliners und Vize-Kommissionspräsidenten Frans Timmermans ging, sah das Verbot von Pflanzenschutz in Schutzgebieten vor. Reben im schönen Durbachtal wachsen zu großen Teilen an Hängen, die in Landschaftsschutzgebieten liegen. Agrarausschusschef Lins, der seinen Wahlkreis etwas südlicher auf der Schwäbischen Alb hat, erläutert: „Timmermans und die rot-grünen Agrarpolitiker hätten mit uns eine maßvolle Reduzierung von Pestiziden haben können – und zwar in der gesamten EU.“ Da ein Kompromiss aber nicht möglich war, zog die Kommission den Vorschlag auf maßgebliches Betreiben von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zurück. „Die Folge ist nun, dass in Spanien und Italien weiter viel Pflanzenschutz ausgebracht wird, im Südwesten aber bis 2030 bezogen auf die Jahre 2011 bis 2013 der Pestizideinsatz um die Hälfte zurückgehen wird.“ Dafür sorge das Biodiversitätsstärkungsgesetz der grün-schwarzen Landesregierung im Südwesten. Folgen auch für Tourismus Danner von der Winzer-Genossenschaft betont die Landschaftspflege durch den Weinbau. „Wenn unsere Winzer im großen Stil gezwungen gewesen wären, den Anbau aufzugeben, wären etliche Touristen ausbleiben.“ Die Urlauber kommen nicht nur wegen der guten Weine, sondern auch wegen der gepflegten Weinberge. Ein Dorf weiter liegt der Obsthof von Markus Grimmig. Wie auch andere Landwirte hat er schon daran gedacht, seinen Betrieb aufzugeben. Er appelliert an die beiden Abgeordneten, den Papierkrieg mit den Behörden zu erleichtern. „Ich habe schon auf Investitionsförderung verzichtet, weil mir der bürokratische Aufwand zu hoch war.“ Immerhin werden Betriebe mit weniger als zehn Hektar Fläche jetzt entlastet von Kontrollen der Behörden bei den „GLÖZ“-Standards. Davon profitieren gerade im Südwesten viele Betriebe, wo die Höfe wegen der Realteilung bei der Vererbung klein sind. Grimmig spricht ein anderes Thema an, wo die ursprünglichen EU-Pläne am Ende doch noch abgemildert wurden: Statt einem Verbot vom Pflanzenschutz-Allroundmittel Glyphosat hat ebenfalls von der Leyen eine Erneuerung der Zulassung um zehn Jahre durchgesetzt. Grimmig setzt auf Glyphosat, um kleine Streifen zwischen den Obstbäumen von Unkraut freizuhalten. Darauf hätte er nicht verzichten wollen: „Wenn sie mir Glyphosat verboten hätten, hätte ich gerodet.“ Zwei Anliegen nehmen die Abgeordneten mit von den Bauern, die sie besuchten. Zum einen müsse die Pflanzenschutzzulassungsverordnung der EU nach den Europawahlen überarbeitet werden: „Es kann nicht sein, dass die Landwirte auf der anderen Seite des Rheins im Elsass Mittel nutzen dürfen, die bei uns nicht zugelassen sind.“ Außerdem drücken Grimmig und seine Kollegen die Lohnkosten: „Wir brauchen eine Sonderregelung für unsere Erntehelfer. Der hohe Mindestlohn ruiniert uns.“
- Das stille Glück am Angelhaken
Angeln ist in und erlebt gerade jenseits der Großstädte einen Boom. Die Gründe dafür sind überraschend Das Paradies ist manchmal nur 30 Kilometer entfernt. Große Seen liegen in einer fast intakten ländlichen Idylle. Der Flakensee und der Liepnitzsee, der Scharmützelsee oder der Stolpsee – wunderschöne Gewässer, die nur eine halbe Stunde vom lauten und urbanen Berlin-Mitte-Getöse entfernt liegen. Und die jede Menge Freizeitspaß bieten. Ganz oben im Trend ist dabei nicht das Baden oder der Boots-Tourismus. Ganz oben im Trend liegt das Angeln. „Diese Beschäftigung erfreut sich gerade bei uns im wasserreichen Brandenburg immer größerer Beliebtheit“, erklärt ein Sprecher des Landesanglerverbandes Brandenburg. „Wir sind in den vergangenen fünf Jahren enorm gewachsen und spüren auch jetzt noch einen großen Zuwachs. Das macht uns sehr viel Freude.