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- Drohkulisse mit dem Preis-Hammer
Noch ist offen, wann der Vermittlungsausschuss sich mit der im Juli vom Bundesrat gestoppten Änderung des Düngerechts befassen wird. Das hindert Befürworter verschärfter Regelungen nicht daran, weiter mit Halbwahrheiten Stimmung zu verbreiten Deutsches Grundwasser ist so teuer, weil der Bauer zu viel düngt. Solch irreführende Aussagen begleiten aktuell wieder die ohnehin schwierige Diskussion rund um das Düngegesetz. Die zweite Änderung des komplizierten Gesetzes, das im Kern von der nun schon über 30 Jahre alten EU-Nitratrichtlinie bestimmt wird, war nach dem Durchlauf im Bundestag mit dem Votum von elf der 16 Bundesländer im Bundesrat abgelehnt worden. Nun hat sich nicht zum ersten Mal ein Verbändebündnis zu Wort gemeldet, das eine „praxisnahe, verursachergerechte und nährstoffeffiziente Düngepolitik“ fordert. Mit dabei die Deutsche Umwelthilfe, NABU, BUND und auch Verdi. In einigen Medien wird aus dem Appell schnell die Schlagzeile „Verbraucher zahlen die Zeche für die Aufbereitung des belasteten Grundwassers“. Die Nitratbelastung, die nach wie vor an einigen Messstellen zu hoch liegt, soll angeblich der Auslöser für absehbar bis zu 60-prozentige Preisanstiege beim Trinkwasser sein. Dabei weiß selbst Lieschen Müller, dass der weit gespreizte Trinkwasserpreis in Deutschland einer Fülle von Einflussfaktoren unterliegt. Mal sind Sanierungsstaus im alten Leitungsnetz, mal Inflation, steigende Personal- und Energiekosten, erhöhte Zinsen oder Investitionen in eine chemiefreie Wasseraufbereitung der Auslöser für die verkündeten „Preisanpassungen“. Nitratbelastung spielt in einigen Regionen zweifellos eine Rolle, aber ist nicht allein für Aufschläge verantwortlich. Deutschland tatsächlich auf einem guten Weg Nachdem die EU vor mehr als einem Jahr ihr bereits beim Europäischen Gerichtshof anhängiges Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland wegen Nichteinhaltung der Nitratrichtlinie eingestellt hat, unterstreicht der gemeinsame „Nitratbericht 2024“ des Landwirtschafts- und des Umweltministeriums, dass Deutschland tatsächlich auf einem guten Weg ist. Deutschland verzeichnet danach schon seit 2012 einen leicht positiven Trend bei der Gewässerbelastung durch Nährstoffe. Und dies gilt laut Bericht auch für den Zeitraum 2020 bis 2023, in dem in Deutschland einiges getan wurde, um die Düngung landwirtschaftlicher Kulturen mit den Herausforderungen des Gewässerschutzes in Einklang zu bringen. Der Nitratbericht verschweigt dabei nicht, wie schwierig es ist, die Wirkung der Maßnahmen von heute abzuschätzen. Eine fundierte Bewertung der düngepolitischen Maßnahmen sei „erst mittelfristig realisierbar“. Dies liege insbesondere daran, dass die Wirkung aufgrund von langen Fließzeiten und andauernden Nährstoffumsatzprozessen erst über teils lange Zeiträume zu beobachten sein wird. Anders ausgedrückt: Die teils hohe Nitratbelastung im Grundwasser wurde in der Vergangenheit verursacht. Zur Klarstellung: Die Überschreitung von Nitrat im von den Wasserwerken gelieferten Trinkwasser gehört hierzulande zu den höchst seltenen Ausnahmen. Die Überschreitungen des EU-Grenzwertes für Nitrat von 50 mg/Liter waren laut Bundesumweltministerium schon 2017 auf 0,0007 Prozent gesunken. Nährstoffbilanzierung als bürokratisches Monster Die nun diskutierte zweite Änderung des Düngegesetzes wurde im Bundesrat vor allem gestoppt, weil es den landwirtschaftlichen Betrieben, anders als nach den Protesten zugesagt, wiederum neue bürokratische Lasten aufbürdet. Unter anderem sieht es vor, dass schon Betriebe ab 15 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche Aufzeichnungen über ihre Nährstoffströme führen müssen. Bisher gilt das erst für Betriebe, die 20 Hektar beziehungsweise 50 Großvieheinheiten überschreiten. Günter Felßner, Präsident des Bayerischen Bauernverbandes, spricht von einem „Bürokratiemonster“. Eine Pflicht zur Stoffstrom- oder Nährstoffbilanzierung habe keinen Mehrwert und führe nicht zu einem noch genaueren Düngemanagement bei den Landwirten. Und man muss auch wissen, dass Beschränkungen bei der Düngung und eine restriktive Pflanzenschutzpolitik bereits Auswirkungen auf die Erträge der deutschen Höfe haben. Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, sprach kürzlich in einem Beitrag von „Bremsspuren der Düngeverordnung“, die beim Langfristvergleich der Proteingehalte im Weizen nicht mehr zu übersehen seien. „Maßgeblicher Grund dürfte die gesetzlich erzwungene Unterversorgung der Pflanzenbestände in den sogenannten roten Gebieten sein – jedes Jahr 20 Prozent zu wenig Nährstoff führen bekanntlich zu fortschreitendem Ertragsverlust und Humusabbau“, schrieb der DBV-Vertreter. Wer über das Düngerecht mit den verschiedenen Verordnungen berät, sollte die Lebensmittelversorgung nicht aus dem Blick verlieren. Gesamtpolitisch hat die anstehende Kompromisssuche im Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat noch einen weiteren Aspekt. Der Streit ums Düngerecht war in den Niederlanden mit ein Auslöser für die Gründung der „BoerBurgerBeweging“, hier besser bekannt als Bauernpartei. Die BBB sitzt inzwischen im Europaparlament und ist Teil der niederländischen Regierungskoalition. Eine solche neue Protestpartei würde auch hierzulande Wahlen noch schwieriger machen.
- Kaum Gefahren durch Wald und Wild
Das ganze Leben ist gefährlich. Aber Wald und Wild bergen kein erhöhtes Risiko für den Menschen. Das gilt zumindest so lange, wie einige wenige Verhaltensregeln und Schutzmaßnahmen beachtet werden Zu jeder Jahreszeit sollte fast selbstverständlich sein, bei Feuer und Waldbrand, Sturm und Gewitter, hohem Schnee und Eis den Wald zu meiden. Überdies ist das auch sinnvoll für Dürre- und Totholzbereiche. Denn unerwartet und ohne jede Vorankündigung können Bäume umstürzen und Äste herabfallen. Gegen einen Spaziergang im verschneiten Winterwald ist auch in den kommenden Monaten nichts zu sagen, wenn es sich um frisch gefallenen Pulverschnee handelt. Anders sieht es aus bei Nassschnee, Dufteis, also Schnee, der durch Wind unter Ästen und Zweigen haftet, oder Eisanhang, der durch gefrierenden Regen oder den Wechsel von Tauwetter und Frost entsteht. Dann liegt ein enormes Gewicht auf den Zweigen und Ästen. Rund 50.000 Tierarten leben in deutschen Wäldern. Auch wenn in der freien Natur und besonders im Wald kaum größere Gefahren für Leib und Leben drohen, können einige Arten schon ein mulmiges Gefühl auslösen oder zu unangenehmen Plagegeistern werden. Besonders Wolfsbegegnungen schrecken viele Naturfreunde. Auch wenn Isegrim grundsätzlich den Menschen eher meidet und das Aufeinandertreffen deshalb selten ist, gibt es dafür keine Gewähr. Denn seit seiner Rückkehr nach Deutschland macht er hier im gegenteiligen Fall keine schlechten Erfahrungen. Besonders junge, noch unerfahrene Wölfe sind neugierig. Speziell Reiter und Spaziergänger mit Hund sollten deshalb vorsichtig sein. Verstärkt gefährdet sind bislang Weidetiere, besonders Schafe. Wie sich die Situation bei einem weiteren Anwachsen der Wolfspopulation und vermehrten Wolf-Hund-Kreuzungen entwickeln wird, vermag niemand zuverlässig vorherzusagen. Das Zusammentreffen mit einem Bären ist in Deutschland höchst unwahrscheinlich und allenfalls im grenznahen Süden des Landes denkbar. Kommt es doch einmal dazu, sollte man Meister Petz keinesfalls auf den Pelz rücken oder ihn gar mit Stöcken und Steinen bewerfen. Spätestens wenn der Bär sich nicht selbst entfernt, ist die bessere Alternative, unter ruhigem, aber lautem Reden langsam den Rückzug anzutreten. Auch die Begegnung mit einem der dämmerungs- und nachtaktiven Luchse