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  • Gewählt wurde das Ende weiterer Experimente

    Die Deutschen haben eine andere Richtung gewählt. Gleichwohl haben sie auf den ersten Blick noch keine klaren Verhältnisse geschaffen. Eine spontane Bewertung am Wahlabend Foto: Makrodepecher / pixelio.de Die Wahl war am Sonntag mehr von einer Abschieds- als von einer klaren Wechselstimmung geprägt. Das bestätigte sich bereits zu Beginn des Zitterabends mit der Abfolge der Hochrechnungen. Es war schon länger zu spüren, dass es ein verbreitet diffuses Unzufriedenheitspotenzial gibt – nicht erst in den letzten Tagen. Eine klare Ansage mit klaren Mehrheiten haben die Deutschen über ihre Stimmzettel dennoch nicht gemacht. Wir haben uns inzwischen daran zu gewöhnen, dass wir zwar eine stabile Demokratie sind. Sie wird aber geprägt sein von Kompromissen und Zugeständnissen. Das gilt auch für den künftigen Kanzler. Es ist bei uns anders als bei den Amerikanern, Engländern und noch den Franzosen. Wir entwickeln uns aus den Zeiten klarer Mehrheiten heraus zu einer Koalitionsdemokratie. Das macht das Regieren bei uns komplizierter und damit schwerer. Mit Blick auf die USA ist das am Ende vielleicht auch gut so. Jetzt haben die Deutschen also den politischen Wechsel gewählt – zumindest was den Kanzler und damit die Kanzlerpartei betrifft. CDU und CSU sind am Wahlabend mit klarer Eindeutigkeit zur erneut führenden Kraft in Deutschland bestimmt worden. Friedrich Merz wird Kanzler. Dagegen ist Olaf Scholz mit seiner Kraftmeierei in den letzten Wochen und seiner Selbstbeschreibung eines starken und besonnenen Regierungschefs wegen mangelnder Überzeugungskraft abgestraft worden. Sein sogenanntes Ampel-Bündnis „Mehr Fortschritt wagen“ wollte für Experimente stehen. Nicht erst seit der als Entlassung verkaufte Absprung Christian Lindners hat sich für jedermann gezeigt: Das Experiment ist schiefgegangen. Die politischen Verhältnisse wurden seit dem Haushaltsurteil des Bundesverfassungsgerichts von Monat zu Monat instabiler. Rezession, Unterordnung fast aller Themenfelder unter zu ehrgeizige Klimaziele, eine nicht geregelte Migration und das wachsende Unsicherheitsgefühl unter den Menschen haben sich zu einer für die Ampel unlösbaren Summe aufgestaut. Realitätssinn und neue Perspektiven Jetzt ist Friedrich Merz dran. Mit wem auch immer muss er eine Koalition bilden, die auf stabilen Füßen steht, die die aufgestauten Probleme mit Realitätssinn abarbeitet und neue Perspektiven schafft. Schauen wir auf das, was sich in den nächsten Tagen tun wird. Da spielen natürlich die Ergebnisbetrachtungen im Einzelnen eine Rolle, auf die wir in unserem Blog morgen insbesondere auch mit Blick auf die ländlichen Räume und ihrer Themen eingehen werden. Ist da überhaupt Zeit, bei den alles überlagernden großen Komplexen auf die anderen vermeintlich kleinen Regelungsnotwendigkeiten zu blicken? Dass die Politik in ihrer Handlungsbreite kaum im Wahlkampf gespiegelt wurde, ist vielleicht ein Grund für die Entwicklung zu unserer zersplitterten Parteienlandschaft. So wurde sie uns gerade am Wahlabend in den vielen Grafiken anschaulich vor Augen geführt. Das Wahlergebnis zeigt sich bereits nach den ersten Hochrechnungen als ein Ergebnis der breiten Unzufriedenheit. Sie zeigt nicht nur bei den bisherigen Koalitionsparteien SPD und Grüne. Die FDP hat sich da am Ende doch noch vielleicht etwas herausgemogelt. Auf der anderen Seite der Medaille mit der Prägung einer Maulerei steht die AfD. Sie wird anhaltend von ihren Wählern als stabil gehaltene 20-Prozent-Kraft ihre Rolle jenseits der Brandmauer weiterspielen. Sie zeichnet wohl weiter eine Kulisse mit populistisch verlockenden Angeboten. Offensichtlich hat sie besonders auf dem Lande gepunktet und wird das weiter versuchen. Aber: Wir brauchen Stabilität aus der Mitte. Die linke Seite im Lager der Populisten hat zwar bei der gleichnamigen Partei jungen Zulauf erhalten. Die Linke hielt der Abspaltung des BSW stand. Sahra Wagenknecht hat mit ihren Friedensfackeln zu den Landtagswahlen in den neuen Bundesländern ein Strohfeuer entfacht. Was bleiben der Dame da noch für Argumente, wenn Trump seinen Diktatfrieden durchzieht? Wir werden erleben, dass die Sozialdemokraten ihre gescheiterten Experimente hinter sich lassen und sich nach dem schlechtesten Wahlergebnis ihrer Parteigeschichte wohl auf ihren Markenkern besinnen. In welcher personellen Konstellation sie das angehen, wird spannend. Da werden künftig zwangsläufig Namen eine Rolle spielen, die sich bisher in der zweiten Reihe gehalten haben. Ausexperimentiert haben sich aufs erste einmal die Grünen. Sie haben in ihrer Regierungsbeteiligung für die ländlichen Räume andere Rezepte aus dem Köcher geholt als diejenigen, die dort wohnen und arbeiten, für sich selbst vorstellen. Vielleicht regt für uns alle einmal der Außenblick eines Politikwissenschaftlers jenseits unseres Landes zu etwas mehr Kontinuität auch in den Haltungen von Wählerinnen und Wählern an: „Die Deutschen wechseln gern von einem Extrem ins andere. An einem Tag bauen sie so schnell wie möglich Atomreaktoren. Am nächsten sind sie wild entschlossen, die Atomkraft wieder abzuschaffen.“ Daraus kann man auch mal lernen. Gerade nach so einem Wahlabend mit Blick auf die Wechselströme im Wahlverhalten.