“ In Zahlen ausgedrückt: Im Jahr 2019 waren in Brandenburg offiziell rund 85.000 Menschen als Angler organisiert. Fünf Jahre später waren es bereits 10.000 mehr. Also 95.000 Menschen jeden Alters, unabhängig vom sozialen Status. Mehr Angler als Fußballspieler Mit dieser Mitgliederzahl – und darauf ist man beim Verband in Potsdam echt stolz – habe man den Fußballlandesverband Brandenburg e.V. überflügelt, dem offiziell rund 93.000 Jungen und Mädchen, Frauen und Männer angehören. Angeln anstatt Fußball, das als mediale Ware längst zum unerreichbaren FIFA- oder UEFA-Erlebnis verkommt. Auch in anderen Bundesländern, die in vergleichsweise dünnbesiedelten Regionen wie zum Beispiel Sachsen, Bayern oder Mecklenburg-Vorpommern tolle natürliche Fluss- und Seenlandschaften bieten, registrieren Anglervereine eine ähnliche Entwicklung. So richtig ging der Boom 2020 los. Das Jahr, in dem Corona von China über Bergamo bis in den letzten Winkel der Welt seinen Schrecken entfaltete. „Ja, die Corona-Pandemie mit den Einschränkungen und Kontaktverboten hat wohl bei vielen Menschen einen Bewusstseinswandel eingeleitet. Damals haben viele diesen Sport und diese Freizeitaktivität für sich entdeckt. Angeln, das konnte man zu der Zeit allein machen. Da brauchte man keine Angst haben, gegen Auflagen zu verstoßen oder sich anzustecken. Das hat unserem Sport einen extremen Schub gegeben, auch und gerade bei den jüngeren Menschen.“ Nach der Corona-Pandemie – und das ist der zweite Grund für den unerwarteten Boom – kam die Inflation. Die gestiegenen Lebenshaltungskosten in fast allen Bereichen sorgten bei vielen Familien dafür, dass die Kosten für Freizeitaktivitäten auf den Prüfstand gestellt werden mussten. Ergebnis: Angeln ist relativ kostengünstig, man kann es nach den abgelegten Prüfungen einfach ausüben. In vielen ostdeutschen Bundesländern gibt es zudem eine relativ hohe Zahl an Anglervereinen. In Brandenburg sind es beispielsweise aktuell 1200 Vereine, die Lehrgänge, Prüfungen und gute Tipps für den richtigen Angelplatz anbieten. Mitglieder können hier auf etwa 16.000 Hektar die gut 20 Hauptfischarten wie Hecht, Zander und Barsch angeln. Die Sehnsucht nach der Stille, der Natur Fast noch wichtiger ist noch ein weiterer Punkt, der in Zeiten von Twitter, TikTok, in Zeiten von Konflikten und Kriegen immer bedeutsamer wird. Viele Menschen verspüren das Bedürfnis, zur Natur zurückzukehren. Die Stille genießen, sich auf sich und die Schönheit der Natur besinnen. „Angeln entschleunigt und ist vielleicht das letzte große Naturabenteuer in unserer Zivilisation“, bringt dies der Sprecher des Landesanglervereins in Potsdam auf den Punkt. Doch um diesen positiven Boom auf eine solide Basis zu stellen und ihn dauerhaft erlebbar auch für die nächste Generation zu machen, bedarf es einiger Anstrengungen. Die zunehmende Urbanisierung und der Flächenverbrauch durch Verkehr, Wirtschaft und Wohnraum bedrohen auch die schönsten Angelparadiese. Als mahnendes Beispiel steht hier der Spreewald. Durch den Wegfall des Bergbaus und den Wasserdurst der Städte wie Berlin, Dresden oder Potsdam werden in wenigen Jahren die Wasserpegel stark sinken. Genau dies soll aber nicht passieren im Seen-Paradies Brandenburg. Denn dann ist es schnell wieder vorbei mit dem stillen Glück am Angelhaken.