ist sehr selten. Die Großkatze setzt auf die Tarnung durch ihr geflecktes Fell und flüchtet deshalb nicht zwangsläufig. Waldbesucher entdecken sie aber meistens gar nicht. Sollte es einmal anders sein, ist angemessen, Pinselohr nicht zu stören und ihr keineswegs zu folgen, sondern sich langsam zurückzuziehen. Verletzungen und Beuteverzehr können alle Säugetiere, besonders aber Raubwild, schnell aggressiv werden lassen. Ebenso ist es mit Krankheiten wie etwa die Tollwut beim Fuchs. Vorsicht bei Wildschweinen Eher als Großräuber dürften Spaziergänger Rot-, Dam- und Rehwild in Anblick bekommen. Diese Hirschartigen sind sehr scheu und als Fluchttiere nehmen sie schnellstens reißaus, sind also völlig harmlos. Gefährlich können sie wie alles größere Wild für Autofahrer werden, wenn sie die Fahrbahn queren und gerade im Herbst und Winter bei trübem Wetter erst spät zu sehen sind. Mehr Vorsicht sollte walten lassen, wer auf Wildschweine trifft. Schon mittelgroße Schwarzkittel können kräftig zubeißen und mit ihren Eckzähnen gefährliche Verletzungen zufügen. Gerade Bachen mit Frischlingen, also weibliche Stücke mit ihrem Nachwuchs, können aggressiv reagieren, besonders wenn sie sich bedrängt fühlen und die Frischlinge bedroht sehen. Das gilt übrigens für fast alle Tierarten. Auch von Greif- und Rabenvögeln ist bekannt, dass sie in der Nähe ihrer Nester zum Schutz der Jungen gelegentlich Attacken quasi im Sturzflug ausüben. Im Vergleich zu anderen Tier- und Wildarten werden die Ärgernisse und Gefahren, die von Insekten ausgehen, oft unterschätzt. Das beginnt bei den Mücken, deren Stiche allerdings meistens nur lästig sind. Anders ist es bei Zecken, die gefährliche Krankheiten übertragen können. Am bekanntesten sind die Borreliose und die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), eine Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute. Auf befestigten Waldwegen – auf denen man zum Schutz der Natur grundsätzlich bleiben sollte – ist die Wahrscheinlichkeit gering, mit den Tieren in Kontakt zu kommen. Wer aber im Unterholz nach Pilzen sucht oder Wiesen quert, streift sie schnell von den Grashalmen ab. Spätestens zu Hause heißt es dann, die Kleidung und den Körper nach den kleinen Quälgeistern abzusuchen. Heftige allergische Reaktionen können Hornissen verursachen. Das ist nicht immer ungefährlich. Die schwarz-gelb gestreiften Brummer sind deutlich größer als Bienen und Wespen. Sie bauen ihre Nester bevorzugt in Bodenlöcher oder Totholz. Unterschreitet der Waldbesucher einen Sicherheitsabstand von etwa fünf Metern, gehen die ansonsten harmlosen Hornissen schnell zum Schwarmangriff über. Besonders in den vergangenen Jahren hat der Eichenprozessionsspinner von sich reden gemacht. Die giftigen Härchen der Raupen können im Sommer ebenfalls starke allergische Reaktionen auslösen. Die Brennhaare sind jahrelang reaktionsfähig und werden bereits durch geringen Wind wegen ihrer Leichtigkeit großflächig verteilt. Befallene Gebiete, besonders warm-trockene Eichenwälder, sollten deshalb gemieden und Wege keinesfalls verlassen werden. Die bis zu 70 Zentimeter lange Kreuzotter ist zwar sehr scheu. Das durch den Biss dieser Schlange übertragene Gift kann Herzbeschwerden und Lähmungen verursachen. Das ist besonders für Kinder und Senioren gefährlich, aber nur selten tödlich.
- Galgenfrist statt Garantie: Die Autokrise erreicht den ländlichen Raum
Der Landkreistag schlägt Alarm: Im Umland der großen Fabriken leiden viele konzernabhängige Kfz-Zulieferer schon jetzt unter Absatz- und Strukturproblemen Der Spruch hält sich in Stuttgart seit vielen Jahrzehnten. „Wenn der Daimler hustet, hat die ganze Region Husten.“ Jetzt ist es wieder so weit. Der Automobilkonzern, abseits einiger Tiefschläge stets ein Flaggschiff für Wohlstand, Qualität und Visionen, meldet schlechte Zahlen und Perspektiven. Die Krise der Automobilindustrie, die chinesische staatssubventionierte Offensive, politische Querschüsse und Fehlentscheidungen, ein im internationalen Vergleich überteuertes Lohnniveau, dazu globale Konjunkturschwäche, das zu langsame Hochlaufen der Elektromobilität: Es kommt zurzeit knüppeldick. Die Lage ist so bedrohlich, dass der Standort Deutschland wankt und damit Zehntausende Arbeitsplätze vor dem Aus stehen oder mit Gehaltseinbußen rechnen müssen. Doch es trifft ja nicht nur die Automobilriesen wie Mercedes, BMW oder VW, den Stolz der imageprägenden deutschen Exportindustrie. Betroffen sind nicht zuletzt viele Zuliefererfirmen, die unter den ausbleibenden Aufträgen der Auto-Ammen zu leiden haben. Was auch heißt: Wenn die großen Standorte in Stuttgart, Wolfsburg, Neckarsulm, München und anderswo husten, kratzt die seit längerem erhöhte Temperatur der vielen oft weltmarktführenden, oft im ländlichen Umland angesiedelten Zulieferer an der Fiebergrenze. Zuliefererbetriebe größtenteils im ländlichen Raum Da war es nur eine Frage der Zeit, dass der Landkreistag die Alarmglocke läutet und davor warnt, die Krise bei VW könnte auch zu Problemen auf dem Land führen. Die aktuellen Entwicklungen bei VW seien nicht nur für den Wirtschaftsstandort Deutschland insgesamt ein echter Schock, sondern gerade auch für die Kfz-Zuliefererbetriebe, die größtenteils im ländlichen Raum ansässig sind, sagt Verbandspräsident Achim Brötel. Denn dabei gehe es auch um eine Vielzahl von Arbeitsplätzen in den ländlichen Räumen, um Steuereinnahmen und nicht zuletzt um ganz konkrete Zukunftsperspektiven für viele Menschen und ihre Familien. Der weltweit größte Kfz-Zulieferer sitzt in Stuttgart. Wenn schon der Technologieriese Bosch laut darüber nachdenkt, zu den bereits vor Wochen wegen ausbleibender Aufträge angekündigten 7000 Stellenstreichungen vor allem in Deutschland weitere Jobs abzubauen, dann ist die Lage ernst. Zwar hat Bosch an den deutschen Standorten seiner Mobilitätssparte betriebsbedingte Kündigungen bis 2027 ausgeschlossen. Stellen können aber etwa über Abfindungsprogramme trotzdem verschwinden. Das ist mehr Galgenfrist als Jobgarantie. Milliardenstrafen durch unrealistische politische Ziele? Nicht nur Brötel sieht die Rahmenbedingungen für erfolgreiches wirtschaftliches Handeln in Deutschland dramatisch verschlechtert. Man könne die Wirtschaft nicht nur mit immer neuen Vorschriften gängeln, sondern müsse wieder lernen, dass erfolgreiches unternehmerisches Handeln die Grundlage des Wohlstandes und des Sozialstaats sei. Bosch-Chef Stefan Hartung pflichtet ihm bei: Die Kunden wollten vor allem den politischen Vorgaben nicht folgen. Unberechenbare Regulierung wie beim Heizungsgesetz oder Zweifel, ob die Elektromobilität wirklich klimafreundlicher ist als effiziente Verbrennertechnologie, das sind laut Hartung die vorrangigen Hemmnisse – und nicht zu hohe Preise. Nicht zuletzt müsse eine Revision der EU-Klimavorgaben stattfinden. Hartung fragt zu Recht: Welche Folgen haben die ab 2025 geltenden Strafzahlungen bei Überschreitung der Flottengrenzen für Automobilhersteller und ihre Fähigkeiten im weltweiten Wettbewerb, „wenn sie Milliarden an Strafe zahlen müssen, weil wir uns unrealistische Ziele gesetzt haben?“ Für die Bürgermeister und Kämmerer in den Umland-Gemeinden, die von den Steuereinnahmen der Zulieferer in hohem Maße abhängig sind, um ihren Haushalt zahlungs- und investitionsfähig zu halten, um Schulen und Kitas zu sanieren, Sportvereine zu unterstützen, Flüchtlingskosten zu schultern oder Infrastruktur und Digitalisierung zukunftstauglich zu machen, werden die Probleme damit noch größer. Die Krise der Automobilkrise könnte so schnell zur Krise vieler kommunaler Haushalte werden. Dann geht es schnell – vom Großstadt-Husten der Konzerne zur Lungenentzündung der ländlichen Kommunen.
