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  • Blühwiesen gegen Maismonotonie

    Biogasanlagen liefern regenerative Energie und damit einen Beitrag zum Klimaschutz. Damit einher geht oft landschaftliche Maismonotonie. Blühwiesen sind eine Alternative, die der Biodiversität und der Niederwildhege dient Foto: Dipl. Biol. Harald Grunsky / pixelio.de In Kürze beginnt für die Landwirte die Frühjahrsbestellung der Äcker. Zumindest rund um Biogasanlagen bedeutet dies großflächiges Säen von Energiemais. Denn die produzierte Strommenge aus dem alternativen Energieträger Biomasse ist seit der Jahrtausendwende rasant angestiegen. „Ohne den bedeutenden Beitrag des Energieträgers Biomasse sind die ehrgeizigen Ziele, die sich die Bundesregierung bei der Energiewende mit Blick auch auf Klimaschutz und Versorgungssicherheit gesetzt hat, kaum zu erreichen“, formulierte das Landwirtschaftsministerium vor einem halben Jahr. Denn Biogas ist speicherbar, flexibel nutzbar und grundlastfähig. Es produziert Energie auch dann, wenn keine Sonne scheint und kein Wind weht. Mit Biogasanlagen wird aus einem Hektar Pflanzen vier- bis sechsmal soviel Energie produziert, wie für die Vergärung und den Anbau aufgewendet werden muss. Die positive CO₂-Bilanz von Biogasanlagen trägt stark zum Schutz des Klimas bei. Eine Standard-Biogas-Anlage mit einer Leistung von 400 kW spart beispielsweise im Vergleich zu einem fossilen Kraftwerk der gleichen Größe rund 1.800 Tonnen CO₂ pro Jahr ein. Bereits im Jahr 2021 wurden etwa 54 Prozent der erneuerbaren Energie aus Biomasse erzeugt. Allein durch die Biogasproduktion werden 12,2 Prozent des erneuerbaren Stroms und fast zehn Prozent der erneuerbaren Wärme bereitgestellt. Hinzu kommt die Nutzung von Biomethan im Strom- und Verkehrssektor. Derzeit erzeugen in Deutschland etwa 9.600 Biogasanlagen eine elektrische Leistung von mehr als 5.600 Megawatt. Sie liefern ausreichend Strom für mehr als neun Millionen Haushalte und decken rund 5,4 Prozent des deutschen Stromverbrauchs ab. Ganz vorne bei der installierten Leistung liegen mit Abstand Niedersachsen und Bayern. Hinzu kommt die erzeugte Wärme aus Biogasanlagen, die ausreichend für über 2,5 Millionen Haushalte ist und etwa zehn Prozent der produzierten erneuerbaren Wärme ausmacht. Was für eine Begrenzung des Klimawandels gut sein mag, ist aber für das Landschaftsbild von zweifelhaftem Vorteil. Schönheit liegt zwar im Auge des Betrachters. Aber die vielfach mit dem Heranwachsen der Pflanzen entstehende Maismonotonie genügt wahrlich nicht ästhetischen Ansprüchen. Ganz sicher aber läuft sie den Lebensbedürfnissen des Wildes zuwider. Verschärft gilt das, wenn neben dem Mais als Energiepflanze selbiger auch noch für die Verwendung als Nahrungsmittel oder als Futtermittel in der Nutztierhaltung gedeiht. In einer ansonsten ausgeräumten Feldflur gleicht manche Region dann ab dem Sommer einer Maiswüste. Das stößt nicht nur bei Radfahrern und Spaziergängern auf Unwillen, sondern in weiten Teilen der Bevölkerung und nicht zuletzt auch bei Jägern. Denn wenn in deren Pachtvertrag ganz allgemein steht, dass sie für Wildschäden ersatzpflichtig sind, dann kann auch Biogasmais unter diese Ersatzpflicht fallen, obwohl er der Energiegewinnung dient und insoweit keine typische landwirtschaftliche Nutzung ist. Auch wenn mit der EEG-Novelle 2012 die Einsatzmöglichkeiten von Mais begrenzt wurden, steht sein Einsatz nach wie vor an erster Stelle. Insgesamt wuchsen in Deutschland nach Schätzungen der Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR) im Jahr 2023 auf rund 1,37 Millionen Hektar nachwachsende Rohstoffe für Biogas. Das entspricht etwa acht Prozent der bundesweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche. Mais war mit rund zwei Dritteln der Fläche die wichtigste Biogaspflanze, danach folgen Gräser/Zwischenfrüchte, Getreide, Zuckerrüben und Durchwachsene Silphie. Bunte Biomasse ist schön und ökologisch Vergleichsweise gering ist der Beitrag von Wildpflanzen und Blühmischungen. Gerade letztere aber bieten eine Reihe ökologischer Vorteile. Sie bieten ein vielfältiges Blüten- und damit Nahrungsangebot für Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und andere Insekten. Die Bereicherung des Landschaftsbildes geht also einher mit einem wichtigen Beitrag zur Bewahrung der Biodiversität. Die ganzjährige Bodenbedeckung reduziert die Bodenerosion. Vor allem aber ist sie ein wichtiger Lebensraum für Wildtiere wie Hase, Fasan und Rebhuhn, denn gerade Blühmischungen und Wildpflanzen bieten Deckung vor Fressfeinden und zugleich ausreichend Futter. So bescheinigt das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL) der Durchwachsenen Silphie „relativ hohe Methanerträge, die auf wärmeren Standorten an den Mais heranreichen“. Ihre langanhaltende Blühdauer mache sie zudem zur ergiebigen Insekten- und Bienenweide. „Auch Anbauversuche mit mehrjährigen blühenden Wildpflanzenmischungen haben zum Teil vielversprechende Ergebnisse gebracht. Sie können die Artenvielfalt auf deutschen Äckern deutlich erhöhen“, heißt es weiter. Noch deutlicher formuliert es das Netzwerk Lebensraum Feldflur (NFL): „Wir haben was gegen den Klimawandel, das Artensterben und ausgelaugte Böden: Bunte Biomasse.“ Ohne Förderung geht es nicht Allerdings gibt es einen Pferdefuß: Die bunte Biomasse ist zwar für zahlreiche Vogel-, Insekten- und Säugetierarten ein wertvoller Lebensraum, der als mehrjähriges Anbausystem bereits im zeitigen Frühjahr Pollen und Nektar anbietet und nach der Ernte im Spätsommer bis zur Vegetationsruhe mit seiner etwa kniehohen Struktur dem Niederwild und vielen Rastvögel einen wertvollen Rückzugsraum und Insekten ein Winterquartier bietet. Doch Landwirte leben von ihrer Ernte und nicht vom schönen Aussehen ihrer Felder. Da sind Biogasanlagen und mit Biogas betriebene Blockheizkraftwerke (BHKW) oft wichtige Einnahmequellen. Doch der Methanertrag des Substrats aus bunter Biomasse beträgt im Vergleich zum Mais etwa 60 bis 70 Prozent. Im Portemonnaie bedeutet das mehrere hundert Euro je Hektar Anbaufläche weniger. Das Fachmagazin Naturschutz und Landschaftsplanung hat deshalb bereits Ende 2020 in der Analyse einer Akzeptanzstudie betont, dass Landwirte zwar die positiven Aspekte der Blühwiesen bis hin zum Imagegewinn für den eigenen Berufsstand sehen. Allerdings brauche es eine finanzielle Förderung, die das Defizit ausgleiche. Sonst seien es „hauptsächlich überdurchschnittlich große und jagdlich engagierte Betriebe, die sich diese Kulturform leisten“. Diese Lücke schloss bis Ende vergangenen Jahres das Projekt „Bunte Biomasse“ überall dort, wo es keine Förderprogramme gibt, indem ein Ausgleich für Deckungsbeitragsverluste in Höhe von 500 € pro Hektar und Jahr gewährt wurde. Immerhin aber verweist es bis heute auf seiner Internetseite auf Förderprogramme der Bundesländer, etwa in Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Darüber hinaus gibt es vereinzelt Unterstützung in einzelnen Kreisen, Städten und Gemeinden.

