Ländlicher Raum unter Druck: Jagd, Landwirtschaft und Politik im Wahljahr 2026
- Jost Springensguth

- 10. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und auf die Bundespolitik

Liebe Leserin, lieber Leser,
da sind wir wieder. Unser Blog natur+mensch meldet sich nach einer im letzten Newsletter vor Weihnachten angekündigten kleinen Pause mit dieser ersten Wochenkolumne im neuen Jahr. Es geht uns weiter aktuell um Themen und Einordnungen in direktem oder indirektem Bezug zum ländlichen Raum und zur Jagd. In der sogenannten großen Politik spielt das im Tagesgeschäft unter diesem Blickwinkel oft nur eine Nebenrolle. Die Landespolitik ist da meist näher dran, wenn es beispielsweise um die Erwartungen und Folgen von Richtungsentscheidungen in den Flächenländern geht. 2026 erwarten uns fünf Landtags- und drei Kommunalwahltermine. Dabei steht immer wieder auch die Frage im Raum, wie lange wir noch aus einer politischen Mitte regiert werden. Und ob die Menschen das wollen. Das Jahr beginnt unter anderem mit den ländlichen Messen Grüne Woche und Jagd & Hund. In den Rahmenprogrammen stehen jeweils auch aktuelle, entsprechend hier verortete politische Interessenlagen auf der Agenda.
Die Welt- und die Wirtschaftslage haben über die Feiertage im Regierungsviertel an der Spree und in Brüssel wenig Ruhe zugelassen. Friedrich Merz versucht derweil zu vermitteln, dass er nicht nur Außenkanzler ist. Die Aufgabenfülle, die Dinge im Inneren zu regeln, hält nicht nur an. Sie wächst offensichtlich. Das hat er in seiner Neujahrsrede wie mit seinem Schreiben an die Abgeordneten von Union und SPD versucht zu vermitteln. Seine Feststellung in seinem offensichtlich bewusst öffentlich gemachten vierseitigen „geheimen Brandbrief“ (Schlagzeile Münchner Merkur), die Lage der deutschen Wirtschaft sei „in einigen Bereichen sehr kritisch“, kommt nicht überraschend. Zahlen und Fakten unterstreichen das. Er erwartet, dass die Reform- und Investitionsbeschlüsse seiner Regierung endlich greifen. Gleichwohl gibt es erste positive Meldungen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes haben die Bestellungen im Verarbeitenden Gewerbe jetzt wieder überraschend deutlich zugelegt.
Sinkende Erzeugerpreise und wachsende Kosten
Gleichwohl: Der Hoffnungsschimmer gilt noch nicht für die deutsche Landwirtschaft und die gesamten Rahmenbedingungen im ländlichen Raum. Preisdruck, Bürokratie und Strukturwandel mit weniger, aber größeren Betrieben sind bekannte Stichworte dazu. In vielen Agrarbetrieben herrscht Unzufriedenheit mit der Politik, wobei aus Unsicherheit über die Entwicklung Investitionen ausbleiben. Sinkende Erzeugerpreise bei gleichzeitig wachsenden Kosten sind viel zitierte Stichworte auch in den ersten Tagen des neuen Jahres. Überall, wo der steigende Mindestlohn gesetzt ist und nun wirksam wird, steigen Existenzsorgen. Der deutsche Weinbau ist in der Breite der Konsumenten sichtbares Beispiel dafür. Dort wird ein katastrophaler Preisverfall beklagt und eine Reihe von Winzern denkt über die Reduzierung von Rebflächen nach. Der Bauernverband erwartet darüber hinaus, dass der Anbau von Weizen, Mais und Raps nicht mehr kostendeckend erfolgen kann. Und ein Beispiel, das die Tierhalter trifft, nennt der regionale Bauernpräsident in Westfalen, Hubertus Beringmeier: „Der Schweinepreis ist im freien Fall“, heißt es in einer Pressemitteilung aus den ersten Januartagen.
Politische Nervosität vor allem in den östlichen Bundesländern
Besonders in den neuen Bundesländern werden dann an der Basis Fragen angeknüpft, wie beispielsweise unlängst in der FAZ als Überschrift eines Artikels zu lesen war: „Wenn sie hier die Landwirtschaft kaputtmachen, was bleibt dann noch?“ Diese Formulierung hat die Autorin von einem Ortsbesuch im Dorf Wasserleben im Nordharz mitgenommen, wo der Frust tief sitze und die AfD bei 40 Prozent liege. Damit sind wir wieder bei den politisch bedingten Zusammenhängen. In dem zitierten Artikel geht es unter anderem um die Erfahrung eines Landwirts, der dort in Sachsen-Anhalt mit der Bürokratie und um existenzerhaltende Fördergelder kämpft. Das lenkt aktuell den Blick auf das Bundesland, auf das politisch ganz Deutschland schaut und wo die politische Mitte nach allen Prognosen zur Landtagswahl im September am stärksten gefährdet zu sein scheint. Immer wieder werden Umfragen zitiert, nach denen die AfD bei der Wahl des Landtages am 6. September die absolute Mehrheit erreichen und damit eine Regierung stellen könnte.
Dort in Sachsen-Anhalt hat der noch amtierende Ministerpräsident Haseloff (CDU) sich nun neun Monate vor der Wahl doch entschlossen, Platz zu machen. Dem von seiner Partei nominierten Nachfolgekandidaten Sven Schulze fehlt der Amtsbonus als Regierungschef. Den soll er nun erhalten. Allein mit der Sichtbarkeit als Minister für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten kann er seine Partei nicht aus dem 26-Prozent-Tief holen. Nur: In der Koalition müssen SPD und FDP zustimmen, wenn die CDU den Regierungschef wechseln will. In Rheinland-Pfalz ist das viel länger vor dem Wahltermin in der Koalition glatt gelaufen; Alexander Schweitzer (SPD) hat sich als Ministerpräsident profiliert und Malu Dreyer ist auch in den Köpfen der Menschen Vergangenheit.