- Hubertus ist mahnendes Vorbild
Gestern war Hubertustag. In ganz Deutschland und weiten Teilen Europas gedenken Jäger am 3. November ihres Schutzheiligen als Begründer einer nachhaltigen waidgerechten Jagd In festlich geschmückten Kirchen feiern Jäger am Hubertustag – oft konfessionsübergreifend – Messen, meistens mitgestaltet von Jagdhornbläsern. Hubertus von Lüttich ist zwar nicht im evangelischen Namenskalender gelistet. Doch wegen der hohen traditionellen Bedeutung des Hubertustages gibt es auch evangelische oder ökumenische Gottesdienste. Was den Grünröcken die Ehrung ihres Schutzpatrons ist, interpretieren Jagdgegner und Tierrechtler als Verstoß gegen die vermeintlich wahren christlichen Werte. Die Organisation Peta etwa sieht in Hubertusmessen „lediglich eine Art Propagandaveranstaltung, um der blutigen Jagd ein harmloses und vermeintlich von Gott legitimiertes Image zu verleihen“. Das sei eine mittelalterliche Denkweise. Mal abgesehen von einem sehr einseitigen Verständnis des Christentums und entsprechenden Vorwürfen an Kirchenvertreter ist in diesem Zusammenhang oft die Rede vom „Mord an unschuldigen Tieren“. Solche Formulierungen offenbaren eine Übertragung menschlicher Werte aus Rechtsprechung, Ethik und Moral auf das Mitgeschöpf. Tiere aber werden getötet, nicht gemordet. Sie sind auch weder schuldig noch unschuldig. Sie folgen einfach ihren, meistens trieb- und instinktgesteuerten, natürlichen Verhaltensweisen. Hubertus aber ist der Inbegriff einer werteorientierten Jagd, die eben das Gegenteil sinnlosen Tötens ist, als das Peta sie in Misskredit bringen will. Der Legende nach wird er als Sohn des Herzogs Bertrand von Toulouse um das Jahr 655 geboren. Als junger Edelmann ist er ein zügelloser Jäger, der die Erlegung von Wild als Selbstzweck sieht. Weder christliche Feiertage noch ethische Grundsätze hindern den Jäger, seiner Leidenschaft hemmungslos nachzugehen. Nach dem Tod seiner Frau geht er als Einsiedler in die Wälder der Ardennen, um dort seinen Schmerz zu überwinden, und ernährt sich ausschließlich von Wild. Eines Tages begegnet er einem Hirsch. Bevor er ihn erlegen kann, sieht er ein leuchtendes Kreuz zwischen dessen Geweihstangen und hört eine mahnende Stimme: „Hubertus, warum jagst du nur deinem Vergnügen nach und vertust die wertvollste Zeit deines Lebens?“ Er erkennt, dass er ein völlig falsches Verständnis von der Jagd hat und diese im Kern ein Dienst an der Natur mit weitreichender Verantwortung ist. Tief berührt beschließt er, sein Leben zu ändern. Er legt all seine Ämter ab, verteilt seine Reichtümer an die Armen, lässt sich zum Priester weihen und pilgert nach Rom. Später wird er um das Jahr 700 zum Bischof von Maastricht geweiht und stirbt im Jahre 727. Die Reliquien des heiligen Hubertus wurden 16 Jahre später am 3. November, dem heutigen Hubertustag, erhoben, später in die damalige Abteikirche nach Andagium, dem heutigen Saint-Hubert, gebracht. Seit der Französischen Revolution sind sie unauffindbar. Hubertus gehört heute zu den sogenannten „Vier Marschällen Gottes“ und wird mancherorts auch zu den Vierzehn Nothelfern gezählt. Ihm zu Ehren und als Zeichen besonderer Ehrfurcht vor der Schöpfung wurden zahlreiche Hubertus-Denkmäler errichtet, vom einfachen Bildbaum bis zur Hubertuskapelle. Sie finden sich meistens an heimeligen und stillen Orten und dienen Naturliebhabern zur erholsamen Rast. Nach Hubertus benannt sind zudem etliche Studentenverbindungen. Der Schutzheilige der Jäger gilt heute außerdem als Patron der Schützen, Kürschner, Metzger, Metallbearbeiter, Büchsenmacher, Optiker, Mathematiker sowie der Hunde und als Helfer gegen Tollwut. Es gibt verschiedene Versionen der Hirsch-Legende, von der gelegentlich behauptet wird, sie stamme eigentlich aus dem Leben des heiligen Eustachius und sei erst nachträglich auf St. Hubertus übertragen worden. Die Ursprünge des Motivs finden sich in der buddhistischen Legende um den Mönch Mahinda, der den Buddhismus in Sri Lanka begründete. Von Hubertus heißt es mal, er habe nach seiner Läuterung komplett der Jagd entsagt, weshalb ihn Jagdgegner quasi zu ihrem Vorläufer uminterpretieren. In einer anderen Variante hat Hubertus sich nach der Erscheinung zum christlich-gemäßigten Jäger gewandelt. Die historischen Ereignisse aber sind nebensächlich. Entscheidend ist der weiße Hirsch mit dem Kreuz als Symbol für die Schutzbedürftigkeit allen Lebens, das der Mensch allzu oft für seine Ziele ausbeutet. Dagegen steht der Respekt vor dem Geschöpf oder auch die „Ehrung des Schöpfers im Geschöpfe“. Sie mahnt zur Mäßigung und ist das Zentrum der Waidgerechtigkeit, die oberstes Gebot aller Jäger ist und sämtliche Verhaltensgrundsätze der Jägerschaft dominiert. In diesem Sinn ist Hubertus mahnendes Vorbild. Hege und Pflege, Tier-, Umwelt- und Naturschutz, zu dem die Jäger auch gesetzlich verpflichtet sind, bilden eine untrennbare Einheit. Hinzu kommt die Wahrung eines wertvollen, historischen Brauchtums. Wer dagegen verstößt, hat nicht nur den Sinn der Jagd nicht verstanden. Er muss auch mit strengen Strafen rechnen, bis hin zum Entzug des Jagdscheins.
- Zehntausende Arbeitsplätze auf der Kippe
Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und zurück auf diese Woche Liebe Leserinnen und Leser, in unserem Wochenkommentar geht es um die schwierige Lage in der deutschen Wirtschaft und die auch daraus resultierende Unzufriedenheit der Bürger mit der Ampelkoalition sowie deren führenden Politikern. Weitere Themen sind die Machtprobe zwischen BSW-Namensgeberin Sahra Wagenknecht und der thüringischen Landespartei, die Bedeutung und jagdliche Tradition des morgigen Hubertustags sowie zwei Tierkrankheiten, die vor allem den ländlichen Raum betreffen: neue Fälle von Aujeszky bei Wildschweinen in NRW und die gestiegenen Gefahren durch Vogelgrippe, etwa in den Küstenregionen im Norden. Die deutsche Wirtschaft ist überraschenderweise im dritten Quartal dieses Jahres wieder leicht gewachsen. Das ist zwar auf den ersten Blick positiv, aber längst kein Grund für die Politik, sich zurückzulehnen und den Dingen wie bisher ihren Lauf zu lassen. Im Gegenteil, in wichtigen Teilen der Industrie und des Mittelstands drohen gefährliche Rückschläge. Spektakulärstes Beispiel in dieser Woche waren die Meldungen aus Wolfsburg, wo bei Volkswagen Zehntausende Arbeitsplätze auf der Kippe stehen. Das könnte für den Wirtschaftsstandort Deutschland erst der Anfang sein, falls die politisch Verantwortlichen nicht endlich konsequent gegensteuern. Kostenentlastungen, Entbürokratisierung und gezielte Investitionen in die Infrastruktur bleiben überfällig . Da ist in den vergangenen Jahren viel versäumt waren, was jetzt unter deutlich erschwerten Bedingungen – Stichworte Klimawandel und Ukrainekrieg – nachgeholt werden muss. Angesichts dieser Lage ist die Unzufriedenheit mit der Ampelkoalition momentan groß. Im aktuellen ARD-Deutschlandtrend bewerten nur noch 14 Prozent der Deutschen (-5 Prozentpunkte im Vergleich zu Anfang Oktober) die Arbeit der Ampelkoalition positiv. 85 Prozent sind weniger oder gar nicht zufrieden. 54 Prozent der Befragten wollen gar vorgezogene Neuwahlen. Diese Werte spiegeln sich auch in der Sonntagsfrage. Wenn schon morgen Bundestagswahl wäre, käme die SPD auf 16 Prozent (unverändert im Vergleich zu Anfang Oktober 2024). Die Union aus CDU und CSU verbessert sich auf 34 Prozent (+3). Die Grünen verlieren gegenüber Anfang Oktober zwei Punkte und landen bei elf Prozent. Die FDP läge mit vier Prozent (+1) weiterhin unterhalb der Mandatsschwelle. Die AfD bleibt bei 17 Prozent. Das Bündnis Sahra Wagenknecht büßt gegenüber Anfang des Monats zwei Punkte ein und landet derzeit bei sechs Prozent. Auf alle anderen Parteien entfallen derzeit zusammen zwölf Prozent – darunter auch die Linke und die Freien Wähler. Schlechte Noten für Ampelpolitiker Interessant auch Folgendes: In der persönlichen Bewertung rutscht Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) im Vergleich zu Anfang Oktober deutlich ab (20 Prozent Zufriedenheit, -8 Punkte). Damit liegt er etwa gleichauf mit Bundesfinanzminister Christian Lindner von der FDP (19 Prozent Zufriedenheit, +2) und SPD-Bundeskanzler Olaf Scholz (19 Prozent Zufriedenheit, -2). Zum Vergleich: Der schlechteste Wert von Gerhard Schröder (SPD) während seiner siebenjährigen Amtszeit als Kanzler war 24 Prozent, der von Angela Merkel (CDU) während ihrer 16-jährigen Amtszeit war 40 Prozent. Deutlicher kann sich der Unmut der Bürger über die führenden Ampel-Politiker wohl kaum zeigen … Natürlich ist die aktuelle Ampelregierung nicht allein für die Misere verantwortlich. Auch frühere Regierungen haben vieles deutlich zu lange schleifen lassen. Doch diese Versäumnisse und Fehler sind Vergangenheit. Die aktuelle Koalition regiert jetzt seit immerhin drei Jahren. Dieser Zeitraum sollte eigentlich reichen, um die Weichen – wie 2021 