  • Die Jägerschaft kann sich bald des Wolfes annehmen

    Die Brüsseler Kommission schlägt vor, den Schutzstatus des Beutegreifers von „streng geschützt“ auf „geschützt“ herabzusetzen. Es wird damit gerechnet, dass die EU-Staaten und das Europaparlament zustimmen Foto: Margit Völtz / pixelio.de Der Wolf könnte schon bald unter das Jagdrecht fallen. Die Kommission hat am Freitag den Vorschlag gemacht, dafür das einschlägige EU-Gesetz zu ändern. In der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH) soll der Schutzstatus des Beutegreifers von „streng geschützt“ auf „geschützt“ abgesenkt werden. Die FFH-Richtlinie regelt in den Anhängen den Schutzstatus von Pflanzen- und Tierarten, die vom Aussterben bedroht sind. Nun sind die Co-Gesetzgeber der EU am Zug: Damit der Vorschlag der Kommission umgesetzt werden kann, müssen eine Mehrheit der Mitgliedstaaten sowie eine Mehrheit des Europaparlaments dem Vorschlag zustimmen. Da es sich um eine Richtlinie handelt, haben die Mitgliedstaaten Spielraum bei der Umsetzung. Wenn die Richtlinie einmal im Sinne des Kommissionsvorschlags geändert ist, bekommen die Bundesregierung und die Regierungen der anderen Mitgliedstaaten Zeit, um die Bestimmungen der Richtlinie in nationales Recht umzusetzen. Es kann also noch ein bisschen dauern. Dass es zu der Änderung des Schutzstatus kommt, gilt als sehr wahrscheinlich. Sowohl in der Staatenkammer als auch im Europaparlament ist der politische Wille vorhanden. Da der nächste Umweltminister in Deutschland nach der Wahl am 23. Februar sehr sicher nicht mehr von den Grünen gestellt wird, ist auch auf Seiten der Bundesregierung nicht mehr mit Widerstand zu rechnen. Die Initiative war von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ausgegangen. Sie hatte vorgeschlagen, dass die EU sich für die Änderung der Berner Konvention zum Schutz wildlebender Tier- und Pflanzenarten stark macht. Zunächst sah es lange so aus, als würde es bei den Mitgliedstaaten keine Mehrheit dafür geben. Doch die politischen Mehrheiten haben sich in vielen EU-Mitgliedstaaten geändert, sodass es jetzt keine Sperrminorität zur Verhinderung von Änderungen am Artenschutzrecht mehr gibt. Fundamentaler Wandel Damit bahnt sich ein fundamentaler Wandel beim Umgang mit dem Wolf in der EU an. Bislang ist die Art „streng geschützt“. Das bedeutet, dass nur die Behörden überhaupt tätig werden können. Wenn etwa ein Exemplar auffällig wird und immer wieder Weidetiere reißt, dürfen die Behörden den Problemwolf abschießen. In Skandinavien sowie in Frankreich wurde von dieser Möglichkeit auch systematisch Gebrauch gemacht. Anders hierzulande: In Deutschland war es die absolute Ausnahme. Künftig soll es anders werden. Wenn der Wolf nicht mehr „streng“, sondern nur noch „geschützt“ ist, können die Bestände aktiv „gemanaged“ werden. Dann sind es nicht die Behörden, sondern die Jäger, die über Abschüsse entscheiden. Sie greifen ein, wenn die Populationen zu groß werden. Solange der Bestand der Art nicht gefährdet ist, spricht dann nichts mehr gegen „Entnahmen“, also Abschüsse. In der Sache ist dieser Paradigmenwechsel richtig. Allein in den letzten zehn Jahren hat der Bestand an Wölfen in der EU um über 80 Prozent zugelegt. Da der Beutegreifer keine natürlichen Feinde hat, vermehrt sich die Art sehr stark. Zunehmend kommt es zu Konflikten mit Weidetieren. In Deutschland sind vor allem Tierhalter an der Nord- und Ostsee sowie in den Hochlagen der Alpen davon betroffen, die zunehmend Verluste hinnehmen mussten. Die ideologisch aufgeladene Debatte der vergangenen Jahre um den Schutzstatus des Wolfes ist eigentlich überflüssig. Es ist ein großer Gewinn, dass sich der Bestand des Wolfes in den Jahrzehnten seit dem Fall des Eisernen Vorhanges kräftig erholt hat und die Art nicht mehr akut vom Aussterben bedroht ist. Niemand will den Wolf ausrotten, es geht vielmehr darum, ein Miteinander zwischen ihm und den Weidetieren zu ermöglichen. Es gibt weitere Tierarten, die vor Jahrzehnten vom Aussterben bedroht waren und zu Recht unter „strengen Schutz“ gestellt wurden, nun aber zu einer regelrechten Plage geworden sind: etwa Biber , Krähen und einige Gänsearten. Eine grundlegende Überarbeitung der FFH-Richtlinie wäre geboten. Doch leider steht dies nicht auf dem Arbeitsprogramm der Kommission.

  • Weichen in Rekordtempo neu gestellt

    Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und zurück auf diese Woche Liebe Leserinnen und Leser, in unserem Wochenkommentar befassen wir uns mit der überraschend schnellen Einigung von Union und SPD über riesige Sondervermögen für Verteidigung und Infrastruktur und beleuchten die damit verbundenen Herausforderungen nicht zuletzt für den ländlichen Raum, insbesondere den Agrar- und Umweltbereich. Dort führen etwa großflächige Mais-Kulturen für Biogasanlagen immer wieder zu Kritik, weil sie mit einem monotonen Landschaftsbild verbunden sind. Eine Alternative können Wildpflanzen und Blühmischungen sein, die wichtigen Lebensraum für Wildtiere bieten. Des Weiteren beschäftigen uns die von US-Präsident Trump angedrohten Zölle auf Agrarprodukte sowie die sichere Versorgung der hiesigen Bevölkerung mit Lebensmitteln. Zum Schluss gehen wir auf einen Regulierungsvorschlag der EU-Kommission ein, Blei als Munitionsbestandteil vollständig zu verbieten. Was für eine politische Woche! Gleichsam über Nacht werfen die Spitzen von Union und SPD bislang als ehern geltende Grundsätze zu Haushalt und Staatsdefizit über Bord. Das Tor für eine massive öffentliche Verschuldung wird weit geöffnet – weiter, als sich wohl die allermeisten Bürger noch vor einer Woche haben vorstellen können. Kleinlich und wie aus einer vergangenen Welt wirkt vor diesem Hintergrund plötzlich der Haushaltsstreit, an dem die Ampelkoalition kürzlich mit viel Getöse zerbrochen ist. Da liegt der Vorwurf, es würden Wahlversprechen in rasantem Tempo gebrochen, auf der Hand. Doch andererseits gibt es überzeugende Gründe, die Weichen nun im Rekordtempo komplett neu zu stellen , selbst wenn dies die persönliche Glaubwürdigkeit vieler der Akteure beschädigt. Besser spät als gar nicht, heißt da die Devise. Denn was nützen die solidesten Staatsfinanzen, wenn auf der anderen Seite das Leben in Freiheit und Wohlstand existenziell bedroht wird. Der russische Angriff auf die Ukraine und der jüngste Kurswechsel in Washington zwingen zum Umdenken. Insofern ist es richtig, dass die mutmaßlich künftigen Berliner Regierungspartner jetzt alle finanziellen Kräfte bündeln, um das Land zu sichern. Richtig ist aber auch, dass nun die eigentliche Arbeit erst anfängt. Entscheidend sind jetzt die ganz konkreten Entscheidungen zur Umsetzung: Bürokratieabbau, vereinfachte Genehmigungsverfahren, Sparsamkeit und wirksame Kontrolle bei allen Investitionen. Das Schlimmste wäre, wenn das zusätzliche viele Geld nicht vernünftig ausgegeben würde, sondern die gewünschte Wirkung durch Ineffizienz und Preissteigerungen verpufft. Dann blieben am Ende nur eine vertane Chance, große Gefahren und ein immenser Schuldenberg. Niemand sollte erwarten, dass sich Union und SPD jetzt auch bei anderen zentralen Fragen in ähnlich schnellem Tempo wie in Sachen Schulden einigen können. Man denke nur an die Stichworte Asylverfahren, Migration, soziale Standards und Ankurbelung der Wirtschaft. Die Streitpunkte sind beträchtlich, so etwa im Konflikt um die von der Union geforderte Wiedereinführung der Agrardiesel-Rückerstattung. Ähnlich kontrovers sieht es beim Klima-, Umwelt- und Naturschutz aus, wo die Union – anders als die Sozialdemokraten – stärker auf eigenverantwortliche Lösungen der unmittelbar Betroffenen als auf staatliches Ordnungsrecht setzt. Apropos Klima-, Natur- und Artenschutz. All dies wird in der Bevölkerung zwar allgemein unterstützt, aber im Einzelfall kann es dann doch zu Missstimmungen oder gar richtigem Ärger führen. Dabei geht es nicht nur um Windkraftanlagen, die das Landschaftsbild stören können, sondern auch um großflächige Monokulturen für die Biogasproduktion. Diese leistet einen wesentlichen Beitrag zu den erneuerbaren Energien und damit zur Begrenzung des Klimawandels. Derzeit erzeugen in Deutschland etwa 9.600 Biogasanlagen eine elektrische Leistung von mehr als 5.600 Megawatt. Sie liefern ausreichend Strom für mehr als neun Millionen Haushalte und decken rund 5,4 Prozent des deutschen Stromverbrauchs ab. Was klimapolitisch gut sein mag, ist aber für das Landschaftsbild und auch unsere Jagdreviere von zweifelhaftem Vorteil und für die Biodiversität sicher nachteilig. Denn gewonnen wird die Energie ganz überwiegend aus Mais. Das führt in einigen Regionen zu einem monotonen Landschaftsbild und zum Verlust von Lebensraum für Insekten und Niederwild. Viele ökologische Vorteile Unser Autor Christoph Boll stellt in der kommenden Woche in einem Blog-Beitrag Wildpflanzen und Blühmischungen als Alternative vor. Sie bieten eine Reihe ökologischer Vorteile und können ein wertvolles Element der Gestaltung des Jagdreviers sein. Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und andere Insekten finden darin ein vielfältiges Blüten- und damit Nahrungsangebot. Die Bereicherung des Landschaftsbildes geht zudem einher mit einem Schutz vor Bodenerosion. Vor allem aber ist die bunte Biomasse ein wichtiger Lebensraum für Wildtiere wie Hase, Fasan und Rebhuhn, denn sie bietet mit ihrem mehrjährigen Anbausystem gute Deckung vor Fressfeinden und zugleich ausreichend Futter. Um einen Einsatz jedoch in größerem Umfang zu ermöglichen, braucht es finanzielle Förderung. Denn Blühpflanzen liefern deutlich weniger Energie als Mais. Landwirte, die vom Ertrag ihrer Felder nun mal leben müssen, brauchen also einen wirtschaftlichen Ausgleich für die Differenz. Foto: Tim Reckmann / pixelio.de So wichtig die massiven Förderungen und Investitionen im Bereich Rüstung und Infrastruktur auch sind, ein Drittes darf nicht vernachlässigt werden: die Ernährungssicherheit. Hier geht es um einen funktionierenden ländlichen Raum mit einer an die neuen Herausforderungen angepassten Naturnutzung. Die Bürger haben sich über Jahrzehnte an gut sortierte und volle Supermärkte gewöhnt, in denen alle Dinge des täglichen Bedarfs jederzeit zur Verfügung standen. Doch auch hier könnten im Zuge der aktuellen Verwerfungen – siehe Ukrainekrieg und Trumps Kurswechsel in nahezu allen Politikfeldern – unliebsame Überraschungen drohen. So hat der US-Präsident jetzt auf seiner Online-Plattform Truth Social Zölle auf alle Agrarimporte in Aussicht gestellt . Einzelheiten nannte er noch nicht, nur das Datum: 2. April. Zugleich rief Trump die „großartigen Landwirte der Vereinigten Staaten“ auf, ihre Produktion für den heimischen Markt ankurbeln. Zwar ist noch offen, ob die Zölle für Importe aus allen Ländern weltweit gelten sollen oder ob es Ausnahmen geben wird. Doch wie immer bei Trump heißt es, mit dem Schlimmsten zu rechnen: einen Handelskrieg auf den weltweiten Agrarmärkten. Naturnutzer nicht über Gebühr belasten Darauf heißt es, sich hierzulande rechtzeitig einzustellen. Denn die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln ist fraglos systemrelevant. Dies sollte bei der künftigen Agrarpolitik von Bund und Europäischer Union auch angemessen berücksichtigt werden. Konkret: Landwirte und andere Naturnutzer dürfen nicht über Gebühr belastet werden, damit sie ihren Part zum Wohle der Allgemeinheit auch tatsächlich erfüllen können. Dieser Grundsatz war in den vergangenen Jahren häufig vergessen oder verdrängt worden. Vor diesem Hintergrund ist auch der Regulierungsvorschlag der EU-Kommission zu sehen, Blei als Munitionsbestandteil vollständig zu verbieten. Hiernach wäre etwa nach einer Übergangsfrist von drei Jahren Bleischrot für den jagdlichen Einsatz nicht mehr erlaubt. Betroffen wären insbesondere Schießstände , die für Jäger zum Üben unerlässlich sind. Sie müssten vielerlei Maßnahmen ergreifen, etwa Schrotfang-Vorrichtungen und die Rückgewinnung von Bleischrot sowie die Überwachung des pH-Werts im Boden. Laut Bundesverband Schießstätten wären für die entsprechenden Umrüstungen pro Schießstand zwischen ein und drei Millionen Euro notwendig. Wie der Deutsche Jagdverband (DJV) feststellt , könnten die meist gemeinnützigen, ehrenamtlich tätigen Vereine, die Schießstände betreiben, diese finanzielle Last einer Umrüstung bei weitem nicht allein stimmen. Ohne eine finanzielle Förderung droht ihnen das Aus – eine fatale Perspektive. Denn Schießstände sind für Jäger eminent wichtig, um gut vorbereitet ihren öffentlichen Aufgaben nachzugehen. Man denke hier etwa an die Bejagung von Schwarzwild zur Eindämmung von Tierseuchen wie der Afrikanischen Schweinepest (ASP). Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und eine gute, für Sie positive Woche. Mit den besten Grüßen Ihr Jürgen Wermser Redaktionsleitung/Koordination