Ein spannendes Wahljahr in den Ländern
Ein ganz anderer Fall spielt sich gerade in Brandenburg ab, wo nicht der Ministerpräsident ausgewechselt werden soll, sondern der Koalitionspartner. Das ohnehin fragile Bündnis von SPD und BSW in Potsdam ist auseinandergebrochen. Hier will nun Dietmar Woidke mit der dort bei der letzten Landtagswahl „kleingewählten“ CDU ins Geschäft kommen. Jedenfalls will er so Neuwahlen verhindern. Gelingt ihm das nicht, rutscht er mit Blick auf die AfD in eine vergleichbare Risiko-Lage wie seine östlichen Nachbarbundesländer. Unser Autor Frank Polke wird sich zeitnah in unserem Blog natur+mensch mit der aktuellen Entwicklung dort befassen. Hier geht es besonders um Landesregierungen, bei denen der ländliche Raum mit der Agrar- und Forstwirtschaft und der Jagd mit ihren gesetzlichen Grundlagen eine besondere Rolle spielt. Und vergessen wir nicht Mecklenburg-Vorpommern, wo sich Manuela Schwesig von der SPD gegen die aktuell prognostizierten 38 Prozent der AfD im Amt halten will. Auch hier steht die Alternative an, ob es nach der Wahl am 9. September weiter ein Bündnis der Mitte oder eine neue Rechts-Regierung gibt.
Westlich von Berlin wird mit diesem Blick auch die bereits zitierte Wahl in Rheinland-Pfalz mit Spannung erwartet. Jedenfalls gilt dort unser Augenmerk auch der von der CDU angestrebten Revision des gerade verabschiedeten Jagdrechtes. Die Fallstricke dieses Gesetzes für die jagdliche Praxis bleiben auf der Agenda. Und dann ist da noch Baden-Württemberg, wo sich Manuel Hagel am 8. März als Newcomer für die CDU und Cem Özdemir um die Nachfolge von Winfried Kretschmann bewerben. An den Wahlurnen wird beantwortet, ob in Stuttgart weiter unter grüner Flagge regiert wird oder nicht.
Die Fortsetzung eines längst überholten Streits
Die Bundesregierung macht Ernst mit ihrer Ankündigung, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen. Das Kabinett hat wenige Tage vor Weihnachten einen entsprechenden Gesetzentwurf verabschiedet. Es folgt damit dem Wunsch des überwiegenden Teils der Landbevölkerung. Unser Autor Christoph Boll wird in einem Blog-Beitrag in der kommenden Woche aufzeigen, warum zu uneingeschränktem Jubel allerdings ebenso wenig Anlass besteht wie zu Kritik von Umwelt- und Naturschutzverbänden; sie gipfelt in dem Vorwurf, die Novellierung ziele auf eine Ausrottung Isegrims. Das ist die Fortsetzung eines alten, längst überholten Streits. Auch ein novelliertes Bundesjagdgesetz bildet nur den Rahmen für konkrete Managementpläne der Bundesländer. Wie viele Wölfe künftig jährlich in Deutschland erlegt werden, ist deshalb noch ebenso offen wie die Regelung des durch Wölfe verursachten Wildschadens. Und noch ein Aspekt führt zu Diskussionen innerhalb der Jägerschaft: Das wäre die erhöhte Gefahr, dass eingesetzte Hunde auf der Drückjagd oder bei der Nachsuche auf verletzte, aber noch wehrhafte Wölfe treffen könnten. Das verursacht bei Hundeführern mehr als nur Unbehagen.
Aus unserer Leserschaft haben wir den Hinweis erhalten, dass das Verwaltungsgericht Köln gerade darüber geurteilt hat, ob bei der Jagdscheinverlängerung eine behördliche Anordnung zum persönlichen Erscheinen erfolgen darf oder nicht. Es geht natürlich um die „körperliche Eignung“ zur Führung einer Jagdwaffe. Das Gericht hat festgestellt, dass es keine gesetzliche Grundlage dafür gibt, das persönliche Erscheinen eines Antragstellers zum Zweck der Jagdscheinverlängerung von der ausstellenden Behörde zu verlangen. Dies ergebe sich weder aus den jagd- und anwendbaren waffenrechtlichen Vorschriften. Im Kern geht es um die Frage, ob ein(e) Verwaltungsmitarbeiter(in) der ausstellenden Kreisbehörde die Voraussetzungen für eine Beurteilung über die Eignung erfüllt oder nicht. Das hat das Gericht entschieden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Hintergrund war offensichtlich die Entscheidung der Behörde, ab einem höheren Lebensalter das Erscheinen anzuordnen. Wir werden zeitnah in einem eigenen Beitrag auf www.blog-natur-und-mensch.de auf diese Rechtsprechung eingehen.
Mit diesem Hinweis wünsche ich Ihnen im Namen unseres Redaktionsteams von natur+mensch weiterhin alles Gute für 2026 und, wo es passt, viel Waidmannsheil! Wir erwarten ein Wochenende mit unterschiedlichen Herausforderungen der Wetterlagen für Mensch und Tier. Dabei blicken wir auch auf die positiven Seiten der in den vergangenen Jahren oft vermissten Schneelage.
Ihr
Jost Springensguth
Redaktionsleitung / Koordination







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