  • Richtungswahl auch für den ländlichen Raum

    Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und auf die Bundestagswahl Liebe Leserinnen und Leser, in unserem Wochenkommentar befassen wir uns mit der morgigen Bundestagswahl und ihrer besonderen Bedeutung für den ländlichen Raum, ziehen eine erste Bilanz der Politik der vergangenen Jahre und weisen auf die immensen Herausforderungen hin, vor denen die künftige Bundesregierung mit Blick auf Landwirte und andere Naturnutzer steht. Wir schauen nach Rheinland-Pfalz, wo der Wolf ins Jagdrecht aufgenommen werden soll. Und zum Schluss noch ein Thema, das vor allem die Jäger unter uns – aber nicht nur sie – ebenfalls stark interessieren dürfte: Wild im Winter. An diesem Sonntag werden die politischen Karten in Deutschland endlich neu gemischt . Viel zu lange hatte die Berliner Ampelkoalition intern streiten und zentrale Aufgaben vernachlässigen können. SPD, Grüne und Liberale waren nach der letzten Bundestagswahl mit großen Ambitionen gestartet. Doch am Ende blieben bei allen Beteiligten – voran den Bürgern – nur Enttäuschung, Frust und teils heftiger Zorn über Versäumnisse und strategische Fehlentscheidungen. Dieses politische Debakel ist vor allem mit zwei Namen verbunden: Olaf Scholz und Robert Habeck. Der SPD-Kanzler vermochte es praktisch nie, die versprochene Führungsstärke zu zeigen, überzeugende politische Akzente zu setzen oder zumindest sein Verhalten den Bürgern plausibel zu erklären. Das ist für einen Kanzler eine denkbar schwache Leistungsbilanz . Noch düsterer sieht es beim grünen Wirtschaftsminister in der Ampelkoalition aus. Habeck brachte die Bürger mit einem unsäglichen Heizungsgesetz auf der Palme. Er verunsicherte kleine und größere Betriebe mit immer neuen ideologisch motivierten Vorschriften und Programmen. Das Ergebnis: wirtschaftlicher Stillstand in Deutschland und teilweise sogar Rückschritt. Damit ist Habeck bei der wichtigsten Aufgabe  eines Wirtschaftsministers – Berechenbarkeit für Zukunftsinvestitionen zu schaffen und Impulse für anhaltendes Wachstum zu setzen – krachend gescheitert . Nicht zuletzt im ländlichen Raum ist seine Politik daher auf viel Widerstand und Unverständnis gestoßen. Man denke hier nur an die heftigen Proteste der Landwirte und anderer Naturnutzer vor einem Jahr. Wahl noch nicht gelaufen Man kann nur hoffen, dass nach der morgigen Bundestagswahl ein anderer politischer Wind weht. In Berlin muss möglichst schnell eine handlungsfähige und energisch agierende Regierung gebildet werden. Das könnte jedoch schwierig werden. Denn niemand sollte sich täuschen: Die Wahl ist noch keineswegs gelaufen, auch wenn die Umfragen auf einen klaren Vorsprung der Union hindeuten. Denn erstens haben sich Demoskopen schon oft getäuscht und zweitens bleibt ungewiss, ob am Ende eine Zweier- oder womöglich doch wieder eine Dreier-Koalition notwendig sein wird. Letzteres gilt es möglichst zu verhindern. Denn die letzten Jahre haben gezeigt, wie schwer ein Bündnis zu dritt  auf einen gemeinsamen Nenner kommen kann. Zu viele Partner könnte auf zu viel Blockade hinauslaufen. Wie knapp es am Sonntag zu werden droht, zeigt das letzte ZDF-Politbarometer vor der Wahl: CDU 28 Prozent, AfD 21, SPD 16, Grüne 14, Linke 8 sowie FDP und BSW jeweils 4,5 Prozent. Umso wichtiger, dass auch im ländlichen Raum möglichst viele Bürger zur Wahl gehen, um ihren spezifischen Interessen und Anliegen mit der Stimmabgabe Geltung zu verschaffen. Die Herausforderungen sind immens , denn anders als früher sind Deutschland und die Europäer zunehmend auf sich allein gestellt. Dies hat die Rede des amerikanischen Vizepräsidenten Vance am vergangenen Wochenende auf der Münchner Sicherheitskonferenz in brutaler Weise deutlich gemacht. Der neue Kurs in Washington wird auch bei uns zu schmerzhaften Anpassungen führen, die jeder Bürger zu spüren bekommt. Hier geht es nicht nur um drastisch höhere Verteidigungsausgaben, sondern auch um einen drohenden Zollkrieg mit den USA. Unter der Entwicklung könnten nicht zuletzt die deutschen Agrarexporte leiden, die eine wichtige wirtschaftliche Stütze im ländlichen Raum sind. Denn Lebensmittel aus Deutschland sind international stark nachgefragt. Ländliche Themen nur am Rande Alles in allem verlief die Schlussphase des Wahlkampfs vergleichsweise geordnet und fair. Ärgerlich und zugleich bezeichnend ist jedoch, dass die spezifischen Themen des ländlichen Raumes – wenn überhaupt – eher am Rande behandelt wurden. Dies gilt für die weiterhin unzureichende Versorgung mit schnellem Internet über schlechte Verkehrsanbindungen bis hin zu den großen Herausforderungen in den Bereichen Klimawandel und Landwirtschaft. Ein Beispiel sind die geplanten und fast schon für selbstverständlich gehaltenen Solarparks über landwirtschaftlichen Flächen . Dabei geht eine solche Form der Nutzung zu Lasten der Ernährungssicherheit. Außerdem gibt es genug ungenutzte Dächer von Privathäusern, Behörden, Einkaufszentren und Fabriken, die zur Energiewende beitragen könnten – vorausgesetzt, dass dafür die politischen und finanziellen Voraussetzungen geschaffen werden. Zu den Forderungen der Landwirtschaft gehören im Übrigen etwa Biodiversität und Naturschutz ohne Ordnungsrecht und Verbotspolitik, eine wirksame und ernst gemeinte Initiative zur Entbürokratisierung sowie, die Leistung der Land- und Forstwirtschaft beim Klimaschutz zu honorieren und erneuerbare Energien zu fördern. Apropos Finanzen. Vielen Kommunen gerade in strukturschwächeren Regionen droht der finanzielle Kollaps. So hatten die kommunalen Spitzenverbände für das vergangene Jahr ursprünglich mit einem Defizit von etwas mehr als 13 Milliarden Euro gerechnet. Tatsächlich beträgt das Minus bereits nach den ersten drei Quartalen fast 25 Milliarden Euro, berichtete das Handelsblatt. Hier geht es nicht um irgendwelche abstrakten Summen, sondern um ganz konkrete Vorhaben, die gerade im ländlichen Raum jeder Bürger vor Ort unmittelbar spürt: in seinem Verein, bei der Feuerwehr oder auch in der Jugendarbeit. Kurzum, die Kommunen brauchen einen höheren Anteil bei der Verteilung der Steuereinnahmen. Auch dieses Thema ist im Wahlkampf leider unterbelichtet geblieben. Erfolg für Jäger und Bauern Foto: Doris Opitz / pixelio.de Dass politischer Druck von Naturnutzern durchaus positive Wirkung haben kann, zeigt sich aktuell in Mainz. Dort haben sich jetzt die Landtagsfraktionen der Regierungskoalition und das zuständige Ministerium auf eine Aufnahme des Wolfs in das Jagdrecht  verständigt. Vorausgegangen war ein entsprechender Vorstoß des Bauern- und Winzerverbands Rheinland-Nassau (BWV) und der Interessengemeinschaft der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer (IGJG). Sie hatten in der Debatte um die Novellierung des Landesjagdgesetzes umfangreiche inhaltliche Stellungnahmen eingebracht. Der IGJG-Vorsitzende Josef Schwan sagte: „Nicht nur für die Tierhalter in den Mittelgebirgsregionen, sondern auch für die Grundeigentümer und Jagdgenossen ist dies ein wichtiges Signal, dass ihre Sorgen endlich von der Politik wahrgenommen werden. “ BWB-Präsident Marco Weber sprach von einem ersten Schritt in die richtige Richtung: „Gerade in letzter Zeit haben nachgewiesene Übergriffe von Wölfen in unserem Verbandsgebiet hier im nördlichen Rheinland-Pfalz enorm zu zugenommen.“ Der Wolf scheine die Scheu vor den Menschen verloren zu haben, da er auch in Ställe eindringe. Die neue Bundesregierung müsse nunmehr dafür sorgen, dass auch der Schutzstatus des Wolfs durch die Europäische Union abgesenkt werde. Bund und Länder müssten dann praktikable Vorgaben für ein wirkungsvolles Bestandsmanagement und zur Entnahme auffälliger Wölfe erarbeiten. Zum Schluss noch ein Blick in unsere heimischen Wälder. Knackig kalte Luft und zumindest in den Mittelgebirgen und alpinen Regionen winterlicher Schnee locken die Menschen in die Natur. Kaum jemand denkt dabei daran, dass Wald und Wild nun im Wintermodus sind. Die Tierarten haben verschiedene Strategien, damit umzugehen. Besonders das wiederkäuende Wild durchlebt gegenwärtig eine schwere Zeit. Das Nahrungsangebot ist nicht nur gering, sondern auch qualitativ deutlich schlechter als im Sommer. Reh und Hirsch haben sich daran angepasst, indem sie den Stoffwechsel herunterfahren. Ihr Energiehaushalt läuft auf Sparflamme. In der jetzigen Phase des Spätwinters aber sind die Reserven weitgehend aufgebraucht. Jede Beunruhigung ist deshalb extrem kräftezehrend und kann im schlimmsten Fall tödlich sein. Unser Autor Christoph Boll erläutert in der kommenden Woche in einem Blog-Beitrag die Anpassungsstrategien des Wildes an die kalte Jahreszeit und plädiert für winterliche Ruhe im Revier als erste Jäger- und Bürgerpflicht.   Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und morgen einen Wahltag mit einem auch für den ländlichen Raum guten Ergebnis. Mit den besten Grüßen Ihr Jürgen Wermser Redaktionsleitung/Koordination

  • War es die Mühe wert?

    Ohne politischen Mut bleibt die Transformation von Land- und Ernährungswirtschaft eine Vision. Das soeben erschienene Sachbuch „Brücken bauen“ von Rainer Münch und Ludger Schulze Pals zeigt, in welch schwerem Fahrwasser die Borchert-Kommission und die Zukunftskommission Landwirtschaft unterwegs waren Immer wieder haben sich auch Autoren unseres Blogs darüber gewundert, wie achtlos und abweisend Teile der Politik mit zwei hochkarätig besetzen Gremien umgegangen sind. Beiden Arbeitskreisen – dem „Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung“, besser bekannt als Borchert-Kommission, und der „Zukunftskommission Landwirtschaft“ (ZKL) – wurden zwar in Sonntagsreden Top-Ergebnisse bescheinigt. Doch unter der Woche scheuten Gegner und Hardliner keine Mühen, den sachbezogenen Konsens kleinzumahlen. Bis heute geht das so. Die Borchert-Kommission hat wegen der nur halbherzig geklärten Finanzierung der Tierwohlmaßnahmen längst die Brocken hingeschmissen. Die ZKL wartet darauf, was eine neue Bundesregierung aus den strategischen Leitlinien und Empfehlungen machen wird. Parallel laufende Entwicklungen auf EU-Ebene geben zumindest etwas Anlass zur Hoffnung. Die Hoffnung, schmerzhafte Grabenkämpfe hinter sich zu lassen, den massiven Streit um die Nutztierhaltung zu befrieden und eine neue Agrarumweltpolitik zu entwickeln, stand auch am Anfang der beiden von der damaligen Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner und Bundeskanzlerin Angela Merkel 2019 und 2020 eingesetzten Arbeitskreise. Brückenbauer wie Jochen Borchert , Landwirt und Ex-Bundeslandwirtschaftsminister, Werner Schwarz, DBV-Funktionär und inzwischen Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein, sowie Peter Strohschneider, früherer Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und geschickter Lenker der Zukunftskommission, schafften gemeinsam mit den Gremien etwas, das zuvor kaum für möglich gehalten wurde: Arbeitspapiere und Abschlussberichte, die von den einst so spinnefeinden Konfliktparteien gemeinsam getragen wurden. Ein Beleg dafür, dass in aussichtslos erscheinenden Situationen der Dialog möglich ist. Man erinnere sich: 2019 gab es im Vorfeld der Kommissionsgründungen große Protestaktionen der Bauern, die mit der Agrarpolitik höchst unzufrieden waren. Und gleichzeitig lief eine angeheizte Debatte über die Nutztierhaltung sowie den Umwelt- und Klimaschutz auf Hochtouren. Hilfreiche Perspektivwechsel Rainer Münch und Ludger Schulze Pals beschreiben kenntnisreich die Stimmungs- und Ausgangslage und schildern detailliert, wie sich Land- und Agrarwirtschaft, Umwelt-, Tier- und Verbraucherschützer sowie viele namhafte Vertreter der Wissenschaft seinerzeit auf den gemeinsamen Weg machten. „In der Denke des anderen denken“ – der Perspektivwechsel half in manch schwierigen Diskussionen weiter. Entgegenlaufende Interessen und Standpunkte führten nicht wie sonst in eine Sackgasse, sondern wurden Teil eines Meinungsspektrums. Die Politik erhielt, um was sie die beiden Gremien gebeten hatte: sachbezogene, gesellschaftlich austarierte Ergebnisse und Vorschläge. Im Fall der Bochert-Kommission zeigten Machbarkeitsstudie und Folgenabschätzung, dass jetzt eine stabile Basis für Entscheidungen zur Verfügung stand. Doch war es die Mühe wert? Das fragt man sich angesichts des Umgangs der GroKo und besonders der Ampel-Regierung mit den Empfehlungen. Die Agrarjournalisten Münch und Schulze Pals, die mit vielen Kommissionsmitgliedern gesprochen und Hintergründe recherchiert haben, analysieren treffend das Zögern und Zaudern. Das Klima für beide Kommissionen war gut, aber die Zeit scheint noch nicht oder wieder nicht reif dafür zu sein, die Zukunftsfragen der Landwirtschaft anzufassen. Die zerstrittene Ampel verzögerte und torpedierte bis zuletzt die Lösungsvorschläge. Das Agrarpaket im Sommer 2024 war nach dem Agrardiesel-Ärger der untaugliche Versuch der alten Regierung, einen Brand zu bekämpfen. Das Buch über die Kommissionen und ihre anstrengende und vielschichtige Arbeit ist in vielen Punkten lesenswert, da es in die Tiefe geht. Ganz besonders lohnt sich der Blick ins sechste Kapitel. Münch und Schulze Pals haben dort „Elf goldene Regeln“ für die Arbeit in und den Umgang mit Fachgremien formuliert. Kommissionen können trotz mancher Vorbehalte „Regierungen sehr wohl helfen, die Diskussion zu ordnen, zu kanalisieren und auf diese Weise mögliche Lösungswege vorbereiten“. Aber: Man muss es ernst meinen und politisch Mut zeigen. Rainer Münch, Ludger Schulze Pals: Brücken bauen. Für ein besseres Miteinander von Bürgern und Bauern. Der Erfolg der Zukunftskommission Landwirtschaft – und deren Scheitern? LV Buch, 159 Seiten, 24,00 Euro.

