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  • Der „alte Herr“ ist not amused: Özdemir ante portas

    Auch wenn der Ministerpräsident die Spitzenkandidatenfrage für verfrüht hält: Immer mehr Grüne setzen für die Nach-Kretschmann-Zeit auf den Landwirtschaftsminister Der alte Herr ist not amused. Die Debatte über seine Nachfolge sei „eine Frage zur Unzeit“, grummelt Winfried Kretschmann. Das kann man nachvollziehen. Immerhin verspricht der bald 76-Jährige, den Rest der Legislaturperiode als baden-württembergischer Ministerpräsident „kraftvoll auszuüben“. Er wolle noch regieren und er werde das auch tun, sagt Kretschmann, seit nunmehr 13 Jahren öko-gereifter und hochpopulärer Landesvater. Also noch weitere zwei Jahre. Doch die Nachfolgefrage nimmt Fahrt auf. Unaufhaltsam. Unvermeidlich. Denn dass es einen gibt, der ihn beerben könnte, ist bekannt. Cem Özdemir, der nicht nur von Bauernprotesten gestresste Bundeslandwirtschaftsminister, tourt seit vielen Wochen auffallend häufig und mit offenkundigem Vergnügen durch den Südwesten. Der gebürtige Schwabe mit türkischen Wurzeln ist längst aus dem Schatten der aussichtsreichen Landes-Grünen hervorgetreten. Und so lautet die Frage eigentlich nicht, ob Özdemir seine Kandidatur bekannt gibt, sondern wann. Am Bekanntheitsgrad jedenfalls müsste der wendige 58-Jährige nicht mehr arbeiten. Anders als der 35-jährige Manuel Hagel, den die CDU wohl aussichtsreich 2026 ins Rennen schicken dürfte. Özdemirs Spitzenkandidatur ist indes beileibe kein Selbstläufer. Kretschmann lässt ungewohnt deutlich durchblicken, dass er nicht als lahme Ente aus dem Amt scheiden will. Schon gar nicht vorzeitig, zumal die Koalitions-CDU bereits erklärt, für diesen Fall einen grünen Nachfolger nicht mitzuwählen. Özdemir sei „hochgradig“ als Agrarminister beschäftigt, „voll im Saft und voll gefordert“, sagt Kretschmann. Was so viel heißt: Er soll sich im Bund erst einmal um seinen eigenen Laden kümmern, statt im Land mit hoher Präsenz die Kandidaten-Stimmung auszuloten. Ohnehin müssen die Grünen darauf achten, Özdemir nicht zu früh zur Kandidatur zu drängen. Würfe Özdemir vor der nächsten Bundestagswahl seinen Hut in den Ring, könnte das so wirken, als ob der Grüne die Hoffnung auf eine weitere Regierungsbeteiligung in Berlin fahren ließe. Jetzt kommen erst einmal Kommunalwahlen als Test Wichtiger noch sind die Kommunalwahlen, die am Tag mit der Europawahl am 9. Juni in Baden-Württemberg erste belastbare Rückschlüsse auf die grünen Perspektiven zulassen dürften. Seit längerem liegen Kretschmanns Mannen und Frauen in den Umfragen wieder hinter der CDU, weit entfernt von den sagenhaften 32,6 Prozent von 2021. Jeder im Ländle weiß, dass Grün ohne Kretschmann deutlich weniger wert ist und jeder Nachfolgeaspirant ernsthaft damit rechnen muss, dass seine Partei nach 15 Jahren nicht mehr den Ministerpräsidenten stellen könnte. Kretschmann ist schließlich eine Nummer für sich. Özdemir her oder hin. Die Landespartei wäre zurzeit schon froh, hielten sich die kommunalen Verluste im Rahmen. Bei der letzten Kommunalwahl erzielte die von Kretschmann massiv und höchst erfolgreich in die bürgerliche Mitte gelenkte Partei da 17,2 Prozent. Das war hinter den Freien Wählern und der CDU nur Platz 3. In 450 Kommunen standen damals grüne oder grün-nahe Listen auf dem Wahlzettel. Doch auch, wenn es jetzt um die 500 sein werden: Eine feste kommunale Verwurzelung ist den Grünen trotz des grau-grünen Landesvaters im vergangenen Jahrzehnt nicht gelungen. In den 1101 Gemeinden Baden-Württembergs gibt es nur acht direkt gewählte grüne Bürger- und Oberbürgermeister. Zwar meldet die Partei mit rund 17.750 Mitgliedern so viele Mitglieder im Land wie noch nie. Doch die Neuen sind oft keine Kretschmann-Fans, sondern eher jung, links orientiert, klimaaktiv und programmfixiert. Ob ausgerechnet der mittige Özdemir bei ihnen punkten könnte, scheint ungewiss. Nicht zu früh, nicht zu spät: Auf die Südwest-Grünen warten schwierige Zeiten. Viel wird davon abhängen, ob sie einen klugen Zeitpunkt finden, um den erhofften Kretschmann-Nachfolger zu platzieren. Ohne den Ministerpräsidenten intern zu entmachten, ohne ihn, den Beliebten, auf den letzten Amtszeitmetern zu beschädigen. Und ohne die grün-schwarze Koalition, auch nach Kretschmann als schwarz-grünes Bündnis nicht unmöglich, über Gebühr zu belasten. Sicher ist nur: Eine lange offen gehaltene Nachfolgefrage wird die Partei (und wohl auch Kretschmann selbst) über zwei Jahre nicht unbeschadet durchhalten. Özdemir wird nicht umhinkommen, weit vor dem Wahljahr 2026 Farbe zu bekennen. Auch auf die Gefahr hin, mehr mit bundespolitischen Risiken belastet als mit landespolitischen Chancen beladen zu sein.

  • Start-ups entdecken das Dorf

    Wirtschaftsförderer müssen einiges tun, um technologieorientierten Gründern den ländlichen Raum schmackhaft zu machen Wirtschaftsförderer Martin French, Senior Consultant im Landkreis Rostock, ist davon überzeugt: Ein Großteil der wirtschaftlichen Entwicklung wird sich wieder verstärkt im ländlichen Raum abspielen. Großstädte, so French, seien beispielsweise bei den Gewerbeflächen gar nicht mehr in der Lage, Neuansiedlungen von Unternehmen allein zu bedienen. Frenchs Landkreis kann mit über 50 Gewerbe- und Industriegebieten aufwarten – unterschiedlich groß, unterschiedlich ausgeprägt und strukturiert. In den letzten Jahren punktete der Kreis Rostock durch Neugründungen insbesondere in den Bereichen der maritimen Zulieferindustrie und der Medizintechnik. Letzteres passt gut zum ambitionierten Ziel Mecklenburg-Vorpommerns, Gesundheitsland Nr. 1 zu werden. Noch sind auch an der Ostsee High-Tech-Neugründungen eher in der Hanse- und Universitätsstadt Rostock als auf dem Land angesiedelt. Denn meist handelt es sich wie an vielen anderen Standorten um Hochschul-Ausgründungen. Für Martin French macht die Nähe zu Forschung und Entwicklung durchaus Sinn. Doch auch in der Fläche sieht der Wirtschaftsförderer Potenzial. Er denkt hier unter anderem an Innovationsfelder wie die erneuerbaren Energien oder Smart Farming. „Ländlicher Raum ist Zukunftsraum“ heißt es analog Ende Mai im hessischen Fulda. Einen ganzen Tag dreht sich unter der Regie des Kompetenzzentrums für Digitalisierung im ländlichen Raum (KDLR) alles um die Frage, wie technologieorientierte Start-ups aufs Land geholt werden können. Wichtig sind diese Gründungen nicht nur für die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit der Regionen, sondern sie gelten auch als probates Mittel gegen die Abwanderung der jüngeren Generation. Erfolgsbeispiel aus Nordhessen Ein Erfolgsbeispiel aus Nordhessen wird in Fulda in der Keynote eine Rolle spielen: die Shift GmbH aus Wabern. Gründer Samuel Waldeck hat mit seinem Bruder vor Jahren ein eigenes nachhaltiges Smartphone entwickelt, bei dem der Nutzer Reparaturen zum Beispiel selbst vornehmen kann. Die Design- und Entwicklungsabteilung des High-Tech-Unternehmens sitzt im kleinen Ortsteil Falkenberg. Waldecks Vortragsthema enthält eine klare Botschaft: „Wir bleiben auf dem Land“. Die Start-up-Tagung soll dabei helfen, Neugründungen zu holen und zu halten. Dafür ist aber auch einiges erforderlich, wie kürzlich im „StartupValley“, einem europaweiten Magazin für Start-ups, Gründer und Entrepreneure, zu lesen war. Chefredakteurin Sabine Elsässer beschrieb dort die einzigartigen Herausforderungen und unerwarteten Chancen eines Start-ups auf dem Land. Problematisch sei oft eine fehlende Infrastruktur, eine eingeschränkte Verfügbarkeit von Breitbandinternet, Fachkräftemangel und der Zugang zu Kapital, da Investoren sich noch auf die Städte konzentrieren. Aber: In den ländlichen Regionen existieren Marktnischen, wenn es um innovative Lösungen von lokalen Problemen geht. Betriebs- und Lebenshaltungskosten sind deutlich geringer. Wer sich gut und lokal vernetzt, kann eine Grundlage für sein junges Unternehmen schaffen. Und die technische Entwicklung überwindet auch geografische Barrieren. Bundesländer nehmen agrarnahe Start-ups in den Blick „Ländliche Gebiete bieten ideale Voraussetzungen für Start-ups, die sich auf Nachhaltigkeit und ökologische Innovationen spezialisieren“, schreibt Elsässer. „Die Nähe zur Natur und regionalen landwirtschaftlichen Produkten bietet Potenzial für Geschäftsmodelle im Bereich erneuerbare Energien, ökologische Landwirtschaft und nachhaltiger Tourismus.“ Die Bundesländer reagieren bereits auf die Gründerszene außerhalb der urbanen Hotspots und bieten verschiedene Förderprogramme an. Und wer ein agrarnahes Start-up plant, das unmittelbar Bedeutung für Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Weinbau, Gartenbau, Fischerei oder Aquakultur hat, kann auf Zuschüsse aus dem Zweckvermögen des Bundes bei der Landwirtschaftlichen Rentenbank hoffen.