  • Naturschützer im Kaufrausch

    Stiftung erwirbt im Norden riesige Flächen Foto: knipser5 / pixelio.de Der Aufkauf von Bodenflächen zwischen Nord- und Ostsee durch die Stiftung Naturschutz sorgt für helle Aufregung in Kreisen der schleswig-holsteinischen Landwirtschaft. Mit 646 Hektar hat die Stiftung mehr als doppelt so viele ökologisch hochwertige Flächen erworben wie in den jeweils beiden Jahren zuvor. Damit beläuft sich der Gesamtbesitz der Stiftung im nördlichsten Bundesland auf rund 40.000 Hektar. Im Verhältnis zur verfügbaren Fläche nimmt Schleswig-Holstein im bundesweiten Ländervergleich eine Spitzenstellung ein.  Heftige Kritik kommt vom in Rendsburg ansässigen Landes-Bauernverband. Im Mittelpunkt der Kritik steht das Kieler Umweltministerium. Das Land sei pleite, „aber die Naturschützer kaufen alles, was ihnen in die Hände fällt“, heißt es in Vorstandskreisen des Schleswig-Holsteinischen Bauernverbandes. Diese Art von Großgrundbesitz führe zur Landverknappung und Verteuerung der Flächen für die bäuerlichen Betriebe, heißt es. Dass der Flächenerwerb signifikant Fahrt aufgenommen hat, führt das Umweltministerium unter anderem darauf zurück, dass „Ausgleichsmaßnahmen für den forcierten Ausbau Erneuerbarer Energien den Flächenerwerb der Stiftung beschleunigt haben“. Auch bei der FDP-Landtagsfraktion stößt die Offensive der Naturschützer auf Unverständnis. „Hier wird mittels Stiftung und Steuergeldern ein erheblicher Flächenfraß vom Land vorangetrieben“, schimpft die liberale Abgeordnete Anne Riecke. Flächenankauf macht das knapper werdende Land so teuer wie nie zuvor Leidtragende sind die Landwirte. Der Flächenankauf der Stiftung macht das knapper werdende Land so teuer wie nie zuvor. „Dadurch gehen Agrarflächen in erheblichem Umfang aus der landwirtschaftlichen Produktion“, heißt es beim Bauernverband. Die Landwirtschaft sei „mittlerweile auf jeden einzelnen Hektar angewiesen, weil sich die Flächenkonkurrenz in Schleswig-Holstein galoppierend verschärft“, wird hinzugefügt. Zuletzt hatte die Stiftung ein zwischen Kieler Förde und der Eckernförder Bucht liegendes 77 Hektar großes Filetstück erworben. Sie plant, die unweit der Landeshauptstadt Kiel liegende Fläche in „einen für die Biodiversität besonders wertvollen Urwald“ zu verwandeln. Die Stiftung Naturschutz verfügt über ein umstrittenes Vorkaufsrecht beim Kauf von Landflächen. Die schwarz-grüne Landesregierung hatte dies nach langen Auseinandersetzungen mit der Landwirtschaft gebilligt.

  • Wie sich Öko-Regelungen für Bauern verbessern lassen

    Für Öko-Regelungen steht in Deutschland pro Jahr eine Milliarde Euro für Landwirte zur Verfügung. Aber nicht alle Gelder werden abgerufen. Wissenschaftler des Thünen-Instituts haben die Gründe analysiert Foto: Jan Freese / pixelio.de Wenn Landwirte Grasstreifen nicht mähen oder beweiden, ihren Acker brach liegen lassen und wenn sie neben dem Acker Platz für Blühstreifen lassen, tragen sie damit zum Umwelt- und Klimaschutz bei. Für diese und andere Maßnahmen erhalten sie zu Recht eine Vergütung. Das sehen die Öko-Regelungen in der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union vor. Aber diese Regelungen müssen klar und planbar, unkompliziert und unbürokratisch, kurz: praxistauglich sein. Zu hohe Auflagen für zu wenig Geld schrecken die Bauern ab. Seit 2023 stehen für die Öko-Regelungen in Deutschland immerhin rund eine Milliarde Euro im Jahr bereit. Bisher haben die Höfe diese Mittel jedoch weniger genutzt als geplant, wie das Thünen-Institut feststellt. Bauern beantragten deutlich weniger Mittel für Flächen als erwartet, mit einer Ausnahme: der Förderung von artenreichem Dauergrünland, die mehr als 40 Prozent aller Auszahlungen für Öko-Regelungen ausmachte. In einem Forschungsprojekt , beauftragt vom Bundesagrarministerium, untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Gründe für die geringe Akzeptanz. 2023 nahm ein Drittel aller Betriebe an einer Öko-Regelung teil Sie werteten dafür die Daten aus Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen (mit Hamburg und Bremen) und Rheinland-Pfalz aus – was 46 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland entspricht. 2023 nahm nur ein Drittel aller Betriebe an einer Öko-Regelung teil. Im Folgejahr stieg die Teilnahme auf immerhin 56 Prozent. Im ersten Jahr waren laut Thünen-Institut die Startbedingungen erschwert: Die Öko-Regelungen wurden mitten im Anbaujahr eingeführt, was zu spät war. Zudem akzeptieren Bauern neue Förderinstrumente generell zunächst zurückhaltend – ihre Einführung braucht Zeit. Ein politisches Ereignis, der Ukraine-Krieg, beeinflusste auch den Agrarbereich. Er führte dazu, dass zwar die Erlöse in der Landwirtschaft stiegen, aber zugleich die Planungssicherheit abnahm. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellten auch fest, dass große Betriebe öfter die Öko-Regelungen in Anspruch nehmen als kleine. Und dass rinder- und schafhaltende Betriebe (ohne Milchviehbetriebe) die Öko-Regelungen vergleichsweise stark in Anspruch nehmen. Das gilt wenig überraschend auch für ökologisch wirtschaftende Betriebe, die sich stärker beteiligten als konventionelle. Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Öko-Regelungen In seiner Studie listet das Thünen-Institut eine Reihe von Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Öko-Regelungen auf. Es rät, Änderungen an bestehenden Öko-Regelungen auf technische Fehler und markante Hemmnisse zu beschränken. Vorteilhaft für die Umwelt sei es, Öko-Regelungen über mehrere Jahre am selben Standort umzusetzen. Dies könne durch eine mehrjährige Verpflichtung oder eine besondere Honorierung geschehen. Vor allem in der Startphase neuer Maßnahmen sollten die Kosten für das Management, die Transformation und das Risiko in die Höhe der Prämien einfließen, raten die Wissenschaftler des Thünen-Instituts. Maßnahmen, die pro Betrieb nur wenig gefördert werden, werden auch nur wenig in Anspruch genommen. Daher empfehlen die Experten eine Mindestförderhöhe je Betrieb. Eine Software für den Agrarantrag, die Landwirte und Landwirtinnen unterstützt, halten sie ebenfalls für hilfreich.