  • Abkehr vom Green Deal in der Landwirtschaft

    Der neue Agrarkommissar Christophe Hansen legt mit seiner Vision für die Branche sein Regierungsprogramm vor: Weniger Zwang und mehr Anreize Christophe Hansen (Foto: © European Union 2024 - Source: EP / Mathieu Cugnot) Die EU-Landwirtschaftspolitik soll weniger ideologisch werden. Die Bauern sollen etwa künftig weniger dazu gezwungen werden, bestimmte Methoden anzuwenden. Landwirtschaftskommissar Christophe Hansen setzt vielmehr darauf, Vertrauen aufzubauen, und den Dialog zu fördern. Diesen Eindruck hinterlässt die „Vision für Landwirtschaft und Ernährung“, die der Luxemburger, der selbst auf einem Bauernhof groß geworden ist, jetzt vorgestellt hat. Das 28 Seiten umfassende Dokument  markiert den Bruch mit der Landwirtschaftspolitik im ersten Mandat von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. In der ersten Amtszeit hatte Frans Timmermans, ihr Vize, dafür gesorgt, dass der Green Deal die Richtschnur war für sämtliche Vorschläge in der Landwirtschaft. In der „Farm-to-Fork“-Strategie wurden Bauern und Verbrauchern recht konkrete Vorgaben gemacht, wie die einen zu wirtschaften und wie die anderen sich zu ernähren haben. So wurde etwa festgelegt, dass bis 2030 ein Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der EU nach ökologischen Methoden bearbeitet werden soll. Damit ist jetzt Schluss. Bezeichnend ist, dass die Strategie „Vom Erzeuger auf den Teller“ in Hansens Vision nicht einmal mehr erwähnt wird. Das Ziel 25 Prozent Biobewirtschaftung der Höfe bis 2030 ist ohnehin nicht mehr zu schaffen. Es wurde ohne nähere Erklärung mit dem neuen Papier kassiert. Die Kommission hatte auch eine Lebensmittelkennzeichnung angekündigt, um das Essverhalten der 450 Millionen Europäer gesünder und klimagerechter zu machen. Dazu ist es nie gekommen. Jetzt ist davon gar nicht mehr die Rede. Timmermans wollte den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln drastisch reduzieren. Das Vorhaben ist dramatisch gescheitert. Schon in den ersten Wochen Amtszeit der neuen Kommission fiel auf, dass von einem zweiten Anlauf bei der Pestizidregulierung keine Rede mehr war. Nun ist es amtlich: Die Kommission will in diesem Mandat den Bauern keine neuen Vorschriften für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln machen. Stattdessen sollen die Zulassungsverfahren für Biopestizide beschleunigt werden. Unterwerfung der Agrarpolitik unter die Ziele von Klima- und Artenschutz ist Geschichte Hansens Vision auf die Landwirtschaft bis 2040 enthält so gut wie keine konkreten Ankündigungen. Aussagekraft bekommt das Papier vor allem, wenn es mit den programmatischen Erklärungen der letzten Wahlperiode verglichen wird, und über die Projekte, die jetzt gar nicht mehr erwähnt werden. Zur nächsten Förderperiode der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) gibt es den Hinweis, dass die Direktzahlungen stärker zugeschnitten werden sollen auf Landwirte, die aktiv in der Lebensmittelproduktion sind. Degressive Zahlungen und Kappungen ab bestimmten Zahlbeträgen würden in Erwägung gezogen, heißt es weiter. Gegenüber dem Strategischen Dialog ist dies eine bemerkenswerte Abschwächung. Dabei war noch die Rede davon, dass Direktzahlungen künftig nur an wirklich bedürftige Bauern gehen sollten. Unter dem Strich: Die Unterwerfung der europäischen Agrarpolitik unter die Ziele von Klima- und Artenschutz ist Geschichte. Christophe Hansen verfolgt eine Linie, die für Ernährungssicherheit, Sicherung der Einkommen für Landwirte und den Kampf gegen unfaire Handelspraktiken steht. Die Landwirte können mit diesem strategischen Schwenk gut leben.

  • Aus dem Revier auf den Teller

    Zunehmend geben junge Jägerinnen und Jäger an, dass das selbst erbeutete Wildbret für den eigenen Verzehr ein wichtiges Motiv für den Erwerb des Jagdscheins war Foto: Margot Kessler / pixelio.de Wildessen liegt im Trend und ist damit gegenläufig zu einer allgemeinen Entwicklung. Denn Fleischkonsum ist zwar so alt wie der Mensch selbst. Doch der Pro-Kopf-Verbrauch ist in den vergangenen drei Jahrzehnten um etwa 20 Prozent auf gut 50 Kilogramm im Jahr gesunken. Das ist auch begründet in einem lauter werdenden Ruf nach Tierwohl. Er geht einher mit dem Hinterfragen, wo das Tier herkam, wie es gelebt hat und wie es gestorben ist. Beim Konsum von Wildbret erübrigen sich diese Fragen. Bis auf die Umstände des Todes kann man eines sicher sagen: Das Tier lebte in seiner natürlichen Umgebung – frei von Zäunen und Antibiotika. Die Nachfrage nach heimischem Wildfleisch dürfte nicht zuletzt deshalb ansteigen. Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Deutschen Jagdverbandes (DJV) halten 84 Prozent der Deutschen Wildbret für ein gesundes, natürliches Lebensmittel. Vor zwei Jahrzehnten waren es 70 Prozent. 55 Prozent der Befragten geben an, mindestens einmal jährlich Wild zu essen. Mehr als die Hälfte (51 Prozent) geht dafür ins Restaurant, ein knappes Viertel (23 Prozent) besorgt sich das Wildbret beim Metzger und etwa ein Fünftel (18 Prozent) sogar direkt bei den Jägern. Die haben in der zurückliegenden Jagdsaison (1. April 2023 bis 30. April 2024) insgesamt 26.951 Tonnen Fleisch aus der Region von Wildschwein, Reh und Hirsch vermarktet. Das sind laut DJV acht Prozent mehr als in der Saison zuvor. Umgerechnet in Wildbratwürste, die immer beliebter werden, wären das 270 Millionen Stück – also 3,2 für jeden Bundesbürger. Fast die Hälfte des Fleisches (49 Prozent) stammt vom Wildschwein. Danach folgen Reh (36), Rothirsch (10) und Damhirsch (5). Die zur Verfügung stehende Wildbretmenge hängt natürlich von der Gesamtjagdstrecke ab, die von Wildart zu Wildart stark schwanken kann. Das gilt besonders bei Wildschweinen. Sie sind unter allen Paarhufern in Mitteleuropa die Art mit der höchsten Zuwachsrate, die bezogen auf Grundbestand und Jagdjahr bis zu 300 Prozent betragen kann. Abhängig ist das etwa von der Witterung, grassierenden Krankheiten und der Bejagungsintensität. Insgesamt ist die Nachfrage nach Wildfleisch höher als das Angebot aus heimischen Revieren, das nur 60 Prozent des Bedarfs deckt. Der Rest wird importiert, hauptsächlich aus Osteuropa, Spanien, Großbritannien, Neuseeland, Australien und Südamerika. Doch auch damit kommt jeder Bundesbürger statistisch nur auf zwei Wildmahlzeiten pro Jahr. Der Tierrechtsorganisation Peta ist auch das schon zu viel. Um Menschen von einer möglichst veganen Lebensweise zu überzeugen, behauptet sie im Internet: „Wildbret kann sogar stark mit gesundheitsschädlichen Stoffen belastet sein – dazu gehören Blei, radioaktive Strahlung und Keime.“ Da muss man schon genau lesen. Mit „kann“ wird nicht behauptet, dass es so ist, nur dass es so sein könnte. So funktionieren Ideologie und Angstmache. Dahinter stehen etwa die weitgehend überholte Verwendung bleihaltiger Munition und die Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl 1986. Danach war Wildfleisch in einigen Regionen Deutschlands tatsächlich radioaktiv belastet. Dabei ging es vorrangig um Wildschweine, die viel Nahrung beim Wühlen im Erdreich aufnehmen. Besonders betroffen waren Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg. Knapp vier Jahrzehnte später hat die Radioaktivität durch die natürlichen Zerfallsprozesse deutlich abgenommen, was das Risiko für strahlenbelastetes Wildbret erheblich verringert hat. Jäger in Risikogebieten müssen gleichwohl erlegte Wildschweine noch immer auf Strahlenbelastung untersuchen lassen. Der gesetzliche Grenzwert für Wildbret, das in den Handel kommen darf, liegt dabei mit 600 Becquerel pro Kilogramm Fleisch deutlich unter der definierten Schwelle für eine Gesundheitsgefährdung. Seriöse Ernährungswissenschaftler betonen deshalb die positiven Aspekte von Wildbret, und 82 Prozent der Menschen halten es laut DJV-Umfrage für ein gesundes, natürliches Lebensmittel. Es hat im Vergleich zu anderem Fleisch einen niedrigen Cholesterin- und Fettgehalt, insbesondere in Bezug auf gesättigte Fette, und enthält mehr Omega-3-Fettsäuren und Proteine. Wildfleisch enthält mehr Antioxidantien und viele wertvolle Spurenelemente wie Eisen und Zink. Angebot ist abhängig von den gesetzlichen Jagd- und Schonzeiten Wurde Wild früher vorrangig im Herbst und Winter gegessen, so ist es heute fast ganzjährig verfügbar. Das Angebot ist aber immer abhängig von den gesetzlichen Jagd- und Schonzeiten. Das Fleisch muss einige Tage abhängen, damit es seinen typischen Geschmack ausbildet und mürbe wird. Direkt nach dieser Reifezeit schmeckt es am besten, hält allerdings dann nur einige Tage. Küchenfertiges, frisches Wildbret sollte daher vor der Verarbeitung höchstens zwei bis drei Tage im Kühlschrank lagern. Nicht zeitnah verbrauchtes Wildfleisch sollte möglichst schnell eingefroren werden. Dann ist es je nach Tierart – je größer, desto länger lagerfähig – sechs bis zwölf Monaten haltbar. So gibt es etwa im Sommer herrliche Grillsteaks von Sau, Hirsch und Reh. Schon lange gibt es spezielle Wild-Kochbücher und gute Rezepte im Internet, mehr als 400 davon auf der Seite wild-auf-wild.de . Dort finden Interessenten über eine Postleitzahlsuche auch mehr als 2.000 regionale Anbieter von Wildbret und Restaurants. Der DJV hat bereits elf Rezeptbroschüren herausgebracht. Darunter sind Ideen zur Outdoor-Küche, für den Grill oder Kindergerichte. Erhältlich sind die als kostenfreie PDF-Dateien ebenfalls im weltweiten Netz.