versprochen – in Richtung Modernisierung und Fortschritt zu stellen. Doch die Realität sieht leider anders aus. In der Ampel scheint sich jeder nur noch selbst der nächste zu sein. Maßstab allen Handels ist weniger das Wohl des Landes als das der eigenen Partei – sprich die Positionierung für die nächste Bundestagswahl. Noch ist diese für September 2025 vorgesehen, aber wenn die Koalition so weitermacht wie bisher, ist ein vorzeitiges Aus durchaus möglich, sofern einer der drei Partner für sich darin einen parteitaktischen Vorteil sieht. Ampelparteien auf getrennten Wegen An ernsthaften Problemlösungen scheinen momentan weder SPD, Grüne noch FDP sonderlich interessiert zu sein. Sehr deutlich wird dies in der aktuellen Wirtschaftspolitik, wo die drei „Partner“ demonstrativ getrennte Wege gehen: der Grüne Habeck mit dem Vorschlag eines großen Investitionsprogramms, SPD-Kanzler Scholz und FDP-Finanzminister Lindner jeweils mit eigenen Wirtschaftsgipfeln. Egal, was man von dem einen oder dem anderen Ansatz halten mag, so geht es nun wirklich nicht voran. Kanzler und Minister werden schließlich für gemeinsames und praktisches Regieren bezahlt, nicht jedoch für isolierte und theoretische Programmideen. Die Einzigen, die sich über diese bedrückende Entwicklung freuen dürfen, sind Populisten und ihre antidemokratischen Gesinnungsfreunde. Im Blickpunkt dabei aktuell vor allem das BSW und seine Namensgeberin Sahra Wagenknecht . Bei den jüngsten Landtagswahlen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen feierte die neue Partei spektakuläre Erfolge und steht kurz vor Regierungsbeteiligungen. Doch Wagenknecht interessiert sich nicht für Landespolitik. Ihr geht es allein um die nächste Bundestagswahl. Pragmatische Kompromisse auf Landesebene könnten dort aus ihrer Sicht stören, was jedoch vor allem in Thüringen von den dortigen BSW-Verantwortlichen augenscheinlich anders gesehen wird. Entsprechend energisch versuchen Wagenknecht und Co., ihre Erfurter Wahlsieger durch öffentliche Kritik und Zurechtweisungen wieder an die kurze Leine zu nehmen. Ein solches Kommando-Vorgehen im Stil eines „demokratischer Zentralismus“ ist der ehemaligen Kommunistin Wagenknecht aus ihrer SED-Vergangenheit bestens vertraut. An diesem Samstag wird es ein Treffen aller 81 Parteimitglieder des BSW in Thüringen geben. Dabei will man wohl den Beschluss absegnen, wonach die Partei in Koalitionsgespräche eintritt. Dies könnte dazu führen, dass das BSW sich spaltet, kaum zehn Monate nach der Gründung. Weiter Politik zum Vorteil Putins? Man darf gespannt sein, wie die spektakuläre Machtprobe am Ende ausgeht. Sie könnte wegweisend für die Zukunft des BSW werden. Dessen Landespolitiker müssen sich entscheiden: wie Wagenknecht einseitig Politik zum Vorteil Putins machen oder in Koalitionen pragmatische Fortschritte für die Bürger nicht zuletzt im ländlichen Raum ermöglichen. Auch dort sorgt natürlich die große Politik für reichlich Gesprächsstoff. Aber es gibt auch anderes, was jenseits der Metropolen teils hoch im Kurs steht. Dazu gehört die Jagd mit all ihren Facetten. An diesem Sonntag feiern wir das Namensfest des heiligen Hubertus. In zahlreichen Gottesdiensten gedenken aus diesem Anlass die Jäger ihres Schutzpatrons. Die Begegnung mit einem Hirsch, zwischen dessen Geweihstangen ein Kreuz leuchtet, lässt ihn vom hemmungslosen Wildschützen zu einem Menschen werden, der erkennt, dass er ein völlig falsches Verständnis von der Jagd hat und diese im Kern ein Dienst an der Natur mit weitreichender Verantwortung ist. Die Legende lehrt uns Respekt und Mäßigung. Jagdlich gesprochen ist sie die Basis der Waidgerechtigkeit, die oberstes Gebot aller Jäger ist und sämtliche Verhaltensgrundsätze der Jägerschaft dominiert. In diesem Sinn ist Hubertus mahnendes Vorbild. Hege und Pflege, Tier-, Umwelt- und Naturschutz, zu dem die Jäger auch gesetzlich verpflichtet sind, bilden eine untrennbare Einheit, gegen die Jagdgegner und Tierrechtler ungehemmt polemisieren. In einem Blog-Beitrag wird unser Autor Christoph Boll dieses Spannungsfeld am Montag beleuchten. Risiken für Jagdhunde Doch ganz ungetrübt ist die schöne Stimmung und Tradition des Hubertustags leider nicht überall. So sind jetzt im Raum Bonn und Gummersbach aktuelle Fälle von Aujeszky aufgetreten, einer bei Hunden tödlich verlaufenden Viruserkrankung. Sie wird auch als Pseudowut bezeichnet. Hauptwirt des ursächlichen Herpesvirus sind Schweine. Durch die Untersuchung von Blutproben erlegter Sauen wurden in NRW im Jagdjahr 2022/23 von 1960 Blutproben 9,6 Prozent positiv auf Antikörper gegen Aujeszky getestet. Deshalb hat der Landesjagdverband Nordrhein-Westfalen jetzt dringend appelliert, jeden Kontakt von Jagdhunden mit zur Strecke gelegten Sauen rigoros zu unterbinden . Auch Gefahren durch Vogelgrippe in Deutschland sind zuletzt wieder gestiegen. „Wir haben ein hohes Risiko des Eintrages und der Ausbreitung bei wilden Wasservögeln für ganz Deutschland und punktuell in einigen Regionen ein besonders hohes Risiko, beispielsweise für Küstenregionen im Norden“, sagte der Vizepräsident des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) auf der Insel Riems bei Greifswald, Martin Beer, der Deutschen Presse-Agentur. Laut FLI-Daten gab es im Oktober Nachweise bei Wildvögeln in Thüringen, Schleswig-Holstein, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. Betroffen waren demnach vor allem Wildgänse und Schwäne. Ihnen, liebe Leser und Leserinnen, wünsche ich eine gute Woche. Und drücken Sie mit mir die Daumen, dass am kommenden Dienstag die amerikanischen Präsidentschaftswahlen friedlich verlaufen und zu einem Ergebnis führen, mit dem sowohl die USA als auch der Westen insgesamt zuversichtlich nach vorn blicken können … Mit den besten Grüßen Ihr Jürgen Wermser Redaktionsleitung/Koordination
- Draußenrauchen und -dampfen soll eingedämmt werden
Die EU überzieht, wenn sie dem Nikotinkonsum nun auch im Freien den Kampf ansagen will Bislang hat die EU-Kommission die Zigarette als Produkt reguliert. Die Schockfotos auf den Packungen etwa sollten die Menschen auf die Gefahren des Rauchens hinweisen und Raucher zum Aufhören motivieren. Es wurden auch weitreichende Werbeverbote erlassen. Bis 2040 soll es die erste „Generation rauchfrei“ geben und der Anteil der Nikotinabhängigen EU-weit unter fünf Prozent fallen. Der Weg dahin ist jedoch noch weit: In Deutschland etwa rauchen oder dampfen derzeit knapp 30 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahre (Stand Juli 2024). Das ist ein höherer Anteil als etwa vor vier Jahren (26,5 Prozent). Jetzt will die Kommission neue Maßnahmen ergreifen. Sie möchte, dass die Mitgliedstaaten der EU die Raucher und Dampfer an öffentlichen und halb-öffentlichen Orten vergrämen. Der Nichtraucherschutz soll gestärkt werden. An Orten, wo sich Kinder, Jugendliche und besonders Schutzbedürftige viel aufhalten, sollen die Verbotsschilder kommen. Wohl gemerkt: Es geht nicht um geschlossene Räume, es geht ums Rauchen und Dampfen draußen und im Halbfreien, etwa unter Vordächern. Die Pläne sind bereits recht detailliert ausformuliert : Ungemütlich werden soll es für Nikotin-Konsumenten auf öffentlichen Spielplätzen, in Freibädern, Vergnügungsparks, an Stränden und in Zoos. In Außenbereichen von Restaurants, Bars und Cafés soll Rauchen und Dampfen auch tabu werden. Ebenso an Bushaltestellen, Flughäfen und auf den gesamten Grundstücken von Bahnhöfen. Die Raucherecke von Unternehmen, Krankenhäusern, Gesundheitszentren und Pflegeheimen soll es künftig nicht mehr geben – alles im Außenbereich oder unter einem Vordach, versteht sich. Auch Bereiche mit viel Fußgängerverkehr sollen betroffen sein, wie Eingänge zu Shoppingcentern und Innenhöfe von öffentlichen Gebäuden. Noch ist kein EU-Gesetz in der Planung. Die EU-Kommission hat lediglich eine Ratsempfehlung beschlossen. Den 27 Mitgliedstaaten wird damit nahegelegt, die genannten Maßnahmen zu ergreifen. Sollten sie es nicht tun, hätte dies noch keine rechtlichen Konsequenzen. Das Gremium der Mitgliedstaaten hat aber jetzt die Ratsempfehlung erstmals in der Arbeitsgruppe Gesundheit diskutiert und sie mit einigen kosmetischen Änderungen gutgeheißen. Dies ist der erste Schritt für ihre Annahme. Draußenrauch- und -dampfverbote mit Berufung auf die EU sind also keineswegs ausgeschlossen, sondern durchaus wahrscheinlich. Derartige Beschlüsse wären ein großer Fehler. Viele Europäer hätten kein Verständnis dafür, wenn die EU ihnen auch noch das Rauchen am Strand und anderswo im Freien verbieten wollte. Ein solcher Schritt würde Stereotype gegen Europa mobilisieren. Den Eurokraten würde Übergriffigkeit und kleinteilige Regelungswut vorgeworfen. Hinzu kommt: Für eine Kontrolle und Durchsetzung der Verbote hätte wohl kein Mitgliedstaat das Personal. Ein Gesetzgeber sollte nur Vorschriften beschließen, die er auch durchsetzen kann.