  • Fleisch ist kein Klimakiller

    Nicht nur in der Wald-Debatte haben Halbwahrheiten Konjunktur. Noch mehr ist die Landwirtschaft davon betroffen. Nun sorgt ein Fleisch-Konzern für Fakten Vorab aktuelle News zum Stil der Auseinandersetzung. PETA beruft sich in der neuesten Kampagne gegen Milchbauern zwar auf den Talkshow-Unsinn durch Behauptungen eines prominenten Schauspielers Ende 2022, dass für Milch und Käse massenhaft Kälber sterben müssen. Nun geht es um die „Vergewaltigung“ der Mutterkühe, Grammatik-Fehler inklusive: „Weiblichen Kälber werden ihren Müttern kurz nach der Geburt entrissen und sobald sie etwas über ein Jahr alt sind, zum ersten Mal auf gewaltsame Weise künstlich befruchtet. Dieser Vorgang wiederholt sich meist jährlich, um den Milchfluss konstant hoch zu halten. Entscheidet euch für pflanzliche Milchalternativen!“ In Österreich erinnern Tierrechtler derweil daran, dass die Nation in diesem Jahr bereits am 7. April die jährlich empfohlene Fleischmenge konsumiert hat – das sei alarmierend. Dass solche Kampfansagen die Bauern aufschrecken, von denen dieselbe Szene wie selbstverständlich horrende Investitionen in Tierwohl-Stallungen und für Renaturierung erwartet, zeigt den Widersinn und erklärt neben anderen Faktoren, warum die Suche nach Hof-Nachfolgern so schwer geworden ist. Neuerdings gibt es jedoch gut organisierte Gegenwehr: Fleischmarktführer Tönnies hat eine digitale Plattform eingerichtet, die Viehhaltern den Nachweis ihres Öko-Fußabdrucks ermöglicht und zugleich verlässliche Daten zum Anteil der Branche an der Umweltbelastung liefern wird. Unbestritten ist jetzt schon, dass die Viehhaltung seit 1990 mehr als 20 Prozent der Treibhausgasemissionen eingespart und zugleich die Produktion erhöht hat. Nun soll die Daten-Basis noch breiter werden. Und konkrete Hilfestellung für weitere Verbesserungen damit einhergehen. „Fleisch ist kein Klimakiller“ lautet die Kampfansage aus Westfalen „Die Klimaplattform Fleisch bietet Landwirten die Möglichkeit, eigene Betriebsdaten zu erfassen und anhand von einfachen Fragen den individuellen CO₂-Fußabdruck pro Kilogramm Schlachtgewicht beziehungsweise je Tier auswerten zu lassen. Anhand der Ergebnisse und Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Betriebsdaten können Stellschrauben zur Minderung der Treibhausgasemissionen identifiziert werden.“ Auch die beliebte Methode, die positiven Leistungen von Land- und Forstwirtschaft in Klima-Bilanzen zu ignorieren, will das Unternehmen auf den Boden der Tatsachen holen: „Klimaplattform Fleisch ist der erste Schritt zu einer Branchenlösung, mit der zukünftig eine flächendeckende und repräsentative Treibhausgasbilanz auf den fleischerzeugenden Betrieben erstellt werden kann. Ziel ist es, die Klimaleistung der deutschen Landwirte valide zu berechnen und transparent zu machen.“ Unverdächtige Studien dazu gibt zwar schon genug. Wie jene der schwedischen Landwirtschaftsuniversität, dass Forstwirtschaft auch fürs Klima besser ist als im Wald verrottendes Totholz. Oder die eindeutigen Ergebnisse zur Artenvielfalt auf Viehweiden, die auch reichlich Kohlendioxid binden. Aber es ist sicher kein Schaden, wenn es bald auch eine Bilanz auf breiter Datenbasis geben wird. Zunächst sind alle Rindermastbetriebe und schweinehaltenden Betriebe – von der Ferkelerzeugung bis zur Schweinemast – zur Teilnahme eingeladen. Die Landwirte sehen dort nach Eingabe der Daten ihren individuellen CO₂-Fußabdruck und den Referenzwert der anderen teilnehmenden Betriebe. Tönnies: „Die Vergleichszahlen dienen als Hilfestellung zur Einordnung des individuellen CO₂-Fußabdrucks. Zugleich zeigt das System übersichtlich all jene Hebel auf, die Einflüsse auf die Emissionen des Betriebs haben. Die wesentlichen Einflussfaktoren wie Futter oder Dunganfall werden nach ihrer Bedeutung grafisch dargestellt.“

  • Spreewald bald ohne Spree

    Es könnte trocken werden, im Spreewald, an den Ufern der Elbe und in der Lausitz Ein malerisches Gebiet ist entstanden, im Lausitzer Bergland. „Wo sich der Wald im Wasser spiegelt“ heißt es selbstbewusst auf der Homepage spreewald.de über den Einklang zwischen Natur und Mensch, zwischen Stadt und ländlichem Raum. Seit 1990 ist die Region, die nur 100 Kilometer von Berlin und 100 Kilometer von Dresden entfernt ist und die den meisten Westdeutschen nur durch die feinschmeckenden Spreewald-Gurken bekannt sein dürfte, Biosphärenreservat. Zahlreiche Schutzprogramme tragen zum Erhalt des einmaligen Tier-, Pflanzen- und Landschaftsbildes bei. So weit, so gut. Aber seit einiger Zeit leidet die malerische Region unter Wasserknappheit. Dabei geht es nicht um die geringen Niederschlagsmengen, die fast allen Regionen in Deutschland zu schaffen machen. Dabei geht es merkwürdigerweise um die Folgen des Ausstiegs aus dem Braunkohletagebau in der Lausitz, der gerade den Spreewald ökologisch zu neuem Leben erweckt hat. Pumpen stehen bald still Denn für den Kohleabbau wurde Wasser gebraucht, sehr viel Wasser. Und das seit 120 Jahren. Dafür genügte nicht das Sümpfungswasser aus den Gebieten der Braunkohletagebaue, sondern es musste Wasser in die Spree gepumpt werden, „um trocken an die Kohle zu kommen“, wie der MDR berichtete. Genau dieses Wasser aus dem Braunkohletagebau in der Lausitz wird es bald nicht mehr geben, wenn die letzten Bagger und die letzten Wasserpumpen stillstehen. Drei Viertel des Wassers werden dann fehlen, frühestens 2026, spätestens aber ab 2029, wie die Wissenschaftler des Umweltbundesamtes (UBA) in einer Berechnung ermittelten. Der Spreewald, das einmalige UNESCO-Biosphärenreservat, lebt aber nun einmal naturgemäß vom Wasser der Spree. Auwälder, Wiesen, Teiche sowie der Wassertourismus – all das hätte wohl keine Zukunft mehr. Hier geht es also nicht um grün motivierte – wie beim Umweltbundesamt schon geschehen – Vorzeigeprojekte, sondern um eine Entwicklung, die erst die Natur in der Lausitz und im Spreewald in Mitleidenschaft ziehen könnte, dann auch das Ökosystem der Elbe in Sachsen und Sachsen-Anhalt treffen dürfte. Und die mittelfristig auch die Trinkwasserversorgung und Verdünnung der Abwässer des Großraums Berlin/Potsdam gefährden wird. Laut unabhängiger Wissenschaftler benötigt die Spree künftig 60 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr. Mehr als ein Latte-Macchiato-Problem für die hoch urbanisierten Menschen in Charlottenburg oder am Prenzlauer Berg! Wachsender Wasserbedarf entlang der Elbe Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Das fragen sich nicht nur Politiker und Regionalplaner, sondern auch Förster, Tourismusmanager und Naturschützer. Sie alle denken an eine recht unkonventionell klingende Art, Wasser aus der Elbe mittels Rohrleitsystem für die Spree umzuleiten. Noch ist alles in der Denk-Phase, wenig konkret und nichts geplant. Laut MDR soll jetzt eine Untersuchung starten, die das ungewöhnliche Rohrleitungssystem aus der Elbe in die Spree auf Fragen der Realisierung und Machbarkeit hin prüft. Städte und Dörfer zwischen Elbe und Lausitz, dazu viele natürliche Hindernisse. Und auch die Elbe, die seit dem letzten Jahrhunderthochwasser 2013 eher zu wenig als zu viel Wasser mit sich führt und an deren Ufern schützenswerte Ökosysteme wie zum Beispiel der Auwald entstanden sind, kann unmöglich die 60 Millionen Kubikmeter Wasser ersetzen, die der Spree fehlen. Das UNESCO-Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe mit der größten zusammenhängenden Hartholzaue Mitteleuropas ist nach übereinstimmenden Medienberichten durch zu wenig Wasser „schon jetzt in seinem Fortbestand gefährdet“. Dazu kommt noch ein steigender Wasserbedarf durch die Ansiedlung neuer High-Tech-Werke in Dresden, Magdeburg und anderen Städten. Auch von Tschechien ist keine Hilfe zu erwarten, da das Land selbst das Wasser benötigt, um Stauseen, Landwirtschaft und Bevölkerung ausreichend mit Wasser zu speisen. Dabei drängt die Zeit. Hitze- und Dürreperioden würden das Problem schnell akut werden lassen. Ob es allerdings gelingt, das Plan- und Fertigstelltempo für ein so grandioses mögliches Rohrleitungssystem schnell oder wenigstens irgendwie durchzuziehen, ist fraglich. Zu viele Beteiligte wollen auch hier mitreden.