  • Regiejagd setzt auf Wald vor Wild

    Mit Beginn des neuen Jagdjahres am 1. April werden die meisten Jagdreviere verpachtet bleiben. Gelegentlich aber fragen sich Grundeigentümer als Inhaber des Jagdrechts, ob es für sie besser ist, die Jagd in eigener Regie zu halten Foto: Rainer Sturm / pixelio.de Grundeigentümer und Waldbesitzer halten die Möglichkeit zur eigenen Ausübung des Jagdrechts offensichtlich zunehmend für besser, um die Jagdausübung in eigener Hand oder Regie zu behalten. Besser meint hier in aller Regel beutereicher. Das zielt dabei in erster Linie auf Reh und Hirsch. Hintergrund solcher Überlegungen zur Eigenbewirtschaftung in einer sogenannten Regiejagd sind fast immer Klagen über einen zu hohen Verbiss junger Bäume. Hinzu kommt der in einigen Regionen massive Anbau nachwachsender Rohstoffe und Energiepflanzen wie Mais. Er erhöht das Risiko von Wildschäden besonders durch Sauen massiv. Bei Neuverpachtungen drängen deshalb viele Pachtinteressenten darauf, die bisher übliche uneingeschränkte Übernahme der Wildschadensersatzpflicht zu begrenzen. Bei einer solchen „Deckelung des Wildschadens“ trägt der Verpächter einen wesentlichen Teil des Risikos. Sie kann in Extremfällen dazu führen, dass etwa Mitglieder einer Jagdgenossenschaft kein Pachtgeld mehr ausbezahlt bekommen, sondern sich flächenanteilig an Umlagen beteiligen müssen, um den Wildschadensersatz zu bezahlen. Zwei Jagdmodelle stehen sich konträr gegenüber Jagdrechtsinhaber wissen in aller Regel, dass es nicht möglich ist, einen minimalen Schalenwildbestand zu erreichen und gleichzeitig eine maximale Jagdpachteinnahme zu erzielen. Damit stehen sich zwei Jagdmodelle konträr gegenüber. Vor die Entscheidung zwischen diese beiden Pole gestellt, liebäugeln seit einigen Jahren verstärkt auch Genossenschaften und besonders kommunale Eigenjagdbesitzer mit der Eigenbewirtschaftung, die in den Landesforsten die traditionelle Jagdnutzung ist. Das gilt besonders für Süddeutschland. Sie wollen damit zwar das Heft des Handelns in die Hand nehmen, nicht aber Büchse und Flinte. Letzteres dürfen sie auch nicht. Denn ihnen steht zwar gesetzlich das Jagdrecht zu, nicht aber die tatsächliche Jagdausübung. Die kann nur an einen Pächter oder angestellten Jäger übertragen werden. Schon bei diesem Punkt beginnen vielfach Fragen und Unsicherheiten. Denn außer einem Muster des Städte- und Gemeindebundes (GStB) Rheinland-Pfalz für einen Jagddienstvertrag gibt es kaum Material und Wissen, auf das man sich berufen kann. Unter der Leitung von Prof. Dr. Thorsten Beimgraben und gefördert vom baden-württembergischen Landesministerium für Ernährung, ländlichen Raum und Verbraucherschutz bemüht sich daher ein Projekt der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg mit der Erstellung eines „Blitzhandbuchs“ für den Aufbau einer eigenbewirtschafteten Jagd. Ausgangspunkt ist die Untersuchung von Verbreitung und Aufbau von jagdlichen Eigenbewirtschaftungen. Endergebnisse des in diesen Tagen endenden Vorhabens sind noch nicht publiziert. Eine Ersterfassung auf der Basis von Anfragen bei allen unteren Jagd- und Forstbehörden jedoch zeigt, dass 62 Kommunen und Jagdgenossenschaften, auf die sich die Studie konzentriert, auf Flächen zwischen 8.500 und 81 Hektar die Regiejagd praktizieren. In Bayern sehe die Eigenbewirtschaftung regional unterschiedlich aus bei einer insgesamt vergleichsweise hohen Zahl eigenbewirtschafteter Jagden in Oberbayern, so die Wissenschaftler. Sie gehen von einem Viertel bis einem Drittel in den zwei befragten Landkreisen aus. Wenig Aufwand hat geringen Einfluss zur Folge Eine erste Erkenntnis lautet, dass Eigenbewirtschaftung auch recht unkompliziert geht. Häufig seien dann Privatjäger die beauftragten Personen. Allerdings bedeute wenig Aufwand auch geringen Einfluss. Dieses Modell findet sich bei bäuerlichen Jagden in Oberbayern. Da organisiere der Jäger die Jagd und den Hochsitzbau. Eine Wildkammer gebe es ebenso wenig wie eine Verarbeitung des Wildes, das direkt von den Jägern abgenommen werde. Die Kosten für dieses Modell werden mit 0,66 bis 4,96 Euro je Hektar beziffert. Nach verschiedenen Mischformen steht am anderen Ende der Skala die in kommunalen Jagden Baden-Württembergs betriebene Eigenbewirtschaftung, die mit hohem Aufwand betrieben viel Einfluss sichert. Die Organisation und den Wildbretverkauf übernimmt ein Förster, Forstwirte bauen Hochsitze. Eine neue Wildkammer wird eingerichtet und das Fleisch oft zu Burgern, Schnitzel und Steaks veredelt. Das alles hat seinen Preis mit jährlichen Kosten zwischen 9,38 und 92,70 Euro je Hektar. Nicht erst die wirtschaftlichen Zahlen bestätigen die Einschätzung von Dr. Stefan Schaefer vom GStB Rheinland-Pfalz: „Im Vergleich der direkten Erlöse dürfte die Eigenbewirtschaftung der Jagd finanziell regelmäßig schlechter abschneiden als die Jagdverpachtung. Von entscheidender Bedeutung ist aber, ob die Eigenbewirtschaftung das Erreichen der (bislang infolge überhöhter Schalenwildbestände gefährdeten) waldbaulichen Ziele ermöglicht.“ Anders formuliert ist mit der Regiejagd kein Geld zu verdienen, sondern allenfalls Geld zu sparen. Unternehmen als Jagddienstleister Grundeigentümer verzichten also nicht nur auf oft beträchtliche Einnahmen durch die Jagdpacht, sondern zahlen sogar noch drauf. Das hat längst auch Unternehmen auf den Plan gerufen. Sie bieten sich als Jagddienstleister an, die alle Aufgaben rund um die Jagd übernehmen. Die Genossenschaft oder Kommune muss nur noch klare Ziele formulieren und deren Erreichung kontrollieren. Im Gegensatz zu einem angestellten Jäger oder Förster mit flexiblen Kündigungsfristen bestehen die Unternehmen aber fast immer auf ähnlich lange Vertragsdauern wie bei einem Jagdpachtverhältnis. Nur so rechnet sich das Geschäftsmodell, in dem alle Einnahmen dem Dienstleister zufließen. Die werden erzielt durch die Vergabe von Jagderlaubnisscheinen, den Verkauf von „Jagdpaketen“ mit einer festgelegten Abschusszahl für einzelne Schalenwildarten, Trophäenträger-Abschüssen oder den Verkauf von Gesellschaftsjagden, sei es in Form einzelner Stände oder kompletter Gesellschaftsjagden an Firmen, Verbände etc. „ Kriegserklärung an das wehrlose Wild“ Die rein ökonomische Betrachtung aber lässt außer Acht, welchen Preis das Wild zahlt. Bereits als die Stadt Ingelheim 1994 den Wechsel vollzog, löste dies in einer emotional aufgeladenen Debatte den bis heute gegenüber der Regiejagd bestehenden Vorwurf der „Kriegserklärung an das wehrlose Wild“ aus. Den kennen auch die Verantwortlichen der Pro Jagdkonzept GmbH. So heißt es in deren Facebook-Auftritt, ihnen werde „vorgeworfen, dass wir als ‚wilde Ballertruppe‘ unwaidmännisch und nicht im Sinne der ethischen Verpflichtung jagen“. Der Gründer und geschäftsführende Gesellschafter Uli Osterheld hat das gegenüber dem Fachmagazin WILD UND HUND zurückgewiesen. Er räumte aber ein, es sei nicht einfach, die richtigen Mitjäger zu finden. Die richtigen Jäger „sind diejenigen, die pro 100 Hektar im Jagdjahr zehn Stück Schalenwild erlegen. Um den einen zu finden, brauchen wir drei Jäger im Revier, also auf 1000 Hektar 30.“ Letztlich geht es in der Diskussion um zwei gegensätzliche Auffassungen von Jagd. Die eine folgt der Maxime Wald vor Wild. Reh, Hirsch und Gams werden dabei als Störfaktoren begriffen, die es möglichst auszuschalten gilt. Das andere Modell, dem die Stiftung natur+mensch und damit dieser Blog verpflichtet ist, setzt auf einen Wirtschaftswald mit Wild . Durch einen biologischen, aber auch gesellschaftsgerechten Umbau bietet dieser Wald den Wildtieren einen an deren biologische Bedürfnisse angepassten Lebensraum, wobei dieser nicht bzw. nur unwesentlich beschädigt wird.

