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  • AutorenbildFrank Polke

Auf dem Stundenplan steht: Ausfall

Für immer mehr Schüler fällt der Unterricht aus. Das beschäftigt Kinder und Eltern, Lehrer und auch die Wirtschaft. Jetzt startet eine Initiative in Sachsen-Anhalt einen ungewöhnlichen Versuch, genau dies zu ändern


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Lehrer
Foto: knipseline / pixelio.de

So sieht der Schulalltag für viele Kinder nicht nur in dem kleinen Städtchen südlich von Köthen aus. Von 30 Stunden Unterricht, die eigentlich auf dem Stundenplan der einzügigen Grundschule stehen, fallen pro Woche mindestens vier Stunden aus. Manchmal ist es auch ein ganzer Tag, manchmal sind es nur ein paar Stunden. Grund: zu wenig Lehrkräfte. Was die Kinder und Jugendlichen nicht nur in Sachsen-Anhalt am Anfang noch zu freuen vermochte, ist längst zu einem bildungspolitischen Ärgernis nicht nur in diesem Bundesland geworden.


Es gibt in den neuen Ländern viel zu wenige junge Lehrerinnen und Lehrer. Dies hat zum einen den Grund, dass zu wenige junge Frauen und Männer aus dem Westen an die Universitäten in den Osten gehen, um ein Lehramtsstudium aufzunehmen. Vorurteile, Vorbehalte gegen den Osten und speziell den ländlichen Raum. Und Hürden, die nicht nur für ein Lehramtsstudium an der Universität der Landeshauptstadt Magdeburg immer noch sehr hoch sind. Und „einheimische Studienanfänger“ sind nach dem demografischen Knick, der im Osten die Bevölkerungszahlen in den 90er Jahren vor allem jenseits der Ballungszentren deutlich nach unten rauschen ließ, nicht mehr viele zu finden. Nicht nur hinter vorgehaltener Hand warnen Wirtschaftsvertreter, dass die schlechte Versorgung der Schulen für viele Fachkräfte ein Hindernis werden könnte, demnächst rund um Magdeburg, Leipzig oder Halle arbeiten zu wollen.


Ungewöhnliche Initiative


Grund genug, Wege zu suchen, wie man der Misere Herr werden kann. In Sachsen-Anhalt hat sich vor einem halben Jahr eine sehr ungewöhnliche Initiative gebildet. Ein Bildungsforum aus etwa zwei Dutzend Organisationen und Institutionen hat Vorschläge für die Zukunft des Schulsystems in Sachsen-Anhalt vorgelegt. Es gehe darum, dass „Menschen mit Menschen reden“, lautet die Grundidee. Zu den Unterzeichnern des Memorandums gehören etwa die Arbeiterwohlfahrt, der Deutsche Gewerkschaftsbund, die GEW, der Grundschulverband, die IHK Halle-Dessau, der Landesschülerrat und der Landeselternrat.


Zu den 35 Vorschlägen gehört die Gründung einer Lehrkräfteagentur, die sich um die Rekrutierung von Pädagoginnen und Pädagogen kümmern soll. „Noch immer gibt es viel zu hohe Hürden für die Aufnahme eines Lehramtsstudiums in unserem Land“, schimpfte zum Beispiel Eva Gerth, die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit Blick auf die Universität Magdeburg. Seiteneinsteiger oder Lehrkräfte, die nur ein Fach studiert und abgeschlossen hätten, würden zudem noch immer von den Schulverwaltungen links liegen gelassen.


Bemühungen des Landes Sachsen-Anhalt, Personal aus dem Ausland für die Unterrichtung der Landeskinder zu gewinnen, seien ebenfalls krachend gescheitert. Deswegen, so schlägt die Initiative nun vor, soll eine neue Landesagentur mit zusätzlichem Personal im Landesschulamt unabhängig vom Online-Bewerbungsportal neue Lehrkräfte anwerben und unmittelbar in den Schuldienst einstellen.


Ob dies gelingt? Zweifelhaft. Ein Scheitern der Pläne jedenfalls ist verboten. Denn dies hätte nicht nur Konsequenzen für das Bildungssystem, sondern auch die Zukunft des Zusammenlebens. „Durch den Unterrichtsausfall bleibt ja nicht nur die Vermittlung von Wissen auf der Strecke“, sagt zum Beispiel Matthias Rose, Vorsitzender der Landeselternratsinitiative Sachsen-Anhalt. Gerade das soziale Lernen, der Umgang miteinander, die soziale Kompetenz seien gefährdet. Genau das, was Bildungsexperten heute als eine der schlimmsten Folgen aus der Corona-Zeit immer wieder nennen.


Dramatische Lage auch in anderen Bundesländern


Der Lehrermangel ist dabei bestimmt nicht nur auf Ostdeutschland beschränkt. Und er trifft nicht nur den ländlichen Raum. Auch in Nordrhein-Westfalen ist die Lage vor allem in sozialen Problemregionen schon jetzt dramatisch. So werden aktuell Grundschullehrerinnen und Lehrer aus vergleichsweise gut versorgten Regionen wie Münster oder dem Niederrhein nach Gelsenkirchen, Duisburg oder Hamm abgeordnet, um dort die größten Lücken im Lehrerzimmer zu stopfen. Ein Grund ist die verfehlte Personalpolitik der verschiedenen Schulminister seit den 90er Jahren. Aber auch die zunehmende Zuwanderung und die Umsetzung der Inklusionsvorgaben der UNO sind in den Schulen angekommen. So müssen in Nordrhein-Westfalen schon in diesem Schuljahr knapp 100.000 Kinder und Jugendliche mehr unterrichtet werden als prognostiziert.

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