  • Der Zeitgeist spaltet das Land

    Dass die Gesellschaft in den USA auseinanderbricht, ist deutsche Medien-Wirklichkeit. Über die Brüche im eigenen Land wird nicht so gern gesprochen Es gibt viele Felder, auf denen die Meinungsvielfalt zur Meinungseinfalt zu verkommen droht. Zumal in der urbanen „Blase“. Wo Lastenfahrräder zum Status-Symbol werden. Wo vom kostenlosen Nahverkehr mit Bus und Bahn geträumt wird. Wo horrende Mieten die Geringverdiener aus den Szene-Vierteln vertreiben. Und wo sich der Kultur-Begriff auf hoch subventionierte Theater und Konzerthäuser verengt. Wo „Freiwillige Feuerwehr“ zum Fremdwort wird. Und Nachbarschaft oft nur noch unter Gleichgesinnten stattfindet. Auf dem Land ist manches noch anders. Laien machen die Musik und spielen Theater. Freiwillige löschen Brände und bergen Unfallopfer. Am Stammtisch herrscht noch Meinungsvielfalt. Äußerst selten, dass Menschen über Wochen tot in ihrer Wohnung liegen, ohne dass die Nachbarn es bemerken. Und kein Grund für schiefe Blicke, wenn Nachbarn auf ihr Auto angewiesen sind, um zur Arbeit zu fahren und ihre Sprösslinge an Sport und Spiel zu beteiligen. Noch kommen Normalverdiener mit dem Geld über die Runden, auch weil die Ansprüche sich (noch) an den eigenen Möglichkeiten orientieren. Aufs Land gezogene Großstädter beklagen neben Glockengeläut und Misthaufen-Geruch oft auch den Dorf-Tratsch. Aber der sorgt wie nebenbei für sozialen Frieden und dafür, dass die Fürsorge-Ausgaben im Dorf-Haushalt überschaubar bleiben. Kaum einer bleibt lang anonym, wenn er Mitmenschen aus Faulheit auf der Tasche liegt. Logisch, es gibt Denkverbote. Etwa das verbreitete Unverständnis für die Idee, dass das Holz im Wald verrotten soll, statt verheizt zu werden. Oder die Angst, dass Weide-Vieh das Klima kaputtfurzen könnte. Wie sehr die größeren Städte den Menschen in der Provinz auf der Tasche liegen, zeigt beispielhaft der öffentliche Personennahverkehr, von dem das flache Land nur marginal profitiert. Zur Verschuldung der öffentlichen Hände hat allein dieser Posten im vergangenen Jahr neun Milliarden Euro beigetragen. Die Etats für Wohngeld zur Finanzierung astronomisch hoher Mietzinsen oder von Jugendhilfe haben ebenfalls ein steiles Stadt-Land-Gefälle. Auch das erklärt die Wut über urbanes Unverständnis für die Traktor-Proteste zum Erhalt der Agrardieselsubvention von jährlich rund 440 Millionen Euro. Zum Vergleich: Insgesamt kalkuliert der Bund mit Subventionen von fast 66 Milliarden Euro, die Löwenanteile für Gewerbe und Industrie, Wohnen und Verkehr. Wirklichkeitsfremde Stadtmenschen ereifern sich Während sich wirklichkeitsfremde Stadtmenschen über vermeintlich horrende Bauern-Einkommen ereifern, finden selbst kinderreiche Landwirtsfamilien keine Hofnachfolger. Die Sehnsucht nach angenehmer Work-Life-Balance geht auch an Dörfern nicht schadlos vorüber. Nur selten Freizeit am Wochenende und kaum Chancen auf eine Sommer-Urlaubsreise, das passt irgendwie nicht mehr in die Welt, die TV und Internet bis in abgelegene Winkel tragen. Vorurteile inklusive. Manche flüchten in die Bio-Nische und merken nun entsetzt, dass der Discounter-Preiskampf mit den Erzeugern längst auch dort angekommen ist. Wer sich für den Tierwohl-Stall verschuldet hat, muss den veganen Zeitgeist fürchten. Pendler haben das Problem, dass die heimische Industrie viele Jahre lieber Luxusschlitten produzierte – statt Autos für Normalverdiener, die nun der Elektroauto-Preisschock endgültig in die Umweltsünder-Ecke treibt: Weiter den alten Diesel fahren? Oder statt zur Arbeit zu pendeln, lieber daheim bleiben und von Bürgergeld und Schwarzarbeit leben? Statt brav Steuern zu zahlen und dem Wirtschaftsminister zu helfen, dass er die Industrie-Subventionen nicht komplett auf Pump finanzieren muss? Wo doch längst am Sozialen gespart wird und das versprochene Klimageld wie auch die Kindergrundsicherung wohl noch länger auf sich warten lassen. Kulturlandschaft meint die von Menschenhand gemachte Natur Die beteiligten Wirtschaftszweige mitgerechnet, ist die Versorgung mit Nahrungsmitteln nicht nur nach Arbeitsplätzen mindestens so wichtig wie die Autoindustrie. Und im gern beschworenen Krisenfall weit weniger entbehrlich als Batterie-Fabriken oder Mikro-Chips. Ganz nebenbei sollte auch Stadtmenschen klar sein, dass Land- und Forstwirtschaft der Umwelt mehr nützen als schaden. Mit nachgewiesener Artenvielfalt in der Kulturlandschaft und der massenhaften Verwandlung von Kohlendioxid in Biomasse. Wobei in Vergessenheit gerät, dass Kulturlandschaft die von Menschenhand gemachte Natur meint  – und nicht den Urwald, der die meisten Menschen beim Überleben überfordert. Wie schon angedeutet, ist die Provinz der Großstadt auch beim gängigen Kulturbegriff durchaus ebenbürtig. Parade-Beispiel sind die Passionsspiele von Oberammergau. Vom heimischen Feuilleton lange belächelt, bis die halbe Welt entdeckte, was da im engen Tal der Ammer abgeht: ein Orchester von Rang. Ein Herrgottsschnitzer als Regisseur, der die Feier zur Fußball-Weltmeisterschaft inszenierte und in Salzburg den „Jedermann“. Der in München das Volkstheater so auf Vordermann brachte, dass es ohne Subventionen auskommt. Sicher ist dieser Christian Stückl mit seinen Laien-Künstlern herausragend, aber weitere Beispiele für gelebte Dorf-Kultur gibt’s reichlich. Es gilt vor lauter Naserümpfen über Stallgeruch und Volksgläubigkeit die Augen nicht zu schließen.

