Social Media funktioniert wie bei Gänsen
- Christoph Boll
- vor 4 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Am und auf dem Wasser geht es zu wie auf Social-Media-Plattformen: Mutige Graugänse werden „Influencer“, erkundungsfreudige „Follower“

Mensch und Tier haben mehr gemeinsam, als man gemeinhin denkt. Das belegt eine neue Studie unter der Leitung der Konrad Lorenz Forschungsstelle (KLF) für Verhaltens- und Kognitionsbiologie der Universität Wien. Sie lässt eine alte Frage der Verhaltensbiologie in neuem Licht erscheinen: Warum erlangen bestimmte Individuen innerhalb einer Gruppe mehr Einfluss als andere? Die Forschungsergebnisse zeigen: Mutige – aber nicht aggressive – Graugänse werden tendenziell eher zu sogenannten Influencern, während erkundungsfreudige Tiere dazu neigen, ihnen zu folgen. Diese Verhaltensmuster weisen auf ein feines Zusammenspiel von Persönlichkeit und sozialen Rollen bei kollektiven Bewegungsentscheidungen hin. Die Ergebnisse wurden aktuell im Fachjournal iScience veröffentlicht.
Während einfache Interaktionsregeln erklären können, wie sich Tiergruppen gemeinsam bewegen, ist über die langfristige Stabilität sozialer Rollen in freier Wildbahn wenig bekannt – ebenso darüber, warum manche Tiere erfolgreicher kollektive Entscheidungen beeinflussen als andere, so die Universität Wien. Um diese Dynamiken besser zu verstehen, untersuchte das Forschungsteam mit Sonia Kleindorfer an der Spitze, ob einzelne Graugänse über Jahre hinweg stabile Tendenzen zum Initiieren oder Folgen zeigen – und ob sich diese Rollen durch Persönlichkeitsmerkmale wie Mut, Aggressivität und Erkundungsfreude vorhersagen lassen.
Die Wissenschaftler beobachteten eine individuell markierte Grauganspopulation an der Konrad Lorenz Forschungsstelle in Grünau im Almtal. Dabei handelt es sich um eine Schar, die ursprünglich in den 1970er Jahren von Nobelpreisträger Konrad Lorenz etabliert wurde. Vier Jahre lang dokumentierten die Forscherinnen und Forscher Hunderte kollektiver Abflüge: Wer ist gestartet, wer folgte, wie groß waren die Gruppen?
Parallel dazu erfolgten standardisierte Verhaltenstests. Dabei ging es um die Fluchtinitiationsdistanz, die Rückschlüsse auf den Mut zulässt, die Reaktion auf einen Spiegel als Ausdruck der Aggressivität und den Umgang mit unbekannten Objekten, der Ausdruck der Erkundungsfreude ist. Ziel war es, ein besseres Verständnis dafür zu bekommen, wie individuelle Unterschiede die Bewegungsentscheidungen und den Informationsfluss in der Gruppe beeinflussen.
Mutige Influencer und erkundungsfreudige Follower
Die Studie liefert nach Angaben der Universität Wien zwei zentrale Erkenntnisse: „Erstens zeigen einzelne Graugänse über Jahre hinweg stabile Persönlichkeitsmerkmale – Mut, Aggressivität und Erkundungsfreude. Zweitens bewegen sie sich täglich in wechselnden Untergruppen zwischen verschiedenen Futter- und Schlafplätzen. Die Ergebnisse zeigen: Bei mutigen Individuen gibt es eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass andere ihrem Abflugruf folgen. Diejenigen, die folgen, sind meist erkundungsfreudig – und bevorzugen mutige gegenüber aggressiven oder dominanten Scharmitgliedern.“
Die Schar steht täglich vor einem Zielkonflikt: Soll die Sicherheit vertrauter Orte den Vorzug erhalten, setzt man auf die potenziellen Vorteile unbekannter Gebiete. Bei der Entscheidung helfen mutige Persönlichkeiten, dieses Risiko zu managen, indem sie Sicherheit bei Ausflügen in unsichere Umgebungen bieten. Erkundungsfreudige Individuen hingegen tragen zur Entdeckung neuer Möglichkeiten bei – und verbreiten Innovation durch soziales Lernen.
Anders als erwartet war Aggressivität kein ausschlaggebender Faktor für den Einfluss während kollektiver Abflüge – obwohl aggressivere Gänse häufig höhere soziale Ränge einnehmen. Die einflussreichsten Influencer waren mutig, aber nicht aggressiv. Die Wissenschaftler sehen darin einen Hinweis auf einen schützenden, nicht dominanten Führungsstil. Diese mutigen Individuen bieten Stabilität, während erkundungsfreudige Follower neue Chancen aufspüren und weitervermitteln.
Neue Perspektiven auf kollektive Entscheidungsfindung
„Diese Forschung hilft zu erklären, warum bestimmte Persönlichkeitsmerkmale zu dauerhaftem Einfluss führen“, sagt Studienleiterin Sonia Kleindorfer. „Wichtiger noch: Sie lenkt den Blick auf die Follower – eine Gruppe, die in unserer menschlichen Fixierung auf Macht und Ressourcen oft übersehen wird. Was wäre, wenn Follower aktiv entscheiden, wem sie folgen, basierend auf dem Nutzen, den sie daraus ziehen? Das verschiebt den Fokus auf die kognitiven Fähigkeiten der Follower und stellt traditionelle Vorstellungen davon infrage, welche Eigenschaften im sozialen Einfluss zählen.“
Indem sie den Blick von aggressiven, dominanten Individuen, die oft durch Einschüchterung Einfluss gewinnen, hin zu den sozialen und kognitiven Strategien der Follower richtet, eröffnet diese Studie neue Perspektiven auf kollektive Entscheidungsfindung, soziales Lernen und kulturelle Evolution. Das gilt nicht nur für Graugänse, sondern auch für viele andere soziale Tierarten, bis hin zum Menschen.
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