- Als VIP-Gäste an die Hochschule
Die beruflichen Perspektiven sind hervorragend. Trotzdem studieren immer weniger junge Leute das Fach Agrarwissenschaft. Dabei gibt es gute Beispiele dafür, wie man gezielt Nachwuchs gewinnen kann Die staatliche Universität Hohenheim im Süden Stuttgarts gehört zu den Top-Einrichtungen im Land. Bei der Agrarwissenschaft führt sie laut aktuellem Ranking in Deutschland sogar das gesamte Feld an. Kein Wunder, dass man sich auf dem Campus rund um das ehrwürdige Schloss darum bemüht, Jugendliche für die Agrarforschung zu gewinnen. Baden-Württemberg macht es der Fakultät Agrarwissenschaften mit ihren Instituten und Versuchsstationen aber auch leichter als andere Bundesländer. Denn im Südwesten der Republik kennt man in vielen Landkreisen noch das Agrarwissenschaftliche Gymnasium. Ein Schultyp, der junge Menschen, die sich für Agrarwirtschaft, Landwirtschaft, Gartenbau, Landbau, Weinbau oder die Forstwissenschaften interessieren, in drei Jahren zur Hochschulreife führt. Ein Agrarwissenschaftliches Gymnasium zum Beispiel mit dem Schwerpunkt Agrarbiologie bietet eine gute Möglichkeit, sich mit den biologischen Grundlagen des Lebens, der Ernährung, mit Tier- und Pflanzenkunde und der Umwelt auseinanderzusetzen. Ob in Freiburg im Breisgau, Radolfzell am Bodensee oder Ettlingen bei Karlsruhe – an sechs Standorten in Baden-Württemberg existieren Schulen mit dieser speziellen Ausrichtung. Und die Idee, das Interesse für die Agrarwissenschaft und Agrarwirtschaft auf diesem Wege zu wecken und zu fördern, geht offensichtlich auf. Als Schülerinnen und Schüler der sechs Agrarwissenschaftlichen Gymnasien kürzlich Ergebnisse einer ersten wissenschaftlichen Arbeit präsentierten, hörten auch Ministerialdirektorin Isabel Kling aus dem Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz und Staatssekretär Volker Schebesta vom Ministerium für Kultus, Jugend und Sport genau zu. Denn in der Universität Hohenheim, wo man den Nachwuchs schätzt, sprachen die Jugendlichen über Themen wie die Milchviehhaltung im Schwarzwald, Naturschutz und Weinbau am Kaiserstuhl oder die Zukunftschancen von Biogas als grüne Energie. Entstanden waren diese und weitere Arbeiten in einem Seminarkurs zum Thema „Zukunftsfähige Gestaltung und Stärkung des Ländlichen Raumes“. Dass die erfolgreichen Schülerinnen und Schüler im Prunksaal des Schlosses Hohenheim ihre Urkunden erhielten, unterstrich noch einmal den VIP-Status der jungen Gäste. „Es sind Menschen wie diese, die wir für unsere Universität gewinnen wollen, um uns weiter an der Spitze der Agrarforschung zu behaupten“, erklärte in Stuttgart der Dekan der Fakultät Agrarwissenschaften, Prof. Dr. Ralf Vögele. Was in Baden-Württemberg so gut funktioniert, gibt es nur noch in Niedersachsen, Sachsen und Schleswig-Holstein. Nur vier Bundesländer bieten das berufliche Gymnasium Agrarwirtschaft oder Agrarwissenschaft überhaupt an. In den anderen Ländern gibt es diese Möglichkeit der Spezialisierung nicht oder bloß auf dem Papier. Dementsprechend sieht es an den Universitäten im Land aus. Raus aus der Schule, rein in die Forschung – das System klappt auf diesem Feld nicht. Im Wintersemester 2015/2016 waren 17.648 Studierende im Fach Agrarwissenschaft eingeschrieben. Im Wintersemester 2023/2024 waren es nur noch 14.625. Tendenz: fallend. Wer stets über die Zukunft der Landwirtschaft und des Agrarsektors in Deutschland redet, darf den Aspekt der Forschung und wissenschaftlichen Arbeit nicht vergessen.
- Diesseits der Brandmauer
In Brandenburg ist es der SPD offenbar gelungen, das Bündnis Sahra Wagenknecht zu zähmen. Auch in Thüringen scheint es auf Koalitionsverhandlungen hinauszulaufen. Ob die dortige CDU die Femme fatale einfangen kann, ist unklar. Die entscheidende Person war beim Sushi-Essen wohl nicht dabei. Nach den ersten Runden der Sondierungsgespräche in Thüringen für die sogenannte „Brombeer-Koalition“ aus CDU, SPD und BSW war man sich durchaus nähergekommen, auch persönlich. Vertreter der CDU um Landeschef Mario Voigt und der SPD um Landeschef Georg Maier lobten die angenehme Gesprächsatmosphäre der „Optionsgespräche“. Man sei konstruktiv bei den Themen Bildung, Wirtschaft und sogar Polizei unterwegs. Und lobten auch die BSW-Verhandlungsführer Katja Wolf und Steffen Schütz. Vor allem Schütz sei als aktiver und erfolgreicher Unternehmer durchaus offen für pragmatische und vernünftige Ansätze in der Landespolitik. Ideologiefrei wolle man, so war sogar aus der BSW-Truppe zu hören, das Thema Zukunft der Landwirtschaft und Landnutzung für Bauern und Jäger besprechen. Die Menschen in den ländlichen Räumen bräuchten jetzt wirklich „Angebote, damit sie sich nicht abgehängt fühlen“, so heißt es wörtlich in einem Verhandlungspapier. Friedenspräambel statt Landespolitik Natürlich hört sich das wenig konkret an, bleibt noch unverbindlich, genau wie ein möglicher Zuschnitt der Ministerien Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Erfurt. Aber der Sound und die berühmte Chemie schien zu stimmen. Jetzt sollen auch offiziell Koalitionsverhandlungen. Ob diese dann zu einem Brombeer-Bündnis in Thüringen führen, ist unklar. Und vor allem, welche Forderungen in Sachen Friedenspolitik Wagenknecht dann noch stellt, und wie weit die CDU dann diesseits der Brandmauer weitere Kröten schlucken muss, wird sich ebenfalls zeigen. Denn: Sahra Wagenknecht will keine gute Atmosphäre, will keine Zusammenarbeit. Wagenknecht, die bundesweit als politische Femme fatale gilt, ist auf Zerstörung aus. Zunächst die Linkspartei (darf als erledigt angesehen werden), dann gern die SPD (mit großer Zustimmung ihres Mannes Oskar Lafontaine), später auch gern die CDU. Jetzt fordert sie immer mehr, zuletzt eine „Friedenspräambel“ für die Thüringer Landesregierung. All das kommt aus dem Hintergrund – und immer dann, wenn es vor Ort und konkret zu Fortschritten kommt. Verhandlungen in Brandenburg Ganz anders ist die Situation in Brandenburg. Dort verkündeten die Verhandlungsführer von SPD und BSW Anfang der Woche einen ersten vorsichtigen Durchbruch. Man sehe ausreichend Schnittmengen, so erklärte es der geschäftsführende Ministerpräsident Dietmar Woidke in einem Statement. Der brandenburgische BSW-Vorsitzende Robert Crumbach durfte ebenfalls seiner Partei die Aufnahme von Verhandlungen empfehlen. Auf die Frage, ob Wagenknecht denn schon ihre Zustimmung für eine Koalition von SPD und BSW signalisiert habe, reagierte Crumbach sichtlich genervt. „Man habe sich eng abgestimmt.“ Da geht es um Fragen von Krieg und Frieden, um falsch verstandenen Pazifismus russischer Art – aber bestimmt nicht um Fragen der Landnutzung, Hilfspakete oder Steuerentlastung für Landwirte oder die Forstwirtschaft. Das interessiert Wagenknecht nicht. Öffentlich geriert sie sich als Friedenskämpferin, die gern Israel für den Krieg im Nahen Osten verantwortlich macht. Und noch krasser: die Ukraine habe Schuld am Krieg gegen Russland, trotz der Kriegsverbrechen und des Bruchs des Völkerrechts durch das russische Regime. Das Land, dessen Präsident Putin offen mindestens die Wiederherstellung der Sowjetunion mit direktem Einflussbereich bis nach Deutschland verfolgt, sei nicht der Aggressor, sondern das Opfer. Wagenknecht, ganz gelehrige Schülerin der kommunistischen Plattform der untergegangenen SED, erweist sich als Helfershelferin Putins. Wer diesen Kurs nicht mitmacht, verliert die Gunst erst Wagenknechts. Und dann jegliche Chance, weiter mitmachen zu können oder sich zu wehren. Aber es gibt handelnde Personen im BSW, die sich mehr oder weniger offen diesem totalitären Machtanspruch Wagenknechts entgegensetzen. Allen voran die ehemalige Eisenacher Oberbürgermeisterin Katja Wolf. Sie ist aktuelle Verhandlungsführerin, gilt ebenso wie Schütz und BSW-Landesgeschäftsführer Tilo Kummer als durchaus pragmatisch. Und sogar lösungsorientiert. Genau dies bringt das Trio aber in einen wohl unauflösbaren Gegensatz zu Wagenknecht. Dies formuliert immer neue Hürden, verschärft die Anforderungen an die „Friedenspräambel“. Die gesamte CDU solle diese sich zu eigen machen, schießt Wagenknecht aus dem Hintergrund. Bloß keine Einigung im Sinne der Bildungspolitik des Landes. Oder der Zukunftsfähigkeit der Krankenhauslandschaft im Osten oder gar der Entwicklung des ländlichen Raums. Zerstörung ist der Plan. Ministerpräsidentenwahl als Damoklesschwert Anders als die Brandenburger SPD verfolgt die Thüringer CDU um Mario Vogt einen anderen Plan: Dieser beinhaltet viele Formen der Zusammenarbeit mit dem BSW - zwischen Duldung und Koalition gebe es ja noch andere Modelle. Kann klappen, muss aber nicht klappen, wie sich in Erfurt jetzt zeigt. Im Fall des Scheiterns könnte es so weiter gehen: Bei einer anberaumten Ministerpräsidentenwahl im Thüringer Landtag gewinnt nach zwei Wahlgängen ohne Ergebnis der Kandidat, der auch nur eine einfache Mehrheit auf sich vereint. Die vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestufte AfD ist mit 32 von 88 Sitzen stärkste Kraft im Parlament. Möglich aber auch, dass es diesseits der von der CDU weiter gepflegten Brandmauer doch zu einem Regierungsbündnis mit Wagenknecht kommt.