  • Macht das Landleben reaktionär? Steile Thesen eines Philosophen

    Einen negativ-kritischen Blick auf das Leben in den Dörfern wirft Björn Vedder in seinem neuesten Buch. Gut vermarktet hat er seine kruden Thesen jedenfalls Zwei Gummistiefel zieren das Cover von Björn Vedders neuem Buch: ein dreckiger schwarzer und ein glänzender roter. Sein Werk „Das Befinden auf dem Lande – Verortung einer Lebensart“ enthält steile Thesen und produziert Schlagzeilen. Zum Beispiel: „Philosoph Björn Vedder: Landleben macht reaktionär“. So ist in der Audiothek ein Beitrag des Radiosenders SWR2 überschrieben. „Ich lebe im Dorf, holt mich hier raus“, titelte faz.net griffig, und die Süddeutsche Zeitung zitierte ihn mit dem Satz „Ich hadere mit der Mentalität“. Zwar findet der Autor das Landleben nicht nur schlecht, und Vedder erkennt durchaus praktische Vorteile und genießt die frische Luft. Doch er beklagt eine starke soziale Kontrolle, eine Ausgrenzung und Verachtung derjenigen, die sich nicht einfügen wollten. Und er wirft Dorfbewohnern vor, sie würden sich zu sehr in das Leben anderer einmischen. Mit seinem Essay, so behauptet er, habe er nur darauf hinweisen wollen, dass es in der deutschen Gesellschaft eine Tendenz zur „mentalen Verdörflichung“ gebe. Und diese „Selbstprovinzialisierung“ sei es wert, dass man sie sich genauer anschaue. Oha. Da blickt jemand von oben reichlich blasiert herab auf die Bewohner in den Dörfern. Diese schlichte negative Sicht unterscheidet sich jedenfalls erheblich von Sachbüchern, in denen Autoren das Leben auf dem Land in Vergangenheit und Gegenwart in weitaus differenzierteren Farben zeichnen – etwa Ewald Frie in seinem Bestseller „Ein Hof und elf Geschwister“, der eine präzise, erfahrungsgesättigte Beschreibung des Landlebens liefert, ohne sie zu romantisieren. Von der Mietwohnung in München ins Haus am Ammersee Björn Vedder ist in den 1980er Jahren in der Nähe von Höxter im Weserbergland aufgewachsen und muss in dieser Zeit wohl ganz schlimme Erfahrungen gemacht haben, die bis heute nachwirken. Lange hat er mit seiner Frau in einem Münchener Altbau gelebt und als Journalist Kritiken über Opern, Konzerte und Theateraufführungen geschrieben. Dann hat er mit seiner Familie die Metropole verlassen und ist in einen wohlhabenden Ort gezogen, in ein ehemaliges Fischerdorf am oberbayrischen Ammersee, der Kinder wegen: Die sollten raus aus der Enge der Mietwohnung und im Garten toben können. „Ich bin aufgrund meiner Erfahrungen zu der Überzeugung gekommen, dass das Landleben die Niedertracht nährt, die Verspottung der vermeintlich Schwächeren begünstigt und ihrer öffentlichen Beschämung Vorschub leistet, weil es ein Leben der Gemeinschaft ist.“ Wer so einseitig und pauschal das Landleben skizziert, muss sich vorwerfen lassen, dass er einfach nur polemisiert, ohne den Alltag in den Dörfern, ohne seine Nachbarn wirklich zu kennen. Dass dort nicht überall Idylle herrscht und eine romantische Verklärung nicht angebracht ist, das wird in diesem Blog Woche für Woche hinlänglich beschrieben. Zahlreiche prominente Schriftsteller erwähnt Vedder erwähnt in seinem Buch zahlreiche prominente Schriftsteller, womöglich, um Belesenheit zu demonstrieren. Die Schriftstellerin Annette von Droste Hülshoff ist beispielsweise erwähnt, Theodor Storm, der Philosoph Immanuel Kant und der Dramatiker Botho Strauß. Dessen Aufsatz „Anschwellender Bocksgesang“ zeige, „welcher Geist in der rechten Landlust weht“, nämlich der Geist der Abspaltung von der modernen Gesellschaft. Mit derartigen Behauptungen schafft man es, auch in überregionalen Medien vorzukommen und sich selbst geschickt zu vermarkten. Aber man hat den Eindruck, dass der Autor seinen eigenen Vorurteilen erlegen ist. Und fragt sich, ob ihm „das“ Landleben wirklich vertraut ist, zumal die Urlaubsregion Ammersee nicht gerade typisch ist für ein ländliches Gebiet in Deutschland und es in Mecklenburg, in der Lüneburger Heide oder Süd-Thüringen ganz anders aussehen kann. Ebenso stellt sich die Frage, ob Björn Vedder in seiner neuen Heimat schon mal länger mit Bauern, Handwerkern oder einem Schützenkönig, mit Jägern oder Müttern gesprochen hat. Im Buch kommen sie jedenfalls kaum vor. Die Rezensentin in der Frankfurter Allgemeinen monierte daher zu Recht, man ärgere sich teilweise „über die enge Perspektive, die am eigenen Tellerrand endet“.

  • Das Bundesmodell wird zur Belastungsprobe

    Gerecht, ausbalanciert und aufkommensneutral? Fehlanzeige. Vor allem in NRW dürfte die Grundsteuerreform viele Hausbesitzer und Mieter teuer zu stehen kommen Warnungen wurden in den Wind geschlagen. Der Vorwurf einer teilweise verkorksten Reform vollmundig zurückgewiesen. Nun wissen diejenigen Bundesländer, die sich bei der vom Bundesverfassungsgericht im Jahr 2018 verordneten Reform der Grundsteuer vollkommen auf das vom damaligen Finanzminister Olaf Scholz vorangetriebene Bundesmodell verlassen haben, nicht mehr weiter. Plötzlich wünschen sie auf dem Weg über den Finanzausschuss im Bundesrat und die Finanzministerkonferenz eine Klausel, die den Kommunen erlauben soll, bei der Grundsteuer B zwischen Wohn- und Gewerbeeigentum zu differenzieren. Das ohnehin fragile Grundsteuergesetz soll noch einmal angepackt werden. Dahinter steckt die große Sorge, dass Wohneigentum in Stadt und Land ab 2025 im Grundsteuerbescheid überproportional belastet wird. Die Angst davor ist alles andere als neu. Schon vor Jahren warnten vor allem die Kommunalverbände, der Mieter- und der Steuerzahlerbund vor dieser Gefahr. Vergeblich. In Nordrhein-Westfalen, wegen der stellenweise enorm hohen Hebesätze längst als „Höchststeuerland“ in Verruf geraten, waren die Warnrufe besonders laut. Doch erst jetzt will NRW-Finanzminister Marcus Optendrenk (CDU) gegensteuern. Gemeinsam mit der Vorsitzenden der Finanzministerkonferenz, Doris Ahnen (SPD), Ressortchefin in Rheinland-Pfalz, schrieb er einen Brief an Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) mit der Bitte, eine weitere Bestimmung ins Gesetz einzuarbeiten. Und dies, obwohl der Bund 2019 das Grundsteuer-Reformgesetz bereits so angelegt hatte, dass die Länder durchaus eigene Modelle anwenden dürfen. Nur: Nordrhein-Westfalen machte wie acht weitere Bundesländer von der Öffnungsklausel für die Festlegung eigener Messzahlen keinen Gebrauch. Jetzt sollen es die Kommunen richten, für die die Grundsteuer neben der Gewerbesteuer zu den wichtigsten Einnahmequellen zählt. Die Grundsteuer fließt direkt und vollständig in die Stadtkasse. Den Steuersatz können die Städte und Gemeinden selbst bestimmen. Allein in NRW handelt es sich jährlich um vier Milliarden Euro, die als Steuer für bebaute und bebaubare Grundstücke erhoben und von den Eigentümern bezahlt oder auf die Mieter umgelegt wird. Flickenteppich wird noch bunter Und gerade auf diesem Feld soll der heute schon bestehende Flickenteppich der verschiedenen Hebesätze noch einmal bunter werden, wenn Städte und Gemeinden nebeneinander auch noch die Grundsteuer B ausdifferenzieren. Eine gesetzliche Grundlage gibt es dafür bislang nicht. Und bis zum 1. Januar 2025 sind es nur noch wenige Monate. Wie das umgesetzt werden soll, weiß bis dato niemand. Vage ist von einem Übergangsjahr die Rede, obwohl das Bundesverfassungsgericht dies wohl nicht mehr dulden würde. Kein Wunder, dass der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes Nordrhein-Westfalen, Christof Sommer, sauer auf die Landesregierung ist. „Trotz der zahlreichen Warnungen aus der kommunalen Familie hat das Land es nicht für nötig gehalten, rechtzeitig die Lastenverschiebung im Bundesmodell auszugleichen und eine höhere Messzahl für Geschäftsgrundstücke festzusetzen. Ausbaden sollen es jetzt die Kommunen“, reagierte er auf die Minister-Initiative. Wuppertals Stadtkämmerer Thorsten Bunte: „Damit wird ein Problem, das das Land schon längst hätte lösen müssen, nun auf die Kommunen abgewälzt, die dies aber kaum lösen können. Für Städte und Gemeinden entstünde damit großes Konfliktpotenzial vor Ort.“ Die Wellen der Empörung schlagen hoch In einer Aktuellen Stunde im Landtag in Düsseldorf bemühten sich CDU und Grüne Ende März darum, dem Richtungswechsel einen positiven Anstrich zu verpassen. Die kommunale Selbstverwaltung werde gestärkt, hieß es. FDP und SPD sprachen dagegen verärgert von einem „schwarz-grünen Scherbenhaufen“ und einer „Wüst-Steuer“. Tatsächlich schlagen in NRW die Wellen der Empörung unabhängig von einer Lösung auf dem Gesetzesweg schon heute beim Thema Grundsteuer B hoch. Denn Umfragen haben ergeben, dass viele Städte und Gemeinden in den vergangenen zwei Jahren bereits beherzt an der Steuerschraube gedreht und die Hebesätze teilweise massiv angehoben haben. Die drei größten beschlossenen bzw. geplanten Steuererhöhungen in Nordrhein-Westfalen lesen sich so: Gronau von 479 auf 958, Niederkassel von 690 auf 1100, Rheinberg von 510 auf 920.  Haus & Grund NRW, ein Zusammenschluss der Landesverbände der Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümerverbände in Nordrhein-Westfalen, spricht mit Blick auf das kommende Jahr bereits von einem „Kostenschock“. Die Politik muss handeln.