  • Wenn die letzte Kneipe im Dorf dicht macht

    Überall im Land machen Kneipen zu, Tag für Tag. Gerade der ländliche Raum verliert damit oft die letzten „Wohnzimmer“ für die Gemeinschaft Foto: Rainer Sturm / pixelio.de Zuletzt hatte das Gasthaus in Ostwestfalen noch an drei Abenden auf. An den anderen Tagen standen die Frauen und Männer, die früher gern mal auf ein Bier, eine Frikadelle und vor allem ein Schwätzchen an der Theke in ihre Stammkneipe „Zum Wilden Mann“ gekommen waren, bereits vor der verschlossenen Kneipentür. Doch Anfang Februar kam nun das endgültige Aus: „Danke an meine treuen Gäste. Wir schließen für immer.“ Aus, nach 120 Jahren. Jetzt fehlt die letzte Kneipe im Dorf. Eine Situation, die längst nicht mehr auf das kleine Dorf in Ostwestfalen beschränkt ist. Bundesweit sank die Zahl der Gaststätten und Kneipen seit dem Jahr 2000 von 270.000 auf 155.000 im Jahr 2023. Ganz hart trifft es vor allem die neuen Bundesländer, Bayern – ein Land, das traditionell sehr stolz auf seine Gaststättenkultur war und ist – und auch Nordrhein-Westfalen. Nach aktuellen Angaben des Statistischen Landesamtes Nordrhein-Westfalen sank die Zahl der Kneipen im bevölkerungsreichsten Bundesland zwischen 2006 und 2023 um fast 42 Prozent. Während 2006 noch gut 14.000 Kneipen gezählt wurden, waren es bei der letzten Zählung 2023 nur noch gut 8000. Corona wirkt wie ein Brennglas Die Gründe sind vielfältig: Seit den 50er und 60er Jahren veränderte sich das gesellschaftlich-soziale Freizeitverhalten. Immer weniger Menschen gingen regelmäßig zum Stammtisch in die Eckkneipe, andere alternative Beschäftigungsmöglichkeiten wurden attraktiver. Kino und Fernseh-Konsum, Reisen oder Theater – es gab halt andere Dinge, die man unternehmen konnte. Die Corona-Pandemie wirkte dann am Ende für die ohnehin geschwächte Kneipen-Kultur wie ein negativer Brandbeschleuniger: „Die Kneipen hatten ja aufgrund der Corona-Schutzmaßnahmen einige Monate geschlossen“, erklärt ein Dehoga-Sprecher. Viele Menschen gewöhnten sich irgendwann daran, sich im eigenen Haus oder der eigenen Wohnung von den vielfältigen Medienangeboten unterhalten zu lassen. Dazu kostet natürlich das Getränk aus dem Supermarkt weniger. Nach der Corona-Zeit kamen der Ukraine-Krieg und die steigende Inflation, die das Geld knapper werden ließ – all das vermieste vielen Kneipen-Besuchern die Rückkehr an die Theke. Noch heute liegen die Umsätze in der gesamten Gastronomie-Branche deutlich unter denen der Vor-Corona-Zeit. Auch fanden viele Mitarbeiter neue Jobs in Unternehmen und Betrieben, die weniger krisenanfällig sind und auch attraktivere Beschäftigungszeiten anbieten konnten und können. Scholz' Wortbruch als Wahlkampfthema Den letzten Schlag versetzte die Ampel-Regierung Ende 2024 der Branche, die mit knapp drei Millionen Beschäftigten durchaus für Jobs und Wertschöpfung sorgt. Trotz Zusage des Kanzlers („Das schaffen wir nie wieder ab“) hob die Ampel-Regierung den Mehrwertsteuersatz auf Speisen für die Gastronomie wieder auf 19 Prozent an. „Das war ein Kostenschlag, den die Branche auch und gerade aufgrund der gestiegenen Kosten für Lebensmittel, Personal und Energie so nicht an ihre Kunden weitergeben konnte und kann. Dann kommen noch weniger Gäste oder sie halten sich an einem Glas fest“, schimpft denn auch die Oppositionspolitikerin Anja Karliczek (CDU) über den Wortbruch der Regierung. Konsequenz: Die CDU schrieb es sogar ins Wahlprogramm, diese Steuererhöhung wieder rückgängig machen zu wollen. In 21 von 23 EU-Staaten gilt der ermäßigte Mehrwertsteuersatz für Speisen. Konsequenz: Das Schnitzel oder der Salat im deutschen Gasthaus ist einfach knapp drei Euro teurer als in den Niederlanden, Polen oder Frankreich. Gerade in grenznahen Regionen ein weiterer Wettbewerbsnachteil. Das Kneipensterben trifft nämlich nicht nur die Gäste, die vor verschlossenen Türen stehen oder Unternehmer-Familien, die ihre gastronomischen Betriebe oft seit Generationen führen und die auch das Dorfbild oder den zentralen Platz der Kleinstadt prägen. Vereine, Parteien und andere Gruppen haben schon jetzt Probleme, geeignete Räume für ihre Treffen und Begegnungen zu finden. Früher waren das die Kneipen oder kleinere Gasthäuser, die ihre Säle gern zur Verfügung stellten. „Mit jeder Kneipe, die schließt, fehlt uns nun ein gesellschaftliches Wohnzimmer. Das ist schon bitter, gerade für den ländlichen Raum“, so der Dehoga-Sprecher.

  • Wer profitiert mehr: Stadt oder Land?