  • Leben nach der Feuersbrunst

    Mit sandigen Böden und sehr vielen Kiefern gehört Brandenburg zu den trockensten Gegenden bundesweit. Großflächige Brände haben dort zu schweren Schäden geführt. Jetzt hat die Wissenschaft erste Ergebnisse präsentiert, wie die Zukunft dort aussehen kann Symbolbild: geralt Die Erinnerung kehrt zurück ins Jahr 2018. Tausende Hektar Wald standen in diesem Sommer allein in Brandenburg in Flammen. Die langanhaltende Dürre im Frühsommer des Jahres – ältere Einheimische sprachen sogar von einer Jahrhundertdürre –, dazu immer wieder aufkommende Winde setzten vor allem zwischen Potsdam, den Kreisen Mittelmark und den westlichen Ausläufern der Stadt Berlin ganze Landstriche in Flammen. Besonders heikel damals: Als Folge der schweren Kämpfe zum Ende des Zweiten Weltkrieges, die vor allem im Großraum Berlin und im Gebiet zwischen der Oder und Berlin getobt hatten, lagen Hunderte Bomben und Weltkriegsmunition im Erdreich . Das Feuer ließ einige davon explodieren. Folge: Dörfer mussten evakuiert werden, der Kampfmittelräumdienst war im Dauereinsatz, Explosionen der Weltkriegsmunition und Bomben waren sogar bis in den Westen Berlins zu hören. Gruseln im politischen Großstadt-Betrieb, der aber schnell wieder zur Berlin-Mitte-Zentriertheit überging. Nur mit einem riesigen Aufgebot der Feuerwehr, des Technischen Hilfswerks und sogar der Bundeswehr konnte das Feuer im westlichen Brandenburg nach einigen Wochen gelöscht werden. Ein Jahr später brannte es wieder, diesmal weiter östlich. Zurück blieben verbrannte Waldflächen, nicht mehr benutzbare Felder, Millionenschäden für private und staatliche Waldeigentümer. Und die bange Frage: Wie kann Forstwirtschaft, wie können Bäume überhaupt wieder dort wachsen, wo Flammen hektarweise die Böden vernichtet und verbrannt hatte? Wie erholen sich die Böden? Es gibt nun erste gesicherte Erkenntnisse darüber, wie das gelingen kann. Wissenschaftler von acht Institutionen aus ganz Deutschland untersuchten eine 2018 abgebrannte Waldfläche in Treuenbrietzen und den 2019 verbrannten Wald im nicht weit entfernten Wildnisgebiet Jüterbog. Ein zentrales Ergebnis: Laubbäume wie vor allem die Zitterpappel haben sich seit der Feuersbrunst gut bis sehr gut entwickelt. Sie sind widerstandsfähiger gegen Feuer als zum Beispiel Kiefern. Nach Angaben von Pierre Ibisch, Professor an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, haben die Zitterpappeln in den beiden untersuchten Forstgebieten schon jetzt eine Höhe von etwa fünf Meter. „Diese Laubbäume, die sich durch natürlichen Samenflug ausbreiten, sind wohl eine Art Überlebenskünstler“, fasste der Professor für Sozialökologie der Waldökosysteme nach Auswertung der zentralen Forschungsergebnisse zusammen. Aber auch seltene Pilze und Exemplare des Haarscheinrüsslers, einer Käferart, wurden in den Untersuchungsgebieten entdeckt. Ibisch leitete das fünfjährige Forschungsprojekt „Pyrophob“ zu Auswirkungen von Waldbränden im Kiefernforst – ein bundesweit einzigartiges Projekt. „Kiefernsetzlinge haben kaum eine Chance“ Einige weitere Ergebnisse: Die Bearbeitung der durch die Brände und die Trockenheit geschädigten Böden ist aktuell besonders aufwendig und teuer. Die Bodenstruktur, so steht es wörtlich in dem Bericht, habe sich durch das Feuer deutlich verschlechtert. „Neu gepflanzte Kiefernsetzlinge auf Kahlschlägen haben auf diesen Böden kaum eine Chance.“ Die Wissenschaftler plädieren dafür, Totholz nach Waldbränden auf den Flächen zu lassen. Auch habe es gewisse Unterschiede zwischen den untersuchten Forstgebieten gegeben: Während sich die Natur in Treuenbrietzen nach dem Feuer 2018 bereits wieder recht gut erholt habe, sei die Lage in Jüterbog immer noch nicht so gut. Dort hatte es 2019 gebrannt. Biologe Ibisch: „In Jüterbog finden wir selbst für Brandenburg extrem sandige Böden. Mit fortschreitendem Klimawandel müssen wir damit rechnen, dass die Ökosystemerholung nach derartigen Störungen wie Feuer und Hitze weniger zuverlässig sein wird.“ Dies habe Aussagekraft auch für andere Regionen und weit über Brandenburg hinaus. Am 1. März wurde in Brandenburg offiziell die Beobachtung der Waldbrandgefahr wieder aufgenommen. Man hofft, wie in den beiden vergangenen Jahren durch ausreichend Regen glimpflich davonzukommen. Eine Sicherheit dafür gibt es nicht.

  • Ein Blick auf die Woche in Berlin und auf das Land in seiner schwarz-blauen Teilung

    Liebe Leserin, lieber Leser, nach dem Wahlkampf ist in Bezug auf Hamburg noch vor dem Wahlkampf. Entgegen ursprünglicher Planung mit Rücksicht darauf trafen sich gestern bereits zwei je neunköpfige Sondierungsgruppen von Union und SPD. Daneben ist es so, wie es ist: Wir haben uns erst einmal an die Stärke radikaler Kräfte zu gewöhnen und hoffen, dass die Mitte durch möglichst kluges Regierungshandeln wieder reanimiert wird. Da hilft vielleicht der Blick auf die ländlichen Räume, den wir weiter immer wieder schärfen. Und dann ist da noch der Beginn des Jagdjahres und weil es nun einmal Karneval ist, gehen wir auch darauf ein: mit der Rolle einer Fleischerin. Seit dem Wahlsonntag wissen wir: Unser Land bleibt irgendwie zweigeteilt . Auf der vielfach in dieser Woche abgelichteten Deutschlandkarte dominieren Blau im Osten und Schwarz im Westen – mit kleinen grünen und roten Ausreißern. Die Trennlinie verläuft genau dort, wo einmal eine Grenze war. Vor gut drei Jahrzehnten waren wir froh, sie endlich überwunden zu haben. Wahlforscher und Kommentatoren überbieten sich in Analysen und Erklärungen, warum die Deutschen so gewählt und die Mitte abgestraft haben. Auch wir beteiligen uns mit den Beiträgen im Blog. Unser Autor Frank Polke schrieb dazu : „ Doch beim genauen Blick auf die Landkarte zeigen sich im Februar 2025 scharfe Schnittkanten auf zwischen Stadt und Land, zwischen Jung und Alt, zwischen der Demokratie zu- oder abgewandten Milieus.“ Die Frage: Warum hat die AfD ausgerechnet in den dünn besiedelten Wahlkreisen ihre besten Ergebnisse geholt? Wir erkennen eine wachsende Kluft in Stadt und Land. Die Antworten verstehen wir in unserem journalistischen Blog als Auftrag, bei diesen Themen zu bleiben. Unterdessen fangen der designierte Kanzler Friedrich Merz und für die SPD der neue Fraktionsvorsitzende und Co-Parteichef Lars Klingbeil an, sich nach der Sondierung für die von beiden angestrebten Koalitionsgespräche in Stellung zu bringen. Noch sind Teile ihrer Parteien zunächst weiter im Wahlkampfmodus. Am morgigen Sonntag wählt Hamburg seine neue Bürgerschaft. Für die SPD wird es trotz möglicher Verluste mit dem dann doch erwarteten Sieg von Peter Tschentscher wieder Balsam für die Parteiseele geben. Zur Abschlussveranstaltung hat er Malu Dreyer eingeladen – also große Distanz zum aktuellen Berlin und zu dem SPD-Desaster dort. Die Union setzt in der Hansestadt dagegen auf den Merz-Effekt bei persönlichem Erscheinen und plakatiert mit seinem Bild und aktuellem Bezug neu : „Weil’s so schön war: Jetzt auch in Hamburg CDU wählen.“ Die Grünen erwarten neben der Spitzenkandidatin Katharina Fegebank nicht mehr Robert Habeck. Sie schicken neben Ricarda Lang Annalena Baerbock zum „Wahlkampfhöhepunkt“ in den Gänsemarkt. Die noch geschäftsführende Außenministerin scheint energisch ihre neue Rolle in der Partei finden zu wollen. Nach den letzten Umfragen wird es am Ende im Rathaus rot-grün weitergehen. Die Anbahnung einer Zwangsehe Zurück nach Berlin. Dort bahnt sich eine Zwangsehe an, über die letztlich bei Einhaltung der Brandmauer die Wähler entschieden haben. Die Süddeutsche formulierte dazu diese bemerkenswerte Zeile: „ Die Union ist an eine SPD gekettet, die durch die Trümmer ihrer Wahlergebnisse watet.“ Merz und Klingbeil müssen also zusammenfinden. Und die Truppen dahinter auch. Erst einmal konzentriert sich alles auf die Außenpolitik mit den transatlantischen Verwerfungen, die Ukraine- sowie Nato- und EU-Zukunft. Die sich zwangsläufig daraus ergebenden Haushaltsfragen strahlen in die Innenpolitik mit den Kernforderungen, die oben auf der Agenda stehen: Migration, Sicherheit und Soziales. Dahinter öffnet sich im nächsten Schritt die Palette breiter Themen mit ersten Debatten zur Frage, wer macht in Zukunft was in den Fraktionen und einem neuen Kabinett. Wer sich da in Stellung bringt oder gebracht hat, zeichnet sich schon ab. Bei der SPD ist Pistorius in seiner Rolle gesetzt, obwohl viele Genossen ihn gerne weiter vorne sehen würden. Um Merz wuseln mit hoher Sichtbarkeit Frei, Klöckner und Spahn sowie Söder, der in Bayern bleibt. Er wird aber immer dabei sein. So hat er schon lange vor der Wahl den dortigen Landes-Bauern-Präsidenten Günther Felßner so in Stellung gebracht, dass ihn der designierte Kanzler wohl an den Kabinettstisch nehmen muss. Der Kandidat stammt wie Söder aus dem Raum Nürnberg und ist als Agraringenieur und Milchviehhalter ein Praktiker. Kritiker schießen sich schon auf ihn ein und mahnen grüne Öko-Spitzenthemen wie Reduzierung der Tierhaltung an. Für ein mögliches Ministeramt in der künftigen Bundesregierung wäre ein Mandat aber auch keine zwingende Voraussetzung. Ein paar bemerkenswerte neue Gesichter mit übernommenen Polit-Genen Der neue Bundestag hat nicht nur weniger Abgeordnete, sondern auch ein paar bemerkenswerte neue Gesichter mit Bindung an frühere Granden der Politik: Caroline Bosbach, den Kohl-Enkel Johannes Volkmann, Frederik Bouffier sowie Sandra Carstensen als Frau eines Ex-Ministerpräsidenten. Die Schleswig-Holsteinerin hält es wie ihr Mann Peter Harry: „Nicht lang schnacken – anpacken.“   Ihr, so versprach sie in ihrem Wahlkampf, liege die Förderung des ländlichen Raumes besonders am Herzen. Wir werden wohl weiter von ihr hören. Wie übrigens auch von der neuen CDU-Abgeordneten Nora Seitz aus Chemnitz. Sie ist Landesinnungsmeisterin des sächsischen Fleischerverbandes und dort mit ihrer Mutter zu Hause. Auf diesen Handwerksberuf und eine Berufskollegin kommen wir zum Ende dieses Textes zurück. Regiejagd oder Wirtschaftswald mit Wild Foto: Rainer Sturm / pixelio.de Am 1. April beginnt ein neues Jagdjahr. Dann wird so manches Revier einen anderen Pächter bekommen. Besonders in den südlichen Bundesländern fragen sich aber seit einigen Jahren Kommunen und Jagdgenossenschaften, ob sie nicht besser zur Eigenbewirtschaftung, der sogenannten Regiejagd, übergehen sollen. Sie argwöhnen, dass der Verbiss von Bäumen in ihren Wäldern zu hoch und damit der Abschuss von Reh und Hirsch zu niedrig ist. Unser Autor Christoph Boll stellt in einem Blog-Beitrag in der kommenden Woche eine Studie der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg vor, deren Ziel die Erstellung eines „Blitzhandbuchs“ für den Aufbau einer eigenbewirtschafteten Jagd ist. Ausgangspunkt ist die Untersuchung von Verbreitung und Aufbau von jagdlichen Eigenbewirtschaftungen. Erste Ergebnisse zeigen, dass ein Wechsel für die Grundeigentümer nicht nur den Entfall oft beträchtlicher Pachtzahlungen bedeutet, sondern mit Kosten von bis zu mehr als 90 Euro je Jahr und Hektar sogar richtig teuer werden kann. Diese Bereitschaft, kräftig draufzuzahlen, hat längst Unternehmen auf den Plan gerufen. Als selbsternannte Dienstleister bieten sie den Waldbesitzern an, alle Aufgaben rund um die Jagd zu übernehmen und für den gewünschten radikalen Abschuss des Wildes zu sorgen. Dahinter steht eine Jagdauffassung nach der Devise „Wald vor Wild“. Reh, Hirsch und Gams werden dabei als Störfaktoren begriffen, die es möglichst auszuschalten gilt. Diesem Waldbau mit der Büchse konträr gegenüber steht das Konzept, dem die Stiftung natur+mensch und damit unser Blog verpflichtet ist. Es setzt auf einen Wirtschaftswald mit Wild . Durch einen biologischen, aber auch gesellschaftsgerechten Umbau bietet dieser Wald den Wildtieren einen an ihren biologischen Bedürfnissen angepassten Lebensraum, wobei dieser nicht bzw. nur unwesentlich beschädigt wird. Karneval und Gaumenfreuden: Mett für alle Und noch ein Ausflug aus dem Revier ins Getümmel: An diesem Wochenende wird in großen Teilen unseres Landes (überwiegend dort, wo die zitierte Karte nach der Wahl schwarz eingefärbt ist) Karneval gefeiert . Eine der ausgemachten Hochburgen ist Köln. Dort habe ich mal neun Jahre gelebt und gearbeitet. Eingebrannt ist in meiner Erinnerung, wie ausgeprägt sich zu dieser Zeit die Lebensfreude auch in saisonalen Trink- und Essgewohnheiten zeigt. Im Gürzenich etwa wird bei Prunksitzungen die Nostalgie gepflegt, indem unter anderem als Relikt aus den 60er bis 80ern immer noch Käseigel neben den Getränken auftauchen. Und bei den vielen privaten und öffentlichen Feiern dürfen natürlich Kölsch und Mettbrötchen nicht fehlen. Auch das ist immer noch für viele „Genuss pur“. Und das mit dem Nebeneffekt, dass Protein in Fleisch, Fisch, Eiern und Milchprodukten nicht nur nach meiner Überzeugung zu einer ausgewogenen Ernährung gehört. Zufällig habe ich in dieser Woche von der „rätselhaften Faszination des Metts“ gelesen. Der Artikel hat mich über Instagram zu Sabine Eckart geführt, die mit ihrem Mann im Stadtteil Lindenthal „Kölns hippste Metzgerei“ betreibt, wie das für genüssliche Ernährung zuständige Fachmagazin „Der Feinschmecker“ schrieb. Die Eckarts im Netz : „Seit 1965 planen, wursten, kochen und liefern wir für Sie in Köln.“ Aktuell wirbt die Familienmetzgerei in fünfter Generation weiter mit dem Spruch „Karnevals-Mett für alle“ . Der Aufruf zur Vorbestellung des Mett-Pakets („1 gutes Kilo Eckart-Mett vom Ruhrtaler Freilandschwein,10 frische Bäcker-Brötchen, 1 großer Becher mit Liebe handgeschnibbelter Zwiebeln, dazu beste Heumilch-Butter und unsere Mettbrötchen-Postkarte als Gebrauchsanleitung“) traf ins Volle: Jetzt war Weiberfastnacht bei Eckarts in Instagram dann zu lesen: „Unser Cateringservice ist Karneval komplett ausgebucht und wir können nicht mal mehr eine Mettbrötchenplatte annehmen. Sorry!“ . Das verbinde ich mit meinen Wünschen zum Wochenende. Auch andere machen anderswo leckeres Mett. Das ist eine Abwechselung zum Karneval alternativ zu dem von uns immer wieder empfohlenen Genüssen, die lecker verarbeitetes Wildbret bietet. Ihr Jost Springensguth Redaktionsleitung / Koordination