  • Tödliches Risiko Ärztemangel

    Keiner soll früher sterben oder eine schlechte gesundheitliche Betreuung erfahren, wenn er nicht in der Stadt lebt, sondern auf dem Dorf. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus Die Erleichterung war dem Präsidenten der Landesärztekammer Sachsen anzumerken. „Die Zahl der Ärzte in Sachsen ist im vergangenen Jahr gestiegen. Derzeit arbeiten bei uns im Freistaat 19.693 Ärzte. Das sind immerhin 442 mehr als noch ein Jahr zuvor“, erklärte Erik Bodendieck bei einer Pressekonferenz in Dresden. Doch wo kommen diese Ärzte her? Und genügen sie, um die medizinische Versorgung auch in den ländlichen Räumen sicherzustellen? Bekannt ist: Laut Landesärztekammer kommen von den knapp 20.000 Ärzten, die in Sachsen aktuell arbeiten, 3200 aus dem Ausland – Tendenz steigend. Die meisten stammen aus Syrien (416), der Tschechischen Republik (415), Polen (275), der Slowakei (238), Russland (182), Rumänien (175) sowie der Ukraine (160). „Viele Kliniken und Praxen in Sachsen sind auf die Unterstützung aus dem Ausland angewiesen. Ohne die ginge vielerorts nicht viel“, erklärte Bodendieck sicher auch mit Blick auf den im Freistaat grassierenden Rechtspopulismus. Denn genau dieser schreckt Bewerber aus dem Ausland ab, gemeinsam mit ihren Familien als Arzt in den „Osten“ zu ziehen und dort als Landarzt sein Glück zu versuchen. Wer geht schon an einen Ort, wo er Ablehnung sogar mehr befürchten muss. Dabei ist der ländliche Raum bundesweit mehr denn je auf den Zuzug von Medizinern aus dem Ausland angewiesen. Denn die Ärztedichte liegt besonders in Teilen Sachsens, Sachsen-Anhalts und vor allem in Brandenburg unter der kritischen Marke von 138 bezogen auf 100.000 Einwohner. Da mag es ein schwacher Trost sein, dass auch im Westerwald sowie Teilen Schleswig-Holsteins und Bayerns die Lage ebenfalls schlimm ist. Es trifft Kinder – und alte Menschen Gefährlich ist diese Unterversorgung des ländlichen Raumes für alle Bevölkerungsgruppen. Sie trifft alte und junge Menschen, chronisch Kranke und Notfallpatienten. So wohnen zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern fast fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren mehr als 20 Kilometer vom nächsten aktiven Arzt entfernt. 20 Kilometer – und das oft ohne guten öffentlichen Personennahverkehr. Gesundheitsforscher haben zudem bewiesen, dass Kinder und Jugendliche, die in unterversorgten Regionen leben, oft die lange Fahrt scheuen und deswegen seltener zum Arzt gehen. Ein riskantes Spiel, geboren aus der Not. Alarmierend ist diese Tendenz auch für chronisch Kranke oder Menschen ab 65 Jahren. Regelmäßige ärztliche oder pflegerische Betreuung wird für diese Bevölkerungsgruppe zur Strapaze, die man scheut oder vielleicht nur mit viel Aufwand bewältigen kann oder will. Oder eben nicht will. Landarztquote wirkt sich ab 2030 aus Und was unternimmt die Politik? Der sächsische Ärztekammerpräsident Bodendieck wirbt für „moderne Arbeitsmodelle und Kooperationsmodelle“, um wenigstens frei werdende Praxen auf dem Land wieder besetzen zu können. Ob dies hilft, steht doch eher in den Sternen. Telemedizin ist ein weiterer Hoffnungsschimmer. Viele Bundesländer setzen auf die Landarztquote. Das hat wenig mit der romantisierende ZDF-Serie zu tun, sondern soll mehr junge Menschen befähigen, auch mit schlechterem Abi-Notenschnitt ein Medizinstudium aufzunehmen. Im Gegenzug verpflichten sich diese Studierenden, sich für einen festgeschriebenen Zeitraum nach dem Medizin-Studium im ländlichen Raum als Arzt niederzulassen. Finanzielle Anreize für die Ausstattung der Praxis kommen in vielen Bundesländern – so zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen – hinzu. Das ebenfalls an Ärztemangel leidende Bayern – schon immer stolz auf eigene Ideen – meldete im Frühling erste Zahlen: 2023 studieren im Freistaat über 440 junge Menschen über die Landarztquote sowie 51 im Rahmen der ÖGD-Quote an einer der sieben medizinischen Fakultäten Humanmedizin. Also, alles bald gelöst im Söder-Land? Von wegen: Die ersten Hausärzte, die über diesen Weg ihr Studium aufnehmen, werden voraussichtlich erst im Jahr 2031 die größten Lücken in den Praxen schließen. Sieben Jahre also. Eine Zeit, die wohl viele Patienten auf dem Land nicht haben.

  • Schluss mit der grünen Blockadepolitik beim Wolf

    Umweltministerin Steffi Lemke hintertreibt den Vorstoß der EU-Kommission, den Schutzstandard des Wolfes von „streng geschützt“ auf „geschützt“ zu senken Der sinnvolle Vorstoß der EU-Kommission, den Schutzstatus des Wolfes zu senken und ein aktiveres Management der Bestände zu ermöglichen, könnte ins Leere laufen. Im Kreis der 27 Mitgliedstaaten zeichnet sich (noch) keine Mehrheit für den Vorschlag ab, den die Kommission kurz vor Weihnachten vorgelegt hat. Eigentlich sollten die Umweltminister am 25. März abstimmen. Um grünes Licht zu geben, müssten 15 Mitgliedstaaten, in denen 65 Prozent der EU-Bevölkerung leben, dafür stimmen. Das war nicht gesichert, daher hat die belgische Regierung, die derzeit im Rat die Geschäfte führt, nicht abstimmen lassen. Nun soll ein erneuter Anlauf Mitte April unternommen werden, diesmal im Kreis der EU-Botschafter. Ob dann die Mehrheit steht, ist offen. In dieser Woche nach Ostern soll es noch einmal eine technische Sitzung auf Beamtenebene der Umwelt- und Agrarressorts geben. Der Plan der Kommission sah vor, nach einem Beschluss der Mitgliedstaaten den ständigen Ausschuss der Berner Konvention zum Schutz von Wildtieren anzurufen. Eigentlich steht erst im Herbst die nächste reguläre Sitzung an. Die Kommission wollte daher eine Sondersitzung beantragen. Die Abstimmung über den Antrag, den Schutzstatus von „streng geschützt“ auf „geschützt“ herabzustufen, galt als Formsache, weil in dem Gremium des Europarates neben den Europäern noch Marokko und die Türkei abstimmen. Beide Länder sind für das Anliegen. Mit dem Beschluss im Rahmen der Berner Konvention wollte die Kommission dann die EU-Gesetzgebung ändern und noch vor der Europawahl ein aktiveres Wolfsmanagement in der EU ermöglichen. Es droht Verzögerung um mehrere Jahre Sollte es keine Mehrheit im Kreis der Mitgliedstaaten geben, dürfte das Thema für mehrere Jahre erledigt sein. Dann hätte der hinhaltende Widerstand von Sozialisten, Grünen und Linken, die sich die Argumente von übertriebenen Artenschützern und Esoterikern zu eigen gemacht haben, Erfolg. Die deutsche Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) spielt hier eine entscheidende Rolle. Sie verweigert der Initiative der Kommission die Unterstützung. Da in der Bundesregierung zumindest die Liberalen dafür wären, müsste sich der deutsche Vertreter enthalten. Das sieht der Koalitionsvertrag der Ampel vor. In Brüssel wird die chronische Enthaltung des größten und einwohnerreichsten Mitgliedstaates bereits als „German Vote“ (deutsch so viel wie: Abstimmungsmodus der Deutschen) gebrandmarkt. Meist war es der liberale Koalitionspartner zuletzt, der das „Geman Vote“ durchgesetzt hat, etwa bei der Abstimmung zum Verbrenner-Aus oder zum Renaturierungsgesetz. Diesmal wären die Grünen dafür verantwortlich. Lemkes Ministerium meldet die Bestände nachlässig Steffi Lemke hintertreibt jeden Versuch, die Wolfsbestände hierzulande zu regulieren. Das von ihr geführte Ministerium meldet nachlässig die Bestände. Derzeit liegen Brüssel die Zahlen aus dem Jahr 2017 vor. Das Umweltministerium will erst turnusgemäß 2025 wieder neue Zahlen an die EU melden. Bereits unter dem streng geschützten Status könnten die Behörden eingreifen und Wölfe abschießen. Hier hält sich Deutschland sehr zurück. In Deutschland sind 2023 zwei Wölfe von den Behörden getötet worden. In Frankreich werden Schätzungen zufolge jedes Jahr 200 Exemplare geschossen. Frankreich, das wesentlich dünner besiedelt ist als Deutschland, hat etwa 1100 Wölfe. Mit 200 Abschüssen im Jahr bleibt die Population jenseits des Rheins in etwa stabil. In Deutschland werden derzeit zwischen 1300 und 2000 Wölfe vermutet. Beobachter halten eine Zahl von 500 der Beutegreifer, die keine natürlichen Feinde haben und sich daher stark vermehren, hierzulande für sinnvoll. Der Vergleich mit unserem Nachbarland zeigt, wie viel in Deutschland zu tun ist. Die Blockade eines sinnvollen Wolfsmanagements in der gesamten EU durch den grünen Teil der Bundesregierung sollte umgehend beendet werden.