    Nach dem neuen Ampel-Wahlrecht wird in vielen Kreisen die Erststimme völlig wertlos. In der Unionsfraktion wird wohl der Anteil aus ländlichen Gebieten steigen Foto: Timo Klostermeier / pixelio.de Die Ampel ist Geschichte. Aber das von ihr verabschiedete neue Wahlrecht wird groteske Folgen haben. Mancher Kandidat mit den meisten Erststimmen im Wahlkreis wird keinen Sitz im Bundestag bekommen, während Bewerber mit deutlich weniger Erststimmen unter der Reichstagskuppel Platz nehmen dürfen. Bei der Bundestagswahl 2021 war das noch anders. Auch damals entschied die Zahl der Zweitstimmen, wie viele Sitze auf eine Partei entfallen. Aber die Sieger in den 299 Wahlkreisen hatten ihr Mandat sicher. Gewann eine Partei mehr Wahlkreise als ihr nach den Zweitstimmen zustanden, kam es zu sogenannten Überhangmandaten. Deshalb wurde durch sogenannte Ausgleichsmandate sichergestellt, dass letztlich jede Partei so viele Abgeordnete nach Berlin schicken konnte, wie ihrem Anteil an Zweitstimmen entsprach. Folglich gab es nach der Wahl 2021 nicht 598 Mitglieder des Bundestags (MdB), wie es das Wahlgesetz eigentlich vorsieht, nämlich 299 direkt und 299 über Landeslisten gewählte. Aufgrund von 34 Überhang- und 109 Ausgleichsmandaten zählte das Hohe Haus 736 Mitglieder. Von den Überhangmandaten waren zwölf auf die CDU, elf auf die CSU, zehn auf die SPD und eines auf die AfD entfallen. Überhang- und Ausgleichsmandate fallen weg Das wird nach dem 23. Februar völlig anders sein. Die Ampel hat die Zahl der Abgeordneten auf 630 begrenzt. Überhang- und Ausgleichsmandate wird es nicht mehr geben. Die Sitzverteilung erfolgt nach dem Anteil der Zweitstimmen der Parteien, die mehr als fünf Prozent der Zweitstimmen erhalten oder mindestens drei Direktmandate gewonnen haben. Gewinnt eine Partei mehr Direktmandate, als ihr nach dem Zweitstimmenanteil zustehen, gehen einige Wahlkreissieger leer aus. Ein Rechenbeispiel: Eine Partei gewinnt in einem Bundesland 15 Direktmandate. Nach ihrem Zweitstimmenanteil stehen ihr aber nur zehn Sitze zu. Dann gehen diejenigen fünf Wahlkreissieger dieser Partei leer aus, die ein geringeres prozentuales Erststimmenergebnis erzielt haben als die zehn anderen Parteifreunde. Wäre bereits 2021 nach dem Ampel-Wahlrecht gewählt worden, hätte es in Bayern so ausgesehen: Die CSU holte 45 der 46 bayerischen Wahlkreise direkt. Nach dem Zweitstimmenanteil hätten ihr aber nur 34 Sitze zugestanden. Elf Wahlkreissieger wären nicht nach Berlin gekommen, dafür aber einige ihrer unterlegenen Gegenkandidaten über die Landeslisten. „Fehlende Zweitstimmendeckung“ heißt der Fachbegriff dafür. Ob die Wähler das verstehen? Ob die Wähler verstehen werden, warum der Kandidat mit den meisten Stimmen bei der Mandatsverteilung leer ausgeht? Wohl kaum. So könnten sich die Bürger im Bundestagswahlkreis 181 (Frankfurter Westen) am 24. Februar sehr wundern. Dort gilt verschiedenen Umfragen zufolge der CDU-Bewerber Yannick Schwander als Favorit. Doch ist der Wahlkreis hart umkämpft, sodass Schwander ihn allenfalls mit einem relativ geringen Stimmenanteil gewinnen wird – ohne entsprechende Zweitstimmendeckung. Seine Gegenkandidaten von SPD und Grünen können dagegen auch im Fall einer Niederlage mit dem Einzug in den Bundestag rechnen. Sie sind über die Landeslisten abgesichert. Bayern, Baden-Württemberg und Hessen besonders betroffen Das neue Wahlrecht, das Wahlkreissiegern ein Mandat verwehrt, ist vor allem für die CSU in Bayern und für die CDU in Baden-Württemberg sowie Hessen nachteilig. Benachteiligt sind deren Kandidaten in den Großstädten. Dort kommt es häufig zu einem Dreikampf zwischen CDU, SPD und Grünen, mit dem Ergebnis, dass schon ein relativ niedriger Stimmenanteil für das Direktmandat ausreichte. Im ländlichen Raum holen die Unionskandidaten ihre Wahlkreise dagegen mit höheren Prozentsätzen. Am 23. Februar werden also eher großstädtische Wahlkreise leer ausgehen. Folglich wird der Anteil von Abgeordneten aus dem ländlichen Raum in der neuen CDU/CSU-Bundestagsfraktion höher sein als bisher. Das neue Wahlrecht wirkt sich auf die Wahlkampfführung aus. Die Unions-Kandidaten werben mehr als je zuvor um die Erst- und die Zweitstimme. Das wird zu Lasten der FDP gehen. Schließlich haben bürgerliche Wähler bei früheren Bundestagswahlen gern das schwarz-gelbe „Stimmensplitting“ praktiziert: Erststimme CDU, Zweitstimme FDP. So erhielten die Direktkandidaten von CDU/CSU 2021 2,08 Millionen mehr Erststimmen als ihre Parteien Zweitstimmen. Die FDP wiederum brachte es auf 5,3 Millionen Zweitstimmen, aber nur auf 4,0 Millionen Erststimmen. In diesem Zusammenhang wird gern von Leihstimmen gesprochen, was aber Unsinn ist. Man kann sich Geld leihen oder einen Frack, es gibt Leih-Autos und Leih-Omas. Nur eines kann man nicht: sich bei Wahlen eine Stimme leihen oder seine Stimme verleihen. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann hat im Konrad-Adenauer-Haus eben keinen Koffer mit Stimmen herumstehen, den er am Wahltag seinem FDP-Kollegen Marco Buschmann gibt, um ihn am Montag mit einem Dankesschreiben wieder zurückzubekommen. Nein, so funktioniert das nicht. Funktioniert hat hingegen das Stimmensplitting im bürgerlichen Lager, jedenfalls bisher. Damit dürfte es unter dem Ampel-Wahlrecht vorbei sein. Es war vor allem die FDP, die mit dem neuen Wahlrecht die CSU bestrafen wollte, weil die Bayern sich halsstarrig jeder Reform zur Begrenzung der Zahl der Abgeordneten verweigert hatten. Doch wie es aussieht, könnte der Schuss nach hinten losgehen. CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz hat in dieser Beziehung Klartext gesprochen: „Vier Prozent sind vier Prozent zu viel für die FDP und vier Prozent zu wenig für die Union“. Wahl damit unter veränderten Bedingungen Die Wahl am 23. Februar wird allerdings nicht ganz so ablaufen, wie die Ampel das ursprünglich gewollt hatte. Das verabschiedete Gesetz sah nämlich die Abschaffung der Grundmandatsklausel vor. Drei direkt gewonnene Wahlkreise sollten nicht mehr mit der Überwindung der Fünf-Prozent-Hürde gleichgesetzt werden. Das war gegen die Linke gerichtet, aber ebenso gegen die CSU, die 2021 umgerechnet auf den Bund nur noch 5,2 Prozent erzielt hatte. Doch die Karlsruher Richter verwarfen diese Regelung zum Nachteil der Linken und der CSU als verfassungswidrig. Die Deutschen haben also die Wahl unter veränderten Bedingungen. Ein vom Wähler gekürter Wahlkreissieger kann zum Verlierer werden. Manche Wahlkreise können sogar ganz leer ausgehen, falls dem Gewinner des Direktmandats die Zweitstimmendeckung fehlt und kein anderer Bewerber über die Landesliste abgesichert ist. So gesehen passt das Ampel-Wahlrecht zur Ampel-Politik: unlogisch und unverständlich. Unser Gastautor Dr. Hugo Müller-Vogg , ehemaliger F.A.Z.-Herausgeber, zählt zu den erfahrenen Beobachtern des Berliner Politikbetriebs. Als Publizist und Autor zahlreicher Bücher analysiert und kommentiert er Politik und Gesellschaft. http://www.hugo-mueller-vogg.de