  • Die Grünen verlieren auf dem Land an Boden

    Baden-Württemberg blickt schon auf die Landtagswahl 2026. Die grüne Regierungspartei landet bei der Bundestagswahl hinter CDU, AfD und SPD nur noch auf dem vierten Platz. Für Cem Özdemir noch ein „Heimspiel“? Cem Özdemir (Foto: Verena Müller) Schaut man nach der Bundestagswahl auf die Zweitstimmen-Karte aller Gemeinden, dann ist Baden-Württemberg pechschwarz. Mit einigen AfD-Einsprengseln und wenigen grünen Ausnahmen. Sozialdemokratisches Rot sucht man ohnehin vergebens. Alles in CDU-Butter also, wenn im Frühjahr 2026 ein neuer Landtag gewählt wird, der erste in einem Flächenland unter einer neuen Bundesregierung? Nicht ganz! In der CDU zeigt man sich irritiert zufrieden. Zum einen liegt man bei einem Plus von drei Prozentpunkten mit 31,6 Prozent über dem Bundesschnitt und hält die AfD (19,8 Prozent mit einem Plus von über zehn Prozent) auf Abstand – auch wenn die in 31 der 38 Wahlkreise an zweiter Stelle lag. Obendrein verbuchten alle CDU-Kandidaten ein um mehr als sechs Prozent über dem Landesschnitt verbessertes Ergebnis. Die Arbeit der Basis läuft gut. Andererseits sind 31,6 Prozent das zweitschlechteste Ergebnis bei einer Bundestagswahl. Zumal sechs Direktkandidaten wahlrechtsbedingt nicht die Reise nach Berlin antreten dürfen, obwohl sie die meisten Erststimmen erhalten hatten. Dass gerade die Stimmen aus dem Südwesten besonders laut sind, die eine erneute Änderung des Wahlrechts einfordern, ist da nicht nur parteipolitisch verständlich, sondern basisdemokratisch nachvollziehbar. Und es gibt noch einen Wermutstropfen. Nach wie vor schafft es die CDU nicht so richtig, verlorenen Boden in den Großstädten wettzumachen. Dennoch: Die Union festigt vor der Landtagswahl vorerst ihre Pole-Position. Was umso richtungweisender sein könnte, weil die Grünen im Ländle dramatisch zurückfallen und 2026 obendrein auf den satten Kretschmann-Bonus verzichten müssen. Ob ihr Spitzenkandidat Cem Özdemir diese Lücke wird füllen können, wird unter Grünen zunehmend in Frage gestellt. Peilten die Grünen nach ihrem Landtagswahltriumph von 2021, als sie sagenhafte 32,6 Prozent holten, noch an, zur dominierenden Baden-Württemberg-Partei zu werden, so wurden sie an diesem Wahlsonntag regelrecht durchgereicht und landeten am Ende hinter der AfD und der SPD (die ihr schlechtestes 2021-Ergebnis von 16,4 Prozent noch einmal um 2,2 Punkte unterbot und bei den Erststimmen mit erbärmlichen 12,9 Prozent sogar auf dem drittletzten Platz einlief) nur noch auf Platz 4. Özdemir gibt sich nur noch verhalten optimistisch Vor allem in den ländlichen Regionen rutschten die Grünen ab. Der Traum, sich nicht nur in den größeren Städten zu etablieren, sondern sich auch auf dem Land zu verankern, ist erst einmal ausgeträumt. Mit einem Zweitstimmenergebnis von 13,6 Prozent blieb man nicht nur weit hinter den 17,2 Prozent von vor fünf Jahren zurück, sondern auch hinter den Einbußen auf Bundesebene. Kein Wunder, denn alle grünen Kandidaten verloren in ihren Wahlkreisen an Boden. Einzige Ausnahmen: Stuttgart, Freiburg und Karlsruhe Stadt. Auf dem Land dagegen gab es nichts zu holen. Noch ist es zu früh, daraus für die Landtagswahl Prognosen abzuleiten. Niemand weiß, ob der junge CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel genug politische Substanz hat, um gegen den erfahrenen Özdemir zu punkten. Noch weiß keiner, wie sich die unvermeidliche Kompromisslinie einer schwarz-roten Koalition im Bund auf die Stimmung im Land auswirkt. Einem Land, in dem besonders misstrauisch und sorgenvoll auf die Entwicklung der Automobilindustrie und ihrer Zulieferer geschaut wird. Und noch wagt kaum einer eine Prognose, ob sich die FDP im Südwesten, die nur noch mit 5,7 Prozent ins Ziel kroch (fast zehn Prozentpunkte weniger als 2021) nach den Bundes-Turbulenzen wird so stark halten können, um ernsthaft auf eine christlich-liberale Koalition hoffen zu dürfen. Dass Linke (6,8 Prozent) und BSW (4,1 Prozent) tief in der politischen Diaspora auftrumpfen konnten, sei nur am Rande vermerkt. Auf Landesebene dürften sie weiter nur eine Nebenrolle spielen. Den Grünen droht damit eine Zäsur – ohne Kretschmann und bundespolitischen Rückenwind. Özdemir gibt sich verhalten zuversichtlich. Man habe „noch einige Baustellen“ vor sich. Gerade im ländlichen Raum haben die Grünen sicher geglaubten Boden verloren. Gerade da aber wird die Schlacht um den Sieg im Stuttgarter Landtag am Ende entschieden.

