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  • Christian Urlage

Energiewende: Gut für ländliche Regionen, schlecht für Städte?

Wegen der Wind- und Solarenergie profitieren dünn besiedelte Regionen in der Europäischen Union von der Energiewende. Das behaupten Autoren einer Studie


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Windkraftanlagen
Foto: Thorben Wengert / pixelio.de

Es ist eine für ländliche Regionen optimistische Prognose, die Wissenschaftler in einer Studie der Bertelsmann Stiftung aus Gütersloh aufstellen: Demnach können vor allem dünn besiedelte Regionen in der Europäischen Union von der Energiewende profitieren – beispielsweise in Zentralfrankreich, in Randgebieten in Osteuropa und in Regionen entlang der Nord- und Ostseeküste. Ihnen komme das reichhaltige Potenzial an Windenergie zugute, behaupten die Autoren. Ähnlich könnten demnach Gebiete am Mittelmeer, in Süditalien, Griechenland und Spanien das Potenzial an Solarenergie ausschöpfen.

 

Nachzulesen ist diese bemerkenswerte Analyse in der 64-seitigen, auf Englisch veröffentlichten Studie „Energising EU Cohesion“, die sich Interessierte im Internet kostenlos herunterladen können. Wissenschaftler wie der Volkswirt Thomas Schwab gehen davon aus, dass in den kommenden Jahren alle Bereiche der Wirtschaft von der Energiewende betroffen sein werden, allein schon wegen der Energiepreise. Auswirkungen auf die Beschäftigung und Wertschöpfung seien in der Europäischen Union kaum festzustellen, wohl aber in den einzelnen Regionen. Hier könne es einen Zuwachs von bis zu fünf Prozent bis 2050 geben.

 

Potenzial für erneuerbare Energie im Süden und Osten Europas am größten

 

Laut Studie sind die Emissionen an Kohlendioxid (CO₂) in den Regionen im Süden und Osten Europas am höchsten. Das heißt, für sie ist der Abschied von Kohle, Gas und Öl und der Weg in Richtung Klimaneutralität noch weiter als andernorts. Gleichzeitig aber ist gerade dort nach Ansicht der Autoren auch das Potenzial für erneuerbare Energie durch Wind und Sonne am größten. 

 

Städtischen Regionen wie der Metropole Berlin bescheinigen die Wissenschaftler dagegen nur ein geringes Potenzial, etwa Windräder aufzustellen. Sie hätten einen höheren Energiebedarf und seien im Nachteil. „Diese Umstände führen zu vergleichsweise höheren Kosten für erneuerbare Energie in städtischen Regionen“, sind die Wissenschaftler überzeugt. 

 

Sie machen einen klaren Zusammenhang zwischen dem Grad der wirtschaftlichen Entwicklung und den Effekten der Energiewende aus. Demnach sind die positiven Effekte umso geringer, je entwickelter eine Region ist. In wirtschaftlich stärkeren Regionen werde möglicherweise der Wohlstand abnehmen. Wirtschaftlich schwächere Regionen, von denen viele ländlich geprägt sind, profitierten dagegen am meisten von der Energiewende. Sie könnten aufholen und dazu beitragen, dass sich die Ungleichheit in Europa um etwa ein Prozent verringert, stellen die Autoren der Studie fest und verbinden ihre Analyse mit einem Auftrag an die europäische Kohäsionspolitik: Die finanziellen Mittel müssten in die Regionen mit dem höchsten Bedarf gelenkt werden. Das sei neu und bisher nicht auf der Agenda.

 

Zwar handelt es sich bei ihrer Analyse um eine volkswirtschaftlich abstrakte Modellrechnung anhand verschiedener Faktoren. Ob es bis 2050 genauso kommen wird, lässt sich nicht vorhersagen. Aber es handelt sich zumindest um einen interessanten Ansatz, und für die ländlichen Regionen ist diese Nachricht auf jeden Fall erfreulich.

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