  • Wahlkampfendspurt: Medien, Meinungsbilder und der vergessene ländliche Raum

    Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und zurück auf diese Woche Liebe Leserin, lieber Leser, der Wahlkampf geht in seine letzte Woche. Wir nehmen im nachfolgenden Text dieser Wochenkolumne die massiven TV-Aktivitäten dazu in den Blick. Durchgängig hohe Einschaltquoten belegen das hohe Interesse der Menschen. Trotz aller gesehener und transportierter Aufregungen verändert sich zum Schluss das Meinungsbild in der Wählerschaft wenig. Am Ende dieser Kolumne weisen wir auf ein Beispiel hin, wie die Jägerschaft auch mit Material der Stiftung „natur+mensch“ zu Lernort-Exkursionen in Feld und Wald anregt. Über mangelnde Direkt- und Indirektinformationen im laufenden Wahlkampf können wir uns nicht beklagen. Da sind erst einmal die populären TV-Sendungen, die Millionen vor die Schirme bringen. Das begann mit der ZDF-Sendung „Wie geht's Deutschland“, bei der die Spitzenpolitiker aller im Bundestag vertretenen Parteien zu Wort kamen und die sich 3,18 Millionen angesehen haben. Dann kam der „Schlagabtausch im ZDF“ mit den „kleineren“ Parteien mit nur etwas weniger Publikum, dafür mit ziemlichem Ärger für den Sender zum Thema Ausgewogenheit. Spitze war dann das direkte Duell Scholz-Merz in ARD, ZDF und angegliederten Spartenkanälen mit über zwölf Millionen. Und am Donnerstag waren dann die vier von ihren Parteien aufgestellten Kanzlerkandidaten hintereinander mit Antworten auf wenige Zuschauerfragen zu sehen. Da saßen circa fünf Millionen vor den Fernsehschirmen. Das war insgesamt schon ein beachtliches Echo. Dabei fällt auf, dass sich große Veränderungen bei den laufenden Wahlprognosen nicht ergeben . Nach dem ZDF-Politbarometer und dem ARD-Deutschlandtrend gibt es nur leichte Bewegungen. Für Scholz bleibt die erhoffte Aufholjagd aus und Merz bewegt sich trotz aller Aufregungen um das Thema Brandmauer stabil über 30 Prozent in Richtung Kanzleramt – mit wem auch immer. Es kommt natürlich darauf an, was am Ende die Wählerinnen und Wähler sagen. Verengtes Themenspektrum Insgesamt sind es knapp zehn große Sendungen, in denen die Spitzen der Parteien bzw. die vier Kanzlerkandidat(inn)en aufeinandertreffen. Dazu kommen die rituellen allwöchentlichen Talkshows von Sonntag (Miosga) über Klamroth, Maischberger, Lanz bis Donnerstag (Illner). Sie gleichen sich mit den Spitzen aus der Politik in einem: In Fragen und Antworten drehen sich die Inhalte um weniger als eine Handvoll Themenkomplexe mit Migration, Sicherheit und Wirtschaft. Der erfahrene Meinungsforscher Klaus-Peter Schöppner erkennt gar eine dreifache Wechselstimmung : „ Schluss mit Scholz“, „Die Wähler wollen eine ‚neue Wirtschaft‘“ und „Zuwanderung sollte geregelt, finanziell verkraftbar, von uns bestimmbar und gerecht ablaufen“ . Wir versuchen, uns mit unserem Blog und unseren Themen dazwischen zu mogeln, um das wieder in die Debatte zu ziehen, was auch viele Menschen bei uns bewegt. Das ist die Mehrheit derer, die auf dem Lande leben und arbeiten und sich meist in den Dörfern und Städten am Ende der Wirkungskette von Migration und Wirtschaft sehen. Was sich in den Netzen so abspielt Schauen wir einmal in das viel gelobte Portal „Wahl-O-Mat“ , wo wir nahezu spielerisch mobil und digital abfragen können , welche Parteien zu welchen meiner Fragen Aussagen anbieten. Am Ende kommt dann dabei raus, welche Parteien mir nach meinen angekreuzten Positionen nach dem Prinzip „schwarz-weiß“ in Summe am meisten entsprechen. Der Haken an der Sache: Es gibt nur Antworten auf die Thesen, die angeboten werden. Und diese umfassen die begrenzte Zahl von 38 Aussagen, die in der Auswahl vielleicht dem Popularitätsschema bzw. Ranking der gängigen politischen Themen in diesen Wochen entsprechen. Aber nicht der Vielschichtigkeit unserer politischen Agenda in ihrer Breite. Beispiel: Wenn ich Parteipositionen dazu abfrage, was mich für den ländlichen Raum interessiert , kommt lediglich als 18. der 38 Thesen „Ökologische Landwirtschaft soll stärker gefördert werden als die konventionelle Landwirtschaft“ vor. Das war's dann für den ländlichen Raum. Dann haben wir noch das weite Feld der sogenannten sozialen Medien, wo keiner mehr unterscheiden kann, was richtig und was unwahr ist – um den am treffendsten Trump zuzuordnenden Begriff „Fake“ zu vermeiden. Bleiben wir allein bei den laut unseres Verfassungsschutzes russischen Quellen zuzuordnenden Desinformationskampagnen mit Lügen und Verzerrungen. Wir sollten sie wenigstens erkennen können. Wo bleiben die Stimmen vom Lande und bayerische Antworten darauf Wo bleiben die Stimmen vom Lande? Besonders wahrnehmbar sind sie im Süden. Von Bayern aus kandidiert der „gelernte Landwirt“ Hubert Aiwanger, Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident, für den Bundestag. Er führt die Freien Wähler (FW) nicht nur als Vorsitzender, sondern versucht, seine Partei, die eher eine Bewegung ist, im Bund auszurollen. Die Prognosen sind nicht so gut, sodass sich dort in Bayern Söder wohl weiter mit Aiwanger arrangieren muss. Das Kapitel „Landwirtschaft für Deutschland“ im FW-Programm hat die zentrale Aussage: „ Die familiengeführte, bäuerliche Landwirtschaft ist für uns Grundvoraussetzung für einen lebensfähigen und lebenswerten ländlichen Raum. “ Weiter steht dort unter anderem, das bodengebundene Jagdrecht zu erhalten, die Waldbewirtschaftung vor Überregulierung zu schützen, die Abwanderung der Tierhaltung zu verhindern und die Wolfspopulation zu reduzieren. Nur sieht alles allerdings danach aus, dass die Stimmen dafür weit unter fünf Prozent bleiben und damit die wohlmeinenden Worte wirkungslos bleiben. Die vorgezogene Besetzung eines Agrarministeriums Aiwanger muss Söder auf den Plan gerufen haben, selbst von Bayern aus Akzente für den ländlichen Raum auf ungewöhnliche Art zu setzen. Der Ministerpräsident nahm schon eine Besetzung für das Landwirtschaftsressort in Berlin vor, bevor gewählt wurde, geschweige denn eine Koalitionsbildung sich abzeichnet. Der bayerische Bauernpräsident Günther Felßner, CSU-Kandidat und von Söder designierter Bundesagrarminister , geht abseits der vielzitierten Mainstream-Themen im Wahlkampf auch schon ins Detail einer Politik für den ländlichen Raum. Auf Wahlkampfveranstaltungen wird er als „Spitzenkandidat für die Landwirtschaft“ begrüßt. Er soll dafür sorgen, dass die Bauern keine anderen Parteien wählen müssen. Gemeint sind vor allem AfD und Freie Wähler. Welche Rolle der ländliche Raum in unserer Gesellschaft spielt, verdeutlicht der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband mit seinem Präsidenten Hubertus Beringmeier: „ Über die Hälfte der Menschen in Deutschland lebt in ländlichen Regionen.“  Das ist übrigens auch die Motivation der Stiftung „natur+mensch“ , die diesen Blog mit wöchentlichem Newsletter herausgibt, sich auf diese Themen zu fokussieren. Sie stehen zurzeit wenig sichtbar auf der Agenda. Die Natur den Kindern nahebringen Und dann gibt es noch meinen Hinweis auf eine der Aktivitäten unserer Stiftung „natur+mensch“ : Im Rahmen der DJV-Initiative Lernort Natur  engagieren sich seit vielen Jahren Jägerinnen und Jäger ehrenamtlich, um Lehrer(innen) und Erzieher(innen) bei der Vermittlung naturkundlicher Bildungsinhalte zu unterstützen. Zahlreiche mobile und stationäre Waldschulen wurden eingerichtet und vielerorts sind Schulklassen regelmäßig zu Gast in den Revieren der Jäger. Mit dem Lernort-Natur-Rucksack unterstützten wir dieses Engagement. Dabei handelt es sich um eine Materialsammlung , die zusammengestellt wird, damit Exkursionen von Kindern in die Natur vor- und nachbereitet werden können. Der Rotary-Club Wedel hat nun zusammen mit der Kreisjägerschaft Pinneberg sieben Grundschulen mit diesen Rucksäcken ausgestattet. Diese Initiative ist beispielhaft und hilfreich: Denn Studien belegen, dass Kinder immer weniger die Tiere in ihrer Umgebung bestimmen können. Das gilt natürlich auch für Pflanzen und Bäume in Feld und Wald. Hier der Bericht über die Aktion. Mein Tipp zum Wochenende, liebe Leserinnen und Leser, nutzen Sie doch mal Ihren vielleicht geplanten Ausflug dazu, selbst einmal zu prüfen, was Sie in Fauna und Flora bestimmen können. Vielleicht sogar mit Ihren Kindern und Enkelkindern. In diesem Sinne Ihr Jost Springensguth Redaktionsleitung / Koordination

  • Sogar Rentiere wurden zur Beute

    Der Wolf rückt immer weiter vor, sorgt für Angst sogar bis tief in Wohnsiedlungen hinein. Auch in Brandenburg will man jetzt dagegen vorgehen Foto: Rudolpho Duba / pixelio.de Die Zahlen sind gewaltig: In Brandenburg sollen aktuell über 2000 Wölfe leben. Damit wäre man Weltmeister bei der Wolfspopulation. Ein Spitzenplatz, der vielerorts Ängste und Sorgen schürt. Zum Vergleich: In ganz Norwegen schwankt die Zahl der gesichteten Wölfe zwischen 300 und 500. Grund genug für das skandinavische Land, die Obergrenze der Tiere auf 200 zu beschränken. Und das rigide, durch gezielte Tötung. So weit ist man etwa in Brandenburg noch längst nicht. Aber: War eine zahlenmäßig festgelegte Abschussquote für Wölfe unter dem bis zur Landtagswahl amtierenden Agrarminister Axel Vogel (Grüne) noch tabu, deutet sich nun in Potsdam ein Umdenken an. Dies könnte auch am politischen Zeitplan liegen: Die Landtagswahlen im Herbst sind erst einmal gelaufen, die Regierung aus SPD und BSW unter der Führung von Dietmar Woidke (SPD) arbeitet einigermaßen geräuschlos. Zudem sind die Grünen nicht nur aus der Landesregierung ausgeschieden, sondern sie flogen sogar ganz aus dem Landtag in Potsdam. Und nicht nur hier, sondern in allen östlichen Bundesländern bleibt die Angst, dass 2029 die AfD noch stärker werden könnte. Und wieder Wahlkampf machen könnte mit dem Thema Wolf. Bestand ermitteln und Entnahmequote festlegen Bei einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa deutete der in Brandenburg für das Wolfsmanagement zuständige Agrar-Staatssekretär Gregor Beyer an, über eine konkrete Entnahmequote nachzudenken. „Es geht um die Frage, wie viele Wölfe für Brandenburg verträglich sind“, sagte Beyer. „Der Bestand der Wölfe soll ermittelt werden und dann eine Entnahmequote festgelegt werden.“ Dann folgt der nächste Schritt: Der Wolf soll in Brandenburg als jagdbare Art eingestuft werden. „Bis Mitte des Jahres ist er im brandenburgischen Jagdrecht“, kündigte der Staatssekretär an. Nach dem Bundesnaturschutzgesetz ist der Wolf eine streng geschützte Tierart.Bis es dann eine Abschussquote in Brandenburg gibt, muss auf europäischer Ebene das Recht noch geändert werden. Nun macht aber nur der Europarat ein schärferes Vorgehen gegen Wölfe möglich. Experten gehen davon aus, dass man auch aus diesen europarechtlichen Gründen in Brandenburg erst im Jahr 2026 zu konkreten Schritten kommen wird. Zahlen haben sich verdoppelt Nach Zahlen des Bundesamtes für Naturschutz für das Monitoring-Jahr 2023/24 lebten in Brandenburg 58 Wolfsfamilien, gefolgt von Niedersachsen (48 Wolfsfamilien) und Sachsen (37). Die Zahl der Wölfe hat sich europaweit in Europa innerhalb von zehn Jahren fast verdoppelt. Parallel dazu wächst in der Öffentlichkeit die Angst vor dem Wolf – konkret ausgelöst in Brandenburg durch stark zunehmende Angriffe von Wölfen auf Wild und Weidetiere. Vor allem an der Grenze zu Polen und in Richtung Sachsen haben Zäune, Alarmanlagen und andere Schutzvorrichtungen bisher nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Zuletzt wurden sogar zwei Rentiere in einem Tierpark in der Nähe von Cottbus von Wölfen angegriffen und getötet. Anwohner wollen sogar Wölfe gesehen haben, die sich weit in von Menschen bewohnte Siedlungen getraut haben. Als Konsequenz fordern der brandenburgische Bauernverband, Weidetierhalter und der Landesjagdverband seit längerem, dass eine bestimme Zahl von Wölfen in Brandenburg geschossen werden darf. „Wir wissen inzwischen, dass die Wölfe nicht nur die Weidetierhaltung untragbar belasten, sondern auch erheblichen Einfluss auf das Verhalten des Wildes nehmen. Wölfe ziehen weit, Länder- oder Staatsgrenzen stellen für sie kein Hindernis dar. Lösungsansätze müssen daher großräumig angelegt werden“, erklärte der Jagd-Verband unlängst in einer Pressemitteilung. „ Der Wolf gehört hierhin“ In der Landesregierung will man die Erfahrungen der kommenden Monate abwarten und hofft, mit einem neu aufgelegten Dialog zwischen Weidetierhaltern, Jagd- und Bauernverband auf der einen Seite und Tierschützern auf der anderen Seite eine pragmatische Lösung zu finden. Grundsätzlich gehe man davon aus, mit dem abgesenkten Schutz die Population der Wölfe nicht zu gefährden, erklärt der zuständige Agrarstaatssekretär Gregor Beyer wörtlich. „Der Wolf gehört hierhin.“

