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  • AutorenbildFrank Polke

Über Nebenwirkungen informiert kaum noch jemand

In ganz Deutschland sinkt die Zahl der Apotheken. Vor allem in Ostdeutschland ist vielerorts die Lage dramatisch


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Apotheken-Schild
Foto: Gabi Schoenemann / pixelio.de

Wenn viele ihrer Kunden in ihre kleine Apotheke kommen, weiß Hilde Weber sofort: „Viele kenne ich seit Jahrzehnten. Da geht es um mehr als um den Verkauf von Tabletten und Hustensaft per Rezept. Da geht es oft um einen Plausch. Wie geht es der Ehefrau? Oder sehen wir uns morgen beim Kirchenfest?“

 

Hilde Weber führt im thüringischen Suhl ihre Apotheke in der dritten Generation. 1953 begann ihr Großvater, dann übernahm 1975 ihre Mutter. Schwere Zeiten im real existierenden DDR-Sozialismus. Und kurz vor der Wende wurde die heute 69-jährige Eigentümerin der Apotheke, die zentral in der Innenstadt der thüringischen Stadt liegt.

 

Doch im Juni ist Schluss. Und das für immer. Denn eine geeignete Nachfolge hat die Apothekerin aus Thüringen nicht gefunden. Nicht in der Familie – „Meine Tochter lebt in Wiesbaden, der Sohn in der Schweiz“ -, nicht im Bekanntenkreis, nicht aus der Umgebung. Nicht aus Deutschland, trotz aller Bemühungen der Kammer und des Landes. Keine Bewerber, kein Interesse. Das ist gerade typisch in den ländlichen Räumen und den kleineren Städten  dort.

 

Zahl der Apotheken sinkt weiter

 

So wie in Suhl sieht es in vielen Regionen aus. Seit gut zehn Jahren geht deutschlandweit die Zahl der betriebenen Apotheken zurück. Schon bald könnte die Marke von 18.000 Apotheken unterschritten werden. Besserung ist nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil. Nach Angaben der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) hatte bereits im Jahr 2019 ein Drittel der Chefs oder Eigentümer das 55. Lebensjahr überschritten. Übersetzt: Im Jahr 2035 könnte die Zahl der Apotheken auf 10.000 gesunken sein. Und natürlich ist – wie in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen auch – die Lage im Osten und im ländlichen Raum besonders dramatisch.

 

In einigen Regionen wie der Uckermark oder dem Spreewald müssen Menschen schon heute bis zu 30 Kilometer weit fahren, um eine Apotheke zu erreichen. Eine weite Strecke für Menschen, die oft krank oder eingeschränkt in ihrer Mobilität sind und die nur wegen eines Rezepts eine derart lange Strecke auf sich nehmen müssen. Dazu kommen die anhaltenden Engpässe bei der Bereitstellung von einzelnen Medikamenten, die dazu führen können, dass man auf der Suche nach dem Magenmittel oder dem Hustensaft für die kranken Kinder mit leeren Händen wieder nach Hause fahren muss.

 

Aber auch hier ist die demografische Entwicklung nur ein Teil der Wahrheit. Auch die bürokratischen Hürden, die vielen Notdienste und Nachtschichten, die vielen Apothekern gerade in dünn besiedelten Regionen manchmal 50 bis 60 Wochenstunden bescheren, schrecken ab. „Das ist schon manchmal eine starke Belastung, die viele in der jüngeren Generation nicht so klaglos hinnehmen wie wir“, sagt Apothekerin Hilde Weber.

 

Zeiten des hohen Einkommens sind vorbei

 

Als Entschädigung wurden in der Branche Einkommen erzielt, die am oberen Ende der Gehaltsskala anzusiedeln waren. Doch diese Zeiten sind offenbar auch vorbei, wie ein Blick ins Nachbarbundesland Sachsen zeigt. „Jede zehnte Apotheke bei uns in Sachsen schreibt aktuell rote Zahlen, ein Drittel ist in einer wirtschaftlichen Schieflage“, sagte Reinhard Groß, stellvertretender Vorsitzender des Apotheker-Verbandes in Sachsen am Rande des Apothekertages. Tendenziell gebe es immer mehr Schließungen aufgrund wirtschaftlicher Probleme. „Wir brauchen dringend eine wirtschaftliche Stabilisierung der Apotheken, die vor allem in den letzten Jahren mit enormen Kostensteigerungen in nahezu allen Bereich kämpfen müssen“, forderte Groß.  Die seit zehn Jahren nicht mehr erhöhte Pauschale für die Abgabe rezeptpflichtiger Medikamente müsse von aktuell 8,35 Euro auf zwölf Euro steigen und regelmäßig an die Kostenentwicklung angepasst werden.

 

Zusätzlich sorgt das zum Jahresbeginn eingeführte E-Rezept für einen erheblichen Mehraufwand. Kunden würden beispielsweise aufgrund technischer Störungen zu einer anderen Apotheke wechseln und Krankenkassen Rechnungskürzungen wegen fehlerhaft ausgefüllter Rezepte vornehmen. Das Bundesgesundheitsministerium winkt angesichts der Forderungen der Apotheker ab. „Kein Handlungsbedarf“, heißt es aus Berlin.

 

Deswegen sieht Apothekerin Hilde Weber nicht nur in ihrer Heimat mit großer Sorge in die Zukunft – gerade mit Blick auf ihre älteren Stammkunden. „Allein im Raum Erfurt fehlen 40 Apotheker. Die machen alle zu, es folgt keiner nach. Wer soll da noch die Menschen versorgen, sie aufklären, wie und wann man welches Medikament nehmen soll?“, fragt sie sich. Und wer solle mit ihnen kurz reden, wie es denn der Oma gehe?

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