  • Geld fürs Dorfleben

    Der Generalsekretär des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, Stephan Gersteuer, kritisiert im Interview mit „natur+mensch“ die grüne Landwirtschaftspolitik Deutliche Verbesserungen, aber der große Durchbruch ist es nicht. Der Generalsekretär des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, Stephan Gersteuer, äußert sich zu den jüngsten Beschlüssen der EU-Kommission. Dabei kritisiert er Auswüchse der gegenwärtigen Politik mit „überbordenden bürokratischen Pflichten und Doppelerhebungen“. Sollte es beim Agrardiesel keine weiteren Verbesserungen geben, kündigt der Generalsekretär neue Demonstrationen im Vorfeld der Bundestagswahlen an. Frage: Die Zeiten in der Landwirtschaft sind ungemütlich, europaweite Proteste an der Tagesordnung. Jetzt hat die EU-Kommission angekündigt, den Bauern entgegenkommen zu wollen. Kehrt damit Ruhe ein? Gersteuer: Die von der EU-Kommission vorgeschlagenen Änderungen sind in der Tat bemerkenswert. Im Grunde enthalten sie das Zugeständnis, dass die derzeitige Gemeinsame Agrarpolitik insofern fehlkonzipiert ist, als dass eine immer geringer werdende Basisprämie je Hektar mit zu hohen Auflagen im Rahmen der sogenannten Konditionalität verknüpft ist. Immerhin soll nun die vierprozentige Stilllegungspflicht entfallen, die Winterbodenbedeckung flexibler gestaltet werden können und neben dem von Jahr zu Jahr vorzunehmenden Fruchtwechsel auch eine jährliche Anbauvielfalt anerkannt werden können. Das werden die Landwirtinnen und Landwirte, wenn es denn national auch so umgesetzt wird, als deutliche Erleichterung wahrnehmen. Das größere Ärgernis sind aber die zumeist vor allem aus dem nationalen Recht stammenden, überbordenden bürokratischen Pflichten und Doppelerhebungen auf den Betrieben. Frage: 55 Milliarden Euro gibt die EU jährlich an die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP), sechs Milliarden davon gehen nach Deutschland. Rund drei Viertel davon fließen als Direktzahlungen an landwirtschaftliche Betriebe, der Rest ist für die Förderung ländlicher Regionen vorgesehen. Was heißt das? Geld fürs Dorfleben? Gersteuer: Ja, aus der zweiten Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik wird auch die ländliche Entwicklung gefördert, unter anderem die Dorferneuerung. Das ist also nicht nur etwas für Landwirte, sondern auch für Landräte. Soweit die Landwirtschaft gefördert wird, sind dafür von den Bäuerinnen und Bauern konkrete Gegenleistungen für Natur und Umwelt zu erbringen. Frage:  Die Höhe der Direktzahlungen hängt mit der bewirtschafteten Fläche zusammen. Ist diese Regelung noch zeitgemäß? Gersteuer: Die flächenbezogene Zahlung macht heute nur noch einen Teil der Direktzahlungen aus und ist zudem an die – bislang zu strenge – Konditionalität gebunden. Dieses Konstrukt sehen wir kritisch und zeigen uns offen für Lösungen, die unter dem Namen „Gemeinwohlprämie“ oder „erfolgsorientierte Agrarprämie“ bestehende und neue Leistungen der Landwirte für Natur und Umwelt vergüten sollen. Frage: Landwirte müssen sich an bestimmte Umweltstandards halten. In Schleswig-Holstein haben sie unter anderem breite Knickpflege zu akzeptieren. Dagegen gibt es Widerstand. Ist da eine Einigung mit dem grünen Umweltministerium in Sicht? Gersteuer: Wir sind dazu in Gesprächen mit der Landesregierung. Es geht darum, dass, so wie das Land es auslegt, sich Regelungen aus dem Landes- und dem Bundesnaturschutzgesetz miteinander verhaken: Im Ergebnis dürfte der Knick nur alle drei Jahre nach der Ernte im Sommer seitlich beschnitten werden, dabei aber nur der Zuwachs aus dem letzten Jahr entfernt werden. Der Knick wächst dann aber immer weiter in die Fläche hinein. Dies entspricht nicht der klassischen Knickpflege und ruft nach Änderung. Zusatzfrage: Belastet die grüne Philosophie die landwirtschaftliche Zukunft? Gersteuer: Frage ist, was die grüne Philosophie ist. Es gibt ja das Schlagwort von den Grünen als Verbotspartei oder zumindest Regulierungspartei. Und in der Tat will man den klimarelevanten Emissionen nicht nur – wie auch von Ökonomen empfohlen – mit europäischem Emissionshandel und der nationalen CO₂-Abgabe zu Leibe rücken, sondern mit Dirigismus und detailversessener Regulatorik. Das geht dann vom nationalen Klimaschutzgesetz über die Nachhaltigkeitsberichterstattung, Lieferkettengesetze und das Heizungsgesetz bis hin zum Verbrennerverbot. Genauso geht man beim Erhalt der Biodiversität und beim Ostseeschutz vor: Mehr Auflagen und mehr Regeln sollen es richten. Andererseits erkennen auch Grüne, dass die überbordende Bürokratie Wirtschaft und Landwirten immer Fesseln anlegt und die Unternehmen im Übermaß belastet. Dass zwischen Regulierungssucht und Bürokratie ein Zusammenhang besteht, erkennt man anscheinend nicht. Der grüne Umweltminister Schleswig-Holsteins, Tobias Goldschmidt, soll einen Aufkleber am Monitor in seinem Büro haben, der besagt „I love Ordnungsrecht!“. Zu Ende gedacht bedroht das durchaus die Zukunft unserer Betriebe. Frage: Die deutsche Ampelregierung hält am schrittweisen Abbau des Agrardiesel-Privilegs fest. Findet sich die Bauernschaft damit ab? Gersteuer: Die Kürzung war ein unüberlegter Schnellschuss. Sowas kommt, wenn man eine fragwürdige Liste des Umweltbundesamtes zu angeblich klimaschädlichen Subventionen zu Rate zieht. Dabei bestehen zumindest zwei Denkfehler: Zum einen ist es keine Subvention und kein Privileg, sondern ein berechtigter teilweiser Erlass der Kraftstoffsteuer, weil wir den Diesel weitaus überwiegend auf unseren Feldern verbrauchen und nicht auf öffentlichen Straßen, die mit dieser Steuer gebaut und unterhalten werden sollen. Zum anderen ist diese Befreiung nicht klimaschädlich, weil die Landwirte gar keine Ausweichmöglichkeit haben. Es gibt noch keine funktionierenden Alternativen zum Dieselschlepper. Deshalb bleiben wir am Agrardiesel dran und werden das spätestens im Bundestagswahlkampf thematisieren. Frage: Brüssel will Zölle auf Agrarimporte aus Russland und – überraschend – auch aus der Ukraine einführen. Halten Sie das für den richtigen Weg? Gersteuer: Beides hilft nur bedingt. Letztlich handeln wir Getreide auf dem Weltmarkt und das Hauptproblem ist, dass Russland zurzeit billigen, zum Teil geraubten Weizen auf diesen Markt wirft – sicherlich auch um die Ukraine zu schwächen, die auf die Einnahmen aus den Getreideexporten dringend angewiesen ist. Dadurch sinken Preise und Nachfrage nach heimischem Getreide dramatisch. Importe aus Russland und der Ukraine führen vor allem zu einer Nachfragedelle im Osten der EU. Deshalb reagiert die EU mit Zöllen auf ukrainische Waren, wobei Weizen allerdings noch ausgenommen ist, und überlegt, das russische Getreide mit Zöllen zu belegen. Auch wir sagen, diese Getreidelieferungen müssen dorthin, wo das Getreide gebraucht wird – und das ist nicht die EU. Frage: Die Landwirte sollen rückwirkend ab 2023 bei der Einkommensteuer über sechs Jahre entlastet werden. Ein Entgegenkommen der besonderen Art, wovon andere Branchen in der Wirtschaft nur träumen können. Ein etwas überzogenes Privileg, heißt es. Eine Konzessionsentscheidung zugunsten der Landwirte? Gersteuer: Die Steuerglättung, die wir übrigens bis zum Jahr 2023 hatten, hilft den Betrieben durchaus. Die Formulierung Ihrer Fragestellung überschätzt die Wirkung aber erheblich. Gerade in Schleswig-Holstein mit einem hohen Anteil an Vollerwerbsbetrieben bleiben viele Betriebe trotz Glättung über dem Progressionsbereich, sodass die Glättung vor allem einen Liquiditäts-, aber keinen Steuerspareffekt hat. Bei den übrigen Betrieben ist die Mittelung des Steuersatzes gerechtfertigt, weil in der Landwirtschaft durch die zunehmend extremer werdende Witterung und die volatilen Weltmärkte die Einnahmen in der Landwirtschaft stärker schwanken, ohne dass der einzelne Betrieb darauf Einfluss hat.