  • Planungsstopp im Wilden Westen

    Der Windkraft-Spitzenreiter tritt auf die Bremse: CDU und Grüne haben in NRW das Landesplanungsgesetz so ergänzt, dass der Neubau von Anlagen außerhalb von vorgesehenen Windenergiegebieten für ein halbes Jahr gestoppt ist Anfang des Jahres gab sich NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) noch hochzufrieden: „Der massive Ausbau der Windenergie ist entscheidend für die Zukunft Nordrhein-Westfalens als Industriestandort“, erklärte sie mit Blick auf die Spitzenposition, die das bevölkerungsreichste Bundesland im Jahr 2024 beim Windkraft-Ausbau übernommen hat. Der Ausbau scheint inzwischen zu „massiv“ und untergräbt die regionale Planung. Seit Monaten macht angesichts einer Antragsflut für Anlagen außerhalb geplanter Windenergiegebiete in NRW der Begriff vom „Wildwuchs“ die Runde. Tatsächlich ist die Antragszahl zuletzt von November 2024 von insgesamt 846 auf 1427 im Dezember 2024 gestiegen – ein Wachstum von 68,7 Prozent in einem Monat. Die Zahl der beantragten Vorbescheide außerhalb der Windenergiegebiete hat sich laut Landesregierung dabei mehr als verdoppelt (von 432 auf 959). Doch gerade einmal 17 Prozent der Anträge auf Erteilung eines Vorbescheids zu einem Vorhaben liegen innerhalb der geltenden oder geplanten Windenergiegebiete. Der Focus schrieb nicht zu Unrecht vom „Wilden Westen beim Windkraft-Ausbau“. Standort sichern, lautete für viele Investoren offenbar die Devise. Fast kompletter Stopp von Genehmigungsverfahren Jetzt hat die schwarz-grüne Koalition in Düsseldorf reagiert. Da die neuen Regionalpläne wohl erst zum Ende des Jahres in Kraft sein werden, hat sie im Landtag per Beschluss einen fast kompletten Stopp von Genehmigungsverfahren durchgesetzt. Das liest sich erst einmal so, als könnte die interministerielle Task Force „Ausbaubeschleunigung Windenergie NRW“ ihre Arbeit einstellen. Tatsächlich geht es aber um komplizierte (planungs-)rechtliche Fragen, mit denen sich in der Vergangenheit bereits das Oberverwaltungsgericht in Münster befassen musste. Nun sehen Fachleute in der jüngsten Mehrheitsentscheidung bereits den dritten Anlauf, um die Regionalplanung abzusichern und die inzwischen unübersichtlich gewordenen Genehmigungsverfahren zu steuern. Effekt: Zig Hundert Windkraftplanungen in NRW, die außerhalb von Windenergiegebieten liegen, sind zunächst einmal angehalten. Die Genehmigungsbehörden dürfen sie bis auf Weiteres nicht mehr bearbeiten. Eine Ausnahme gibt es nur für Repowering-Vorhaben und für Vorhaben, für die bereits zehn Monate vor Inkrafttreten des Moratoriums vollständige Genehmigungsunterlagen bei der Genehmigungsbehörde vorlagen. Und Bezirksregierungen können Einzelfall-Genehmigungen erteilen, wenn durch die Anlagen ausnahmsweise nicht die Konzentration von Windrädern in Vorranggebieten gestört wird. Man darf gespannt sein, wann erste Gerichte angerufen werden. Der ein oder andere Investor wird versuchen, über den Klageweg doch noch zu einer Genehmigung zu kommen. Es geht auch um die Akzeptanz der Windenergie Die CDU will mit dieser neuen Regelung die Akzeptanz für die Windenergieanlagen erhalten und am Ende die Energiewende erfolgreich voranbringen. Die SPD kritisiert, dass man so alle möglichen Windenergieanlagen ausmerze, die im Außenbereich noch erlaubt sein könnten. Dem Landesverband Erneuerbare Energie (LEE) NRW geht es deutlich zu weit, dass man Windenergievorhaben außerhalb der noch immer nicht fertiggestellten Regionalpläne den Boden entziehe. Der Bundesverband WindEnergie sieht in dem Vorstoß eine Gefahr für den weiteren Ausbau der Windenergie in NRW. Erst in den vergangenen Wochen hätten sich Bundesregierung und Union auf Drängen von NRW auf Änderungen im Bundes-Immissionsschutzgesetz geeinigt. Danach können sich Planer Flächen außerhalb von (in Aufstellung befindlichen) Vorranggebieten nicht mehr mittels eines einfachen Vorbescheids sichern. Dies hätte doch schon gereicht. Unzufrieden sind neben der Energiebranche auch Forstverbände. Viele Waldbesitzer sind auf die Einnahmen durch Windkraftprojekte angewiesen. „Flächeneigentümer und Investoren haben im Vertrauen auf die bisherigen gesetzlichen Rahmenbedingungen vielerorts bereits erhebliche, vor allem finanzielle Vorleistungen erbracht“, sagt Max von Elverfeldt, Vorsitzender des Verbands Familienbetriebe Land und Forst NRW. „Diese Vertrauensbasis darf nicht zerstört werden. Flächeneigentümer leisten einen maßgeblichen Beitrag zur Energiewende, indem sie ihre Grundstücke für den Ausbau erneuerbarer Energien bereitstellen. Ohne Verlässlichkeit und Planbarkeit gerät dieser Einsatz jedoch ins Wanken.“