- Cem 2Ö26 – Özdemirs Kandidatur ein Himmelfahrtskommando?
Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir will in Baden-Württemberg Ministerpräsident werden – als letzter Hoffnungsträger der abgesackten Südwest-Grünen Jetzt kann es losgehen, sagt Cem Özdemir und präsentiert seine längst nicht mehr überraschende Bewerbung um die Spitzenkandidatur der im Frühjahr 2026 anstehenden Landtagswahl in Baden-Württemberg per Instagram-Video. Cem 2Ö26 betitelt der 58-Jährige seine Kampagne, und zumindest das ist nicht unoriginell. Er wolle für das Land alles geben, verspricht Özdemir. Im Ländle wird man sich also spätestens jetzt darin üben müssen, das Z im Nachnamen des schwäbischen Landmanns richtig wie ein stimmhaftes S und das C im Vornamen wie DSCH auszusprechen. Özdemir legt Wert darauf. Die Grünen präsentieren damit einen Mann, dem große politische Erfahrung und ein mit grün-schwarzem Kretschmann-Pragmatismus verbundener ideologiefreier Kurs attestiert wird. Özdemir ist ein politisches Schwergewicht: seit 1981 Mitglied der Grünen, 1994 erster Bundestagsabgeordneter mit türkischen Wurzeln, von 2004 bis 2008 Mitglied des Europaparlaments, bis 2018 zehn Jahre Bundesvorsitzender der Grünen, seit 2013 wieder im Bundestag, seit 2021 mit letztem Ellenbogeneinsatz Bundeslandwirtschaftsminister. Sein Bekanntheitsgrad ist nicht nur im Südwesten hoch, seine realistische und um Ausgleich bemühte Politik über grüne Grenzen hinaus anerkannt. Und doch ist Özdemirs Kandidatur ein Himmelfahrtskommando, auch wenn es noch anderthalb Jahre bis zum großen Showdown dauert; lange Monate, in denen zwischendurch eine neue Bundesregierung gewählt wird und die Zukunft der Grünen als richtungsoffen gilt. Im urbanen Milieu Stuttgarts kann man Özdemirs Kommen kaum erwarten Denn auch in Baden-Württemberg scheint die große Zeit der Grünen vorbei. Hatten sie 2021 noch 32,6 Prozent erreicht, landen sie jetzt bei 18 Umfrage-Prozenten (immerhin noch deutlich über dem Bundesdurchschnitt). Kretschmanns Stern ist verblasst, mittlerweile verbreitet das lahmende grün-schwarze Bündnis eher Überdruss als Zuversicht. Dass die CDU in der Landesregierung nach Kräften dazu beiträgt, wird mehr den Grünen als den Christdemokraten angelastet. Özdemir gilt da als grüner Hoffnungsträger, und in den urbanen Gebieten des Landes wie in Stuttgart kann man sein Kommen kaum erwarten. Hatte der studierte Sozialpädagoge in der Landeshauptstadt nicht nur ein Direktmandat gewonnen, sondern mit 40 Prozent der Erststimmen ein fulminantes, von keinem anderen grünen Sieger erreichtes Ergebnis abgeliefert? Tempi passati. Heute freut sich die CDU über 34 Umfrage-Prozente und hat mit Manuel Hagel für christdemokratische Landes-Gewohnheit einen relativ entspannten Generationswechsel geschafft. Noch ist der 36-jährige Bankkaufmann an der CDU-Spitze wenig bekannt. Hier kann Özdemir punkten. Ob der Bundeslandwirtschaftsminister (der er voraussichtlich 2026 nicht mehr sein wird) allerdings im starken ländlichen Bereich des Südwestens punkten kann, um an der CDU vorbeizuziehen, darf bezweifelt werden. Zumal Özdemir im programmatischen Ringen auf der Seite von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und der künftigen Realo-Parteichefin Franziska Brantner sowie mit offener Sympathie von einem wie Boris Palmer nicht gerade der strahlende Held der murrenden Parteilinken ist. Viel wird davon abhängen, ob Özdemir von Berlin und Kretschmann von Stuttgart aus harmonisch den Übergang schaffen. Ein vorzeitiger, mit dem Rücktritt von Kretschmann verbundener Wechsel Özdemirs in die Staatskanzlei gilt als ausgeschlossen. Zum einen steht Kretschmann dafür nicht zur Verfügung, zum anderen hat die CDU klargemacht, diesen Schritt als Koalitionspartner nicht mitzutragen. Wie auch immer: Für die Südwest-Grünen ist Özdemir eine gute Wahl. Für die CDU eine starke Konkurrenz. Dem Ländle steht ein interessanter Wahlkampf ins Haus.
- Haushaltskrise, Wirtschaftsgipfel und Wolfskonflikt: Politische Herausforderungen im Fokus
Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und zurück auf diese Woche Liebe Leserin, lieber Leser, in drei Wochen wissen wir mehr: Am 14. November ist die sogenannte Bereinigungssitzung des Haushaltsausschusses im Bundestag. Am 29. November, also zwei Wochen später, steht dann die dritte Lesung und Verabschiedung des Etats für 2025 auf der Tagesordnung des Bundestages. In der Bereinigungssitzung wird üblicherweise bis weit nach Mitternacht versucht, strittige Punkte auszuräumen. Da lohnt sich der genaue Blick auf die Regierungsfraktionen, weil sich dann zeigen wird, ob die Regierung das geplante Ende der Legislaturperiode erreichen wird oder die Koalition bricht. Ob Bruch oder auf den Posten bleiben: Die politische Handlungsfähigkeit wird sich für die letzten Monate dieser Legislaturperiode in allen denkbaren Szenarien wohl zunehmend einschränken. Neben der noch nicht geklärten Schließung der bisher bekannten 12-Milliarden-Lücke steht die Finanzierung der zum Teil auch innerhalb der Ampel strittigen Ausgabenpositionen wie etwa Bürgergeld, Renten, Wachstumsinitiative mit neuen Subventionen, Investitionsanreizen, Krankenhausreform, Verkehr oder Rüstung auf den Zetteln der Fraktionen. Über der Aufzählung der politischen Knackpunkte lastet dann noch die Aussage des Bundesrechnungshofes, der in seinem Bericht an den Haushaltsausschuss „Mängel und Risiken“ feststellt, bei denen die Konsolidierung des Haushalts „aus den Fugen geraten“ sei. Nach dem beschlossenen Nachtragshaushalt für dieses Jahr zur Finanzierung zusätzlicher Ausgaben unter anderem für das Bürgergeld habe sich die Nettokreditaufnahme im Vergleich zu den ursprünglichen Plänen der Bundesregierung verdreifacht. Und dann haben noch die Steuerschätzer getagt. Ergebnis: keine guten Prognosen. Die Steuereinnahmen liegen im Vergleich zur letzten Berechnung im Mai für 2025 um 12,7 Milliarden Euro niedriger; bis 2028 werden es insgesamt 58 Milliarden weniger. In dieser Woche wurde der Kanzler kritisch, aber freundlich beim Kongress des Arbeitgeberverbandes aufgenommen. Irgendwie ist man ja auch gegenseitig aufeinander angewiesen. Die Schlagzeile der Welt dazu: „Die Wirtschaft fordert und Scholz verspricht“ . Der Kanzler lädt danach noch zum Industriegipfel mit Unternehmern am nächsten Dienstag ein. Habeck übrigens macht ähnliches Ende November. Und Lindner hat wohl ebenfalls noch einen Termin mit Wirtschaftsvertretern. Das sieht alles nicht gerade koordiniert aus. Dazu kam in dieser Woche noch Habecks Vorschlag, gegen die Wirtschaftsflaute einen „Deutschland-Fonds“ aufzulegen, hinter dem der Finanzminister eine „fundamental andere Wirtschaftspolitik“ vermutet und von dem er vorher nichts wusste. Lindner wiederum hat sich Gedanken über neue Bürger- und Wohngeldregelungen gemacht, die der Kanzler lediglich „zur Kenntnis genommen“ habe, wie der Regierungssprecher formulierte. Im ZDF beklagte sich Lindner jetzt so: „Die Vorschläge von Herrn Scholz waren nicht abgestimmt und die von Herrn Habeck auch nicht.“ Zusammenarbeit sieht anders aus. In den Unternehmen wachsen unverändert die Zukunftssorgen , wie in fast jeder „Tagesschau“ in diesen Tagen vermeldet wird. Angesichts der IWF-Prognose eines Null-Wachstums fühlen sich viele Manager bestätigt, die zu 90 Prozent in einer Umfrage der Arbeitgeberverbände die Aussage bestätigten, diese Regierung habe keine durchdachten Konzepte gegen die vielen Krisen. Also warten wir bis Ende November ab, welcher Wirtschaftsgipfel was bringt und wie das dann alles am Ende finanziert werden soll. Übrigens sind zum ländlichen Raum, in dem über 60 Prozent der Menschen leben und arbeiten, weder Gipfel noch Antworten auf offene Fragen zu erwarten. Um diese überwiegend strukturschwachen Regionen geht es aktuell besonders in den Bundesländern, wo gerade gewählt wurde. Dort wird in geradezu quälenden Prozessen versucht, handlungsfähige Regierungen auf die Beine zu stellen. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Dame, die weltpolitische Krisen in Dresden, Erfurt und Potsdam lösen will. Vor einem Jahr hat sich Sahra Wagenknecht mit ihrer Abspaltung von der Linken auf den Weg gemacht, als Eine-Frau-Partei die politische Landschaft aufzumischen. Mit ihrem BSW hat sie sich in den drei Ländern so in Position gebracht, dass ohne ihr Bündnis nichts geht. Ihr Ziel ist die Bundestagswahl und offensichtlich nicht die Mitgestaltung der Zukunft in den Ländern derjenigen, die diese neue Partei ohne Regionalprogrammatik in die Landtage gewählt haben. Wer mehr darüber lesen möchte, dem empfehle ich hier die Lektüre unseres Gastautors Hugo Müller-Vogg zu Wagenknechts Plan bei Focus . Wolf: Der Druck wächst, miteinander zu reden und zu handeln Wie überall im Lande beschäftigt weiter das Thema Wolf Weidetierhalter, Revierinhaber auf der einen, Vertreter von Behörden und Wolfsschutzbewegte und -initiativen auf der anderen Seite meist mit jeweils kontroversen Missionen. Dazwischen stehen die amtlich bestellten „Wolfsbeauftragten“ und zuständige Ämter wie das LANUV in NRW. Der Druck wächst mit der Population und Zunahme von Wolfsrissen . Das Thema haben wir schon vielfach in unserem Blog und in Wochenkommentaren aufgegriffen. Nach den Daten der „Deutschen Dokumentations- und Beratungsstelle Wolf“ steigt die Zahl der Rudel, Paare und Einzeltiere ständig. Der Deutsche Bauernverband geht für das Monitoringjahr 2023/2024 von 1.800 bis 3.300 Tieren in Deutschland aus. Das wäre schon eine dramatische Zunahme nach den offiziellen Zahlen für den Vorjahreszeitraum mit 1.400 bis 2.500 Tieren. Im Rheinland ist es jetzt gelungen, dass „qualifizierte Vertreter aller beteiligten Seiten in einer gemeinsamen Veranstaltung miteinander und mit dem relevanten Umfeld reden“. So formulierte es als Moderator Detlef Steinert, der Chefredakteur der Landwirtschaftlichen Zeitung Rheinland. Eingeladen hatten die Kreisbauernschaften der Kreise Euskirchen und Düren sowie der Städteregion Aachen gemeinsam mit den drei Kreisjägerschaften dort. Zu den Teilnehmern zählten nicht nur Nutztierhalter, Jäger und Naturschützer, Verbände, Forst und Tourismus, sondern auch zahlreiche Gäste aus Verwaltungen und Politik, darunter die Vertreter der örtlichen Kommunen, aus den Fraktionen aller drei Kreise sowie Abgeordnete des NRW-Landtages. Am Ende des Tages, so war in der Berichterstattung über diese Veranstaltung zu lesen, ist ein gegenseitiges Verständnis vielleicht gewachsen – auch angesichts geschilderter „aufwühlender Fälle von Wolfsangriffen auf Nutztiere“ mit entsprechenden Bildern. Dazu gehört, so äußerte es der vom LANUV beauftragte Wolfsberater: Wenn er zum Geschehen gerufen werde, finde er dort nicht nur tote, sondern auch schwer verletzte, noch lebende Tiere vor . „Die Ohnmacht, diese Tiere nicht erlösen zu dürfen und das Leid der Halter zu sehen, die ihre Tiere im Todeskampf begleiten, sei unerträglich.“ Hier wurde politischer und behördlicher Handlungsbedarf mehr als deutlich. Immer wieder geht es auch um die emotionale Belastung der betroffenen Tierhalter . Der Vertreter des grün geführten Umweltministeriums in NRW betonte, die Sorgen und Bedenken der Tierhalter ernst zu nehmen, um gleichzeitig vor „unsachlicher Panikmache“ zu warnen. Für den Vertreter des Bauernverbandes dagegen ist die Sache wohl klar: „Die derzeitige Wolfspolitik sei gescheitert.“ Zumindest für die beteiligten Kreisjägerschaften ist sichtbar, wie wichtig solche Plattformen für den Austausch von Wissen und Erfahrungen sind. Dem kann man nur zustimmen, wenn wir in der Wolfspolitik überhaupt weiterkommen wollen. So wichtig die Entscheidungen in Berlin und Brüssel auch sind – regional ist nun einmal praxisnah. Ein Beispiel, das Schule machen könnte Zur Jagd gehört auch die Pflege von Traditionen . An Ideen neuer, nachhaltig wirkender Aktionen mangelt es bekanntlich nicht. So war auch ich an einem bemerkenswerten Beispiel beteiligt, das von Beständern einer Niederwildjagd im münsterländischen Everswinkel vor zwölf Jahren begründet wurde. Wer seitdem dort zum Jagdkönig gekürt wird, soll beim Schüsseltreiben nicht die übliche Runde ausgeben, sondern verpflichtet sich, einen Obstbaum alter Sorten zu spenden und mit zu pflanzen. Er kommt in eine „Majestäten-Galerie“, die neben einem Insektenhotel am Wegesrand Spaziergänger (und wie es im Münsterland heißt: „Pättkesfahrer“, die auf dem Rade vorbeikommen,) erfreuen soll. In der Lokalzeitung war zu lesen, dass inzwischen mit zusätzlichen Stiftern der 50. Obstbaum dort steht. Alle tragen Früchte – auch durch aktive Pflege und Hege von Flora und Fauna. Das funktioniert am besten, wenn Flächeneigentümer und Jäger zusammenwirken. Das Beispiel könnte doch Schule machen. Unsere Stiftung setzt sich in ihren Projekten und mit der Öffentlichkeitsarbeit für Biotopschutz, Artenvielfalt, Naturpflege und -nutzung sowie die Jagd in ihrem gewachsenen Umfeld ein. Ihre Maßnahmen werden durch Spenden und Zuwendungen finanziert . Dafür werben wir unter anderem wieder in Kürze auch bei den Beziehern unseres Newsletters. Mit dieser empfehlenden Schlussbemerkung wünsche ich auch im Namen unseres Autorenteams ein hoffentlich sonniges Herbstwochenende mit allen Schönheiten der Natur Ihr Jost Springensguth Redaktionsleitung / Koordination
- Rothirsch: Weiter Weg auf Freiersfüßen
Das Rotwild nutzt uralte Fernwechsel. Jetzt konnte zum ersten Mal eine solche Wanderung im Norden Deutschlands genau dokumentiert werden. In Fachkreisen gilt die Aufzeichnung der Wegstrecken als Sensation Der Bargfelder, wie er in der Region genannt wird, ist ein 18-Ender vom zehnten Kopf, will sagen: Er ist für einen Rothirsch im besten Mannesalter. Strotzend vor Kraft und hormongetrieben hat er eine weite Reise absolviert. Rund 70 Kilometer legte er zurück, um in der Segeberger Heide an der Brunft teilzunehmen und dann wieder heimzukehren in das Naturschutzgebiet Duvenstedter Brook am nördlichen Hamburger Stadtrand. Die Tour zum Transport seiner Gene von der einen Teilpopulation in die nächste hat den Hirsch durch einen gefährlichen und engen Wanderkorridor geführt. Allein auf dem 32 Kilometer langen Hinweg überquerte er nach Angaben des Landesjagdverbandes Schleswig-Holstein Anfang September in zwei Nächten 14 oft stark befahrene Straßen und schlich sich durch teilweise dicht besiedelte Gebiete. Dass Rotwild uralte Fernwechsel nutzt als Trassen zu Äsung, Sexualpartnern und neuen Lebensräumen und mit seiner Mobilität zur Paarungszeit die genetische Vielfalt und die langfristige Existenz seiner Art sichert, ist bekannt. Erstmals konnte nun eine solche Wanderung im Norden Deutschlands genau dokumentiert werden. Die Forscher sprechen von einer „Sensation“. Möglich geworden ist dies durch die Besenderung des Bargfelders, der abgesehen von seinem imposanten Geweih auch an einer kahlen Stelle im Fell auf der rechten Schulter sicher identifizierbar ist und schon in den Vorjahren zur herbstlichen Brunft in der Segeberger Heide beobachtet wurde. Einfach war das gemeinsame Projekt von Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein, Landesjagdverband Schleswig-Holstein sowie den Schleswig-Holsteinischen Landesforsten nicht. Die Beteiligten wussten, „dass es fast unmöglich ist, einen ganz bestimmten Hirsch zu narkotisieren und zu besendern“, berichtet der Wildbiologe Frank Zabel, der Initiator des Projektes vom Landesjagdverband Schleswig-Holstein. Im Juli lagen sie nach guter Vorbereitung durch örtliche Unterstützer mehrere Abende auf der Lauer, bevor es gelang, den Hirsch mit einem Narkosepfeil zu betäuben und dann den GPS-Sender anzulegen. Positionsermittlung im Stundentakt Danach hieß es abzuwarten, bis der Bargfelder sich am 31. August auf den Weg machte. Gut dreieinhalb Wochen hat er insgesamt in der Segeberger Heide verbracht, bis er am 27. September innerhalb von nur zwölf Stunden zurückgekehrt ist. Bestens ließ sich das alles und auch jede weitere Bewegung des Hirsches verfolgen. Denn seit der Besenderung wird jede Stunde die Position des Tieres ermittelt. Zwar sind die Wanderachsen der Rothirsche zwischen den beiden Gebieten seit vielen Jahren bekannt und waren Gegenstand mehrerer Forschungsarbeiten. Aber mithilfe der Telemetrie ist es jetzt erstmals gelungen, die bisherigen Modell-Annahmen mit Bewegungsdaten zu belegen. Dabei zeigte sich, dass der Bargfelder einen Korridor nutzt, der bis zu zwei Kilometer, aber an der schmalsten Stelle nur 200 Meter breit ist. „Es wäre schön, wenn der Sender ein weiteres Jahr durchhält“, hofft Marcus Meißner, Rothirsch-Experte der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein, „danach können wir das Halsband auf Knopfdruck wieder ablösen.