  • Das Werben um Nachwuchs hat Erfolg: Grüne Berufe beliebt

    In Deutschland wurden 2023/2024 in der „grünen Branche“ 13.686 neue Lehrverträge abgeschlossen. Bei den Landwirten gab es ein Plus von 2,3 Prozent, bei den Revierjägern sogar einen Anstieg um 28,6 Prozent Foto: Rike / pixelio.de Spannende Berufswettbewerbe, lehrreiche Auslandsaufenthalte, engagierte Ausbildungsbetriebe und attraktive Förderungsmodelle – in den Grünen Berufen wird viel dafür getan, junge Frauen und Männer zu gewinnen und zu halten. Das Werben um Nachwuchs zahlt sich aus. Nach den aktuell verfügbaren Zahlen wurden im Ausbildungsjahr 2023/2024 (1. Oktober bis 30. September) erneut fast genauso viele neue Ausbildungsverträge abgeschlossen wie im Jahr zuvor. Ein Erfolg für die Branche, denn insgesamt hat sich der Ausbildungsmarkt infolge der schwierigen konjunkturellen Entwicklung nach den jüngsten Erhebungen schlechter entwickelt als in den Jahren zuvor. Die stärkste Gruppe im Ausbildungssektor der Grünen Berufe bilden noch vor den Gärtnern (4769 neue Verträge) die Landwirte. 2023/2024 wurden nach Angaben des Bundesinstituts bei ihnen 4968 Verträge neu abgeschlossen – 110 mehr als im Vorjahreszeitraum. Auffällig: Unter den neuen Azubis sind immer mehr Frauen. 1259 junge Frauen haben sich diesmal entschieden, Landwirtin zu werden – gegenüber dem Vorjahr ein Plus von fünf Prozent. Steigender Anteil an Frauen auf ein Drittel in der Ausbildung Auch in den anderen landwirtschaftlichen Ausbildungsberufen geht es aufwärts. Bei der Ausbildung zur Fachkraft Agrarservice (Pflanzenbau, landwirtschaftliche Lohnunternehmen) gab es bei den Neuverträgen ein Plus von 13,5 Prozent. Deutliche Anstiege verzeichnen auch die Berufe Milchtechnologe (plus 9,2 Prozent), Milchwirtschaftlicher Laborant (plus 11,6 Prozent) und Tierwirt in der Fachrichtung Schweinehaltung (plus 10 Prozent). Die Zahl der neuen Ausbildungsverträge für den Beruf des Revierjägers erhöhte sich gegenüber dem Vorjahreszeitraum sogar um 28,6 Prozent. Schaut man sich diese Zahlen genauer an, fällt der steigende Anteil der Frauen in den Grünen Berufen ins Auge. Über alle Fachrichtungen hinweg werden inzwischen gut ein Drittel der neuen Ausbildungsverträge von Frauen abgeschlossen. Bei den Forstwirten trafen 17,9 Prozent mehr Frauen als im Vorjahr die Entscheidung, diesen Beruf zu ergreifen. Ähnliche Entwicklungen gab es auch bei den Milchwirtschaftlichen Laborantinnen (plus 17,9 Prozent), Fischwirtinnen (plus 300 Prozent) und Tierwirtinnen in der Fachrichtung Geflügelhaltung (plus 100 Prozent). „ Zukunft gestalten, Talente entfalten“ Zu den guten Zahlen tragen sicherlich die vielfältigen Aktionen bei, mit denen die Berufe in der Land- und Forstwirtschaft bekannt und attraktiv gemacht werden. Erst kürzlich wurde im Haus Düsse, dem Versuchs- und Bildungszentrum der Landwirtschaft im nordrhein-westfälischen Bad Sassendorf, der Berufswettbewerb der Landjugend 2025 gestartet. Dieser Leistungsvergleich findet alle zwei Jahre statt und wird von Tausenden jungen Fachkräften genutzt, um das Können in Praxis und Theorie unter Beweis zu stellen. Susanne Schulze Bockeloh, Vizepräsidentin des Deutschen Bauernverbandes (DBV), gehörte im Haus Düsse zu den prominenten Vertretern der Branche, die den Startschuss für den 37. Berufswettbewerb gaben. „Unser Nachwuchs zeigt mit hoher Motivation und auf beeindruckende Weise, dass die Grünen Berufe auf einer exzellenten Ausbildung basieren und für die Zukunft sehr gut gerüstet sind“, erklärte sie. „Zukunft gestalten, Talente entfalten“ lautet das Motto dieser besonderen deutschen Jugendmeisterschaften. Darin stecke, so die Landjugendvorsitzende Theresa Schmidt, nicht nur eine Herausforderung, sondern auch ein Versprechen: „Wer heute seine Fähigkeiten stärkt, gestaltet morgen die Landwirtschaft und die Gesellschaft.“ Über örtliche und regionale Ausscheidungswettbewerbe können sich die jungen Fachkräfte mit ihren praktischen Fertigkeiten und ihrem Fachwissen bis ins Bundesfinale vorkämpfen. Im Juni sollen die Siegerinnen und Sieger im Haus Düsse sowie in Ihringen in Baden-Württemberg gekürt werden. Zweifellos eine Zielmarke auch für jede, die gerade ihre Ausbildung begonnen haben.