  • Mit viel Details zum ländlichen Raum

    Die Union beweist mit ihrem Programm eine große Nähe zum ländlichen Raum. Zentralen Themen wie Landwirtschaft, Infrastruktur, Gesundheitsversorgung und Kultur werden ausführlich berücksichtigt Foto: johnNaturePhotos Wer die Volksparteien CDU oder CSU wählt, trägt dazu bei, dass die Belange des ländlichen Raumes viel stärker berücksichtigt werden als unter der Ampel-Koalition – zumindest, wenn man dem Wahlprogramm folgt. Unter dem Titel „Politikwechsel für Deutschland“ widmet sich das Programm umfassend den Bedürfnissen von Dorfbewohnern und Kleinstädtern. Es nimmt die Interessen von Land- und Forstwirten ebenso ernst wie die von Winzern, Fischern, Jägern und Pendlern. Zum Verhältnis von Stadt und Land heißt es ausdrücklich: „Wir wollen gleichwertige Lebensverhältnisse.“ Anreize bevorzugen die Christdemokraten gegenüber Verboten. Immerhin mehr als zwei von 82 Seiten widmen sich der Landwirtschaft. Die Unionsparteien versprechen den Bauern mehr Entscheidungsfreiheit und weniger Vorschriften. Sie wollen die Bürokratie abbauen, die Agrardieselrückvergütung wieder einführen und den Wolfsbestand regeln: „Wölfe müssen bejagt werden können, damit weniger Weidetiere gerissen werden.“ Dafür soll der Wolf ins Bundesjagdgesetz aufgenommen werden. Ähnliche Regelungen sind für andere Arten wie Saatkrähen und Kormorane geplant, die nicht mehr gefährdet sind. „ Ein Landwirt muss wieder Landwirt sein können“ Ausmisten möchten CDU und CSU bei den Berichts- und Dokumentationspflichten, sodass es zum Beispiel keine Stoffstrombilanz im Düngerecht mehr geben soll – also eine Bilanz über Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphor, die in den Hofbetrieb hineinkommen und wieder herausgehen. Vorgaben des Europarechts sollen eins zu eins umgesetzt werden, nicht über das Mindestmaß an Regulierung hinaus. Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU wollen die Christdemokraten drastisch vereinfachen, um kleinteiligen Kontrollen zu vermeiden. „Ein Landwirt muss wieder Landwirt sein können“, lautet richtigerweise ihr Anspruch. Um ökologische Ziele zu erreichen, setzen die Unionsparteien auf Anreize, auf Vertragsnaturschutz, auf Naturschutz auf Zeit, auf die Honorierung von Natur- und Umweltschutz sowie auf Innovationen. Zwangsweises Stilllegen von Flächen lehnen sie dagegen ab. „Dabei sind uns konventionelle und ökologische Landwirtschaft gleich wichtig“, heißt es wörtlich. Der Schutz der Moore soll intensiviert werden, jedoch in Zusammenarbeit mit den Grundstückseigentümern. Die Wiedervernässung wollen die Christdemokraten durch Anreize erreichen. Das ist konkret. In der Land- und Forstwirtschaft möchten CDU und CSU die Präzisionszüchtung über „Smart Breeding“ unterstützen, dagegen das auch vom Deutschen Bauernverband kritisierte sogenannte „Zukunftsprogramm Pflanzenschutz“ des jetzigen Agrarministeriums abschaffen. Sie lehnen auch den „Ausverkauf“ landwirtschaftlicher Flächen an Kapitalinvestoren ab. Den Generationswechsel auf den Höfen haben sie im Blick: „Wir sorgen für Planungs- und Finanzierungssicherheit, damit unsere Betriebe eine Zukunft haben“, heißt es dazu, ohne zu schreiben, wie genau das geschehen soll. Für eine höhere Pendlerpauschale Während die Ausführungen zur Landwirtschaft detailliert sind, bleiben die Passagen zur Verkehrspolitik allgemeiner: „Wichtig ist ein bedarfsgerechter und zukunftsfester öffentlicher Personennahverkehr“, heißt es beispielsweise. Dazu gehörten eine zuverlässige und robuste Infrastruktur sowie ein attraktives Angebot in Stadt und Land. „Bei der Finanzierung des ÖPNV wollen wir eine neue Transparenz schaffen und eine auskömmliche Finanzierung sichern“, heißt es vage. Nach Deutschlandticket klingt es jedenfalls nicht. Gleich vorne im Programm, an prominenter Stelle, sagen die Unionsparteien zu, die Pendlerpauschale zu erhöhen. „So stärken wir unsere Leistungsträger im ländlichen Raum.“ Zur Entwicklung ländlicher Räume möchten CDU und CSU eine „kluge Dorfentwicklung“ fördern und die Raumplanung stärker nutzen. Ballungsräume sollen durch einen Ausbau von Verkehrswegen und Nahverkehr entlastet werden. Die „Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der Regionalen Wirtschaftsstruktur“ bleibe dafür das Leitinstrument. Für die Regionen abseits der großen Städte seien Tourismus und eine lebendige kulturelle Infrastruktur wichtig: „Museen, Theater, Bibliotheken oder Galerien gehören auch in den ländlichen Raum. Sie sind Voraussetzung für gleichwertige Lebensverhältnisse.“ Für den Ausbau von Breitband- und Mobilfunknetzen Die Unionsparteien haben dezidiert die Rolle der Kommunen im Blick: „Besonders darauf zu achten ist, wenn Bundesgesetze oder andere Maßnahmen des Bundes bei den Ländern und Kommunen zu Mehrausgaben oder Mindereinnahmen führen.“ Projekte der kommunalen Daseinsvorsorge müssten solide finanziert sein. Dafür bräuchten die Kommunen dauerhaft sichere Einnahmequellen. „Die Prozesse müssen schneller, die Rechtswege kürzer werden.“ CDU und CSU sagen zu, den Ausbau hochleistungsfähiger Breitband- und Mobilfunknetze weiter in die Fläche zu bringen, „gerade auch in den ländlichen Raum“. Bestehende Hindernisse würden beseitigt. Mit Glasfaser sollen die Netze zukunftsfest gemacht werden. „Wir wollen schnellstmöglich ein wirksames Beschleunigungs-Gesetz auf den Weg bringen und den Genehmigungsturbo zünden“, heißt es. Gegen „kalten Strukturwandel“ der Krankenhauslandschaft In der Gesundheitspolitik wollen die Christdemokraten den „kalten Strukturwandel“ in der Krankenhauslandschaft verhindern. „Fehlsteuerungen in Folge der Krankenhausreform werden wir korrigieren.“ Eine flächendeckende stationäre Grund- und Regelversorgung im ländlichen Raum betrachten die Unionsparteien in Kombination mit der ambulanten Tätigkeit von Haus- und Fachärzten sowie den Leistungen anderer Gesundheitsberufe, die mehr Verantwortung übernehmen sollen. Fazit: Kein anderes Wahlprogramm geht so detailliert, konkret und kenntnisreich auf die Agrarpolitik und den ländlichen Raum ein. Die Bewohner dünn besiedelter Regionen dürften sich hier wiederfinden. An den Zusagen müssen sich die Unionsparteien allerdings auch messen lassen, falls sie wie derzeit erwartet die größte Regierungsfraktion werden.

  • Suche nach dem Wald der Zukunft

    Der Wald kämpft mit den Folgen von Schädlingsbefall und Klimawandel. Stürme heben ihn gelichtet. Regional gibt es große Ausfälle durch Kalamitäten Weitgehend besteht große Einigkeit, dass der Wald widerstandsfähiger werden muss und auch künftig forstlich genutzt und allenfalls partiell sich selbst überlassen werden soll. Wie jedoch ein klimaresilienter, arten- und strukturreicher Wald aussehen muss, ist keineswegs ausgemacht. Antworten erhofft sich die schwarz-grüne Regierungskoalition in Nordrhein-Westfalen künftig von einem Institut für Waldökosystemforschung. Für dessen Aufbau stellt sie in den kommenden drei Jahren 1,5 Millionen Euro bereit, um die wissenschaftliche Forschung und den Praxistransfer zu fördern. Die neue Forschungseinrichtung widmet sich damit dem gleichen Themenbereich wie das Thünen-Institut Waldökosysteme und das Forschungszentrum Waldökosysteme an der Georg-August-Universität Göttingen. Stets geht es um die Wirkung des Klimawandels auf Waldökosysteme und Optionen zur Anpassung von Waldbeständen und Waldbewirtschaftung. In Göttingen etwa nutzen die Wissenschaftler Daten des forstlichen Umweltmonitorings und eigene Erhebungen, um die wichtigsten Treiber für eine Änderung der Vitalität und Produktivität von Wäldern zu identifizieren. In internationalen Netzwerken werden Konzepte und Maßnahmen für ein adaptives Waldmanagement mit den Elementen Transfer von Baumarten und Herkünften sowie Änderung der waldbaulichen Behandlung von Waldbeständen entwickelt. Dabei geht es nach eigenen Angaben auch um die ökonomische Bewertung ökologischer Sachverhalte. Das Forschungszentrum arbeitet disziplinenübergreifend und ist eine gemeinsame Einrichtung von drei Fakultäten (Forstwissenschaften und Waldökologie, Biologie, Geowissenschaften) und zwölf Abteilungen der Universität Göttingen. Es werden etwa 40 Jahre alte Dauerversuchsflächen in Solling, Harz und Göttinger Wald und dazugehörige meteorologische Messtürme mit kontinuierlicher Datenerfassung unterhalten. Das Zentrum spricht davon, dadurch stünden „einzigartige Datensätze und Messreihen zur Verfügung, die weltweit einmalig sind und einen unschätzbaren wissenschaftlichen Wert darstellen“. Lücke in der Forstwissenschaft soll geschlossen werden So weit ist man in NRW noch lange nicht. Das dort geplante neue Institut ist auch eine Folge des Scheiterns verschiedener Versuche, Professuren an den Universitäten Bonn und Münster zu etablieren sowie ein Hochschulangebot aufzubauen. Um diese Lücke zu schließen, wurde dann 2020 das Zentrum für Wald und Holzwirtschaft unter dem Landesbetrieb Wald und Holz gegründet. Es ging aus dem ehemaligen Lehr- und Versuchsforstamt Arnsberg hervor. Um Synergien zu nutzen, sieht ein Antrag der grünen Landtagsfraktion vor, das neue Institut an der Fachhochschule Soest in Verbindung mit dem Zentrum für Wald- und Holzwirtschaft in Arnsberg zu realisieren. Damit wäre es in einer waldreichen Region angesiedelt und könnte mit bereits bestehenden Strukturen kooperieren, zumal die FH Soest einen klaren Landnutzungsschwerpunkt hat. Zudem wären die Voraussetzungen gegeben, dass Forschung und praxisnahe Lehre, auch in Kooperation mit dem Landesbetrieb Wald und Holz NRW, schnell in der Waldbewirtschaftung ankommen könnten. Zudem soll das Institut dem Fachkräftemangel in der Branche entgegenwirken. So zumindest die Hoffnung und das erklärte Ziel. Das sollte dann auch Unterstützung für die rund 150.000 Privatwaldbesitzer in NRW sein. Ihnen gehören 63 Prozent der insgesamt etwa 950.000 Hektar Wald (28 Prozent der Landesfläche). Bundesweit sind 30 Prozent der Fläche bewaldet (10,7 Millionen Hektar). Welche Baumarten zur Wiederbestockung? Die NRW-Landesregierung will mit den insgesamt 1,5 Millionen Euro in den kommenden drei Jahren ein Konzept für die Umsetzung erarbeiten und führt bereits Gespräche zur Realisierung des Instituts. Optimisten wünschen sich einen konkreten Startschuss noch in diesem Jahr. Am Ende wird es für die Praktiker auch darum gehen, mit welchen Baumarten die immens energieaufwendige Wiederbestockung der Kahlflächen erfolgt. Dominieren heute in Deutschland die Nadelbäume Fichte (25 Prozent) und Kiefer (23 Prozent), gefolgt von den Laubbäumen Buche (16 Prozent) und Eiche (10 Eiche), so ist für Dr. Peter Pröbstle, Leiter der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF), klar: „Fichtenreinbestand wollen wir in Zukunft nicht mehr. Ein Mischbestand ist einfach stabiler gegenüber allen Risiken.“ Dabei geht es dann um heimische Arten wie Eiche, Tanne, Speierling oder Elsbeere, die gerne auch mal aus südlicheren Ländern kommen dürfen. Denn, was in einem Klima wächst, das bei uns in 50 bis 100 Jahren zu erwarten ist, berechtigt zu der Annahme, auch hier bestehen zu können. Allerdings macht es keinen Sinn, Bäume zu pflanzen, die vielleicht in Jahrzehnten gut gedeihen, wenn sie heute der Kälte nicht Stand halten. Zu den Arten, von denen die meisten Fachleute jetzt und im künftigen Klima eine hohe Überlebenswahrscheinlichkeit erwarten, zählt die nordamerikanische Douglasie.

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