  • Bahn fährt wieder und mehr Hasen – zwei gute Nachrichten zu Ostern

    Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und zurück auf diese Woche Liebe Leserinnen und Leser, beginnen wir vor dem Osterfest mit zwei guten Nachrichten. Wer an den Festtagen Freunde oder Verwandte besuchen möchte, hat endlich wieder im wörtlichen Sinne freie Bahn. Die Lokführergewerkschaft GdL und das Bahn-Unternehmen haben sich erfreulicherweise auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt. Die Kunden mussten viel zu lange auf diese Tariflösung warten. Die Gewerkschaft hatte mit ihren massiven Streikaktionen zu einem schweren Vertrauensverlust der Bahn beigetragen. Um deren Ruf als verlässliches Verkehrsmittel steht es wegen Misswirtschaft und viel zu häufiger Unpünktlichkeit von Zügen ohnehin nicht zum Besten. Wird jetzt, nach der jüngsten Einigung, alles gut werden? Davon ist leider nicht auszugehen. Denn die Verbesserungen für die Beschäftigten wird das Unternehmen zumindest kurzfristig kaum auffangen können, ohne dass die Kunden darunter leiden müssen. Zu befürchten sind noch mehr Zugverspätungen, höhere Preise oder gar ein generell ausgedünnter Fahrplan aufgrund Personalmangels – Stichwort Arbeitszeitverkürzung der Lokführer. Jedem einzelnen von ihnen sei es persönlich gegönnt, aber in der jetzigen wirtschaftlichen Situation ist weniger arbeiten keine gesamtgesellschaftlich sinnvolle Lösung. Darunter wird der Güterverkehr schwer leiden, der ohnehin zum Stiefkind des Unternehmens geworden ist – siehe den Beitrag unseres Autors Michael Lehner – „Die Bahn, ein Trauerspiel“ – vom vergangenen Montag. Auch im Personenverkehr dürfte die Geduld der Passagiere künftig weiter arg strapaziert werden. Doch das ist noch Zukunftsmusik. Kurzfristig heißt es erst mal aufatmen, weil die Züge zu Ostern wie geplant wieder rollen können. Auch Flugreisende müssen keine weiteren Streiks mehr zu Ostern befürchten, nachdem sich jetzt der Konzern und die Gewerkschaft ver.di auf Grundzüge eines neuen Tarifvertrags für das Lufthansa-Bodenpersonal geeinigt haben. Gewinner des Klimawandels Indirekt hat auch die zweite gute Nachricht etwas mit Ostern zu tun: Die Zahl der Feldhasen in Deutschland hat wieder zugenommen. Dies wird nicht nur Jäger und Naturliebhaber freuen, sondern auch viele Familien und Kinder, für die die Langohren zum tierischen Symbol des Osterfestes geworden sind. Im vergangenen Frühjahr lebten auf Äckern, Wiesen und Feldern im Durchschnitt 19 Feldhasen pro Quadratkilometer. Dies ist nach Angaben des Deutschen Jagdverbandes (DJV) der höchste Wert seit Beginn des bundesweiten Monitorings im Jahr 2001. Im Frühjahr 2022 seien in Deutschland lediglich 16 Tiere pro Quadratkilometer gezählt worden. Der Feldhase gehört damit zu den Gewinnern des Klimawandels, denn er mag es vor allem in der Geburtszeit im Frühjahr gerne trocken und warm. Auch war der letzte Winter nicht besonders hart. Allerdings waren die kürzlichen Überschwemmungen in weiten Teilen Deutschlands fatal gerade für junge Feldhasen. Sie hatten bei den Wassermassen keine Chance, zu entkommen und sich in trockene, sichere Gebiete zu flüchten. Die deutsche Wildtier-Stiftung schätzt die Gesamtzahl der Feldhasen in Deutschland auf mindestens zwei Millionen. Man kann nur hoffen, dass der positive Trend auch langfristig anhält. Dazu ist es allerdings erforderlich, die Bedürfnisse von Landwirtschaft und Naturschutz noch stärker miteinander in Einklang zu bringen. Dies wird nur über finanzielle Verbesserungen für Bauern gehen, die die Äcker und Wiesen bewirtschaften, die den Lebensraum der Feldhasen bilden. Hier ist die Politik gefordert. Özdemir wird daran gemessen, was er persönlich leistet Der zuständige Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir scheint das Problem erkannt zu haben, wie jüngste Äußerungen in einem ARD-Interview nahelegen. Der Grünen-Politiker zeigte auch Verständnis für die kürzlichen Proteste der Bauern. Bedenklich stimmt jedoch, dass er den Unmut der Landwirte vor allem auf die Versäumnisse aus den letzten Jahrzehnten bezog, nicht jedoch auf die aktuelle Politik. So einfach sollte es sich Özdemir nicht machen. Denn natürlich ist in der Vergangenheit viel versäumt und falsch entschieden worden. Doch das ist kein Grund, jetzt die Hände in den Schoß zu legen und mit dem Finger auf die Vorgängerregierungen zu zeigen. Im Gegenteil, der Grünen-Politiker wird daran gemessen, was seine Koalition und er persönlich aktuell leisten, und nicht daran, was frühere Politiker versäumt haben. Selbst ist der Minister. Auch bei der jüngsten Einigung der europäischen Agrarminister über ein neues Reformpaket war Özdemir keine treibende Kraft. Denn er stand mit seinen umwelt- und klimapolitischen Bedenken, den Bauern auf vielen Politikfeldern entgegenzukommen, weitgehend allein da. Vorausgesetzt, das Europäische Parlament stimmt im April wie erwartet zu, werden Landwirte dauerhaft von der Pflicht entbunden, vier Prozent ihrer Ackerflächen brachliegen zu lassen. Wer es dennoch tut, muss dafür vom Staat entlohnt werden. Aufgeweicht werden zudem Regeln für die Fruchtfolge, die erlassen worden waren, damit die Böden sich besser erholen können. Und die nationalen Regierungen sollen künftig etliche andere Ökoregeln flexibler als bisher anwenden. All dies mag für die Bauern noch nicht der große Durchbruch zum Positiven sein, doch es sind für sie klare Verbesserungen. Umso wichtiger, dass gewalttätige Proteste wie jüngst in Brüssel die politische Stimmung nicht wieder zuungunsten der Bauern kippen lassen. Schritt nach vorn beim Thema Wolf Einen kleinen Schritt nach vorn macht die Politik derweil auch beim Thema Wolf, zumindest in Niedersachsen. Dort darf seit Dienstagabend in der Region Hannover ein Wolf geschossen werden. Niedersachsen setzt damit als erstes Bundesland das neue, sogenannte Schnellabschussverfahren um, auf das sich die Umweltministerkonferenz Anfang Dezember geeinigt hatte. Danach ist in Gebieten mit überdurchschnittlich vielen Wolfsangriffen auf gut geschützte Herden in einem Abstand von 1.000 Metern um die entsprechende Weide für 21 Tage der Abschuss erlaubt – ohne dass eine DNA-Probe bestätigen muss, dass es sich um einen bestimmten Wolf handelt. „Um die Akzeptanz für den Wolf zu erhalten, müssen wir im Einzelfall, wo Wölfe wiederholt Probleme machen, zum Schutz der Weidetiere handeln, und zwar schnell.“ Niedersachsens Grünen-Umweltminister Christian Meyer Am vergangenen Wochenende war in der Region Hannover ein Rind durch einen Riss getötet worden. Aus dem Umweltministerium hieß es laut NDR, mit „hinreichender Sicherheit“ handele es sich dabei um einen Wolfsriss. Die Genehmigung zum Abschuss gelte für einen Zeitraum von drei Wochen. Das getötete Rind war den Angaben zufolge Teil einer Herde mit rund 30 erwachsenen Heckrindern und einem Jungbullen. Nach geltenden Vorgaben sei damit ein ausreichender Schutz gegeben gewesen, so das Ministerium. Wolfs-Freunde drohen mit „beispielloser Klagewelle“ Seit September 2023 handelt es sich um den fünften Riss in diesem Gebiet. Eindeutiger und krasser könnte die Gefahr für die betreffenden Weidetiere kaum sein. Selbst das von einem Grünen geführte Umweltministerium in Hannover sieht hier klaren Handlungsbedarf. Doch radikale Artenschützer laufen gleichwohl Sturm gegen die Ausnahmegenehmigung und halten sie für rechtswidrig. Der in Wolfsburg ansässige „Freundeskreis freilebender Wölfe“ kündigte an, mit einer „beispiellosen Klagewelle“ bis hin zum Europäischen Gerichtshof gegen die Regelung vorzugehen. Man kann nur hoffen, dass die Justiz hier schnell mit einem wirklichkeitsnahen Urteil Klarheit schafft. Derweil hintertreibt Bundesumweltministerin Steffi Lemke im Kreis der 27 EU-Mitgliedstaaten den Vorstoß der Kommission, den Schutzstandard des Wolfes von „streng geschützt“ auf „geschützt“ zu senken. Darüber berichtet nach Ostern in unserem Blog Ludwig Hintjens, unser Mann in Brüssel. Doch genug der Politik. Jetzt stehen hoffentlich für uns alle schöne Ostertage an. Genießen Sie die Zeit mit Freunden und der Familie. Und wenn Sie im ländlichen Raum leben, schauen Sie vielleicht bei einem der vielerorts stattfindenden Osterfeuer vorbei. Dort kann man in zwangloser und angenehmer Atmosphäre Nachbarn und andere Bekannte treffen, die einem sonst nicht jeden Tag über den Weg laufen. In meiner Heimat haben solche Veranstaltungen eine lange Tradition. Ich gehe gern dorthin und lasse mir dabei eine (nicht vegane) Bratwurst vom Grill der Freiwilligen Feuerwehr gut schmecken … Mein Kollege Jost Springensguth und alle Autoren unseres Blogs wünschen Ihnen frohe Ostern. Den nächsten Beitrag von uns können Sie dann am Dienstag nach den Festtagen lesen. Mit besten Grüßen Ihr Jürgen Wermser Redaktionsleitung/Koordination