  • Wald und Wild im Wintermodus

    Von frostresistenten Nadeln bis zu cleveren Energiespar-Tricks – die Natur hat faszinierende Strategien entwickelt. Doch menschliche Störungen gefährden das Überleben der Tiere in der kalten Jahreszeit Foto: Marisa04 Nun heulen sie wieder auf, die sogenannten Waldmopeds. Für Brennholzwerber ist derzeit Hochsaison. Mit ihren Motorsägen bringen sie das Feuerfutter auf die passende Kaminlänge. Sie nutzen dazu die Wintermonate, in denen Nadel- und Laubbäume ihren Wasserhaushalt auf ein Minimum reduzieren. Denn wenn nur wenig Wasser im Baum ist, kann auch kaum etwas gefrieren. Zugleich reduziert das die Trocknungszeit des Holzes, bis es in Ofen oder Kamin für wohlige Wärme sorgt. Der Wald ist an frostige Wintertemperaturen gut angepasst. Die Fichte, unser häufigster heimischer Nadelbaum, hat als typischer Baum der nördlichen, kalten bis extrem kalten Breitengrade ein Nadelkleid, dem frostige Wintertemperaturen nichts anhaben können. Auch der häufigste heimische Laubbaum, die Buche, kann den Minustemperaturen standhalten, da sie als sommergrüne Gehölzpflanze über den Winter die Blätter abwirft. Bevor das jedoch im Herbst geschieht, bereitet sie sich ebenso wie andere Laubbaumarten auf den Frost vor. Sie verlagern frühzeitig Nährstoffe aus den Blättern in den Baum selbst. Diese Zucker- und Eiweißverbindungen lösen sich im Zellsaft und senken den Gefrierpunkt der Zelle bis etwa minus 20 Grad Celsius, sodass sie nicht in der Kälte aufplatzen. Das Prinzip ähnelt dem eines wassergekühlten Automotors, der über den Kühlkreislauf das Frostschutzmittel erhält, damit das Kühlerwasser nicht gefriert und das Motorgehäuse nicht platzen lässt. Außerdem schützen die abgefallenen Blätter am Boden das oberflächennahe Feinwurzelwerk des Baumes wie eine wärmende Decke. Den Nadelbäumen bietet schon die geringe Oberfläche der Nadeln physikalisch einen guten Kälteschutz. Hinzu kommt eine ganzjährig schützende Wachsschicht der Nadeln mit kleinen Spaltöffnungen, die auch ein Austrocknen des Baumes im Winter verhindern. Nur die Lärche, die ursprünglich ein Hochgebirgsbaum war, ist eine Ausnahme. Ihren Nadeln fehlt die ausreichend dicke Wachsschicht. Sie wirft sie deshalb vor dem Winter ab. Mit Lufteinschlüssen in einer dicken Borke schützen sich zudem einige Nadel- und Laubbaumarten vor dem Frost. Das ist eine Wärmedämmung wie bei einer Daunenjacke. Vielfach schon im Winter ausgebildete Knospen finden Schutz unter einer Wachsschicht und dicken Schuppen. Zu dieser Isolierung kommen Zuckereinlagerungen, die den Baum nicht nur frosthart machen, sondern auch der Grund sind, warum manche Wildtiere besonders die Knospen gerne verbeißen. Die komplexen Systeme sorgen dafür, dass die heimischen Baumarten in der klassischen Winterzeit kaum Frostschäden erleiden. Gefahr droht ihnen hingegen im Herbst durch Frühfrost oder im Frühjahr durch Spätfrost, also in Zeiten, in denen die Schutzmechanismen noch nicht oder nicht mehr ausreichend ausgebildet sind. Strategien gegen winterliche Temperaturen Nicht nur der Wald, auch seine Bewohner haben Strategien gegen winterliche Temperaturen und jahreszeitliche Nahrungsengpässe entwickelt. Waldschnepfe und Turteltaube ziehen in andere Gebiete. Fledermäuse, Siebenschläfer, Hamster und Murmeltiere gehen in den Winterschlaf. Winterruhe halten Dachs, Eichhörnchen und Waschbär. Wer sich nicht für längere Zeit zurückzieht, hat sich wenigstens wie der Fuchs und die Marderartigen ein dickes Fell zugelegt. Das gilt auch für die Wildschweine, die so gut an die kalte Jahreszeit angepasst sind, dass sogar sehr viele Frischlinge im ausgehenden Winter geboren werden. Bis zum Spätherbst haben sich die Sauen Speckpölsterchen angefressen, die zusammen mit den Luftkammern zwischen den dicken Winterborsten den Körper gut isolieren. Die darunter liegende Unterwolle wehrt Nässe und Kälte ab. Und wenn es allzu frostig wird, kuscheln sich die Familienverbände zusammen und wärmen sich gegenseitig. Die feinen Nasen der Schwarzkittel erschnüffeln Eicheln, Pilze und Wurzeln auch unter einer Schneedecke. Ist der Boden zu hart gefroren, begnügen sich die Wutze auch mit Aas oder Abfall. Foto: Thost / pixelio.de Im Vergleich dazu hat es das wiederkäuende Schalenwild, besonders Rehe und Hirsche, viel schwerer. Das Nahrungsangebot ist im Winter nicht nur sehr viel geringer als im Sommer, sondern auch qualitativ deutlich schlechter. Deshalb bewegen sich Rehe dann nur etwa halb so viel. Je höher der Schnee liegt und je niedriger die Temperaturen sind, umso mehr verzichten sie auf die wenig erfolgversprechende Futtersuche. Das schont die Energiereserven. Insgesamt wird der gesamte Stoffwechsel durch hormonell gesteuerte Umbauvorgänge auf Sparflamme geschaltet. Diese Reduzierung auf etwa die Hälfte im Vergleich zum Sommer gelingt nur durch die geringere Bewegungsaktivität, die herabgesetzte Körpertemperatur und die Verkleinerung der Verdauungsorgane. Dabei kann das Volumen des Reh- und Rotwildpansens um 20 bis 30 Prozent im Vergleich zum Herbst schrumpfen. Ähnlich verändert sich auch die Größe von Organen, etwa der Leber. Den wesentlichsten Beitrag zur Minimierung des Energieverbrauchs leistet eine geringe innere Wärmeproduktion. Deshalb ist eine zweite, äußerlich nicht erkennbare Maßnahme eine niedrigere Atem- und Herzschlagfrequenz, die bei Rotwild von rund 70 auf etwa 40 Mal je Minute sinkt. Die Folge ist ein reduzierter Blutfluss in die äußeren Körperteile. Dadurch kann beim Rotwild die Unterhauttemperatur in Höhe des Brustbeins auf bis zu 15 Grad Celsius sinken. Noch weiter vom Körperkern mit den lebenswichtigen Organen und vom Gehirn entfernt, etwa in den Läufen, werden sogar Temperaturen im einstelligen Bereich erreicht. Oft verharrt das Rotwild regungslos im Wald, um bloß keine Kalorie zu verschwenden. Jede Beunruhigung zehrt an der verbliebenen Substanz Gesteuert wird die Stoffwechselreduktion von der Tageslänge. Sie dauert bis etwa Ende März. Das heißt, dass die vor dem Winter angesammelten Fettreserven inzwischen weitgehend aufgebraucht und damit die Energiespeicher nun ziemlich leer sind. Wildtiere können die niedrigen Temperaturen in den Gliedmaßen lange Zeit schadlos überstehen. Aber die Bewegungsfähigkeit verringert sich dann erheblich. Umso mehr zehrt jede Beunruhigung, die das Wild gar flüchten lässt, an der verbliebenen Substanz. Das gilt im Mittelgebirge und den Alpen noch mehr als im Flachland. Deutsche wie auch amerikanische Studien belegen die massiven Störungen des Wildes durch menschliche Freizeitaktivitäten. Das gilt für laute Gruppenwanderungen, besonders aber auch für Wintersportler wie Ski-Langläufer oder Schlittenfahrer. Ruhe im Revier bedeutet Rücksicht auf das Wild und ist gerade jetzt erste Jäger- und Bürgerpflicht.

  • An der Schnittstelle der Demokratie

    Die Bundestagswahl verfestigt auch die alten Gegensätze zwischen Stadt und Land. Und es kommen neue Player dazu. Gefährliche. Foto: Brigitte Kreuzwirth / pixelio.de Der Blick auf die politische Landkarte nach der Bundestagswahl verleitet zu Witzen, über die angesichts der Bedrohlichkeit der Situation ernsthaft aber niemand lachen kann. Blau eingefärbt sind fast alle Wahlkreise in den neuen Ländern, also im Gebiet der ehemaligen DDR. Mehrheiten für die AfD bei Erst- und Zweitstimme, fast flächendeckend. Nur vereinzelt unterbrochen von roten oder schwarzen Tupfern in Berlin und Leipzig. Die alte Bundesrepublik, gern auch Bonner Republik genannt, wird sowohl bei den Erst- als auch den Zweitstimmen ausgemalt von der schwarzen Farbe der Union. Ganz Bayern, Baden-Württemberg. Auch sonst dominieren die CSU und die CDU, mit Ausnahme der grünen Unistädte wie Münster, Aachen und der roten Inseln in Niedersachsen. Ganz oben, in Friesland, taucht noch ein roter Farbtupfer der ansonsten hart getroffenen Sozialdemokraten auf. So weit, so bekannt, werden politische Analysten sagen. Kennen wir spätestens seit den Landtagswahlen im Herbst 2023. Doch beim genauen Blick auf die Landkarte zeigen sich im Februar 2025 scharfe Schnittkanten auf zwischen Stadt und Land, zwischen Jung und Alt, zwischen der Demokratie zu- oder abgewandten Milieus. Beispiel Berlin: Die meisten Wahlkreise in der Stadt Berlin gingen an die Linkspartei, so zum Beispiel in den Problemvierteln Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg. Dort prallen die sozialen Gegensätze, zu denen neben hohen Wohnungskosten, einer durch den Zuzug überforderten Senats-Verwaltung auch eine nicht geschaffte Integration zählt, ungebremst aufeinander. Doch in diesem Großstadtmilieu vertraut eine Mehrheit der Wähler eher den Silber-Locken Gregor Gysi, Bodo Ramelow und Dietmar Bartsch sowie dem hippen Tiktok-Star Heidi Reichinnek mehr Lösungskompetenz zu als CDU oder SPD oder auch Grünen. „Auf die Barrikaden“, tönte es vom neuen Linken-Star Heidi im Bundestag. 200 Kilometer weiter südöstlich wird der Platz auf den Barrikaden von der anderen Seite beansprucht. Die rechtspopulistische AfD holte im Wahlkreis Görlitz mit 46,7 Prozent den höchsten Zweitstimmenanteil. 46,7 Prozent – übersetzt bedeutet dies: Fast jeder Zweite wählte dort die Partei, die unter anderen in Sachsen vom Verfassungsschutz beobachtet wird. In anderen Wahlkreisen in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt ist das Bild nicht viel anders. Linkspartei versus AfD. Das ist keine beruhigende Spielansetzung. 23 gewählte Abgeordnete bleiben draußen Eine Erklärung: Die AfD holt ihre besten Ergebnisse vor allem in bevölkerungsarmen Wahlkreisen. Also genau dort, wo seit der Wende fast ein Drittel vor allem der jungen Leute abgewandert sind. Über drei Millionen Menschen, oft jung, mobil, gut ausgebildet. In die Städte, in den Westen. Durch die jetzt von der Ampel verabschiedete Wahlrechtsreform könnte sich das Gefühl der Nicht-Berücksichtigung vor allem der Menschen im ländlichen Raum noch verstärken: 23 direkt gewählte Abgeordnete (also, die die die meisten Erststimmen auf sich versammeln konnten, aber für die kein Platz mehr ist im kleineren Bundestag) werden aller Voraussicht nicht in den verkleinerten Bundestag einziehen. 19 davon stammen von der Union – vor allem aus Gebieten jenseits der Städte. „ Sonst übernehmen die Radikalen“ Problemfall Osten. Das ist angesichts der bundespolitischen Lage zu leicht, viel zu leicht. Mit großer Sorge sehen Beobachter, dass das blaue Gift sich auch im Westen ausbreitet, angereichert durch linkspopulistische Heidi-Versuchungen. Noch sind die Milieus dort gefestigt, ist man leidlich treu seiner Partei. Oder wenigstens der Demokratie. Doch auch hier verfangen die AfD-Parolen vor allem dort, wo die sozialen Herausforderungen steigen. Im Ruhrgebiet, im Saarland, im Raum Pforzheim scheint es bei den Zweitstimmen schon mal hellblau durch. Gefestigt sind noch die Strukturen im ländlichen Raum. Das Münsterland, das Emsland, das Sauerland, der Hochstift Paderborn – noch fest in der Hand der jetzt bald regierenden Christdemokraten. Genau hier ist aber allen bewusst: Man hat jetzt vier Jahre Zeit, um in einem Bündnis mit den abgestraften Sozialdemokraten nicht nur unser Land wettbewerbsfähig zu machen. Sondern auch die wachsende Kluft zwischen Land und Stadt, zwischen vor allem grüner Ideologie und lösungsorientierter Politik zu überwinden. Dazu gehört auch, das Eigentum in der Fläche, im Forst und der landwirtschaftlichen Praxis zu achten und zu fördern. Gelingt dies nicht, könnte sich die düstere, aber dennoch kluge Prophezeiung des Wolfgang Schäuble bewahrheiten: „Wir müssen jetzt gut regieren. Sonst übernehmen 2029 die Radikalen.“

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