“ Grundsätzlich wird bei großräumigen Bewegungen von Wildtieren unterschieden zwischen Wanderung und Abwanderung, also endgültigem Verlassen des mütterlichen Streifgebiets. Letzteres tun junge Hirsche üblicherweise im Alter von 2,5 Jahren. Echte Wanderungen hingegen gehen immer in zwei Richtungen, Hin- und Rückweg. Die getrennten und nur jahreszeitlich genutzten Teile des Streifgebietes können beim weiblichen Wild zum Beispiel die Setzeinstände sein, wo der Nachwuchs zur Welt gebracht wird, und besonders ergiebige Äsungsflächen. Bei den Hirschen wird meistens zwischen den Feisteinständen, in denen sie sich die körperlichen Reserven für die anstrengende Paarungszeit anfressen, den Brunftplätzen und den Wintereinständen unterschieden. Bis zu 400 Kilometer zwischen Winter- und Sommereinstand Ein reifer Hirsch kann solche Wechsel im Laufe seines Lebens viele Male entlang ziehen. Datenauswertungen belegen, wie schnell und gezielt solche Wanderungen erfolgen. Die vom Bargfelder zurückgelegte Strecke ist dabei keineswegs rekordverdächtig. Wildbiologen der Universität Wyoming etwa wiesen für ein besendertes Maultierhirschtier, das sie „255“ nannten, das jährliche Überwinden einer Distanz von rund 400 Kilometern zwischen Winter- und Sommereinstand nach. Dr. Konstantin Börner schreibt auf der Homepage der Zeitschrift Pirsch zu den Brunftwanderungen des Rotwildes, die es in geringerem Umfang auch von weilblichen Tieren gibt: „In verschiedenen Untersuchungsgebieten Deutschlands stellte man Brunftwanderungen zwischen fünf bis 20 km fest (Tottewitz & Neumann 2010). In Skandinavien wurde in einer Studie mit 96 Hirschen mit durchschnittlich 14 km eine vergleichbare Distanz festgestellt. Es ist dabei jedoch keine Seltenheit, wenn einzelne Individuen deutlich größere Entfernungen zurücklegen. Neumann et al. (2007) berichten von einem Hirsch, der zwischen zwei relativ kleinen Gebieten (ca. 500 ha) pendelte, die 20 km entfernt voneinander lagen. Janermo (2008) fand in Schweden einen Hirsch, der 47 km bis zu seinem Brunftplatz wanderte. Wagenknecht (1985) spricht sogar von sogenannten Wanderhirschen, die in der Brunft bis zu 100 km weit ziehen. In diesem Zusammenhang ist auch die größte bislang dokumentierte Brunftwanderung zu erwähnen, die von der West- bis zur Ostküste Schottlands verlief. Der Hirsch legte dabei eine Distanz von 120 km zurück (Clutten-Brock 1982).“ Welche Faktoren dieses Wanderverhalten auslösen, ist bislang noch nicht vollständig geklärt. Sicher aber folgt das Rotwild nicht beliebigen Wegen. Wissenschaftlich belegt ist vielmehr, dass es sich an fest etablierten und tradierten Korridoren orientiert. Deshalb ist es wichtig, diese Routen freizuhalten von Barrieren, die unüberwindbar sind (siehe unsere Blog-Beiträge „Rotwild gibt´s nicht zum Nulltarif“ und „PV-Freiflächenanlagen – Fluch oder Segen“ ).
- Der Zug der Kraniche
Die Kraniche sind aktuell unterwegs auf ihren weiten Flügen vom Norden in den Süden. Die Routen verändern sich. Und einige bleiben gleich ganz zu Hause. Kraniche verändern ihr Navigationssystem Die Blicke der Vogelzähler gehen aktuell mit großem Interesse und Aufmerksamkeit in den Himmel. Überall in Deutschland beobachten die Experten, wie viele Kraniche sich aufmachen, um ihre Winterquartiere aufzusuchen. Und welche Routen angesichts der sich verändernden klimatischen Bedingungen die Tiere wählen. Besonders an der Ostsee in Mecklenburg-Vorpommern herrscht aktuell großes Treiben am Himmel und in den Rastplätzen. Allein auf der größten deutschen Insel, auf Rügen, haben freiwillige Vogelzähler 35.000 Kraniche gezählt, die an einem Wochenende für ihre Reise in die Winterquartiere dort Station genommen haben, um sich Reserven anzufressen und einen ersten Halt zu machen. „35.000 Tiere an einem Wochenende im Oktober, das ist schon eine ganze Menge“, berichtet Günter Nowald, Leiter des Kranichzentrums in Groß Mohrdorf bei Stralsund. Viele Tiere kämen aus Skandinavien, einige auch aus Polen. Doch über diese Route aus dem Osten wisse man eher wenig. Auch an der Darß-Zingster Boddenkette befinden sich 19 Schlafplätze. Bruterfolg wieder zufriedenstellend Zum ersten Mal seit gut zehn Jahren ist der Bruterfolg gerade im Nordosten wieder zufriedenstellend. Grund sind die relativ hohen Wasserstände in den Feuchtgebieten, die den Kranichen gute Plätze zum Brüten nutzen. Sie finden aufgrund der hohen Wasserstände zudem aktuell Schutz vor anderen Tieren und Menschen. „Massenflugtage“ über vielen Regionen Die vorpommersche Ostseeküste ist eines der größten Rastgebiete der Kraniche in Europa. Auf Rügen, auf der Insel Poel oder auch an der Boddenkette in Mecklenburg-Vorpommern machen die Vögel dann Halt, um sich dort ihre Energiereserven für den Weiterflug anzufressen. Die nächste Etappe führt die Tiere in der Regel weiter nach Süden, in der Diepholzer Moorniederung ist für viele der nächste Stopp. Auch über Hessen sind aktuell sehr viele Kraniche zu beobachten. Dort machen die Tiere vor allem Rast, wenn die Flugbedingungen schlecht sind. Bei Hochdruckwetter können Schaulustige dort regelrechte „Massenflugtage“ mitverfolgen. Ein Spektakel, ohne jeden Zweifel. Meist kann man nach Angaben von Vogelkundlern die Vögel in Hessen über den Flusstälern Ober-, Ost- und Mittelhessens und nachmittags oder abends sichten, da sie morgens von der Ostsee aus aufbrechen. Die Kraniche können flexibel auf das Klima reagieren Von dort geht der Flug der Kraniche weiter nach Nordostfrankreich in ein Gebiet zwischen Metz und Nancy, weiter in den Südwesten und über die Pyrenäen bis hin zur Region Extremadura in Westspanien. Dort bleiben die Tiere dann bis Mitte Februar, bis sie sich auf ihre Rückkehr in den Norden startklar machen. Routen verändern sich Doch genau dieser Zug, den die Kraniche seit Jahrhunderten im Herbst und im Frühling verfolgen, verändert sich aktuell in starkem Maße: Experten schätzen, dass schon jetzt 10.000 bis 30.000 Tiere den Winter ganz in Deutschland verbringen. Der Grund: Auch in hiesigen Rastregionen gibt es im Winter kaum länger geschlossene Frost- oder Schneedecken, die die Nahrungssuche erschweren oder ganz unmöglich machen. Konsequenz: Die Vögel finden somit auch in ihren Sommerregionen durchgehend Nahrung und sind nicht mehr gezwungen, den gefährlichen Flug in den Süden anzutreten. Und sie können flexibel reagieren. Sollte es im Herbst oder Winter doch noch kalt oder schneereich werden und sollten sich die Flächen über längere Zeit schließen, können die Kraniche kurzfristig die „Winterflucht“ antreten. Doch das muss nicht immer notwendigerweise der Flug bis nach Spanien sein, sondern sie können in Frankreich oder Süddeutschland Regionen finden, wo es auch im Winter freie Äcker oder Felder gibt. Deutschland wird also weniger Transitroute, sondern sogar zunehmend zum Überwinterungsquartier. Die Menschen müssten dann verzichten auf den schönen Anblick der Kraniche am Himmel und ihren ganz besonderen Ruf, den viele im Februar als Vorboten des Frühlings deuten.