  • Lasst die Hasen Eier legen

    Ostern ist die hohe Zeit der Kommerz-Tierliebe und der großen Missverständnisse Ostern hat die kommerzielle Tierliebe Hochkonjunktur. Mit veganen Kampagnen gegen der Verzehr von Eiern oder gar von geschmortem Kaninchen. Und mit Stimmungsmache gegen Landwirtschaft und Jagd. Dabei bewirkt ahnungslose Tierliebe oft das Gegenteil von Natur- und Artenschutz. Tatsache ist zum Beispiel, dass längst nicht mehr viele Jäger des (Oster-)Hasen Tod sind. Sondern weit eher einseitige Tierliebe. Weil Fuchs und Waschbär ohne Jagd überhandnehmen und nicht nur dem Feldhasen, sondern auch den Wiesenbrütern in ihren verbleibenden Lebensräumen das (Über-)Leben schwer machen. Zusammen mit den Greifvögeln, von denen viele längst nicht mehr zu den bedrohten Arten gehören. Nicht der Rotmilan, was sogar hartnäckige Windkraftgegner zugeben müssen. Jäger wissen, dass im Acker meist noch weit mehr Hasen sitzen als im akkurat gestutzten (und gespritzten) Rasen von Golfplätzen oder Parkanlagen. Und wahr ist auch, dass kein vernünftger Jagdpächter „seine“ Hasen ausrottet. Ein guter Besatz gehört zum Stolz des Beständers. Jedes Jahr im Herbst zur Treibjagd ist zu bestaunen, dass es tatsächlich noch solche Reviere gibt. Und oft sind sie in überwiegend bäuerlicher Hand. Zu solcher Hege gehört auch der Mut, Hass auszuhalten. Wenn Tierfreunde „Mörder“ brüllen. Und nicht verstehen, dass die Füchse sich ohne Regulierung mit Flinte und Büchse so lange vermehren, bis Tollwut und Räude für Gleichgewicht sorgen – weit grausamer und quälender als der Schuss des Jägers. Doch in der Realität wird um jeden Fuchs gestritten. Auch vor Gerichten und auch um sicher nicht bedrohte Arten wie die Saatkrähe. Sogar um Schädlinge, die nicht heimisch sind, sorgt sich ein Teil der Naturschutz-Szene. Zumal der NABU, der dabei mitunter auch die Lächerlichkeit nicht scheut. Zum Beispiel in Niedersachsen, wo ein örtlicher NABU-Vorsitzender eine „starke Bekämpfung“ der Waschbären verlangte. Und prompt von Vereinsoberen dafür gerüffelt wurde. Dabei waren sogar die von Freiwilligen mühsam errichteten Krötenzäune für die Katz, weil sich die niedlichen Bärchen hemmungslos an den Fangeimern bedienten. Waschbären-Wahrheit spricht sich beim NABU herum Mittlerweile hat sich die Waschbären-Wahrheit zwar auch in NABU-Führungskreisen herumgesprochen, aber weitere Aufklärung dürfte nicht schaden: „Es gab schon länger den Verdacht, dass Waschbären für den Rückgang zahlreicher einheimischer Reptilien- und Amphibien-Arten in bestimmten Gebieten mitverantwortlich sind“, sagt Projekteiter Sven Klimpel von der in Wolfsangelegenheiten beim NABU hochgeschätzten Senckenberg-Gesellschaft. Grasfrösche, Erdkröten und Gelbbauchunken gehören demnach zu den Beutetieren. Die Erdkröte häuten die Waschbären vor dem Verzehr, um Kontakt mit der giftigen Haut zu minimieren. Dass so auch das Nahrungsangebot für den prächtig gedeihenden Bestand an Störchen ernsthaft geschmälert wird, mag allenfalls Artenschutz-Feinschmecker interessieren. Eher von allgemeinem Interesse ist zur österlichen Zeit das Schicksal von Hahn und Henne. Wobei Ersterer vor allem als „Bruderhahn“ aktuell Schlagzeilen macht: Selbige aus der Legehennen-Zucht können es nämlich mit ihren auf Fleischzuwachs gezüchteten Artgenossen an Ertrag nicht aufnehmen und blieben bisher ausgeschlossen von der Hähnchen-Mast. Es droht Küken-Mangel So wurden jährlich rund 45 Millionen männliche Küken der Legerassen getötet, bis die Bundesregierung diese Praxis im Jahr 2022 untersagt hat. Einige Betriebe versuchen nun, die Brüderhähne durchzufüttern. Was kaum kostendeckend ist, weil die Verbraucher bei allem Verständnis fürs Tierleid ihren Broiler gern billig und vollfleischig kaufen. Ergebnis: Einige Brütereien haben bereits aufgegeben. Es droht Küken-Mangel. Und der Futter-Markt zum Beispiel für Greifvögel in zoologischen Gärten entbehrt der Küken, die dort gern genommen wurden. Zumindest lehrt die österliche Zeit durch derlei Aufklärung, dass Hasen vermutlich doch keine Eier legen. Und dass die Komikerin Anke Engelke womöglich schief liegt, wenn sie in ihrer „Neuen Häschenschule“ vermutet, dass die Füchse keine Hasen fressen. So wenig wahr wie die Behauptung, dass Hennen zum Psychiater müssen, weil wir ihnen die Eier stehlen.

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